Berliner Zeitung 18.05.2019

BerlinerVerlagGmbH

2 18./19. MAI 2019

Sie ist eine berühmte Fernsehköchin,

eine erfolgreiche Geschäftsfrau, sie

leitet eine Stiftung, und jetzt will SarahWiener,56,

auch noch in die Politik

einsteigen: DieGrünen in Österreich haben

sie für die Wahl zum Europaparlament

nominiert. Ein langer Weg, seitdem sie im

Restaurant ihres Vaters, des Künstlers und

Agent Provocateurs Oswald „Ossi“ Wiener,

die Kartoffeln schälte. Heute lebt sie zwischen

ihrem Gut Kerkow inder Uckermark

und Berlin, betreut mal ihren Hof auf dem

Land, mal ihreRestaurants in der Stadt. In einem

ihrer Restaurants, am Hamburger

Bahnhof in Berlin, treffen wir sie zum Gespräch,

das allerdings sogleich unterbrochen

wird, als ein Fuchs am Fenster vorbeiläuft.

Obwohl die Zeit knapp ist, zieht das Tier ihre

ganze Aufmerksamkeit auf sich. Wasmacht

ein Fuchs vor ihrem Restaurant? „Sehr jugendlich

schaut er nicht aus“, sinniert sie,

„eher wie ein armer Rentner, der sich abgemagert

durch den Müll schnorren muss. Ich

hoffe für ihn und für uns, dass er keine Tollwut

hat.“ Woraufhin wir meinen, Tollwut sei

keine aktuelle Gefahr. „Wir sind hier eher

Zeugen der Urbanisierung der Wildtiere:

Waschbär,Wildschwein, Fuchs.“ Apropos urbanes

Leben …

Sie sind in Wien aufgewachsen, in den 60er-

Jahren. Wiesind IhreErinnerungen?

Ich habe weniger Erinnerungen an Wien,

sondern eher punktuell an meinen Kindergarten.

DieStraße,woich aufgewachsen bin,

das Glockenläuten, was ich immer noch

liebe. Anden Greißler, wowir aufschreiben

ließen.

DenGreißler?

Greißler sind Tante-Emma-Läden, die es

leider alle nicht mehr gibt. Im Laufe der Zeit

habe ich gesehen, wie diese Läden zugemacht

haben. Immer anonymere Ketten

sind stattdessen reingezogen. VonSchönheit

und Ästhetik her war das kein Fortschritt.

Sie haben anschreiben lassen, sagen Sie? Das

heißt, es war nicht immer genug Geld da?

Meine Mutter ist bildende Künstlerin und

hat drei Kinder in zweieinhalb Jahren bekommen.

Als das dritte da war,hat mein Vater

sie verlassen. Sie ist ja Deutsche und war

sozusagen im fremden Land, hatte nicht

viele Freunde und als Künstlerin mit drei

Kindern auch kein Geld. Die Musik meiner

Kindheit war: „Können wir die Miete zahlen?“

und: „Haben Siereduzierte Ware?“

Ihr Vater ist Oswald Wiener, der berühmte

Schriftsteller, Jazzmusiker und Theoretiker

der Kybernetik. Wie haben Sie das verfolgt,

den Wirbel, den er entfacht hat?

Garnicht. Binjabei meiner Mutter aufgewachsen.

Das spielt als Kind überhaupt

keine Rolle, wie Eltern inder Außenwahrnehmung

gesehen werden.

Undheute?

Ich habe mit beiden ein gutes Verhältnis.

Mein Vater lebt nach vielen Jahren im Yukon

Territory inder Wildnis nun in der Steiermark.

Meine Mutter wohnt in Wien.

Nach dem Mädcheninternat sollen Siebekifft

durch ganz Europa gereist sein. Stimmt der

THC-Wertdieser Aussage?

Quatsch. Ich habe mir nie selber Dope

oder Gras gekauft, ich war auch nicht jemand,

der sich bekifft durch den Taggehangelt

hat. Daswar für mich nie so ein Reiz, das

ist starkübertrieben.

Stimmt der Teil mit Europa?

Nur zum Teil. Eigentlich war es nur Italien,

Frankreich, dann wirdesschon dünn.

Obwohl Sie bei der Mutter groß geworden

sind, folgten Sieaber dem Vater nach Berlin.

Ich bin ihm nicht gefolgt. Er hat in Berlin

gewohnt. Ich bin durch Deutschland getrampt.

Und bin in Berlin gelandet. Damals

stand die Mauer noch, und Berlin war für

junge Leute ein sehr aufregendes Pflaster,

ohne Sperrstunde und mit vielen Freiheiten.

Außerdem haben die Berliner die Wiener

auch immer sehr gemocht.

Die Wiener mögen auch die Berliner.

Das ist nicht mit allen Deutschen so. Die

Österreicher per se haben ein bisserl

Angst vor dem großen Bruder. Alleine von

der schieren Größe und der Effizienz und

Disziplin der Deutschen fühlen sie sich

auch ab und zu in die Ecke gedrängt. Aber

das Verhältnis Berlin und Wien war immer

etwas Besonderes.

Ihr Vater hat nicht nur das Restaurant Exil in

Berlin gehabt, der hat ja hier im Exil gelebt. Er

hatte in Wien Vorlesungen gehalten, während

Aktivisten dazu masturbiertund urinierthaben.

Haben Siedas mitbekommen?

Nein, da war ich zu jung.

Siehaben dann aber bei ihm im „Exil“ und im

„Axbax“ gearbeitet.

Ja, ich habe bei ihm und bei seiner zweiten

Frau Ingrid gelebt, und bei Ingrid habe

ich dann kochen gelernt. Als Küchenhilfe angefangen,

mich hochgearbeitet, weil ich das

spannend fand.

Sehen Siesich überhaupt als Köchin?

Jeder, der professionell kocht, ist in meinen

Augen Koch.

Sarah Wiener …

…kam 1962 in Halle, Westfalen zur Welt, als

Tochterdes österreichischen Schriftstellers,

Kybernetikers und Gastwirts Oswald Wiener und

der deutschenKünstlerinLore Heuermann.

…wuchs in Wien auf und verließ mit 17 die

Schule. Seit Mitte der 80er-Jahre lebt sie in

Berlin, kellnerte im „Axbax“ in der Leibnizstraße

und arbeitete als Küchenhilfe im „Exil“ am

Paul-Lincke-Ufer,das ihrem Vater gehörte.

…machte sich 1994 mit einem umgebauten

Küchenwagen der NVAselbstständig als

Film-Caterer.1999 eröffnete sie ihr erstes

Restaurant. Seit 2015 bewirtschaftet sie auf

dem uckermärkischen Gut Kerkow einen Biobauernhof

mit eigener Schlachtung,sie führt

ein Restaurant in Berlin mit ausschließlich

regionalen Zutaten, eine Bio-Holzofenbäckerei

sowie einen Event-Catering-Service.

…wurde bundesweit durch die 2004 ausgestrahlte

Doku-Soap „Abenteuer 1900 –Leben

im Gutshaus“ bekannt. Danach war sie jahrelang

Stammgast in „Kochen bei Kerner“ und

„Lanz kocht“. Seit 2007 ist sie, in wechselnden

Formaten, die Hausköchin bei Arte.

…engagiertsich für artgerechte Tierzucht und

biologische Vielfalt und in der „Sarah Wiener

Stiftung –Für gesunde Kinder und was Vernünftiges

zu essen“. Bei der Europawahl kandidiert

sie für die österreichischen Grünen.

…veröffentlichte zuletzt die Bücher

„Bienenleben“ (Aufbau Verlag) und „Gerichte,

die die Welt veränderten“ (edition a).

Wird man in der eitlen und hochprofessionalisierten

Gourmet-Branche nicht schief angeschaut

als Quereinsteigerin?

Nein. Das schließt sich nicht aus. Die

meisten Sterneköche sind Quereinsteiger.In

dem Sinne bin ich Köchin, ich habe das den

größten Teil meines Lebens gemacht.

Sie scheinen generell am liebsten nach dem

Prinzip Learning by Doing vorzugehen: So

haben Sie eszur Köchin, zur Geschäftsfrau,

zuletzt auch zur Imkerin gebracht.

Das ist mein Schicksal, und mein Leben

ist so. Ich denke, was man braucht in jeder

Arbeit ist Erfahrung. Gerade im Handwerk,

da muss man nicht unbedingt eine Ausbildung

haben, aber der Wegüber Erfahrungen

ist mühsamer und länger.Vielleicht ist man

als Quereinsteiger nicht in jedem Detail so

gut ausgebildet wie in einer staatlichen Ausbildung.

Aber dafür auf einem bestimmten

Gebiet vielleicht sogar besser. Ich will das

nicht beurteilen, Bildung ist wichtig –sagt

die Schulabbrecherin. Ich kenne aber unglaublich

tolle Handwerker und Köche, die

keinen Abschluss haben. Und eben auch

hochintelligente Leute, die nur die Grundschulausbildung

haben.

Als alleinerziehende Mutter und Aushilfsköchin

sind Sie 1991 und 1992 nebenher auch

noch Berliner Taekwondo-Meisterin geworden

–wie haben Siedas alles geschafft?

Ichhabe Artur,meinen Sohn, einfach mitgenommen

und auf eine Decke gesetzt. Oder

die Mutter meines türkischen Trainers hat

auf ihn aufgepasst. Ich war bei denen auch

sehr oft privat zu Hause, sie war sozusagen

auch seine Bezugsperson, als er ganz klein

war.Und dann habe ich trainiert.

Anscheinend mit viel Ehrgeiz. Berliner Meisterin

im Taekwondo wird man nicht nebenbei.

Ich war auch schleswig-holsteinische

Meisterin und hatte noch ein paar andereTitel.

Das ist schon mein Wesen, wenn mir etwas

gefällt, wenn ich für etwas Leidenschaft

entwickle,dann mache ich das ganz und gar.

Würden Siesagen, der Ankauf eines W50- Küchenwagens

der ehemaligen NVA, um damit

Filmcatering anzubieten, ist bis heute Ihr

größter unternehmerischer Schritt nach

vorne gewesen?

Bis vor kurzem hätte ich darauf „Ja“ geantwortet.

Das war damals für mich ein unabsehbar

großes Risiko, von der Sozialhilfe

mich auf einmal mit 10 000 DM zu verschulden.

Ich wirke manchmal so chaotisch, aber

ich bin extrem diszipliniert, und wenn ich zu

etwas „Ja“ sage, dann mache ich das auch.

Das hat mir damals wirklich Angstschweiß

verursacht: dieses Geld vielleicht nicht zurückzahlen

zu können und mich ein Leben

lang zu verschulden.

DerW50 soll der letzte seiner Artgewesen sein.

Diehatten nur einen, ich habe an der Kfz-

Stelle damals angerufen und gesagt, haben

Sie nicht eine mobile Küche, weil ich ja kein

Geld hatte und wusste, ich brauche ein gebrauchtes

Teil. Und dann hab ich den gekauft,

obwohl ich gar keinen Lkw fahren darf,

weil ich einen Sehfehler habe und auch keinen

Führerschein dafür hatte. Aber manchmal

muss man sich dem Leben auf unkonventionelle

ArtundWeise nähern, wenn man

Träume hat, weil das sonst nix wird. Wenn

man immer im Voraus sagt, das ist Blödsinn,

du kannst nicht einmal das Teil fahren, du

weißt überhaupt nicht, was in der Film-

Szene los ist! – klar, dann macht man es

nicht. Aber mehr als scheitern und es versucht

zu haben, kann man ja eh nicht. Es

aber nicht versucht zu haben, würde ich

schlimmer finden.

Existiertder Wagen noch?

Sicher nicht. Ich habe ihn nach ein paar

Jahren dann getauscht gegen einen anderen

Wagen, und ich habe dann kurz darauf gehört,

dass die W50 für die Straßenverkehrsordnung

verboten wurden.

Die jüngste Aktivität unter den vielen ist, für

die österreichischen Grünen fürs EU-Parlament

zu kandidieren.

Die österreichische Grünen-Spitze hat

mich gefragt, ob ich mir das vorstellen kann.

Nach einigem Überlegen habe ich mir gedacht,

das ist stringent und logisch, dass ich

versuche, den Wählern dieses Angebot zu

machen. Ich bin überzeugt, dass agrar- und

ernährungspolitische Impulse nicht nur von

unten, nicht nur von den Graswurzelbewegungen

und NGOs kommen müssen –und

dass auch normale Menschen in die Politik

gehören und nicht nur Karrierepolitiker.

Sofort kam die Kritik, die Wiener geht jetzt

auch noch in die Politik. Noch einen Quereinsteiger

in der Politik braucht es aber nicht.

Was heißt, noch einen Quereinsteiger

braucht man nicht? Erstens ist jeder Mensch

anders. Auch die Intention oder die Fähigkeiten

sind anders. Mein Leben lang war ich

ein Quereinsteiger, insofern passt das alles.

Wir brauchen jeden Engagierten, der versucht,

Politik nicht nur für Lobbyisten und

für die Großkonzerne zu machen, sondern

für die Menschen.Wirbrauchen gerade jetzt,

wo die EU über eine Ernährungswende und

über die Landwirtschaft bestimmt, wirklich

jeden. Erst recht angesichts des Rechtsrucks

und der Befürchtung, dass sich die extreme

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