Berliner Zeitung 18.05.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 114 · 1 8./19. Mai 2019 – S eite 24

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Sport

Martin Hermannsson ist

überpünktlich. Acht

Minuten vor der vereinbarten

Zeit ist Alba

Berlins Aufbauspieler am vereinbarten

Treffpunkt. Seine Wohnung liegt

nur einen Steinwurfvon dem Café in

Berlin Mitte entfernt. Hermannsson

entscheidet sich für Cappuccino.

Nieselregen und dunkle Wolken erinnern

ihn an seine Heimat Island.

Seit August lebt er mit Frau und Sohn

in Berlin. Zwei Endspiele hat er mit

Albas Basketballern erreicht, im Eurocup

und im BBL-Pokal. Am Sonnabend

beginnen gegen Ulmdie Playoffs

um die Deutsche Meisterschaft

(18 Uhr). Hermannsson ist dabei einer

der Schlüsselspieler.Als der Cappuccino

fertig ist, kann das Gespräch

beginnen.

Herr Hermannsson, wie wichtig ist

gesunde Ernährung für Sie?

Es ist Teil meines Jobs, inbestmöglicher

Verfassung zu sein. Ich

trinke viel Wasser, esse viel Lachs

und Hähnchen. Vor zwei Wochen

habe ich entschieden, bis zum Saisonende

auf Süßigkeiten zu verzichten.

Ichliebe eigentlich Süßigkeiten.

Welche?

Gummibären. Ichliebe aber auch

Eis, ich habe immer Eis imGefrierfach.

Ich trinke aber keine Limonade,

schon seit zwei, drei Jahren

nicht mehr.

Sie sind hierhergelaufen. Wie bewegen

Siesich sonst in der Stadt?

Deutschland hat eins der besten

öffentlichen Verkehrssysteme in der

Welt. In Island ist es schrecklich, da

gibt es nur Busse.Damusst du schon

mal 40 Minuten warten, wenn du einen

Busverpasst hast. Hier brauchst

du eigentlich kein Auto. Ganz oft

nehme ich die U-Bahn, um zum

Training zu kommen. Dasist schneller.Ich

liebe es,die Straßenbahn zum

Alexanderplatz oder zum Hackeschen

Markt zunehmen. Auch, weil

es in Berlin schrecklich ist, einen

Parkplatz zu finden.

So wie vorder Alba-Trainingshalle in

der Schützenstraße?

Da gibt es immer einen kleinen

Wettstreit um den besten Platz.

Wenn man der Erste oder der Letzte

ist, der zum Training kommt, kann

man als Erster fahren, wenn man

aber irgendwo dazwischen in der

Mitte kommt, muss man auf alle

warten.

Haben Sieein LieblingsortinBerlin?

Ich finde es rund um den Hackeschen

Markt sehr schön. Da kann

man hinlaufen und auch gut einkaufen.

Das mache ich aber nicht am

Wochenende, dasind dort zuviele

Menschen. Mir gefällt es aber auch

im Prenzlauer Berg. Mit unserem

Sohn waren wir im Zoo. Es war großartig,

ihm hat es dortsehr gefallen.

Dann müssen Sie unbedingt in den

Tierpark, die kleine Eisbärin anschauen.

Es gibt noch einen zweiten Zooin

Berlin?Wieweit ist das weg? Da müssen

wir unbedingt hin, wenn das

Wetter besser wird. Ich habe noch

nie einen Eisbären gesehen. In Island

gibt es im Zoonur Kühe,Ziegen

und Pferde, aber keine Elefanten

oder Eisbären.

Auf ihrem Instagram-Account war

Ihr Sohn zuletzt auf einem Foto mit

„Ich

habe

noch nie

einen

Eisbären

gesehen“

Geht Martin Hermannsson

nach Hause, wenn sein Team in

die Verlängerung muss? Warum

will Albas Guard unbedingt in

den Tierpark? Und wie wichtig

ist dem Isländer die

Euroleague? Ein Gespräch

zum Auftakt der Play-offs

Nach dem Wurf ist vor dem Treffer:Martin Hermannsson wird in Albas Play-offs gegen Ulm einer der Schlüsselspieler sein.

vielen Schallplatten zu sehen. Sind

Sienebenbei noch als DJ unterwegs?

Mein Vater hat eine Musikanlage

gekauft, weil er noch viele Schallplatten

aus seiner Jugendzeit hatte.

Er hat diese Anlage und die Schallplatten

im Wohnzimmer und mein

Sohn mag die Schallplatten, er weiß

nicht, was es ist, aber er fasst sie an,

packt sie aus. Ich bin kein DJ, aber

ich liebe Musik. Ich spiele ein bisschen

Gitarre. MitLukeSikma bin ich

hier in Berlin auch zum Karaoke gegangen,

wir hatten eine Menge Spaß.

Am Sonnabend findet der Eurovision

Song Contest statt. Das müsste Sie

doch interessieren, oder?

Island hat es ins Finale geschafft,

zum ersten Mal seit ein paar Jahren.

ZUR PERSON

Über Frankreich nach Berlin: Martin Hermannsson, wurde am 16. September 1994 in Reykjavik

geboren. Mit Knattspyrnufelag gewann er 2011 und 2014 die isländische Meisterschaft.

2014 ging er ans Collegeund spielte dortfür die Brooklyn Blackbirds in der NCAA. Nach zwei

Jahren engagierte ihn der französische Zweitligist Charleville-Mézières, er wechselte 2017 in

die erste LigazuChâlons Reims Basket und ist nun seit 2018 bei Alba Berlin. In seinen 15

Bundesligaspielen dieser Saison erzielte er im Schnitt 11,7 Punkte und gab3,6 Assists.

Über Ulm ins Bayern-Duell:Zum Auftakt der entscheidenden Saisonphase trifft Martin Hermannsson

mit seinem Alba-Team aufUlm. Auftakt ist an diesem Sonnabend um 18 Uhr in der

Arena am Ostbahnhof. Sollte es zu einem fünften und entscheidenden Spiel kommen, hätte

Alba ebenfalls Heimvorteil. Hermannssons Berliner werden zu den aussichtsreichsten Herausfordererndes

Titelverteidigers FC Bayern Basketball gerechnet. Auch Oldenburg hat Chancen,

spielt bisher eine durchweg überzeugende Saison.

IMAGO IMAGES/WIEDENSOHLER

Die Leute in Island sind verrückt

nach dem Eurovision Song Contest.

Ich habe das Halbfinale am Dienstagabend

auch nebenbei geschaut,

während ich mit meinem Sohn gespielt

habe.

Sie haben Glück, dass Ihr erstes Playoff-Spiel

am Sonnabend schon um 18

Uhr beginnt. Da schaffen Sie es ja

pünktlich zum Start vom Eurovision

Song Contest.

Das ist perfekt. Ich hätte auf das

Spiel verzichtet, wenn es zur selben

Zeit gewesen wäre. Wenn wir eine

Verlängerung spielen, gehe ich eher.

(lacht)

MitAlbaBerlin sind Sieindieser Saison

in Europa viel herumgekommen.

Wo hat es Ihnen denn am meisten gefallen?

An Malaga erinnereich mich sehr

gerne. Wir hatten ein Hotel am

Strand, das Wetter war schön, und

wir haben ein Spiel, in dem wir eigentlich

mit dem Rücken zur Wand

standen, gewonnen.

Als Sie in Andorra gespielt haben,

fand parallel auch ein Fußballländerspiel

zwischen der dortigen Auswahl

und Island statt. Haben SieIhre

Landsleute besucht?

Meine Mutter arbeitet für den isländischen

Fußballverband. Als sie

gesehen hat, dass wir dort spielen,

hat sie mich sofort angerufen. Die

Fußballer waren in einem anderen

Hotel als wir, aber ich konnte ein

paar Jungs sehen, einen Kaffee mit

ihnen trinken und mit ihnen sprechen.

Aber wir hatten nicht genug

Zeit, um uns länger zu sehen. Es

wäregroßartig gewesen, das Spiel zu

sehen. Aber wir haben exakt zur selben

Zeit gespielt.

Gibt es in einem so kleinen Land engere

Verbindungen zwischen Profisportlern

aus unterschiedlichen

Sportarten?

Es ist ein kleines Land. Basketballer

kennen die Fußballer, Fußballer

kennen die Basketballer. Die meisten

Fußballnationalspieler sind in

meinem Alter. Wir sind zur selben

Schule gegangen oder haben für den

selben Verein gespielt. Irgendwie

kennt jeder jeden.

Kannten Sie auch den jungen Mann,

den Sievor ein paar Wochen nach einem

Interview umarmt und danach

gesprochen haben?

Er besitzt eine Hilfsorganisation

für Parkinson-Erkrankte in Island.

Ichhabe ihm ein Alba-Trikot vonmir

gegeben und damit wurden 1500

Euro eingenommen, welche ich der

Stiftung zur Verfügung gestellt habe.

Ich wusste nicht, dass er bei dem

Spiel ist und er wusste nicht, dass ich

wegen einer Verletzung nicht spiele.

Ich habe so eine Sache zum ersten

Mal gemacht. Mein Großvater hat

Parkinson, ich habe also auch eine

Verbindung zu dieser Krankheit und

wollte etwas zurückgeben. Das ist

eine Sache, die ich auch in Zukunft

machen möchte.

SehenSie Ihre Zukunft in Berlin?

Ich habe einen Vertrag für das

nächste Jahr. Meine Familie und ich

lieben es hier. ImMoment gibt es

keinen Grund, irgendwo anders hinzugehen.

Erst recht nicht, wenn Alba im kommenden

Jahr in derEuroleague spielt.

Wie wichtig ist dieses Argument für

Sie?

Es ist das Ziel für alle Spieler im

Team, auf dem höchsten Niveau zu

spielen. Ich habe gehört, dass wir

Meister oder Zweiter hinter Bayern

München werden müssen, um sicher

dabei zu sein. Das ist eine weitere

Motivation für uns. Ich mache

kein Geheimnis daraus, dass ich in

der Euroleague spielen möchte, das

ist mein Ziel. Und eswäre unglaublich,

wenn ich das mit Alba Berlin im

nächsten Jahr tun darf. Besonders

mit dieser Mannschaft, mit diesen

Spielern. Es wäre interessant zu sehen,

was wir mit diesem Team dort

erreichen können.

DasGespräch führte

Christian Kattner.

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