Die Greta-Frage: Wie hältst du es mit dem Klimaschutz?

macondogroup

Die Jugendbewegung Fridays4Future schafft das, was diverse UN-Konferenzen zuvor nicht konnten: Die Gesellschaft für den Klimawandel, seine Folgen und Gegenmaßnahmen zu sensibilisieren. Aber wie können gute Absichten in tatsächliches Handeln übertragen werden? Darauf gibt das neue UmweltDialog-Magazin „Die Greta-Frage: Wie hältst du es mit dem Klimaschutz?“ Antworten. Die aktuelle Ausgabe zeigt außerdem, welche Schritte zu einer CO2-neutralen Wirtschaft führen und welche politischen Instrumente das unterstützen.

Weniger Fleisch essen, Strom sparen oder öfter mal zu Fuß gehen: Auf den ersten Blick ist jeder bereit, seinen persönlichen CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Aber wehe, man soll auf etwas verzichten, das einem wirklich am Herzen liegt. Wie auf Fernreisen in exotische Länder beispielsweise. Da stößt das eigene Engagement schnell an seine Grenzen. Muss sich unsere Klimakommunikation grundlegend ändern, sodass sie Menschen zum klimafreundlichen Handeln ermutigt? Soll der Staat hier eingreifen? Widerspricht das dann unserer freiheitlichen Gesellschaft?

Mut für neue Wege

Wie wir das Klima schützen können, wird aktuell heiß diskutiert. Dabei geben zurzeit Bürgerschaftsbewegungen wie etwa die Jugendlichen um Fridays4Future den Ton an. Viele Autoren der aktuellen Ausgabe finden diese Entwicklung positiv, reagiert doch die Politik allgemein zu langsam, um den Klimawandel zu begrenzen: „Tatsächlich ist die Welt kompliziert und Zielkonflikte allgegenwärtig. Und auch die Schülerproteste liefern bisher wenige Antworten auf soziale und ökonomische Folgen der Transformation“, so Dr. Elmer Lenzen, Herausgeber des UmweltDialog-Magazins.

Das heißt aber nicht, dass dies unmöglich ist, wie die Beiträge der neuen Ausgabe zeigen: „Unternehmer, Ingenieure, Erfinder und Aktivisten haben viele tolle Ideen und Instrumente. Alleine es fehlt uns der Mut, ausgetretene Pfade zu verlassen“, so Lenzen weiter. Das ist aber notwendig, um die Klimaerwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Am wichtigsten wird es hier sein, unsere Stromversorgung, den Verkehr und CO2-intensive Industriezweige zu dekarbonisieren. Wie sinnvoll es ist, diese Transformation durch zusätzliche Klimaschutz-Maßnahmen wie Wettermanipulationen zu flankieren, müssen Forscher weiterhin untersuchen.

Ausgabe 11

Mai 2019

9,00 EUR

Die Greta-Frage

Wie hältst du es mit dem Klimaschutz?

umweltdialog.de


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Klimawandel

Liebe Leserinnen

und Leser,

manchmal sind es nicht die großen

Dinge, die Veränderung bewirken,

sondern eher kleine Schritte. Die Weltgemeinschaft

hat sich bisher schon 24

mal zu internationalen Klimakonferenzen

(sogenannten Conference of

the Parties, COP) getroffen. Das Ergebnis?

Sagen wir: Durchwachsen. Und

dann gibt es die neue Jugendbewegung

Fridays4Future. Das Ergebnis?

Immerhin gelingt es den Kids, das

Thema Klimawandel für eine längere

Zeit in die öffentliche Diskussion zu

bringen. Das ist – zynisch gesagt –

mehr, als UN-Konferenzen schaffen.

in spätestens zehn Jahren der Point of

no Return erreicht und die Welt verloren

sein.“

Tatsächlich ist die Welt komplizierter

und Zielkonflikte allgegenwärtig. Und

auch die Schülerproteste liefern bisher

wenige Antworten auf soziale und

ökonomische Folgen der Transformation.

Das heißt aber nicht, dass dies

nicht möglich ist. Im Gegenteil: Unternehmer,

Ingenieure, Erfinder und

Aktivisten haben viele tolle Ideen und

Instrumente. Alleine es fehlt uns der

Mut, ausgetreten Pfade zu verlassen.

Die Schülerproteste sind in mehrfacher

Hinsicht spannend. Zum einen

meldet sich hier eine neue Stakeholder-Gruppe

zu Wort. Die Welt

für nachfolgende Generationen zu

bewahren, ist zwar schon seit dem

Brundtland-Report der 80er Jahre gelernter

Konsens. Aber wir betreiben

das "enkeltauglich" – also so, dass wir

Erwachsenen Stimme und Mandat für

diese nicht Stimmberechtigen ausüben.

Betreuung und Macht liegen in

unseren Händen. Bei den Teenagern

ist das ganz anders. Die Generation

Greta will und kann selbst entscheiden.

Das stellt Machtfragen.

Zugleich sind auch die Freitags-

Demonstrationen Produkte unserer

Zeit: „Eine Gesellschaft, die mit ihrer

eigenen Komplexität nicht klar

kommt, sehnt sich nach einfachen

Lösungen“, schreibt Hendryk Broder.

„Kohlekraftwerke vom Netz nehmen,

Autofahren verbieten, keine Kinder in

die Welt setzen und Haustiere auswildern

– dann wird die Welt wieder genesen.

Ansonsten“, sagt Greta, „wird

Im aktuellen Themenheft von Umwelt-

Dialog widmen wir uns deshalb ausführlich

dem Thema Klimawandel.

Dabei gehen wir drei Kernfragen nach:

1. Wie bringen wir Wissen und Wollen

zusammen?

2. Wie kann Deutschland CO 2

-arm

werden, ohne dass wir dafür unsere

Wirtschaft, unseren Wohlstand und

unsere Jobs aufgeben?

3. Was haben wir für politische Rahmenbedingungen

und vor allem für

Instrumente? Was taugen sie? Und

wozu?

Viel Spaß beim Lesen wünscht im

Namen der gesamten Redaktion Ihr

Dr. Elmer Lenzen

Chefredakteur

Das nächste

UmweltDialog-Magazin

erscheint am 15.11.2019.


6

Der Klimawandel hat uns

fest im Griff – und jetzt?

Inhalt

„Appelle an klimafreundliches Verhalten

greifen zu kurz“ ...................................................................22

Auf große Reden folgen k(l)eine Taten – wir brauchen

eine neue Art von Klima-Kommunikation. Auch die

Politik ist dabei gefragt.

Klimaskepsis: Fake News über „Fake“ News ...............26

Der Mensch ist nicht schuld an der globalen Erwärmung

und die Erde eine Scheibe: Woher die Skeptiker kommen

und was sie so sagen.

AUF ZU GROSSEM FUSS –

WAS JEDER EINZELNE TUT

„Es macht einen Unterschied, ob man mit 50 oder

100 km/h gegen die Wand fährt!“ ..................................... 6

Die Politik unternehme zu wenig, um den aktuellen Klimawandel

zu bekämpfen. Das sagt Dr. Tobias Bayr vom

GEOMAR in Kiel. Hoffnung machen ihm aber die Jugendlichen,

die jetzt für das Klima auf die Straßen gehen.

Auf (zu) großem Fuß .......................................................... 12

Jeder von uns hinterlässt einen CO 2

-Fußabdruck.

Nur in welcher Größe?

Klimaschutz? Ja bitte! ....................................................... 14

Null Bock auf Engagement? Politikverdrossenheit?

Von wegen: Gerade Jugendliche demonstrieren wieder.

Für die Umwelt und eine bessere Klimapolitik.

„Es ist ein Gewerkschafts-Märchen zu glauben,

es gehe nur um einige Wohlhabende" ............................ 18

Weniger Fleisch und gegen Vielfliegerei: Manche fühlen

sich bevormundet, wenn Politiker Konsumverzicht für

den Klimaschutz fordern. Aber der liberale Staat hat die

Aufgabe, auch die Freiheit von Schwächeren zu

schützen, die Opfer des Klimawandels werden.

Welcher Klimatyp sind Sie? ..............................................20

Vielfahrer, Fleischesser oder Stromsparer:

Wie klimafreundlich ist Ihr Alltag?

EINE CO 2 -ARME WIRTSCHAFT:

WIE GEHT DAS?

Deutschland CO 2

-neutral bis 2050:

So kann es klappen ............................................................32

Substitution, Energieeffizienz oder Suffizienz: Es gibt

unterschiedliche Wege, CO 2

-Emissionen zu reduzieren

oder zu vermeiden. Die Dekarbonisierung wichtiger

Branchen ist dabei entscheidend, um die Klimaziele von

Paris zu erreichen.

Smart trifft Power: Das neue Energiesystem

für die Stadt .........................................................................38

Wie kann die urbane Energieversorgung nachhaltig

gestaltet werden? Antwort gibt E.ON mit einer innovativen

Technologie, die den Energiebedarf in der Stadt

erheblich senkt.

Baustelle Energiewende: Neue Bauleiter gesucht!.......40

Die Energiewende in Deutschland droht zu scheitern –

was nun?

Weniger Stromtrassen gut für die Volkswirtschaft?....44

Strom muss nicht nur erzeugt, sondern auch transportiert

werden. Das aktuelle Stromhandelssystem ist in

Deutschland nicht besonders effizient. Aber es geht auch

anders.

Wer das Klima retten will, benötigt auch Rohstoffe ....46

Ohne Rohstoffe kein Ökostrom. Wird das zum Problem?


Klimawandel

So senken Unternehmen ihren CO 2

-Ausstoß ...............48

Betriebliches Klimamanagement wird beim Klimaschutz

immer wichtiger. Wie lässt sich das im Unternehmen

umsetzen?

„Porsche Impact“: Klimaschutz mit Kleingeld .............54

Autos verursachen bekanntlich viele Emissionen.

Porsche kompensiert jetzt den CO 2

-Ausstoß seiner

Fuhrpark-Flotte. Und bietet das auch seinen Kunden an.

Der lange Weg Richtung Null Emissionen .....................58

KYOCERA macht seine Drucker CO 2

-neutral.

Emissionen, die unvermeidbar sind, werden

kompensiert. Davon profitieren auch Mensch und

Umwelt in Afrika.

14

Von wegen Politikverdrossenheit:

Junge Menschen kämpfen

für ihre Zukunft.

POLITIK UND INSTRUMENTE

Klimawandel: Macht ein halbes Grad wirklich einen

Unterschied? .......................................................................60

Weltklimakonferenz: schlecht geredet oder

schlecht gemacht? .............................................................62

Es kommt Bewegung in die Klima-Politik. Was wurde

beschlossen, wie soll es weitergehen und ist das wirklich

ausreichend?

Im Bundeskabinett stimmt nicht nur

das Betriebsklima nicht ....................................................66

CO 2

-Neutralität in Deutschland bis 2050 – so der Plan.

Wie das gelingen soll? Darüber scheiden sich in Berlin

die Geister.

32

CO 2

-neutral bis 2050?

Ohne Dekarbonisierung wird

das nicht klappen.

Priorität für Wachstum oder Klimaschutz? ...................68

Wirtschaftswachstum und Klimaschutz – das geht nicht,

sagt Prof. Dr. Angelika Zahrnt. Die Lösung: Eine

Postwachstumsgesellschaft.

Klimapolitik per Zertifikatekauf? ..................................... 72

Emissionshandel ist ein Instrument zur Reduzierung

von Treibhausgasen. Das bringt Probleme mit sich,

bietet aber auch Chancen.

Geo-Engineering: Hilft jetzt nur noch

Klima-Klempnern? ............................................................. 76

Terraforming als Retter in der Not?

Was Geo-Engineering kann – und was nicht.

Glossar ..................................................................................80

CO 2

-Budget, Endenergie und Negative Emissionen –

ein Überblick über die wichtigsten Begriffe zum

Klima(wandel).

76

Geo-Engineering: Können wir uns

durch gezielte Klimamanipulationen

vor der Katastrophe schützen?



Klimawandel

Es macht einen Unterschied,

ob man mit 50 oder 100 km / h

gegen die Wand fährt!

Foto: NASA

Von Sonja Scheferling

Globale Erwärmung, Kippelemente

und Klimaschutz: Wer wissen will,

wie es um unser Klima bestellt ist,

kann Dr. Tobias Bayr vom GEOMAR

in Kiel fragen. Der Meteorologe bewertet

die aktuelle Klimapolitik eher

kritisch, ist aber davon überzeugt,

dass bürgerschaftliches Engagement

die Verantwortlichen zum Umdenken

zwingt. Im UmweltDialog-Interview

gibt er einen Überblick rund um die

Debatte.

Herr Dr. Bayr, die Weltwetterorganisation sagt, dass 2015

bis 2018 die vier wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen

waren. Hat uns der Klimawandel schon fest im

Griff?

Ja, das kann man auf jeden Fall sagen. Der Klimawandel

passiert nicht mehr in ferner Zukunft, sondern wir befinden

uns bereits mittendrin. Das zeigen viele Beobachtungen,

wie beispielsweise die Zunahme an Extremniederschlägen

oder auch die extreme Trockenperiode im vergangenen

Jahr in Deutschland und Nordeuropa.

Die Begriffe „Klimawandel“ und „Globale Erwärmung“

werden gerne synonym verwendet. Ist das korrekt?

Nein, eigentlich müssten wir hier differenzieren. „Klimawandel“

besagt zunächst, dass sich das Klima wandelt. Das

bezieht sich auch auf natürliche Klimaschwankungen in

6 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

Bis maximal 2 Grad im Vergleich

zur vorindustriellen Zeit darf sich

die Erde bis 2050 erwärmen, um die

schlimmsten Folgen des Klimawandels

zu vermeiden. Besser wären

1,5 Grad. Was passiert, wenn es beispielsweise

3 oder 4 Grad würden?

der Vergangenheit. Der Begriff wird

nun mit der aktuellen globalen Klimaerwärmung

gleichgesetzt, die menschengemacht

ist.

Für diese Erwärmung sind die Treibhausgase

verantwortlich, die wir

durch Energie, Industrie, Verkehr

und Lebensmittelkonsum zusätzlich

freisetzen, richtig?

Genau. Um das zu verstehen, muss

man zwischen dem natürlichen und

dem anthropogenen Treibhauseffekt

unterscheiden. Den natürlichen Treibhauseffekt

gibt es, seit die Erde eine

Atmosphäre hat, und beschreibt die

Erderwärmung durch Wasserdampf,

CO 2

und andere Treibhausgase in

der Atmosphäre, die eine Wärmerückstrahlung

von der Erdoberfläche

in den Weltraum verhindern. Ohne

diesen Effekt wäre unsere Erde im

globalen Durchschnitt minus 18 Grad

kalt – ein Leben wäre hier kaum möglich.

Durch zusätzliche Treibhausgase,

die wir Menschen durch unser Handeln

emittieren, verstärken wir den

Treibhauseffekt, sodass sich die Erde

weiter erwärmt. Man kann das Ganze

mit einem Auto vergleichen, das im

Sommer in der prallen Sonne steht.

Die Sonnenstrahlen dringen durch

die Glasscheiben ins Innere des Fahrzeugs,

die Wärmeenergie wird zurückgehalten,

kann nicht entweichen

und das Auto heizt sich immer weiter

auf.

Auch hier vielleicht ein anschauliches

Exempel: Es macht schon einen Unterschied,

ob man mit dem Auto mit 50

Stundenkilometer gegen eine Wand

fährt, oder mit 100 km/h. Je mehr sich

also die Erde erwärmt, desto gravierender

sind die Auswirkungen. Denn

eine warme Atmosphäre kann mehr

Wasserdampf aufnehmen als eine kältere.

Der Wasserdampf treibt wiederum

viele Wetterphänomene wie Tiefdruckgebiete,

tropische Wirbelstürme

oder Gewitter an. Und je mehr „Treibstoff“

in der Atmosphäre ist, desto

mehr Kraft entwickeln diese Phänomene.

Außerdem führt ein Anstieg

des Wasserdampfes auch zu häufigeren

und intensiveren Extremniederschlägen,

wie wir das in Deutschland

in den letzten Jahren erlebt haben.

Darüber hinaus können die sogenannten

Kippelemente in unserem

Klimasystem ab einer bestimmten

Temperatur instabil werden und

Veränderungen anstoßen, die unter

Umständen nicht mehr rückgängig

gemacht werden können und damit

gravierende Auswirkungen auf uns

haben. Zu diesen Kippelementen gehören

zum Beispiel die Eispanzer

in Grönland und der Antarktis, die

schmelzen, oder auch die tropischen

Korallenriffe, die absterben. >>

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

7


Klimawandel

Dr. Tobias


Bayr ist Meteorologe und arbeitet

in der Klimaforschung am GEOMAR Kiel.

Kattowitz war

für mich leider

nur ein kleiner

„Trippelschritt“

in die richtige

Richtung.

Foto: GEOMAR Helmholtz Centre for Ocean Research Kiel / Jan Steffen

Ist es für den Menschen denn wirklich

so schlimm, wenn wir beispielsweise

keine Korallenriffe mehr haben?

Ja, natürlich. Korallenriffe gehören zu

den artenreichsten Regionen unseres

Planeten, sterben sie, nimmt die Biodiversität

im Ozean dramatisch ab. Wir

wissen ziemlich genau, dass Korallen

bereits eine Erwärmung von 2°C nicht

überleben würden. Außerdem vertragen

sie als kalkbildende Organismen

kein saures Wasser. Durch den Anstieg

an CO 2

in unserer Atmosphäre nehmen

gleichzeitig die Ozeane mehr Kohlendioxid

auf. Dort löst es sich als Kohlensäure

und versauert das Wasser.

Gibt es denn Elemente, die bereits

umgekippt sind?

Da ist sich die Wissenschaft nicht

ganz sicher. Wir haben die Befürchtung,

dass etwa das westantarktische

Eisschild bereits instabil geworden

ist. Eventuell hat sich auch schon der

Jetstream verändert. Letztes Jahr hat

dieser entscheidend dazu beigetragen,

dass sich das Hochdruckgebiet

über Skandinavien so lange halten

konnte und wir den warmen, trockenen

Sommer hatten.

Es gibt aber immer noch Menschen,

die bezweifeln, dass der aktuelle

Klimawandel menschengemacht ist.

Was halten Sie dagegen?

In der Wissenschaft gibt es keinerlei

Zweifel, dass wir Menschen die

Hauptursache für die aktuelle Klimaerwärmung

sind. 97 Prozent der

Wissenschaftler sind sich da einig.

Wenn man sagte, mit 97-prozentiger

Wahrscheinlichkeit ist es gefährlich,

über diese Straße zu gehen, würden

wir vermutlich von einer Straßenüberquerung

absehen, unabhängig davon,

welche Meinung die restlichen drei

Prozent vertreten.

Die erwärmende Wirkung von CO 2

und anderen Treibhausgasen können

wir sowohl molekular erklären als

auch in ganz einfachen Laborexperimenten

nachweisen. Vergangene

Klimaschwankungen sind in ganz anderen

Zeitskalen abgelaufen. Die Erde

erwärmte sich damals innerhalb von

mehreren tausend Jahren um 1 Grad.

Das, was wir im Moment sehen, passiert

so schnell und ist einmalig in der

Erdgeschichte.

Wieso gibt es denn dann überhaupt

noch Klimaskeptiker?

Der Grund, warum es nach wie vor

Menschen gibt, die die menschengemachte

Klimaerwärmung leugnen

oder anzweifeln, ist meiner Meinung

nach, dass das Ursache-

Wirkungs-Prinzip nicht so einfach

nachvollziehbar ist. Denn die Auswirkungen

des Klimawandels sind leider

zeit- und ortsversetzt und nicht unmittelbar

durch unsere Sinne erfahrbar.

Man braucht hier also etwas Abstraktionsvermögen,

um das zu verstehen.

Anders ist das mit dem Plastikmüll:

Hier gibt es keine Skeptiker, dass wir

ein Problem haben, da wir mit unse-

8 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

ren eigenen Augen sehen können, wie etwa Kunststoffabfälle

Strände verschmutzen.

Meine Erfahrung ist leider, dass ein paar Menschen für

Argumente und Fakten nicht zugänglich sind. Sie in einer

Diskussion vom Gegenteil zu überzeugen, ist vergebene

Mühe. Ich denke aber trotzdem, dass das vergangene Jahr

viele Menschen hierzulande wachgerüttelt hat. Außerdem

macht mir die aktuelle Fridays for Future-Bewegung große

Hoffnung, weil sich die Jugendlichen dezidiert für mehr

Klimaschutz stark machen und mehr Einsatz von der Politik

fordern. Dieses Engagement der Schüler unterstütze ich

voll und ganz.

Damit wir die Klimaziele von Paris einhalten können,

müssen die weltweiten Treibhausgase nächstes Jahr ihren

Höhepunkt erreicht haben und danach alle zehn Jahre um

die Hälfte sinken. Jetzt hat Deutschland aber beispielsweise

schon seine Klimaziele für 2020, die CO 2

-Emissionen

um 40 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren, verfehlt.

Dann gibt es noch bestimmte Staatschefs wie Trump oder

Bolsonaro, denen ist das Klima gleich ganz egal. Was

macht Sie dennoch optimistisch, dass die globale Staatengemeinschaft

die Klimaziele von Paris erfüllen wird? Und

inwiefern tragen die Ergebnisse von Kattowitz dazu bei?

Kattowitz war für mich leider nur ein kleiner „Trippelschritt“

in die richtige Richtung. Die Einigung über die genaue

Erfassung der CO 2

-Emissionen und die damit verbundene

Transparenz sind zwar ein Fortschritt, aber insgesamt

sind die Ergebnisse nicht ambitioniert genug, um damit

den Klimawandel in den Griff zu bekommen. Auch bedeuten

natürlich Politiker wie Trump und

Bolsonaro einen großen Rückschritt

für den internationalen Klimaprozess.

effizienz, CO 2

-Abschneidung- und Speicherung (CCS) und

Suffizienz im Privatkonsum. Welche Potenziale bieten die

unterschiedlichen Felder, um CO 2

einzusparen?

In meinen Augen braucht es einen gesunden Mix aus den

unterschiedlichen Bereichen. Wir stehen vor einer riesengroßen

Transformation. Dennoch können wir nicht

von jetzt auf gleich auf Kohle, Öl und Gas verzichten. Wie

würde unsere Gesellschaft dann wohl aussehen? Die Politik

benötigt einen Plan, wie wir Stück für Stück kohlestoffhaltige

Energieträger und Prozesse ersetzen können,

ohne dass unsere Gesellschaft zusammenbricht. In diesem

Zusammenhang müssen wir noch mehr erforschen, wie

wir etwa Dekarbonisierung, also die Abkehr der Nutzung

kohlenstoffhaltiger Energieträger, technisch bewerkstelligen

können. Allerdings dürfen wir nicht allzu lange warten

und müssen einfach mal mit der Umsetzung von Maßnahmen

beginnen, weil uns sonst die Zeit davonläuft. Denn mit

jedem Jahr, in dem wir weiter so wirtschaften wie bisher,

wird es schwieriger, das 2-Grad Ziel einzuhalten. Wichtig

ist, dass wir uns dabei auch eine gewisse Fehlertoleranz

erlauben und experimentierfreudiger werden. Manchmal

hilft es auch, Prozesse erst mal im Kleinen zu erproben, um

ihre Wirkung zu analysieren.

CSS kann aus Klimaschutzperspektive sinnvoll sein, wobei

das Problem der CO 2

-Lagerung nicht hinreichend gelöst


ist. Solar Radiation Management, das ebenfalls zum Geo-

Engineering gehört, sehe ich hingegen sehr kritisch. Dabei

handelt es sich um einen Eingriff in unser Klimasystem,

bei dem wir nicht alle Auswirkungen abschätzen können.

Außerdem gehört das für mich eher in die Kategorie >>

Hoffnung macht mir auch hier eher

das bürgerschaftliche Engagement

von unten, das sich für mehr Klimaschutz

stark macht. Ich bin davon

überzeugt, dass je mehr Druck von

den Bürgern auf das politische System

ausgeübt wird, desto eher die Politik

bereit ist zu handeln. Denn die bisherigen

Bemühungen reichen nicht aus.

Beim Klimaschutz gibt es unterschiedliche

Bereiche. Dazu gehören Dekarbonisierung,

Substitution, Energie-

Ich bin davon überzeugt, dass je

mehr Druck von den Bürgern auf

das politische System ausgeübt

wird, desto eher die Politik bereit

ist zu handeln.

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

9


Klimawandel

der Symptombekämpfung, ohne an die Ursachen des Klimaproblems

zu gehen.

Beim Klimaschutz spielt natürlich Suffizienz auch eine

wichtige Rolle. Brauchen wir wirklich so viele materielle

Sachen für unser Glück? Auch sollten wir mehr in Kreisläufen

arbeiten, sodass keine unnötigen Abfälle entstehen.

Beim Klimaschutz geht es nicht nur darum, CO 2

zu vermeiden,

sondern ganzheitlich nachhaltig zu denken.

Gaskraftwerke oder effiziente Verbrennungsmotoren

reduzieren zwar das CO 2

-Aufkommen. Aufgrund von sogenannten

Pfadabhängigkeiten konterkarieren sie aber eine

kohlenstoffneutrale Gesellschaft. Warum?

Ein neues Gaskraftwerk beispielweise wird über viele Jahre

laufen. Damit investieren wir weiterhin in eine Kohlenstofftechnologie.

Aber es ist dennoch sinnvoller, als ein

neues Kohlekraftwerk zu errichten. Gerade Gaskraftwerke

sind wichtig, um sie als Übergangstechnologie zu nutzen,

solange Erneuerbare Energien noch nicht ausreichend gespeichert

werden können. Da Gaskraftwerke schnell zu regulieren

sind, können sie so Energiespitzen ausgleichen.

Und trotzdem ist es wichtig, einen langfristigen Plan zu haben,

wie unsere Gesellschaft CO 2

-neutral gestaltet werden

kann.

Dafür ist die Energiewende eine Grundvoraussetzung.

Laut einer neuen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

(DIW) reicht der aktuell gesetzlich vorgesehene

Ausbau des Ökostroms nicht aus, um seinen

Anteil am Deutschen Strommix auf die von der Kohlekommission

geforderten 65 Prozent zu steigern. Was läuft

falsch?

Eine Zeit lang war die Bundesrepublik das Pionierland für

Erneuerbare Energien und hat den Begriff der Energiewende

geformt. In den letzten Jahren hat die Bundesregierung

dann leider ihr Engagement zurückgefahren und die Energiewende

nicht konsequent genug verfolgt. Deswegen geht

es in diesem Sektor nicht mehr so schnell voran, wie es für

das Klima gut wäre.


Beim Klimaschutz geht

es nicht nur darum, CO 2

zu vermeiden, sondern

ganzheitlich nachhaltig

zu denken.

Zur Dekarbonisierung gehört auch ein kohlenstoffarmer

Verkehr. Momentan scheinen hier E-Autos immer beliebter

zu werden. Nur machen die ohne Ökostrom keinen

Sinn, und sie lösen nicht das Problem des steigenden

PKW-Aufkommens in den Städten. Wie sieht Ihre ideale

Verkehrswende aus?

Für mich braucht es da vor allem ein Umdenken. Gerade in

Städten muss nicht jeder ein Auto besitzen. Hier gilt es, den

öffentlichen Nahverkehr und Fahrradstraßen auszubauen.

10 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

Foto: UN Photo / Eskinder Debebe

Wie das funktioniert, zeigt Kopenhagen.

Ein Paradebeispiel für Fahrradfreundlichkeit.

Außerdem können die

Kommunen dadurch Kosten reduzieren,

weil Fahrradstraßen beim Bau

billiger als Autostraßen sind. Die gesundheitlichen

Vorteile durch mehr

Bewegung für die Menschen sind

natürlich auch nicht von der Hand zu

weisen.

Des Weiteren muss der Verkehr so geregelt

werden, dass Hauptrouten mit

der Bahn zu bewerkstelligen sind. Ich

beispielweise besitze auch kein Auto

und lege längere Strecken grundsätzliche

mit dem Zug zurück. Falls nötig,

nutze ich dann für die letzten Kilometer

Car-Sharing-Angebote, sollte

es keine Busse oder Straßenbahnen

geben.

Der Mobilitätsforscher Prof. Andreas

Knie schlägt vor, dass jeder ein festes

Budget an Flügen hat, die am Markt

verkäuflich sind. Wer weitere Flüge

benötigt, muss sie von anderen kaufen,

die noch Flüge frei haben. Eine

gute Idee gegen Vielfliegerei?

Das widerspricht den Prinzipien unserer

sozialen Marktwirtschaft und hört

sich für mich ein bisschen nach Planwirtschaft

an. Ich würde das beispielweise

eher über eine CO 2

-Steuer und

weitere Abgaben regeln. Natürlich

muss man dabei darauf achten, dass

das Ganze sozialverträglich gestaltet

wird. Es kann nicht sein, dass künftig

nur Reiche fliegen können.

Für mich ist es wichtig, dass Preise generell

die verdeckten Kosten der Umweltzerstörung

berücksichtigen, die

die Herstellung von Produkten oder

das Benutzen von Dienstleistungen

verursachen.

Aber ist es nicht paradox, dass Menschen

aus religiösen Gründen freiwillig

auf Süßes, Alkohol oder Fleisch

verzichten, aber sobald es darum

geht, aus Klimaschutzgründen kein

Steak mehr zu essen oder nicht zu

fliegen, schnell von „Ökodiktatur“

gesprochen wird?

Freiheit ist ein sehr hohes Gut unserer

Gesellschaft, das unangetastet bleiben

muss. Gewohnheiten wie Fleisch essen

oder fliegen gehören indessen zu

unserer Alltagskultur. Da finde ich

es sehr schwierig, mit Verboten zu

arbeiten. Über höhere Preise hingegen

kann man den Menschen besser

verdeutlichen, dass ihr Handeln klimaschädlich

ist. Das bedeutet aber

auch, dass es innerhalb unseres Wirtschaftssystems

ein Umdenken geben

muss. Beispielsweise hat ein unangetastetes

Naturschutzgebiet, aus dem

kein Holz gewonnen oder das nicht zu

Ackerfläche umgewandelt wird, keinen

eigenen wirtschaftlichen Wert.

Der Nutzen, den es für die Menschen

hat, weil es die Artenvielfalt erhält

und CO 2

aufnimmt, muss künftig berücksichtigt

werden.

Herr Dr. Bayr, vielen Dank für das

Gespräch! f

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

11


Klimawandel

Auf (zu) großem Fuß

Die Zahlen sprechen für sich und gegen uns – wir leben über unsere Verhältnisse. Insbesondere

in Bezug auf den CO 2

-Ausstoß. Aber wie hoch liegen die Emissionen eigentlich pro Person

im Jahr? Und wo können wir als Endverbraucher etwas einsparen? UmweltDialog gibt Auskunft

über die wichtigsten Daten und Fakten für Deutschland.

Hinweis: Der Einfachheit halber beinhalten die Angaben „CO 2

“ hier auch die CO 2

-Äquivalente (CO 2

-e).

Um die gleichen Emissionen wie ein

Langstreckenflug

auszustoßen, müsste man etwa

100.000 km

Auto fahren.

Für die Produktion von

einem Kilo Butter werden fast

24 kg CO 2

ausgestoßen.

Ungefähr 12,5 t CO 2

produziert jeder von uns

im Schnitt jährlich.

Ungefähr 36 %

der CO 2

-Emissionen

eines Durchschnittsdeutschen

entstehen durch den

Konsum.

Um den

weltweiten Konsum

der Menschheit zu befriedigen,

verbrauchen wir heute rund

1,7 Erden.

Quellen: Utopia, Ökotest, Umweltbundesamt,

Albert-Schweitzer-Stiftung, NABU

Beim Heizen entstehen ungefähr

1,3 t CO 2

.

Um den Treibhauseffekt nicht zu verstärken,

dürften wir maximal

2 t CO 2

pro Kopf im Jahr

verbrauchen.

12 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

Der indirekte CO 2

-Vebrauch durch

Benzinherstellung, Erhalt der Infrastruktur,

Stromproduktion usw. liegt bei knapp

4,3 t CO 2

pro Kopf.

Im Bereich

Mobilität fallen ca.

2 t CO 2

an.

Knapp 1/5 der

Treibhausgas-

Emissionen

in Deutschland entfallen auf

die Lebensmittelindustrie.

Rindfleisch ist mit etwa

13,3 kg CO 2

pro Kilo die

schädlichste Fleischsorte. Dafür könnte man

durchschnittlich ca. 100 km mit dem Auto fahren.

Wer seine CO 2

-Emissionen von Flugreisen, Autofahrten

und Co. einfach kompensieren möchte, kann das etwa über

die Stiftung myclimate oder atmosfair machen.

CO 2

-e: Die Klimaschädlichkeit von Methan, Lachgas und Co.

Die persönliche CO 2

-Bilanz lässt sich online ganz einfach

über den CO 2

-Rechner des Umweltbundesamts berechnen.

Kohlenstoffdioxid (CO 2

) ist nicht das einzige Treibhausgas, das schädlich für das Klima ist. Um die Klimawirkung

verschiedener Gase und Substanzen vergleichen zu können, wurde die Einheit CO 2

-Äquivalente (CO 2

-e) eingeführt. CO 2

dient dabei als Vergleichswert. Somit kann die Treibhauswirkung eines Gases, wie zum Beispiel Methan oder Lachgas,

angegeben werden. Zum Vergleich: Eine Tonne Methan (CH4) entspricht 28 Tonnen CO 2

(1 t CH4 = 28 t CO 2

-e).

Quelle: myclimate

Bild: Creativemarc / stock.adobe.com

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

13


Klimawandel

KLIMASCHUTZ?

JA BIT T E!

JA B

Untätig die Hände in den

Schoß legen – das war

vielleicht einmal. Ob Proteste

gegen den Klimawandel,

den voranschreitenden

Braunkohleabbau oder der

direkte Dialog mit der Politik:

In letzter Zeit machen sich

immer mehr Bürger in

unserem Land für die Umwelt

und Klimaschutz stark –

und finden Gehör.

Der „Hambi“ bleibt?

Die Geschehnisse im Hambacher Forst

sorgten im September und Oktober

2018 für Schlagzeilen. Seit vielen Jahren

protestierten Umweltaktivisten im

„Hambi“ gegen seine geplante Abholzung

durch den Energiekonzern RWE.

Dieser argumentiert laut dem SPIE-

GEL: Die Abholzung des Waldstücks

sei unvermeidbar, um die Stromproduktion

in den Braunkohlewerken zu

sichern. Seit 2012 hielten die Aktivisten

den Wald besetzt, lebten in Baumhäusern,

um die Abholzung zu verhindern.

Im September 2018 schritt die

NRW-Landesregierung ein und ließ

mithilfe von Polizei und Baubehörden

den Wald räumen, damit RWE mit der

weiteren Rodung des Waldes beginnen

kann. Die Räumung erfolgte nicht

ohne Probleme: 144 Personen wurden

festgenommen, 27 Polizisten und ein

Dutzend Aktivisten verletzt, berichtete

SPIEGEL-Autor Lukas Eberle. Ein

Todesfall überschattete die Ausschreitungen.

Ein Journalist verstarb nach

einem Sturz von einer Hängebrücke,

als er den Einsatz filmen wollte.

Doch eine Frage blieb: Musste die

(teils gewaltsame) Räumung sein?

Denn: Das Oberverwaltungsgericht

Münster verbot Anfang Oktober vorerst

die weitere Rodung des Waldes

durch RWE für mindestens ein Jahr,

berichtete der SPIEGEL. Der Konzern

habe nach Einschätzung des Gerichts

die Notwendigkeit für die Versorgungssicherheit

nicht ausreichend

begründet. Trotzdem wurde der Forst

geräumt. In der Gesellschaft machte

sich Unmut breit: Warum sollen noch

mehr Bäume für Braunkohle gefällt

werden? Innerhalb kurzer Zeit trafen

sich an den Wochenenden immer

mehr Menschen, um gegen die Rodung

zu protestieren. Mehrere Tausend Demonstranten,

darunter Lehrerinnen

und Postboten, hielten Transparente

gegen RWE und den Braunkohleabbau

in die Luft. „Die Baumhäuser sind

14 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

der Schweiz bereits seit zehn Jahren

die sogenannte „Lenkungsabgabe“,

die über die dortigen Krankenkassen

erfolgt. „Auch Kanada hat zum Jahresbeginn

2019 in allen Provinzen einen

CO 2

-Preis eingeführt“, berichtet Delker

gegenüber dem Portal. „Mit einer

solchen Gebühr für die Nutzung eines

Gemeinguts wird Klimaschutz viel

einfacher.“ Derzeit hat die Initiative

rund 50 Mitglieder, will aber in Zukunft

weiter wachsen. Dafür plant der

Verein eine Reihe kostenfreier Workshops

in mehreren deutschen Städten.

Foto: MoBIoS / shutterstock.com

geräumt und zerstört, der Protest aber

ist geblieben und hat sich gesteigert“,

so Lukas Eberle im SPIEGEL. Auch

in 2019 geriet die Zukunft des Hambacher

Forsts in den Fokus der Öffentlichkeit.

Wie die Rheinische Post

berichtete, zog der BUND vor Gericht

mit der Absicht, ein Rodungsverbot

bis Ende 2020 durchzusetzen. Sein

Argument: Seltene Tierarten müssten

geschützt werden. Mitte März 2019

wies das Verwaltungsgericht Köln die

Klagen ab. Die Begründung des vorsitzenden

Richters Holger Maurer: Es

gebe keine rechtliche Verpflichtung,

den Braunkohletagebau zu stoppen.

Bürgerlobby führt direkten Dialog

Bürger besuchen Bundestagsabgeordnete

und sprechen offen mit ihnen

über ihre Wünsche und Vorstellungen?

Was ungewöhnlich klingt, ist

der Ansatz der „Bürgerlobby Klimaschutz“.

Die Mitglieder der Initiative

fordern eine ambitioniertere Klima-

Foto: Christopher Ludwig / shutterstock.com

politik. Doch anstatt an Protestaktionen

oder Unterschriftensammlungen

teilzunehmen, setzen die Bürger auf

den direkten Dialog. Sie gehen ins

Parlament und sprechen persönlich

mit den Abgeordneten.

Martin Delker ist Vorsitzender des

Vereins. Der Architekt mit dem

Schwerpunkt Passivhausplanung

erklärt gegenüber der Plattform

klimafakten.de: „Viele Menschen

trauen sich nicht oder glauben nicht

daran, dass Gespräche mit Politikern

etwas bringen. Um so beeindruckter

sind die Abgeordneten, wenn Bürger

doch den Mut finden, mit ihnen zu

reden.“ In ihren Gesprächen machen

die Klimalobbyisten klar, dass der

Klimawandel ein wichtiges Thema

sein muss – besonders für die Politik.

Kernforderung der Aktivisten ist eine

Bepreisung von CO 2

. Der Ausstoß der

Emissionen soll laut der Bürgerlobby

in Zukunft Geld kosten und so ein ökonomischer

Anreiz entstehen, weniger

Öl, Kohle und Gas zu verbrauchen.

Dieser „CO 2

-Preis mit Klimadividende“

soll dabei kontinuierlich steigen

und anschließend wieder an alle Bürger

zu gleichen Teilen ausgezahlt werden.

Was utopisch klingt, ist in anderen

Ländern schon Wirklichkeit. Wie

klimafakten.de berichtet, gibt es in

Klimabewegung „Fridays for

Future“

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr

uns die Zukunft klaut“ – mit Sprüchen

wie diesem in Köln demonstrieren

Schülerinnen und Schüler

jeden Freitag in ganz Deutschland

für einen besseren Klimaschutz. Die

16-Jährige Schwedin Greta Thunberg

machte es vor – inzwischen streiken

Schüler weltweit, anstatt freitags zur

Schule zu gehen. Hierzulande sorgen

die Demonstrationen während

der Unterrichtszeit laut SPIEGEL für

heftige Diskussionen. Viele fragen

sich: Dürfen Kinder und Jugendliche

die Schule schwänzen, um demonstrieren

zu gehen? Laut einer Umfrage

des Instituts Civey im Auftrag des

SPIEGEL unterstützen 51 Prozent der

befragten Internetnutzer die Protestaktionen.

Gegenwind erhalten die Protestler aus

der Politik. FDP-Chef Christian Lindner

kritisierte im März 2019 die Protestaktionen

und sprach den Schülern

beim Thema Klima ausreichendes

Wissen ab, so die Rheinische Post.

Das sei, laut Lindner, „eine Sache

für Profis.“ Bildungsministerin Anja

Karliczek erklärte, sie lehne Schülerstreiks

während der Unterrichtszeit

ab, Bundeswirtschaftsminister Peter

Altmaier forderte die Schüler auf, ihre

Klimaschutz-Proteste in die Freizeit

zu verlegen. Zuspruch erhält die junge

Generation von Bundeskanzlerin

Angela Merkel, die laut RP die >>

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

15


Klimawandel

Foto: Rolf G Wackenberg / shutterstock.com

ista bringt Klimaschutz ins Klassenzimmer

Der Energiedienstleister ista engagiert sich mit seiner Initiative „ista macht

Schule“ seit 2017 bundesweit für mehr Klimaschutz und einen transparenten

Energieverbrauch an Schulen. Dabei hilft die Initiative jungen Menschen,

ihren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten und unterstützt sie bei der

Umsetzung ihrer Ideen. Das Unternehmen stattete dafür in 2017 mehrere

Essener Schulen mit Technologie zum Messen von Energieverbräuchen

aus und zeigte den Schülern in Workshops, wie sie Energie sparen können.

Ein Highlight des Projekts war die KlimaKiste. Diese wurde von Schülern

konzipiert und mit Messgeräten und Lernmaterialien

befüllt. Innerhalb kürzester

Zeit waren alle 100 Exemplare für

Schulen reserviert. Anfang des Jahres

initiierte „ista macht Schule“ sogar einen

Crowdfunding-Wettbewerb, den Klima-

Helden-Contest. Das Ziel dabei: Überzeugende

Klimaschutzprojekte in Schulen

finden, fördern und finanzieren. Insgesamt

qualifizierten sich 25 nachhaltige Schulprojekte

aus ganz Deutschland für den

Wettbewerb. Die Gewinner wurden im

Mai gekürt und erhielten Preisgelder zur

Förderung ihrer Projekte.

Bild: ista

Foto: Von Liv Oeian / shutterstock.com

Demonstrationen als „sehr gute Initiative“

bezeichnete. Auch die Wissenschaft

steht hinter den Schülern. Berichten

von n-tv zufolge unterstützen

mehr als 12.000 Wissenschaftler in einer

gemeinsamen Stellungnahme die

Klimabewegung. Volker Quaschning

von der Hochschule für Technik und

Wirtschaft Berlin bringt es gegenüber

n-tv auf den Punkt: „Wir sind die Profis

und sagen: Die junge Generation

hat Recht.“

Fakt ist: Jugendliche in Deutschland

sind derzeit so politisch interessiert,

wie selten zuvor. Das Thema,

das sie am meisten interessiere und

umtreibe, sei seit langem der Umweltschutz,

meint Jugendforscher

Klaus Hurrelmann gegenüber der

Deutschen Welle. „Die Jugendlichen

spüren intuitiv: ‚Das sind unsere

existenziellen natürlichen Grundlagen,

die möchten wir nicht in Gefahr

sehen‘. Und wir erwarten auch, dass

das Interesse der jungen Leute bei unseren

kommenden Befragungen noch

einmal gestiegen sein wird.“

Die Zahlen von Umweltverbänden

belegen das gewachsene Umweltbewusstsein

der Jugend. Der BUND verzeichnete

laut der Deutschen Welle

den höchsten Mitgliederzuwachs bei

Menschen unter 27 Jahren und auch

der WWF spricht von bundesweit

rund 12.000 aktiven Jugendlichen. f

16 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Sind wir noch

zu retten?

Klimawandel

ist das philosophische

Wirtschaftsmagazin

» Interdisziplinär

und verständlich,

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Anspruch. «

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» Die Zeitschrift trägt lässig

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17


Klimawandel

Foto: Кирилл Рыжов / stock.adobe.com

„Es ist ein

Gewerkschafts-Märchen

zu glauben, es gehe nur um

einige Wohlhabende“

Der liberale Staat habe die Aufgabe, die Freiheit der Schwächeren zu schützen. Das gelte auch

für die Opfer des Klimawandels. Das sagt Prof. Dr. Dr. Felix Ekardt, Gründer und Leiter der

Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik. Gegen die „unzureichende“ deutsche

Klimapolitik hat der Jurist, Philosoph und Soziologe gemeinsam mit anderen Mitstreitern eine

Klage beim Bundesverfassungsgericht eingereicht.

„Hetzjagd gegen Autofahrer“ lautete

einer der Vorwürfe der „Gelbwesten“

in Frankreich gegen die Erhöhung

der Steuern auf Diesel und Benzin.

In Deutschland sorgte 2013 der Vorschlag

von Bündnis 90/die Grünen,

einen fleischlosen Tag in Kantinen

einzuführen, für eine heftige Debatte.

Warum wird strenger Umwelt- und

Klimaschutz zu einem Minenfeld für

Politiker?

Faktenwissen und Werthaltungen

beeinflussen unsere Verhaltensmotive

nur begrenzt. Auch Eigennutzenkalküle

wirken in uns, ebenso

wie diverse Emotionen wie Bequemlichkeit,

Gewohnheit, Verdrängung

oder die Schwierigkeit, mir Klimatote

vorzustellen, wenn ich gerade in den

Flieger zu meiner Traum-Destination

steige. Zumal stecken wir alle in

den Normalitätsvorstellungen einer

fossil getriebenen Welt fest, zu der

eben auch Flugreisen gehören. Meine

Facebook-Freunde waren schließlich

auch alle schon in Südostasien, und

meine Kollegen im Büro doch auch.

Besonders beliebt ist, von sich selbst

durch Hinweis auf Sündenböcke abzulenken.

Politiker, Manager, die

dummen anderen Verbraucher, andere

Fernreisende, die Chinesen. Weil

Politiker und Bürger wie auch Unternehmer

und Konsumenten wechselseitig

voneinander abhängen, wäre es

jedoch ein Henne-Ei-Spiel zu fragen,

wer den Wandel voranbringen muss.

Ein radikaler fossiler Ausstieg durch

eine Mengenbegrenzung von null auf

EU-Ebene wird nur im Wechselspiel

der Akteure durchgesetzt werden

können.

Keine Bevormundung durch den

Staat ist ein Argument von Bürgern,

die sich etwa das Fleischessen nicht

verbieten lassen wollen. Sie selbst

vertreten eine andere Position und sehen

das vielmehr als Schutz unserer

Freiheit an. Wie das?

Viele fragen auch: Ist es nicht einfach

meine Sache, wo ich meinen Urlaub

verbringe? Doch der liberale Staat hat

gerade die Aufgabe, die Freiheit des

Schwächeren vor der des Stärkeren

zu schützen. Will er zum Beispiel Klimaschäden

durch Fliegen oder hohen

Fleischkonsum verringern, schützt er

nicht die Verursacher vor sich selbst,

sondern sämtliche Mitmenschen –

und das ist gerade der Sinn liberaler

Demokratie. Bevormundend wäre es,

jemanden vor sich selbst zu schützen.

Geht man gegen die Flugbegeisterung

vor, schützt man dagegen schlicht die

Opfer des Klimawandels. Zum Beispiel

Bauern in Bangladesch oder Zentralafrika,

die wegen zunehmender Dürren

oder wegen des steigenden Meeresspiegels

existenziell bedroht werden.

Effiziente Hausgeräte oder energiesparende

Heizungen sind gut fürs

Klima, aber schlecht für den Geldbeutel.

Ist Klimaschutz nur was für

Besserverdiener?

Volkswirtschaftlich ist Klimaschutz

bei weitem billiger als der Klimawandel.

Die fossilen Brennstoffe sind nicht

nur wegen des Klimawandels teuer,

sondern auch, weil sie massive Kosten

im Gesundheitssystem auslösen,

die Biodiversität schädigen, Stickstoffkreisläufe

und damit Gewässer

und Böden schädigen. Auch betriebswirtschaftlich,

also beim Einzelnen,

ist Klimaschutz oft mittelfristig billiger.

Das schließt auch ein, aus Anlass

des Klimawandels einiges als unnötig

zu erkennen. Ich selbst verdiene sehr

gut, bin sehr beschäftigt und lebe

bestens ohne Führerschein, ohne Urlaubsflüge,

auch sonst fast ohne Flü-

18 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


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Klimawandel

ge, fast ohne tierische Nahrungsmittel, ohne Handy, ohne

Mikrowelle, ohne große Wohnung.

Caritas-Vorständin Eva Welskop-Deffaa hat in einem

SZ-Interview gesagt, dass eine soziale Umverteilungspolitik,

die die gesellschaftliche Mitte stärke, gleichzeitig helfe,

ökologische Ziele zu erreichen. Unter anderem hat sie

das damit begründet, dass das Leben vieler Reicher nicht

mit den ökologischen Grenzen vereinbar sei, da der Verbrauch

von Energie exponentiell mit dem Reichtum steige.

Was ist Ihre Meinung?

Nullemissionen pro Kopf in maximal zwei Dekaden sind

für alle Menschen in Deutschland eine sehr große Herausforderung.

Es ist ein Gewerkschafts-Märchen zu glauben,

es gehe nur um einige Wohlhabende. Selbst unsere

Hartz-IV-Empfänger gehören – kaufkraftbereinigt – weltweit

zu den rund 15 Prozent der Wohlhabendsten.

Sie sagen außerdem, dass das Verfehlen von Klimazielen

völker- und menschenrechtswidrig ist. Bitte erklären Sie

das.

Artikel 2 des rechtsverbindlichen Pariser Klima-Abkommens

schreibt vor, die globale Erwärmung gegenüber vorindustriellem

Niveau auf deutlich unter 2 und möglichst

sogar 1,5 Grad zu begrenzen. Dafür benötigt man letztlich

in allen Sektoren weltweit in ein, zwei Jahrzehnten Nullemissionen.

Der Weltklimarat, der IPCC, sagt drei Jahrzehnte,

aber nur, weil er die 1,5 Grad nur mit 50 Prozent

Wahrscheinlichkeit einhalten will – was rechtlich unzulässig

ist. Hinter dem Paris-Abkommen stehen außerdem

auch die Menschenrechte. Zwar können die elementaren

Freiheitsvoraussetzungen Leben, Gesundheit und Existenzminimum,

die durch den Klimawandel bedroht sind, durchaus

mit der Freiheit der Konsumenten und Unternehmen

abgewogen werden. Unzulässig ist jedoch ein Abwägen,

das die physischen Grundlagen künftigen demokratischen

Abwägens als solche gefährdet. Und genau das tun wir mit

unserer aktuellen Klimapolitik. Deshalb habe ich mit anderen

kürzlich eine Klage vor das Bundesverfassungsgericht

gebracht – gegen die völlig unzureichende deutsche und

mittelbar auch europäische Klimapolitik.

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17 – 19 SEPTEMBER 2019

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ENERGIE UND UMWELT

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Umweltfreundliche Energiesysteme erfordern große Mengen

an Rohstoffen, die zumeist aus Minen in Entwicklungsländern

stammen. Dort sind Menschenrechtsverletzungen

und Verstöße gegen Umweltauflagen immer noch

an der Tagesordnung. Was muss passieren, damit der Klimaschutz

nicht auf Kosten der Menschen dort geht?

Genau die gleichen Probleme bestehen auch, wenn sie auf

die Rohstoffe des alten Energiesystems setzen. Unabhängig

davon gilt: Mehr Genügsamkeit, also eine geringere Energienachfrage,

reduziert alle denkbaren Zielkonflikte. f

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

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19


Klimawandel

Welcher

Klimatyp

sind Sie?

Täglich mit dem Auto zur

Arbeit, den Fernseher

immer auf Standby und

viel Fleisch auf dem Teller.

Das verursacht eine

Menge Emissionen. Laut

dem Verbundprojekt

KlimaAlltag sind

Verbraucher der drittgrößte

Verursacher von CO 2

in Deutschland. Aber wie

verhält sich jeder Einzelne?

Klimaschonende Typen

Typ 1 Umfassend klimaschonend

aktiv

Diese Gruppe hat ein ausgeprägtes

Klimabewusstsein und ist gut über

die Klimawirkungen des eigenen

Handelns informiert. Außerdem haben

Personen dieses Typs eine starke

Gesundheitsorientierung. In den

Handlungsfeldern Mobilität, Energie

und Ernährung verhalten sie sich

besonders klimafreundlich. Ihr Bildungsniveau

ist überdurchschnittlich

hoch und sie verfügen über ein durchschnittliches

Jahreseinkommen. Dieser

Klimatyp hat die beste CO 2

-Bilanz.

Typ 2 Klimaschonend aktiv im

Bereich Energie

Bei den Akteuren dieser Gruppe

herrscht ein hohes Klimabewusstsein.

Sehr klimaschonend verhalten

sie sich vor allem im Bereich Energie.

So wird zum Beispiel der Standby-Modus

von elektrischen Geräten

abgeschaltet und etwa die Hälfte der

Personen nutzt Ökostrom. Sie haben

eine leicht überdurchschnittliche Bildung

und ein vergleichsweise hohes

Einkommen. Personen dieser Gruppe

sind überdurchschnittlich viel sowohl

mit dem Auto als auch mit dem ÖNPV

oder Fahrrad unterwegs.

Typ 3 Klimaschonend aktiv im

Bereich Ernährung

Personen dieser Gruppe kaufen häufig

regionale, saisonale Bio-Lebensmittel

und ernähren sich mehrmals in

der Woche vegetarisch. Sie verfügen

über überdurchschnittlich hohe Bildungsabschlüsse

sowie das höchste

Vergleichseinkommen. Diese Gruppe

nutzt sehr oft das Auto und belastet

damit das Klima stark. Dennoch sind

auch sie über den Klimaschutz gut informiert.

Typ 4 Klimaschonend aktiv im

Bereich Mobilität

Die Akteure dieser Gruppe verhalten

sich im Bereich Mobilität besonders

klimaschonend. Sie haben ein unterdurchschnittliches

Einkommen, viele

sind nicht erwerbstätig oder im Ruhestand

und leben alleine. Etwa die Hälfte

dieser Gruppe muss nach eigenen

Angaben sparsam leben. Personen

dieses Typs nutzen häufig den öffentlichen

Nahverkehr, viele besitzen

kein eigenes Auto. Dadurch hat diese

Gruppe die zweitbeste Klimabilanz.

Typ 5 Mittelmäßig klimaschonend

aktiv

Diese Gruppe legt in allen drei Bereichen

ein eher durchschnittliches klimafreundliches

Verhalten an den Tag.

Am stärksten klimabelastend ist ihr

Mobilitätsverhalten. Meistens finden

sich hier Haushalte mit drei und mehr

Personen. Sie sind offen für Verbesserungen

im alltäglichen Klimaverhalten.

Die Bereitschaft, sich für Klimaschutzthemen

zu engagieren, ist aber

eher verhalten.

20 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

Klimabelastende Typen

Typ 6 Klimabelastend aktiv im

Bereich Energie

Zu dieser Gruppe zählen vor allem

Frauen über 60 und Einpersonenhaushalte.

Ihr Bewusstsein für Klimaschutz

ist eher schwach ausgeprägt. Stattdessen

hat diese Gruppe das Bedürfnis

nach Exklusivität und Komfort. Einen

effizienten Umgang mit Energie lehnen

sie als zu umständlich ab, kommunale

Klimaschutzmaßnahmen sehen

sie kritisch. Die Bereitschaft zu klimafreundlichem

Handeln ist nur gering

ausgeprägt.

Typ 7 Klimabelastend aktiv im

Bereich Ernährung

Besonders viel Fleisch steht auf dem

Speiseplan dieser Gruppe. Über die

Auswirkungen dieses Ernährungsstils

auf das Klima sind die Personen

dieser Gruppe eher schlecht informiert.

Zudem empfinden sie die Nutzung

des öffentlichen Nahverkehrs als

lästig und aufwändig. Dieser Typus

hat eher niedrigere Bildungsabschlüsse

und verfügt über ein geringes Einkommen.

Bereitschaft zur Veränderung

des Lebensstils herrscht hier vor

allem im Bereich Energie.

Was können Kommunen tun?

Kommunen können mit verschiedenen

Maßnahmen ein klimafreundliches

Alltagsverhalten beeinflussen

und fördern, heißt es in der Broschüre

von KlimaAlltag. So beispielsweise

beim Hausneubau oder

auch in der Mobilität. Wichtig sei

dabei das 4-E-Modell: Enable, Encourage,

Engage und Exemplify. Das

heißt, Kommunen müssten entsprechende

Rahmenbedingungen schaffen,

monetäre und nicht-monetäre

Anreize geben, die Bevölkerung mobilisieren

und vor allem mit gutem

Beispiel voran gehen. Wichtig sei ein

ausgewogener Mix aus unterschiedlichen

Maßnahmen, um Bürger auf

mehreren Ebenen ansprechen zu

können. Besonderes Augenmerk

müsse auf die begleitende Kommunikation

gelegt werden. Auch solle

man mit verschiedenen Gruppen,

die die Klimapolitik unterstützen

könnten, zusammenarbeiten.

Typ 8 Klimabelastend aktiv im

Bereich Mobilität

Durch eine gute wirtschaftliche Lage

zeichnet sich diese Gruppe aus. Frauen

und Personen im Ruhestand sind

stark vertreten. Personen dieser Gruppe

haben ein hohes Durchschnittsalter,

besitzen Wohneigentum und haben

ein gutes Einkommen. Das Klimabewusstsein

ist nur gering ausgeprägt.

Aufgrund ihrer Wohnsituation benutzen

sie häufig ihr Auto (über 10.000

km/p.a.). Dementsprechend will diese

Gruppe eher nicht auf den PKW verzichten.

Typ 9 Umfassend klimabelastend

aktiv

Für die Personen diese Gruppe spielt

Klimaschutz keine Rolle. Sie sind über

klimafreundliches Verhalten schlecht

informiert, Exklusivität und Spaß stehen

im Vordergrund. Diese Gruppe

agiert in allen Bereichen klimabelastend

und hat Vorbehalte gegenüber klimafreundlichem

Verhalten. Zu einer

Verhaltensänderung sind sie kaum

bereit.

Über das Projekt

Das Verbundprojekt „KlimaAlltag“

vom Institut für sozial-ökologische

Forschung (ISOE) hat untersucht,

wie verschiedene soziale Bedingungen

Einfluss auf den Klimaschutz

im Alltag haben. Die Leitfrage dabei:

Wo wird Klimaschutz im Alltag praktiziert

und wie kann das alltägliche

Verhalten noch klimafreundlicher

gestaltet werden? Anhand von empirischen

Befragungen entwickelten

die Forscher eine Systematik, die

neun Klimatypen identifiziert.

Außerdem untersuchte das Team,

wie Kommunen das Klimabewusstsein

in unterschiedlichen sozialen

Schichten steigern und einen

CO 2

-armen Lebensstil fördern

können.

Quelle: Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE),

gekürzte Fassung durch die UmweltDialog-Redaktion

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

21


Klimawandel

Bild: SimpLine / stock.adobe.com


Appelle an

klimafreundliches

Verhalten greifen

zu kurz

Viele Menschen fühlten sich ohnmächtig bei dem Versuch,

durch ihr individuelles Handeln etwas gegen den Klimawandel

zu tun, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin

Imke Hoppe von der Universität Hamburg. Daher brauche es

mehr Debatten über politische Regelungen für alle.

Frau Hoppe, in Ihrer Forschung beschäftigen

Sie sich mit der Kommunikation

über den Klimawandel. Das

Problem der globalen Erwärmung ist

seit langem bekannt, gesellschaftlich

und politisch ändert sich aber insgesamt

nur wenig. Was läuft da in der

Kommunikation schief?

Historisch gesehen bestand die Klimakommunikation

lange daraus, Menschen

erst mal davon zu überzeugen,

dass es überhaupt ein Problem gibt.

In den USA ist das immer noch die

größte Herausforderung. In Europa

22 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

Als ein Beispiel von vielen: Wir reden viel zu wenig über

den öffentlichen Nahverkehr. Sehen Sie sich an, wie viele

Menschen heutzutage schon mit Bus und Bahn fahren und

das Auto stehen lassen – und das trotz ständiger Verspätungen

und häufig miserablem Service. Was könnten wir

da verkehrspolitisch erst erreichen, wenn es uns endlich

gelingen würde, die Infrastruktur auszubauen und das

Bahnfahren attraktiver zu machen? Das Thema interessiert

unzählige Berufstätige, die jeden Tag zur Arbeit pendeln.

Aber es passt eben nicht zur klassischen Nachrichtenlogik:

Es ist nicht neu, wirkt nicht dramatisch genug und geht selten

mit Prominenz einher. Daher lesen wir darüber wenig,

zumindest in den überregionalen Medien.

Was hieße „lösungsorientiert“ in diesem Fall? Tipps, wie

der Umstieg vom Auto besser gelingt?

Grundsätzlich reicht der Fokus auf das Verhalten des Einzelnen

nicht mehr aus. Dafür ist das Problem zu drängend.

Zu diesem Zeitpunkt braucht es auch eine gesellschaftliche

Debatte über die Regeln, die wir uns selbst geben wollen.

Wenn unser Verkehr und unser Konsum nachhaltig werden

sollen, müssen sie sich so grundlegend ändern, dass es

ohne politischen Druck, ohne entsprechende Gesetze nicht

schnell genug funktionieren wird. Wenn man das erklärt,

wittern viele gleich eine „Öko-Diktatur“. Dabei wissen die

Leute eigentlich, was zu tun wäre – den Autoverkehr einschränken

etwa oder das Pendeln über weite Strecken nicht

mehr subventionieren. Aber wenn man das vorschlägt, ist

der Aufschrei riesig.

Das heißt, wer über den Klimawandel spricht, sollte nicht

bei alltäglichen Entscheidungen ansetzen, sondern gleich

bei der großen Politik?

dagegen haben mittlerweile rund 90 Prozent der Menschen

akzeptiert, dass der Klimawandel real ist. Aber dieses Problembewusstsein

allein verändert oft noch nicht das Verhalten.

Auch wenn es weiterhin wichtig und richtig ist, auf

die Gefahren durch die globale Erwärmung hinzuweisen,

müsste es jetzt mehr darum gehen, über konkrete Maßnahmen

dagegen zu sprechen, also lösungsorientiert zu kommunizieren.

Was könnte das zum Beispiel sein?

Beides ist nötig. Klimapolitische Maßnahmen brauchen

natürlich die Unterstützung der Bevölkerung. Es ist aber

so, dass viele umweltbewusste Leute mittlerweile denken:

Mit unseren kleinen, alltäglichen Handlungen können wir

doch eh nichts ändern. Wer in der Klimakommunikation

arbeitet, sagt oft, eine solche Einstellung müssten wir

durch gute Argumente überwinden. Dabei haben die Leute

leider recht! Mikro-Aktionen bringen insgesamt gesehen

tatsächlich nur wenig. Und diese Erkenntnis kann für alle

sehr frustrierend sein. Deshalb muss man zusätzlich noch

darüber sprechen, auf welche größeren Maßnahmen man

sich als Gesellschaft einigen kann, sei es der Ausbau der

Verkehrsinfrastruktur oder die Förderung regional produzierter

Lebensmittel. Eine solche Debatte wirkt dann wiederum

motivierend auf den Einzelnen.

Was sagt die Forschung dazu, unter welchen Bedingungen

diese Art der Kommunikation funktioniert?

Es gibt beispielsweise Untersuchungen zum „konstruktiven

Journalismus“, der derzeit in vielen Medienhäusern

diskutiert wird. Das bedeutet: weg von negativen Nachrichten

und hin zu lösungsorientierten Texten, etwa bei

Themen wie Armut, Migration oder eben Klimawandel. >>

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

23


Klimawandel

Studien zeigen, dass es Menschen zuversichtlicher

und positiver stimmt,

wenn Themen konstruktiv behandelt

werden. Zu unmittelbaren Veränderungen

im individuellen Handeln

führt das zwar meist nicht – aber Menschen

sind dann eher bereit, politische

Regulierungen in Kauf zu nehmen.

Sie sagen, Medien haben generell keine

großen Wirkungen auf das Verhalten.

Ist das für Kommunikatorinnen

und Kommunikatoren nicht ernüchternd?

Klimawandel: Viel wissen. Wenig tun?

Es gibt Effekte. Sie sind nur für einzelne

Medienberichte sehr überschaubar

und schwierig nachzuweisen. In

der Masse dürfte der Medienkonsum

schon eine Rolle spielen, wobei er

natürlich immer mit einer Vielzahl

anderer Einflüsse konkurriert und in

Wechselwirkung steht. Es gibt aber

auch Ausnahmen. Ermutigend ist zum

Beispiel, was wir über die Wirkung

von Dokumentarfilmen wissen.

Sind Dokumentarfilme etwas Besonderes

in dieser Hinsicht?

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Klimaschutzmanager in Behörden

oder Unternehmen, Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen

– wohl jede und jeder, der in der Klimakommunikation aktiv ist, kennt

diese Erfahrung: Man vermittelt Fakten, Fakten, Fakten. Und man hat

auch den Eindruck, dass diese bei vielen Menschen ankommen, sie also

eigentlich eine Menge wissen über den Klimawandel, seine Ursachen und

seine Folgen. Und dennoch werden nur relativ wenige Leute aktiv.

Praktiker ärgern sich oft hierüber. Sie haben (meist unbewusst) das

sogenannte „Informations-Defizit-Modell“ im Kopf: Wenn jemand nicht

das tut, was aufgrund bestimmter Informationen rational wäre, dann

liege das bestimmt an einem Mangel an Informationen.

Psychologen wundert die Kluft zwischen Wissen

und Handeln nicht

Eine Kluft zwischen Wissen und Handeln gibt es übrigens auch bei

vielen anderen Themen jenseits des Klimawandels. Und Umwelt- und

Sozialpsychologen wundert diese Kluft überhaupt nicht. Neben den

Informationen, die eine Person hat oder bekommt, haben nämlich noch

viele andere Faktoren einen Einfluss darauf, ob jemand aktiv wird. Dies

können zum Beispiel individuelle Erfahrungen der Person sein, ihre

Wertvorstellungen und (politische) Identität oder auch die persönliche

Einschätzung, ob der Klimawandel sie selbst betrifft oder eigene

Handlungen überhaupt irgendwelche Folgen haben - konkret: Ob man

überhaupt etwas gegen den Klimawandel tun kann.

Übrigens: Einer der Faktoren, warum Menschen nicht aktiv werden, ist

die Orientierung am sozialen Umfeld. So folgen viele Menschen dem,

was Menschen um sie herum tun – und wenn sie dort wenig Einsatz

beim Klimaschutz sehen, ist das zumindest kein Anreiz, selbst aktiv zu

werden.

Quelle: klimafakten.de

Meine Kollegin Ines

Lörcher hat Menschen

zu ihrer Medienbiografie

befragt und herausgefunden:

Personen, die

im Alltag sehr klimabewusst

handeln, wurden

zwar von ihren Eltern

und Freunden geprägt,

aber auch ganz stark von

Dokumentarfilmen. Natürlich

setzt es schon eine gewisse

Bereitschaft voraus,

sich überhaupt mit einem

Stoff zu beschäftigen, bevor

man sich 90 Minuten

lang vor eine Klima-Doku

setzt. Aber wenn man sich

darauf einlässt, kann das

einen starken Effekt haben.

Vermutlich, weil das Ganze

so realistisch ist, weil man

in eine lange Narration eintaucht

und Zeit hat, gründlich

über ein Thema nachzudenken.

Man sieht Menschen, die

mit ihrem Handeln die Welt

verändern, und oft emotional

berührende Bilder. Das wirkt.

Mit welchem Aspekt der Klimawandel-Kommunikation

beschäftigen Sie sich selbst

gerade?

Ich untersuche derzeit in einem

fächerübergreifenden Netzwerk

von Forschenden, wie in verschiedenen

Ländern der Welt in

den sozialen Medien über Ernährung

diskutiert wird. Also: Wie begründen

Menschen ihre Ernährungsentscheidungen?

Spielt Nachhaltigkeit dabei

eine Rolle? Denn was Menschen essen,

hat einen unglaublichen Einfluss

auf den Verbrauch natürlicher Ressourcen.

Es ist aber gleichzeitig ein

wichtiger Teil ihrer Identität, den viele

nur schwer verändern wollen.

Was haben Sie herausgefunden?

In Deutschland gab es zum Beispiel in

den vergangenen Jahren einige Kampagnen

von Supermärkten, die sich

24 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Was bewegt Menschen angesichts des Klimawandels zum Handeln?

Reine Wissensvermittlung reicht nicht

Sozialer, kultureller, ökonomischer, politischer, infrastruktureller und naturräumlicher Kontext

Auslöser Problembezogene

Überlegungen

Auslöser für Überlegungen zum

Klimawandel sind vielfältig.

Dabei nehmen die folgenden

Auslöser nicht in der gezeigten

Reihenfolge Einfluss, sondern

rufen Überlegungen einzeln

oder kombiniert hervor.

• Nicht-persönliche

Wissensvermittlung

(z.B. auf Webseiten)

• Persönliche Wissens

vermittlung(z.B. durch

„trusted messengers“)

• Lernen von Vorbildern

Lernen durch

Erfahrung

• Persönlichkeitsfaktoren

• Identitätsvorstellungen

Persönliche Face-to-Face-Kommunikation

ist zur Handlungsmotivation oft

wirksamer als unpersönliche

schriftliche Informationen.

Vielfältige Kontextfaktoren können das Klimahandeln unterstützen oder behindern.

Was bedeutet

der Klimawandel

für mich und für

mir wichtige

Personen und

Dinge?

Wie die Frage von einer Person

beantwortet wird, hängt von den

folgenden psychologischen

Faktoren ab. Dabei nehmen die

Faktoren nicht in der hier

gezeigten Reihenfolge Einfluss,

sondern beeinflussen die

Überlegungen meist ungeordnet

und unsystematisch.

• Wissen zu Klimawandel

und Klimafolgen

• Vertrauen in Medien und

Klimawissenschaften

• Problem- und Risikowahrnehmung

• Erinnerung an persönliche

Schäden durch Klimawandel

• Emotionen

• Wertvorstellungen

Informationen zu Klimaproblemen sollten

in einem Gleichgewicht zu handlungsbezogenen

Informationen stehen,

um Ohnmachtsgefühle zu verhindern.

Handlungsbezogene

Überlegungen

Was kann und

soll ich tun, um

dem Klimawandel

zu begegnen?

Wie die Frage von einer Person

beantwortet wird, hängt von den

folgenden psychologischen

Faktoren ab. Dabei nehmen die

Faktoren nicht in der hier

gezeigten Reihenfolge Einfluss,

sondern beeinflussen die

Überlegungen meist ungeordnet

und unsystematisch.

• Handlungswissen zu Klimaschutz

und Klimaanpassung

• Überzeugungen zu Handlungsmöglichkeiten

und -wirksamkeiten

• Kosten-/Nutzen-Überlegungen

• Wahrgenommene Barrieren

• Emotionen und Einstellungen

• Soziale, Gruppen- und

personale Normen

• Wertvorstellungen

Informationen zu Klimaproblemen sollten

in einem Gleichgewicht zu handlungsbezogenen

Informationen stehen,

um Ohnmachtsgefühle zu verhindern.

Absicht

Ja, ich werde

was tun!

Ob eine Absicht in Klimahandeln

umgesetzt wird, hängt

von dem wiederum ungeordneten

und unsystematischen

Einfluss der folgenden

Faktoren ab.

• Klarheit und Stärke der

Absicht

• Günstige Gelegenheit

Klimawandel

• Innere und äußere Handlungsbarrieren

• Emotionen

• Gewohnheiten

• Soziale Unterstützung

Nicht jede Handlungsabsicht wird sofort

in die Tat umgesetzt. Oft müssen innere

und äußere Handlungsbarrieren

überwunden werden.

Basierend auf dieser Infografik von klimafakten.de: bit.ly/2WYFlya

Klimahandeln

ein grüneres oder nachhaltigeres

Image geben wollten, indem sie

in den sozialen Netzwerken für ihre

Bio- und Fairtrade-Produkte warben.

Das führte allerdings häufig zu enormer

Kritik. Menschen fühlten sich

davon persönlich angegriffen, waren

wütend. Das waren nicht unbedingt

Klimawandel-Leugner, sondern eher

Leute, die schrieben: Ich esse nun

mal gerne Fleisch, kann mir aber kein

Biofleisch leisten, bin ich jetzt etwa

schuld, wenn ich mir eure nachhaltigen

und teuren Produkte nicht kaufen

kann? Diese Gruppe, die sich ökonomisch

und sozial abgehängt fühlt,

wird in der Forschung bislang noch

zu wenig beachtet.

Haben Sie dafür schon Lösungsansätze?

Es verdeutlicht vor allem, wie komplex

die Zusammenhänge sind. Wenn

sich jemand wirklich keine nachhaltigen

Produkte leisten kann, hilft Kommunikation

auch nicht weiter. Dann

braucht es eine faktische Verbesserung

der Lebensverhältnisse, und das

ist Aufgabe der Politik. Womit wir

wieder bei der Erkenntnis wären: Appelle

an klimafreundliches Verhalten

sind immer noch wichtig, aber allein

greifen sie zu kurz, weil der Einzelne

schnell an die Grenzen seiner Möglichkeiten

stößt. Dann ist die Politik

gefragt. f

Imke Hoppe ist Kommunikationswissenschaftlerin

und promovierte

an der Technischen Universität

Ilmenau zum Thema „Klimaschutz

als Medienwirkung“. Sie lehrt und

forscht an der Fakultät für

Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

sowie dem CEN (Centrum

für Erdsystemforschung und

Nachhaltigkeit) der Universität

Hamburg.

Im Original erschienen bei Wissenschaftskommunikation.de.

Das

Gespräch führte Joachim Retzbach.

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

25


Klimawandel

Bild: Jr Casas / stock.adobe.com

Klimaskepsis:

Fake News über „Fake“ News

Dass der aktuelle Klimawandel menschengemacht ist, steht aus

wissenschaftlicher Sicht außer Frage. Hier herrscht ein allgemeiner

Konsens in der Forschung. Dennoch behaupten zahlreiche Klimaleugner

und -skeptiker das Gegenteil. Sie geben der Sonne die Schuld, nennen CO 2

unschädlich, sogar hilfreich, und halten die Klimadebatte für Panikmache.

Viele Medienberichte zeigen: Diese Klimaskeptiker-Szene ist organisiert

und zudem noch schwer aufzuhalten.

Von Elena Köhn

„Ja. Es ist warm. Sehr sogar. Aber dieses hysterische

#Klimakrisen-Gekreische der Klimanazis ist wirklich unerträglich.“

So lautete ein Tweet von Beatrix von Storch

während der Hitzewelle im Sommer 2018. Mit ihrer Meinung

ist die AfD-Politikerin nicht alleine. Schon seit einigen

Jahren kann man eine zum Teil hitzig geführte Debatte

um den Klimawandel beobachten. Dabei herrscht in

der Klimawissenschaft eigentlich ein Konsens: „Es ist wissenschaftlich

gesichert und gut belegt, dass der Mensch

Hauptverursacher der bereits laufenden globalen Erwärmung

ist“, informiert die Plattform klimafakten.de. Laut

einer Studie liegt diese Einigkeit sogar bei 97 Prozent,

heißt es bei Sceptical Science. Nur: Die Klimaskeptiker

sind weiterhin skeptisch.

26 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

„Gezielte Desinformation“

Das Leugnen des (menschengemachten) Klimawandels

hat – so scheint es zumindest – System. Mehreren Medienberichten

zufolge hat die organisierte Klimaskepsis schon

Anfang der neunziger Jahre begonnen. Redakteure der Zeit

sprechen sogar von einer „Desinformationskampagne“ einiger

Energiekonzerne und konservativer Medien: „Es ist

ein Krieg, der sich gegen die liberale Öffentlichkeit wendet

und eiskalt deren Schwäche ausnutzt: den Glauben an

die Gültigkeit des besseren Arguments.“ Als Beispiel führt

die Zeitschrift den Ölkonzern Exxon (später ExxonMobil)

an. Dieser wisse eigentlich, aufgrund konzerninterner

Untersuchungen, bereits seit Anfang der 80er-Jahre, dass

der vermehrte CO 2

-Ausstoß auch zu einem globalen Temperaturanstieg

führe. Trotzdem habe das Unternehmen gemeinsam

mit anderen Akteuren der Ölindustrie mehrere

Milliarden Dollar in politische Kampagnen investiert – mit

dem Ziel, den Konsens in der Bevölkerung über den menschengemachten

Klimawandel zu zerstreuen.

Dazu kommt außerdem der Aufbau der Global Climate Coalition,

wie die Zeit weiter berichtet. Dieser „Zusammenschluss

von Lobbyisten“, unter anderem finanziert und

aufgebaut von Exxon, habe „klimaskeptische Desinformation“

betrieben. Ähnlich verhält es sich mit sogenannten

Thinktanks, wie dem bekannten Heartland Institute. Laut

der Publikation „Und sie erwärmt sich doch“ vom Umweltbundesamt

erhielt die Organisation ebenfalls Gelder von

ExxonMobil. Sie streute, auch mit Hilfe von Blogs, Zweifel

am menschengemachten Klimawandel. In Deutschland gilt

der Verein „Europäisches Institut für Klima und Energie

(EIKE)“ als eine der zentralen Lobbyorganisationen, die

nicht an den anthropogenen Klimawandel glauben und

dies auch medial verbreiten. „EIKE lehnt folglich jegliche

‚Klimapolitik‘ als einen Vorwand ab, Wirtschaft und Bevölkerung

zu bevormunden und das Volk durch Abgaben zu

belasten“, erklärt der Verein auf seiner Website.

„Wissenschaft wurde als Nebelwand missbraucht“

Die Desinformationsstrategie der Klimaskeptiker ist nicht

neu. Eine ähnlich organisierte Vorgehensweise kennt man

bereits aus der Tabakindustrie. „Wissenschaft wurde als

Nebelwand missbraucht“, erklärt Naomi Oreskes, Geologin

und Wissenschaftshistorikerin an der Harvard University,

Wieder einmal geht die Welt unter, die

einzigen die uns retten können sind linksgrüne

Fanatiker. Genauso als in den 80er

Jahren alle Bäume in Deutschland gestorben

sind, wie in den 90er Jahren das Ozonloch so

riesig ist, dass wir uns nur noch nachts im

Freien aufhalten können. Leute werdet wach,

geht wählen und unterstützt nicht diese

Ökoterroristen“,

findet E.R. unter einem Artikel von Focus Online vom

13.02.2019.

in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Schon

damals hätten Tabakfirmen einzelne Wissenschaftler beauftragt

und Thinktanks gegründet, um Zweifel an der

Forschung zu säen: „Dieser Strategie folgen Unternehmen

seit 60 Jahren.“ Belege dafür gäbe es an der Universität San

Francisco, in Form einer Sammlung interner Dokumente

aus der Tabakindustrie.

Die Klimaskeptiker greifen auch gezielt einzelne Forscher

an. Als „Climategate“ bekannt wurde ein Hackerangriff

Ende 2009 auf das Klimaforschungszentrum der University

of East Anglia. Unbekannte Hacker stahlen Klimaforschern

E-Mails und veröffentlichten sie zum Teil im

Internet. Daraus entwickelte sich ein Skandal, über den

viele Medien berichteten. Der Vorwurf: Die Forscher hätten

Daten manipuliert und „Untersuchungsergebnisse unterdrückt“,

erklärt die Zeit. Viele sahen darin den Beweis,

dass der Klimawandel eine Verschwörungstheorie sei, wie

es in der Veröffentlichung des Umweltbundesamts heißt.

Die Beschuldigungen gingen vor allem an die US-Klimaforscher

Michael Mann und Phil Jones. Als Beleg für die

Vorwürfe sollten Zitate in den E-Mails dienen. Diese rissen

die Klimaskeptiker allerdings aus dem fachlichen Kontext.

Mehrere unabhängige Untersuchungen fanden schließlich

keine Hinweise auf eine vorsätzliche Manipulation seitens

der Wissenschaftler: „Kritisch angemerkt wurde lediglich

ein falscher Umgang mit Anträgen zur Offenlegung von Daten“,

schreibt das Umweltbundesamt.

Medien als Meinungsmacher

Dass solche Falschinformationen von Klimaskeptikern in

der Öffentlichkeit so präsent sind, ist auch die Schuld der

Medien, meinen Redakteure der Zeit. Besonders kon- >>

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

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Klimawandel

„Ich glaube nicht an den

menschengemachten Klimawandel.

Alle möglichen und

unmöglichen klimatischen

Verhältnisse gab es schon

ohne den Menschen. Insofern

werden alle menschlichen

Bemühungen keine

Änderung bewirken“,

schreibt ein Kommentator unter

einen Online-Artikel der Zeit vom

03.12.2018.

servative Medien, wie das Wall Street

Journal von Rupert Murdoch und

Fox News, würden oft Klimaleugner

einladen. Die Autoren des Zeit-Artikels

sprechen von einer „medial

vermittelten Scheinrealität.“ Auch in

liberalen Medien, die ausgewogen

berichten wollen, kämen die Klimaleugner

ausführlich und oft zu Wort.

„Das Ergebnis ist eine katastrophale

Verzerrung.“ Denn: Naomi Oreskes

untersuchte diverse Publikationen

in Fachzeitschriften zur globalen Klimaerwärmung,

die 1993 bis 2003

erschienen sind. Sie fand nicht eine

Veröffentlichung, die den menschengemachten

Klimawandel verneinte.

In den Medien hingegen waren fast

die Hälfte der Beiträge klimaskeptisch

eingestellt.

Heutzutage verbreiten sich insbesondere

dank Blogs und Social Media klimaskeptische

Positionen sehr schnell.

Empfänger würden so auch wiederum

zu Sendern werden: „Auf diese Weise

erreichen Fake-News und Schmierkampagnen

im Internet heute ungefiltert

mehr Menschen, als es etablierte

Printmedien je getan haben“, mahnen

die Redakteure der Zeit an.

Rechts im Kampf gegen das Klima?

In der Politik ist die Klimaskeptiker-Szene

ebenfalls schon längst angekommen.

Wie der

Tagesspiegel berichtet,

hat auch zum Beispiel der

Verein EIKE Verbindungen zur

AfD. Michael Limburg, Vizepräsident

des Instituts, habe sogar am Programm

der Partei mitgearbeitet. Außerdem

sitze er in deren Bundesfachausschuss

Energie. Das kommt nicht

von ungefähr. Eine aktuelle Studie

des Forschungs- und Beratungsinstituts

adelphi zeigt, dass rechtspopulistische

Parteien häufig Klimaleugner

sind. „Sieben der 21 stärksten rechtspopulistischen

Parteien in Europa

bestreiten, dass es ein Problem gibt“,

beschreibt ntv die Studie. Elf der Parteien

würden die Erkenntnisse der

wissenschaftlichen Klimaforschung

zwar nicht bestreiten, eine explizite

Klimapolitik stehe aber nicht auf deren

Agenda. Die

AfD sei dabei

einer der stärksten

Klimawandelleugner.

„Das

Märchen vom

menschengemachten

Klimawandel

glauben

wir nicht,“ zitiert

ntv den AfD-Chef

Alexander Gauland.

Wie leugnet man den anthropogenen

Klimawandel?

Die Argumente der Klimawandelskeptiker

sind aber wissenschaftlich

nicht haltbar. 2017 behauptete Beatrix

von Storch in einem Interview

mit dem Journalisten Tilo Jung (Jung

& naiv), dass die Sonne schuld an der

Erderwärmung sei. Unstrittig ist, dass

sie einen Einfluss auf das Klima hat.

Die globale Erwärmung verursacht

die Sonne aber nicht. Tatsächlich zeigen

verschiedene Messungen, dass

ihre Aktivität seit ihrem Hoch in den

60ern Jahren sogar wieder abnimmt:

„In den letzten 30 bis 40 Jahren haben

sich Temperatur und Sonnenaktivität

also in unterschiedliche Richtungen

entwickelt“, informiert Sceptical

Science. Daraus ließe sich schließen,

dass es einen anderen Grund für die

Klimaerwärmung geben müsse.

„Ach nee, wir werden immer noch von der

medienbeherrschenden Klimamafia penetrant

und arrogant belogen und betrogen. Wo

ist denn der Physiknobelpreis für die bewiesene

Erkenntnis, dass die Menschheit nur

die CO 2

Reduzierung retten kann?“,

meint ein User bei einem Zeit

Online-Artikel vom 03.12.2018.

Bild: Jr Casas / stock.adobe.com

Oft hört und liest man auch das Argument,

der vom Menschen gemachte

CO 2

-Anteil sei ja viel zu gering, um relevant

zu sein. Und überhaupt sei CO 2

ja sogar gut für das Pflanzenwachstum.

Das Magazin Geo klärt auf: Die

Menschen setzten zwar jährlich zirka

25 Milliarden Tonnen CO 2

(durch

28 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

„97 Prozent der jährlichen Kohlendioxidemissionen entstammen

der Natur, also nur höchstens drei Prozent aus der

Verbrennung fossiler Rohstoffe durch den Menschen. Der

Mensch ist nur ein kleines Rad in der Klimageschichte, also

zu vernachlässigen“,

heißt es in einem Kommentar unter einem Artikel vom Tagesspiegel

vom 26.02.2019.

Klimapopulisten an der Macht

Zurzeit sind einige Politiker an der Macht, die den

anthropogenen Anteil am Klimawandel leugnen und

Klimaschutzmaßnahmen torpedieren. Der bekannteste

ist wohl US-Präsident Donald Trump. Er stieg

aus dem Pariser Klimavertrag aus, verharmlost die

globale Erwärmung und macht sich darüber sogar

noch lustig: „Was zur Hölle ist mit der Erderwärmung

los? Bitte komm schnell zurück, wir brauchen dich!“,

twitterte Trump Anfang des Jahres als Kommentar

zu der Kältewelle im Westen der USA. Berichten der

Tagesschau zufolge herrschten dort teilweise bis zu

minus 35 Grad. Trumps neuester Streich ist die Einrichtung

einer Klimakommission. Sie soll die Bedrohung

für die USA durch den Klimawandel untersuchen,

weiß der Stern. Den Vorsitz soll ausgerechnet

William Happer, Angehöriger des Nationalen Sicherheitsrates

(NSC), übernehmen, der den Klimawandel

schon mehrfach vehement bestritt.

Als „Tropen-Trump“ bekannt ist Jair Bolsonaro, der

seit diesem Januar Präsident von Brasilien ist. Seine

Wahl ist eine schlechte Nachricht für die Umwelt,

findet die Deutsche Welle (DW). Die Brasilianer

hätten sich damit gegen Umweltschutz entschieden.

Schon vor seiner Wahl hatte Bolsonaro angekündigt,

Regierungsagenturen, die für den Schutz der

Regenwälder verantwortlich sind, zu schließen. Auch

die indigenen Völker Brasiliens stehen bei ihm nicht

gerade hoch im Kurs: „Seine Feindseligkeit bezüglich

der Landrechte von indigenen und traditionellen Gemeinschaften

und seine Verachtung für den Umweltschutz

könnten weite Teile von Waldschutzgebieten

gefährden, die dann rücksichtslosen Projekten der

Agrarindustrie oder dem Bergbau zum Opfer fallen

könnten“, gibt Christian Poirier, Programmdirektor

von Amazon Watch, im Interview mit der DW zu

bedenken.

Verbrennung fossiler Stoffe und Entwaldung)

frei, während die gesamte

Biosphäre für die Freisetzung von

etwa 550 Milliarden CO 2

verantwortlich

wäre. Bloß: Das CO 2

, das auf natürlichem

Weg entsteht, werde auch

auf natürliche Weise, zum Beispiel

durch das Meer oder durch Einlagerungen

im Holz, wieder gebunden.

Die Verbrennung von Kohle, Gas und

Öl dagegen setzt über Jahrmillionen

gelagertes CO 2

aus solchen Speichern

frei – es bringt deshalb die eigentlich

ausgeglichene Kohlenstoff-Bilanz der

Atmosphäre durcheinander“, weiß Geo. Laut klimafakten.

de ergaben zwar Studien, dass CO 2

die Photosynthese von

Pflanzen anrege. Solche Effekte seien aber sehr gering und

hätten nur kurzzeitig eine Wirkung. Zudem sei das Wachstum

von Pflanzen stark abhängig vom Klima: „Im Freiland

werden die negativen Effekte (zum Beispiel von wahrscheinlich

zunehmenden Hitzewellen und Trockenheit)

überwiegen“, informiert die Website.

Die Klimawandel-Hysterie wird künstlich

über die Medien aufgebaut, dabei ist der Klimawandel,

egal in welche Richtung, ein normaler

Prozess, der schon immer die Temperatur

auf der Erdoberfläche beeinflusst hat,

natürlich unterschiedlich in den verschiedenen

Klimazonen. Also Ruhe bewahren und

mit der Klimahysterie gelassen umgehen“,

weiß der User D.W unter einem Artikel der Welt vom

12.03.2019.

Wie kommt man dagegen an?

Erfahrungsgemäß kommt man mit solchen wissenschaftlichen

Argumenten bei Klimaskeptikern leider oft nicht

weit. Was ist also zu tun? Die Autoren der Zeit fordern ein

Umdenken. Zunächst einmal wäre es wichtig, die „Dramatik

der Situation“ zu erkennen. Und zwar auch von politischer

Seite. Man müsse zudem Aufklärung betreiben,

damit die Bürger zukünftig Fake News besser erkennen

würden. Außerdem sollten Facebook, Twitter und Co. mehr

Verantwortung übernehmen. „Sie müssten sich zu einem

journalistischen Ethos bekennen und redaktionelle Standards

implementieren“, finden die Autoren. Am wichtigsten

sei schließlich die weltweite Energiewende: „Sie dreht

der fossilen Industrie, den Rechtsnationalisten und Klimaleugnern

den Geldhahn zu.“ f

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

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Klimawandel

Europäische Klimaziele

bis 2050

im Vergleich zu 1990

2050 -93 % -99 %

-83 % -87 %

-54 % -67 %

2030

-54 % -68 %

-34 % -40 %

+20 % -9 %

2005

-7 % -20 % +30 %

Energie

(Co 2

)

Industrie

(Co 2

)

Transport

(inkl. Co 2

der Luftfahrt,

exkl. Seefahrt)

30 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

-88 % -91 %

-42 % -49 %

-79 % -82 %

-37 % -53 %

-36 % -37 %

-40 % -44 %

-12 % -20 % -7 %

Wohnen und

Dienstleistungen

(Co 2

)

Landwirtschaft

(alle Treibhausgase)

Total

Quelle: Europäische Kommission

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

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Klimawandel

Deutschland CO 2

-neutral bis 2050

So kann es klappen

95 Prozent weniger Treibhausgase bis 2050 im Vergleich zu 1990:

Das ist die Vorgabe der deutschen Bundesregierung, um die

Klimaschutzziele von Paris zu erreichen. Damit das gelingt,

müssen der Energie- und Verkehrssektor sowie energieintensive

Industriezweige und die Landwirtschaft radikal umdenken.

Aber wie funktioniert das?

Seit dem Pariser Klimagipfel von 2015 ist der Begriff der

Dekarbonisierung in aller Munde, wenn es um Klimaschutz

geht. Dekarbonisierung bedeutet, dass die Gesellschaft auf

kohlenstoffartige Energieträger verzichtet und durch kohlenstofffreie

ersetzt. Das kann durch Erneuerbare Energien

oder durch Kernenergie passieren. Zweite Variante birgt

aber unkontrollierbare gesellschaftliche und ökologische

Risiken, wie die Nuklearkatastrophen Tschernobyl und Fukushima

gezeigt haben. Der Fokus auf Erneuerbare Energien

bedeutet gleichzeitig eine tiefgreifende Umstrukturierung

unseres bisherigen Energiesystems, also das, was in

Deutschland allgemein als Energiewende bezeichnet wird.

CO 2

-Minderung: Mehr als nur Dekarbonisierung

„Treibhausgasneutralität“ meint, dass Deutschland

seine CO 2

-Emissionen bis 2050 um 95 Prozent im

Vergleich zu 1990 reduzieren muss. Dementsprechend

haben wir dann nur noch ein Emissionsbudget von

60 Millionen Tonnen CO 2

pro Jahr zur Verfügung. Das

wird laut der Studie „Treibhausgasneutrales Deutschland

2050“ vom Umweltbundesamt vor allem von der

Landwirtschaft und im geringeren Umfang von Industrieprozessen,

Lösemitteln und Produktanwendungen

verbraucht.

Neben der Dekarbonisierung unserer Gesellschaft gibt

es weitere Möglichkeiten, CO 2

-Emissionen zu reduzieren

und/oder das Klima zu schützen.

• Substitution von Kohle als Energieträger durch kohlenstoffärmere

wie Erdgas. Aber Achtung: Pfadabhängigkeiten

berücksichtigen.

• Effizienzmaßnahmen wie Wärmedämmung in Gebäuden

oder Kraftwerke mit höherem Wirkungsgrad etc.

• CO 2

-Abscheidung und -Speicherung

• Nutzung von Biomasse (allerdings nur Abfall; kein zusätzlicher

Anbau, da die Flächen sonst der Nahrungsmittelproduktion

verloren gehen)

• Naturschutz: Schutz von Wäldern und Mooren als

wichtige CO 2

-Speicher

• Sparmaßnahmen wie der Verzicht auf Flugreisen, Tempolimit

auf Autobahnen, geringer Einsatz von Klimaanlagen

etc.

Aber: Maßnahmen wie Energieeffizienz und Suffizienz

haben im Vergleich zur Dekarbonisierung nur ein beschränktes

CO 2

-Minderungspotenzial, wie etwa Dr. Rüdiger

Paschotta auf energie-lexikon.info schreibt: „Da aber

die CO 2

-Emissionen langfristig auf ein weitaus tieferes

Niveau als heute gesenkt werden müssen, während der

weltweite Energiebedarf zunimmt, ist eine umfangreiche

Dekarbonisierung mittel- bis langfristig unumgänglich.“

32 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

Foto: Dirk / stock.adobe.com

In einem „sauberen“ Energiesystem wird der Strom über

Wind- und Sonnenkraft gewonnen. Auch Wasserkraft und

Geothermie können eine Rolle spielen: „Zentraler Baustein

einer vollständig regenerativen Energieversorgung ist die

Erzeugung von Wasserstoff durch Wasserelektrolyse mit

Hilfe von erneuerbar erzeugtem Strom. Aus Wasserstoff

können durch weitere katalytische Prozesse Methan (Power-to-Gas)

und weitere Kohlenwasserstoffe (Power-to-Liquid)

erzeugt werden“, schreibt das Umweltbundesamt.

Diese könnten wiederum als Brenn- und Kraftstoffe dienen

und seien in der Industrie und in einem sauberen Energiesystem

essentiell.

Wasserstoff als Baustein für

saubere Energie

Wasserstoff kann im Energiewandler Brennstoffzelle

am effizientesten und sauber verstromt

werden, wie die NOW-GmbH sagt. Gemeinsam

können sie überall dort eingesetzt werden, wo man

Strom und Wärme benötigt. Beispielsweise kann

Wasserstoff Brennstoffzellen-Fahrzeuge wie Autos,

Lkws oder Züge antreiben, ohne dass sie schädliche

Emissionen ausstoßen. Da neben Strom in den

Brennstoffzellen auch Wärme entsteht, eignen sie

sich auch zur Energieversorgung

von

Gebäuden: „Brennstoffzellen-Heizgeräte

sind hocheffiziente

Kraft-Wärme-

Anlagen, die heute

schon von verschiedenen

Herstellern

zum Kauf angeboten

werden.“

Damit die Energiewende ein Erfolg wird, gilt es nicht nur,

den Stromsektor zu dekarbonisieren, sondern auch in den

Bereichen Wärme und Verkehr mit Hilfe von Ökostrom und

moderner Technik auf fossile Energie zu verzichten. Dabei

ist der Einsatz von Wasserstoff nur eine Möglichkeit. Die

Vernetzung von Strom, Mobilität und Wärme zur Optimierung

des Energiesystems wird Sektorkopplung genannt.

Das gilt unabhängig davon, ob die Energie aus regenerativen

oder fossilen Quellen stammt.

Sektorkopplung

Noch heizen die Deutschen vor allem mit fossilen Energieträgern

wie Öl und Gas, wie das Bundeswirtschaftsministerium

schreibt. Ein großes Potenzial für eine saubere Lösung

bieten hier zum Beispiel Power-to-Heat-Technologien,

die Strom nutzen, um Wärme zu gewinnen. Dazu zählen

Wärmepumpen im Heizungskeller. Diese nutzen Strom,

um die vorhandene Erdwärme aufzunehmen, zu verdichten

und damit dann die Heizung zu betreiben: „Das ist auch

noch effizient: In energetisch sanierten Gebäuden machen

gute Wärmepumpen aus einer Kilowattstunde Strom mehrere

Kilowattstunden Wärme.“

Auch der Verkehrssektor lässt sich in vielen Bereichen

auf Strom umstellen. So fahren viele Züge bereits elektrisch;

an der E-Mobilitätsoffensive bei PKWs und LKWs

wird von Seiten der Automobilindustrie massiv gearbeitet.

Allerdings bedeutet das gleichzeitig, dass künftig der

Strombedarf für den Betrieb der Fahrzeuge extrem ansteigen

wird.

Darüber hinaus wird für die Herstellung stromerzeugter,

synthetischer Kraftstoffe viel Energie benötigt. „Es ist daher

unumgänglich, den Endenergiebedarf des gesamten

Verkehrssektors deutlich zu senken – trotz des prognostizierten

Verkehrsanstiegs“, fordert das Umweltbundesamt.

Das sei u.a. durch Verkehrsvermeidung, Verkehrsverlagerung

auf umweltfreundliche Verkehrsmittel oder Effizienzsteigerung

möglich.

>>

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

33


Klimawandel

Sektorkopplung: Umwandlungspfade

Gas als Rohstoff

heute wirtschaftlich darstellbar

Brennstoffzelle

Demonstrations- / Forschungsprojekte

Verkehr

Power-to-Liquid (PtL)

Elektromobilität

Elektromobilität

Gasmotor

Gaskraftwerke

Power-to-Gas (PtG)

Gas

Wasserstoff /

Methan

Heizkessel

KWK

Gas- / Wärmepumpe

Industrie

Strom

Wärmepumpe

Wärme

Power-to-Product (PtP)

Power-to-Heat (PtH)

Power-to-X (PtX)

ist ein Überbegriff für Verfahren zur Umwandlung von Strom in

flüssige und gasförmige Energieträger, Wärme sowie Industrieprodukte.

Power-to-Gas (PtG)

Power-to-Liquid (PtL)

Langzeitstromspeicherung

möglich

Speicherung in Erdgasnetz

und -speicher hat großes

Potenzial

Dekarbonisierung des

Gassektors bei PtG mit

erneuerbarem Strom

noch nicht volkswirtschaftlich

darstellbar

noch nicht entsprechende

Mengen an Überschussstrom

vorhanden

geringer Wirkungsgrad

hohe Kosten

bezeichnet die Umwandlung

von Strom in chemische

Energieträger mit Elektrolyse

als erstem Schritt, teilweise

nachgeschaltete Synthese.

Quelle: Stiftung Energie & Klimaschutz – Energiezukunft im Dialog

34 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

Brennstoffzelle

wandelt chemische Energie eines Brennstoffes (z.B

Wasserstoff) durch Oxidation direkt in elektrische

Energie und Wärme (geringer Anteil) um.

Wärmepumpen

transformieren Umgebungswärme mithilfe von

elektrischer Energie auf ein höheres Temperaturniveau;

diese Technik ist ein

wichtiger Teil effizienter Gebäudebeheizung.

sehr effiziente Stromerzeugung

kaum Verschleiß

hohe Kosten

geringer Wirkungsgrad bei zweifacher

Umwandlung (Strom-Gas-Strom)

Effizienz

wartungsfrei

Anforderungen an Gebäude,

z.B. Flächenheizungen, Dämmung

notwendig

Power-to-Product (PtP)

Power-to-Chemicals (PtC)

Elektrolyse

Kraft-Wärme-

Kopplung (KWK)

bezeichnet die Nutzung von

„Überschussstrom” zur

Herstellung von Industrieprodukten

/chemischen Stoffen,

die bis zur weiteren Verwendung

relativ einfach

gelagert werden können.

ist ein umgekehrter Prozess zur

Brennstoffzelle; wandelt durch

Einsatz elektrischer Energie

Wasser in Wasserstoff und

Sauerstoff um. Dieses Verfahren

ist die Grundlage für Powerto-Gas-Verfahren.

ist der Überbegriff für Prozesse

zur gleichzeitigen Gewinnung

von elektrischer Energie und

nutzbarer Wärme.

KWK-Kraftwerke gibt es in

zahlreichen Größen und mit

Nutzung verschiedenster

Energieträger.

>>

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

35


Klimawandel

CO 2

-neutrale Industrie nur über

technische Innovation

Führt Dekarbonisierung zu Deindustrialisierung?

Oder lässt sich ein treibhausgasneutraler

und energieeffizienter

Industriesektor in Deutschland

entwickeln? Ja, sagt das Umweltbundesamt:

Während die energiebedingten

Emissionen durch den Einsatz von

Ökostrom, Wasserstoff und Methan

vollständig vermieden werden könnten,

könnten die prozess- bzw. rohstoffbedingten

Emissionen erheblich

gesenkt werden. Dabei seien 2050 die

Zement-, Kalk- und Glasindustrie die

größten Emittenten.

Um den CO 2

-Austoß innerhalb der

Industrie zu reduzieren, bedürfe es

in vielen Branchen aber angepasster

Herstellungsprozesse und geeigneter

Anlagetechniken. Beispielsweise geht

das Umweltbundesamt davon aus,

dass es in der Stahlindustrie keine

Primärstahlerzeugung über die Hochofen-Oxygenstahl-Route

mehr gibt.

Dafür würde die Elektrostahlerzeugung

mittels Schrott und Schwammeisen

massiv ausgebaut.

Und was sagen Industrie und Forschung zur Dekarbonisierung?

Stimmen aus der Wirtschaft

„Dekarbonisierung bedeutet eine

komplette Umgestaltung der Wirtschaft,

aber auch des alltäglichen

Lebens – unter Wahrung unseres

Wohlstands. Dafür benötigen wir

völlig neue Technogien und innovative

Verfahren – kurz: es handelt

sich um eine dem Wirtschaftswunder

vergleichbare Herausforderung“,

sagt der Verband der

Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft.

„Ohne Kohlenstoff wird aktuell kein

Roheisen gewonnen, und ohne

Roheisen gibt es keinen Stahl. Den

Eisenerzen, wie sie in der Natur

vorkommen, muss Sauerstoff

entzogen werden – dafür werden

heutzutage kohlenstoffhaltige

Reduktionsmittel eingesetzt“, so

Marten Sprecher vom Stahlinstitut

VDEh auf stahl-blog.de

„Wenn die Chemiebranche bis 2050

auf Erdöl und Erdgas als Rohstoff

verzichtet, so bräuchte sie dafür

Ökostrom in der Kapazität von 60

Wasserkraftwerken Freudenau (Wasserkraftwerk

bei Wien). Das entspricht

fast dem Stromverbrauch von ganz

Österreich im Jahr 2016.“, so FCIO

Fachverband der Chemischen

Industrie Österreich gegenüber der

Presse.

Stimmen aus der Forschung

„Zentral ist, nicht nur die Grundstoffindustrie

selbst zu verändern,

sondern die gesamte Wertschöpfungskette

einzubeziehen. Besonders

die Bauwirtschaft sollte sich

als größter Nachfrager von CO 2

-intensiven

Produkten wie Stahl,

Zement und Glas daran orientieren,

wie viel Emissionen bei der

Herstellung ausgestoßen werden.

Deshalb müssten die Kosten der

CO 2

-Emissionen in der Produktverwendung

eingepreist werden“, sagt

Dr. Tobias Fleiter, Projektleiter am

Fraunhofer ISI.

36 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

Foto: tomas / fotolia.com

Auch das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung

ISI sieht eine umfassende Dekarbonisierung

nur mit Hilfe von CO 2

-neutraler Technologien und einem

umfassenden technischen Wandel; insbesondere bei der

sogenannten Grundstoffindustrie. Diese umfasst alle Industriebranchen,

die Rohstoffe gewinnen und weiterverarbeitet

bereitstellen. Das Forschungsinstitut plädiert dabei

für eine verbesserte Energieeffizienz, da diese die Kosten

für eine Dekarbonisierung reduziere und einen wichtigen

Beitrag zur CO 2

-Einsparung leisten könne: „Doch das alleine

reicht nicht, um die Emissionen ausreichend zu mindern.

Ein entscheidender Faktor ist ein schneller Ausbau

der Erneuerbaren Energien, um CO 2

-freien Strom zu gewinnen“,

so das Fraunhofer ISI. „Dies ist insbesondere deshalb

wichtig, da sich der Stromverbrauch des Industriesektors

bis 2050 stark erhöhen könnte“, etwa durch Einsetzen von

Strom für die Prozesswärmeerzeugung.

Klimasünde durch Fleischkonsum

2017 war die deutsche Landwirtschaft für zirka sieben

Prozent der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich, wie

das Thünen-Institut berichtet. Die eigentlichen „Klimakiller“

im Agrarsektor sind insbesondere Lachgas (Stickstoffdünger

auf landwirtschaftlichen Flächen) und Methan

(verdauungsbedingter Ausstoß der Nutztiere). „Vor allem

die weltweite Nachfrage nach Fleisch bestimmt, wie viele

Tiere gehalten werden. Die Viehwirtschaft ist der größte

Nutzer von Landflächen, wobei eine Verschiebung von

Weiden hin zum Anbau von Futterpflanzen auf Ackerflächen

stattfindet“, informiert eine Greenpeace-Studie

zum Thema Landwirtschaft und Klima. Ein zusätzliches

Problem: Für den Anbau von Futterpflanzen werden große

Flächen Regenwald abgeholzt, die damit als CO2-Speicher

wegfallen.

Es gibt unterschiedliche Maßnahmen, die Treibhaus-Emissionen

der Landwirtschaft zu senken. Dazu zählen natürlich

eine Reduzierung des Fleischkonsums und ein verantwortungsvoller

Umgang mit Lebendmitteln, um Abfälle zu

vermeiden. Darüber hinaus gilt es, die Effizienz im Bereich

der Tierfütterung und Düngung zu optimieren: „Nachhaltige

Strategien erfordern ressourcenschonende und effiziente

Bewirtschaftung unter besonderer Berücksichtigung

von ökologischem Landbau, Präzisionslandwirtschaft und

Pflanzenzucht unter Erhaltung der genetischen Vielfalt“,

so eine Studie von Greenpeace Österreich. Ein wichtiger

Schritt kann etwa die Einführung einer Stickstoff-Überschussabgabe

sein, um seinen Einsatz auf den Feldern zu

senken. f

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

37


Klimawandel

Advertorial

Smart trifft Power:

Das neue Energiesystem für die Stadt

Gemeinsam Energie nutzen,

die Umwelt schonen und

Kosten sparen. E.ON will mit

seiner neuen Technologie

ectogrid das urbane

Wärme-, Kälte- und Stromnetz

revolutionieren. Die

Innovation ermöglicht den

Kunden, gegenseitig

Wärme- und Kälteenergie

ihrer Gebäude zu nutzen.

Dadurch sinkt der Bedarf an

benötigter Energie erheblich.

ectogrid ist ein Beitrag,

die Urbanisierung der Zukunft

nachhaltig zu gestalten und

den Klimawandel zu

bekämpfen.

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung

lebt heute in Städten. Tendenz

steigend. Im urbanen Alltag wird viel

Energie benötigt. Diese stammt oft

aus der Verbrennung fossiler Rohstoffe.

Dadurch verursachen Städte heute

70 Prozent der globalen Treibhausgase

und sind zu einem wichtigen

Klimafaktor geworden. Neue Energielösungen

müssen genau dieses

Problem aufgreifen, um die urbane

Umweltverschmutzung zu reduzieren

und den Menschen ein gesundes

Leben in der Stadt zu bieten. „Unsere

Energiesysteme sind so konzipiert,

dass sie jeweils nur eine Funktion

zur selben Zeit erfüllen können.

Durch einen integrierten Ansatz ist

es aber möglich, ein viel effizienteres

System zu entwickeln“, sagt Dr. Per

Rosén, der ectogrid erfunden hat.

„Ein Gebäude, das Energie zum Heizen

benötigt, produziert gleichzeitig

einen kalten Energiestrom und umgekehrt.

ectogrid verbindet diese

thermischen Energieströme und hilft

den Nutzern gegenseitig voneinander

zu profitieren.“ Das Ergebnis: Durch

das gemeinsame Nutzen thermischer

Energie reduzieren sich die Umweltauswirkungen

beider Gebäude und

ihre Energiekosten sinken.

Eine intelligente Energielösung für

die Stadt

ectogrid ist für moderne Städte konzipiert

und wurde von schwedischen

Fernwärme-Spezialisten und Experten

für Wärmepumpen entwickelt.

Die Smart Grid Technologie sorgt für

die Interaktion im Netz. Dabei nutzt

das Energiesystem jene thermischen

Energieströme, die in modernen Städten

täglich durch unser Handeln entstehen.

Mit Hilfe eines hocheffizienten

kalten Nahwärmenetzes verbindet es

verschiedene Häuser innerhalb einer

Stadt oder eines Quartiers, sammelt

überschüssige Wärme- und Kälteenergie

und gleicht diese selbständig zwischen

den Gebäuden aus. Auch eine

gesamte Stadt kann theoretisch in das

Energiesystem integriert werden. Das

smarte Cloudsystem nutzt darüber hinaus

Algorithmen und Datenanalysen

über Verbraucherverhalten, Jahreszeiten,

Wetter oder Energiepreise, um

die Energieverteilung und -speicherung

optimal zu steuern.

Die im Netz verbundenen Häuser verwenden

Wärmepumpen und Kältemaschinen,

die je nach Bedarf der Gebäude

genutzt werden: Die Abwärme

der Kälteanlagen dient zum Heizen

und die Abkälte der Wärmepumpen

zum Kühlen. In Verbindung mit Verteilnetzen

und Speichern im Erdreich

entsteht eine Art thermische Batterie,

die den Kälte- und Wärmebedarf der

angeschlossenen Gebäude intelligent

ausbalanciert. Da das System mit derselben

niedrigen Temperatur arbeitet

wie seine Umgebung, geht kaum

Energie bei der Verteilung verloren.

Es benötigt nur dann externe Energie,

wenn das Potenzial der thermischen

Energieströme erschöpft ist.

Entstehen Energieüberschüsse oder

wird der Strom dringend für andere

Zwecke benötigt – etwa zum Aufladen

elektrischer Fahrzeuge – passt

38 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

Bis 2020 dauern die unterschiedlichen

Konstruktionsphasen im Medicon

Village; insgesamt soll das Energiesystem

zwölf Gebäude integrieren:

„Für uns und unsere Mieter ist es

wichtig, dass der ökologische Fußabdruck

unserer Tätigkeiten so niedrig

wie möglich ist. ectogrid ist eine Innovation,

die das widerspiegelt, was

wir sein wollen – ein nachhaltiger und

innovativer Forschungs- und Wissenschaftspark“,

sagt Mats Leifland, CEO

von Medicon Village.

Bild: E.ON

Energetische Nachhaltigkeit ist auch

einer der Grundsätze der Europäischen

Spallationsquelle ESS in Lund,

die dieses Jahr fertiggestellt wird. Die

weltweit modernste Neutronenquelle,

wie das Forschungszentrum Jülich

sagt, soll komplett CO 2

-neutral sein.

Dafür beziehe sie Strom aus Erneuerbaren

Energien und die entstehende

Abwärme werde in Lunds Fernwärmenetz

eingespeist. Davon profitiert

u.a. das neue Quartier „Science Village

Scandinavia“: „Der Kern unserer Nachhaltigkeitsvision

ist es, das ESS zu einer

der effizientesten und nachhaltigsten

Forschungseinrichtungen der Welt

zu machen. Die Wahl eines innovativen

Energiekonzepts wie ectogrid

für den ESS Campus steht damit völlig

im Einklang“, so Kent Hedin, Head of

Conventional Facilities, ESS.

ectogrid selbständig die Systemtemperatur

an den Bedarf an. ectogrid

kann außerdem als hybride Lösung

in bestehende Energiesysteme wie

Erdgasnetze oder Fernwärme integriert

werden: „Durch ectogrid ist es

möglich, sowohl die Verschmutzung

als auch den Energieverbrauch in

Städten drastisch zu senken. Damit

bekämpfen wir den Klimawandel und

transformieren gleichzeitig den urbanen

Energiemarkt“, erklärt Fredrik

Rosenqvist, Head of Business Innovation

und Miterfinder des neuen Energiesystems.

Leuchtturmprojekte in Lund

Wer sich ein eigenes Bild machen will,

wie ectogrid künftig in der Praxis

funktioniert, kann nach Lund fahren.

In der schwedischen Stadt wird Innovation

groß geschrieben, finden sich

hier doch verschiedene Forschungsund

Wissenschaftsquartiere, die an

die Bedürfnisse moderner Stadtentwicklung

angepasst sind und die von

dem neuen Energiesystem profitieren

wollen. So beispielsweise der Wissenschaftspark

Medicon Village, in

dem das erste ectogrid der Welt installiert

wird. Über 1.600 Menschen

in 120 Organisationen arbeiten hier

im Bereich Life Science. Jeder erwirtschaftete

Überschuss wird in weitere

Forschungs- und Innovationsvorhaben

reinvestiert. Das gilt auch für das

Geld, das die Betreiber durch die neue

Lösung von E.ON einsparen.

Markteinführung in Deutschland

ectogrid begeistert aber nicht nur

Menschen in Lund. Auch in Deutschland

konnte E.ON mit dem Kälte- und

Wärmenetz überzeugen. So hat kürzlich

die Jury des Handelsblatt Energy

Awards ectogrid als TOP 3 Technologie

in der Kategorie Smart Infrastructure

ausgezeichnet. E.ON führt derzeit

die Technologie in den deutschen

Markt ein. In Kooperation mit der

RWTH Aachen setzt das Unternehmen

eine vom Bundeswirtschaftsministerium

geförderte Machbarkeitsstudie

um. In einem Pilotprojekt sollen im

Baden-Württembergischen Immendingen

verschiedene Quartiere mit

ectogrid miteinander vernetzt werden,

um den Kälte- und Wärmebedarf

der Gebäude lokal auszugleichen. Auf

diese Weise werden die Quartiersnetze

zu Plattformen für die Umsetzung

der urbanen Energiewende –

partizipativ und bürgernah. f

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

39


Klimawandel

Baustelle Energiewende

Neue Bauleiter gesucht!

Gut ein Drittel des Stroms in Deutschland kommt bereits aus Erneuerbaren Energien, die

Energiewende genießt breite Zustimmung in der Bevölkerung. Doch Deutschland reguliert seit

Jahren seine eigene Energiewende erfolgreich herunter. Die Klimaziele sind unter den jetzigen

Rahmenbedingungen nicht mehr zu erreichen. Der Bundesrechnungshof hat 2018 gewarnt,

dass die Bundesregierung mit ihrem Generationenprojekt der Energiewende zu scheitern drohe.

Von Nicole Allé, Chefredaktion energiezukunft

EU-Kommissar Cañete wollte vor der Weltklimakonferenz

in Polen im vergangenen Jahr ein Zeichen

setzen und die Partner dazu ermutigen, mehr gegen

die Erderwärmung zu tun. Er hatte dafür plädiert, auf internationaler

Ebene bis 2030 das Niveau für die Senkung

der Treibhausgase weiter anzuheben. Doch sein Vorschlag

stieß auf Ablehnung. Widerstand kam auch aus Deutschland

von Seiten der Bundesregierung und der Industrie

– kein Wunder, wird Deutschland ja selbst das 2020-Ziel

klar verfehlen. Dabei hat Angela Merkel einst die internationalen

Klimaverhandlungen mitgeprägt, mit ehrgeizigen

Zusagen beschleunigt und Skeptiker überzeugt. Doch in

Deutschland hat sie kaum etwas davon umgesetzt. Dabei

ist alles bekannt. In den Ministerien sitzen kluge Berater

und Experten, doch sie finden kein Gehör. Stattdessen wurde

in den vergangenen Jahren der Fortschritt der Energiewende

totreguliert. Dabei sinken die Gestehungskosten

für Erneuerbare Energien, die Erträge steigen. Heute

lässt sich Solarstrom so günstig erzeugen wie

noch nie. In den ersten neun Monaten 2018

etwa wurde in Deutschland bereits so

viel Solarstrom erzeugt wie im Jahr

2017, berichtet der Bundesverband

Solarwirtschaft.

Trotz guter Zahlen ist

die Branche verärgert.

„Es

herrscht

40 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

großes Unverständnis, warum der

Ausbau der Solarenergie in Deutschland

noch immer so erschwert wird“,

sagt Carsten Körnig, Geschäftsführer

des BSW. Die Bundesregierung hat

den Ausbau von Solaranlagen ab einer

Leistung von 750 Kilowatt gedeckelt,

2018 wurden in drei Ausschreibungen

nur 600 Megawatt neue Kapazitäten

ausgeschrieben. Viel zu wenig,

um das eigene Ziel von 65 Prozent

Erneuerbaren Energien am

Stromverbrauch bis 2030

zu erreichen.

Foto: denisismagilov / stock.adobe.com

Bäume statt Kohle – die Wende im

Wald

Nach Rekordsommer und einer

alarmierenden Heißzeitstudie sind

zunehmend Menschen für das Thema

Klimaschutz und Energiewende sensibilisiert.

Dabei erfahren beispielsweise

Klimaaktivisten, die 2018 im Hambacher

Wald demonstriert haben, eine

ungeahnte Unterstützung von einem

breiten zivilgesellschaftlichen Bündnis.

Es erinnert an die Anti-AKW-Bewegung

der 80er-Jahre. RWE und die

nordrhein-westfälische Landesregierung

bewegen sich zwar noch im gesetzlichen

Rahmen, doch das Beharren

auf veralteten Strukturen verstößt

gegen jede ökologische als auch ökonomische

Vernunft. Zumal die Kohle

unter dem Wald für eine verlässliche

Stromversorgung in den kommenden

Jahren noch nicht mal benötigt wird.

500 Windkraftanlagen oder 29 Quadratkilometer

Solaranlagen könnten

die Menge Strom ersetzen, die RWE

mit der Braunkohle unter dem Hambacher

Wald erzeugen will, hat Volker

Quaschning, Professor für das Fachgebiet

Regenerative Energiesysteme an

der Hochschule für Technik und Wirtschaft

HTW Berlin, ausgerechnet. Die

Folgekosten mit eingerechnet, wäre

der vergleichbare Ökostrom nicht nur

klima- und umweltschonender, sondern

sogar deutlich günstiger.

Energiewende um Faktor vier

beschleunigen

Doch die Regierung macht einmal

mehr den Kotau vor der klimaschädlichen

Industrie. „Sie schadet damit

der gesamten deutschen Volkswirtschaft

und verspielt genau die Jobs,

die sie angeblich retten will“, sagt der

Autor Franz Alt. Ohne Einbeziehung

klima- und energiepolitischer Ziele

in ihrer strategischen Ausrichtung

könnten wichtige deutsche Industriesparten

bald immens an Vermögenswerten

verlieren, warnt die Stiftung

2 Grad. Bisher werden immer noch

große Summen in Öl-, Gas- und Kohleprojekte

investiert. Eine wachsende

Divestment-Bewegung versucht gegenzusteuern:

Fonds und Institutionen

ziehen ihr Geld aus klimaschädlichen

Energien ab und lenken es

in nachhaltige Kapitalanlagen und

klimaschützende Unternehmen. Jede

Einsparung von fossilen Energieimporten

hat positive Effekte auf die

Energiesicherheit und die Volkswirtschaft.

Für Menschen, die in der alten

fossilen Energiewirtschaft beschäftigt

sind, geht die Energiewende jedoch

meist mit Zukunftsangst einher. Ihnen

müssen Chancen aufgezeigt werden

anstatt ihnen vorzugaukeln, dass

ihre Arbeitsplätze auf Jahre sicher

bleiben. „Wenn wir die Probleme ignorieren,

werden sie am Ende nicht

verschwinden, sondern uns mit noch

größerer Wucht treffen“, warnt Professor

Quaschning und fordert, das

Tempo der Energiewende „um den

Faktor vier“ zu steigern. „Wir müssen

endlich akzeptieren, dass die Zeit für

den Abschied von den fossilen Brennstoffen

gekommen ist. Für eine erfolgreiche

Sektorenkopplung brauchen

wir eine Elektrizitätsversorgung, die

vollständig durch Erneuerbare Energien

gedeckt wird.“

Preise müssen die ökologische

Wahrheit sagen

Laut des Sozialen Nachhaltigkeitsbarometers

zur Energiewende, die das

Potsdamer Institut IASS erstellt hat,

erhält der Kohleausstieg eine ähnlich

hohe Zustimmung wie der Atomausstieg.

Eine große Mehrheit in Deutschland

empfindet die Transformation

in der jetzigen Form jedoch als ungerecht,

chaotisch und teuer – dabei geht

es um die ungerechte Verteilung der

Kosten. 72 Prozent der Bevölkerung

lehnen die Ausnahmeregelungen für

die Industrie bei der EEG-Umlage ab

und 60 Prozent fordern: „Wer mehr klimaschädliche

Emissionen verursacht,

soll mehr dafür zahlen.“ Zu diesem

Schluss kam auch der Bundesrechnungshof

und kritisiert, dass Aufwand

und Ertrag beim ökologischen Umbau

der Energieversorgung in einem

„krassen Missverhältnis“ stehen. >>

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

41


Klimawandel

Die Steuerung der Energiewende durch das Wirtschaftsministerium

sei mangelhaft und erreiche ihr zentrales Ziel

nicht – nämlich die Senkung der CO 2

-Emissionen. Statt die

Energiewende mit einer Vielzahl komplizierter Gesetze und

Verordnungen zu regeln, solle die Bundesregierung einen

rechtlichen Rahmen und ökonomische Anreize zu umweltverträglichem

Verhalten setzen – mit einer allgemeinen

CO 2

-Bepreisung, wie es viele Energieexperten und Klimaökonomen

längst fordern. Damit würde der Ausstoß von

Treibhausgasen für Industrie, Gewerbe und Verbraucher

teurer und der Umstieg auf klimafreundliche Technologien

wirtschaftlich angetrieben. Umlagen und Steuern könnten

entfallen und das Regelungsdickicht gelichtet werden.

Nachhilfe für den Energieminister

Und was sagt der schlecht benotete Steuermann Peter

Altmaier dazu? Er sieht immer noch keinen Handlungsbedarf.

In einem Interview erzählt er dagegen wie selbstverständlich,

dass er sich just zuhause eine neue Ölheizung

hat einbauen lassen. „Daran kann man ermessen, wie es

im einstigen Vorreiterland um Energiewende und Klimaschutz

steht“, kommentiert der Grünen-Fraktionsvize im

Bundestag Oliver Krischer auf Twitter. „Was hätten Sie

denn einbauen lassen?“, twittert Altmaier zurück. Krischer

schickt ein Foto vom eigenen Haus mit begrünter Fassade,

PV-Anlage und Solarthermie auf dem Dach. „Ich wollte

ja Wärmepumpe + Solarthermie und PV + alten Kessel für

Extremlagen. Gab dafür leider keine Steuerung“, antwortet

der Bundesenergieminister. Dass es bei der Steuerung der

Energiewende auch mächtig schief läuft wurde ihm ja nun

bestätigt. Es fehlt die ausreichende Lenkung für Investitionen

in saubere Technologien, im Gegenteil gibt es Steuerboni

und Zuschüsse für fossile Heizsysteme und Brennstoffe.

„Statt Stückwerk bei der Energiewende braucht es

endlich grundlegende Reformen“, sagt Jan Dobertin, Geschäftsführer

des Landesverbands Erneuerbare Energien

NRW. Auch er befürwortet eine CO 2

-Bepreisung, doch dabei

müsse das System insgesamt aufkommensneutral umgesetzt

werden und in der Summe keine zusätzlichen Steuereinnahmen

entstehen. Bekommen wir den Klimawandel

also in den Griff, wenn CO 2

teurer wird? „Politische Reden

bewirken wenig, aber die Macht der Preise schlägt massiv

zu“, sagt Prof. Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-

Instituts für Klimafolgenforschung. Hans-Josef Fell, Präsident

der Energy Watch Group und Mitautor des EEG, geht

noch einen Schritt weiter und fordert eine Steuer auf alles,

was klimaschädlich ist – nicht nur auf CO 2

, sondern ebenso

auf Methan, auf Radioaktivität, auf Feinstaub und Stickoxide,

klimaschädliche Kältemittel und Glyphosat.

Totalausfall beim Klimaschutz wird teuer

Über viele Jahrzehnte hat sich eine Gesetzgebung entwickelt,

die die Interessen der fossilen Wirtschaft befördert.

Dabei sind alle notwendigen Technologien und auch marktwirtschaftlichen

Konzepte für eine CO 2

-arme Zivilisation

verfügbar – und sie sind auch bezahlbar. Doch wenn die

Bundesregierung Energiewende und Klimaschutz weiterhin

blockiert, werden die europarechtlich verbindlichen

Ziele in allen folgenden Jahren weit verfehlt werden – und

das wird teuer für die Steuerzahler, warnt eine Studie

von Agora Energiewende. Um die Defizite auszugleichen,

müsste Deutschland bis 2030 für bis zu 60 Milliarden Euro

Emissionsberechtigungen von anderen EU-Ländern zukaufen.

Dabei sind die Erneuerbaren Energien der große Klimaschutz-Faktor

in Deutschland. Sie allein vermieden 180

Mio. Tonnen CO 2

im Jahr 2017 – so viel, wie der gesamte

deutsche Verkehrssektor ausstieß. Die erneuerbare Energieversorgung

darf dabei nicht nur Aufgabe der ländlichen

Räume sein, auch Ballungsräume bieten große Potenziale:

Kluge Energiekonzepte für Quartiere, E-Car-Sharing-

Modelle, Solarpachtmodelle, Mieterstrom und vieles mehr.

Häufig mangelt es auch nur an der Vorstellungskraft, wie

ein verändertes Energiesystem aussehen und funktionieren

könnte. Für Nutzer, Eigentümer oder Mieter von Autos

oder Wohnungen ist die Komplexität der Gesetze, Verordnungen

und Normen zudem oft nicht mehr überschaubar,

noch weniger nachvollziehbar. Täuschungsmanöver der

Industrie erschüttern zudem die Glaubwürdigkeit.

Klient Erde

Man kann nicht mehr darauf warten, dass Politiker auf die

Klimabedrohung angemessen reagieren, meint der Jurist

und ehemalige Bundestagsabgeordnete Hermann Ott und

ruft deshalb die Juristen auf den Plan. Die Gesetze zu mehr

Klimaschutz seien ja längst da – sie müssten nur eingehalten

werden. In der gerade erst eröffneten Berliner Dependance

der internationalen Umweltrechtsorganisation

ClientEarth will er die Causa Klimaschutz in Deutschland

voranbringen – denn die Organisation zieht Regierungen

und Konzerne vor Gericht, um sie zum Klimaschutz zu

zwingen. In den Niederlanden hat die Organisation Urgenda

es geschafft, dass die Regierung von einem Gericht dazu

verurteilt wurde, strengere Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen.

Das ließe sich auf Deutschland übertragen. Liefert

die Kohlekommission nicht, muss der Klimaschutz juristisch

durchgesetzt werden, fordert Ott.

Klimaschutz in die Verfassung

Die Grünen im Bundestag schlagen deshalb vor, die Verpflichtung

zum Klimaschutz im Grundgesetz zu verankern,

dafür müsste Artikel 20a erweitert werden. Wer dann verbindliche

Klimaziele wie das Pariser Abkommen ignoriert,

beginge Verfassungsbruch. Und auch die Nutzung der

Kernenergie zur Stromerzeugung soll nach Vorstellung der

Grünen untersagt werden. Zusätzlich angepasst werden

soll der Artikel 106 und somit eine Besteuerung von CO 2

42 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

möglich werden. In Bayern hatte der Verein

Klimaschutz – Bayerns Zukunft“ im September

2018 ein Volksbegehren gestartet,

um den Klimaschutz und damit auch eine

vollständige Umstellung der Energieversorgung

auf Erneuerbare Energien in die

Bayerische Verfassung zu heben. Kurz

davor hatten in Frankreich nach einer

Initiative des französischen Umweltministers

Nicolas Hulot die Abgeordneten

in der Nationalversammlung den „Schutz

der Umwelt, einschließlich Schutz der Artenvielfalt

und Maßnahmen gegen die globale

Erwärmung“ in Artikel 1 der französischen

Verfassung aufgenommen. Doch in der

gesamten europäischen Energiepolitik gibt es

derzeit kein gemeinsames ehrgeiziges Ziel, alle

verfolgen nationale Energieinteressen – von Kohle

in Polen und Deutschland bis zu Atom in Frankreich.

Anreize statt politische Hürden

Die Studie „Transparenz Stromnetze“ des Öko-Instituts

zeigt, dass ein kompletter Kohleausstieg bis 2030 möglich

wäre und Erneuerbare Energien mit 85 Prozent an der gesamten

Stromerzeugung dann zum dominanten Akteur

werden können. Für eine dezentrale Bürgerenergiewende

mit einem Kohleausstieg bis 2030 müsste das Marktdesign

kräftig umgekrempelt werden, sagt Malte Zieher,

Vorstandsmitglied im Bündnis Bürgerenergie, und sieht

gerade das als große Chance. „Das Szenario kommt mit einem

geringeren Netzausbau aus, als es die Übertragungsnetzbetreiber

für 2030 vorsehen, obwohl diese nur von 52,5

Prozent Erneuerbaren und noch 19 Gigawatt an Kohlekapazitäten

ausgehen. Eine beschleunigte Energiewende wäre

dementsprechend nicht nur möglich, sondern es gibt viele

gute Gründe, sie auch anzugehen“, sagt Zieher. „Geringere

variable Stromerzeugungskosten, deutlich geringere

CO 2

-Emissionen, ein guter Ausgleich von Stromerzeugung

und -nachfrage, eine ausgeglichene Import-Export-Bilanz

und 34 statt 48 nötige Netzausbauvorhaben.“ Im Zusammenspiel

mit Energieeinsparungen und -effizienzmaßnahmen

müssten der Ausbau von Wind- und Solarenergie in

allen Bundesländern gleich verteilt und Speichermöglichkeiten

vor Ort erweitert werden. Das unsinnige System der

Ausschreibungen müsste abgeschafft werden, das zu einer

starken Verunsicherung aller Akteure geführt habe, was

bspw. an der dramatisch eingebrochenen Zahl der Genehmigungen

für Windkraftanlagen abzulesen sei. Für Photovoltaik-Anlagen

würde ein solcher Anreiz z.B. in einem

Bürgerstromhandel auf der untersten Netzebene bestehen,

den die neue Erneuerbare- Energien-Richtlinie der EU vorsieht.

In Griechenland werde das bereits praktiziert. Die

regionale Sektorenkopplung werde nur möglich, so Zieher,

wenn die Abgaben auf Energie dafür Anreize bieten.

Energiewende selber machen

Es ist ja vieles schon da: Gebäude, die kaum mehr Energie

verbrauchen oder sogar produzieren, Heizen mit der

Sonne, Nullemissionsfabriken, Autos, die mit Ökostrom

fahren, energieautarke Dörfer und Inseln oder Bioenergie-Kommunen.

Manchmal fehlen nur die Kenntnisse

zur Nutzung der neuen Energien und Systeme. Die Nordseeinsel

Borkum testet solche Systeme in der Praxis. Der

Standort ist ideal für die Erprobung von Energiespeichern

und Energiemanagementsystemen, also genau jenen Technologien,

die in Zukunft für die Energiewende notwendig

werden, wenn die wetterabhängige Wind- und Solarstromerzeugung

zunehmen wird. Bis 2030 will die Gemeinde

klimaneutral sein. Seit rund acht Jahren energieautark ist

auch das kleine Dorf Feldheim im südlichen Brandenburg,

wo der größte Batteriespeicher Europas am Netz ist. Es ist

das erste Dorf in Deutschland, das sich zu 100 Prozent eigenständig

mit Ökostrom versorgt – und andere mit. Die

Dorfbewohner haben vor acht Jahren die Energiewende auf

eigene Faust umgesetzt und investierten gemeinsam in

das eigene Strom- und Wärmenetz. Wirtschaftliche Gründe

standen hier im Vordergrund, sagen die Feldheimer, der

Klimaschutz ist ein schöner Nebeneffekt. f

Im Original erschienen im Magazin „energiezukunft“;

Ausgabe „Baustelle Energiewende – Was jetzt zu tun ist",

Heft 25, Herbst 2018

Bild: Ismagilov / stock.adobe.com

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

43


Klimawandel

Weniger

Stromtrassen

gut für die

Volkswirtschaft?

Forscher haben den deutschen Stromhandel

analysiert: Regionale Preise und

weniger Stromtrassen können zu einem

großen volkswirtschaftlichen Gesamtnutzen

führen.

Foto: Marion Lenzen

Das System, wie in Deutschland Strom gehandelt und

verteilt wird, könnte effizienter sein. Zu diesem Ergebnis

kommt eine Untersuchung von Mathematikern und

Volkswirten der Universität Trier und des Energie Campus

Nürnberg. Die Großhandelspreise für Strom entstehen in

Deutschland an der Strombörse in Leipzig. Dort handeln

Stromproduzenten mit den -verbrauchern die Strommengen

für den kommenden Tag.

„Was bei diesem Handel allerdings nicht berücksichtigt

wird, ist die Frage, ob der Strom überhaupt transportiert

werden kann“, schildert Martin Schmidt, Mathematik-Professor

an der Universität Trier, das Problem. Im Norden

Deutschlands wird unter anderem durch Windkraftanlagen

vergleichsweise viel Strom produziert, während im Süden

sehr viel Strom verbraucht wird. Doch aktuell fehlt es oft an

den notwendigen Leitungen, um diesen Strom zu transportieren.

So kann es dazu kommen, dass die Netze gar nicht

die notwendigen Kapazitäten frei haben, um den Strom

zum Endkunden zu bringen. Die Netzbetreiber müssen sich

daher häufig mit den Kraftwerksbetreibern abstimmen, um

die Handelsergebnisse so zu modifizieren, dass der Strom

auch transportiert werden kann – und das bedeutet bis zu

einer Milliarde Euro pro Jahr an Mehrkosten.

„Eine mögliche Lösung wäre der Ausbau von Stromtrassen.

Doch Hochspannungsleitungen, die quer durch das

Land laufen, stoßen in den betroffenen Regionen auf Widerstand.

Zudem ist dieser Ausbau sehr teuer. Letztendlich

werden die Kosten mit den Netzgebühren auf die Stromverbraucher

umgelegt“, erklärt Martin Schmidt. Er und seine

Foto: Marion Lenzen

44 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

Grün-grüner Konflikt: Fledermausschutz

im Kontext der Energiewende

Der schrittweise Umstieg der Energieversorgung auf regenerative Quellen ist ein Prozess mit hoher gesellschaftlicher

und politischer Akzeptanz. Der Hauptgrund für die Abkehr von fossilen und nuklearen Brennstoffen für die Stromerzeugung

ist umweltpolitischer Natur: Windräder, Solarzellen und Biogasanlagen wirken sich positiv auf die CO 2

-

Bilanz aus und bergen keine Langzeitrisiken. Dennoch haben diese Anlagen keine reine „grüne“ Weste, denn ihre

Produktion selbst ist oft energieaufwändig und ressourcenintensiv. Dazu kommt, dass Windräder ein erhebliches

Risiko für Vögel und Fledermäuse darstellen können.

Foto: Eric Isselée / stock.adobe.com

Leibniz-IZW-WissenschaftlerInnen der Abteilung für Evolutionäre Ökologie erforschen seit geraumer Zeit das Risiko,

welches für Fledermäuse von Windkraftanlagen ausgeht. Dieses Risiko besteht in erster Linie in der Kollision mit den

Anlagen beziehungsweise in für Fledermäuse tödlichen Luftturbulenzen, denen die Tiere durch die enorme Rotationsgeschwindigkeit

der Rotorblätter ausgesetzt sind. Trotz der behördlichen Auflagen im Betrieb von Windkraftanlagen

verstirbt immer noch eine große Zahl an Fledermäusen in Deutschland. Die Dunkelziffer scheint hoch zu sein. Die ForscherInnen

um Abteilungsleiter Christian Voigt haben zudem herausgefunden, dass Fledermäuse vor allem während

ihrer jährlichen Migration an Windkraftanlagen versterben. Deswegen sind nicht nur lokale Bestände bedroht, sondern

auch mitunter weit entfernte Populationen in Skandinavien, Finnland, dem Nordwesten Russlands oder dem Baltikum.

Die Arbeitsgruppe arbeitet daran, die zu Tage tretenden Konflikte zwischen Artenschutz und Energiewende zu lösen.

Problemfall Windenergie

Ab 2020 endet für viele Windräder die staatliche

Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz

(EEG). Das Problem: Aufgrund der niedrigen Börsen-

Strompreise können viele der Anlagen ohne den öffentlichen

Zuschuss nicht rentabel arbeiten. Nach 20

Jahren Laufzeit kommen viele Windräder außerdem

in die Jahre. Aus diesen Gründen werden wohl künftig

viele Windkraftanlagen zurückgebaut. Denn ungenutzte

Windräder dürfen laut Baugesetzbuch nicht herumstehen,

wie die Stuttgarter Nachrichten berichten.

Bodenversiegelungen sind darüber hinaus zu beseitigen.

Doch wie sieht es mit dem Recycling der Windräder

aus? Das Zentrum für Ressourceneffizienz des

Vereins Deutscher Ingenieure sagt, dass 80 bis 90

Prozent der Materialien wie Stahl, Kupfer und Beton

wiederverwertet werden können.

Anders sieht es mit den Rotorblättern neuerer Generationen

aus, da sie aus Verbundstoffen bestehen: „Diese

Stoffe sind nur schwer voneinander zu trennen und

damit schwierig zu recyceln. Mitunter auch, weil CFK

(Kunststoff) und GFK (Glasfaserverstärkter Kunststoff)

mitverarbeitet sind – Stoffe, die nicht abbaubar sind“,

erklärt das energieverbraucherportal.

Kollegen haben alternative Ansätze untersucht, die bereits

in Teilen von Skandinavien oder Nordamerika praktiziert

werden: Der Stromhandel könne dezentralisiert werden,

sprich, Strom könnte zu regional unterschiedlichen Preisen

gehandelt werden, falls die Netzkapazitäten zwischen

den Regionen nicht ausreichen. Die Wissenschaftler kommen

zu dem Ergebnis, dass dadurch weniger neue Stromtrassen

gebaut werden müssten.

Schon wenn Deutschland in nur zwei Regionen – eine nördliche

und eine südliche – unterteilt würde, gäbe es ein Einsparpotenzial

von bis zu einer Milliarde Euro pro Jahr. Die

Wissenschaftler bezeichnen diesen Wert als Wohlfahrtsgewinn.

„Bisher ist das jedoch politisch noch nicht gewollt.

Die Preise für Strom in Norddeutschland würden vorerst

sinken, während Kunden in Süddeutschland mehr bezahlen

müssten“, erklärt Martin Schmidt.

Der Vorschlag der Wissenschaftler hätte noch einen zweiten

Vorteil: Bisher aufgrund mangelnder Wirtschaftlichkeit

nicht genutzte Energieerzeugungsanlagen im Süden

Deutschlands wären dann konkurrenzfähig.

Auch alternative regionale Aufteilungen des Strommarkts

– beispielsweise in drei, vier oder noch mehr Gebiete – haben

die Wissenschaftler mit komplexen mathematischen

Verfahren durchkalkuliert. „Mit mehr als zwei Gebieten

würde sich der Wohlfahrtsgewinn noch steigern lassen,

allerdings nicht in einem Ausmaß, dass sich der noch

größere Systemwechsel lohnen würde“, erklärt Martin

Schmidt. f

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

45


Klimawandel

Wer das Klima retten will,

benötigt auch Rohstoffe

Ressourceneffizienz ist ein Kernbereich einer nachhaltigen

Wirtschaftsweise. Im Fokus: Verantwortungsvolles, ökonomisches

Wachstum soll weitestgehend vom Rohstoff-Einsatz

entkoppelt werden. Auf diese Weise würden der Ressourcenverbrauch

und damit die Umweltbelastung nicht weiter ansteigen,

ohne Wohlstand und Wirtschaftswachstum

grundsätzlich in Frage zu stellen. Was sich in der Theorie so

einfach anhört, stößt aber in der Realität schnell an Grenzen.

Beispielsweise bei der Umsetzung der

nachhaltigen Entwicklungsziele der

Vereinten Nationen oder des Pariser

Klimaabkommens, wie Professor

Mario Schmidt vom Institute for

Industrial Ecology der Hochschule

Pforzheim sagt: „Nachhaltigkeit heißt,

dass wir weltweit die sozialen Bedingungen

verbessern und gleichzeitig

Klimaschutz betreiben wollen, dass

wir einen großen Teil unserer Energieversorgung

auf regenerative Energien

umbauen müssen. Dafür benötigen

wir enorme, rohstoffintensive

Infrastrukturmaßnahmen.“

Herausforderung und zeitliches

Problem

Warum ist das so? Weil regenerative

Energien eine niedrigere Exergiedichte

als fossile Energieträger haben.

Dementsprechend werden riesige

Flächen an Solar- oder Windkraftanlagen

benötigt, um den globalen Strombedarf

zu decken: „Aufgrund des

schwankenden Energieangebots brauchen

wir außerdem große Netze und

Speicher.“ Wie sich das auf den Rohstoffbedarf

auswirken könnte, verdeutlicht

Schmidt am Beispiel Kupfer:

So werden etwa alleine für einen

Kilometer HGÜ-Leitung, die Energie

über große Distanzen transportiert,

28 Tonnen Kupfer verarbeitet. Wenn

man den Bedarf des Metalls für neue,

emissionsarme Technologien für das

Jahr 2050 global hochrechnet, müssten

viele neue Minen erschlossen werden,

so Schmidt.

Das Problem: Kupferminen benötigen

eine Vorlaufzeit von 15 bis 20 Jahren,

bevor sie in Betrieb gehen können.

Demzufolge müssten die Besitzer jetzt

in die Minen investieren, damit sie

Jahrzehnte später das Kupfer für die

neuen Technologien liefern: „Im privaten

Sektor wird aber erst investiert,

wenn der Bedarf wirklich absehbar

ist. Wenn wir also heute nicht die Signale

für den weltweiten Umstieg auf

regenerative Energien und die Erfüllung

des 1,5-Grad-Ziels geben, wird

sich der Prozess verzögern und wir

werden aufgrund fehlender Rohstoffe

das Klimaziel für 2050 nicht erreichen

können.“

Das Narrativ der versiegenden

Rohstoffquellen

ist falsch!

Herr Professor Schmidt, Sie sagen,

dass wir die Erfüllung der Nachhaltigkeitsziele

der Vereinten Nationen

nur unter Einsatz großer Rohstoffmengen

umsetzen können. Es heißt

aber, dass uns die Rohstoffe ausgehen.

Die jüngsten Prognosen des International

Resource Panels gehen

selbst im besten Fall von einem

weiteren Anstieg des Rohstoffbedarfs

bis 2060 aus. Die Angst vor einem

Versiegen der Rohstoffe steht

dabei nicht im Vordergrund, das ist

eher ein immer wiederkehrendes

Narrativ in der Öffentlichkeit. Es war

mit dem Bericht des Club of Rome

wichtig für das Erstarken der Umweltbewegung,

um auch politisch

Gehör zu finden. Aber wir wissen

heute: Es ist falsch. Die Rohstoffe

versiegen nicht, zumindest nicht in

für die Menschen überschaubaren

Zeiträumen.

Aber viele Wissenschaftler behaupten

das.

Es gibt hier seit Jahren einen Streit

zwischen Geowissenschaftlern und

Umweltwissenschaftlern, der auf

ganz unterschiedlichen argumentativen

Ebenen ausgetragen wird

und manchmal skurril anmutet.

Die Fakten aus der Geologie sprechen

aber dafür, dass wir noch sehr

lange genügend Rohstoffe fördern

können.

46 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

Also ist das Ressourcenproblem gar

keines?

Nein, so kann man das nun auch wieder

nicht sagen. Vor allem gehören zu

den natürlichen Ressourcen nicht nur

Metalle und Baumineralien, sondern

auch fossile Energieträger, die nach

derzeitigem Wissensstand hauptverantwortlich

für die Klimaerwärmung

sind. „Peak Oil“ ist hier eher Wunschdenken

als Realität: Es gibt leider noch

viel zu viel an fossilen Ressourcen.

Dazu kommt Wasser als Ressource,

die wir verschmutzen, und die Biodiversität,

die wir durch Eingriffe in die Natur

dramatisch verringern. Das Ressourcenproblem

ist also vielschichtiger, übrigens

auch im Bereich der Metallerze.

Was ist das Problem bei den Metallen?

Einerseits die ökologischen und sozialen

Bedingungen, unter denen mineralische

Rohstoffe abgebaut werden. Hier

gibt es einen riesigen Handlungsbedarf,

aber das betrifft eben hauptsächlich

die Abbausituation in Ländern des

sogenannten „Global South“, während

die Hauptkonsumenten der Rohstoffe

im „Global North“ sitzen. Wir haben

2018 viele solcher Minen besucht und

die Verhältnisse sind erschreckend.

Andererseits treffen wir mit dem Narrativ

der versiegenden Quellen die falschen

politischen Entscheidungen.

Was meinen Sie damit?

Wenn ein Rohstoff, auf den unsere

moderne Gesellschaft unersetzlich

angewiesen ist, wirklich versiegen

würde, dann müssten wir alles tun,

um ihn zu recyceln. Total! Das Schließen

von Kreisläufen ist aber ebenfalls

mit Aufwand verbunden, der ab einem

bestimmten Punkt auch mit sehr viel

Energieeinsatz und mit Umweltbelastungen

verbunden ist. Das war gerade

Gegenstand von Forschungsprojekten,

die wir durchgeführt haben.

Recycling schadet also der Umwelt?

Nein, das wäre falsch formuliert. Bei

geringen oder mittleren Recyclingquoten

ist Recycling besser als die Gewinnung

aus primären Quellen, also

aus Bergwerken. Wenn man aber die

Recyclingquote stark steigert, dann

braucht man dafür enorm viel Energie.

Denn viele Metalle sind in nur geringen

Konzentrationen in unseren Produkten.

Dieses Aufkonzentrieren kostet die viele

Energie. Wenn die Energie dann aus

fossilen Quellen kommt, haben wir einen

Konflikt zwischen verschiedenen

Umweltzielen – der Schonung von

Ressourcen auf der einen Seite und

dem Schutz des Klimas auf der anderen

Seite.

Aber es werden doch immer mehr regenerative

Energien eingesetzt, so dass

das irgendwann keine Rolle mehr spielt

und die Vision von der Circular Economy

wahr werden könnte.

Der weltweite Rohstoffbedarf steigt angesichts

der wachsenden Weltbevölkerung

sowie der Armutsbekämpfung

und lässt sich in absehbarer Zeit nicht

durch Recycling decken, höchstens etwas

verlangsamen. Die regenerativen

Energien sind erst langsam im Kommen,

global betrachtet. Das Problematische

ist, dass wir in Deutschland zwar

für Recycling sind, aber die dafür notwendige

Industrie verdrängen wollen,

weil sie zu viel Strom verbraucht oder

keine EEG-Umlage bezahlt. Die geht

dann nach China oder Russland, wo

Kohle, Erdöl und Kernenergie weiterhin

die Basis der Energieversorgung sind.

Für das Klima ist damit nichts gewonnen.

Und obendrein begeben wir uns

damit – selbst beim Recycling – in eine

ökonomische Abhängigkeit von diesen

Ländern, also nicht nur bei der Belieferung

aus primären Rohstoffquellen. In

der Fachszene spricht man hier von der

„Kritikalität der metallurgischen Infrastruktur“,

die man sehr ernst nehmen

muss. Diese Zusammenhänge werden

von der Politik bislang kaum beachtet.

Was ist Ihre Empfehlung?

Natürlich müssen wir mit Rohstoffen

sparsam umgehen und auch Recycling

bei uns fördern, weil es in den meisten

Bereichen noch zu gering ist und verbessert

werden kann, auch zum Nutzen

der Umwelt. Dafür brauchen wir zwingend

die industrielle Infrastruktur, und

das auf höchstem technischen Niveau.

Und wir müssen für die sogenannte

„Circular Economy“ klare umweltpolitische

Ziele vorgeben – das wichtigste

ist hier nun mal der Klimaschutz. „Close

the Loop“ als Selbstzweck macht

keinen Sinn. Das ist die Lehre aus der

Rohstoffdiskussion. Weiterhin müssen

die Auswirkungen von Maßnahmen

global betrachtet werden und dürfen

nicht an Ländergrenzen Halt machen.

Deshalb reicht die Fixierung auf das

Erreichen nationaler Klimaschutzziele

nicht aus. Aber wir erreichen damit leider

eine Komplexität, die die Öffentlichkeit

und auch die Politik überfordert.

Das ist unser Dilemma. f

Foto: Thomas Linß / stock.adobe.com

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

47


Klimawandel

Von Dr. Elmer Lenzen

So senken Unternehmen ihren

CO 2

-Ausstoß

Der letzte Sommer war viel zu trocken. Landwirtschaft,

aber auch Industrie litten darunter. Diesen Frühling sorgen

wiederum Stürme und sinnflutartiger Regen rund um

den Globus für enorme Schäden. Extremwetter-Ereignisse

werden zur Regel.

Um diese Entwicklung einzuhegen, setzt die internationale

Staatengemeinschaft auf eine gemeinsame Klimapolitik.

„Wir wissen, dass wir im Laufe des Jahrhunderts eine Dekarbonisierung

brauchen“, sagte Bundeskanzlerin Angela

Merkel im Sommer 2015 zum Abschluss des G7-Gipfels.

In Berlin drückt man dafür mittlerweile auf´s Tempo. Allen

voran Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) verlangt,

dass alle ihren Beitrag leisten und verlässliche Pfade

einschlagen sollen. Das Pflichtenheft für die Wirtschaft

trägt den Titel „Dekarbonisierung im Industriesektor“ und

kursiert seit einigen Monaten. Darin ist nachzulesen: „Das

Förderprogramm soll ein wesentlicher Baustein sein, um

das Ziel einer weitgehenden Treibhausgasneutralität bis

2050 in emissionsintensiven Industriebranchen mit treibhausrelevanten

Energie- und Prozessemissionen zu erreichen.

Für das 2030-Ziel werden erste Beiträge erwartet.“

Wie kann dieser Beitrag konkret aussehen? Was heißt das

für Unternehmen ganz konkret?

1. Wenn die Politik die selbstgesteckten Ziele des Pariser

Klimaabkommens ernst nimmt, dann muss rigoroser

CO 2

eingespart werden. Von allen. Die staatlichen Auflagen

werden in diese Richtung gehen.

2. Klare Zielvorgaben verlangen Nachprüfbarbeit. Angaben

über den Emissionsausstoß werden auf Dauer verbindlicher

sein, als es heute noch der Fall ist. In diese

Richtung drängt etwa die „Task Force on Climate-Related

Financial Disclosures“ (TCFD) unter Leitung von Michael

Bloomberg.

3. Bereits mittelständische Unternehmen tun daher gut

daran, sich darauf einzustellen, weil spätestens der Einkauf

der Großunternehmen hier in naher Zukunft belastbare

Kennzahlen abfragen wird.

48 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

Zudem sollte von Anfang an Klarheit herrschen bei Fragen

des Zeithorizonts (Geht es um kurzfristige oder langfristige

Ziele?), der Systemgrenzen (Welche Standorte und Emissionsquellen

sollen einbezogen werden?) sowie des Ambitionsniveaus

(Wie viele THG-Emissionen sollen eingespart

werden?). Auch gesetzgeberische Entwicklungen und

Erwartungen seitens der Stakeholder sollten vorab mitgedacht

werden. Eine ganz praktische Alltagsproblematik ist

auch die Erhebung der Daten. Hier sollten frühzeitig Mitwirkende

eingebunden werden.

Was ist der Corporate Carbon Footprint?

Der Carbon Footprint beschreibt die Gesamtmenge

an Treibhausgasemissionen, die direkt und indirekt

von einer Person, einer Organisation, einem Event

oder einem Produkt ausgehen. Der Corporate Carbon

Footprint (CCF) betrachtet die Emissionen eines

Unternehmens in t CO 2

e pro Jahr.

Mit Klimamanagement anfangen

Die Einführung eines betrieblichen Klimamanagements ist

eine sinnvolle Ergänzung zu bestehendem Umwelt-, Energie-

und/oder Nachhaltigkeitsmanagement. Vieles wird an

diesen Stellen oft bereits erfasst, neu sind dann eher die

Maßnahmen, die sich ergeben.

Etablierte Methodenstandards wie etwa das GHG Protocol

oder ISO 14064 bieten Orientierung bei der Berechnung

und Berichterstattung eines Corporate Carbon Footprints,

beantworten aber nicht alle Fragen. Unternehmen sollten

deshalb intern festlegen, was das Klimamanagement erreiche

will. Ein Ziel kann etwa die Identifikation von Emissions-Hotspots

im eigenen Unternehmen oder entlang der

Wertschöpfungskette sein, oder auch Möglichkeiten der

effektiven Emissions- und Kostenreduktion.

Bild: Foto: Marion Lenzen

Messen und berechnen

„Das Greenhouse Gas Protocol (Treibhausgas-Protokoll)

ist ein weltweit gültiges Instrument zur Berichterstattung

über Treibhausgasemissionen. Entwickelt wurden die Standards

vom World Resource Institute (WRI) und dem World

Business Council for Sustainable Development (WBCSD).

Unternehmen nutzen die Standards für das Management

ihrer Treibhausgasemissionen“, schreibt Josephin Lehnert

im CleanEnergy-Blog. Gemäß Greenhouse-Gas-Protokoll

werden die Emissionsquellen eines Unternehmens in drei

Kategorien unterschieden.

Scope 1: Darunter versteht man direkte Emissionen aus

eigenen Verbrennungsprozessen. Dazu zählen stationäre

oder mobile Anlagen, chemische Prozesse sowie eigene

Ernergieerzeugung. Emissionsquellen sind etwa Erdgasheizung,

eigene Kraftwerke auf dem Gelände oder Verbrennungsanlagen,

Firmenwagen, Gabelstapler, Kühlgeräte etc.

Scope 2: Darunter versteht man indirekte Emissionen aus

dem Bezug von leitungsgebundener Energie. Dazu zählen

z.B. der eingekaufte Strom, Dampf, Heizung, Kühlung.

Scope 3: Das sind Emissionen aus den vor- und nachgelagerten

unternehmerischen Aktivitäten. Dazu zählen u.a.

eingekaufte Güter und Dienstleistungen, deren Transport

und Verteilung, Pendeln der Arbeitnehmer, Geschäftsreisen,

Nutzung der verkauften Produkte und der Umgang an

deren Lebenszyklusende. >>

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

49


Klimawandel

CO 2

CH 4

N 2

O HFCs PFCs SF 6

SCOPE 2

INDIRECT

SCOPE 1

DIRECT

purchased goods

and services

capital goods

fuel and energy

related activities

purchased electricity,

stream, heating and

cooling for own use

transportation and

distribution

waste generated

in operations

SCOPE 3

INDIRECT

leased assets

employee

commuting

business travel

company facilities

company vehicles

transportation and

distribution

processing of

sold products

use of sold

leased assets

products

end-of-life treatment

sold products

SCOPE 3

INDIRECT

investments

franchaises

Upstream activities

Reporting company

Downstream activities

Quelle: Deutsches Global Compact Netzwerk

Scope 1 und Scope 2 sind Emissionen,

die unmittelbar vom Unternehmen

verursacht werden. Scope 3 wiederum

lässt sich über die Vertragsgestaltung

mit Lieferanten steuern. Letzteres ist

insofern wichtig, als dass ein Großteil

der Emissionen eben in dieser Scope

3-Ebene stattfindet. Nach Berechnungen

des Deutschen Global Compact

Netzwerkes aus 2017 fallen 87 Prozent

aller Emissionen in der Automobilbranche

erst nach Auslieferung der

Fahrzeuge an. Nämlich bei der Nutzung

der Fahrzeuge durch uns Verbraucher.

In der IT-Branche beträgt

der Wert 78 Prozent, bei Immobilien

immerhin noch 70 Prozent. Nur in der

Energiewirtschaft ist der größte Klimaschaden

bereits bei der Erzeugung

verursacht. Hier beträgt der Scope

3-Anteil nur 18 Prozent.

Schritt 1 im Unternehmen ist daher

das strukturierte Sammeln von Aktivitätsdaten

zu den Emissionsquellen.

Bei Scope 1 heißt das zum Beispiel:

Wie viel und welche Art von Brennstoff

(sei es Öl, Erd- oder Biogas, Plastik

oder Restmüll) wird in den Anlagen

verbrannt? Wie viele Liter Kraftstoff

hat die eigene Fahrzeugflotte im letzten

Jahr verbraucht? Bei Scope 2 wird

der gekaufte Strom-, Kühlungs- und

Wärmeverbrauch erfasst. Mit Scope 3

tun sich die meisten Unternehmen

schwer. Hier gibt es auch kaum Verpflichtungen,

so dass die meisten Betriebe

Rosinenpicken betreiben und

meist jene Werte erfassen, die leicht

zugänglich sind: Geschäftsreisen etwa

oder bestenfalls noch Teilangaben zu

Logistik.

Schritt 2 ist die Auswahl geeigneter

Kennzahlen. Je nach Komplexität des

Unternehmens empfiehlt es sich, Einzelkennzahlen

(z.B. pro Standort) zu

wählen und/oder aggregierte Kennzahlen

für das Gesamtunternehmen.

Zudem sollte das Unternehmen sich

überlegen, ob es Sinn macht, absolute

Kennzahlen (z.B. Kilowattstunden/

Jahr) auszuweisen oder besser intensitätsbezogene

Kennzahlen. Dann

werden die CO 2

-Angaben z.B. pro Produkteinheit,

pro Quadratmeter, pro

Mitarbeiter, pro Euro Umsatz oder

Euro Gewinn ausgegeben. Je nach

Geschäftsmodell sind solche intensitätsbezogenen

Kennzahlen sinnvoll:

Bei Immobilien ist die Quadratmeter-Angabe

griffig. Firmen mit hohen

Beschäftigtenzahlen wiederum, z.B.

Logistiker, nutzen gern die Angaben

/Mitarbeiter, um ihre hohen CO 2

-

Gesamtwerte kleinzurechnen.

Schritt 3 ist schließlich die Berechnung

der THG-Emissionen nach folgender

Formel:

Verbrauchte Materialmenge (z.B. in

kg oder Liter) x GHG Emissionsfaktor

(z.B. 3,14 kg CO 2

e/l bei Diesel-Treibstoff)

= GHG Emissionen in kg CO 2

e.

Den Multiplikationsfaktor der jeweiligen

GHG-Emissionen einzelner

Prozesse oder Warengruppen können

Unternehmen aus einschlägigen

Datenbanken ableiten. Das britische

Umweltministerium DEFRA veröffentlicht

jährlich aktualisierte Emissionsfaktoren

für eine Vielzahl unterneh-

50 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

mensrelevanter Prozesse. Auch die

Deutsche Emissionshandelsstelle gibt

eine Liste von Emissionsfaktoren für

Standardbrennstoffe heraus. Konkretere

Tipps liefern außerdem die jeweiligen

Branchenverbände.

Ziele setzen

Immer mehr Unternehmen orientieren

ihre Klimastrategie an den

Vorgaben der Science Based Target

Initative (SBTi). Die wird unter anderem

von der Umweltstiftung WWF

getragen und wirbt bei Unternehmen

dafür, sich wissenschaftsbasierte Reduktionsziele

zu setzen. Sie sollen

im Einklang mit den Ergebnissen des

Paris-Abkommens stehen und helfen,

die Erderwärmung auf deutlich unter

zwei Grad Celsius zu beschränken.

Neue Technologien und Praktiken

z.B. zeigen, dass Unternehmen die

Umweltauswirkungen von der Wirtschaftstätigkeit

entkoppeln können.

Unternehmen können anschließend

ihre jeweilige Klimaperformance bei

der Initiative prüfen lassen. Stehen

sie in Einklang mit dem Paris-Abkommen,

werden sie von ihr als wissenschaftlich

fundiert anerkannt.

Welche Methode sollte ein Unternehmen

bei der Festlegung eines

wissenschaftlich fundierten Ziels

wählen? Die Science Based Target Initative

empfiehlt hier den sogenannten

„Sectoral Decarbonisation Approach“

(SDA), um seine Ziele für die Scopes

1 und 2 festzulegen. Unternehmen

sollten sich dabei nicht bloß an das

Ziel halten, das am einfachsten zu

erreichen ist. Vielmehr empfiehlt die

SDA-Methode Unternehmen, die ambitioniertesten

Dekarbonisierungsszenarien

einzusetzen, die zu den

frühesten und massivsten Reduzierungen

führen. Das Unternehmen

sollte dafür mehrere mögliche Pfade

durchleuchten und das Ziel wählen,

das die eigene Marktführerschaft am

besten demonstriert. Die Methodenauswahl

kann auch durch praktische

Überlegungen beeinflusst werden,

wie z.B. die Verfügbarkeit von Inputdaten

für das Basisjahr und das Zieljahr.

Sind absolute oder relative

Klimaziele besser?

Absolute Ziele – also beispielsweise

eine feste Vorgabe wie

Senkung von 20 Prozent CO 2

im

Unternehmen bis 2020 – haben

den Vorteil, dass sie leicht zu

kommunizieren und zu verstehen

sind. Andererseits kann das

dazu führen, dass man an den

falschen Ecken CO 2

einspart, zu

sehr auf schnelle Erfolge setzt

und spätestens bei Unternehmenswachtum

oder Unternehmensveränderungen

anfängt,

Äpfel mit Birnen zu vergleichen.

Relative Ziele orientieren sich

meist an intensitätsbezogenen

Kennzahlen. Der Vorteil liegt

somit in Flexibilität in Bezug auf

Wachstumserwartungen oder

veränderte Systemgrenzen. Aber

Obacht: Ein relatives Ziel führt

allerdings nicht zwangsläufig zu

absoluten THG-Emissionsminderungen.

Selbst wenn ein Produkt

CO 2

-ärmer als der Vorgänger

ist, dafür aber mehr verkauft

werden, hat das Weltklima nichts

gewonnen.

Einschränkend heißt es dazu bei

SBTi: „Unternehmen, die ökonomische

Methoden zur Festlegung von

Intensitätszielen verwenden möchten,

können dies tun, beachten Sie

aber, dass Intensitätsziele nur dann

als wissenschaftlich fundiert gelten

würden, wenn sie zu absoluten Reduktionen

im Einklang mit der Klimawissenschaft

führen oder mit einem

anerkannten Sektorpfad oder einer

von der Science Based Targets-Initiative

genehmigten Methode (z.B. dem

Sectoral Decarbonization Approach)

modelliert werden.“

Ist die Science Based Target Initative

(SBTi) die einzige Methode? Nein,

zahlreiche weitere Methoden sind am

Markt. Auf diese soll an dieser Stelle

nicht näher eingegangen werden.

imug, das Hannoveraner Beratungsunternehmen,

schreibt: „In den letzten

Jahren haben sich verschiedene Initiativen

verstärkt damit auseinander- gesetzt,

wie die Klimaziele von Unternehmen

mit den politischen Vorgaben

in Einklang gebracht werden können.

Zu den als „wissenschaftsbasiert“ bezeichneten

Ansätzen zählen beispielsweise

„The 3 % Solution“, „Corporate

Finance Approach to Climate- Stabilizing

Targets“, „Context-Based Carbon

Metrics“, „Greenhouse Gas Emissions

per Unit of Value Added“, „British

Telecommunications Climate Stabilization

Intensity Targets“ sowie die

„Mars Methode“.“

Maßnahmen ergreifen

Was man messen kann, kann man

auch steuern. Dieser bekannte Satz

von Peter Drucker gilt natürlich auch

beim Klimamanagement. Firmen können

dazu ganz konkrete Maßnahmen

ergreifen. In der Lieferkette kann >>

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

51


Klimawandel

Scope 3 etwa durch entsprechende Einkaufsrichtlinien,

Reiserichtlinien, die Auswahl alternativer Verpackungsmaterialien,

Training und Qualifikation der Lieferanten

gesteuert werden.

Das Unternehmen selbst kann nachhaltige Produkte und

Geschäftsmodelle sowie entsprechende Produktrücknahme-

und Entsorgungskonzepte entwickeln. Zudem kann es

in Scope 1 Maßnahmen in den Bereichen Energieeffizienz

und Flotteneffizienz ergreifen oder einfach anfallendes CO 2

durch Kompensation ausgleichen.

Der interessanteste und häufigste Hebel ist jedoch der Bereich

Scope 2: Hier kann über entsprechende Verträge bei

Versorgern relativ einfach und konkret Klimaschutz betrieben

werden.

Strom ist nicht gleich Strom

Seit der Deregulierung des europäischen Strommarktes

gibt es eine Vielzahl an Stromanbietern und Stromprodukten.

Jedes davon hat einen eigenen CO 2

-Fußabdruck,

weshalb sich ein genauer Blick in die Vertrags-Modalitäten

lohnt. Wenn wir noch einmal zurückkehren zur erwähnten

Berechnung der THG-Emissionen, so gibt es bei Strom zwei

Faktoren, die zur Auswahl stehen:

a) Länderspezifische Emissionsfaktoren

(location-based method)

Dieser basiert auf dem jeweiligen nationalen bzw. regionalen

Strommix. Dieser Mix wird berechnet nach Energieträgern,

die im jeweiligen Land verbraucht werden. Viel Kohle

und Öl bedeuten viel CO 2

, viele erneuerbare Energien wenig

CO 2

. Der Vorteil der Nutzung dieser landesweiten Angaben

ist die bessere Vergleichbarkeit bei mehreren Standorten

innerhalb eines Unternehmens oder der Vergleich mit Wettbewerbern.

Allerdings lassen sich diese Werte in keiner

Weise durch das Unternehmen steuern oder verbessern.

b) Anbieterspezifische Emissionsfaktoren

(market-based method)

Hierbei werden die jeweiligen CO 2

-Angaben des Anbieters

berechnet. Diese ergeben sich aus dem spezifischen Energiemix.

Ökostrom beispielsweise ist naturgemäß CO 2

-ärmer.

Daher kann ein Unternehmen durch den gezielten

Anbieterwechsel und entsprechende Vertragsgestaltung

seinen CO 2

-Verbrauch selbst steuern. Wichtig ist dabei allerdings,

dass der Kunde auch die Nachweise und Zertifikate

vom Stromhändler erhält. Ohne diesen Nachweis gilt die

grüne Berechnung nicht, und es wird dann automatisch der

Landes - bzw. Residualmix zu Grunde gelegt. Grünstrom ist

also gut für´s Klima, anderseits verschleiern solche Stromverträge

durchaus den dahinterliegende Energieverbrauch.

Beispiel: Wenn man zwei Lampen anschaltet und beide mit

Grünstrom betrieben werden, so liegt der Verbrauch zwar

bei 0 gr CO 2

, aber dennoch ist der Stromverbrauch doppelt

so hoch wie bei einer Lampe. Effizienzmaßnahmen können

also durch Ökostrom ausgebremst werden.

Machen wir eine fiktive Berechnung, um den Verbrauch

nach Landesmix- bzw. Anbieter-spezifischem Wert zu

berechnen: Nehmen wir an, eine Firma hat Produktionsstandorte

in Deutschland, den USA, China und Belgien. Der

Verbrauch ist der Einfachheit überall gleich. Nach location

based method würde der Stromverbrauch mit der Landeskennzahl

multipliziert. Dieser ist in China hoch (hoher

Kohleanteil) und in Belgien niedrig (hoher Atomstromanteil).

Bei der market-based method lässt sich der Verbrauch

fast überall positiv steuern. Ausnahme China: Hier gibt es

keinen freien Strommarkt und damit keine Alternative zum

Landesmix. Liegen allerdings keine Zertifikate vor, dann

wird auf den Residualmix zurückgegriffen, und der ist in

Belgien deutlich schlechter als der Landesmix. In unserem

u.g. fiktiven Beispiel lassen sich also 38 Prozent CO 2

nur

durch entsprechendes Stromvertrags-Management einsparen.

Das ist ein echter Beitrag zum Klimaschutz.

Fiktives Beispiel der Scope 2-Berechnung

a) location based method

Land

Verbrauch

MWh

Deutschland 10.000 MWh

USA 10.000 MWh

China 10.000 MWh

Belgien 10.000 MWh

Emissionsfaktor

528 gr

CO 2

/ kWh

561 gr

CO 2

/ kWh

749 gr

CO 2

/ kWh

187 gr

CO 2

/ kWh

CO 2

-

Ausstoß

5.280 t

5.610 t

7.490 t

1.870 t

Summe 40.000 MWh 20.250 t

52 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

b) market based method Wie die Klimabilanz ausfällt, hängt aber auch schon von

der Auswahl der Datenquelle ab. So sind die Angaben

Land

Verbrauch

MWh

Emissionsfaktor

Deutschland 10.000 MWh 0 gr

CO 2

/ kWh *

USA 10.000 MWh 0 gr

CO 2

/ kWh *

China 10.000 MWh

Belgien 10.000 MWh

749 gr

CO 2

/ kWh

500 gr

CO 2

/ kWh **

CO 2

-

Ausstoß

0 t

0 t

7.490 t

5.000 t

des Umweltbundesamtes UBA zum nationalen regionalen

Strommix traditionell strenger als die der Internationalen

Energieagentur IEA. Demnach betrug etwa der

deutsche Strommix in 2007 bei der UBA 608 g CO 2

/ kWh

und bei der IEA nur 504 g CO 2

/ kWh. Dank der Energiewende

sanken die Angaben in den letzten Jahren dann

kontinuierlich in beiden Berechnungsmodellen: Auf 544

g CO 2

/ kWh laut UBA und 461 g CO 2

/ kWh laut IEA.

Aufgrund der durchgehend günstigeren Zahlen der IEA

wird bei den allermeisten Unternehmen in der Bilanzierung

stets der IEA Referenzwert genutzt. So fällt der Carbon

Footprint um 15 Prozent besser aus als nach UBA-

Angaben.

Summe 40.000 MWh 12.490 t

* PPA mit RECS Zertifikat

** fehlender Nachweis, daher Residualmix (RE-DIS II Belgien 2013)

Wer sich die eigene Performance übrigens rückwirkend

schön rechnen will, der berechnet alte CO 2

-Werte nach

UBA und wechselt dann zu den IEA-Zahlen. Zwischen 2007

und 2010 lassen sich so 25 Prozent Emissionen mit bloßem

buchhalterischem Trick auf dem Papier einsparen. f

Was ist der Residualmix eines Landes?

Der Residualmix ist der um den Handel mit

Herkunftsnachweisen bereinigte Strommix eines

Landes. Zwischen dem im Land produzierten und im

Land verbrauchten Strom kann nämlich ein gewaltiger

Unterscheid liegen, wie das Beispiel Norwegen

zeigt: Norwegen produziert zu 98 Prozent umweltfreundlichen

Strom aus Wasserkraft. Grüner geht es

nicht, sollte man meinen. Tatsächlich sind die Norweger

aber auch gute Kaufleute und exportieren einen

Großteil dieses Grünstroms ins europäische Ausland.

Dort herrscht große Nachfrage nach nachhaltigem

Strom, und die Preise sind entsprechend hoch. Zum

Ausgleich kauft Norwegen günstig Strom auf dem

europäischen Markt zu, um die eigene Versorgung

sicherzustellen. Das Ergebnis ist schockierend: Aus

einem 98 Prozent Sauberland wird eine echte Dreckschleuder:

Norweger konsumieren zu 54 Prozent

Strom, der aus fossiler Verbrennung gewonnen wurde,

zu 33 Prozent aus Kernenergie und nur zu 13 Prozent

aus erneuerbaren Energien. Diesen Verbrauchsmix

nennt man auch Residualmix.

Herausgeber:

Deutsches Global Compact Netzwerk,

Berlin 2017

Einführung

Klimamanagement

Schritt für Schritt zu

einem effektiven

Klimamanagement

in Unternehmen

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

53


Klimawandel

„Porsche Impact“:

Klimaschutz mit Kleingeld

Fotos: Porsche

Von Thomas Wischniewski

Ablasshandel? Abgashandel? Oder sinnvoller Klimaschutz? Porsche-Fahrer können jetzt

die CO 2

-Emissionen kompensieren, die sie übers Jahr mit ihren Flitzern verursachen,

durch freiwillige Zahlungen an Klimaschutzprojekte. Der Zuffenhausener Sportwagenhersteller

hat dazu die Initiative „Porsche Impact“ gestartet – und gleich den eigenen Firmen-Fuhrpark

ins Rennen geschickt.

54 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

empfohlen wird. Freigeschaltet ist der Rechner derzeit in

Deutschland, Großbritannien und Polen, weitere Länder

sollen folgen.

Wer den Ausgleich zahlen will, wird an den Porsche Kooperationspartner

South Pole weitergeleitet, ein international

tätiges Unternehmen mit Hauptsitz in der Schweiz, das

seit dem Jahr 2006 Kompensationsvorhaben entwickelt.

Die von Porsche ausgewählten Projekte konzentrieren

sich auf den Aufbau von Wasser- und Sonnenenergie sowie

den Schutz von Wald und Artenvielfalt, befinden sich

in den USA, Mexiko, Vietnam sowie Simbabwe und damit

in Ländern, in denen sich nach Porsche-Einschätzung „ein

besonders wirkungsvoller Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz

erzielen lässt“.

Projekt-Portfolio: Wald-, Arten- und Klimaschutz

Knapp 6.100 Kraftfahrzeuge umfasst die Flotte nach Unternehmensangaben.

Das Kohlendioxid, das sie in die Luft

stoßen, gleicht Porsche seit November durch Zahlungen

an Klima- und Nachhaltigkeitsprojekte aus. Die Summe

berechnet sich je nach Fahrzeugtyp und Fahrleistung. Bei

einem Porsche Cayenne aus der aktuellen Baureihe mit

jährlich 15.000 Kilometern auf dem Tacho kommen beispielsweise

62,70 Euro zusammen.

„Besonders wirkungsvoller Beitrag zum Umwelt- und

Klimaschutz

Ermitteln lässt sich das mit einem Emissionsrechner auf

der Porsche-Website. Einfach Jahresfahrleistung und

Durchschnittsverbrauch eingeben, schon wird angezeigt,

wie viele Tonnen CO 2

dadurch im Jahr in die Atmosphäre

entweichen und welche Summe zur Kompensation

Im mexikanischen Bundesstaat Baja California Sur unterstützt

der Autobauer zum Beispiel eines der ersten großen

Photovoltaik-Projekte in Lateinamerika, den Solarpark

Aurora Solar I. Die Anlage erzeugt bereits 82.000 Megawattstunden

Sonnenstrom im Jahr und ist laut Porsche

„zentraler Bestandteil der in Mexiko dringend benötigten

Energiewende“. Das Projekt diene Umwelt und Menschen

vor Ort, schaffe Arbeitsplätze und Ausbildungsmöglichkeiten.

Ein weiteres Kompensationsprojekt findet sich im US-Bundesstaat

Alaska, genauer: auf Afognak, einer Insel an der

Südküste Alaskas, auf der in den 1980-er Jahren die Holzindustrie

gewütet hat – bis 15 Prozent des artenreichen

Areals kahlgeschlagen waren. Die „Porsche Impact“-Gelder

sollen unter anderem in die Restauration dieser Flächen

fließen. Ein ähnliches Forstschutz-Projekt unterstützt der

Konzern in Simbawe an der Südküste des Kariba-Sees.

Klimaschutz? Durch Kompensation?

Neu ist die Idee vom Klimaschutz durch Kompensationszahlungen

nicht. Flug- oder Bahnreisende können seit

geraumer Zeit mit ähnlichen Programmen ihre CO 2

-Emissionen

ausgleichen. Unumstritten ist das nicht, zumin- >>

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

55


Klimawandel

dest nicht in Hinsicht auf den Nutzen fürs Klima. „Kompensation

kann das Klimaproblem nicht lösen, weil sie nichts

an den eigentlichen CO 2

-Quellen ändert“, heißt es etwa seitens

der gemeinnützigen atmosfair gGmbH, dem wohl bekanntesten

Kompensations-Anbieter in Deutschland. Aber:

Sie sei „als zweitbeste Lösung notwendig, solange die beste

Lösung noch nicht existiert“.

Fotos: Porsche

atmosfair konzentriert sich auf den Flugverkehr, und

das aus gutem Grund: Für den, heißt es auf der Website

der Organisation, „gibt es derzeit noch keine technische

Lösung wie problemfreie Biotreibstoffe oder das Null-Emissions-Flugzeug“.

Anders sei das beim Autofahren. Da sei

eine CO 2

-Kompensation nicht sinnvoll. Schlicht, weil es

nachhaltigere Alternativen gibt: Elektro- oder Hybridautos,

Carsharing-Angebote, den Öffentlichen Personennahverkehr,

das gute alte Fahrrad.

So geht’s: Vermeidung – Reduktion – Kompensation

Einerseits. Andererseits schadet das neue Porsche-Angebot

dem Klima auch nicht. Es lenkt Geld in Projekte, die

unter Nachhaltigkeitsaspekten sinnvoll sein können. Und

es schärft vielleicht das Bewusstsein der Konzernkunden

dafür, dass der CO 2

-Ausstoß ihrer Boliden einen Schaden

verursacht. Einen Schaden, der sich mit einem Preis

beziffern lässt. Im besten Fall wächst so das Verständnis

dafür, dass das Klima kein frei verfügbares Allgemeingut

ist. Trotzdem, da sind sich Klimaschützer einig, sollten die

Vermeidung und Reduktion von Klimagasen stets vor der

Kompensation stehen.

Porsche sagt, das habe man verstanden. Man unternehme

„alles, um CO 2

zu vermeiden oder wenigstens zu reduzieren“,

und zwar über die komplette Wertschöpfungskette.

So nutze man mittlerweile für Produktion und Bahnlogistik

zu 100 Prozent Naturstrom. Und bei der Entwicklung neuer

Fahrzeuge habe man nicht nur deren Leistungsfähigkeit

im Blick, sondern ebenso die Minimierung von Emissionen

und Verbrauch. Ein Beleg, den die Zuffenhausener anführen:

Die jüngste Generation des Porsche 911 Carrera, die

gegenüber dem Vorgänger zehn Prozent weniger CO 2

ausstoße.

Der Wert liegt jetzt bei 205 Gramm Kohlendioxid je

Kilometer. f

Im Original erschienen bei umweltdialog.de

56 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

SCHON BEGONNEN

Die Reinsten

IMMER

HAT

ZUKUNFT

DIE

Wir wissen, dass wir an dem Ast sägen, auf welchem wir

selbst sitzen: dass wir die Ressourcen der Erde über Gebühr

ausbeuten und trotzdem mit unserem wachstumsgeprägten

Wirtschaftssystem weitermachen, dass wir – obwohl

der Klimawandel uns bedroht – immer mehr CO 2

in

die Atmosphäre pusten und dass das massive Insektenund

Artensterben das Überleben unserer Spezies selbst

bedroht. Trotzdem steuern wir nicht gegen. Ist die Menschheit

noch zu retten? Und wenn es der Mensch selbst nicht

kann, schafft das die Künstliche Intelligenz?

2019

R HJAH FRÜ

Diesen und weiteren spannenden gesellschaftskritischen

Fragen widmet sich der Science Fiction-Roman „Die

Reinsten“ von Thore D. Hansen. In einer „weit entfernten

Zukunft“ im Jahr 2191 wird ein Großteil der vorhandenen

menschlichen Bevölkerung von insgesamt nur noch rund

10 Millionen Menschen weltweit in Paradise, einer künstlich

geschaffenen Welt von acht Metropolen, von Askit,

der alles umfassenden KI, versorgt und kontrolliert. Über

Implantate werden „Ausgewählte“ von Askit ausgebildet

und altruistisch erzogen, das sind die Reinsten. Auch Eve

Legrand wird von der KI als Reinste anerkannt, und Askit

sieht in ihr großes Potential.

Askits primäres Ziel ist: den Planeten Erde und alle auf ihm

befindlichen Lebewesen und Arten – Pflanzen, Insekten,

Tiere und Menschen – zu erhalten, dem weiter fortschreitenden

Klimawandel zu trotzen, Wälder zu regenerieren

und bewohnbare Zonen zu schaffen. Dabei geht Askit bedingungslos

nach dem Grundsatz: Nur soviel Ressourcen

zu verbrauchen, wie nachwachsen können.

Ein weiterer Teil der Menschen, die nicht in den Metropolen

in Paradise leben, bewohnen Waldrandgebiete in

sogenannten Kolonien. In diese werden auch Menschen

aus Paradise, die sich egoistisch verhalten oder über Gefühlsausbrüche

dem Gemeinwohl schaden, verbannt. Die

sogenannten Degenerierten fristen dann ihr Leben bei den

Kolonisten.

Und es gibt noch einen kleinen Kreis von Menschen, die

als Nachkommen der ehemaligen Gründer von Askit und

der neuen Weltordnung und als Ausgewählte der besonders

Reinsten „Askit City“ bewohnen und nicht von Askit

kontrolliert werden.

Unter allen Beteiligten beginnt ein Wettstreit um die Zukunftsfähigkeit

der Gattung Mensch! Spannend!

Thore D. Hansen Die Reinsten

422 Seiten, 22 Euro, Verlag Golkonda

ISBN: 978-3-946503-90-3 (Buchausgabe)

ISBN: 978-3-946503-91-0 (E-Book)

www.golkonda-verlag.de

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

57


Klimawandel

Foto: Kyocera

Der lange Weg Richtung

NULL EMISSIONEN

Von Umweltverbänden bis zur Wirtschaft: Viele kritisieren die Ergebnisse der letzten Klimakonferenz

als nicht ausreichend. Dabei besteht dringender Handlungsbedarf – laut der Weltorganisation

für Meteorologie war der CO 2

-Gehalt in der Atmosphäre 2017 so hoch wie nie.

Eins ist sicher: Staatliches Handeln allein reicht nicht aus.

Von Julia Arendt

„Hearing no objections – it is so decided”

mit diesen Worten griff Michał

Kurtyka, Sitzungspräsident der 24.

UN-Klimakonferenz, laut Berichten

des Deutschlandfunks zum Hammer

und beendete die Veranstaltung im

polnischen Kattowitz. Nach zwei Verhandlungswochen

einigten sich die

Staaten auf gemeinsame Regeln zur

Umsetzung des Pariser Klimaabkommens.

Das verabschiedete Regelbuch

– eine Art Gebrauchsanweisung – enthält

Vorgaben, nach denen die Länder

und ihre Klimaschutzbemühungen

gemessen und verglichen werden

können.

Ein Schritt in die richtige

Richtung, aber…

Die Reaktionen darauf waren geteilt.

Kritik kam vor allem von Umweltschützern,

Ökonomen und Wissenschaftlern,

die mehr politischen

Willen zur Begrenzung der Erderwärmung

fordern. Politiker gaben

sich hingegen optimistisch. „Wir

haben erreicht, dass sich zum ersten

Mal nicht nur die halbe, sondern die

ganze Welt beim Klimaschutz in die

Karten schauen lässt“, betonte Bundesumweltministerin

Svenja Schulze

gegenüber der Presse. „Das Pariser

Abkommen beruht auf dem gegenseitigen

Vertrauen, dass alle Staaten

ihren Beitrag zum Klimaschutz >>

58 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

leisten. Darum ist entscheidend, dass

jeder sehen kann, was der andere tut.“

Doch trotz einiger Erfolge sei die Bilanz

der Klimakonferenz überschaubar,

so Ottmar Edenhofer, Direktor

des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung

(PIK) gegenüber dem

Handelsblatt: „Die dringend notwendige

Steigerung des Ambitionsniveaus

ist im Wesentlichen ausgeblieben,

und beim Regelbuch haben wir

nur ein Minimum erreicht. Die Welt

braucht konkrete Maßnahmen zur

Verringerung der Treibhausgase; und

sie braucht diese Maßnahmen nicht

irgendwann, sondern jetzt.“ Sein Kollege

Johan Rockström pflichtet ihm

bei: „Der Klimagipfel in Kattowitz hat

versäumt klarzumachen, dass die globalen

Emissionen aus fossilen Brennstoffen

bis 2030 halbiert werden müssen.

Wir alle müssen jetzt aufhören,

herumzutrippeln. Wir müssen unsere

Schritte beschleunigen“, mahnt der

Schwede.

Mission: Klimaneutralität

Dies hat auch das Bundesministerium

für wirtschaftliche Zusammenarbeit

und Entwicklung erkannt: „Staatliche

Anstrengungen reichen allein

nicht aus, um die internationalen

Klima- und Entwicklungsziele zu erreichen.

Alle sind gefordert: Politik,

Wirtschaft, Gesellschaft, jede Einzelne

und jeder Einzelne von uns“, heißt

es vom Ministerium zur neu gegründeten

„Allianz für Entwicklung und

Klima“. Bundesentwicklungsminister

Dr. Gerd Müller präsentierte dieses

Bündnis bereits im vergangenen November

im Bundestag. Das Ziel aller

Mitglieder: Klimaneutralität mithilfe

von Vermeidung und Reduzierung der

CO 2

-Emissionen. „Was übrig bleibt,

wird mit Projekten in Entwicklungsund

Schwellenländern kompensiert,

vor allem durch den Aufbau erneuerbarer

Energien und den Schutz und

die Aufforstung von Wäldern“, erklärt

Müller in einer Presseerklärung zur

Allianz.

Klimapionier KYOCERA

Bereits 70 Unternehmen, Behörden

und zivilgesellschaftliche Organisationen

sind Teil der Allianz. KYOCERA

Document Solutions Deutschland gehörte

zu den ersten Unternehmen, die

sich ihr anschlossen. „Die Aufnahme

in die Allianz für Entwicklung und

Klimaschutz macht uns stolz und ist

ein wichtiger Ansporn, unser Nachhaltigkeitsengagement

fortzuführen“,

so Daniela Matysiak, Umwelt- und

CSR-Managerin des Unternehmens.

Mit seiner Mitgliedschaft setzt der

Konzern sein bisheriges Klimaengagement

konsequent fort. Bereits seit fünf

Jahren kompensiert er im Rahmen

von KYOCERA PRINT GREEN, dem

hauseigenen Klimaschutzprogramm,

den CO 2

-Ausstoß aller Drucker und

Multifunktionsgeräte. „Unsere Produktverantwortung

endet nicht am

Werkstor, sondern erstreckt sich über

die gesamte Produktlaufzeit“, betont

Matysiak im Interview mit Umwelt-

Dialog. „Neben eigenen Analysen

haben wir im Rahmen unseres Klimaschutzprogramms

PRINT GREEN

durch die Klimaschutzorganisation

myclimate den CO 2

-Fußabdruck unserer

Produkte über die Lebenszeit berechnen

lassen. Dies gibt uns Antworten

auf die Fragen, wie viel CO 2

zum

Beispiel bei der Produktion oder dem

Transport verursacht wird.“

Was übrig bleibt, wird

kompensiert

Die Emissionen, die unvermeidbar

sind, kompensiert der Konzern mit

seiner Unterstützung des Projekts

„Effiziente Kocher für Kenia“ von

myclimate. „Im Westen Kenias wird

meist auf offenen Feuerstellen gekocht,

was Unmengen an Feuerholz

verbraucht. Dank eigens aufgebauter

kommunaler Spar- und Darlehensgemeinschaften

können sich Frauen

dort nun bessere Kocher leisten“, erklärt

Dr. Anne Rheinlaender, Projektleiterin

von myclimate, gegenüber

UmweltDialog. Diese seien wesentlich

effizienter und reduzierten die

Nachfrage nach Feuerholz. Die Folge:

Lokale Wälder werden geschützt

und CO 2

-Emissionen vermindert. Die

Effekte sind enorm: „Jeder installierte

Kocher spart im Jahr 2,2 Tonnen

CO 2

-Emissionen ein“, erklärt Daniela

Matysiak.

Außerdem setzt das Unternehmen bei

seinen Farbdruckern und Multifunktionssystemen

auf die eigens entwickelte

ECOSYS-Technologie. Diese steht

für besonders ressourcenschonendes

Drucken und Kopieren. Bei Druckern

muss beispielsweise nur der Toner als

Verbrauchsmaterial nachgefüllt werden.

Alle anderen Komponenten sind

in der Regel für die gesamte Einsatzzeit

des Druckers ausgelegt. Die Folge:

Im Vergleich zu anderen Drucksystemen

reduzieren ECOSYS-Systeme die

entstehenden Abfallmengen um bis

zu 75 Prozent. f

Im Original erschienen bei

umweltdialog.de

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

59


Klimawandel

Klimawandel: Macht ein halbes Grad wirklich

EINEN UNTERSCHIED

1,5 °C 2 °C

gegenüber

mittlerer Erderwärmung

bis Ende des Jahrhunderts

Maximaltemperaturen in Teilen Europas

3-4 °C 5 °C

Um so viel Grad Celsius steigen die höchsten Temperaturen,

die im Verlauf eines Jahres erreicht werden

heutige Rekorde werden Normalität

Beispiel Hitze: Wahrscheinlichkeit, dass jedes Jahr so heiß

52 %

wird wie das bisherige weltweite Rekordjahr 2016 – in einer

88 %

1,5°-Welt würde also etwa jedes zweite Jahr so heiß wie 2016,

bei 2 °C wären es neun von zehn Jahren

42 % 59 %

Wahrscheinlichkeit, dass es jedes Jahr zu einer

Hitzewelle kommt wie 2003, die europaweit

Zehntausende Todesfälle verursachte

fast 700

Millionen

Zahl der Menschen weltweit, die alle 20 Jahre oder noch

öfter extremen Hitzewellen ausgesetzt sein werden –

betroffen wären also entweder etwa jeder zehnte

oder aber etwa jeder vierte Mensch auf der Erde

mehr als 2

Milliarden

Überschwemmungen

Anteil der Landfläche weltweit, auf der das Risiko von

Überschwemmungen an Flüssen deutlich steigt. Hintergrund

sind stärkere Niederschläge infolge des Klimawandels in

vielen Regionen

11 % 21 %

60 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

2,6

Dürremonate

Dürren

Dürremonate pro Jahr in Mitteleuropa; im

Mittelmeerraum wären es sogar 3,2 bzw. 3,7 Monate

2,8

Dürremonate

4 mm

pro Jahr

34 cm

Anstieg des Meeresspiegels

Zunahme des mittleren Meeresspiegels weltweit

zum Ende unseres Jahrhunderts

Anstieg des mittleren Meeresspiegels der Nordsee

bei Cuxhaven (Niedersachsen)

5,5 mm

pro Jahr

53 cm

alle 100

Jahre

Gefahr von Sturmfluten

Häufigkeit, mit der künftig an der Nordseeküste bei

Cuxhaven eine Sturmflut von einer Stärke zu erwarten

ist, mit der bislang statistisch nur einmal in 500 Jahren

gerechnet werden musste

alle 33

Jahre

alle 40

Jahre

eisfreier Nordpol

durchschnittliche Häufigkeit, mit der das Nordpolarmeer

im September, also zum Ende des arktischen Sommers,

eisfrei ist

alle 3-5

Jahre

Korallensterben

Anteil der Korallenriffe weltweit, die dem Risiko von

70 % Korallenbleiche ausgesetzt wären 99 %

8 %

Planzen

4 %

Wirbeltiere

6 %

Insekten

Artenvielfalt

Anteil der Pflanzen-, Wirbeltier- und Insektenarten weltweit,

die infolge des Klimawandels mehr als die Hälfte ihres

Verbreitungsgebiets verlieren.

Eine Erwärmung um 0,5 °C bedroht bei den Pflanzen und

Wirbeltieren also doppelt so viele, bei den Insekten sogar

dreimal so viele Arten.

16 %

Planzen

8 %

Wirbeltiere

18 %

Insekten

Basierend auf dieser Infografik von klimafakten.de: bit.ly/2OROHrR

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

61


Klimawandel

Weltklimakonferenz

schlecht geredet oder schlecht gemacht?

Foto: UN Photo / James Dowson

Von Germanwatch

Das auf der Weltklimakonferenz

im polnischen

Kattowitz (COP24) vereinbarte

Regelwerk ist eine

solide technische Grundlage

für die weltweite

Umsetzung des Pariser

Klimaabkommens. Aber

zur Abwendung der Klimakrise

kommt es nun darauf

an, dass alle Staaten

deutlich mehr politischen

Willen zur zügigen Umsetzung

des Abkommens

zeigen.

Das Ergebnis von Kattowitz ist vor allem

deswegen beachtlich, weil es einige

Sabotageversuche aus dem Weißen

Haus, Saudi-Arabien und Brasilien

gab. Es ist vor allem der Verdienst der

ärmsten und durch die Klimakrise verletzlichsten

Entwicklungsländer, die

sich für starke Beschlüsse eingesetzt

haben. Die Abwendung der Klimakrise

ist gerade für diese Länder eine

Frage des Überlebens. Auch Deutschland

hat durch seine Finanzzusagen

und sein Auftreten innerhalb der sogenannten

“High Ambition Coalition”

von Industrie- und Entwicklungsländern

zu diesem Ergebnis konstruktiv

beigetragen.

Das Ergebnis von Kattowitz ist auch

ein Sieg für den Multilateralismus.

Die Bewährungsprobe folgt aber nun,

wenn es an die Umsetzung des Pariser

Abkommens geht. Die Regierungen

müssen jetzt für entschiedenen

Klimaschutz zuhause handeln. Die

Klimabewegung, die sich gerade vom

Hambacher Wald über Widerstand

gegen Pipelines bis zu Klima-Schulstreiks

weltweit formiert und auch

hier in Kattowitz sichtbar geworden

ist, wird von den Regierungen nun

immer vehementer den notwendigen

Klimaschutz einfordern. In Deutschland

muss der Anfang des Jahres von

der Kohlekommission beschlossene

Ausstiegspfad mit den Pariser-Klimazielen

vereinbar in einem Klimaschutzgesetz

festgeschrieben werden.

Reaktion auf den IPCC-Sonderbericht

zu 1,5 Grad und höhere

Anstrengungen im Klimaschutz

In welcher Form im Abschlussdokument

Bezug auf den Sonderbericht

des Weltklimarats (IPCC) genommen

62 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

wird, war eines der umstrittensten Themen der Konferenz.

Hier versuchten vor allem Saudi-Arabien und die USA,

zeitweise unterstützt durch andere arabische Länder und

durch Russland, eindeutige Bezüge auf die Klimawissenschaft

zu verhindern. Einer Koalition aus der Gruppe der

sogenannten am wenigsten entwickelten Länder (LDCs),

der Allianz der kleinen Inselstaaten (AOSIS), einer Gruppe

lateinamerikanischer Staaten (AILAC), der EU und weiteren

Ländern ist es dennoch gelungen, eine umfassende

Sprache zum IPCC im Konferenzbeschluss durchzusetzen.

Es wird betont, dass der IPCC die Funktion hat, den Vertragsstaaten

Informationen für die Verstärkung globaler

Klimapolitik zur Verfügung zu stellen und ihm wird für die

Arbeit am Sonderbericht gedankt. Zudem wird anerkannt,

dass der Bericht die beste verfügbare Wissenschaft widerspiegelt.

Ein eindeutiger Bezug auf die im Jahr 2030 noch

möglichen globalen Emissionen, wenn die Erwärmung auf

1,5 Grad begrenzt werden soll, wurde durch das Veto der

USA verhindert. Aus diesem Wert – 25 bis 30 Gigatonnen

CO 2

eq – hätte sich noch deutlicher ableiten lassen, wie

stark die Länder ihre Klimapolitik verschärfen müssen,

um das in Paris formulierte 1,5-Grad-Limit einzuhalten. Im

globalen Durchschnitt ginge es dabei um eine Emissionsreduktion

von jährlich etwa vier Prozent.

In der COP-Entscheidung wird die bereits in Paris vereinbarte

Aufforderung an alle Länder unterstrichen, bis 2020

ihre 2030-Klimabeiträge (NDCs) einzureichen oder zu aktualisieren.

Viele der verletzlichsten sogenannten Entwicklungsländer

hatten hier für eine noch eindeutigere Formulierung

gekämpft, die explizit besagt, dass diese Ziele höher

sein müssen als die bisherigen und sich am IPCC-Sonderbericht

orientieren sollen. Da jedoch in anderen Absätzen

im selben Dokument sowohl die Dringlichkeit von Ambitionserhöhung

als auch die Funktion des IPCC, Orientierung

für die Klimapolitik zu liefern, betont werden, ist diese

Aussage zumindest indirekt verankert. Positiv ist, dass in

der Konferenzentscheidung der Sondergipfel des UN-Generalsekretärs

im September 2019 als ein Ort erwähnt wird,

an dem erhöhte Ambition gezeigt werden soll, d.h. dort sollten

die erhöhten Klimaziele vorgestellt werden.

Auch wenn die COP-Entscheidung zu diesem Punkt sehr

verklausuliert bleibt, so haben doch zumindest die Mitglieder

der “High Ambition Coalition”, darunter auch der

EU-Klimakommissar und die deutsche Umweltministerin,

sich in ihrer am 12. Dezember in Kattowitz veröffentlichten

Erklärung eindeutig festgelegt. Sie verpflichten sich,

bis 2020 dreierlei zu tun: 1. mehr sofortige Klimaschutzmaßnahmen,

2. Erhöhung ihrer 2030-Klimaziele und

3. Vorlage einer Langfriststrategie für die Zeit bis 2050.

Wenn Deutschland und die EU zur Erhöhung der 2030-Ziele

von Anfang der Konferenz an klarer aufgetreten wären

(Deutschland hatte in EU-internen Diskussionen zur Zielerhöhung

im Gegenteil sogar gebremst), dann wäre in Kattowitz

wahrscheinlich auch mehr zu erreichen gewesen,

um mehr Länder mit an Bord zu holen.

Mit den Entscheidungen der COP24, den Selbstverpflichtungen

der „High Ambition Coalition“ und der Einladung

des Generalsekretärs zu seinem Sondergipfel ist aber klar:

Die erste Runde Zielanhebungen läuft jetzt an und muss bis

Frühjahr 2020 beendet sein.

Umsetzungsregeln für das Paris-Abkommen

Das wesentliche Ergebnis der COP24 ist das sogenannte

Regelbuch zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens.

Im Zentrum des Pariser Klimaabkommens stehen die sogenannten

national bestimmten Beiträge (nationally determined

contributions, NDCs) der Staaten. In Kattowitz

wurden Regeln für die Struktur und Inhalte dieser Klimabeiträge

sowie für Berichterstattung und Überprüfung

festgelegt.

Es ist in Kattowitz gelungen, einen gemeinsamen Transparenzrahmen

für alle Länder zu beschließen. Unter anderem

müssen nunmehr alle Länder mindestens die IPCC-Richtlinien

für Treibhausgas-Berichte (engl. GHG inventories)

von 2006 verwenden. Das Transparenz-Regelwerk sieht

Flexibilität für Entwicklungsländer vor, die diese nach

Selbsteinschätzung aufgrund noch unzureichender Kapazitäten

benötigen. Langfristige Verbesserungen derer Berichte

werden allerdings mit dem Ziel unterstützt, dass alle

Länder quantitativ und qualitativ gleichwertige Transparenz-Berichte

erstellen können. Enttäuschend ist, dass die

ersten Transparenz-Berichte aller Länder erst Ende 2024

eingereicht werden. Das ist zu spät, um es für die erste

Runde der Zielüberprüfung 2023 nutzen zu können. Vor

allem Brasilien drängte darauf, dass es Ländern freigestellt

wird, ob sie quantitative Indikatoren in ihre Treibhausgas-Berichte

aufnehmen oder sich auf eine rein qualitative

Beschreibung beschränken können. Diese Verwässerung

der Transparenzregeln konnte allerdings weitgehend vermieden

werde.

Transparenz in der Klimafinanzierung

Die Regeln zur Berichterstattung über geplante und geleistete

Beiträge zur Klimafinanzierung liefern ein detailliertes

Rahmenwerk, um zukünftig mehr Klarheit und Planungssicherheit

für Entwicklungsländer zu liefern. Trotzdem gibt

es darin noch gewisse Spielräume für Geberländer, zum

Beispiel den Detailgrad ihrer Berichte zu begrenzen, sowie

das, was sie als Klimafinanzierung ansehen, zu bestimmen.

Insbesondere ist es nicht schlüssig, dass Kredite oder Risikoabsicherungen

mit ihrer Gesamtsumme angerechnet

werden können, genauso wie Zuschüsse. Hier müsste für

eine Vergleichbarkeit jeweils nur der Zuschussanteil ausgewiesen

werden dürfen, auch um die Summe nicht >>

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

63


Klimawandel

künstlich aufzublähen. Es ist zu hoffen,

dass die progressiven Länder die

Messlatte vorgeben, an der sich bald

schon alle Länder orientieren. In einigen

Jahren sollte dies allerdings verpflichtend

für alle werden. Positiv ist

zu bewerten, dass ein Synthesebericht

über geplante Finanzierung als Input

für die Zielüberprüfungs-Runden alle

fünf Jahre Berücksichtigung findet.

Anpassungskommunikation

Wie im Paris-Abkommen festgeschrieben,

sollen die Staaten regelmäßig

ihre Prioritäten, Unterstützungsbedarf,

Pläne und Aktivitäten für die Anpassung

an den Klimawandel kommunizieren.

Dazu wurden in Kattowitz

Richtlinien verabschiedet. Obwohl

deren Einhaltung freiwillig ist, waren

sie umstritten, da sie einen Standard

setzen, was Berichterstattung und Unterstützung

dafür betrifft. Es wird den

berichtenden Ländern selbst überlassen

sein, in welchem Dokument die

Informationen übermittelt werden.

Sie können zum Beispiel Teil der Nationalen

Anpassungspläne (NAPs) oder

der NDCs sein. Die Richtlinie zum Inhalt

ist aber für alle Dokumente identisch

– hier hatten einige Länder unterschiedliche

Richtlinien gefordert,

was die Vergleichbarkeit verschlechtert

hätte. Weiterhin enthalten die

Richtlinien wichtige Berichtspunkte

wie den Einbezug traditionellen und

indigenen Wissens oder Genderresponsive

Anpassungsmaßnahmen.

Wichtig ist auch, dass der Fokus auf zukünftigen

Anpassungsbedarfen liegt,

auch wenn man im Bericht über die

Anpassung auch über Erreichtes informieren

kann. Um zukünftige Bedarfe

und Lücken erkennen und angehen

zu können, ist der Blick nach vorn

jedoch unerlässlich. Zu bemängeln ist,

dass ärmeren Ländern keine direkte

Unterstützung der Erstellung der Berichte

zugesagt wurde. Diese Lücke zu

schließen ist nun auch Aufgabe bilateraler

Unterstützung.

Regelmäßige Runden zur Überprüfung

und Verschärfung der Ziele

In Paris wurde vereinbart, alle fünf

Jahre zu überprüfen, wie weit die

Weltgemeinschaft in der Erreichung

der globalen Ziele des Paris-Abkommens

gekommen ist und inwiefern

die nationalen Beiträge nachgeschärft

werden müssen. Die sogenannte globale

Bestandsaufnahme (engl. global

stocktake, GST) ist das Kernstück

dieses Ambitionsmechanismus im

Pariser Klimaabkommen. Sie hat zum

Ziel, eine gemeinsame Bewertung der

bisherigen globalen Maßnahmen zu

Klimaschutz, Anpassung und Unterstützung

im Lichte der Paris-Ziele zur

Begrenzung des Temperaturanstiegs,

zu Resilienz und der Ausrichtung

der Finanzflüsse, zu überprüfen. Die

globale Bestandsaufnahme wurde in

Kattowitz mit ausreichend robusten

Regeln ausgestattet: Sie wird die kollektiven

Bemühungen der internationalen

Staatengemeinschaft unter

Berücksichtigung von Gerechtigkeit

überprüfen und erlaubt auch eine

(eingeschränkte) Rolle für nichtstaatliche

Akteure.

Klimafinanzierung

Die Beschlüsse zur Klimafinanzierung

sind in der Summe eher als

gut zu bewerten. Zentral sind die

oben genannten Vereinbarungen zur

Transparenz der Klimafinanzierung.

Außerdem wurde die Zukunft des Anpassungsfonds

unter dem Paris-Abkommen

durch einen Beschluss in

Kattowitz gesichert. Der Fonds soll

zukünftig über eine Abgabe auf den

internationalen Emissionshandel sowie

öffentliche und private Quellen

gespeist werden. Auch für die Festlegung

eines neuen langfristigen Ziels

für Klimafinanzierung ab 2025 konnte

ein Prozess eingerichtet werden,

der 2020 beginnt. Dabei muss nun

sichergestellt werden, dass das Ziel

durch konkrete Unterziele so präzise

wie möglich festgelegt wird, um möglichen

Interpretationsspielraum zu

minimieren.

Auf der ersten Weltklimakonferenz

in Genf warnen

Forscher vor den negativen

Folgen von Treibhausgasen

in der Atmosphäre.

Die EU und weitere 23 Industriestaaten

beschließen das

Kyoto-Protokoll, das einzige

rechtlich bindende Abkommen zur

Begrenzung der Emissionen.

Weil nun alle Voraussetzungen

erfüllt sind, tritt das Kyoto-Protokoll

in Kraft und die EU führt ein

Handelssystem für CO 2

-Emissionsberechtigungen

ein.

1979 1997

1992 2001

155 Staaten unterzeichnen in

Rio de Janeiro die Klimarahmenkonvention

zur Stabilisierung der

Treibhausgase.

2005

Mit den „Marrakesh Accords“ dürfen

die Unterzeichner auch Wälder als

Ausgleich für Emissionen angeben;

Industriestaaten ist es erlaubt,

Emissionsausgleichsprojekte im

Ausland geltend zu machen.

64 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

Darüber hinaus wurden dem Finanzausschuss der Klimarahmenkonvention

wichtige Arbeitsmandate gegeben, deren

Ergebnisse für die weitere Debatte, auch im Rahmen der globalen

Bestandsaufnahme, als wichtiger Input dienen können.

Dazu gehörten ein regelmäßiger Bericht zur Ermittlung

der Bedürfnisse von Entwicklungsländern zur Umsetzung

des Paris-Abkommens sowie eine regelmäßige Bestandsanalyse

darüber, wie globale Finanzflüsse umgelenkt werden.

Die Regeln und Institutionen zur Klimafinanzierung wurden

gestärkt – aber jetzt ist auch mehr Geld notwendig. Für

den Anpassungsfonds wurden auf der COP24 über 129 Millionen

US-Dollar zugesagt, das ist ein neuer Rekord. Da es

sich dabei aber um einmalige freiwillige Beiträge handelt,

wird es in den nächsten Jahren darauf ankommen, dem

Anpassungsfonds stabilere Finanzquellen zu sichern. 2019

steht außerdem die Wiederauffüllung des Grünen Klimafonds

(Green Climate Fund, GCF) an. Mit Ankündigungen

zur Verdopplung der Beiträge für den Grünen Klimafonds

haben Deutschland und Norwegen vorgelegt; auch die anderen

reichen Länder müssen kommendes Jahr ihre Beiträge

verdoppeln.

Umgang mit klimabedingten Schäden und Verlusten

Das Thema klimabedingte Schäden und Verluste konnte

unter der globalen Bestandsaufnahme verankert werden –

dies ist eine klare Aufwertung gegenüber Texten, die hierzu

zwischenzeitlich auf der COP24 vorlagen. Dies ist ein

richtiger Schritt, der widerspiegelt, dass die Wichtigkeit

des Themas – also wie mit Schäden und Verlusten durch

den Klimawandel, die nicht verhindert werden können, umgegangen

wird – durch einen eigenen Artikel im Paris-Abkommen

anerkannt wurde. Allerdings ist immer noch kein

Prozess vorgesehen, der klärt, wie die Finanzierung für

klimabedingte Schäden und Verluste sichergestellt werden

kann. Damit reichen die Beschlüsse von Kattowitz insgesamt

nicht, um die am stärksten vom Klimawandel Betroffenen

zu schützen. Sie leiden heute schon unter den Folgen

von Extremwetterereignissen wie Stürmen oder Dürren,

die durch den Klimawandel intensiver und häufiger werden.

In Zukunft wird aber auch der Umgang mit langsam

einsetzenden Ereignissen, wie dem Anstieg des Meeresspiegels

oder die Versalzung der Böden, zunehmend wichtig.

Oftmals sind es die Ärmsten, die am meisten verletzlich

gegen die Auswirkungen dieser Ereignisse sind und deshalb

unbedingt Unterstützung benötigen.

Marktmechanismen

Im Artikel 6 des Paris-Abkommens sind Mechanismen

für den internationalen Emissionshandel vorgesehen, mit

denen Länder sich Klimaschutzmaßnahmen in anderen

Ländern auf eigene Klimaziele anrechnen lassen können.

Wenn hierbei keine Vorsorge gegen doppelte Anrechnung

getroffen wird, können dadurch große Schlupflöcher entstehen,

die die Integrität des gesamten Paris-Abkommens

bedrohen würden. Insbesondere Brasilien hat bis in die

letzten Stunden der Konferenz erbitterten Widerstand gegen

Regeln geleistet, die solche Doppelanrechnung ausschließen

sollen – sowohl in den Umsetzungsregeln zum

Artikel 6 als auch im Transparenzrahmenwerk. Im Ergebnis

wurden alle Entscheidungen zu Marktmechanismen

auf die Konferenz im kommenden Jahr (COP25) vertagt.

Es ist sehr zu begrüßen, dass die anderen Länder hier dem

brasilianischen Druck nicht nachgegeben haben. Marktmechanismen

sind hochkomplex und können ohne stringente

Regeln mehr Schaden als Nutzen anrichten. Dass die

VerhandlerIinnen sich hier ein weiteres Jahr gegeben haben,

um diese Regeln zu entwickeln, ist richtig. f

Im Original erschienen auf Germanwatch.org

Die Teilnehmerstaaten

beschließen in Cancún auf der

COP 16, die Erderwärmung auf

zwei Grad begrenzen zu wollen.

US-Präsident Donald Trump gibt

bekannt, dass die USA aus dem

Pariser Abkommen aussteigen.

2009

2010

2015

2017

2018

Aufgrund der Weigerung vieler

Staaten scheitert der „Copenhagen

Accord“ als Nachfolgevertrag

für das Kyoto-Protokoll.

Mit dem Pariser Klimaabkommen

(COP 21) verpflichten sich 195

Staaten dazu, die Erderwärmung

auf deutlich unter zwei Grad,

möglichst auf 1,5 Grad, zu begrenzen.

In Kattowitz einigt man sich

nach langen Verhandlungen

auf Regeln zur Umsetzung der

Pariser Klimaziele.

Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung, Greenpeace, FAZ

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

65


Klimawandel

Foto: adrenalinapura / stock.adobe.com

Im Bundeskabinett stimmt nicht

nur das Betriebsklima nicht

Deutschland will bis zur zweiten Hälfte dieses

Jahrhunderts weitgehend treibhausgasneutral sein –

das ist das ambitionierte Ziel der Bundesregierung, das sie

im Klimaschutzplan 2050 formuliert hat. Doch der Weg dahin

ist umstritten. Die Einhaltung der Klimaschutzziele sorgt derzeit

für erhitzte Gemüter in Berlin. Bundesumweltministerin

Svenja Schulze legte im Februar ihren Entwurf für ein

Klimaschutzgesetz im Bundestag vor – und entfachte

so die nächste Runde im Koalitionskampf.

Von Julia Arendt

Bundeskanzlerin Angela Merkel bezog

zu dem Thema klar Stellung: Sie

halte an der Verabschiedung eines

Klimaschutzgesetzes für die Etappenziele

bis 2030 (55 Prozent weniger

Treibhausgase gegenüber 1990) noch

in diesem Jahr fest. „Ich erinnere an

den Koalitionsvertrag, in dem wir gemeinsam

festgelegt haben, dass die

Bundesregierung in diesem Jahr gesetzliche

Regelungen verabschieden

will, um die Einhaltung der Klimaschutzziele

2030 zu gewährleisten“,

betont dazu Steffen Seibert, Sprecher

der Kanzlerin, gegenüber n-tv.

Die Bundesumweltministerin Svenja

Schulze erhielt bisweilen viel Kritik,

zu untätig in puncto Klimaschutz zu

sein. Im Februar machte sie ernst

und legte ihren Entwurf für ein Klimaschutzgesetz

vor. Kern des Dokuments:

Der Ausstoß von Treibhausgasen

soll bis 2050 um mindestens

95 Prozent im Vergleich zu 1990

gesenkt werden. Dem Papier zufolge

sollen für die einzelnen Sektoren

zunächst für die Jahre bis 2030 verbindliche

Emissionshöchstmengen

festgelegt werden. Laut Angaben der

Südwest Presse sollen zum Beispiel

die Emissionen im Verkehrsbereich

von 170 Millionen auf 95 Millionen

Tonnen reduziert werden. Entsprechende

Vorgaben gibt es auch für die

Energiewirtschaft, Industrie, Gebäude,

Landwirtschaft und Abfallwirtschaft.

Wie genau die Vorgaben umgesetzt

werden, sollen die Ressorts

selbst entscheiden. „Wir brauchen einen

verlässlichen Rahmen für Klimaschutz

in Deutschland. Erneute Zielverfehlungen

können wir uns weder

politisch noch finanziell leisten“, twitterte

die Bundesumweltministerin am

20. Februar 2019. „Deshalb habe ich

einen Entwurf für ein Klimaschutzgesetz

vorgelegt, den wir jetzt innerhalb

der Bundesregierung konstruktiv diskutieren.“

66 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

Von konstruktiver Kritik kann bei der Reaktion ihrer Koalitionspartner

jedoch nicht die Rede sein. Bundeswirtschaftsminister

Peter Altmaier griff Schulze gegenüber der

Bild-Zeitung hart an: „Das einseitige Vorgehen dient weder

dem Klimaschutz, noch dem Erhalt von Arbeitsplätzen in

Deutschland.“ Auch die stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende

Gitta Connemann kritisiert laut der Berliner

Zeitung Schulzes Vorgehen. Der Klimaschutz sei „zu wichtig

für Alleingänge und Effekthascherei einer Ministerin.“

Ökonomen schlagen CO 2

-Preisreform vor

Christoph Schmidt, Vorsitzender der Wirtschaftsweisen vom RWI Essen

und Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung

(PIK) sowie des Mercator Research Institute for Global Commons

and Climate Change (MCC), haben Ende 2018 Eckpunkte für einen

marktwirtschaftlichen Weg raus aus der Kohle entworfen. Der Ausstoß

von klimaschädlichem CO 2

soll teurer werden, zugleich aber die Stromsteuer

billiger. Ein sozial gerechter und effizienter Übergang zu nachhaltigem

Wirtschaften ist möglich, so die Professoren. „Wir wollen die

Steuerlast nicht erhöhen, sondern nur anders verteilen“, sagte Ottmar

Edenhofer gegenüber dem SPIEGEL. „Heute besteuern wir zum Beispiel

das vergleichsweise weniger klimaschädliche Erdgas viel höher als

Heizöl. Mit solchem Unfug wollen wir Schluss machen und künftig alle

Energieträger einheitlich nach ihrem CO 2

-Gehalt mit Abgaben belegen.

Und noch etwas gehört zu unserem Konzept: Was der Staat zusätzlich

einnimmt, gibt er eins zu eins wieder an Wirtschaft und Verbraucher zurück.“

Dabei setzen die beiden Ökonomen darauf, dass Deutschland den

Klimaplan gemeinsam mit einer Pionier-Koalition anderer europäischer

Länder umsetzen könnte – insbesondere Frankreich setzt sich stark

für eine wirksame CO 2

-Bepreisung ein, aber auch die Niederlande und

skandinavische Länder haben das Thema erkannt.

Sie wirft der Ministerin außerdem Planwirtschaft und Aktionismus

vor.

Rückendeckung erfährt die Politikerin aus den eigenen

Reihen. SPD-Fraktionsvize Matthias Miersch wies Altmaiers

Kritik zurück: „Wenn Wirtschaftsminister Altmaier der

Umweltministerin Schulze einseitiges Verhalten vorwirft,

ist das ein Witz“, sagte er laut der Berliner Zeitung. Die

Umweltministerin wolle genau das nicht, sondern strebe

vielmehr die Verantwortung aller zuständigen

Minister an. Auch Carsten

Träger, umweltpolitischer Sprecher

der SPD-Fraktion, unterstützt Schulze.

Deutschland könne bereits jetzt die

Klimaziele 2020 nicht erreichen, so

Träger gegenüber der Südwest Presse.

„Es ist klar, dass wir jetzt große

Schritte gehen müssen, um die Lücke

zu schließen“, betonte er und warnte

davor, dass Deutschland andernfalls

Strafzahlungen in Milliardenhöhe an

die Europäische Union zahlen müsse.

Als Orientierung für ein Klimaschutzgesetz

gilt der Abschlussbericht der

Kommission für Wachstum, Strukturwandel

und Beschäftigung, kurz Kohlekommission.

Die Bundesregierung

setzte diese im Juni 2018 selbst ein,

um im Rahmen der Klimakrise einen

Vorschlag für den Kohleausstieg zu

erarbeiten. Dieser soll den Klimaschutz,

das Wirtschaftswachstum

und den Arbeitsplatzschutz berücksichtigen.

Ein Staatsfonds für den Klimaschutz

Anlässlich der vergangenen Klimakonferenz in Kattowitz hat u.a.

Prof. Hans Joachim Schellnhuber, ehemaliger Leiter des Potsdam-

Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), die Gründung eines Klimaschutz-Staatsfonds

vorgeschlagen. Dieser solle mit einem Volumen von

bis zu 0,6 Billionen Euro ausgestattet werden, wie die Frankfurter

Allgemeine Sonntagszeitung berichtet hat. Das Geld dafür solle aus

höheren Abgaben auf CO 2

-Emissionen sowie aus einer höheren

Erbschaftsteuer gespeist werden. Ziel: Während ein Teil des Geldes

an die Haushalte durch eine geringere Mehrwertsteuer zurückfließen

solle, könne der Rest dann beispielsweise direkt in Infrastrukturprojekte

fließen oder in den Staatsfonds. Dieser könne dann nach festgelegten

Kriterien in Unternehmen investieren, die einen Nutzen für Klimaschutz

und Energiewende bringen.

Das 28-köpfige Gremium, in dem Vertreter

aus Industrie, Gewerkschaften,

Umweltverbänden und Wissenschaft

sitzen, stellte Ende Januar seinen

Abschlussbericht vor. Laut EURAC-

TIV Deutschland einigten sich die

Mitglieder unter anderem auf einen

Kohleausstieg bis spätestens zum

Jahr 2038 und einen Strukturwandel

in den Kohleländern Nordrhein-Westfalen,

Brandenburg, Sachsen und

Sachsen-Anhalt. Diese sollen Unterstützung

beim Umbau ihrer Industrie

erhalten. Der Bericht der Kohlekommission

dient lediglich als Vorschlag

für die Bundesregierung, ein Gesetz

für den Kohleausstieg zu erlassen.

Verpflichtend sind die Angaben des

Berichts nicht. f

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

67


Klimawandel

Priorität für Wachstum

oder Klimaschutz?

Vor dem Hintergrund der

alarmierenden Ergebnisse der

Klimaforschung ist klar: „Wir

müssen das menschliche

Handeln in eine neue Richtung

lenken, von der Ausbeutung

zu einem verantwortungsvollen

Umgang mit dem

Erdsystem“, so Will Steffen

vom Stockholm Resilienz

Center.

Von Prof. Dr. Angelika Zahrnt,

Ehrenvorsitzende des BUND

Aber wie sehen die Klimaschutzszenarien

des IPCC-Sonderberichts

aus? Und hier setzt bei aller Wertschätzung

der Klimaforschung des

IPCC (Weltklimarat) unsere kritische

Auseinandersetzung an: denn die

Klimaszenarien werden verbunden

mit fünf sozioökonomischen Entwicklungsszenarien

(Shared Socio-economic

Pathways). Diese Entwicklungsszenarien,

die auf ökonomischen

Modellen beruhen, gehen alle von der

Annahme aus, dass es weltweit weiteres

Wirtschaftswachstum geben wird

bis zum Jahr 2100, weil der Wohlstand

– verstanden als Konsum pro

Kopf – gesteigert werden soll. Unter

dieser Annahme kann ein zumindest

temporärer Überschuss – eine Überschreitung

der kritischen Schwellen

des CO 2

- Ausstoßes – nicht verhindert

werden. Deshalb braucht es Technologien,

die geeignet erscheinen, die – zu

vielen – Emissionen der Erdatmosphäre

wieder zu entziehen. Dabei stehen

derzeit im Mittelpunkt BECCS (Bioenergy

with Carbon Capture and Storage),

der Anbau von Biomasse und die

folgende Verbrennung der Biomasse

mit Abscheidung des CO 2

und danach

die Speicherung des CO 2

.

Diese sozio-ökonomischen Szenarien

gehen von weiterem Wirtschaftswachstum

aus, auch das sogenannte

Sustainability-Szenario, das für

2010-2100 in den Industriestaaten

eine durchschnittliche Wachstumsrate

von 1,0-1,4 Prozent annimmt

und weltweit eine Wachstumsrate

von 2,1-2,2 Prozent. Aber wie steht

es mit dem Verhältnis von Wirtschaftswachstum

und Klimaschutz,

68 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

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mit der Vereinbarkeit von Wirtschaftswachstum und

Klimaschutz? Welche Erfahrungen gibt es, seitdem Klimaschutz

seit der Rio-Konferenz 1992 und den Klimavereinbarungen

von Kyoto ein herausragendes politisches

Ziel der Staatengemeinschaft wurde? Es gibt weltweites

Wachstum und weltweit steigende CO 2

Emissionen, und

auch in den Industriestaaten ist die absolute Entkoppelung,

d.h. weniger CO 2

-Emissionen bei steigender Wirtschaftsleistung,

nicht gelungen. In den Industriestaaten

kommt hinzu, dass sie im Zuge der Globalisierung mit der

Verlagerung ihrer Produktion in Länder des Südens und

dem Import von Konsumgütern ihre CO 2

-Emissionen ins

Ausland verlagern.

Rebound-Effekt macht Erfolge zunichte

Die Hoffnung, über Energieeffizienz und über eine Green

Economy auch bei Wirtschaftswachstum die nötigen

CO 2

-Reduktionen und nationalen Klimaziele zu erreichen,

haben sich auch wegen des Rebound-Effekts nicht erfüllt.

Die Bundesregierung hat ihre Klimaziele für 2030, weil sie

absehbar nicht erreicht werden würden, von 40 Prozent auf

35 Prozent reduziert.

Deutschland ist in der europäischen Klimapolitik vom Vorreiter

zum Mitläufer und jetzt zum Hauptbremser geworden

– wie beim EU-Gipfel im Oktober 2018 zur Reduzierung

der CO 2

-Emissionen bei Automobilen. Und warum?

Weil im Automobilland Deutschland die Autoindustrie mit

dem Verlust von Arbeitsplätzen gedroht hat und die Bundesregierung

Wachstumseinbußen befürchtete. „Auch der

Klimaschutz steht unter Wachstumsvorbehalt“, so prägnant

hat es der frühere Wirtschaftsminister Clement bei

der Entscheidung über die Einführung des Emissionshandels

formuliert, worauf dieses Instrument so durchlöchert

wurde, dass es – wie beabsichtigt – wirkungslos wurde.

Klimaschutzmaßnahmen und Wirtschaftswachstum können

miteinander vereinbar sein, wie beim Ausbau der

erneuerbaren Energien, aber Klimaschutz darf nicht vom

Wachstum abhängig sein. Die planetaren Grenzen sind

auch unsere menschlichen Grenzen, und Wirtschaft und

Gesellschaft müssen so organisiert werden, dass diese

Grenzen eingehalten werden – auch wenn das Änderungen

in unserem Wirtschaftssystem und eine Abkehr vom

Wachstumsparadigma bedeutet. Wir brauchen eine Postwachstumsgesellschaft,

in der Wirtschaft und Gesellschaft

auch ohne Wachstum funktionieren. >>

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

69


Klimawandel

Konsumsteigerung versus Suffizienz

Die seit den „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome

1972 immer wieder aufkommende Debatte lässt sich nicht

mit neuen Wortschöpfungen entschärfen oder gar lösen,

mit qualitativem Wachstum, mit grünem Wachstum oder

auch nachhaltigem Wachstum – wie das auch in den Sustainable

Development Goals oder jetzt in dem Nachhaltigkeitsszenario

des IPCC angenommen wird. Die Auseinandersetzung

mit dem Paradigma Wirtschaftswachstum und

unserer derzeitigen tatsächlichen Abhängigkeit des Wirtschafts-

und Gesellschaftssystems vom Wirtschaftswachstum

ist zentral für die Klimapolitik.

Dies ist auch meine persönliche Erfahrung. Als Misereor

und der BUND in die Mitte der Neunzigerjahre als deutsche

Übersetzung der Agenda 21 von Rio die Studie „Zukunftsfähiges

Deutschland“ veröffentlichten, mit den gleichen weitreichenden

Reduktionszielen für CO 2

und Rohstoffe, wie

sie heute gefordert werden, gab es kein extra Kapitel zum

Thema Wachstum, sondern die Aussage: Die ökologischen

Grenzen, damals Umweltraum genannt, seien die Grenzen

für die wirtschaftliche Entwicklung. Wachstumsraten seien

ein Ergebnis wirtschaftlicher Aktivität und kein eigenständiges

Ziel. Wir waren damals überzeugt, dass die Weltgemeinschaft

die Brisanz der Klimaentwicklung erkannt

hätte und klimapolitisches Handeln Priorität hätten. Das

war ein Irrtum – und diesen dürfen wir nicht wiederholen.

Die Debatte um Wirtschaftswachstum muss offensiv in die

Debatte um Klimaschutzpolitik eingeführt werden. Denn in

den Klimaschutzszenarien werden Wachstumsraten angenommen,

die zu so hohen Treibhausgasemissionen führen,

dass das 1,5-Grad-Ziel überschritten würde.

Die Integrated Assessment Modelle arbeiten mit Nutzenund

Wohlfahrtsfunktionen, die das Ziel haben, den materiellen

Wohlstand zu maximieren. Der Gesamtnutzen ergibt

sich dabei aus dem Konsum pro Kopf multipliziert mit der

Anzahl der Menschen. Dabei erhöhen – wegen der logarithmischen

Funktion – Konsumzugewinne in armen Ländern

den Gesamtnutzen stärker als Konsumzugewinne in reichen

Ländern.

Foto: gustavofrazao / stock.adobe.com

Das Dilemma ist: Die Konsumsteigerung ist das Ziel, aber

gleichzeitig sind wirtschaftliche Aktivitäten und Konsum

der Hauptmotor für Treibhausgasemissionen.

Dies Dilemma soll nach dem IPCC-Sonderbericht durch

folgende Strategien gelöst werden:

1. Effizienz,

2. andere Formen der Energiebereitstellung,

3. Technologien für negative Emissionen, d.h. Technologien,

die CO 2

-Emissionen wieder aus der Atmosphäre

zurückholen und unwirksam werden lassen.

Welche Optionen dabei zum Einsatz kommen, wird nach

Grenzvermeidungskosten entschieden (gesamtwirtschaftliche

Kosten pro eingesparter Tonne CO 2

). Dabei werden

die gesellschaftlichen und Umweltkosten der Maßnahmen

nicht berücksichtigt.

Eine gesellschaftliche Debatte über die Annahmen dieser

ökonomischen Modelle, die die Höhe der angenommenen

C0 2

-Emissionen zentral bestimmen, findet nicht statt. Die

Debatte wird sich absehbar an den Auswirkungen der

Technologien für negative Emissionen entzünden.

So halten wir von Friends of the Earth die Risiken von BEC-

CS (das in allen Szenarien vorgesehen ist) für zu hoch:

1. Für die zu eliminierenden Mengen an CO 2

sind riesige

Flächen Land nötig, ca. ein Drittel der aktuellen

Anbaufläche weltweit, und es besteht daher die Gefahr

weiterer Waldrodungen für den Anbau von Biomasse.

2. Der Anbau von Biomasse erfolgt in Monokulturen mit

einem hohen Einsatz von Pestiziden und gefährdet

die Biodiversität.

3. Die Risiken der Speicherung von CO 2

sind zu hoch.

Ist das 1,5-Grad-Ziel noch zu schaffen?

Erreichen wir das 1,5-Grad-Ziel nicht, drohen dramatische

Konsequenzen. Das ist ein Ergebnis des IPCC-Sonderberichts

von Oktober 2018, der die Grundlage für die

Klimakonferenz in Kattowitz war. Grundsätzlich sei das Ziel

noch machbar. Dafür müsse allerdings der CO 2

-Ausstoß ab

Quelle: br.de/klimawandel/weltklimabericht-weltklimarat-ipccklimawandel-100.html

70 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

Wir halten deshalb den Ansatz für

falsch, bei Rückholtechniken für die

Emissionen anzusetzen, sondern setzen

darauf, die Entstehung von CO 2

zu

verringern, nicht nur über Effizienz

und alternative Energiebereitstellung,

sondern auch über Suffizienz. Aber

diese Option zur Reduzierung der

Treibhausgasemissionen wird überhaupt

nicht angesprochen – über Verhaltensänderungen

in Konsum und

Lebensstilen die Emissionen zu verringern,

z. B. in den Bereichen Ernährung/insb.

Fleischkonsum, Verkehr/

Sharing-Modelle, Flugverkehr, Regionalisierung.

Effizienzmaßnahmen und neue Energieformen

sind wichtig, aber ohne

Suffizienzmaßnahmen wird das Klimaziel

1,5 Grad nicht zu erreichen

sein. Um Suffizienz im nötigen Umfang

wirksam werden zu lassen, brauchen

wir fördernde Suffizienzpolitik.

Wirksame Suffizienz steht allerdings

im Konflikt mit Konsumsteigerung.

Der IPCC-Bericht selbst fordert einen

Systemwechsel, „a completely new

paradigm“. Systemwechsel bedeutet

nach unserer Einschätzung den Abschied

von der gegenwärtigen Priorität

für Wirtschaftswachstum und das

Ziel einer Postwachstumsgesellschaft,

in der nicht mehr die Steigerung der

materiellen Güter im Mittelpunkt

steht, sondern ein gutes Leben – weltweit

und für künftige Generationen. f

Im Original erschienen auf

postwachstum.de

2020 sinken, spätestens 2050 bei null

sein. Drastische Maßnahmen seien

nötig. Alleine für den Umbau des

Energiesektors schätzt der IPCC die

Kosten bis 2035 auf ca. 2,1 Billionen

Euro. Die Folgen der Klimaerwärmung

wären allerdings deutlich teurer.

Frau Prof. Zahrnt, um das Klima zu schützen, fordern Sie eine

Postwachstumsgesellschaft, in der Wirtschaft und Gesellschaft

ohne Wachstum funktionieren. Wie soll das gehen?

Die Fakten zeigen: Die „Entkoppelung“ funktioniert nicht, d.h. Effizienzsteigerungen

reichen nicht aus, um die Reduktionsziele zu erreichen, die für

1,5-2-Grad erforderlich sind. Daher sind die Klimaschutzziele bei einem

weiteren Wachstum der Produktion (BIP) nicht erreichbar, da es zu einem

„overshoot“ kommt, einem zu hohen Ausstoß von Treibhausgasen. Wachstum

ist nicht Teil der Problemlösung, sondern Teil des Problems. Daher ist

es höchste Zeit, dass sich Wirtschaftswissenschaft und Gesellschaft mit der

Transformation unserer Wirtschaft befassen – hin zu einer Wirtschaft, die auch

ohne Wachstum funktioniert, zu einer Postwachstumsgesellschaft. Dazu gibt

es Konzepte und im kleinen Rahmen auch Beispiele in der Praxis. Sowohl die

Forschung als auch der gesellschaftliche Diskurs dazu müssen aber dringend

verstärkt werden. Das aufziehende Postwachstumszeitalter wird mit massivem

Strukturwandel (Beispiele Kohle, Auto-Industrie) und mit zunehmenden Verteilungskonflikten

verbunden sein, die – am besten vorausschauend und proaktiv

– aufgearbeitet werden müssen.

In diesem Zusammenhang kritisieren Sie auch die SDGs, die ein nachhaltiges

Wachstum postulieren. Können die SDGs Klimaschutzzielen dennoch dienlich sein?

In SDG 8 wird Wachstum vor allem im Hinblick auf die Entwicklungsländer

gefordert. Das darf nicht auf die reichen Industriestaaten übertragen werden.

Zum Klimaschutz verweist SDG 13 ja auf das Paris-Abkommen, und damit haben

wir die Verbindung in den SDGs zu einem globalen Abkommen mit ambitionierten

Klimaschutzzielen. Das verpflichtet Alt-Industrieländer wie Deutschland

mit weitgehend ausgeschöpftem „Carbon Budget“ (d.h. dem Deutschland

zustehenden Anteil am globalen Kohlenstoffbudget) zur Dekarbonisierung bis

spätestens 2040. Erst wenn neben den Klimazielen auch andere ökologische

und soziale Zielvorgaben eingehalten werden, könnte von „nachhaltigem

Wachstum“ die Rede sein. Ob es unter ökologischen und sozialen Restriktionen

aber noch zu Wachstum kommt, erscheint fraglich. Besser wir bereiten uns auf

die Postwachstumsgesellschaft vor.

Sie wollen Treibhausgasemissionen durch Suffizienz reduzieren. Das betrifft vor

allem den privaten Konsum. Wie wollen Sie davon die Verbraucher überzeugen?

Ohne Wachstum werden auch die Einkommen nicht mehr steigen – und auch

nicht der Konsum. Zusätzlich kann jede(r) das Konsumverhalten ändern, z.B.

beim Fleischverbrauch, SUV oder bei Fernreisen. Die Änderung des Konsumverhaltens

ist aber nicht allein Aufgabe der KonsumentInnen, sondern vor allem

Aufgabe der Politik: Überzeugen durch Information („aufgeklärte Präferenzen“)

– aber auch durch Ordnungsrecht (Tempolimit) und durch Preise: Umweltschädliches

muss teurer werden, Mehreinnahmen können durch Öko-Steuern in

Form eines Öko-Bonus zurückgegeben werden. Wenn Fleisch teurer wird (durch

Vorschriften für artgerechte Tierhaltung) und wenn fossile Brennstoffe höher

besteuert werden, dann ändert sich auch das Verbraucherverhalten. Insgesamt

geht es auch im privaten Konsum um technische Veränderungen

(Innovationen und Effizienz) und Veränderungen

im Verbraucherverhalten (durch andere und weniger Produkte,

durch sparsame und gemeinsame Nutzung). Nur in

Kombination von Effizienz und Suffizienz sind die Reduktionsziele

im privaten Konsum bis 2040 erreichbar.

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

71


Klimawandel

Klimapolitik

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per Zertifikatekauf?

Von Dr. Alexander Fink und

Kalle Kappner

Bis 2020 sollte in Deutschland

der Ausstoß klimaschädlicher

Gase um 40 Prozent gegenüber

1990 sinken, so der 2007 beschlossene

Plan von Kanzlerin

Merkel. Nachdem sich in den

letzten Jahren abzeichnete,

dass dieses Ziel deutlich verfehlt

wird, erklärte die schwarz-rote

Bundesregierung den Klimaplan

Anfang 2018 für gescheitert.

72 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

Umweltpolitiker und Interessengruppen schlugen Alarm.

Vielleicht sei das ursprüngliche Einsparungsziel tatsächlich

nicht mehr zu halten, aber das könne nur bedeuten,

dass künftig noch mehr Anstrengungen für den Klimaschutz

zu unternehmen seien – durch neue Subventionen,

einen schnelleren Kohleausstieg und gesetzliche Anreize

zur Emissionsminderung.

Ein naheliegender Alternativvorschlag findet in der Diskussion

dagegen wenig Gehör: Über das EU-weite Emissionshandelssystem

ETS kann die Bundesregierung Verschmutzungsrechte

erwerben. Lässt sie diese ungenutzt,

trägt sie effektiv zum Klimaschutz bei, da die Gesamtmenge

der Verschmutzungsrechte limitiert ist.

Deutschlands Emissionsziele

Es gibt drei wesentliche staatliche Mechanismen zur Emissionsreduzierung:

➊ Über das Emissionshandelssystem ETS wird der Ausstoß

klimaschädlicher Gase in rund 45 Prozent der

EU-weiten Emissionsquellen reguliert. In jeder mehrjährigen

Handelsperiode stellt die EU eine fixe Menge

an zum Ausstoß klimaschädlicher Gase berechtigenden

Zertifikaten bereit. Alle partizipierenden Unternehmen

müssen anschließend eine ihren Emissionen entsprechende

Menge an Zertifikaten vorweisen, die sie teils

unentgeltlich erhalten, teils per Auktion ersteigern

müssen. Über die Menge der in jeder Handelsperiode

ausgegebenen Verschmutzungsrechte gibt die EU das

Tempo der Emissionssenkungen in Europa – und damit

auch in Deutschland – vor.

➋ Für die nicht im ETS integrierten Emissionsquellen –

im Wesentlichen Verkehr, Gebäudeenergie und Landwirtschaft

– gibt die EU im Rahmen der Lastenteilungsentscheidung

länderspezifische Einsparziele vor. So

soll Deutschland seine Emissionen in diesen Bereichen

zwischen 2005 und 2020 um 14 Prozent senken – ein

Ziel, das zunehmend unrealistisch erscheint.

➌ Darüber hinaus gibt sich die Bundesregierung Selbstverpflichtungsziele,

aktuell etwa im Klimaschutzplan

2050. Frühere Ziele wie die sogenannten Meseberger

Beschlüsse konnten nicht eingehalten werden. Ein

wichtiger Grund für das Scheitern ist die unerwartet

gute Konjunktur der letzten Jahre, die zu höheren Emissionen

geführt hat.

Konventionelle Klimapolitik: Ineffizient und

inflexibel

Vor diesem Hintergrund wird der Ruf nach zusätzlichen

Subventionen und gesetzlichen Anreizen zur Emissionsreduktion

wieder lauter. Doch Subventionen haben unerwünschte

Umverteilungseffekte und sind teuer: Zu den

direkt für die Steuerzahler anfallenden Kosten kommen

indirekte durch Marktverzerrung entstehende Kosten hinzu.

So zahlen deutsche Stromkunden schon heute auch

aufgrund der EEG-Umlage europaweit mit die höchsten

Strompreise.

Subventionsgetriebene Klimapolitik ist nicht nur teuer,

sondern auch inflexibel. So ist etwa eine 2018 ersonnene

Subvention aufgrund langwieriger Gesetzgebungsverfahren

kaum in der Lage, Emissionen schon zwei Jahre später

effektiv zu senken. Einmal eingeführt, ist es allerdings

schwer, eine Subvention wieder abzuschaffen, wenn ihre

ursprüngliche Begründung längst weggefallen ist.

Ein weiteres Problem entsteht aus der Interaktion zwischen

nationaler Klimapolitik und EU-weitem Emissionshandel:

Da die in jeder Handelsperiode zur Verfügung stehende

Menge an Verschmutzungsrechten EU-weit fixiert ist,

führt jede aufgrund einer Subvention in Deutschland eingesparte

Tonne lediglich zur Emission einer zusätzlichen

Tonne in einem anderen europäischen Land – jedenfalls in

den knapp 45 Prozent der Emissionen umfassenden Sektoren,

die derzeit im ETS integriert sind. Zwar verpuffen

Subventionen so nicht gänzlich, doch ihr Einsparpotenzial

wird damit relativ zu den durch sie verursachten Kosten

eingeschränkt. >>

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

73


Klimawandel

Ein unmoralischer Ablasshandel?

Alternative: Regierung kauft

Verschmutzungsrechte

Als Alternative zur teuren und inflexiblen

Subventionspolitik bietet sich

die Beteiligung der Bundesregierung

am europäischen Emissionshandel

an. Kauft die Bundesregierung Unternehmen

Zertifikate ab und lässt diese

anschließend ungenutzt verfallen,

entspricht dies einer durch die deutschen

Steuerzahler finanzierten Reduktion

der weltweiten Emissionen.

Auch zertifikatebasierte Klimapolitik

ist nicht billig. Das Recht zur Emission

einer Tonne CO 2

kostet im ETS derzeit

rund 16 Euro (Stand Juni 2018).

Würde die Bundesregierung eine

Großorder aufgeben, so würde dieser

Preis steigen. Im Vergleich zur konventionellen

Klimapolitik verspräche

eine zertifikatebasierte Klimapolitik

den Steuerzahlern dennoch substantielle

Entlastungen, da die Verzerrungskosten

herkömmlicher Subventionen

vermieden würden. In europaweiter

Perspektive würde zudem dafür gesorgt,

dass die Einsparungen effizient

vorgenommen werden.

Einsparungsziele durch Zertifikatekauf

realisierbar

Auch das 2007 formulierte Ziel,

Deutschlands Emissionen bis 2020

relativ zu 1990 um 40 Prozent zu

senken, könnte mittels eines entsprechenden

Zertifikatkaufs erreicht

werden. 2017 wurden in Deutschland

etwa 904,7 Millionen Tonnen

Treibhausgase freigesetzt. Um die

Differenz zu den ab 2020 nur noch

erlaubten 751 Millionen Tonnen zu

überbrücken, wäre der Kauf von 153

Millionen Zertifikaten nötig – eine solche

Order kostet zu heutigen Preisen

2,4 Milliarden Euro. Zum Vergleich:

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz hat

im Jahr 2016 Kosten von rund 22 Milliarden

Euro verursacht.

Die Verpflichtung gegenüber der EU

ließe sich über den Zertifikatekauf

dagegen nicht vertragsgenau einhalten,

schließlich beziehen sich die

darin formulierten Einsparungsziele

auf jene Emissionsquellen, die nicht

vom ETS abgedeckt werden. Das ist

bedauerlich, da effizienter zu realisierende

Einsparungen in durch das

ETS abgedeckten Emissionsquellen

nicht gegen weniger effiziente Einsparungen

in Nicht-ETS-Emissionsquellen

aufgerechnet werden können.

Solange diese Emissionsquellen nicht

integriert sind, sollte die EU erwägen,

es Regierungen zu erlauben, etwaige

Lücken gegenüber den Zielvorgaben

durch den Kauf von ETS-Zertifikaten

zu schließen. Für den Klimaschutz

spielt es keine Rolle, in welchen Industrien

die Einsparungen vorgenommen

werden.

Kritiker bezeichnen Unternehmen,

die ihren Kunden klimaneutrale Produkte

per Zertifikatekauf anbieten als

„moderne Ablasshändler“. Der Kritik

liegt die Vorstellung zugrunde, dass

jeder Emittent für den durch ihn angerichteten

Schaden moralisch verantwortlich

ist und diesen daher selbst zu

beheben hat – selbst, wenn es effizienter

wäre, andere für eine klimaäquivalente

Schadensbehebung zu bezahlen.

Auch die Bundesregierung träfe die

Kritik, sich „freizukaufen“, sollte sie

die Klimapolitik zukünftig auf den

Kauf von Zertifikaten beschränken

und Unternehmen somit dafür bezahlen,

weniger Emissionen auszustoßen.

Derartige Kritik übersieht allerdings,

dass auch die heutige Subventionspolitik

einem „Ablasshandel“ entspricht.

Der Übergang zu einer zertifikatebasierten

Klimapolitik würde lediglich

bewirken, dass die Steuerzahler

zusätzlich zu inländischen Unternehmen

auch ausländische Unternehmen

für Emissionsreduktionen bezahlen.

Emissionshandel stärken

Schwerwiegendere Kritik am Vorschlag

einer zertifikatebasierten Klimapolitik

speist sich aus der derzeit

nur eingeschränkten Reichweite des

ETS. Nur wenn möglichst viele wichtige

Emissionsquellen in das ETS einbezogen

werden, bewirkt dieses eine

EU-weite Priorisierung von Emissionseinsparungen

in jenen Bereichen,

in denen diese am kostengünstigsten

sind.

Zwar werden die Reichweite des ETS

steigernde Reformen bereits diskutiert.

Doch der Einbezug von Privathaushalten

(ca. zehn Prozent der Emissionen),

Dienstleistungssektor (ca. vier

74 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

Prozent) sowie Verkehrssektor (ca.

17,7 Prozent) würde zu erheblichen

Transaktionskosten führen. Zwar ist

vorstellbar, dass die europäischen Regierungen

den notwendigen Zertifikatekauf

stellvertretend für ihre Bürger

vornehmen, etwa auf Basis einer jährlichen

Schätzung der aus diesen Quellen

entsprungenen Emissionen. Eine solche

Stellvertreterlösung würde jedoch

zu Trittbrettfahrerverhalten einladen

und die Effizienz des ETS mindern.

Trotz dieser Schwierigkeiten stellt

das ETS für die Bundesregierung

bereits heute ein vielversprechendes

Instrument zur Realisierung

selbstgesteckter Einsparungsziele

dar. Die Vorteile gegenüber der konventionellen

subventionsbasierten

Klimapolitik – eine geringere Verzerrungswirkung

und flexiblere Anwendungsmöglichkeiten

– wachsen

in dem Maße, in dem es zukünftig

gelingt, weitere Emissionsquellen in

das ETS einzubeziehen. Statt auf die

Einführung neuer Subventionen hinzuwirken,

sollten am Klimaschutz

interessierte Interessengruppen und

Umweltpolitiker daher auf die Ausweitung

des ETS und die Nutzung des

Zertifikatekaufs als klimapolitische

Maßnahme durch die Bundesregierung

pochen. f

Im Original erschienen bei IREF –

Institute for Research in Economic

and Fiscal Issues

Dr. Alexander Fink, Universität

Leipzig, Senior Fellow des IREF –

Institute for Research in Economic

and Fiscal Issues

Kalle Kappner, Promotionsstudent

an der Humboldt-Universität zu

Berlin, Research Fellow bei IREF

>>

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

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Klimawandel

Geo-Engineering

Hilft jetzt nur noch

Klima-Klempnern?

Von Dr. Elmer Lenzen

Hintergrund: oraziopuccio / stock.adobe.com, Bild: Veniamin Kraskov / stock.adobe.com

Das Wetter zu manipulieren ist

ein alter Menschheitstraum.

Mit dem Klimawandel

bekommt das Thema wieder

neue Bedeutung. Bei dem

sogenannten Geo-Engineering

geht es um gezielte

Veränderungen des Klimas

zur Senkung der Temperatur.

Derartige Projekte zielen

zum Beispiel darauf ab,

die Erde vor der Sonne zu

schützen oder Kohlendioxid zu

binden. Eine gute Idee oder

schlimmer Unfug?

Herman Sörgel hatte in seinem Leben nur ein einziges

Ziel: die Verwirklichung einer gigantischen Vision. Vor

90 Jahren begann der Münchener Architekt, der sich gern

„Weltbaumeister” nannte, mit den ersten Konzepten zum

Bau des neuen Kontinents Atlantropa. Das Herzstück von

Sörgels Plan aus dem Jahr 1928 war ein 2,5 Kilometer breiter,

300 Meter hoher und 35 Kilometer langer Staudamm

an der Straße von Gibraltar. Damit wollte er das Mittelmeer

vom Atlantik trennen und langsam trockenlegen – um bis

zu 200 Meter sollte der Meeresspiegel abgesenkt werden.

Das Mittelmeer sollte um 20 Prozent schrumpfen und neues

Land etwa in der Größe Frankreichs entstehen. Und dort,

wo heute der Nil langsam in einem Delta mündet, wäre ein

gigantischer Wasserfall von 200 Metern Höhe entstanden.

Die Idee dahinter: Die beiden Kontinente Afrika und Europa

sollten zusammenwachsen. Die Ressourcen Afrikas sollten

dem Zugriff Europas zugänglich gemacht werden, und

nebenher würden die Staudämme Unmengen an nachhaltiger

Energie aus Wasserkraft liefern. Sörgel errechnete eine

Dauerleistung von rund „70 Millionen PS“. Der Bau sollte

in zehn Jahren zu schaffen sein, dafür kalkulierte Sörgel

mit je 200.000 Arbeitern in vier Schichten.

76 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

„Was uns heute größenwahnsinnig

erscheint, hatte damals viele prominente

Unterstützer“, erklärt Wilhelm

Füßl, Leiter des Archivs des Deutschen

Museums, wo Sörgels Nachlass

aufbewahrt wird. „Selbst im Nachkriegsdeutschland

hat man an das

Projekt noch geglaubt.“ Während die

deutsche Presse von dem Atlantropa-

Projekt teils sehr begeistert war,

konnten die Italiener der Trockenlegung

„ihres“ Mittelmeeres weitaus

weniger abgewinnen. Der „Corriere

della Sera“ schrieb empört: „Hat denn

der arglose Herr Sörgel keine anderen

Pläne, mit denen er seine wirre Fantasie

beschäftigen kann?“

Alles Spinnerei? Möglich. Aber so

war der Geist der 20er Jahre. In der

gleichen Zeit begann etwa der niederländische

Ingenieur Cornelis Lely

mit der Trockenlegung der Nordsee.

Nur wenige Dekaden später hatten die

Niederländer rund 3.000 Quadratkilometer

Landfläche der Nordsee abgewonnen.

Mit dem Ijsselmeer entstand

zudem ein großer, neuer Binnensee.

Pariser Klimaabkommen setzt auf

„Negative Emissionen“

Zurück in die Gegenwart: Terraforming

oder Geo-Engineering, wie wir es

heute nennen, hat mit dem Klimawandel

neue Aktualität bekommen. „Geo-

Engineering ist der Plan C der Klimapolitik.

Plan A lautet: Die Menschheit

muss weniger CO 2

ausstoßen. Ein guter

Plan, aber es hapert an der Umsetzung.

Plan B ist die Anpassung an den

Klimawandel, beispielsweise durch

hitzeresistente Getreidesorten. Früher

tabu, heute Realpolitik“, schreibt Max

Rauner in der ZEIT.

Um die schlimmsten Folgen des Klimawandels

abzuwenden, soll das Pariser

Klimaabkommen die Erderwärmung

auf deutlich unter zwei Grad

und möglichst auf eineinhalb Grad

begrenzen. Das ist nur möglich, wenn

die Staaten ihre Emissionen erheblich

stärker reduzieren, als sie es bisher

im Rahmen des Abkommens zugesagt

haben. Fragt sich nur: Wie?

Das Intergovernmental Panel on Climate

Change (IPCC) hat unterschiedliche

Szenarien durchgerechnet. Nur

im optimistischsten Szenario kann

das Klimaziel durch sofortige und

drastische Maßnahmen in allen >>

Abbildung: Deutsches Museum

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

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Klimawandel

Sektoren (Verkehr, Landwirtschaft, Bau, Energie etc.) noch

erreicht werden. In den weniger optimistischen Szenarien

muss die Weltgemeinschaft ab 2030 oder spätestens 2050

zusätzliche Maßnahmen ergreifen: Sie muss große Mengen

an CO 2

aus der Atmosphäre entnehmen oder dauerhaft lagern,

um mit „negativen Emissionen“ die Bilanz auszugleichen.

Dafür sind die Selbstverpflichtungen der Staaten bei weitem

nicht ehrgeizig genug. Die aktuelle Rechnung sieht

nämlich so aus: Um die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen,

dürfen weltweit bis 2050 nur noch knapp 400 Gigatonnen

CO 2

emittiert werden. Aktuell beträgt der globale

Ausstoß jedoch 40-42 Gigatonnen im Jahr. Also ausgehend

vom Pariser Klimaabkommen in 2015 wären die 400 Gigatonnen

CO 2

damit spätestens bereits im Jahr 2026 aufgebraucht.

Die Welt steuert derzeit auf eine Erderwärmung

von drei Grad oder mehr zu“, sagt Katja Frieler vom Potsdam-Institut

für Klimafolgenforschung. Deshalb bringt die

UN seit längerem schon als Lösung die sogenannten „negativen

Emissionen“ ins Gespräch. Dabei werden Klimagase

aus der Atmosphäre entnommen. Das geht nur mit

viel Technik und bedeutet einen fundamentalen Paradigmenwechsel

in der Klimapolitik.

Grundsätzlich kann man die Vielzahl der Maßnahmen

in zwei Lösungsansätze unterscheiden:

1. Beim Carbon Dioxide Removal (CDR) wird überschüssiges

CO 2

in der Atmosphäre herausgefiltert und in

anderer Form genutzt oder gespeichert.

2. Beim Solar Radiation Management (SRM) wiederum

geht es darum, die ankommenden Sonnenstrahlen zu

reflektieren und so die Erwärmung zu begrenzen.

Aufforsten, Filtern, Verarbeiten – CDR-Maßnahmen im

Überblick

A) AUFFORSTEN

Ein Beispiel für negative Emissionen sind

Aufforstungen – Wald bindet CO 2

im Holz, so

lange das Holz nicht später als Brennstoff genutzt

wird. Das Aufforsten oder der Anbau von Biomasse

zur CO 2

-Reduktion konkurriert allerdings um die gleichen

Flächen, die auch für die Landwirtschaft benötigt werden.

Allein mit mehr Biomasse ist es somit schwierig, die Klimaziele

zu erreichen, denn die natürliche Photosynthese

ist kein besonders effizienter Prozess. Maximal zwei Prozent

des Lichts können Blätter nutzen, um CO 2

und Wasser

in neue chemische Verbindungen umzuwandeln. Um

beispielsweise zehn Gigatonnen CO 2

pro Jahr im Wald zu

binden, argumentieren Physiker, müssten etwa zehn Millionen

Quadratkilometer der fruchtbaren Flächen auf der

Erde mit neuem Wald bepflanzt werden. Dies entspricht

der Fläche des Kontinents Europa (bis zum Ural!).

B) KÜNSTLICHE PHOTOSYNTHESE

Auch mit Systemen, die eine „künstliche

Photosynthese“ ermöglichen, könnte CO 2

aus

der Atmosphäre entnommen und gebunden

werden. Ähnliche Materialsysteme, wie sie derzeit für

die künstliche Photosynthese erforscht werden, könnten

deutlich effizienter CO 2

binden. Bei einer angenommenen

Effizienz von 19 Prozent und 50 Prozent Systemverlusten

könnten Module von etwa 30.000 Quadratkilometern

schon ausreichen, um jährlich zehn Gigatonnen CO 2

aus

der Atmosphäre zu entnehmen. Dies entspricht etwa der

Fläche des Bundeslands Brandenburg.

„Es könnte zwar möglich sein, solche Module zu entwickeln,

aber selbst wenn wir sie dann bauen könnten, wird

die Umwandlung nach unserer Schätzung mindestens

65 Euro pro Tonne CO 2

kosten. Damit verursacht die Entnahme

von zehn Gigatonnen CO 2

jedes Jahr erneut Kosten

von 650 Milliarden Euro“, sagt Dr. Matthias May vom HZB-

Institut für Solare Brennstoffe.

C) FILTERN & SPEICHERN

Beim „Direct Air Capture“ (DAC) Verfahren

wird CO 2

mithilfe chemischer Verfahren aus

der Luft extrahiert. Anschließend muss das gewonnene

CO 2

in unterirdischen Gesteinsschichten gespeichert

oder anderweitig verarbeitet werden. Experten haben

vor allem die Speicherung im Blick: Sogenannte "Carbon

Sinks", also Lagerstätten von Kohle- und Erdölförderung,

sind geologisch schon seit Jahrmillionen stabil und könnten

als CO 2

-Speicher herhalten. Diese CCS-Technologie (Carbon

Dioxide Capture and Storage) steht für die Abscheidung und

Speicherung des in Kraftwerks- und Industrieprozessen anfallenden

CO 2

. Ob die Technik wirklich sicher ist, wird von

vielen jedoch bezweifelt. Hinzu kommen immense Kosten:

Diese liegen laut dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

bei 200 bis 1.000 Dollar je Tonne CO 2

.

D) INDUSTRIELLE ANWENDUNGEN

Bisher wenig entwickelt ist der Einsatz von

Kohlendioxid als Rohstoff für die industrielle

Nutzung. Das entnommene CO 2

könnte zu

Ameisensäure, Alkohol oder Oxalat umgewandelt werden

und mit weiteren Verbindungen (zum Beispiel Kalziumchlorid)

zu festen Mineralien reagieren, die gelagert

oder sogar in Form von Kunststoff als Baumaterial genutzt

werden können. Bei Bayer verwandelt man in einem Pilot-

78 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

projekt das Treibhausgas in einen nützlichen Rohstoff. Ein

neues Verfahren gestattet es, CO 2

in Schaumstoffe einzubauen

und so einen Teil des knappen Erdöls zu ersetzen,

aus dem sie sonst komplett bestehen. Erstes Einsatzgebiet:

Matratzen.

Spiegel, Schirme, Vulkanausbrüche –

SRM-Maßnahmen im Überblick

A) SPIEGEL & SCHIRME

Der Klimawandel entsteht durch globale Erwärmung.

Deren Verursacher ist die Sonneneinstrahlung.

Beim Solar Radiation Management

(SRM) geht es daher darum, die Sonnenstrahlen zu

reflektieren. Hierbei setzt man auf Spiegel und Sonnenschirme.

Das ist auch nicht aus der Luft gegriffen: Bereits

jetzt werden etwa 25 Prozent der eintreffenden Sonnenstrahlen

von der Erdatmosphäre reflektiert (das Prinzip

Spiegel) oder wie bei einem Sonnenschirm in den oberen

Schichten der Atmosphäre absorbiert. SRM-Technologien

setzten daher auf die Veränderung der Zusammensetzung

der Atmosphäre. Dann kommen, so denken sich das die

Wissenschaftler, weniger Sonnenstrahlen an und die Erde

kühlt automatisch ab.

Die Idee klingt verrückt, aber praktisch passiert diese Art

von Atmosphärenbeeinflussung schon heute in großem

Stil. Die Abgase von Industrie und Verkehr reichern die Atmosphäre

mit winzigen Partikeln, sogenannten Aerosolen,

an. Wissenschaftler haben errechnet, dass seit Beginn der

Industrialisierung sich die Erde um rund ein Grad erhitzt

hat. Ohne den Effekt der Aerosole wären es 1,3 Grad. Makaber:

Dreckige Luft hemmt also die globale Erwärmung.

Reflexion geht aber auch weniger martialisch, etwa durch

bauliche Maßnahmen wie weiße Gebäude, Dächer und Flächen,

zusätzlicher Wasserflächen, die Licht spiegeln oder

das Weißen von Wüstenflächen. Astronauten wiederum haben

vorgeschlagen, einen riesigen Sonnenschirm im Weltall

zu spannen.

B) GEZIELTE VULKANAUSBRÜCHE

Ganz ähnlich wie Aerosole verhalten sich auch

die Auswirkungen von Vulkanausbrüchen. Jedes

Mal werden dann erhebliche Mengen von

Staub und Asche in die Atmosphäre geschleudert. Die beiden

Berkeley-Wissenschaftler Jonathan Proctor und Solomon

Hsiang werteten Daten zu weltweiten Vulkanausbrüche

zwischen 1979 und 2009 aus und korrelierten diese

mit den Ernteerträgen von Mais, Soja, Reis und Weizen

im gleichen Zeitraum. Die Ergebnisse veröffentlichten sie

jetzt in einer Ausgabe der Fachzeitschrift Nature. Demnach

reduzierte etwa der Ausbruch des Pinatubu-Vulkans 1991

auf den Philippinen die weltweite Sonneneinstrahlung um

2,5 Prozent. Die Temperaturen sanken dadurch weltweit

um ein halbes Grad. Zugleich sanken aber auch die Ernteerträge.

Der Spiegel zitiert Hsiang: „Das ist, als gleiche

man die Schulden einer Kreditkarte mit einer anderen aus.

Am Ende hat man das, womit man angefangen hat, ohne

das Problem zu lösen."

Dennoch sind vor allem explorative Konzerne mit ihrer

Bohrerfahrung an gesteuerten Vulkanausbrüchen als Klimaschutz-Maßnahme

äußerst interessiert. Vor allem auch,

weil solche Aufträge dauerhaft wären. Würde man sich

nämlich eines Tages entschließen, den künstlichen Vulkanismus

wieder zu beenden, dann droht der "Termination

Shock". Die Zeit schreibt: „Wenn das Geo-Engineering nach

50 Jahren aus welchen Gründen auch immer gestoppt würde,

stiegen die Temperaturen innerhalb von nur 20 Jahren

um zwei Grad an. Das wäre der Klimawandel in Zeitraffer.“

Gehören technische Klima-Eingriffe verboten?

Technisch betrachtet ist Geo-Engineering machbar. Aber

wollen wir es deshalb auch machen? Diese Frage beschäftigt

nicht nur Forscher, sondern auch Politiker und engagierte

Bürger. Jonathan Proctor von der University of

California in Berkeley warnt: „Das ist ein bisschen so wie

experimentelle Chirurgie, wenn man herausfindet, dass

die Nebeneffekte der Behandlung so schlimm sind wie die

Krankheit."

Die Bundesregierung unterstützt derzeit hierzulande 18

Universitäten und Institute mit insgesamt zehn Millionen

Euro, um Geo-Engineering zu erforschen. „Diese Forschung

wird missbraucht werden", beklagt der Physiker David

Keith von der Harvard University in einem ZEIT-Beitrag.

„Ölkonzerne und Petro-Staaten werden versuchen, sich aus

der Verantwortung zu stehlen, indem sie uns das Wort im

Mund umdrehen." Deshalb regt sich immer mehr Widerstand:

Die Zivilgesellschaft bekräftigt die Forderung nach

einem internationalen Verbot der technischen Eingriffe in

Naturkreisläufe“, sagt Lili Fuhr von der Heinrich-Böll-Stiftung.

Die Forderungen nach einer weltweiten Regulierung der

Geo-Engineering-Technologies sind zuletzt aber auf der

UN-Umweltkonferenz UNEA4 im März 2019 in Nairobi

gescheitert. Vor allem Investoren aus dem Silicon Valley

sowie Lobbyisten der fossilen Industrie und der Bergbauindustrie

stemmten sich gegen neue Regeln. Lili Fuhr

ist dennoch nicht unzufrieden: „Die gute Nachricht ist: Das

2010 in der UN-Biodiversitätskonvention (CBD) beschlossene

Moratorium auf Geo-Engineering hat unverändert

Bestand, ebenso wie die Regulierungsansätze für marines

Geo-Engineering zur Verhütung der Meeresverschmutzung

(LP/LC).“ >>

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

79


Klimawandel

Glossar

Wettlauf gegen die Zeit

„Keine der hier vorgeschlagenen

Klima-Geo-Engineering-Techniken

könnte realistisch innerhalb der

nächsten Jahrzehnte in globalem

Maßstab eingesetzt werden. Das

heißt, man kann nicht damit rechnen,

dass sie einen wesentlichen

Beitrag zum Erreichen des 2-Grad-

Ziels – geschweige denn des

1,5-Grad-Ziels – leisten könnten“,

sagt der Wissenschaftler Mark

Lawrence. Sollten Klima-Geo-Engineering-Technologien

je Anwendungsreife

erreichen, dann

mit hoher Wahrscheinlichkeit

erst in der zweiten Hälfte des

21. Jahrhunderts.

Geopolitische Risiken

Die Informationsstelle Militarisierung

e.V. (IMI) verweist in einer

aktuellen Studie auf die geopolitischen

Implikationen. Da jede

der bislang erwogenen und kurz

vorgestellten Technologien Gewinner

und Verlierer hervor brächte,

bestehe die Gefahr einer „Militarisierung

des Klimas“: „Es drohen

Wettkämpfe um Ressourcen,

Streite um negative Folgen oder

Konflikte um die Kontrolle des regionalen

Klimas“, so Jürgen Wagner,

Vorstand der IMI. Dies wecke

Hoffnungen und Begehrlichkeiten,

mit großtechnischen Scheinlösungen

in das Klima einzugreifen.

Dass bereits jetzt häufig das Militär

und militärnahe Institutionen

in die Entwicklung eingebunden

und diese auch prädestiniert für

die Bereitstellung und den Schutz

der benötigten Infrastrukturen

sind, erhöhe das Konfliktpotenzial

weiter. f

Was heißt eigentlich Mitigation? Was sind negative

Emissionen? Sind Wetter und Klima nicht das Gleiche?

Und was macht überhaupt der IPCC? Dieses Glossar

enthält Erklärungen für wichtige Begriffe zum Thema

Klima(wandel).

Anpassung an den Klimawandel

1992 einigte sich die Staatengemeinschaft

in der UN-Klimarahmenkonvention

darauf, Maßnahmen

zur Anpassung an den

Klimawandel zu ergreifen. Diese

sollen die (Folge-) Schäden durch

bereits eingetretene oder zu erwartende

Klimaveränderungen für die

Menschen verhindern oder zumindest

abmildern.

Anthropogen

Anthropogen (griech. anthropos

= Mensch; genese = Erzeugung/

Erschaffung) bedeutet menschengemacht.

Der anthropogene Klimawandel

bezeichnet also den vom

Menschen verursachten Klimawandel.

CO 2

-Budget

Das CO 2

-Budget ist die Menge an

CO 2

, die wir noch maximal freisetzen

dürfen, um das 1,5-Grad-Ziel

einhalten zu können. Laut dem

IPCC-Sonderbericht von Oktober

2018 liegt dieses nur noch bei etwa

420 Gigatonnen CO 2

. Da die Welt

jährlich knapp 42 Gigatonnen ausstößt,

ist das Budget wahrscheinlich

in weniger als neun Jahren

aufgebraucht. Für das 2-Grad-Ziel

reicht das CO 2

-Budget voraussichtlich

noch ca. 26 Jahre.

CO 2

-Senke

Als CO 2

-Senken bezeichnet man

Reservoirs und Ökosysteme, die

CO 2

aufnehmen und (zum Teil dauerhaft)

speichern können, wie etwa

Wälder, Böden und Meere.

Emissionshandel

Der Emissionshandel ist ein marktwirtschaftliches

Instrument zur Reduzierung

von Treibhausgas-Emissionen.

Der Gesetzgeber legt die

Gesamtmenge an Treibhausgasen

fest, die emissionshandelspflichtige

Unternehmen in einem bestimmten

Zeitraum ausstoßen dürfen („Cap“).

Diese bewilligte Menge wird in Form

von Emissionszertifikaten ausgegeben.

Stößt ein Unternehmen

weniger Treibhausgase aus, darf

es die nicht benötigten Zertifikate

verkaufen. Andersherum kann ein

Unternehmen Emissionszertifikate

nachkaufen, sofern es die erlaubte

Menge an Treibhausgasen überschreitet.

Wer die Abgabepflicht für

die Zertifikate nicht erfüllt, muss mit

Sanktionen rechnen.

Endenergie

Endenergie ist die Energie, die nach

Abzug von Wandlungs- und Übertragungsverlusten

beim Endverbraucher,

z.B. als Strom, ankommt

und genutzt werden kann.

80 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Klimawandel

Folgen des Meeresspiegelanstiegs

Der Anstieg des Meeresspiegels

bringt viele Probleme mit sich: Neben

der Erosion von Küstengebieten,

versalzt das eindringende Meerwasser

das Grundwasser und Sturmfluten

laufen höher auf. Wie groß die

Gefahr für einzelne Küsten ist, hängt

aber auch von ihrer Form ab. Vor allem

flache Küsten und Deltas, beides

beliebte Siedlungsgebiete, sind durch

Erosion besonders gefährdet.

IPCC

Der Intergovernmental Panel on

Climate Change (IPCC) oder auch

Weltklimarat wurde 1988 gegründet.

Er berichtet regelmäßig über die aktuelle

Forschung zum anthropogenen

Klimawandel, dessen Risiken und

Folgen sowie über Möglichkeiten zur

Anpassung und zur Vermeidung. Zusätzlich

zu den Sachstandsberichten

erscheinen immer wieder kurze

Sonderreports zu speziellen Themen.

Der fünfte Sachstandsbericht (AR5)

wurde 2013 / 14 veröffentlicht. Einige

Ergebnisse in Kürze: Zu 95 bis 100 Prozent

ist der Mensch Hauptverursacher

der globalen Erwärmung. Sowohl die

Durchschnittstemperatur an der Erdoberfläche

als auch die Meerestemperatur

steigen stetig an, die Gletscher

schmelzen bis auf wenige Ausnahmen.

Durch die Aufnahme von Kohlenstoffdioxyd

versauern die Ozeane

zunehmend, was die dortigen Lebenswelten

beeinträchtigt. Wahrscheinlich

steigen zudem weltweit die Meeresspiegel

bis Ende des 21. Jahrhunderts

um 25 bis 55 Zentimeter. Werden die

Emissionen nicht beschränkt, könnten

es sogar bis zu 82 Zentimeter

werden. Außerdem wird sich die Erde

vermutlich bis 2100 um 2,6 bis 4,8

Grad erwärmen, sofern wir weiterhin

so viele Treibhausgase ausstoßen wie

bisher. Der nächste Bericht des Weltklimarats

soll 2020 / 21 veröffentlicht

werden.

Klimamodelle

Mit Klimamodellen kann man das Klimasystem

und dessen Veränderungen

relativ passend (aber dennoch

vereinfacht) abbilden und berechnen.

Solche Modelle sind daher wichtig für

klimapolitische Entscheidungen.

Klimasystem

Das komplexe Klimasystem besteht

aus Atmosphäre, Hydrosphäre (Ozeane,

Seen, Flüsse), Kryosphäre (Eis und

Schnee), Lithosphäre (festes Gestein

und Böden) und Biosphäre. Das gesamte

System verändert sich durch

innere und äußere Einflüsse stetig.

Kohlendioxid

Kohlendioxid (CO 2

) ist eines von vielen

langlebigen Treibhausgasen, die nach

ihrem Ausstoß mindestens ein Jahr in

der Atmosphäre verbleiben. CO 2

beeinflusst

den Strahlungshaushalt der

Atmosphäre und ist dadurch mitverantwortlich

für den Treibhauseffekt.

Andere Treibhausgase sind z.B. Methan

(CH4) und Distickstoffoxid bzw.

Lachgas (N2O).

Mitigation

Mit Mitigation bezeichnet man die

Maßnahmen zur Verringerung und

Vermeidung von Treibhausgasemissionen.

Der klimawissenschaftliche

Fachbegriff umfasst sowohl technische

Vorgehensweisen als auch die

Schaffung von CO 2

-Senken.

Negative Emissionen

CO 2

-Emissionen, die man der Erdatmosphäre

gezielt entzieht, heißen

Negative Emissionen. Das geht unter

anderem durch Aufforstungsprogramme,

da Bäume CO 2

speichern.

Eine wichtige Technik ist außerdem

BECCS (Bio Energy with Carbon Capture

and Storage). Dabei verbrennt

man Biomasse in Kraftwerken, es

entsteht Energie. Das CO 2

wird abgeschieden

und unterirdisch gespeichert.

Das ist allerdings mit hohen

Infrastrukturkosten verbunden und

benötigt viel Land. Dadurch entsteht

ein Konflikt mit der Nahrungsmittelproduktion.

Netto-Null-Emissionen

Als Netto-Null-Emissionen bezeichnet

man bereits freigesetzte bzw.

unvermeidbare CO 2

-Emissionen, die

man ausgleicht – also der Atmosphäre

(an anderer Stelle) wieder entzieht.

Treibhauseffekt

Der Treibhauseffekt ist der Wärmestau

in der unteren Atmosphäre.

Verursacher dieses Effekts sind

Treibhausgase (THG). Diese absorbieren

Infrarot-Wärmestrahlung (z.B.

von der Erdoberfläche) und geben sie

wieder ab. Dadurch steigt der Wärmegehalt

des Klimasystems. Treibhausgase

entstehen einerseits auf

natürliche Weise. Andererseits erhöht

der Mensch ihre Konzentration in der

Atmosphäre zusätzlich. Daher gibt es

den natürlichen und anthropogenen

Treibhauseffekt.

Wetter und Klima

Unter „Wetter“ versteht man den ständig

wechselnden Zustand der Atmosphäre,

z.B. aktuelle Temperaturen,

Wind, Regen, Wolkendichte und Luftfeuchtigkeit.

Es entsteht durch Wetterlagen

wie Tief- oder Hochdruckgebiete,

die sich schnell verändern.

Das „Klima“ hingegen bezeichnet das

durchschnittliche Wetter (inkl. Extremwerte),

das an einem bestimmten

Ort über einen längeren Zeitraum

hinweg herrscht. Während man das

„Wetter“ begrenzt vorhersagen kann,

lässt sich das „Klima“ nur mit Statistiken

anhand mehrerer Messungen

bestimmen.

Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de

81


Klimawandel

guter

Letzt

Zu

Mein Feind,

der Baum?

Der Wald ist seit der deutschen

Romantik der Ort, an dem die

deutsche Seele ihre Ruhe findet.

Es gibt sogar schon den Wellness-Begriff

des „Waldbadens“,

früher bekannt als Waldspaziergang.

Der Wald ist aber nicht nur

Balsam für unsere Seele, sondern

auch fürs Klima. Wälder absorbieren

CO 2

. Wälder sind das natürliche

Bollwerk gegen den Klimawandel.

Dachten wir bisher.

Falsch gedacht, sagt Dominique Blain, wissenschaftliche

Direktorin bei der kanadischen Klimaschutzbehörde.

Im ARD-Radio erläutert sie: „Wenn die Bäume wachsen,

dann nehmen sie CO 2

aus der Atmosphäre auf. Sie werden

also zum Speicher. Aber wenn Bäume verfaulen,

durch Schädlinge absterben oder verbrennen durch

Waldbrände werden sie zur CO 2

-Quelle.“ In der Gesamtsumme

sind Wälder keineswegs CO 2

-Speicher.

Am Beispiel Kanadas haben Klima- und Treibhausgas-Statistiker

sogar eine negative Bilanz errechnet:

Demnach hat die bewirtschaftete Forstfäche Kanadas -

wir reden hier von einer gigantischen Fläche von 226

Millionen Hektar – in den letzten 15 Jahren mehr CO 2

produziert als aufgenommen. Vor allem Waldbrände

verhageln die Statistik. 2016 etwa haben Kanadas Bäume

rechnerisch 152 Megatonnen CO 2

gespeichert, aber

durch Waldbrände und Pilz- und Schädlingsbefall wurden

244 Megatonnen CO 2

freigesetzt. Macht ein Minus

von stolzen 92 Megatonnen CO 2

. Das verhagelt Kanadas

Klimabilanz – aktuell sind es 700 Megatonnen CO 2

/ Jahr

– ganz gewaltig. Und bis 2030 soll ja der Ausstoß um 30

Prozent reduziert werden. Was tun? Diese Emissionen

tauchen künftig einfach nicht mehr in Kanadas offizieller

Statistik auf. Begründung: Ziel ist die Reduktion des

„Menschen-gemachten Klimawandels“. Tony Lemprìere,

Klimapolitik-Manager der kanadischen Forstbehörde,

sagt in der ARD: „Es geht um das, was wir kontrollieren

können, Emissionen durch Holzernte, solche Dinge.

Aber wir können keine Waldbrände kontrollieren.“ f

IMPRESSUM

UmweltDialog ist ein unabhängiger Nachrichtendienst

rund um die Themen Nachhaltigkeit und Corporate

Social Responsibility. Die Redaktion von Umwelt-

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der eigenen Gesellschafter, über alle relevanten Themen

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Tel.: 0251 / 200782-0

Fax: 0251 / 200782-22

E-Mail: redaktion@umweltdialog.de

Redaktion dieser Ausgabe:

Dr. Elmer Lenzen (V.i.S.d.P.), Sonja Scheferling,

Julia Arendt, Elena Köhn

Bildredaktion:

Marion Lenzen

Gestaltung:

Gesa Weber

Lektorat:

Marion Lenzen, Bettina Althaus

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82 Ausgabe 11 | Mai 2019 | Umweltdialog.de


Bisherige Ausgaben

Das nächste

UmweltDialog-Magazin

erscheint am 15.11.2019.


GLOBAL GOALS FORUM 2019

OCTOBER 10, 2019, BERLIN

visitBerlin, Foto: Pierre Adenis

Anmeldung und weitere Informationen:

globalgoals-forum.org

Der Countdown läuft – 10 Jahre bleiben noch zur Umsetzung der Agenda 2030 und der globalen

Nachhaltigkeitsziele, den Sustainable Development Goals (SDGs). Aus diesem Anlass laden die

macondo foundation und das Deutsche Global Compact Netzwerk (DGCN) am 10. Oktober 2019 nach

Berlin zum Global Goals Forum / zur DGCN-Teilnehmerkonferenz ein. Im Fokus steht dabei die Frage,

welchen Beitrag Unternehmen zum Gelingen der Nachhaltigkeitsagenda beitragen können.

Das Global Goals Forum versteht sich als „Marktplatz der Ideen“: In einer Zeit, wo Unvorhersagbarkeit

die Signatur unserer Welt zu sein scheint, gibt die Konferenz führenden Persönlichkeiten aus Politik

und Wirtschaft ein Forum, um zentrale Fragen wie gerechte Globalisierung, Klimawandel und unternehmerische

Verantwortung zu diskutieren.

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