Berliner Zeitung 18.05.2019

BerlinerVerlagGmbH

18 Berliner Zeitung · N ummer 114 · 1 8./19. Mai 2019

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Schönes Wochenende

WARENKUNDE

FUNDSTÜCKE

VonJulia Grass und Kirsten Herrmann

Haben Sie auchetwas Neues in der Stadt entdeckt?

Bitte schreibenSie uns an: berlin.fundstuecke@dumont.de

VonBettina Cosack

MARCEL MAFFEI

IMAGO IMAGES/PANTHERMEDIA

Shop

Mehr als

Zucker und Salz

Restaurant

Japanisch

unaufgeräumt

Braucht man einen

Outdoor-Teppich?

Wozugibt es Outdoor-Teppiche? Undbrauche ich vielleicht

auch einen? Dasfragte ich mich neulich, als ich

durch meine liebste Frauenzeitschrift blätterte und mein Blick

an einer sehr schön bunten Seite zum Thema Balkon hängen

blieb.Auf dieser Seite waren sie zu sehen, die Outdoor-Teppiche.Ein

klassisch-sisalfarbener,ein blau-weiß-gemusterter,

ein rot-lila-beigefarbener,eher die wilde Variante.„Outdoor-

Teppiche machen Balkons zu Sommerzimmern“, stand da

noch. Unddass sie robust und in aller Regel wetterfest seien. In

mir regte sich ein leises Kauf- und Testinteresse.

Einwichtiges Mitglied der engeren Familie beantwortete

meine bescheidene Anfrage,obdie Verwandlung unseres Balkons

in ein wunderbares Sommerzimmer erwünscht sei, mit

einem entgeisterten Blick. DerBalkon sei doch eigentlich recht

ordentlich gefliest, hieß es dann mündlich. Ichverwies darauf,

dass das Outdoor-Teppich-Verlegen und -Besitzen der Trend

der Saison überhaupt sei. Dass so ein Teppich nach Angaben

vonGarten-Stil-Seiten im Internet die „gemütliche Atmosphäredes

Wohnzimmers nach draußen transportiere“, dass

diese Teppiche,aus Polyester oder Polypropylen gefertigt, wetterfest

und sogar UV-beständig seien, dass man frühmorgens

schon barfuß auf den Balkon treten könne,ohne sich kalte

Füße zu holen. Manschaute weiter mehr als skeptisch.

Ichgebe selten vorschnell auf, wenn sich in mir eine Sehnsucht

geregt hat, grübelte und kam auf die elegante Idee,den

Erwerb eines Outdoor-Teppichs zur Verschönerung der Datsche

im Schrebergarten vorzuschlagen. Dazu muss man wissen,

dass es sich um eine urige Ein-Raum-Hütte in stets verbesserungswürdigem

Zustand handelt, der Betonboden darin

ist grau und oll und kalt. Wiesoll ich sagen –nach einigen Tagen

der Debatte bestellte ich im Internetshop wayfair.de den

Teppich meiner Wahl. DieDesign-Auswahl ist gewaltig, weres

schlicht mag, nimmt eine unifarbene Variante,esgibt aber

auch Modelle,die so aussehen wie ein abgeschabter Orientteppich.

Ichwählte ein bieder-bürgerliches Modell vonder

FirmaSafavieh, es heißt Courtyardund ist mittelblau mit eingewebten

Mosaiklinien. Ichbestellte den Teppich, den es in

verschiedenen Größen und Farbvarianten gibt, in der Größe

160 x230 Meter,Kostenpunkt 130 Euro.Erkam mit der Post als

Rolle,erist sehr leicht, wiegt 6,3 Kilo.Schnell mal draufgestellt,

fühlt sich gut an, der Flor,schön weich ist dieses Polypropylen,

das in einer speziellen Sisal-Webartgefertigt wird. DieRückseite

ist eher sisal-hart. Kaum zu glauben, dass man diesen feinen

Teppich mit dem Gartenschlauch reinigen kann.

Er residiertjetzt im Gartenhaus.DieTochter hat ihn als Erstes

nach draußen getragen, auf dem Rasen ausgebreitet und sich

darauf für ein Nickerchen in der Sonne niedergelegt. Keine Ahnung,

wie wir je ohne Outdoor-Teppich leben konnten.

Süßes oder salziges Popcornoder,wenn man Glück hat und

an einen netten Menschen an der Kinokasse gerät, auch

mal gemischt. Mitdiesen Optionen ist das Popcornangebot in

den meisten Berliner Filmtheatern erschöpft. Da muss doch

aber geschmacklich noch mehr gehen. Und esgeht. Das beweist

der Friedrichshainer Laden Knalle Popcorn, Deutschlands

erste Popkornditorei. Hier oder auch im Knalle Online-

Shop können sich Popcornliebhaber und Neugierige mit allerhand

verrückten Popcorn-Kreationen eindecken. Das Sortiment

reicht vonLavendelblüte Grapefruit über Butterkaramell

Tahiti-Vanille bis hin zu weiße Schokolade Salzbrezel –und

seit dieser Woche gibt es auch die Sommersorte Earl Grey Limette.

Sogar veganes Popcorn wird hier angeboten. Wersich

nicht entscheiden kann, muss nicht verzweifeln. Es gibt ein

Probierpaket mit allen sieben Sorten.

KnallePopcorn–Popkornditorei Mühsamstraße 41, Friedrichshain.Montag

bis Freitag 14–19Uhr,Sonnabend 11–18Uhr.knalle.berlin/shop/

Roman

Klischee

ohne Klischees

Ich habe nicht viel Zeit zum Lesen. Bücher, die mich nicht

packen, lege ich deshalb schnell aus der Hand. Manchmal

zu schnell. So wäre esmir fast mit „Licht über dem Wedding“

ergangen. Schon auf dem Klappentext erschien die Geschichte

platt: Ein alkoholabhängiger Mann. Eine Modebloggerin.

Ein schroffes Teenager-Mädchen, das vom Vater (dem

Alkoholiker) geschlagen wird. Drei Leben in der Stadt für verlorene

Seelen. Ja, auf den ersten Seiten wirkt dieses Buch tatsächlich

platt. Doch aus drohenden Klischees wird etwas Feineres.

Ein Einblick in Existenzen, wie es sie eben durchaus in

der Stadt gibt und Schilderung einer Hoffnungslosigkeit und

Einsamkeit, die ohne Überdramatisierung auskommt, die berührt,

sodass man doch immer wieder zu diesem Buch greift.

Undwas,wenn nicht das,macht einen Roman lesenswert.

Lichtüberdem Wedding Nicola Karlsson, Roman erschienenimPiper Verlag,

20 Euro

JULIA GRASS

Marie Kondo,Sushi, auf die Sekunde pünktliche Züge –alles

Japanische scheint ein Synonym für Aufgeräumtheit

zu sein. Okonomiyaki fällt dabei etwas aus der Reihe und hat

es dennoch –oder vielleicht gerade deswegen –nach Berlin geschafft.

Das Harapeco in Friedrichshain hat sich auf die beliebte

Speise spezialisiert. Okonomiyaki ist eine Art Bratling

auf der Basis von Kohl und Teig, manchmal auch Nudeln, der

mit gebratenem Gemüse, Fleisch oder auch Meeresfrüchten

belegt und mit verschiedenen Saucen getoppt wird und sich

hervorragend zum Teilen eignet. Traditionell werden die Fladen

von den Gästen selbst zubereitet. Bei Harapeco kommen

sie zwar schon fertig an den Tisch, schmecken aber nach Aussagenvon

Freunden mit japanischen Wurzeln exakt so,wie sie

schmecken sollen. Daneben gibt es diverse Vorspeisen, Beilagen,

japanisches Curryund natürlich Sake.

Harapeco –Okonomiyaki andSakeBar Neue Bahnhofstraße 3, Friedrichshain.Dienstagbis

Sonntag 12–22.30 Uhr

Flohmarkt

Die Entdeckung der

Langsamkeit

Bewusster und regionaler Konsum –was einst mit der Slow-

Food-Bewegung begann, greift heute auf viele andereBereiche

über. ObKleidung, Alltagsgegenstände, Schmuck oder

sogar Kunst und Dekorationsgegenstände, all das ist schnell

gekauft und bei großen Ketten auch schnell und günstig im

Ausland produziert. Aber auch diese Dinge können regional,

nachhaltig und mit viel Kreativität in Berlin produziert werden.

Undumdiese Dinge geht es am Sonntag auf dem dritten

Slowmarkt im Kreuzberger Club Birgit&Bier. Neben Kleidung

und Schmuck von Berliner Designern können Besucher dort

zum Beispiel Alltagsgegenstände aus recyceltem Müll oder

auch Sonnenbrillen im Retrolook erstehen. Natürlich gibt es

zur Stärkung zwischendurch auch Slow Food. Unduntermalt

wirdder Bummel vonpassender Downtempo-Musik.

BirgitsSlowmarkt #3 –Kreatives ausBerlin Birgit&Bier,Schleusenufer3,

Kreuzberg.Sonntag13–22 Uhr, Eintritt frei

ITSNOTANOTHERSHOT

WOHIN AM WOCHENENDE?

Wo aus

Isolation

Idylle wird

Ort der Erinnerung

und der Erholung: In Moabit

erinnert ein Geschichtspark

an das einstige Gefängnis

VonIda Luise Krenzlin

Berlin ist eine geschichtsträchtige

Stadt und so müssen die Bewohner

auch mit vielen geschichtsträchtigen

Orten leben. Mauer, Todesstreifen,

Stolpersteine, Topographie

des Terrors,Holocaust-Mahnmal, irgendein

Ort erinnert injedem Kiez

an die Vergangenheit der Stadt. In

Moabit könnte man das Wehklagen

von Häftlingen im Geschichtspark

Zellengefängnis Moabit noch hören,

denn auf dem Gelände einer ehemaligen

Haftanstalt erinnert seit 2006

eine besondere Parkanlage an die

Geschichte des Ortes.

DerParkist vonfünf Meter hohen

Gefängnismauern umgeben. Beklemmend.

Durch einen der drei

Eingänge (über Lehrter Straße,Invalidenstraße

und Minna-Cauer-

Straße) muss man sich erst einmal

trauen hindurchzugehen. Sie erinnernanGefängnistore,

Pforten in die

Isolation. „Von allem Leid, das diesen

Bau erfüllt, ist unter Mauerwerk

Jeder Eingang in den Park erinnertanein Gefängnistor.

IMAGO IMAGES/OLAF WAGNER

und Eisengittern ein Hauch lebendig,

ein geheimes Zittern …“ Der

Dichter Albrecht Haushofer

(1903–1945) schrieb die „Moabiter

Sonette“ während seiner Haft im

Zellengefängnis. Noch am 23. April

1945, kurz vor der Befreiung Berlins,

wurde er gemeinsam mit dem Widerstandskämpfer

Klaus Bonhoeffer

hinterrücks erschossen. Die Zeile

aus dem Sonett „In Fesseln“ zieht

sich wie ein mahnendes Laufband

über die lange Gefängnismauer, die

den Park vom Lärm des nahen

Hauptbahnhofsabschirmt.

Als das Mustergefängnis Preußens

wurde die Haftanstalt zwischen

1842 und 1849 von dem Schinkel-

Schüler Carl Ferdinand Busseerrichtet.

Kriminalität galt als ansteckende

Krankheit und somit sollte mit dem

neuen Gefängnisbau die Isolation

der Häftlinge erreicht werden. Das

moderne Gefängnis bestand daher

nicht mehr aus den bisher üblichen

Gemeinschaftszellen, sondern aus

rund 520 Einzelzellen. Auch bei den

Freigängen im Gefängnishof gab es

keine Möglichkeiten für ein Gespräch.

Drei runde Spazierhöfe waren

jeweils in 20 Ein-Mann-Pferche

unterteilt. Hohe Trennmauern verhinderten

den Austausch. Selbst in

den Freistunden waren die Insassen

streng abgeschirmt.

Diese Enge ist noch heute spürbar,

gärtnerisch sind die drei Gefängnishöfe

erlebbar.Auf einem Hofverdeutlichen

Hainbuchen-Hecken Lage

und Größe einzelner Zellen. DasKonzept,

die Vergangenheit des Ortes

durch gärtnerische Elemente wachzuhalten,

ist durchweg gelungen.

Eine Haftzelle ist durch Betonwände

nachgebildet und kann betreten werden.

Dortertönen die Zeilen aus dem

Moabiter Sonett „Von allem Leid, das

diesen Bau erfüllt, ist unter Mauerwerk

und Eisengittern ein Hauch lebendig,

ein geheimes Zittern…“Und

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