Berliner Zeitung 16.05.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 112 · D onnerstag, 16. Mai 2019 – S eite 20 *

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Sport

Griezmann

Auf ein baldiges

Wiedersehen

Christian Schwager

verabschiedet den Stürmer

zum FC Barcelona.

Zunächst einige Zahlen: Fünf

Jahre lang stand Antoine Griezmann

bei Atlético Madrid unter Vertrag.

Während dieser Zeit hat der

französische Fußball-Nationalspieler

256 Spiele bestritten und dabei

133 Treffer erzielt. Er ist ein konstanter

Torschütze und zu dem geworden,

was die Franzosen einen„leader

technique“ nennen, zu einem unverzichtbaren

Anführer auf dem

Platz. Jetzt wird der 28 Jahre alte Angreifer

aus Macon den spanischen

Erstligisten verlassen. In einer Videobotschaft

hat sich Griezmann

von den Fans verabschiedet. Er hat

gesagt, es sei an der Zeit, neue Herausforderungen

zu suchen.

Die 120 Millionen Euro Ablösesumme

für Griezmann, so viel steht

fest, sind gut investiertes Geld. Und

ebenso steht fest, dass er im Kader

von Atlético Madrid eine sehr große

Lücke hinterlassen wird. Das sind

die Gewissheiten.

Hernándezals Vorhut?

Spannender sind die ungeklärten

Fragen. Es darf spekuliert werden.

Das Magazin France Football etwa

hat seine Leser dazu aufgerufen, via

Online-Abstimmung zu erraten, wohin

es Griezmann verschlagen wird.

An erster Stelle der Liste: der FC BayernMünchen.

Noch vordem FC Barcelona.

Vordem FC Chelsea und Juventus

Turin sowieso.

In alphabetisch

korrekter

Reihenfolge also,

sicher nicht nach

Wahrscheinlichkeit.

Natürlich

zählt der FC Bayern

zuden Topadressen

des

Au revoir Madrid!

Griezmann Kontinents, die

mit dem Franzosen

in Verbindung gebracht werden.

Es würde ja auch gut passen, schließlich

hat Lucas Hernándezschon den

Wegvon Atlético zu den Bayern gewählt,

die nun auch an dessen Bruder

Theo interessiertsein sollen. Zeit

der Gerüchte.

Bei aller Lust an der Spekulation

ist es jedoch wahrscheinlicher, dass

der FC Barcelona alsbald Fakten

schafft. Ein Wechsel zu den Katalanen

hätte Züge einer logischen Konsequenz.

Für beide Seiten. Barcelonas

Aus im Halbfinale der Champions

League gegen den FC Liverpool

unter Trainer Jürgen Klopp mag

den Verantwortlichen bei den Katalanen

noch einmal dringlich vor Augen

geführthaben, wie wertvoll eine

offensiveAlternativezuLionel Messi

hätte sein können. Es ist diese

schmerzliche Erfahrung aus der vergangenen

Woche, die nun die Anbahnung

einer Liaison mit Griezmann

beschleunigt haben dürfte.

Unklar ist, welche Rolle Griezmann

im System Messi ausfüllen

kann. Er ist ein Linksfuß. Dereinst

bei Real Sociedad bearbeitete er die

rechte Seite. Dort, wo Messi unterwegs

ist. Einerseits, andererseits

dürfte er im Zusammenspiel mit

Messi und Dembélé oder Suárez eine

gefährliche Angriffsoption eröffnen,

der FC Barcelona wäre dank wechselnder

Konstellationen schwerer

auszurechnen.

In seinem Video an seine Fans

hat sich Antoine Griezmann für deren

Anteilnahme bedankt. Abientot,

hat er gesagt: Bis bald. Das war

mehr als eine Grußformel. Es war

die Ankündigung eines spektakulärenTransfers.

GETTY IMAGES/MORENO

Hat nicht nur gute Erinnerungen an Bochumer Gegenspieler:Christopher Trimmel

Bis die Nase bricht

Der1.FCUnion setzt in Bochumauf dasGefühl derBefreiung und dieTugenden, diePlatz dreigesicherthaben

VonMax Ohlert

Christopher Trimmel muss

lachen, als er die Anekdote

erzählt: „Wir sind

schon in der österreichischen

Liga einige Male aufeinandergetroffen,

haben uns dann, als er

nach Ingolstadt gewechselt ist, in der

2. Bundesliga wiedergesehen, wo er

mir gleich im ersten Spiel die Nase

zertrümmert hat.“ Die Rede ist von

Lukas Hinterseer, Stürmer beim VfL

Bochum, dem Gegner des 1. FC

Union im entscheidenden, vorläufig

letzten Saisonspiel am Sonntag.

Doch nicht nur den 18-Tore-

Mann, der nach Medienberichten in

der kommenden Saison für den

Hamburger SV auf Torejagd gehen

wird, gilt es zu stoppen, wenn die Köpenicker

ihre Chance auf den direkten

Aufstieg in die Bundesliga wahren

wollen. „Die Bochumer werden

uns nichts schenken, auch wenn es

für sie in dieser Saison um nichts

mehr geht. Aber die wollen ihren

Fans trotzdem ein tolles Saisonfinale

präsentieren“, vermutet Trimmel.

VfL-Torwart Manuel Riemann

formulierte es zu Wochenbeginn

drastischer: „Ich fände es nicht so

toll, wenn Berlin in unserem Stadion

aufsteigen würde, deshalb wäre es

cool, wenn wir das irgendwie verhindern

könnten.“ Doch während sich

die Bochumer bestenfalls auf ihre

Fußballerehre besinnen können,

Schauen: Mehr als 5000

Fans werden die Mannschaft

am Sonntag nach Bochum

begleiten. Für die Daheimgebliebenen

bietet der Klub ein

Public Viewing auf dem Parkplatz

vorder Alten Försterei

an. Beginn ist um 14.30 Uhr.

Der Eintritt ist frei.

PUBLIC VIEWING AN DER ALTEN FÖRSTEREI

gibt es für die Köpenicker an der Castroper

Straße kaum etwas zu verlieren.

Gewinnen sie nicht in Bochum,

geht es in der Relegation gegen den

VfB Stuttgart. Das Worst-Case-Szenario

dieses Spieltages hätte jeder

Unioner,obSpieler oder Fan, vorder

Saison ohne mit der Wimper zu zucken

eingereicht, abgedruckt und als

Erfolgsgeschichte verkauft.

Gerade diese komfortable Situation

setzt bei Union ganz neue Kräfte

frei. „Der große Druck, der manche

Spieler in der Rückrunde hat verkopfen

lassen, ist auf jeden Fall weg“, bestätigt

der Kapitän der Eisernen.

„War er aber schon nach dem Spiel

gegen den HSV.“ Hier, soTrimmel,

habe die Mannschaft, nach fünf sieglosen

Spielen wieder gespürt, dass

Jubeln: Zum Saisonfinale

haben sich die Union-Fans

etwas einfallen lassen. Der

Gästeblock wird unter dem

Motto „Alle in Rot nach Bochum“

in Rot erstrahlen. Eigens

dafür wurden rote Fischerhüte

kreiert, die für 10

Euro zu haben sind.

Feiern: Dem SC Paderborn

reicht in Dresden ein Remis,

um den Aufstieg klarzumachen.

Eine Aufstiegsfete ist

bereits geplant, wie Bürgermeister

Michael Dreier verriet:

„Es wird für die Mannschaft

einen großen Empfang

am Rathaus geben.“

das Zusammenspiel aus Offensive

und Defensivenoch immer gut funktioniert.

Daran änderte auch Rückschlag

in Darmstadt nichts.„Aktuell

gratulieren uns viele zu unserer tollen

Saison, aber uns war schon vorher

absolut bewusst, dass wir eine

wirklich erfolgreiche Runde gespielt

haben.“ Damit diese jetzt vergoldet

wird, lässt sich der Österreicher erstmals

in dieser Saison zu einer kleinen

Kampfansage hinreißen: „Wir

gehen in dieses Spiel in Bochum mit

dem festen Glauben daran, dass es

unser letztes in dieser Saison sein

wird.“

Die seichte Phrase des Nur-von-

Spiel-zu-Spiel-Schauens, die die

Unioner das gesamte Spieljahr als

Motto vor sich hergetragen haben,

Abschied mit Stil

BONGARTS/STREUBEL

bekommt vor dem Spiel in Bochum

eine ganz neue Bedeutung. Und die

Mannschaft wäre, so Trimmel, weniger

gut beraten, wenn sie ausgerechnet

vor dem letzten regulären Saisonspiel

von ihrer Linie abweichen

würde.„Ichhabe immer gesagt, dass

das wichtigste für einen Spieler Konstanz

ist. Die gleichen Abläufe, immer

und immer wieder, helfen uns

jetzt am meisten.“ Heißt aber auch

im Umkehrschluss, dass das Team

vor der Entscheidungsschlacht im

Ruhrgebiet keine außerplanmäßigen

Aktivitäten mehr vorhat. Kein

gemeinsamer Filmabend, kein Trainingslager

–selbst das Mittagessen

bleibt gleich. Das Zauberwort für

den Aufstieg lautet Beständigkeit.

Das gilt auch für den Ergebnisdienst.

Schon gegen Magdeburghatten

sich Spieler und Trainer versprochen,

die Zwischenstände der Partie

zwischen Paderborn und dem HSV

vom Spiel fernzuhalten, stattdessen

nur auf die eigene Leistung zu

schauen. Trimmel betont: „Ich bin

mir absolut sicher,dass wir keinerlei

Vorteile daraus ziehen, wenn uns jemand

über den Zwischenstand in

Dresden auf dem Laufenden hält.“

Union kann nur beeinflussen, was in

Bochum passiert. Unddawerden sie

alles reinwerfen, Trimmel sogar die

lädierte Nase.„Lukas kann mir gerne

wieder die Nase brechen“, sagt er lachend,„wenn

er dafür kein Torgegen

uns schießt.“

Fabian Lustenberger bestreitet nach zwölf Jahren sein letztes Spiel für Hertha BSC −und blickt zufrieden zurück

VonWolfgang Heise

Currywurst,Brezel, Butter.Fabian

Lustenberger, 31, tischte am

Mittwoch groß und zugleich bodenständig

auf. Der Schweizer verlässt

Hertha BSC nach zwölf Jahren und

lud zu seinem Abschiedsinterview

im Medienraum des Bundesligisten

ein. Er hat in all den Jahren so manchen

Zwist mit Reportern gehabt

und hielt sich auch nie mit analytischer

Medienkritik nicht zurück.

Doch der dreifache Vater hat längst

seinen Frieden mit den Journalisten

gefunden.

Bei Hertha hat sich der Defensivspezialist

immer wohlgefühlt –trotz

Verletzungsmisere am Anfang als

Jungprofi mit einem Mittelfußbruch,

trotz zwei Abstiegen, trotz seiner Absetzung

als blau-weißer Kapitän

2016. „Bei mir hat es hier zwölf Jahre

lang sportlich im Verein und privat

mit der Familie gepasst.

Als ich vorzwölf Jahren ankam,

hätte ich mir das

auch nicht erträumt, dass

ich so lange bleibe. Eswar

eine supertolle Zeit, ich

werde esvermissen“, sagt

er.

Sein Wechsel zu Young

Boys Bern in seine alte Heimat

hat genau diese zwei

Gründe: A) privat −seine

Frau Monique wohnt mit den drei

Kindern inder Schweiz. Und b)natürlich

das Sportliche.„Es ist jetzt der

richtige Moment zu gehen. Jetzt

stehe ich noch einigermaßen im Fokus,

bin nicht irgendwie Spieler 16,

17. Jetzt bin ich noch wichtig. So ist

es mir lieber, als wenn ich später

gehe und die Leute nur sagen:

Ach der Lustenberger

war ja auch noch da. Jetzt

habe ich einen schönen

Abschied“, lässt er Einblicke

in sein Seelenleben zu.

Und er führt fort:

DPA/KAPPELER

„Wenn ich jetzt noch mal

Autogramme schreibe,Geschenke

von Fans be-

Schön war’s:

Lustenberger komme, dann denke ich

kurz an den Abschied.

Aber bei mir ist noch Hertha-Alltag.

Das realisiere ich wahrscheinlich

erst richtig, wenn ich in der Schweiz

bin.“

Doch die Verabschiedungszeremonie

im Olympiastadion am Sonnabend

beim Saisonfinale gegen Leverkusen

rückt immer näher. Der

sachliche Lustenberger gibt ehrlich

zu: „Ich weiß nicht, was mich erwartet.

Ich lasse mich überraschen. Es

wird ein spezieller Moment, es wird

emotional.“

Mit sich selbst ist er jedenfalls im

Reinen: „Wenn ich mal nicht gespielt

habe, wollte ich mir nie vorwerfen

lassen, dass ich mich danach

hängenlasse. Das ist mir gelungen.“

Fleißig, treu, loyal –diese Charakterzüge

treffen alle auf ihn zu. MitLustenberger

verliert Hertha einen Ausnahmefußballer,

der auch ohne

große Tricks und Tore auf dem Platz

glänzte.

Die

halbe

Unterstützung

Warum Trainer Kovac kaum

eine Zukunft bei Bayern hat

VonMaik Rosner,München

Andiesem Donnerstag wird Niko

Kovac wieder zur Pressekonferenz

kommen, und es ist keine gewagte

Prognose,wie diese Veranstaltung

ablaufen dürfte.Erwirdfreundlich

in die Runde grüßen, ,höflich die

Fragen der Medienvertreter beantworten

und dabei seiner Überzeugung

Ausdruck verleihen, am Sonnabend

seinen ersten Meistertitel als

Trainer feiern zu können. Danach

wird Kovac aufstehen und sich

ebenso freundlich und höflich verabschieden.

So ist das jedenfalls bisher

immer gelaufen in seinem ersten

Amtsjahr als Trainer des FC Bayern.

Diesmal aber könnte es einen Unterschied

zu allen vorherigen Medienrunden

geben, und vermutlich ahnt

das auch der 47-Jährige.

Es könnte seine letzte Pressekonferenz

vor einem Ligaspiel in München

werden. Nicht nur für diese Saison,

sondern für immer. Spätestens

seit dem vergangenem Sonnabend

hat sich dieser Eindruck verfestigt,

als nach den distanzierten Aussagen

vonVorstandschef Karl-Heinz Rummenigge

auch Sportdirektor Hasan

Salihamidzic im Aktuellen Sportstudio

des ZDF sehr ausweichend auf

die Fragen nach der Zukunft Kovacs

antwortete. Dieser habe zwar

„meine volle Unterstützung“, sagte

Salihamidzic. Aber die Frage, obKovac

auch inder kommenden Saison

Trainer des FC Bayern sein werde,

ließ er offen.

Es sind schale Aussichten, die Kovac

ins Meisterschaftsfinale begleiten,

in das seine Mannschaft zwar

mit zwei Punkten und 17 TorenVorsprung

auf den Tabellenzweiten Borussia

Dortmund zieht. Ein Remis

gegen Eintracht Frankfurtwürde reichen.

Doch für Kovac könnte der Gewinn

des Titels nicht genug sein,

noch nicht einmal des Doubles,falls

am 25. Mai der Pokalsieg gegen RB

Leipzig folgen sollte.

DieZweifel der Bayern haben viel

mit dem oft eher defensiven Spielansatz

zu tun und mit dem Mangel an

offensiven Lösungen. So sehen das

jedenfalls die Kritiker. Esist wenig

verwunderlich, dass längst über

Nachfolge-Kandidaten spekuliert

wird. Alle Namen, von Erik ten Hag

(Amsterdam) und Mauricio Pochettino

(Tottenham) über Mark van

Bommel (Eindhoven) sowie die vertragslosen

Julen Lopetegui (zuletzt

Real Madrid) und Arsène Wenger

(zuletzt Arsenal) bis gar zu Ralf Rangnick

(Leipzig), sind mit Makeln behaftet

oder wurden schon dementiert.

Entweder sind sie kaum verfügbar

(ten Hag), nicht deutschsprachig

(Pochettino, Lopetegui), recht unerfahren

(van Bommel) oder als Zukunftsmodell

kaum vorstellbar

(Wenger, Rangnick). Zumindest der

Mangel an Alternativen spricht für

einen Verbleib.Und womöglich bald

das Double.

Wird NikoKovac trotz eines wahrscheinlichen

Titels zurückgepfiffen? GETTY/BONGARTS

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