Berliner Zeitung 18.05.2019

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DerEingangsbereich desehemaligen

Herrschaftsflügels istheutenoch gut zu erkennen.

Wer heute am ehemaligen Palais

Mendelssohn an der

Bismarckallee 19a in Grunewald

vorbeikommt, sieht nicht mehr

viel von der ursprünglichen Erscheinung

des 1896 erbauten Gebäudes. Es wurde

im Zweiten Weltkrieg stark zerstört

und später neu erbaut – lediglich unter

Einbeziehung erhaltener Bausubstanz.

Jetzt trägt es den Namen St.-Michaels-Heim.

Früher die repräsentative Residenz

einer adeligen Bankiersfamilie, dient

das Haus seit den 1950er-Jahren als Kirche

und Sozialtreffpunkt. Die Johannische

Kirche bietet hier Hauskrankenpflege und

ambulante Dienste an, einen Menüdienst

und verschiedene Wohnheime für Kinder

und Jugendliche. Das soziale Angebot ist

umfassend, auch eine erschwingliche Gastronomie

gibt es. Park und Garten sind öffentlich

zugänglich.

Versöhnliche Töne. Dass sein kleines Schloss

einmal so genutzt werden würde, hätte sich

Bauherr Franz von Mendelssohn sicher

nicht träumen lassen. Dennoch schrieb einer

seiner Nachfahren, Robert von Mendelssohn,

1961 ins Gästebuch: „Es ist für

mich eine große Freude, dass mein Elternhaus

eine so schöne Bestimmung gefunden

hat.“ Dazwischen lagen bewegte Zeiten.

Frühe Villenkolonie. Das Gebiet um Grunewaldseee,

Hundekehlesee und das

Seen-Kleeblatt waren bevorzugte Wohnorte

des wohlhabenden Berliner Finanz- und

Bildungsbürgertums. Hier wohnten später

Größen wie der Schriftsteller Gerhart

Hauptmann, die Tänzerin Isadora Duncan,

der Kritiker Alfred Kerr, die Schauspielerin

Grethe Weiser und der Verleger Samuel Fischer.Bei

seinem Bau in den 1890er-Jahren

jedoch war das Palais Mendelssohn –auch

Landhaus Mendelssohn genannt –eines der

ersten der neuen Villenkolonie in Grunewald.

Es wurde vom Hofarchitekten Ernst

von Ihne im englischen Landhausstil direkt

am Herthasee errichtet. Zur Anlage gehörte

ein Landschaftspark im englischen Stil.

Der Kaiser kam zuBesuch. Auf der anderen

Seite des Herthasees, an der Koenigsallee,

baute der ältere Bruder Robert von Mendelssohn

ein eigenes Wohnhaus. Doch die

beiden Villen waren mehr als nur Wohnhäuser:

Sie waren gesellschaftliche Treffpunkte,

sowohl zu Kaisers Zeiten als auch

in der Weimarer Republik. Und sie waren

ausgestattet mit Erbstücken, Antiquitäten

und Gemälden, unter anderem von Manet,

Monet und van Gogh. Zu den illustren

Gästen der Villenkolonie gehörten Kaiser

Wilhelm II. und Albert Einstein.

Fachwerk fürs Gesinde. Das frühere Landhaus

Mendelssohn hatte allein im Erdgeschoss

eine Nettofläche von rund 700 Quadratmetern.

Wie ein englischer Herrensitz

war es in einen Herrschaftsflügel und einen

nur halb so großen Wirtschaftsflügel unterteilt.

Während die Fassaden des Herrenflügels

mit hochwertigem Haustein verblendet

wurden, erhielt der Wirtschaftsflügel im

Obergeschoss lediglich eine Verkleidung

mit Fachwerk aus Holz und Lehm. Die beiden

Flügel waren in einem 90-Grad-Winkel

verbunden; in der Mitte befand sich ein

kleiner Treppenturm.

VonNazis verfolgt. Auch wenn einige Familienmitglieder,

beispielsweise Komponist

Felix Mendelssohn Bartholdy, schon im 18.

Jahrhundert vom Judentum zum Christentum

konvertiert waren: Im Nationalsozialismus

blieb die angesehene Familie nicht

von Diskriminierung und Verfolgung verschont.

1938 verlangten die Nazis die „Arisierung“

der Bank. Robert von Mendelssohn

löste daraufhin das Bankhaus auf. Die

NS-Machthaber zwangen die Familie, ihren

prachtvollen Besitz 1939 weit unter Wert an

das Deutsche Reich zu verkaufen. Das Palais

diente den Nazis als Gästehaus für Prominenzen,

später installierte die Gestapo in

dem Gebäude eine Telefon-Abhörzentrale.

1943 wurde das Haus von alliierten Bomben

getroffen und brannte teilweise aus. Ab

1946 war es eine Schule für 260 britische

Kinder.Später wurde das Gebäude der jetzt

weit verstreut lebenden Familie Mendelssohn

zur Rückgabe angeboten, doch die Erben

verkauften das Haus weiter.

Der gute Geist kehrt zurück. So kam es in

die Hände des Johannischen Aufbauwerks,

des heutigen Sozialwerks. „Der Geist einer

gelebten Toleranz blieb im Haus jedoch erhalten“,

schreibt die Johannische Kirche.

„Und mehr denn je fühlt sich das St.-Michaels-Heim

diesem Mendelssohnschen

Erbe verpflichtet.“ Immer wieder komme

es zu Begegnungen zwischen Vertretern des

Sozialwerkes und der Familie Mendelssohn.

„Ja, ein guter Geist ist wieder in dieses Haus

eingekehrt!“, schrieben Robert von Mendelssohns

Frau und Tochter ins Gästebuch.

Ingrid Bäumer

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