Berliner Zeitung 18.05.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 114 · 1 8./19. Mai 2019 27

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Feuilleton

NACHRICHTEN

Kreuzsäule von Cape Cross

an Namibia übergeben

DieRückgabe der Kreuzsäule von

Cape Cross an Namibia ist aus Sicht

der Bundesregierung ein„markantes

Zeichen“ in der Diskussion um die

Restitution vonKolonialobjekten.

„Das ist eine zukunftsweisende und

wichtige Entscheidung“, sagte Kulturstaatsministerin

Monika Grütters

am Freitag in Berlin. Viel zu lange sei

die Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit

Deutschlands ein „blinder

Fleck“ gewesen. DasKuratorium des

Museums hatte einemVorschlag von

Museumspräsident Raphael Gross

zugestimmt, die Säule an Namibia

zurückzugeben. (dpa)

Leben des KünstlersMax

Pechstein wird verfilmt

VOTOS/ROLAND OWSNITZKI (2)

DieLebensgeschichte des in

Zwickau geborenen Malers Max

Pechstein (1881–1955) kommt in die

Kinos.Der Dokumentarfilm über

den Expressionisten spielt in

Zwickau, Berlin, Paris, NewYorkund

an der Ostsee,sagte Regisseur Wilfried

Hauke bei der Projektvorstellung

am Freitag. DieIdee für den

Film hatte Enkel Alexander Pechstein,

der den Maler noch persönlich

erlebte.AbdemWochenende wirdin

der Geburtsstadt des „Brücke“-

Künstlers gedreht. Premiereist voraussichtlich

Ende des Jahres. (dpa)

terhalten, warum sie nicht mit der

Eisenbahn und er nicht mit Puppen

spielen darf. Sehr modern. Sie kommen

irgendwann darauf, was ihreEltern

zuderen Geschlechtsteilen sagen,

eben Pimmel und Muschi, aber

auch Gartenschlauch und Pflaume.

Dasmündet in einer Folge,inder sie

sich obszöne Bezeichnungen für Penis

und Vulva umdie Ohren hauen,

was in keinem von diesem X-rated

Lederhosen-Sexfilmen denkbar gewesen

wäre, wo diese Begriffe gerade

nicht vorkamen.

Warum wirkte die „Sesamstraße“

trotzdem aufgeschlossener?

In Sesamstraße und Muppets-

Show sah man anarchische Figuren,

die alles fließen lassen, aufbrechen

und ironisieren. Aber neben dem

spielerischen Ansatz waren auch die

Musik, die Puppen, die Dekors der

Sesamstraße viel kunstfertiger als

diese Ernst-Busch-Märsche. Inden

USA wurden Kinder ernst genommen

als Rezipienten und auch Konsumenten,

denen dann auch was geboten

wurde.Wegen des schädlichen

Konsumaspekts sollte das im öffentlich-rechtlichen

deutschen Fernsehen

ja auch erstmal nicht ausgestrahlt

werden.

DieBedenkenträger wiederum hatten

weniger Probleme mit der RAF-Gewalt.

Es herrschte –von Böll bis zu den

Post-Punks –eine gewisse Akzeptanz

der Haltung. Hätte ein popkulturell

geschulter Blick die Sicht auf die

kämpferische Rhetorik verändert?

Dasgehörte auch für mich zu den

Aha-Erlebnissen. Sie waren auch in

meiner Generation und der Popkultur

bis in die 80er-Jahre hinein immer

noch mit diesem Glamour des

einsamen Rebellen umgeben, der

gegen den militärisch-industriellen

Komplex kämpft, bei den Fehlfarben-Vorläufern

Mittagspause etwa.

Aber je näher man hinschaut, desto

mehr erkennt man den unglaublichen

Stuss, den die erzählt haben,

den krassen Antisemitismus, der

jede palästinensische Terrortat begrüßt.

Aber die frühe Manson-Begeisterung,

die in West-Berlin bei

Leuten wie Bommi Baumann und

der Bewegung 2. Juni rumschwirrt,

war mir vorher auch nicht klar.

Der Sektenführer und Mörder

Charles Manson zieht sich als Popfigur

durch das Buch, im Kontext von

Schurken wie Sauron aus „Der Herr

der Ringe“ oder mit ironischem Drall

bei DarthVader. Ein heimliches Leitmotiv?

Es gab den Glamour des Bösen.

Von Manson an sieht man in der

Subkultur eine ganz komische Verschränkung

zwischen dem Anspruch,

emanzipatorisch aufzutreten

und dem Flirtmit tendenziell reaktionärer

und dem Okkulten flirtender

Symbolik, mit NS-Emblemen

und dem satanistischen Hitlerbewunderer

Aleister Crowley zum Beispiel.

Das wurde dann, wie der Hitlertrip

des Koks-Bowies, immer so

wegempfunden. IanStuart, der Sänger

von Skrewdriver, ist beim Konzert

der Sex Pistols auf die Idee gekommen,

diese Band zu gründen.

Und Skrewdriver haben die Bloodand-Honour-Bewegung

ins Leben

gerufen, als deren deutscher Armam

Ende der NSU aufgetreten ist –eine

direkte Linie. Wie im okkulten und

esoterischen Hippietum gab es auch

im Punk eine reaktionäreUnterseite,

dieses männliche, aggressive Anti-

Hippietum, die ihn auch für Rechtsradikale

sehr attraktiv gemacht hat.

Dass die Popkultur in den 70ern immer

irgendwie links und emanzipatorisch

und „die Kids noch alright“

waren, stimmt, wenn man genauer

hinguckt, leider nicht.

Zu den beliebten Feindbildern gehörte

TV-Ekel Alfred Tetzlaff, der paradigmatische,

rechte Spießer, der

gleichsam die AfD vorwegnimmt.Wie

konnte es denn in diesem Klima dazu

kommen, ausgerechnet Tolkiens

Hobbits, die ja nichts anderes sind als

Helden für die alternative Szene, zu

besetzen?

Ich finde „Herr der Ringe“ bis

heute ganz gut. Aber es ist auf mehreren

Ebenen widersprüchlich. Es

gibt einerseits genau die Vorlage

für die frühe Ökobewegung, deren

Kommunen die Sehnsucht nach

dem Auenland schon in den Namen

trugen, kleine Hobbit-Kolonien,

die vom technologischen

Gang der Dinge, also Sauron und

Mordor, möglichst weit weg sein

sollten. Natürlich war die Ökobewegung

einerseits progressiv, aber

es gab –das sieht man auch bei den

frühen Grünen –einen reaktionären

Kern, der sich nach solchen irgendwie

authentischen Naturzuständensehnt.

Zum Ende hin findest du dazu einen

spannenden Twist. Die authentischen

Hippie-Ideale überleben in der

Cyber-Euphorie von Techno-Hippies.

Ist die Geschichte der 70er-Jahre eine

Möbius-Schlaufe?

VonWoodstock verläuft eine Erzählung

über Disco in musikalisch

geprägte popkulturelle Identitätspolitiken

hinein; eine andere verläuft

in die Garage von Steve Jobs und

seinem Apple-Partner Steve Wozniak.

Da gibt es die frühe Vernetzung

gegenkultureller Hippies,

quasi die libertären Anfänge der

digitalen Kultur.Das Wissen soll so

geteilt werden, dass man es gegen

die bürgerliche Gesellschaft in

Stellung bringen kann. Bis zum

Apple II von 1977 und den Videospielen

ist diese Schrauber-Nerd-

Szene auch in personeller Kontinuität

von der Woodstock-Generation,

vom Summer of Love, auch

den Prankstern aus den SDS-Kreisen

geprägt, gegenkulturell.

telefonische Anzeigenannahme: 030 2327-50

Disco,Krautrock, Apple als bleibende

Errungenschaften, Sexfilm, Perry

Rhodan, Herr der Ringe als Leitkultur,dazu

Nazitum sowie harte identitätspolitische

und sozialhygienische

Grabenkämpfe – warum erinnert

mich das an die jüngste Vergangenheit?

Man erkennt in den Siebzigern

die große Euphorie, dass man sexuelle

Verhältnisse vielleicht auch mal

anders denken kann, dass man auch

in einer Wohngemeinschaft und

selbstgewählten Gemeinschaften leben

kann. Das war ein ganz großer,

befreiender Schub. Esging darum,

die Enge hinter sich zu lassen. Aber

wenn man etwa in Feminimus und

kultur pur

bei den Softies die Geschlechterrollen

infragestellt, gibt es halt auch

Probleme mit Liebe und Beziehungskisten.

Ich glaube, heute ist

das auch so. Esgibt diese identitätspolitische

Entfesselung, die aber

auch anstrengt und nervt, und die

genauso zu Verhärtungen führen

kann. Und dann kommt halt –nach

dem ganzen Hippiegerede, der

Langsamkeit, dem Ausdiskutieren –

Punk mit seiner maskulinen 4-3-2-1-

Attitüde und räumt mit dem ganzen

Scheiß auf. Nur stimmt auch die

These vonPunk als Vorläufer dessen,

was heute die neue Rechte will –

nämlich mit dem ganzen Gelaber

aufzuhören.

JETZT IM NEUEN MUSEUM

ZUKÜNFTIG IM HUMBOLDT FORUM

Dresden beteiligt Bürger an

Kulturhaupstadtbewerbung

DieStadt Dresden will ihreBewerbung

um denTitel„Kulturhauptstadt

Europas 2025“ Ende September abgeben.

ZumAuftakt der „heißen

Phase“ wurde am Freitag eine Kampagne

vorgestellt, bei der Elbestädter

ihr persönliches Bild ihrer Heimat

auf Postkarten beschreiben sollen.

Sachsens Landeshauptstadt bereitet

sich seit 2016 auf die Bewerbung vor

und wirdihreIdeen und Konzepte

im Dezember der Jury präsentieren,

die daraufhin eine Vorauswahl trifft.

Mitbewerber sind auch Chemnitz

und Zittau. (dpa)

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