AJOURE´ Magazin Juni 2019

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AJOURE / PEOPLE

Einst war sie das freche Mädchen und Aushängeschild

des Musiksenders VIVA. Es

folgten die halb-biografischen Skandal-Romane

Feuchtgebiete und Schoßgebete.

Dann wurde es ruhig um Charlotte Roche.

Die Laufbahn der Charlotte Roche

1978 nahe des englischen Wimbledon geboren,

hatte Charlotte Roche eine sehr ungewöhnliche

Kindheit. Ihre Mutter, eine

68erin, Künstlerin und politische Aktivistin

pflegte einen sehr unruhigen Lebensstil

und so war Roche im zarten Alter von 15

Jahren bereits sage und schreibe 14-mal

umgezogen. Die meiste Zeit davon hatte

sie in Deutschland verbracht, zuletzt ging

sie in Mönchengladbach aufs Gymnasium.

Auf das Abitur pfiff sie, ging nach der

elften Klasse ab, zog von Zuhause aus und

gründete eine Garagen-Band. 1998 wurde

sie durch ein Casting als Moderatorin für

VIVA Zwei entdeckt.

Charlotte Roches Zeit bei VIVA Zwei

Fast sechs Jahre lang moderierte Roche die

VIVA-Formate Fast Forward und Trendspotting.

Ihr frech-frivoler Stil halfen ihr

schnell zu großer Bekanntheit. In der Medienlandschaft

war sie erfrischend anders,

ohne zu künstlich oder gar aufdringlich

zu sein. Der damalige König des leichten

Fernseh-Talks, Harald Schmidt, verlieh ihr

prompt den Titel „Queen of German Pop

Television“. Berühmt wurde die englische

Muttersprachlerin zudem durch ihre zahlreichen

Interviews mit allerlei Größen aus

dem Pop- und Filmbusiness. Dabei war es

egal, ob sie mit Mick Jagger, Noel Gallagher

oder einem unbedeutenden Newcomer

sprach, Charlotte Roche blieb immer sie

selbst und ließ sich nicht selten zu einem

ironischen Grinsen hinreißen, wenn allzu

selbstverliebte Popstars Lobeshymnen auf

sich selbst sangen. Ihr besonderer Charme

brachte ihr schließlich den Grimme Preis

sowie den Bayerischen Fernsehpreis ein.

Kulturprogramm und Ende

der Fernsehkarriere

Nach dem Ende von VIVA Zwei und der

Einstellung von Fast Forward beim Muttersender

VIVA zog es Charlotte Roche

aus Protest zu den Öffentlich-Rechtlichen

beziehungsweise deren Spartenprogramme

ARTE und 3SAT. An ihre früheren Erfolge

konnte sie jedoch nicht mehr anknüpfen.

2009 übernahm sie kurzfristig Amelie

Frieds Erfolgs-Format 3 nach 9, wurde aber

nach nur einem Jahr abgesetzt. Hinter dem

Aus standen wohl auch die Bestrebungen

einer allzu konservativen Bremer Kulturstaatsrätin,

die die umstrittene Roche auf

diesem Sendeplatz nicht sehen wollte. Ein

letzter Versuch bei ZDFkultur scheitere

ebenfalls. Nach nur 16 Folgen wurde Roche

& Böhmermann eingestellt.

Die Skandal-Bücher

2008 erschien Roches erster Roman Feuchtgebiete.

Das Buch entwickelte sich zum

Skandal und wurde über zwei Millionen

mal verkauft. Wer mitreden wollte, musste

das Buch gelesen haben. Die einen waren

angewidert, andere begeistert. Ungeniert

beschrieb Roche in dem Bestseller, den sie

als zu 70 Prozent autobiografisch bezeichnete,

Analverkehr, Intimrasuren und diverse

Masturbationspraktiken. Außerdem

sprach sie sich durch ihre Hauptprotagonistin

Helen Memel deutlich gegen übertriebene

Körperhygiene aus. Eine Zeitlang

war Roche der umjubelte Star der Popkultur

und galt als Hoffnung für einen neuen

zeitgemäßen Feminismus. Mit Schoßgebete

veröffentlichte sie 2011 einen weiteren Bestseller.

Das dritte Buch Mädchen für alles

blieb schließlich weit hinter den Vorläufern

zurück.

Herbe Schicksalsschläge

2001 heiratete Charlotte Roche in London

ihren damaligen Lebensgefährten. Auf dem

Weg zur Feier verunglückte der Wagen ihrer

Mutter. Roches Bruder und zwei Halbbrüder

kamen ums Leben, ihre Mutter wurde

schwer verletzt. Roche hatte danach nicht

nur die Trauer zu verarbeiten, die Zeit nach

dem tragischen Erlebnis brachten ihr zudem

schockierende Begegnungen mit der

Sensationspresse ein. Ein Bild-Redakteur

wollte sie nach ihren Angaben unmittelbar

nach der Schreckensmeldung zu einem Interview

zwingen. Er drohte ihr schlechte

Berichterstattung an, wenn sie das Interview

verweigere. Bild dementierte, Roche

klagte. „Mit meinen Büchern habe ich meine

Kindheit und die schwere Zeit rund um

den Unfall verarbeitet.“ Neben der Schrei-

berei besuchte Roche erfolgreich einen Therapeuten.

„Ich bin dadurch ein großer Fan

von Therapie geworden. Die Zeit war nicht

leicht, aber heute mit 40 Jahren fühle ich

mich freier als jemals zuvor.“

Das neue Leben der Charlotte Roche

Inzwischen lebt sie auf dem Land und ist

nur noch selten im Fernsehen zu sehen.

Charlotte Roche ist seit 2007 in zweiter

Ehe mit dem Fernsehproduzenten Martin

Keß verheiratet. Zusammen haben sie

eine Patchwork-Familie gegründet. Roche

brachte ihre heute 16-jährige Tochter Polly

mit in die Ehe und Keß einen Sohn. Die

Familie wohnt etwa eine Autostunde außerhalb

von Köln. Was anfangs nur als Wochenend-Wohnsitz

gedacht war, wurde zur

Dauereinrichtung. „Die ganze Familie litt

plötzlich an kollektiver Depression, sobald

wir wieder im Auto Richtung Köln fuhren“,

erklärt Roche in einem Interview. Sie und

ihr Mann besitzen ein Haus, abgelegen am

Rande eines Naturschutzgebietes. Wenn sie

Leute sehen wolle, seien genug in der Umgebung,

sie müsse aber nicht. „Trotzdem

habe ich in zehn Wochen auf dem Land

mehr soziale Kontakte gehabt, als in zehn

Jahren in Köln.“ Die Streitereien unter den

Menschen in der Stadt seien ihr zunehmend

auf die Nerven gegangen.

Charlotte Roche angelt nicht nur leidenschaftlich

gerne, sondern interessiert sich

jetzt auch für Politik. Seit 2019 hat sie das

Parteibuch von Bündnis 90/Die Grünen

in der Tasche. Ob und welches Amt sie

anstrebt, ist bisher nicht bekannt. Auf die

Frage, ob denn auch ein weiteres Schamlos-Buch

geplant sei, antwortet sie nur

„Nein, diesbezüglich bin ich völlig ausgebumst!“.

AJOURE MAGAZIN SEITE: 43 | JUNI 2019

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