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syndicom magazin Nr. 11

Seit langer Zeit schon setzen wir uns für die Arbeitsrechte im Bereich Logistik, ICT und Medien ein. Gute Arbeitsbedingungen sind und waren dabei stets das Ergebnis von gemeinsamen Erfolgen. Sei Teil unserer Bewegung und gestalte mit uns deine Zukunft!

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<strong>syndicom</strong><br />

<strong>Nr</strong>. <strong>11</strong> Mai–Juni 2019<br />

<strong>magazin</strong><br />

Kommt alle<br />

zum<br />

Frauenstreik<br />

am 14. Juni


Anzeige<br />

Gestaltung: Agnes Weber<br />

FRAUEN*STREIK<br />

14. Juni 2019<br />

LOHN.<br />

ZEIT.<br />

RESPEKT.<br />

/


Inhalt<br />

4 Teamporträt<br />

5 Kurz und bündig<br />

6 Die andere Seite<br />

7 Gastautor<br />

8 Dossier: Parität<br />

16 Arbeitswelt<br />

17 Gleichstellung in der ICT<br />

22 Über kollektives Handeln<br />

25 Fragen zum 14. Juni<br />

26 Freizeit<br />

27 1000 Worte<br />

28 Bisch im Bild<br />

30 Aus dem Leben von ...<br />

31 Kreuzworträtsel<br />

32 Warum ich streike<br />

Der Kampf für die Parität geht uns alle an!<br />

Wir wissen es: Die Wirtschaft wartet auf die<br />

Zahlen zur Mobilisierung der Frauen am kommenden<br />

14. Juni, um zu entscheiden, ob sie<br />

sich in Frage stellen muss oder ob sie weitermachen<br />

kann wie bisher.<br />

Also müssen wir alle unsere Wut laut und<br />

deutlich zum Ausdruck bringen. Nein, es ist<br />

nicht normal, dass Branchen, die ansehnliche<br />

Löhne zahlen, nicht das Geld aufwerfen, um die<br />

unerklärte Schlechterstellung der Frauen zu<br />

beseitigen. Es ist nicht normal, dass die Frauen<br />

– die heute über eine gute Ausbildung verfügen<br />

– in den Tieflohnbranchen übervertreten sind<br />

und im Privatsektor 19,6 % weniger verdienen<br />

als die Männer. Hinzu kommt die Doppelbelastung:<br />

Es ist nicht normal, dass Mütter noch<br />

53 Stunden Hausarbeit pro Woche verrichten,<br />

Väter aber nur 29 Stunden.<br />

Diese Ungleichheiten gehen uns alle an. Denn<br />

für das Geld, das in den Frauenlöhnen und in<br />

den 37 % kleineren Frauenrenten fehlt, zahlt die<br />

ganze Gesellschaft. Indem sie Sozialhilfe-Leistungen<br />

ausrichten muss. Indem sie auf die Beiträge<br />

dieser Bürgerinnen verzichten muss. Indem<br />

sie die Opfer von Gewalt, zu 70 % Frauen,<br />

entschädigen muss.<br />

Es ist unsere Aufgabe als Gewerkschaft, die<br />

Parität, die Gleichstellung voranzutreiben. In<br />

der Gesellschaft. Und indem wir in den Gesamtarbeitsverträgen<br />

klare Forderungen stellen und<br />

ihre Allgemeinverbindlichkeit verlangen. Damit<br />

sich keine Branche mehr drücken kann.<br />

4<br />

8<br />

22<br />

Sylvie Fischer, Chefredaktorin


4<br />

Teamporträt<br />

Die Verhandlungsdelegation PostAuto<br />

im Einsatz gegen Gratisarbeit<br />

Anita von Gunten (39)<br />

Bevor sie 2012 zu PostAuto wechselte,<br />

war sie Lastwagenfahrerin beim ehemaligen<br />

Transportdienst der Post in<br />

Härkingen. Ihre Stammstrecke ist jene<br />

von Spiez nach Aeschiried. Die Berner<br />

Oberländerin ist seit 2001 Mitglied bei<br />

<strong>syndicom</strong>. Sie ist PeKo-Präsidentin und<br />

Mitglied der Verhandlungsdelegation<br />

Gratisarbeit.<br />

Antoine Dussez (51)<br />

Auch Dussez fuhr vor seiner Zeit als<br />

Buschauffeur Lastwagen. Heute transportiert<br />

er die Einwohner von Arolla und<br />

Les Haudères nach Sion, und auf dem<br />

Rückweg Touristen in die beiden Bergdörfer.<br />

Insgesamt ist er fast 20 Jahre<br />

Mitglied bei <strong>syndicom</strong>. Auch er ist Pe-<br />

Ko-Präsident – bei den Verhandlungen<br />

war er Teil der Delegation Gratisarbeit.<br />

Patrick Pflumm (47, rechts)<br />

Der Tessiner war einst Lastwagenunternehmer,<br />

dann wechselte er als<br />

Chauffeur zu PostAuto. Er fährt in der<br />

Region um Lugano. Pflumm ist seit<br />

sieben Jahren <strong>syndicom</strong>-Mitglied.<br />

Er ist Teil der Verhandlungsdelegation<br />

AZG-Vereinbarung. In seiner Region<br />

amtet er zudem als PeKo-Präsident.<br />

Text: Basil Weingartner<br />

Bild: Alexander Egger<br />

«Wir haben mit<br />

PostAuto wichtige<br />

Fortschritte erzielt»<br />

Wir haben in den letzten Monaten<br />

viel erreicht. Das war dringend nötig.<br />

Die Stimmung unter den Chauffeur­<br />

Innen war vielerorts miserabel. Das<br />

lag vor allem an den Arbeitsbedingungen.<br />

Wir konnten bei der Dienstplanung<br />

kaum mitreden – obwohl<br />

das Arbeitszeitgesetz (AZG) dies so<br />

vorsieht und die Dienstpläne unser<br />

Privatleben enorm prägen. Für viel<br />

Unmut sorgte auch die Tatsache,<br />

dass wir Gratisarbeit leisten mussten.<br />

An all dem wollten wir etwas ändern<br />

– deshalb engagieren wir uns.<br />

Ohne die Unterstützung der Gewerkschaft<br />

hätten wir aber wenig ausrichten<br />

können.<br />

So oder so ging die Geschäftsleitung<br />

von PostAuto lange nicht auf<br />

unsere Anliegen ein. Wir von den Pe­<br />

Kos kehrten stets mit leeren Händen<br />

zurück. Das war nicht einfach.<br />

Doch im letzten halben Jahr hat<br />

sich vieles zum Guten verändert. Das<br />

hat mehrere Gründe. So hatten wir<br />

mit einer von 1300 Fahrerinnen und<br />

Fahrern unterzeichneten Petition<br />

Druck erzeugt, auch medial. In vielen<br />

Kantonen weigerten sich die Fahrer­<br />

Innen zudem, die vorgelegten AZG­<br />

Vereinbarungen zu unterschreiben.<br />

Diese waren intransparent und einseitig<br />

zu unseren Ungunsten. Bei<br />

PostAuto wurde die Unternehmensleitung<br />

ausgetauscht. Die neue Führung<br />

hörte unserer zwölfköpfigen<br />

Delegation endlich zu. So konnte<br />

Vertrauen geschaffen werden.<br />

Wir haben uns mit PostAuto auf<br />

wichtige Verbesserungen geeinigt.<br />

Gegen die Gratisarbeit wurden wirksame<br />

Massnahmen getroffen. Wir<br />

haben erreicht, dass auch die Kolleginnen<br />

und Kollegen, die bei privaten<br />

Postautounternehmen angestellt<br />

sind, ihre Anliegen direkt beim Auftraggeber<br />

PostAuto vorbringen können.<br />

Besonders wichtig: wir haben<br />

eine nationale AZG­Vereinbarung<br />

aufgegleist, welche die Bestimmungen<br />

des Arbeitszeitgesetzes berücksichtigt.<br />

Fortan können alle bei den<br />

Diensten und Dienstzuteilungen mitentscheiden.<br />

Die Umsetzung der Verhandlungsergebnisse<br />

ist komplex<br />

und kann erst beim Fahrplanwechsel<br />

im Dezember erfolgen. Bis dahin erhalten<br />

wir Chauffeurinnen und<br />

Chauffeure als Entschädigung sechs<br />

zusätzliche Ruhetage oder 1000 Franken<br />

als Einmalzahlung.


Kurz und<br />

bündig<br />

UberPop-Fahrer ist angestellt \ Bund führt Überbrückungsrente<br />

ein \ Für Sozialplan bei Presto \ Frauenstreik in Langenthal \<br />

Jura: 1,4 Millionen Franken Rückzahlungen \ 10 000 Unterschriften<br />

gegen Kontogebühren für Pöstler<br />

5<br />

UberPop-Fahrer in Lausanne<br />

als Angestellter anerkannt<br />

Das Arbeitsgericht in Lausanne hat einen<br />

Fahrer von UberPop als Angestellten<br />

eingestuft. Für das Gericht ist das Arbeitsverhältnis<br />

zwischen Uber und seinen<br />

FahrerInnen vergleichbar mit dem<br />

Arbeitsvertrag von Taxiunternehmen mit<br />

ihren Angestellten. <strong>syndicom</strong> begrüsst<br />

diesen wichtigen Entscheid. Uber muss<br />

sein Geschäftsmodell überdenken, sich<br />

an die Gesetzgebung halten und seine<br />

soziale Verantwortung wahrnehmen.<br />

Mehr ältere Arbeitslose in<br />

Telecom und Post<br />

Der SGB hat ein interessantes Papier zur<br />

Lage der älteren Arbeitnehmenden publiziert.<br />

In unseren Branchen Telekommunikation,<br />

Post und Logistik sowie Informatik<br />

hat die Zahl der Arbeitslosen<br />

zwischen 2017 und 2018 zugenommen.<br />

Der SGB fordert einen besseren Kündigungsschutz<br />

für langjährige ältere Mitarbeitende<br />

im OR, ein Diskriminierungsverbot<br />

und eine Überbrückungsrente,<br />

die der Bund für Ausgesteuerte einführen<br />

soll. Der Bund kündigte eine solche<br />

nun an. Der SGB bedauert jedoch, dass<br />

sie nicht bereits ab 58 Jahren gilt.<br />

Ein Sozialplan für die<br />

FrühzustellerInnen<br />

Mit der Einstellung der Zentralschweiz<br />

am Sonntag, der letzten regionalen<br />

Sonntagszeitung neben der Ostschweiz<br />

am Sonntag, deren Ende die CH Media<br />

ebenfalls beschlossen hat, droht 450<br />

Frühzustellerinnen und -zustellern die<br />

Kündigung. Mit Unterstützung von <strong>syndicom</strong><br />

fordern sie von der Post-Tochtergesellschaft<br />

Presto Presse-Vertriebs AG<br />

in Emmenbrücke einen fairen Sozialplan<br />

und eine Lösung für Härtefälle.<br />

Frauenstreik in Langenthal<br />

Auch die Oberaargauerinnen machen<br />

mit am 14. Juni 2019 – unterstützt von<br />

den Männern. Ab <strong>11</strong> Uhr wird gestreikt.<br />

In der Marktgasse gibt es diverse<br />

Reden, Unterhaltung, von Männern<br />

gekochtes Essen, Getränke, Wunschzettel<br />

und ein offenes Mikrofon. Für<br />

Kinderbetreuung ist gesorgt. Etwa um<br />

15 Uhr machen wir uns auf den Weg an<br />

die Demo in Bern.<br />

Gewerkschaftssieg im Jura<br />

PostAuto und die Personalkommission<br />

(PeKo) Jura haben sich in der Frage der<br />

Pausenanrechnung des Fahrpersonals<br />

geeinigt. Bei der Pausenabrechnung<br />

waren Unregelmässigkeiten festgestellt<br />

worden, die nun auf fünf Jahre<br />

rückwirkend behoben wurden. Betroffen<br />

sind fast 120 Fahrerinnen und Fahrer.<br />

Zwischen Ende 2018 und Februar<br />

2019 erhielten sie Entschädigungen<br />

von insgesamt rund 1,4 Millionen CHF.<br />

10 000 Unterschriften gegen<br />

neue Postkontogebühren<br />

<strong>syndicom</strong> hat am 29. März eine Petition<br />

bei der Post eingereicht. 10 000 Mitarbeitende<br />

der Post wie auch ehemalige<br />

Pöste ler haben die Petition unterzeichnet.<br />

Sie verlangen, dass die Post ihren<br />

Entscheid rückgängig macht, von<br />

Post-Mitarbeitenden Postkontogebühren<br />

zu kassieren.<br />

Post-Angestellte halten seit jeher traditionell<br />

ihr Lohnkonto bei PostFinance.<br />

Plötzlich sollen sie Gebühren dafür bezahlen<br />

und zur Gewinnsanierung von<br />

PostFinance beitragen. Eine ungerechte<br />

Massnahme, finden 10 000 Pösteler<br />

und setzen ein starkes Zeichen. Doch<br />

die Geschäftsleitung von PostFinance<br />

hat <strong>syndicom</strong> mitgeteilt, dass sie darauf<br />

nicht eingehen wird. <strong>syndicom</strong> wird<br />

die Forderung weitertragen und in die<br />

nächsten Lohnverhandlungen einbringen.<br />

Agenda<br />

Juni<br />

14.<br />

Frauenstreik<br />

Der Mobilisationstag für die Gleichstellung<br />

im ganzen Land. Kampagnenmaterial,<br />

Ziele und das Manifest auf<br />

Frauenstreik2019.ch<br />

14.–15.<br />

Zurich Pride Festival<br />

Das LGBT+-Festival lockt die Community,<br />

Unterstützer und Freundinnen.<br />

22.<br />

Delegiertenversammlung<br />

<strong>syndicom</strong><br />

Stade de Suisse, Bern, 10 Uhr.<br />

bis 23.<br />

Sebastião Salgado: Genesis<br />

Museum für Gestaltung Zürich.<br />

Ein Manifest mit wunderbaren<br />

Schwarzweiss-Bildern, das Fragen zum<br />

Umgang mit dem Planeten stellt.<br />

Museum-gestaltung.ch<br />

bis 30.<br />

Swiss Press Photo 19<br />

World Press Photo 2019<br />

Zürich, Landesmuseum<br />

Nationalmuseum.ch<br />

August<br />

7. bis 17.<br />

Locarno Film Festival<br />

Auf der Piazza Grande wird Locarno<br />

wieder für <strong>11</strong> Tage zum Film-Mittelpunkt<br />

der Schweiz. Die Sektion Open<br />

Doors lädt ein zu Filmen des Südens.<br />

bis 25.<br />

Starke Frauen um<br />

Henry Dunant<br />

Heiden, Asylstrasse 2. Die einflussreichen<br />

Frauen, die die Visionen von<br />

Dunant förderten. Dunant-museum.ch<br />

<strong>syndicom</strong>.ch/agenda


6 Die andere<br />

Milo Stössel<br />

Seite<br />

1979 geboren, studierte Jus und übernahm nach dem Tod<br />

seines Vaters 2013 die MS Direct Group. Sie hat heute über<br />

1000 Mitarbeitende und ist Schweizer Marktführerin in<br />

Kundenbeziehungs- und E-Commerce-Management.<br />

1<br />

Was sind die Beweggründe, einen separaten<br />

Firmen-Gesamtarbeitsvertrag<br />

für diesen Unternehmensteil abzuschliessen?<br />

Ein Gesamtarbeitsvertrag führt zur<br />

Fairness in der ganzen Branche und<br />

zu verbindlichen Standards, an die<br />

sich alle zu halten haben. So können<br />

wir gleich lange Spiesse in der Callcenter-Branche<br />

schaffen. Darüber<br />

hin aus trägt ein Gesamtarbeitsvertrag<br />

dazu bei, das Image der Branche<br />

zu verbessern, indem er der Allgemeinheit<br />

eine objektive Fairness aufzeigt.<br />

2<br />

Welche Rolle kann ein GAV in solch<br />

einem Bereich spielen?<br />

Mit einem Gesamtarbeitsvertrag wird<br />

der Arbeitsmarkt transparenter gemacht.<br />

Mitarbeitende werden vor<br />

Lohndumping geschützt, erhalten<br />

rechtliche Sicherheit und profitieren<br />

von verbindlichen und einheitlichen<br />

Regelungen, die für die gesamte<br />

Branche gelten. Sie haben die Möglichkeit,<br />

an den regelmässigen Verhandlungen<br />

zwischen Arbeitgeberund<br />

Arbeitnehmervertretern ihre<br />

Interessen einzubringen und zu vertreten.<br />

3<br />

Ist bereits absehbar, wie sich die<br />

Arbeitsbedingungen und Löhne in<br />

diesem Bereich entwickeln werden?<br />

Mit dem Ziel, eine Signalwirkung zu<br />

erzielen, sollen zukünftig transparente,<br />

faire und verbindliche Arbeitsbedingungen<br />

geschaffen werden.<br />

Gleichwohl nimmt u. a. der Druck<br />

vom Markt, immer alles schneller<br />

und günstiger zu liefern, für die Arbeitgeber<br />

jedes Jahr zu. Technologische<br />

Veränderungen verstärken den<br />

Druck. Dies beeinflusst die Arbeitsbedingungen.<br />

Entsprechend wichtig ist<br />

auch hier ein Gesamtarbeitsvertrag.<br />

4<br />

Könnte dieser neue Gesamtarbeitsvertrag<br />

Signalwirkung haben für andere<br />

Unternehmen in der Branche?<br />

Ziel des Gesamtarbeitsvertrages war<br />

die Allgemeinverbindlichkeits-Erklärung,<br />

denn nur so kann gewährleistet<br />

werden, dass Arbeitnehmer über die<br />

gesamte Branche hinweg von fairen<br />

und transparenten Bedingungen profitieren.<br />

Da der GAV nun für allgemeinverbindlich<br />

erklärt wurde,<br />

müssen sich alle Unternehmen an<br />

die Bedingungen halten.<br />

Text: Giorgio Pardini<br />

Bild: MS Direct AG<br />

5<br />

Welchen Herausforderungen wird<br />

sich die Branche stellen müssen?<br />

Die Branche stellt sich dem Konkurrenzkampf<br />

mit dem Ausland. Es wird<br />

immer schwieriger zu begründen,<br />

warum ein Callcenter in der Schweiz<br />

betrieben werden soll. Wenn es den<br />

Konsumenten keine Rolle spielt, ob<br />

sie mit einem ausländischen oder<br />

einem Schweizer Callcenter-Agenten<br />

telefonieren, dann sind die Arbeitsplätze<br />

in der Schweiz ernsthaft gefährdet.<br />

Da ist auch der Gesetzgeber<br />

gefordert: es müssen konkurrenzfähige<br />

arbeitsrechtliche Rahmenbedingungen<br />

geschaffen werden, um international<br />

zu bestehen.<br />

6<br />

Welchen Einfluss hat die Digitalisierung<br />

auf die Tätigkeiten in den<br />

Contact- und Callcentern?<br />

Sie wird die Contactcenter-Industrie<br />

drastisch verändern. Virtuelle Assistenzsysteme,<br />

Chatbots, künstliche Intelligenzen<br />

werden die Massenverarbeitung<br />

übernehmen. Agenten wird<br />

es immer brauchen. Es wird mehr<br />

Beratung gefragt sein, und dafür benötigen<br />

die Agenten spezialisiertes<br />

Wissen, sie entwickeln sich zu Spezialisten.<br />

Daher sehen wir auch viel<br />

Positives, der Job eines einzelnen<br />

Agenten wird auch spannender und<br />

aufgewertet.


Gastautor<br />

Seit meiner Wahl in den Nationalrat<br />

im Jahr 20<strong>11</strong> engagiere ich mich kontinuierlich<br />

für die Gleichstellung von Frauen und Männern<br />

und habe etwa zehn Vorstösse zur Bekämpfung<br />

der sexuellen Belästigung auf der Strasse oder<br />

am Arbeitsplatz eingereicht. Das Parlament und<br />

der Bundesrat weigern sich bisher, Massnahmen<br />

zur Bekämpfung dieses Phänomens zu ergreifen.<br />

Es liegt jedoch in der Verantwortung aller,<br />

uns gegen geschlechtsspezifische Gewalt und<br />

Belästigung einzusetzen.<br />

Im November 2017 habe ich einen Vorstoss zur<br />

Erleichterung der Beweislast für Opfer sexueller<br />

Übergriffe am Arbeitsplatz eingereicht. Diese<br />

Änderung des Gleichstellungsgesetzes ist eine<br />

Notwendigkeit. Tatsächlich wird die Last jetzt<br />

vollständig von den Klagenden getragen. Angesichts<br />

der Schwierigkeit, die fraglichen Machenschaften<br />

zu beweisen, werden 83 % der Klagen<br />

wegen Belästigung abgewiesen, wie eine aktuelle<br />

Studie der Uni Genf für das eidgenössische<br />

Gleichstellungsbüro zeigt. Dies fördert nicht den<br />

offenen Umgang mit dem Problem.<br />

Meine parlamentarische Initiative fordert eine<br />

Erleichterung der Beweislast für die belästigte<br />

Person. Dieses Prinzip, wie es bereits in den<br />

USA, Deutschland und Frankreich in Kraft ist,<br />

existiert auch in der Schweiz für bestimmte<br />

Formen der Diskriminierung, etwa beim Lohn.<br />

In der Praxis muss die klagende Seite den Tatbestand<br />

einer Diskriminierung durch sachliche<br />

Hinweise glaubhaft machen. Dann ist es Aufgabe<br />

des Arbeitgebers, das Gegenteil zu beweisen,<br />

was die Situation ausgewogener gestaltet.<br />

Die Kommission für Rechtsfragen des Nationalrats<br />

hat den Vorstoss Anfang des Jahres<br />

endgültig abgelehnt, und die Debatte wird in der<br />

nächsten Session des Parlaments schwierig. Da<br />

jede dritte Frau während ihrer beruflichen Laufbahn<br />

sexuell belästigt wird, ist es für die Politik<br />

an der Zeit, aufzuwachen und das Phänomen<br />

ernst zu nehmen.<br />

Stopp der Belästigung<br />

am Arbeitsplatz<br />

Mathias Reynard ist Lehrer am Cycle<br />

d’Orientation de Savièse (VS) und besitzt<br />

einen Master-Abschluss der Uni<br />

Lausanne (Französisch, Geschichte,<br />

Philosophie). Nachdem er zwischen<br />

2005 und 2009 Präsident der Unterwalliser<br />

Jungsozialist*innen, dann<br />

Chefredaktor von Peuple Valaisan, der<br />

Zeitung der Unterwalliser SP, war,<br />

wurde er als Abgeordneter der SP in<br />

den Walliser Gros sen Rat gewählt und<br />

trat 20<strong>11</strong> mit gerade einmal 24 Jahren<br />

in den Nationalrat ein.<br />

Er ist Präsident des Walliser Gewerkschaftsbundes.<br />

7


Dossier<br />

Für gerechte<br />

sind wir


Die Branchen mit unerklärtem Lohnabstand<br />

Stehen geblieben: Löhne der Uhrmacherinnen im Vallée de Joux<br />

Die Druckbranche und die Reduktion der Männerlöhne<br />

Die schlechte Bilanz der Schweiz im internationalen Vergleich<br />

9<br />

Verhältnisse<br />

alle<br />

zuständig!


10 Dossier<br />

Der unerklärte Lohnabstand wächst.<br />

Die ganze Gesellschaft muss sich wehren<br />

Zwischen 2010 und 2016 ist der unerklärte Teil<br />

der Lohndifferenz zwischen Frauen und Männern<br />

von 37,6 % auf 42,9 % gestiegen. In der<br />

Druckbranche sind sogar 65,6 % unerklärt.<br />

Text: Sylvie Fischer<br />

Bilder: Tom Kawara<br />

Den fehlenden Willen zur Veränderung zeigt das Beispiel<br />

nur zu deutlich. Im Fall ebenjener Uhrenarbeiterinnen im<br />

waadtländischen Vallée de Joux, wo die Idee zum Frauenstreik<br />

1991 geboren wurde, hat Unia­Gewerkschaftssekretärin<br />

Camille Golay keine Illusionen: «Der GAV sagt, jede<br />

Uhrenregion kann ihre Mindestlöhne verhandeln. 1991<br />

lag dieser bei 3500 Franken, heute bei 3670 Franken. Das<br />

Problem besteht nach wie vor und hat sich sogar verschlimmert.»<br />

Obwohl in der Region viele grosse Uhrenmarken<br />

angesiedelt sind und die Medianlöhne der Uhrenindustrie<br />

zwischen 2010 und 2016 um ansehnliche 6,7 %<br />

anstiegen, finden sich die tiefsten Löhne in den Manufakturen.<br />

Auch 2019 noch:<br />

Arbeiterinnen weiblich, Werkstattleiter männlich<br />

In der Uhrenindustrie im Vallée de Joux sind Frauen vor<br />

allem als Arbeiterinnen tätig, während die Werkstattchefs<br />

fast alles Männer sind. Dies widerspiegelt auch die Situation<br />

in der Schweizer Gesellschaft, in der 71,8 % der Stellen<br />

mit Bruttolöhnen über 8000 Franken in Männerhand<br />

sind. Hingegen sind 62 % der Arbeitsplätze, bei denen der<br />

Lohn unter 4000 Franken brutto liegt, von Frauen besetzt,<br />

die bei den Niedriglöhnen übervertreten sind. «Bei einer<br />

Umfrage im letzten Jahr haben wir gesehen, dass die Frauen<br />

in der Regel weniger verdienten als die Männer. Eine<br />

Gruppe von Frauen aus der Uhrenindustrie hat einen Forderungskatalog<br />

aufgestellt.» Aber wie soll denn das<br />

Gleichstellungsgesetz angewandt werden, wenn gewisse<br />

Unternehmen es im Arbeitsvertrag untersagen, über den<br />

Lohn zu sprechen, und mit Kündigung drohen, wenn die<br />

Mitarbeitenden es trotzdem tun?, kritisiert Gewerkschafterin<br />

Golay.<br />

Besonders beunruhigend ist aber die Zunahme des<br />

nicht erklärbaren Anteils der Lohndifferenz zwischen<br />

Frauen und Männern, also des Anteils, der nicht durch<br />

Faktoren wie Ausbildungsniveau oder berufliche Stellung<br />

erklärt werden kann. Dieser Anteil ist zwischen 2010 und<br />

2016 von 37,6 % auf 42,9 % gestiegen. In der Branche Druck<br />

betrug der durchschnittliche Lohnabstand zwischen<br />

Frauen und Männern im Jahr 2016 1282 Franken. 65,6 %<br />

davon, also 842 Franken, liessen sich nicht konkret erklären.<br />

Allerdings ist zu sagen, dass diese Branche wirtschaftlich<br />

unter Druck steht. Aber sollen die Frauen dafür den<br />

Preis zahlen?<br />

Selbst dort, wo die Löhne steigen,<br />

lassen sich die Differenzen nicht erklären<br />

Woran liegt es aber, dass Branchen, in denen die Löhne in<br />

den letzten Jahren stark angestiegen sind – beispielsweise<br />

Versicherungen (Anstieg Medianlohn zwischen 2010 und<br />

2016 um +13,7 %), Pharmaindustrie (+10 %) oder Finanzbranche<br />

(+5,8 %) –, die Gelegenheit nicht genutzt haben,<br />

um diese stossenden Ungleichheiten zu beseitigen? In<br />

der chemisch­pharmazeutischen Industrie betrug der<br />

Lohnabstand zwischen Frauen und Männern 2016 durchschnittlich<br />

10 %, d. h. <strong>11</strong>40 Franken. 56 % dieser Differenz,<br />

also 649 Franken, liessen sich nicht erklären. Gleiches gilt<br />

für die Finanz­ und Versicherungsbranche, wo der Lohnunterschied<br />

zwischen Frauen und Männern mit 4243<br />

Journalistinnen verdienen<br />

<strong>11</strong>00 Franken weniger als Männer<br />

Es gehört zu den Aufgaben der Medien, über Ungerechtes zu<br />

berichten. Es ist also eine verlogene Bescheidenheit, wenn<br />

jeweils kaum etwas zu erfahren ist über die Ungerechtigkeit<br />

in den eigenen Redaktionen. Beispielsweise, dass Frauen in<br />

medialen Führungsetagen noch viel stärker untervertreten<br />

sind als in anderen Branchen. Und dass sie, durch alle Hierarchiestufen<br />

hindurch, deutlich weniger verdienen als ihre<br />

männlichen Kollegen.<br />

Laut einer Studie der Zürcher Hochschule für angewandte<br />

Wissenschaften von 2016 verdienen Journalistinnen zu<br />

Beginn ihrer Karriere im Durchschnitt 700 Franken weniger<br />

als Journalisten: 4400 Franken bekommen weibliche Redaktions<br />

mitglieder im Monat für ein volles Arbeitspensum, 5100<br />

Franken erhalten Männer in den ersten sechs Jahren ihrer<br />

journalistischen Tätigkeit. Beide liegen damit weit unter dem<br />

Schweizer Medianlohn von 6502 Franken pro Monat.<br />

Noch drastischer sieht es aus, wenn man die Löhne über<br />

alle Hierarchie­ und Altersstufen hinweg vergleicht: Mit<br />

5100 Franken verdienen die Frauen dann Monat für Monat<br />

<strong>11</strong>00 Franken weniger als die Männer, die allerdings mit ihren<br />

6200 Franken dem Medienlohn immer noch gut 300 Franken<br />

hinterherhinken.<br />

Mit steigender Berufserfahrung wird die Luft für die<br />

Journalistinnen aber immer dünner. Mit zunehmendem Alter<br />

steigt der Männeranteil in den Redaktionen sprunghaft. Waren<br />

die Frauen zu Beginn ihrer journalistischen Laufbahn mit<br />

54 Prozent noch knapp in der Mehrheit, sind in den Chefetagen<br />

die Männer mit 73 Prozent quasi unter sich. Der Aufstieg<br />

lohnt sich für die wenigen Frauen auch finanziell nicht. Sie<br />

verdienen als Mitglied der Chefredaktion laut Statistik immer<br />

noch gleich viel wie als Ressortleiterin, nämlich durchschnittlich<br />

7200 Franken. Während die Herren Chefredaktoren<br />

im Schnitt 8600 Franken nach Hause tragen.<br />

Die miserablen Löhne wirken weit über die Berufszeit hinaus:<br />

Frauen erhalten auch einen Viertel weniger Rente, weil<br />

sie im Laufe ihrer Berufstätigkeit viel weniger in die 2. Säule<br />

einzahlen konnten.<br />

Ungleich ist bekanntlich auch die Themenverteilung in<br />

den Redaktionen: Sport, Politik und Wirtschaft sind absolute<br />

Männerdomänen. Frauen, die sich trotz männlicher Kommunikationskultur,<br />

finanzieller Herabsetzung und schlechter<br />

Karriereaussichten im Journalismus halten, beackern in der<br />

Mehrzahl Kultur­, Gesellschafts­ und Bildungsthemen. Müssig<br />

zu erwähnen, dass die Löhne in diesen Ressorts (auch für<br />

Männer) nochmals deutlich unter dem Durchschnitt liegen.<br />

Nina Scheu


Franken bei 33,3 % lag, wovon 30,6 %, d. h. mindestens<br />

1297 Franken, nicht erklärbar waren. Der Schweizerische<br />

Versicherungsverband (SVV) bezeichnet dies als «in der<br />

Praxis unverständlich». Eine interne Studie aus dem Jahr<br />

2017 bestätige, dass die unerklärten Lohnunterschiede<br />

zwischen Männern und Frauen im Versicherungssektor<br />

unter der vom Bund festgelegten 5­Prozent­Marke liegen.<br />

Katja Branger, Verantwortliche für Statistiken zur<br />

Gleichstellung von Frau und Mann beim Bundesamt für<br />

Statistik, überrascht das Paradox der schlechteren Frauenlöhne<br />

in den Branchen mit höheren Löhnen nicht wirklich:<br />

«Es ist möglich, dass einige Sektoren weniger sensibel<br />

auf Lohnunterschiede reagieren als andere. In einigen<br />

Hochlohnbranchen sind die Ungleichheiten grösser.»<br />

Für <strong>syndicom</strong> wichtig ist auch der nicht unerhebliche<br />

Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern in der<br />

Informations­ und Kommunikationsbranche: 22 %, d. h.<br />

2197 Franken, wovon 800 Franken (36,4 %) nicht erklärbar<br />

waren. In der Deutschschweiz und im Tessin hat die Presse<br />

seit 15 Jahren keinen GAV mehr.<br />

GAV als Garanten der Gleichbehandlung<br />

Gewerkschaftlich besteht eine Möglichkeit zur Sicherung<br />

der Lohngleichheit zwischen Frauen und Männern im Abschluss<br />

von Gesamtarbeitsverträgen. Denn Lohnstandards<br />

gelten für beide Geschlechter. Bei der Post etwa beruht<br />

die Lohnsystematik auf Funktionsbewertungen,<br />

Lohnbändern und der Region. Dies sollte die Lohngleichheit<br />

im Prinzip sicherstellen. 2008 betrug die Lohndifferenz<br />

zwischen Frauen und Männern bei der Post 8,4 %, zusätzlich<br />

war ein Unterschied von 2,7 % nicht erklärbar. Im<br />

öffentlichen Sektor war 2008 ein Abstand von 16,6 % zwischen<br />

Frauen und Männern festzustellen. 6,9 % liessen<br />

sich nicht erklären. 2017 überprüfte die Post erneut die<br />

Einhaltung des Lohngleichheitsprinzips, wofür sie das<br />

Kontrollinstrument des Bundes (Logib) nutzte. Leider<br />

wurde der entsprechende Bericht nicht publiziert, da er<br />

die Kaderlöhne enthielt, nicht aber die Löhne der Personen<br />

mit den höchsten abgeschlossenen Ausbildungen.<br />

«Deshalb erfüllten wir die Anforderungen von Logib nicht<br />

zu 100 %», erklärt Martin Camenisch, Leiter Personalmanagement<br />

bei der Post. In der Zwischenzeit wurden diese<br />

Daten ebenfalls in das System aufgenommen. Somit wird<br />

die nächste Analyse, die derzeit auf Basis der Löhne 2018<br />

mit dem Büro Bass durchgeführt wird, den Anforderungen<br />

von Logib entsprechen.<br />

Der Frauenanteil in Führungspositionen bei der Post<br />

hat zwar zugenommen – von 20,2 % im Jahr 2008 auf 23,5 %<br />

im Jahr 2016 –, ebenso wie der Frauenanteil im obersten<br />

Kader – von 7,7 % im Jahr 2008 auf 12,3 % im Jahr 2016.<br />

Einige Branchen<br />

zögern sehr, diese<br />

Unterschiede zu<br />

verringern.


12<br />

Dossier<br />

Dennoch anerkennt die Post, dass noch viel zu tun ist,<br />

denn in Kaderfunktionen sind nach wie vor mehr Männer<br />

tätig und Vollzeitangestellte werden überdurchschnittlich<br />

häufig befördert. Alle zwei Jahre wird künftig eine<br />

Analyse der Lohngleichheit durchgeführt. Diese betrifft<br />

aber nicht Temporärangestellte, die keinen Arbeitsvertrag<br />

mit der Post besitzen.<br />

Swisscom:<br />

Frauenvertretung im Management verbesserungsfähig<br />

Dasselbe gilt für die Swisscom. Ihr Lohnsystem gemäss<br />

GAV ist darauf ausgerichtet, gleiche Löhne für gleichwertige<br />

Aufgaben und Leistungen zu entrichten. Das Unternehmen<br />

prüft, ob innerhalb der Organisationseinheiten<br />

Unterschiede zwischen Frauen­ und Männerlöhnen bestehen,<br />

und nimmt bei Bedarf Korrekturen vor. Ebenso<br />

untersucht die Swisscom anhand des Lohngleichheitsinstruments<br />

des Bundes (Logib) periodisch die Lohnstruktur<br />

auf Ungleichheiten. Die bisherigen Untersuchungen<br />

(zuletzt 2016) haben nur geringe Lohnunterschiede an<br />

den Tag gebracht, die deutlich unter der Toleranzschwelle<br />

von 5 % liegen. 2018 waren aber weiterhin grosse Anstrengungen<br />

nötig in Bezug auf den Anteil der Frauen im mittleren<br />

Management (357 Frauen und 2644 Männer) und<br />

vor allem im obersten Management (5 Frauen und 75<br />

Männer). Mittelfristig will die Swisscom den Frauenanteil<br />

im Management auf 20 % erhöhen (heute <strong>11</strong>,7 %, weniger<br />

als 2016, als der Frauenanteil noch 12,3 % war). Dazu beteiligt<br />

sie sich an einem Programm der Uni St. Gallen zur<br />

Förderung der Rückkehr der Frauen ins Erwerbsleben (s.<br />

Link unten).<br />

USG­Programm Women Back to Business (englisch):<br />

Bit.ly/2YlY47N<br />

In der grafischen Industrie:<br />

Lohnabstand 16,4 Prozent<br />

Mit einem Lohnabstand zwischen Männern und Frauen von<br />

16,4 % im Jahr 2016 besteht in der grafischen Industrie<br />

grosser Nachholbedarf. Zwischen 2010 und 2016 gingen die<br />

Medianlöhne in dieser Krisenbranche zudem um 4,2 % zurück.<br />

2010 lag der Bruttolohn in der Druckbranche bei 5164<br />

Franken für Frauen bzw. bei 6418 Franken für Männer ohne<br />

Kaderfunktion – ein Unterschied von 19,5 %. Bis 2012 sank<br />

der Abstand auf 17,9 %, bis 2014 auf 14,4 %. 2016 betrug er<br />

wieder 14,8 %, wobei sich die Bruttolöhne für Frauen auf 5120<br />

Franken und für Männer auf 60<strong>11</strong> Franken beliefen. Die Lohnungleichheit<br />

verringerte sich vor allem, weil die Löhne der<br />

Männer zurückgingen: Frauen verdienten im Jahr 2016<br />

44 Franken weniger als 2010, Männer 407 Franken weniger.<br />

Erklärungen dafür sind die Einstellung von neuen Mitarbeitenden<br />

oder der Wechsel zu anderen Unternehmen. Da der<br />

GAV nicht allgemeinverbindlich ist, können Unternehmen<br />

tiefere Löhne bezahlen. Ausserdem finden die Lohnverhandlungen<br />

seit jeher auf Betriebsebene und nicht national zwischen<br />

den Sozialpartnern statt, und die Arbeitnehmenden<br />

erhalten nur Brosamen.<br />

Im oberen und mittleren Kader ist der Lohnabstand noch<br />

grösser. Nur die Löhne der Frauen gingen zurück: Während<br />

sie 2010 noch brutto 7<strong>11</strong>1 Franken verdienten (Männer: 8763<br />

Franken), waren es 2016 nur noch 6931 Franken (Männer:<br />

9109 Franken). Bei allen Kadermitarbeitenden verringerte<br />

sich die Lohndifferenz von 22 % im Jahr 2010 auf 16,4 % 2016.<br />

Am 4. Dezember 2018 haben die Sozialpartner deshalb eine<br />

Verpflichtung zur Förderung der Lohngleichheit unterzeichnet,<br />

in deren Rahmen die Selbsttest­Instrumente Logib und<br />

Argib zum Einsatz kommen sollen. Mindestens 30 Unternehmen,<br />

die Mitglied von Viscom sind, sollen bis Ende 2021 einen<br />

Selbsttest durchführen. Die zu treffenden Massnahmen<br />

werden in einem Bericht dargestellt. SFR


Dossier<br />

Eine diskriminiert,<br />

wir alle diskriminiert<br />

13<br />

Gleichstellung ist eine Frage elementarer<br />

Gerechtigkeit. Darum ist sie kein Frauenanliegen,<br />

sondern eine zentrale Aufgabe der<br />

Gewerkschaft.<br />

Text: Oliver Fahrni<br />

Bilder: Tom Kawara<br />

Illegal und verfassungswidrig ist es sowieso. Aber wenn<br />

Frauen im Jahr 2019 für dieselbe oder eine gleichwertige<br />

Arbeit nicht selbstverständlich denselben Lohn wie ihre<br />

männlichen Kollegen bekommen, ist dies eine Form sozialer<br />

Gewalt.<br />

Die Frau am Pult neben dir<br />

Denn für die mit jeder diskriminierenden Anstellung wiederholte<br />

Schlechterstellung der Frauen gibt es keinen rationalen<br />

Grund. Einmal abgesehen von der absurden «Rationalität»<br />

des Kapitals, für lebendige Arbeit insgesamt<br />

möglichst wenig Lohn zu bezahlen.<br />

Ein Mann, der die Diskriminierung der Frau neben<br />

ihm als höhere Wertschätzung seiner Arbeit missversteht,<br />

sollte sich fragen, ob sein Lohn wirklich seine ganze Arbeit<br />

abgilt. Hat er noch nie davon gehört, dass in diesem<br />

Wirtschaftssystem der Besitzer, der Aktionär einen Teil<br />

des Wertes, den die Arbeitenden erschaffen, konfisziert?<br />

Der Arbeitgeber bezahlt nur gerade den Lohn, zu dem<br />

ihn die Kräfteverhältnisse zwischen Arbeit und Kapital<br />

zwingen. Logischerweise müsste unser Mann erkennen,<br />

dass die Frau neben ihm nur darum schlechter bezahlt<br />

wird, weil er und die Gesellschaft dies tolerieren.<br />

Bis zum Feminizid<br />

So ist ungleicher Lohn der Ausdruck eines Gewaltverhältnisses,<br />

das viel weiter greift. Er steht für ein umfassendes<br />

Muster in den Beziehungen zwischen den Geschlechtern.<br />

Macht der Mann seinen Blick auf, auch der «neue Vater»,<br />

der ab und an den Kinderwagen schiebt, sieht er, nüchtern<br />

betrachtet, dass mehr Frauen als Männer zu Teilzeitarbeit<br />

und prekären Jobs gezwungen werden. Dass Frauen<br />

weiter den Grossteil der unbezahlten Arbeit leisten (insgesamt<br />

ein Arbeitsvolumen in der Höhe des offiziellen BIP).<br />

Unschwer wird er erkennen, wie wenig in der Schweiz für<br />

die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder eine geschlechtsneutrale<br />

Karriereförderung getan wird. Und<br />

dass häusliche Gewalt, bis hin zum Feminizid, in der Regel<br />

vom Mann ausgeht.<br />

Auch um diese Dinge geht es am Frauenstreik vom<br />

14. Juni.<br />

Die Schweiz steht bei<br />

der Parität abgeschlagen<br />

auf Rang 20.<br />

Diskriminierung, Rollenbilder und Reproduktion<br />

sind ein weites Feld voller Spannungen und in dauernder<br />

Veränderung. Was privat scheint, ist in Wahrheit öffentlich.<br />

Sogar die scheinbar ewigen Formen von Liebe und<br />

Familie passen sich an die gerade herrschende Form des<br />

Wirtschaftens an: Die moderne Kleinfamilie wurde erst<br />

mit der Industriegesellschaft zur Norm. Heute geht der<br />

Zerfall dieser Haushaltsform (mehr Alleinerziehende,<br />

Heli kopter­Eltern, Patchworkfamilie) wiederum Hand in<br />

Hand mit dem Schwund der lebenslangen Karrieren im<br />

Betrieb, der relativ sicheren Jobs und der sozialen Sicherheit<br />

in der post­industriellen Gesellschaft.<br />

Unterschiede, Ungleichheit, Ungerechtigkeit<br />

Was richtet die Diskriminierung der Frauen mit uns allen<br />

an? Und warum ist das Ringen um Gleichstellung für die<br />

Gewerkschaft ein zentrales Anliegen?<br />

Kein Mensch will Gleichmacherei. Unterschiede sind<br />

das Salz der Existenz. Doch nur so lange, als sie keine<br />

scharfen Ungleichheiten zwischen Gruppen oder zwischen<br />

Einzelnen legitimieren. Denn ungleicher Zugang<br />

zu Wissen und Bildung, zu Nahrung, Gesundheitsversorgung<br />

und öffentlichen Diensten, Ungleichheiten beim<br />

Einkommen, bei der Sozialversicherung, bei der körperlichen<br />

Unversehrtheit verringern die Chancen, ein Leben


14<br />

Dossier<br />

108 Jahre wird es<br />

dauern, bis die Parität<br />

global erreicht ist.<br />

selbständig zu gestalten. Damit beschädigen diese<br />

Inegali täten auch den sozialen Zusammenhalt.<br />

Ungleiche Gesellschaften sind deshalb ärmer, krimineller,<br />

kränker und psychotischer als egalitäre. So ist etwa<br />

die Lebenserwartung in den sehr ungleichen USA um viele<br />

Jahre kürzer als im egalitäreren Japan.<br />

Neoliberale behaupten, die Ungleichheit schaffe wirtschaftliche<br />

Dynamik, weil sich die Benachteiligten dann<br />

besonders anstrengten. Selbst dies hält der Realität nicht<br />

stand. Alle Indikatoren, etwa die Zahl eingereichter Patente,<br />

beweisen: Länder, die sich um soziale Sicherheit, gerechte<br />

Steuern und Lohngleichheit bemühen, sind auch<br />

ökonomisch dynamischer.<br />

Die soziale Frage ist zurück<br />

Uns Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter überrascht<br />

das nicht. Wir ringen seit 200 Jahren um Gerechtigkeit<br />

und Solidarität, weil wir wissen, wie eng das private<br />

Glück von Gerechtigkeit und öffentlichem Wohlergehen<br />

abhängt. Heute ist das gültiger denn je. Eine aktuelle Studie<br />

der OECD belegt, dass die Einkommen von 60 Prozent<br />

der Menschen in kapitalistischen Ländern seit 30 Jahren<br />

rückläufig sind. Auch die Lebenschancen sind massiv ungleicher<br />

verteilt. Die soziale Frage ist akut, in Kombination<br />

mit dem Ökologieproblem, das zuerst die Benachteiligten<br />

trifft. Darum sind wir Gewerkschaften als stärkste<br />

organisierte soziale Kraft jetzt brennend gefordert.<br />

Eine Erkenntnis sollte uns dabei leiten: Zwischen Ungerechtigkeiten<br />

gibt es keine Hierarchie. Wann immer ein<br />

Teil der Gesellschaft diskriminiert wird, treffen die ungerechten<br />

Verhältnisse alle. Das gilt besonders, wenn die<br />

Hälfte der Gesellschaft diese Diskriminierung erleidet.<br />

Darum ist die Gleichstellung der Frau kein Frauenanliegen.<br />

Von Schweden lernen<br />

Nur in sechs Ländern weltweit, hat die Weltbank ermittelt,<br />

sind die Frauen vor dem Gesetz völlig gleichberechtigt.<br />

Die Schweiz ist nicht darunter (es sind Schweden, Belgien,<br />

Dänemark, Frankreich, Lettland und Luxemburg).<br />

Überhaupt hat die Schweiz eine schlechte Bilanz. Im<br />

neuesten Report des WEF zur Parität weltweit («Global<br />

Gender Gap Report 2018») steht die Schweiz auf Rang 20<br />

– weit hinter den nordischen Ländern und sogar Staaten<br />

wie Ruanda. In Sachen «Gesundheit und Überleben» stehen<br />

wir sogar erst auf Rang 108. Bei den wirtschaftlichen<br />

Chancen: an 34. Stelle, und beim Unterschied im Bildungsstand<br />

weist das WEF den schlimmen Rang 80 aus.<br />

Ein Desaster.<br />

Weltweit kommt die Gleichstellung nur langsam voran.<br />

Beim diesem Schleichtempo erwartet das WEF die globale<br />

Parität in ... 108 Jahren. In Westeuropa in 61 Jahren,<br />

in den USA in 165 Jahren.<br />

Skandinavien führt in fast allen Studien und Statistiken<br />

(Uno, EU, WEF und andere) das Ringen um Gleichstellung<br />

an. Schweden, dass sich rühmt, «die erste feministische<br />

Regierung der Welt» zu haben, weihte 2018 in<br />

Göteborg eine Behörde für die Gleichstellung von Frauen<br />

ein. Frauenministerin Åsa Regnér, Sozialdemokratin,<br />

sieht darin den logischen nächsten Schritt in einer «jahrelangen,<br />

gezielten Arbeit: Die Regierung will, dass Frauen<br />

und Männer die gleichen Möglichkeiten haben.»<br />

480 Tage Elternzeit<br />

Der Blick nach Norden lohnt. Die Hälfte der schwedischen<br />

Regierung sind Ministerinnen und im Parlament<br />

halten die Frauen 44 Prozent. Ebenso vier von zehn Führungspositionen<br />

in der Wirtschaft. Dort arbeiten viel<br />

mehr Menschen Teilzeit, nicht nur Frauen. Eltern sind<br />

480 Tage Elternzeit zugestanden. Neun von zehn Männern<br />

nutzen sie. Wann macht der Bundesrat sein «Schulreisli»<br />

nach Stockholm?<br />

Gender­Gap­Report 2018 des WEF (englisch):<br />

bit.ly/2VCfvAi<br />

Fotostrecke<br />

Der Zürcher Fotograf Tom Kawara hat die Bilder für unser<br />

Dossier zur Gleichstellung am 1. Mai am Ufer der Limmat aufgenommen.<br />

Vom Tag der Arbeit in Zürich stammen auch die<br />

Fotos zu Beginn unserer Umfrage (Seiten 8–9) sowie auf der<br />

Seite <strong>11</strong> und das kleine Bild neben dem Inhaltsverzeichnis.<br />

Das Titelbild wurde ebenfalls an diesem Anlass fotografiert.<br />

Tom Kawara, geboren 1963 in Liestal, ist in der Schweiz und<br />

in Japan aufgewachsen. Nach der Matura in Davos erlangte<br />

er 1987 ein ETH­Diplom in Verhaltensbiologie. Seither arbeitet<br />

er hauptberuflich als freier Fotograf, unter anderem fast<br />

30 Jahre für den Tages-Anzeiger. Unterdessen interessiert er<br />

sich mehr für Langzeitprojekte, zurzeit arbeitet er an einem<br />

Buch über Sternenberg. Den Leserinnen und Lesern des<br />

<strong>syndicom</strong>­Magazins, für das er regelmässig tätig ist, dürfte<br />

er gut bekannt sein.


15<br />

Die Schweiz ist schlimmer als ihre Nachbarn<br />

Die Rangierung der Schweiz im Paritätsindex des Weltwirtschaftsforums.<br />

Alle Faktoren zusammen ergeben die Indexzahl.<br />

Wäre sie 1, würde das vollständige Parität bedeuten.<br />

Tieflöhnerinnen<br />

Lohnverteilung nach Lohnklassen und Geschlecht.<br />

Netto Monatslohn in Franken, öffentlicher und privater Sektor<br />

zusammen, 2016.<br />

25%<br />

Männer<br />

Frauen<br />

20%<br />

15 %<br />

10 %<br />

2.<br />

Norwegen<br />

1. 3.<br />

Schweden<br />

Island<br />

5%<br />

0%<br />

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 <strong>11</strong> 12 13 14 15 16 17 18 19 20<br />

Finnland: 0.821<br />

Schweiz: 0.755<br />

Schweden: 0.822 Grossbritannien: 0.774<br />

Norwegen: 0.835<br />

Deutschland: 0.776<br />

Island: 0.858<br />

Frankreich: 0.779<br />

Quelle: Global Gender Gap Report 2018, Top 10 of Global Gender Gap Index, Western Europe<br />

Lohnunterschiede Mann/Frau nach Branchen<br />

Davon unerklärte Lohnunterschiede: schraffierter Bereich.<br />

In Franken.<br />

Privatwirtschaft Total<br />

657<br />

Detailhandel<br />

702<br />

Quelle: Privater Sektor, Schweiz 2016. Lohnstrukturerhebung, gerechnet durch das Département<br />

d′économie quantitative, Universität Freiburg und das Büro BASS, Bern<br />

Quelle: BfS<br />

1074<br />

1532<br />

Finanzdienstleistungen, Versicherungen<br />

Information, Kommunikation<br />

Gastronomie, Hotellerie<br />

327 407<br />

Lebensmittelindustrie<br />

856 1251<br />

Druck, Repro<br />

1282<br />

Textilindustrie, Bekleidung<br />

1503<br />

Chemie, Pharma<br />

649<br />

<strong>11</strong>40<br />

Maschinen, Ausrüstungen<br />

1834<br />

2197<br />

4243<br />

53h<br />

Durchschnittlich leisten<br />

Mütter 53 Arbeitsstunden<br />

pro Woche in Haushalt und<br />

Kindererziehung – die Väter<br />

nur gerade 29 Stunden.<br />

0–1000<br />

1001–2000<br />

2001–3000<br />

3001–4000<br />

Quelle: BFS 2018, Lohnstrukturerhebung<br />

4001–5000<br />

5001–6000<br />

Beschäftigungsgrad 2018<br />

41%<br />

Nur etwas mehr als 4 von<br />

10 lohnarbeitenden Frauen<br />

haben eine Vollzeitstelle<br />

(90 bis 100%),<br />

Aber mehr als 8 von 10 Männern (82%). Umgekehrt<br />

haben nur 7% der beschäftigten Männer einen<br />

Beschäftigungsgrad unter 50%. Bei den Frauen<br />

beträgt dieser Anteil 24%.<br />

70%<br />

60%<br />

50%<br />

40%<br />

30%<br />

20%<br />

10%<br />

Männer<br />

Vollzeitarbeitende<br />

Teilzeit 50–80%<br />

<strong>11</strong>%<br />

Teilzeit unter 50%<br />

7%<br />

62,4%<br />

37,6%<br />

Frauen<br />

Unerklärliche Lohnunterschiede<br />

In der privaten Wirtschaft steigen die unerklärten Lohndiskrepanzen<br />

zwischen Mann und Frau<br />

59,1%<br />

40,9%<br />

24%<br />

35%<br />

60,9%<br />

39,1%<br />

41%<br />

2010 2012 2014 2016<br />

Quelle: Schweizerische Lonhnstrukturerhebung. Gerechnet durch das Département d′économie quantitative,<br />

Universität Freiburg und das Büro BASS, Bern<br />

6001–7000<br />

Quelle: BFS, Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (SAKE)<br />

57,1%<br />

42,9%<br />

7001–8000<br />

8001–9000<br />

9001–10000<br />

10001–<strong>11</strong>000<br />

<strong>11</strong>001–12000<br />

82%<br />

Erklärte<br />

Lohnunterschiede<br />

Unerklärte<br />

Lohnunterschiede<br />

12001–13000


16<br />

Eine bessere<br />

Arbeitswelt<br />

Alle zum Frauenstreik<br />

am 14. Juni!<br />

In nur zwei Wochen findet der Frauenstreik<br />

2019 statt. Lassen wir dieses Datum<br />

die gleiche Durchschlagkraft haben<br />

wie vor 28 Jahren, als eine halbe<br />

Million Frauen gestreikt haben. Fordern<br />

wir endlich ein, was den Frauen<br />

schon lange zusteht! Nehmen wir<br />

zahlreich am Frauenstreik 2019 teil!<br />

Am Arbeitsplatz, auf der Strasse!<br />

Mach mit! Du kannst ein Zeichen<br />

setzen in deinem Betrieb. Hast du eine<br />

tolle Idee und ein paar Kolleginnen,<br />

die mitmachen würden? Brauchst du<br />

noch Ideen für eine Aktion? Willst du<br />

auch an einem Anlass in deiner Region<br />

mitwirken? Dann melde dich bei<br />

uns mit einer Mail an gleichstellung@<br />

<strong>syndicom</strong>.ch!<br />

Die Frauenstreik-Materialien Foulard,<br />

Pin, Fahnen und Flyer kannst du<br />

via <strong>syndicom</strong>.ch/frauenstreik bestellen.<br />

Mach ein Foto mit dem Foulard<br />

und lade es mit deinem Grund, warum<br />

du streikst, auf Facebook, Twitter und<br />

Insta gram hoch, unter dem Hashtag<br />

#<strong>syndicom</strong>_frauen streik19.<br />

Ich freue mich auf dich am 14. Juni!<br />

Patrizia Mordini, Mitglied der GL<br />

Lasst uns dieses Datum unvergesslich machen! (© Demir Sönmez)<br />

Frauenstreik bei <strong>syndicom</strong>:<br />

Bit.ly/2SzLKNG<br />

Mehr Zeit. Für alle.<br />

Die Schweiz ist ein Land der Teilzeitarbeit.<br />

Das hört sich zunächst toll an. Oft<br />

wird jedoch vergessen, dass mit einem<br />

niedrigeren Pensum negative Effekte<br />

einhergehen können: niedrigere Ansprüche<br />

bei den AHV-, Pensionskassen-<br />

und Invalidenrenten und der Arbeitslosenversicherung.<br />

Hinzu kommen bei tieferen Arbeitspensen<br />

tiefere Aufstiegschancen<br />

und schlechtere Aussichten auf Führungs-<br />

und Entscheidungspositionen,<br />

was sich wiederum im Portemonnaie<br />

und in den Sozialversicherungsansprüchen<br />

niederschlägt.<br />

Unter den Berufstätigen arbeiten<br />

deutlich mehr Frauen Teilzeit. Frauen<br />

verkürzen ihre Arbeitszeit grösstenteils<br />

familienbedingt. Erziehungs-,<br />

Haushalts- und Pflegearbeit werden<br />

demnach immer noch vorrangig den<br />

Frauen zugeschrieben und so veraltete<br />

Rollenbilder zementiert. Doch auch<br />

Männer wollen sich für die Familie<br />

engagie ren, eine Neudefinition des<br />

Normalarbeitsverhältnisses ist unumgänglich.<br />

Die alte, männliche Voll zeitnorm<br />

muss ersetzt werden.<br />

Von kürzeren Normalarbeitszeiten<br />

bei gleichem Lohn würden alle profitieren.<br />

Es bietet eine Chance, die alten<br />

Rollenbilder zu verwerfen, wenn die<br />

Arbeitszeitverkürzung durch einen gesellschaftlichen<br />

Sensibilisierungsprozess<br />

begleitet wird. Hinzu kommt:<br />

Eine Arbeitszeitverkürzung ist angesichts<br />

der Steigerung der Arbeitsproduktivität<br />

der letzten Jahre eine angebrachte<br />

Forderung.<br />

Miriam Berger,<br />

Fachsekretärin ICT


«Auch im ICT-Sektor nehmen Frauen eher hierarchisch niedrigere<br />

und weniger gut bezahlte Positionen ein.» Miriam Berger<br />

17<br />

Gleichstellung: Auch in der ICT<br />

besteht Handlungsbedarf<br />

Eine Umfrage vom März zeigt: Die ICT ist immer noch eine<br />

Männerbranche – 400 Beschäftigte wollen Veränderung.<br />

Die ICT-Branche ist eine männerdominierte<br />

Branche: Mit 23 Prozent sind<br />

Frauen stark untervertreten. Während<br />

in sogenannten Frauenbranchen oft<br />

schlechtere Lohn- und Arbeitsbedingungen<br />

herrschen, ist in «Männerbranchen»<br />

das Gegenteil anzutreffen.<br />

Die ICT-Branche bestätigt diese Tendenz:<br />

Die Löhne sind im Vergleich zwischen<br />

den Branchen deutlich höher.<br />

Doch wie gestalten sich die Bedingungen<br />

innerhalb der Branche, gibt es Unterschiede<br />

zwischen verschiedenen<br />

Gruppen von Beschäftigten?<br />

Vor dem Hintergrund dieser Fragestellung<br />

und als Vorbereitung für den<br />

Frauenstreik vom 14. Juni haben wir<br />

im März in der ICT-Branche eine Online-Umfrage<br />

durchgeführt. Hierbei<br />

interessierten uns die Themenbereiche<br />

Vereinbarkeit von Familie und Beruf,<br />

Verteilung von Teilzeitarbeit,<br />

Frauen in Führungs- und Entscheidungspositionen,<br />

Lohngleichheit sowie<br />

Belästigung/Diskriminierung.<br />

Familie und Beruf? Schwierig!<br />

Für Frauen ist in der ICT-Branche<br />

noch lange nicht alles gut geregelt.<br />

Denn über zwei Drittel der Antwortenden<br />

finden es schwierig, Familie und<br />

Beruf zu organisieren, ohne dass der<br />

eine oder andere Bereich zu kurz<br />

kommt. Dazu kommt der Umstand,<br />

dass mehr Frauen als Männer Teilzeit<br />

arbeiten. Auch unter den Antwortenden<br />

lässt sich dieser geschlechterspezifische<br />

Unterschied feststellen. Dies<br />

lässt sich erwiesenermassen darauf<br />

zurückführen, dass Frauen ihr Pensum<br />

häufig reduzieren, um mehr Sorge-,<br />

Haushalts- und Pflegearbeit zu<br />

verrichten.<br />

Schockierende Lohnungleichheit<br />

Vergleichen wir die Antworten zur Vereinbarkeit<br />

mit den Antworten zur<br />

Lohn ungleichheit, so stellen wir eine<br />

noch höhere Relevanz der Lohnungleichheit<br />

fest: Während 69 % die Vereinbarkeit<br />

von Beruf und Familie als<br />

Problem erkennen, erzielt die Lohnungleichheit<br />

einen noch höheren<br />

Wert. 82 % der Antwortenden empfinden<br />

den Umstand als störend oder sogar<br />

sehr störend, dass Frauen branchenübergreifend<br />

rund einen Fünftel<br />

weniger verdienen als Männer.<br />

Viel zu viel sexuelle Belästigung<br />

Erschreckend waren die Ergebnisse<br />

beim Thema Belästigung: Über 60 %<br />

der Antwortenden haben bereits sexuelle<br />

Belästigung erlebt. Ein gutes Arbeitsklima<br />

und eine gute Betriebskultur<br />

wären aber umso wichtiger, wenn<br />

eine Gruppe untervertreten ist. Besonders<br />

schädigend und auch ein Treiber<br />

von sexueller Belästigung kann die<br />

Untervertretung von Frauen innerhalb<br />

von Führungsstrukturen und die<br />

Diskriminierung in Machtverhältnissen<br />

sein. Erfolgen die sexuellen Belästigungen<br />

durch hierarchisch höher<br />

positionierte Mitarbeitende, so kann<br />

dies für die Betroffenen zusätzlich zu<br />

Nachteilen im Arbeitsalltag führen.<br />

Die gläserne Decke<br />

In diesem Zusammenhang ist das<br />

Phänomen der gläsernen Decke zu<br />

nennen, welche nicht nur die soeben<br />

erwähnten Effekte nach sich ziehen<br />

kann, sondern letztendlich einen verstärkenden<br />

Effekt auf Lohnungleichheit<br />

und Zementierung von Rollenbildern<br />

ausübt.<br />

Gut 55 % der Antwortenden nehmen<br />

auch in ihrem Betrieb den Effekt<br />

der gläsernen Decke wahr, wobei die<br />

Mehrheit der Antwortenden diesen als<br />

störend empfindet. Wenn auf den<br />

Chefetagen der Branche nicht proportional<br />

ebenso viele Frauen wie in der<br />

Gesamtpopulation der Branche zu finden<br />

sind, dann läuft etwas schief.<br />

Frauenstreik für die ICT-Branche<br />

Auch in der ICT-Branche sind Frauen<br />

eher in hierarchisch tieferen Positionen<br />

und weniger gut bezahlten Bereichen<br />

zu finden. Die Anliegen der Frauen<br />

in der Branche sind durch die<br />

Umfrage klar zutage getreten. Umso<br />

wichtiger ist es nun, dass die Frauen<br />

und die Unterstützer der Gleichstellung<br />

in der Branche am Frauenstreik<br />

vom 14. Juni anwesend sein werden,<br />

um diesen Anliegen Nachdruck zu verschaffen.<br />

Die Gleichstellung der Geschlechter<br />

und das Aufbrechen von<br />

althergebrachten gesellschaftlichen<br />

Rollenbildern kommt schliesslich allen<br />

zugute.<br />

Miriam Berger,<br />

Fachsekretärin Sektor ICT<br />

<strong>syndicom</strong>-Frauenstreik: Bit.ly/2DwUYWc<br />

Resultate der Umfrage: Bit.ly/2DwW3NW<br />

Aus der Umfrage zur Gleichstellung in der ICT-Branche<br />

«20 % Gender Pay Gap: Empfindest du diesen Umstand als<br />

störend?»<br />

«Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, ist gar nicht so<br />

einfach: Trifft die Aussage auf dich zu?»<br />

<strong>11</strong>317654z 36331786z<br />

Ja 82 % Ja 69 %<br />

Stört mich gar nicht <strong>11</strong> %<br />

Stört mich wenig 3 %<br />

Stört mich etwas 17 %<br />

Stört mich sehr 65 %<br />

Keine Angabe 4 %<br />

Trifft voll zu 36 %<br />

Trifft eher zu 33 %<br />

Trifft weniger zu 17 %<br />

Trifft gar nicht zu 8 %<br />

Keine Angabe 6%


18 Arbeitswelt<br />

«Dieser Trend zur Flexibilität muss durch strengere<br />

Regeln im zukünftigen GAV gebremst werden.» Matthias Loosli<br />

ZustellerInnen am Limit<br />

auch im Kanton Waadt<br />

Am 14. Februar hatte <strong>syndicom</strong> bei der<br />

Generaldirektion von PostMail in<br />

Neuenburg ein Mandat mit über 300<br />

Unterschriften eingereicht. Es verlangte<br />

die sofortige Aufnahme von<br />

Verhandlungen über die Arbeitsbedingungen<br />

der ZustellerInnen im<br />

Jurabogen.<br />

Denn diese sind unzumutbar geworden:<br />

Die ZustellerInnen leisten<br />

fast grenzenlos Überstunden und unter<br />

Bedingungen, die ihre Gesundheit<br />

gefährden. Eine im 2018 durchgeführte<br />

Umfrage von <strong>syndicom</strong> bei zirka<br />

Die Petition im Jura hat sich gelohnt. (© <strong>syndicom</strong>)<br />

tausend ZustellerInnen bestätigte<br />

dies. 94 Prozent der Teilnehmenden<br />

wiesen Ende 2017 einen Überstundensaldo<br />

aus. Das Problem besteht<br />

also schweizweit. Grund dafür ist die<br />

personelle Unterbesetzung.<br />

Erstes Treffen zwischen <strong>syndicom</strong><br />

und PostMail<br />

Die Petition im Jurabogen hat Wirkung<br />

gezeigt: Im März fand ein erstes<br />

Treffen zwischen <strong>syndicom</strong> und Post-<br />

Mail statt. PostMail sicherte dabei zu,<br />

auf ein nächstes Treffen hin die Fakten<br />

aufzuarbeiten. Auf diesen Grundlagen<br />

soll dann nach Lösungen gesucht<br />

werden. Bereits sammelt<br />

<strong>syndicom</strong> in anderen Regionen der<br />

Westschweiz Unterschriften mit denselben<br />

Forderungen (Distributionsregionen<br />

Renens, Yverdon oder La Côte).<br />

Matthias Loosli<br />

Keine Arbeit auf Abruf bei<br />

PostLogistics!<br />

Arbeitgebende versuchen das Unternehmensrisiko auf die Mitarbeitenden<br />

abzuschieben. Ein Beispiel aus dem Post-Konzern.<br />

Ein klassischer Fall von Arbeit auf Abruf.<br />

Dieses System ist unzulässig und<br />

mit dem geltenden Gesamtarbeitsvertrag<br />

(GAV) nicht zu vereinbaren.<br />

Der GAV regelt klar und deutlich,<br />

dass Einsatzpläne 14 Tage im Voraus<br />

bekannt gegeben werden müssen. Der<br />

neue Postchef Roberto Cirillo höchstpersönlich<br />

musste als eine seiner ersten<br />

Amtshandlungen vor die Medien<br />

treten und das Projekt stoppen. Der<br />

Postkonzern strebt seit Jahren verstärkt<br />

nach Flexibilität bei den Arbeitseinsätzen<br />

der Mitarbeitenden.<br />

Das zeigt sich in unterschiedlichen<br />

Ausprägungen der Arbeit auf Abruf:<br />

zum Beispiel bei Reservediensten bei<br />

PostAuto, beim geschilderten Fall des<br />

flexiblen Arbeitsbeginns bei Post-<br />

Logis tics oder in kurzfristigen Änderungen<br />

der Einsatzpläne bei PostMail.<br />

Im April berichteten Deutschschweizer<br />

Medien über ein Projekt von Post-<br />

Logistics. Den Mitarbeitenden der<br />

Distributionsbasis Mägenwil AG sollte<br />

der Arbeitsbeginn für die Abendzustellung<br />

lediglich ein paar Stunden im<br />

Voraus mitgeteilt werden. Die ZustellerInnen<br />

hätten sich täglich um die<br />

Mittagszeit über eine App informieren<br />

müssen, um welche Zeit sie zur Arbeit<br />

erscheinen müssen. Vielleicht würden<br />

sie dann auf 14.30 Uhr aufgeboten, es<br />

könnte aber auch erst 16.30 Uhr sein:<br />

Planungsunsicherheit<br />

ist gesundheitsschädigend<br />

Eine <strong>syndicom</strong>-Umfrage von 2018 bei<br />

BriefträgerInnen von PostMail bestätigte:<br />

Die Planungsunsicherheit<br />

nimmt zu. JedeR Vierte erhält die Einsatzpläne<br />

lediglich eine Woche im Voraus<br />

oder gar erst in der Einsatzwoche<br />

selbst. Das führt zu Konflikten für Personen<br />

mit familiären Verpflichtungen.<br />

Teilzeit-Angestellten macht es<br />

Schwierigkeiten, eine zweite Stelle zu<br />

finden, damit sie das gewünschte Arbeitspensum<br />

erreichen. Planungsunsicherheit<br />

bewirkt Stress und schadet<br />

der Gesundheit.<br />

Verbindlichere Regeln schaffen<br />

Der Wettbewerbsdruck in der Logistikbranche<br />

ist derart hoch, dass die<br />

Arbeit gebenden mit flexiblen Arbeitseinsätzen<br />

versuchen, das Unternehmensrisiko<br />

auf die Mitarbeitenden<br />

abzuschieben. Diese einseitige Entwicklung<br />

müssen die Gewerkschaften<br />

aufhalten. Bei der Post und ihren Subunternehmen<br />

wird <strong>syndicom</strong> bei den<br />

anstehenden Verhandlungen zum<br />

GAV bemüht sein, diese Tendenzen<br />

einzudämmen durch noch verbindlichere<br />

Regeln.<br />

Matthias Loosli<br />

Der GAV bestimmt, dass Einsatzpläne 14 Tage im Voraus angekündigt werden. (© Die Post)<br />

Zum neuen Post-Chef:<br />

Bit.ly/2IQRUYG


«Wir kommen nur weiter, wenn wir die alten, binären Rollenmodelle<br />

überwinden. Frauenstreik in die Medien.» Stephanie Vonarburg<br />

19<br />

Frauenstreik: Ausstellung,<br />

Anlässe und Forderungen<br />

Bei der Post wird eine Wanderausstellung in Bern starten,<br />

während die Post-Angestellten auch am Schalter am 14. Juni<br />

das <strong>syndicom</strong>-Foulard und den Pin tragen können.<br />

Wir stecken mitten in den Vorbereitungen<br />

zum Frauenstreik vom 14. Juni<br />

2019! Am 8. März, dem internationalen<br />

Frauentag, hat der Gewerkschafts-Auftakt<br />

stattgefunden: In<br />

Bern mit einem Kinoanlass zum<br />

Frauen streik 1991 und dem Umzug<br />

auf die Bundesterrasse mit etwa 200<br />

Frauen. Am 10. März versammelten<br />

sich über 500 Frauen im Bieler Volkshaus<br />

zum nationalen Auftakt aller regionalen<br />

Komitees und der diversen<br />

Organisationen und verabschiedeten<br />

das gemeinsame Manifest.<br />

Unsere Forderungen<br />

<strong>syndicom</strong> hat entlang dem SGB-Slogan<br />

zum Frauenstreik «Mehr Lohn,<br />

Zeit und Respekt!» eigene Forderungen<br />

formuliert. Wir fordern faire Löhne<br />

und Lohngleichheit. Damit alle<br />

Frauen den ihnen zustehenden Lohn<br />

erhalten. Wir fordern mehr Zeit und<br />

Geld für Betreuungsarbeit. Frauen arbeiten<br />

zumeist in Teilzeitanstellungen,<br />

weshalb wir auch für sie gute Karrierechancen<br />

fordern. Dazu braucht<br />

es Massnahmen, welche die Vereinbarkeit<br />

für alle möglich machen. Wir<br />

fordern Respekt am Arbeitsplatz und<br />

tolerieren weder sexuelle Belästigung<br />

noch Mobbing am Arbeitsplatz.<br />

Aktivitäten<br />

In ausgewählten Branchen werden<br />

Aktivitäten geplant und organisiert.<br />

Spruchreif ist beispielsweise die Ausstellung<br />

«Meilensteine der Gleichstellung<br />

und aktuelle Forderungen» bei<br />

der Post. Eine Woche vor dem 14. Juni<br />

wird diese Ausstellung in der Eingangshalle<br />

der Zentrale Post Wankdorf<br />

(Bern) eröffnet. Dann wird sie an<br />

andere Standorte wandern. Die<br />

Post-Angestellten können am 14. Juni<br />

das neue <strong>syndicom</strong>-Foulard und den<br />

Pin tragen, auch am Schalter und zur<br />

Uniform.<br />

Im Sektor ICT wurde eine Umfrage<br />

zur Gleichstellung durchgeführt, um<br />

mittel- bis langfristig die Anliegen, wo<br />

der Schuh drückt, angehen zu können<br />

(siehe S. 17). Im Sektor Medien arbeiten<br />

Mitglieder an einem Gleichstellungs-Manifest<br />

für Medienschaffende,<br />

Aktivitäten werden aufgegleist,<br />

auch in den Buchhandlungen.<br />

Regionale Anlässe<br />

Die von regionalen Komitees organisierten<br />

regionalen Anlässe am 14. Juni<br />

sind auf der Frauenstreik-Webseite zu<br />

finden (s. unten).<br />

Hier ein kurzer Überblick: Bern: ab<br />

Mittag auf dem Bundesplatz, 17 Uhr<br />

Umzug vom Bundesplatz aus (Stände,<br />

Konzerte etc.). Zürich: ab Mittag auf<br />

dem Helvetiaplatz, 17 Uhr Demo Landesmuseum<br />

– Helvetiaplatz (Stände,<br />

Konzerte). Neuchâtel: Soirée repas<br />

collective et musique. Lausanne:<br />

18 Uhr Grande manif Place St François.<br />

Basel: Theaterplatz reserviert, Brunnen<br />

zur faulen Magd wird aufgeheizt.<br />

Burgdorf: 17 Uhr, Details folgen.<br />

Weitere Aktionen sind geplant in<br />

Aar au, Fribourg, Schwyz, Appenzell<br />

Innerrhoden und Ausserrhoden sowie<br />

im Tessin.<br />

Patrizia Mordini<br />

Ablauf mit Fixpunkten<br />

am 14. Juni 2019 am Beispiel von<br />

Bern (Post Wankdorf)<br />

<strong>11</strong>.00 Uhr<br />

Schweizweite «Protest-Pause»,<br />

gemeinsam mit deinen Kolleginnen<br />

(in der Mensa treffen, Lärm<br />

machen, Flyer verteilen, Foulard<br />

und Pin tragen)<br />

Mittag<br />

Imbiss beim Betrieb<br />

15.30 Uhr<br />

Spezifische Aktivität beim Betrieb:<br />

Besuch der Ausstellung «Meilensteine<br />

der Gleichstellung und<br />

aktuelle Forderungen»<br />

16.45 Uhr<br />

Versammlung und Aktion am<br />

regio nalen Anlass: Fest mit Umzug<br />

auf dem Bundesplatz<br />

Unser gemeinsames Manifest:<br />

Frauenstreik2019.ch<br />

Unser Leitfaden für<br />

eine Berichterstattung<br />

ohne Sexismus<br />

Stephanie Vonarburg leitet die Branche Presse<br />

und elektronische Medien und ist Mitglied der GL.<br />

Wenn Medienschaffende Politik und<br />

Wirtschaft beobachten, beschreiben,<br />

hinterfragen, dient dies auch der Kontrolle<br />

der Macht. Leider tendieren die<br />

selber mächtigen Medien dazu, bestehende<br />

männliche Machtstrukturen<br />

abzubilden und fortzusetzen. Manchmal<br />

mit dem Schlaghammer und ohne<br />

Rücksicht auf Persönlichkeitsrechte.<br />

Oft unauffälliger: Wenn es vor Wahlen<br />

darum geht, über Kandidierende zu<br />

berichten, ziehen Frauen den Kürzeren.<br />

Sie bekommen weniger Platz und<br />

Aufmerksamkeit, auch in Wissenschaft,<br />

Kultur und Sport. Die Untervertretung<br />

der Frauen zementiert die<br />

alten Machtstrukturen.<br />

Subtiler und noch schwieriger zu<br />

bekämpfen ist die Diskriminierung<br />

durch stereotype Darstellung als<br />

schwächeres Geschlecht, als ihren<br />

Gefühlen ausgelieferte Wesen. Unter<br />

klischeehaften Messgrössen leiden<br />

auch Männer, die sich mit den tradierten<br />

Rollenmodellen immer weniger<br />

identifizieren und abfinden wollen.<br />

Die Gesellschaft kommt nur weiter,<br />

wenn sie die binären Rollenmodelle<br />

überwindet. Als Gewerkschaft<br />

setzen wir uns auch für eine lebenswerte<br />

Gesellschaft ein. Unser Leitfaden<br />

für gendergerechte Berichterstattung<br />

in den Medien gibt Tipps, um aus<br />

der ungerechten und langweiligen<br />

Diskriminierungsfalle herauszukommen.<br />

Der Frauenstreik erfasst auch<br />

die Medien.<br />

Stephanie Vonarburg<br />

Bit.ly/2XkwNlB


20 Arbeitswelt<br />

«Ich möchte nicht länger in einer Gesellschaft leben,<br />

die Frauen und Männer ungleich behandelt.» Dominik Fitze<br />

Männer und Frauenstreik<br />

Männergruppen organisieren Aktionen, z. B. zum Schutz der<br />

Kinder derer, die an diesem Tag demonstrieren.<br />

Als junger Gewerkschafter werde ich<br />

derzeit oft gefragt, ob ich diesen Frauenstreik<br />

unterstütze. Ich antworte<br />

stets mit einem vorbehaltlosen Ja.<br />

Denn ich möchte nicht länger in einer<br />

Gesellschaft leben, die Frauen und<br />

Männer ungleich behandelt. Darunter<br />

leiden auch wir Männer.<br />

In der Gleichstellung ist die<br />

Schweiz vielfach in den 1950er-Jahren<br />

steckengeblieben. Frauen verdienen<br />

weniger, Väter erhalten zur Geburt ein<br />

bis zwei Tage frei und sollen gleich danach<br />

wieder Vollzeit arbeiten, während<br />

die Mutter erst mal zu Hause<br />

bleibt. Sicher gibt es auch Fortschritte:<br />

Gesamtarbeitsverträge gewähren<br />

zwei oder mal vier Wochen Vaterschaftsurlaub,<br />

langsam gibt es Massnahmen<br />

gegen Lohnungleichheit.<br />

Viele Paare probieren, Kinder<br />

gleichberechtigt grosszuziehen. Bald<br />

merken sie, dass es nicht so einfach<br />

funktioniert: Wird das Kind krank,<br />

bleibt selten der Vater daheim (der<br />

Chef würde das nicht mögen). Frauen<br />

reduzieren ihr Arbeitspensum, während<br />

sich Männer, die 90 % arbeiten,<br />

abfeiern, als hätten sie gerade zugunsten<br />

einer Frau auf einen Bundesratssitz<br />

verzichtet. Und logisch: der Herr<br />

verdient einfach mehr. Kindererziehung<br />

bleibt den Frauen überlassen.<br />

Und überhaupt: Man hat es schon immer<br />

so gemacht.<br />

Es gibt noch ganz viele Beispiele,<br />

was immer noch schlecht läuft. Der<br />

Grund: Unsere Gesellschaft hat an<br />

Frauen und Männer ganz andere Erwartungen,<br />

die sie in die Rollen als Familienfrau<br />

und Berufsmann drängen.<br />

Es muss sich etwas ändern!<br />

In dieser Gesellschaft will ich nicht<br />

weiter leben. Ich will nicht in diese<br />

Rolle als Haupternährer gedrängt werden,<br />

wenn ich einmal Kinder habe.<br />

Und sowieso ist klar: Es ist inakzeptabel,<br />

dass Frauen für die gleiche Arbeit<br />

weniger verdienen. Auch darum engagiert<br />

sich <strong>syndicom</strong> im Frauenstreik,<br />

erkämpft fortschrittliche GAV und hat<br />

auch schon männlichen Mitarbeitenden<br />

eine Arbeitszeitreduktion zur Kinderbetreuung<br />

ermöglicht.<br />

Also unterstütze ich den Frauenstreik,<br />

wie ich kann. Männer dürfen<br />

nicht vergessen: Am 14. Juni geht es<br />

nicht um uns, sondern um die Frauen<br />

und ihre Forderungen. Wenn diese<br />

umgesetzt werden, profitiert die ganze<br />

Gesellschaft – auch wir Männer.<br />

Wie können wir den Frauenstreik<br />

unterstützen? Wir können uns solidarisch<br />

zeigen und aufhören, anzuzweifeln,<br />

dass der Frauenstreik etwas<br />

bringt, oder aufhören, uns gegen einzelne<br />

Forderungen zu stellen (wie im<br />

Moment viele meiner Freunde es hinter<br />

vorgehaltener Hand tun).<br />

Und wir können mithelfen, wo es<br />

uns braucht. Indem Väter sich am<br />

14. Juni um die Kinder kümmern –<br />

oder sogar die FreundInnen ihrer<br />

Kinder zu sich einladen, damit ihre<br />

Mütter auch mitmachen können.<br />

Oder indem wir bei den Aktionen helfen.<br />

An vielen Orten gibt es solidarische<br />

Männergruppen. Wenn du konkret<br />

am 14. Juni mithelfen möchtest,<br />

kannst du dich im Raum Bern wenden<br />

an soli@frauen-streiken.ch, im Raum<br />

Zürich an 14.juni-unterstuetzen-zh@<br />

immerda.ch. Für Fragen und alle andern<br />

Regionen meldest du dich am<br />

besten gleich bei mir.<br />

Dominik Fitze<br />

Unser Banner für den Frauenstreik am Zentralsekretariat in Bern. (© <strong>syndicom</strong>)<br />

Kontakt:<br />

gleichstellung@<strong>syndicom</strong>.ch<br />

Salt droht und kürzt<br />

Löhne<br />

Schon vorher war der Druck auf das<br />

Verkaufspersonal in den Salt-Shops<br />

gross. Zum Fixlohn kam ein variabler<br />

Anteil hinzu, der von der Verkaufsmenge<br />

abhing. So konnten Angestellte<br />

in gut laufenden Salt-Shops rund<br />

4600 Fr. verdienen. Doch Salt schien<br />

das schon zu viel und präsentierte<br />

dem Verkaufspersonal kurz vor Ostern<br />

neue Verträge. Wer nicht unterschreiben<br />

wolle, dem drohe die Kündigung.<br />

Das schrieb Salt vorsorglich<br />

im Brief, in dem die Änderungskündigung<br />

bekannt gemacht wurde. Neu<br />

sollen sie einen höheren Fixanteil von<br />

4000 Franken erhalten, aber die variable<br />

Lohnkomponente ist so gestaltet,<br />

dass die Mitarbeitenden mit signifikanten<br />

Lohneinbussen rechnen.<br />

Hinzu kommt, dass die Ziele nicht<br />

mehr im Team erreicht werden können,<br />

sondern jeder allein für sich wirtschaftet.<br />

So wird ein Klima des Misstrauens<br />

gefördert. Wenn nicht mehr<br />

die Leistung des gesamten Teams<br />

zählt, steigt der Druck auf die Einzelnen.<br />

Das Miteinander droht in einen<br />

Kampf aller gegen alle zu zerfallen.<br />

Doch was die Kolleginnen und Kollegen<br />

vor allem stört, ist der Umgang.<br />

Da war einerseits die Kündigungsdrohung.<br />

Dann kam die schludrig verfasste<br />

Änderungskündigung: Salt setzte<br />

als Kündigungsfrist den 31. Juli 2018.<br />

Ein offensichtlicher Fehler, der jedem<br />

aufmerksamen Leser auffallen müsste.<br />

Zuletzt versucht Salt sogar die gesetzlichen<br />

Bestimmungen zum Nachteil<br />

der Mitarbeitenden zu umgehen.<br />

So müsste Salt zumindest während<br />

der Kündigungsfrist an den bisherigen<br />

Bestimmungen festhalten. Die<br />

neuen Bestimmungen können erst<br />

nach Ablauf der Kündigungsfrist eingeführt<br />

werden. Daran will sich Salt<br />

nicht halten und versucht, das neue<br />

Modell per sofort einzuführen.<br />

<strong>syndicom</strong> ist mit betroffenen Mitarbeitenden<br />

in Kontakt und wird mit<br />

ihnen die kommenden Schritte planen.<br />

Das Beispiel zeigt, wie notwendig<br />

ein GAV bei Salt ist.<br />

Christian Capacoel


«Öffentliche Betriebe sollen nicht Gewinne erzielen.<br />

Sie sollen einen Dienst zur Verfügung stellen.» Graziano Pestoni, SGB Ticino<br />

21<br />

Moratorium: eine neue Offensive<br />

«Stopp dem Abbau von Postdienstleistungen, dem Verlust von<br />

Arbeitsplätzen und der Verschlechterung der Arbeitsbedingungen!»<br />

Mit einem Appell an die neue UVEK-Vorsteherin Simonetta<br />

Sommaruga fordern die MitarbeiterInnen von RetePostale Ticino<br />

ein sofortiges Moratorium für die Schliessung von Poststellen.<br />

Umstrukturierungen, Forderungen<br />

nach immer mehr Flexibilität, Unsicherheit<br />

über die Zukunft – die Mitarbeitenden<br />

von RetePostale stehen unter<br />

Druck. Wenn sie den Arbeitsplatz<br />

verlieren, bedeutet das bei der derzeitigen<br />

wirtschaftlichen Lage im Tessin:<br />

Arbeitslosigkeit und sogar Sozialamt.<br />

Auch wenn von den bis 2020 geplanten<br />

48 Schliessungen bis heute<br />

nur 15 Poststellen betroffen sind, besteht<br />

für weitere 33 die Gefahr, nächstes<br />

Jahr zu verschwinden.<br />

Die Post spielt falsch<br />

Bis jetzt konnte im Tessin der Poststellen-Schwund<br />

teilweise von der Bevölkerung<br />

und den Gemeinden aufgehalten<br />

werden. Mit ihren Petitionen<br />

haben die Bürgerinnen und Bürger gezeigt,<br />

wie sehr sie die Post – eines der<br />

Wahrzeichen der Schweiz – zu schätzen<br />

wissen. Aber diese Gegenwehr ist<br />

nicht ausreichend. «Die Post spielt ein<br />

falsches Spiel»: Das brachten die Arbeitnehmer<br />

von RetePostale auch auf<br />

ihrer Versammlung im April zum Ausdruck.<br />

Die Unternehmensstrategie<br />

zielt auf eine Verkleinerung des Poststellennetzes<br />

ab, die Mitarbeitenden<br />

werden angewiesen, die Kunden in<br />

Richtung Online-Lösungen zu beraten,<br />

viele Produkte werden am Schalter<br />

nicht mehr verkauft. So werden die<br />

Bürgerinnen und Bürger jetzt schon<br />

entmutigt, die Poststellen zu nutzen.<br />

Sofortiges Moratorium<br />

Es ist Zeit, zur Offensive überzugehen.<br />

Daher richten sich die Vertreter von<br />

RetePostale Ticino mit einem Appell<br />

an die neue Vorsteherin des UVEK, Simonetta<br />

Sommaruga, und fordern ein<br />

sofortiges Moratorium in Bezug auf<br />

alle Entscheidungen, die einen Abbau<br />

von Postdienstleistungen, eine Streichung<br />

von Arbeitsplätzen und eine<br />

Verschlechterung der Arbeitsbedingungen<br />

mit sich bringen. Sie hoffen,<br />

in Sommaruga eine Ansprechpartnerin<br />

zu finden, die für die Probleme der<br />

Arbeitnehmerinnen und die Bedürfnisse<br />

der Bürger sensibel ist.<br />

Die Rolle der Politik<br />

Die Politik muss auf den epochalen<br />

Wandel der Digitalisierung reagieren.<br />

Und sie muss dazu das Konzept der öffentlichen<br />

Dienstleistung neu definieren<br />

– in Telekommunikation, Energie,<br />

Information, Gesundheit, Bildung.<br />

Das ist ein Problem der Demokratie.<br />

Genau das, also die öffentliche<br />

Dienstleistung, war Mitte Mai Gegenstand<br />

eines Treffens zwischen einer<br />

Delegation des Gewerkschaftsbundes<br />

Ticino (auch mit Vertretern von <strong>syndicom</strong>)<br />

und dem neuen SGB-Präsidenten<br />

Pierre-Yves Maillard. Das Ziel: Die<br />

Schliessung der Poststellen zu stoppen<br />

und ein Referen dum über die<br />

Wiederherstellung der Regiebetriebe<br />

zu ergreifen, wie Graziano Pestoni,<br />

Vorsitzender des SGB Ticino e Moesa<br />

und Autor mehrerer Studien über die<br />

Privatisierung öffentlicher Aufgaben,<br />

erklärt. Nachdem RetePostale ein Moratorium<br />

verlangt hatte, schlug die<br />

Post ein Treffen mit den Angestellten<br />

und <strong>syndicom</strong> in Bern vor. Es findet<br />

am 13. Juni statt.<br />

Giovanni Valerio<br />

Zum Treffen SGB Ticino und Maillard (it.):<br />

<strong>syndicom</strong>.ch/it/attualita<br />

Bei der Parade am 1. Mai bekräftigte <strong>syndicom</strong><br />

ihre Ablehnung der Schliessung von Poststellen.<br />

(© <strong>syndicom</strong>)<br />

Inklusives<br />

Arbeitsumfeld für<br />

Trans-Menschen<br />

<strong>syndicom</strong> ist Unterstützerin von «trans<br />

welcome». Bei <strong>syndicom</strong> sind Trans-<br />

Menschen herzlich willkommen. Wir<br />

setzen auf Diversität und leben sie.<br />

Wir sind überzeugt, dass die Inklusion<br />

verschiedener Menschen zu einem<br />

Mehrwert führt.<br />

Von Trans spricht man, wenn das<br />

innere Wissen einer Person, welches<br />

Geschlecht sie hat (Geschlechtsidentität),<br />

nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen<br />

Geschlecht übereinstimmt.<br />

Trans-Menschen leben ganz<br />

unterschiedlich in dem Geschlecht,<br />

das sie als das richtige empfinden, ob<br />

sie eindeutig wie ein Mann oder eine<br />

Frau aussehen, ob sie operiert sind<br />

oder nicht – Trans ist nicht nur, wer<br />

geschlechtsangleichende Operationen<br />

machen lässt.<br />

Das Online-Portal trans welcome<br />

schafft ein Bewusstsein für ein transfreundliches<br />

Arbeitsumfeld, unterstützt<br />

mit Informationen und Dienstleistungen<br />

im Berufsalltag und leistet<br />

Hilfe für erfolgreiche Coming-out-<br />

Prozesse. Auch das eidgenössische<br />

Gleichstellungsbüro unterstützt dieses<br />

Projekt von Transgender Network<br />

Switzerland mit Finanzhilfen nach<br />

dem Gleichstellungsgesetz.<br />

Trans-Menschen können sich gerne<br />

unter gleichstellung@<strong>syndicom</strong>.ch<br />

bei uns melden. <strong>syndicom</strong> ist in der<br />

LGBT-Kommission des SGB.<br />

Patrizia Mordini<br />

Das Portal:<br />

transwelcome.ch


22 Politik<br />

Warum es heute<br />

kollektive Aktionen<br />

braucht<br />

Die Tendenz, arbeitsbedingte<br />

Spannungen und Konflikte<br />

durch individuelle Kompromisse<br />

zu lösen, muss von<br />

kollektiven Akteuren<br />

bekämpft werden, die bereit<br />

sind, im Dienste aller zu<br />

arbeiten.<br />

Der Frauenstreik ist in<br />

diesem Zusammenhang ein<br />

gutes Beispiel, das uns<br />

weiterbringt.<br />

Text: Jean-Michel Bonvin<br />

Jean-Michel Bonvin lehrt Sozial- und Beschäftigungspolitik<br />

an der Universität Genf. Dieser<br />

Text beruht auf einem Vortrag, den er an der<br />

Konferenz zum 40-jährigen Bestehen des Collège<br />

du Travail gehalten hat, die er ebenfalls organisierte.<br />

Die Stiftung Collège du Travail hat zum<br />

Ziel, die Geschichte der Arbeitswelt zu bewahren,<br />

zu ihrer Historiografie beizutragen und<br />

über die Herausforderungen nachzudenken,<br />

mit denen die Arbeitnehmenden heute konfrontiert<br />

sind.<br />

Die menschliche Entfaltung in der<br />

Arbeit und durch die Arbeit ruht auf<br />

drei Pfeilern. Man könnte sie als<br />

sich ergänzende Messgrössen oder<br />

«Dimensionen» bezeichnen.<br />

Dreidimensionale Arbeit: sie<br />

ernährt, ist sinnhaft und gestaltbar<br />

Erstens, die instrumentelle Dimension,<br />

in der die Arbeit die für ein<br />

menschenwürdiges Leben unerlässlichen<br />

Existenzmittel liefert. Die Arbeit<br />

wird hier aus Sicht des Gehalts<br />

geschätzt, das es den Menschen ermöglicht,<br />

sich ausserhalb der Arbeit<br />

zu entfalten.<br />

Dann die expressive Dimension,<br />

wo es darauf ankommt, eine interessante<br />

Arbeit zu leisten, deren<br />

Nutzen sozial anerkannt ist. Die<br />

Qualität der Arbeit ist dann wesentlich<br />

und bildet den legitimen Stolz<br />

des oder der Arbeitenden in Bezug<br />

auf das Ergebnis seiner und ihrer<br />

Arbeit.<br />

Schliesslich die politische Dimension,<br />

die Kollektivverhandlungen<br />

über die Arbeitsbedingungen<br />

umfasst und die Möglichkeit, über<br />

Arbeitsformen, Fairness, Effizienz<br />

zu diskutieren, um zu gemeinsamen,<br />

von allen akzeptierten und<br />

nicht einseitig vom Arbeitgeber auferlegten<br />

Regeln zu gelangen. Aktuelle<br />

Transformationen der Arbeit sind<br />

in Bezug auf jede dieser drei Dimensionen<br />

äusserst herausfordernd.<br />

Die Flexibilität wird von oben nach<br />

unten weitergereicht<br />

Arbeit soll ernähren,<br />

Sinn haben<br />

und drittens<br />

gestaltbar sein.<br />

Die Bedingungen der wirtschaftlichen<br />

und finanziellen Globalisierung<br />

führen zu einem verstärkten<br />

Wettbewerb zwischen den Unternehmen,<br />

und daraus folgt, dass das<br />

Arbeitsverhältnis flexibler werden<br />

muss und die Arbeitnehmenden von<br />

den Unternehmen das wirtschaftliche<br />

Risiko übergeholfen bekommen.<br />

So muss die Grösse der Belegschaft<br />

an die Wirtschaftskraft des<br />

Unternehmens angepasst werden,<br />

was zu Entlassungen führen kann,<br />

oder es werden Leiharbeiter eingestellt,<br />

von denen man sich leichter<br />

wieder trennen kann. Das Bedürfnis<br />

nach Flexibilität zeigt sich auch in<br />

der Lohnpolitik der Unternehmen,<br />

mit Rufen nach Lohnmässigung zur<br />

Erhaltung von Arbeitsplätzen oder<br />

mit einer stärkeren Individualisierung<br />

der Löhne je nach Leistung.<br />

Der Zugang zur Beschäftigung wird<br />

einerseits erschwert, andererseits<br />

wird die Sicherheit der Arbeit und<br />

des Lohns geschwächt.<br />

Diese Umstände wirken sich jedoch<br />

nicht auf alle Arbeitnehmer<br />

gleich stark aus: Es besteht die<br />

Gefahr einer Dualisie rung des<br />

Arbeits markts, wo die am besten<br />

qualifizierten Arbeitskräfte besser<br />

zurechtkommen, weil ihre Kompetenzen<br />

sich schwieriger ersetzen lassen,<br />

während die weniger qualifizierten<br />

Personen leichter durch<br />

billigere Arbeitskräfte oder automatisierte<br />

Maschinenprozesse ersetzt<br />

werden können.<br />

Die aktuellen Bedingungen tragen<br />

nichts zum Abbau von Ungleichheiten<br />

bei, wie das anhaltende<br />

Lohngefälle zwischen Frauen<br />

und Männern in der Schweiz zeigt.<br />

Die Stellung wenig qualifizierter<br />

Frauen erscheint daher besonders<br />

vulnerabel.<br />

Mitsprache, ein zweischneidiges<br />

Schwert<br />

Der aktuelle Arbeitskontext verstärkt<br />

tendenziell die Bereitschaft,<br />

Mitarbeitende mitwirken zu lassen<br />

und einzubeziehen, anstatt sie als<br />

einfache Leistungsträger zu betrachten.<br />

Diese Entwicklung in<br />

Richtung eines partizipativeren Managements<br />

scheint zunächst eine<br />

bessere Berücksichtigung der ex-


23<br />

Niemand soll<br />

Arbeitskonflikte<br />

individuell lösen<br />

müssen.<br />

pressiven Dimension der Arbeit zu<br />

fördern. Sie betrifft jedoch nicht alle<br />

Mitarbeitenden, da das tayloristische<br />

Bild vom Mitarbeitenden als<br />

Ausführendem noch lange nicht verschwunden<br />

ist.<br />

Besonders zwei Fehlentwicklungen<br />

sind möglich: Erstens konzentriert<br />

sich die Mitwirkung oft auf<br />

Möglichkeiten zur Leistungssteigerung<br />

und nicht auf die Relevanz,<br />

den Sinn der Arbeit. Dies kann die<br />

Mitarbeitenden veranlassen, sich<br />

mit Leib und Seele einer Arbeit zu<br />

verschreiben, die für sie keinen Sinn<br />

hat. Die Leistungsbereitschaft hat<br />

Vorrang. Zweitens kann verstärkte<br />

Mitwirkung zur Arbeitsintensivierung<br />

und zu erhöhten Erwartungen<br />

an die Verfügbarkeit führen.<br />

Die Digitalisierung der Arbeit,<br />

die die Grenzen zwischen Arbeit<br />

und Nichtarbeit so durchlässig<br />

macht (man kann seine Aufgaben<br />

mitnehmen und ständig arbeiten),<br />

erhöht das Risiko der Überforderung<br />

und die Schwierigkeit, die Arbeit<br />

mit den anderen Aktivitäten in<br />

Einklang zu bringen. In einem solchen<br />

Kontext werden die Frauen oft<br />

bestraft, da sie häufiger für Nichtberufstätigkeiten<br />

zuständig sind und<br />

sich so vor zwei gleich unbefriedigende<br />

Alternativen gestellt sehen:<br />

entweder nicht im erwarteten Umfang<br />

an beruflichen Tätigkeiten teilzunehmen<br />

und damit ihre beruflichen<br />

Ambitionen zu opfern – oder<br />

sich den Härten eines doppelten<br />

Arbeits tages zu unterwerfen. Sie<br />

sollen also wählen zwischen der<br />

Sinnhaftigkeit von Arbeit und der<br />

Möglich keit, ihre Grenzen abzustecken,<br />

um Zeit und Raum für andere<br />

Aktivitäten zu gewinnen.<br />

So kommt es zur Entpolitisierung<br />

der Arbeit<br />

Die zunehmende Individualisierung<br />

der Arbeitsverhältnisse wird in zweierlei<br />

Hinsicht deutlich: Einerseits<br />

neigt man dazu, arbeitsbedingte<br />

Spannungen und Konflikte durch<br />

individuelle Kompromisse und Vereinbarungen<br />

und nicht durch kollektive<br />

Verhandlungen zu lösen.<br />

Das entspringt dem Wunsch, die Arbeitsverhältnisse<br />

flexibler zu gestalten,<br />

führt aber auch zur Entpolitisierung<br />

der Arbeit.<br />

Andererseits wird die von den<br />

Arbeitnehmenden geforderte Mitwirkung<br />

oft eher als Motivierungsversuch<br />

und Vereinnahmung denn<br />

als kollektive Verwaltung der Arbeits-<br />

und Beschäftigungsbedingungen<br />

wahrgenommen. Die Mitwirkung<br />

ist klar abgegrenzt, und<br />

Fragen, die z. B. im Zusammenhang<br />

mit Personalstrategien, Kompetenzmanagement<br />

usw. stehen, bleiben<br />

den Arbeitgebern vorbehalten.<br />

Die Stellung wenig<br />

qualifizierter<br />

Frauen erscheint<br />

besonders<br />

vulnerabel.<br />

Die Herausforderung besteht<br />

darin, in einem Kontext, in dem die<br />

beruflichen Beziehungen zunehmend<br />

individualisiert werden, einen<br />

kollektiven Akteur auszubilden<br />

(oder zu stärken), der die politische<br />

Dimension der Arbeit verkörpern<br />

kann.<br />

Der Frauenstreik ist ein Vorbild<br />

Das ist grundlegend, denn dieser<br />

kollektive Akteur muss auch die instrumentellen<br />

und expressiven Dimensionen<br />

der Arbeit in die Hand<br />

nehmen, um sie für alle verfügbar<br />

zu machen und nicht nur für diejenigen,<br />

die besser darin sind, individuelle<br />

Kompromisse oder Vereinbarungen<br />

auszuhandeln. Der<br />

Frauenstreik ist in dieser Hinsicht<br />

ein Vorbild, das uns weiterbringt.<br />

Letztendlich stellen die aktuellen<br />

Transformationen Herausforderungen<br />

für jede Arbeitsdimension<br />

dar. Auf der instrumentellen Ebene<br />

sind der Zugang zur Beschäftigung<br />

und die Sicherheit von Arbeitsplätzen<br />

und Löhnen die wichtigsten<br />

Themen. Auf der expressiven Ebene<br />

werden der Sinn der Arbeit und die<br />

Fähigkeit, ihre Grenzen zu definieren,<br />

für die Zukunft der Arbeitsverhältnisse<br />

entscheidend sein. Auf<br />

politischer Ebene ist die Fähigkeit<br />

entscheidend, einen kollektiven Akteur<br />

zu bilden, der in der Lage ist,<br />

die Verhandlung arbeitsbezogener<br />

Fragen zu übernehmen, d. h. Arbeit<br />

zu einem politischen Thema zu machen.<br />

Es ist wichtig, dass diese drei<br />

gleichzeitig berücksichtigt werden<br />

und nicht zu einem Feilschen führen,<br />

bei dem die Berücksichtigung<br />

einer Dimension auf Kosten der beiden<br />

anderen gehen würde.<br />

Frauen bei der Vorbereitungstagung für den Streik in Biel am 10. März dieses Jahres.<br />

Die Webseite des Collège du Travail (frz.):<br />

collegedutravail.ch


24<br />

Der lange Weg<br />

zum Frauenstreik<br />

Unbekanntere Details zum<br />

ersten Frauenstreik: Noch im<br />

Jahre 1991 waren im GAV des<br />

Buchbindereigewerbes die<br />

Frauenlöhne tiefer vorgesehen<br />

als die der Männer.<br />

Die Frauen zogen die eigene<br />

Gewerkschaft vor Gericht –<br />

und bekamen Recht.<br />

Text: Patrizia Mordini<br />

Bild: Adrian Flükiger<br />

Am 14. Juni 1991 nahmen in der<br />

ganzen Schweiz eine halbe Million<br />

Frauen am Frauenstreik teil. Das<br />

Motto des Streiks war: «Wenn Frau<br />

will, steht alles still». Aufgerufen<br />

zum Streik hatte der Schweizerische<br />

Gewerkschaftsbund – als Protest<br />

gegen die zögerliche Umsetzung des<br />

zehn Jahre zuvor, 1981, verankerten<br />

Verfassungsartikels zur Gleichstellung<br />

und anhaltende Ungleichheiten<br />

in zahlreichen Bereichen von<br />

Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.<br />

Christiane Brunner war hier zentral:<br />

als eine der führenden Persönlichkeiten<br />

der Frauenbewegung schlug<br />

sie dem Gewerkschaftsbund einen<br />

Generalstreik der Frauen vor, der<br />

zum Frauenstreik von 1991 führte.<br />

Eine Hauptforderung war diejenige<br />

nach Lohngleichheit – Uhrenarbeiterinnen<br />

im Vallée de Joux hatten<br />

die ersten Ideen zu einem Frauenstreik.<br />

Mit verschiedensten Protestaktionen<br />

und Demonstrationen<br />

drückten die Frauen damals ihren<br />

riesigen Unmut aus.<br />

Forderungen an den<br />

Generaldirektor der PTT<br />

Die Frauenarbeitsgruppe der PTT-<br />

Union erarbeitete am 14. Juni auf<br />

einer Bildungsveranstaltung in Bern<br />

mit 270 Teilnehmerinnen einen<br />

Forderungskatalog. Dieser umfasste<br />

Massnahmen, um Frauen den Zugang<br />

in höhere Positionen und Laufbahnen<br />

zu ermöglichen – wie Teilzeitarbeit,<br />

Arbeitszeitmodelle zur<br />

Vereinbarung von Familie und<br />

Beruf, Kinderkrippen-Angebote,<br />

Förderung des Wiedereinstiegs ins<br />

Erwerbsleben sowie dass Auswirkungen<br />

neuer Technologien und<br />

Umstrukturierungen aufs weibliche<br />

Personal speziell geprüft werden<br />

müssen. Eine Delegation aus 12 Kolleginnen<br />

übergab dem damaligen<br />

Generaldirektor Jean-Noël Rey den<br />

Forderungskatalog. Der Artikel aus<br />

der PTT-Union Zeitung (vom 27. 6. 91)<br />

ist online noch zu finden.<br />

Die Klage der Frauen von<br />

Druck und Papier<br />

Eine weitere geschichtlich wichtige<br />

Begebenheit aus dem Jahr 1991<br />

steht mit unserer Vor-Vorgängerin<br />

Gewerkschaft Druck und Papier<br />

(GDP) in Verbindung. Zwischen der<br />

GDP und der Arbeitgeberseite, vertreten<br />

durch den Verband der Buchbindereien<br />

der Schweiz, wurde ein<br />

neuer Gesamtarbeitsvertrag für das<br />

Buchbindegewerbe ausgehandelt.<br />

Betreffend Löhne war eine Klausel<br />

mit tieferen Frauenlöhnen enthalten,<br />

genauer für die Hilfsarbeiterinnen<br />

der Buchbindereien brutto 2250<br />

Franken und für die Männer der<br />

gleichen Qualifikationsstufe 2684.<br />

Deshalb ergriffen die Frauen<br />

der GDP rechtliche Schritte und prozessierten<br />

gegen die eigene Gewerkschaft,<br />

mit der Begründung, dass<br />

diese Lohnungleichheit gegen den<br />

Verfassungsartikel verstosse. So<br />

konnte die GDP den letzten gültigen<br />

Vertrag für die Jahre 1991–1995 nicht<br />

unterzeichnen. Der Prozess fand im<br />

Februar 1994 statt, und die Frauen<br />

bekamen Recht. Die grosse Frauensolidarität<br />

und der Druck von aussen<br />

waren für diesen Erfolg zentral. Erika<br />

1991:<br />

Die Delegation der<br />

PTT-Union wird<br />

empfangen von<br />

Generaldirektor Rey.<br />

Trepp spielte in diesem Kampf eine<br />

wichtige Rolle. Die IG Frauen bei<br />

<strong>syndicom</strong> hat Erika Trepp aufgespürt<br />

und mit ihr am 29. 4. einen Anlass in<br />

Zürich organisiert.<br />

Wirkungen des Frauenstreiks 1991<br />

Der Frauenstreik von 1991 hatte eine<br />

enorme Wirkung auf die Gleichstellung,<br />

wenn er auch nicht zu einer<br />

raschen Behebung der Missstände<br />

führte. Einige Beispiele: 1995 wurde<br />

das Gleichstellungsgesetz verabschiedet,<br />

mit Regeln für die Umsetzung<br />

des Verfassungsartikels und<br />

einem Verbot der sexuellen Belästigung<br />

am Arbeitsplatz. Damals ein<br />

Riesenschritt. 2004 fand nach drei<br />

Anläufen die Vorlage für eine Mutterschaftsversicherung<br />

eine Volksmehrheit,<br />

womit ein Verfassungsartikel<br />

von 1945 endlich umgesetzt<br />

wurde. Des Weiteren wurden vielerorts<br />

Gleichberechtigungsstellen geschaffen<br />

und mehr Frauen wurden<br />

in politische Ämter gewählt.<br />

Eine Wirkung, die als «Brunner-Effekt»<br />

in die Geschichte eingegangen<br />

ist, zeigte sich bei der Bundesratsersatzwahl<br />

im März 1993.<br />

Die Nichtwahl der offiziellen<br />

SP-Kandidatin Christiane Brunner<br />

führte zu einer riesigen Empörung<br />

von Tausenden Frauen auf dem<br />

Bundesplatz. Die breite Protestbewegung,<br />

die sich in den folgenden<br />

Tagen entfaltete, wurde auch durch<br />

die Netzwerke ermöglicht, die sich<br />

bei der Organisation des Frauenstreiks<br />

gebildet hatten. Die bürgerliche<br />

Strategie zur Verhinderung<br />

einer SP-Bundesrätin ging nicht auf:<br />

eine Woche später wurde Ruth Dreifuss<br />

gewählt.


<strong>syndicom</strong> unterstützt dich beim Frauenstreik!<br />

25<br />

Je grösser die Bewegung und der Streik, desto mehr Kraft und Sicherheit. Die zuständigen<br />

Gewerkschaften unterstützen die Frauen* im Streik. Wer am Arbeitsplatz Aktionen plant oder<br />

streiken will, sollte sich deshalb unbedingt mit der zuständigen Gewerkschaft in Kontakt setzen.<br />

Hier im Vorfeld drei Antworten auf drei Fragen, die immer wieder auftauchen.<br />

Ist der Frauenstreik ein klassischer Streik?<br />

Eine Mehrheit der Kolleg*innen ist<br />

entschlossen, am 14. Juni zu streiken.<br />

Wie sichern wir uns ab?<br />

Wir sind eine kleine Gruppe von Streikwilligen.<br />

Wie können wir am Streik teilnehmen<br />

und uns trotzdem absichern?<br />

Die Antwort von <strong>syndicom</strong> und vom SGB<br />

Es handelt sich um einen Streik sui generis (der eigenen<br />

Art). Die Akteur*innen stellen Forderungen auf, die sowohl<br />

die Erwerbsarbeit als auch häusliche und unbezahlte<br />

Arbeit betreffen. Der Streik- und Aktionstag richtet<br />

sich sowohl an Gesellschaft, Politik und Behörden als<br />

auch gewerkschaftlich an die Arbeitgeber.<br />

Seit 1981 steht die Gleichstellung in der Bundesverfassung,<br />

sie wurde jedoch nicht umgesetzt. Aus diesem Grund kam<br />

es bereits 1991 zu einem breit befolgten Frauenstreik. Die<br />

Schweiz hat seit 1996 ein Gleichstellungsgesetz, das die<br />

Gleichstellung von Frauen und Männern in der Arbeitswelt<br />

verankert. Trotzdem halten sich Ungleichbehandlungen<br />

im Erwerbsleben hartnäckig und griffige politische<br />

Massnahmen werden nicht ergriffen, obwohl die Frauen<br />

nichts unversucht liessen. Die Frauen haben genug davon<br />

und verschaffen sich mit dem Streik Gehör. Der SGB hält<br />

deshalb fest, dass der Frauen*streik 2019 legitim ist.<br />

Der Frauenstreik mit den sozialen, gesellschaftlichen und<br />

arbeitsrechtlichen Forderungen ist sowohl eine politische<br />

Kundgebung, welche durch die Bundesverfassung gewährleistet<br />

ist, als auch ein Arbeitskonflikt. Die Teilnahme<br />

an einer politischen Kundgebung rechtfertigt für<br />

sich allein aber noch keine Arbeitsniederlegung. Damit<br />

die Teilnahme am Frauenstreik eine Arbeitsniederlegung<br />

rechtfertigt, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt<br />

sein. Insbesondere sind die Forderungen für verbesserte<br />

Arbeitsbedingungen an den Arbeitgeber bzw. an den<br />

Arbeitgeberverband zu richten und Verhandlungen dazu<br />

einzufordern. Zudem muss die zuständige Gewerkschaft<br />

den Streik tragen und darf dieser nicht gegen eine allfällige<br />

bestehende Friedenspflicht verstossen. Das alles<br />

will vorbereitet sein. <strong>syndicom</strong> hilft dir dabei.<br />

Sprecht die Teilnahme mit eurem Arbeitgeber ab. Falls<br />

euch der Arbeitgeber nicht von der Arbeit dispensiert,<br />

kontaktiert <strong>syndicom</strong>. <strong>syndicom</strong> wird klären, ob die Voraussetzungen<br />

für einen rechtmässigen Streik erfüllt sind,<br />

und euch bei eurem Weg unterstützen. Unterlasst aber<br />

unbedingt wilde Streiks – d. h. Arbeitsniederlegungen<br />

ohne gewerkschaftliche Unterstützung. Arbeitsrechtliche<br />

Sanktionen könnten die Folge sein. Melde dich unbedingt<br />

bei deinem Regionalsekretariat. Wir unterstützen dich<br />

mit Ideen und Know-how.


26 Freizeit<br />

Tipps<br />

© Cinework4 © Gewerbemuseum Winterthur<br />

Die IAO, ein Instrument zur<br />

Förderung der Sozialrechte<br />

Im Kino: Die vielen Kämpfe<br />

eines Gewerkschafters<br />

«Lebensbaum-Projekt» von<br />

Ernst Gamperl in Winterthur<br />

Die Internationale Arbeitsorganisation<br />

(IAO) mit Sitz in Genf feiert ihr<br />

hundertjähriges Bestehen. Die IAO<br />

ist das einzige tripartite Organ der<br />

UNO, das heisst, die Arbeitenden<br />

haben dort, neben Staaten und Arbeitgebern,<br />

eine eigene Stimme. In<br />

seinem 2016 erschienenen Buch La<br />

troisième guerre mondiale est sociale<br />

(Der dritte Weltkrieg ist sozial) wirbt<br />

Bernard Thibault, die IAO könne<br />

und müsse wieder ein echtes Instrument<br />

für die Förderung der Sozialrechte<br />

in der ganzen Welt werden.<br />

Thibault, ehemaliger Generalsekretär<br />

des französischen Gewerkschaftsbundes,<br />

sitzt heute im Verwaltungsrat<br />

der IAO.<br />

Am 25. Juni 2019 führen Movendo<br />

und der Schweizerische Gewerkschaftsbund<br />

(SGB) eine Studientagung<br />

in Bern über die IAO, ihre<br />

Geschichte, ihre Erfolge und Perspektiven<br />

durch. Zu den Vortragenden<br />

gehören Anna Biondi, Vizedirektorin<br />

der IAO/ACTRAV, Eva<br />

Maria Belser, Professorin für Verfassungsrecht<br />

in Fribourg, Bernard<br />

Thibault und zahlreiche Gewerkschaftler<br />

sowie engagierte Personen<br />

der Zivilgesellschaft. Zu einem Podium<br />

werden Vertreter der Regierung<br />

und der Arbeitgeber in der IAO mit<br />

Luca Cirigliano vom SGB anwesend<br />

sein.<br />

Ein reiches Programm, um mehr<br />

über die IAO zu erfahren, aber auch<br />

um konkrete Wege für die Zukunft<br />

zu entwerfen. Die IAO wurde 1919<br />

im Rahmen des Friedensvertrags<br />

von Versailles gegründet, der den<br />

Ersten Weltkrieg beendete. 2019 ist<br />

der soziale Fortschritt untrennbar<br />

mit dem Internationalismus verbunden.<br />

Die Geschichte dient uns<br />

hier als schöner Kompass.<br />

Valérie Boillat, Movendo<br />

Guillaume Senez erzählt in Nos<br />

Batailles eine ungewöhnliche Geschichte.<br />

Ähnlich wie in Keepers,<br />

dem Erstling des belgischen Filmemachers.<br />

Darin wird ein Jugendlicher<br />

plötzlich Vater. Diesmal begleiten<br />

wir Olivier, der sich plötzlich<br />

als alleinerziehender Vater wiederfindet.<br />

Die Mutter verlässt ihre<br />

Familie. Die Gründe erfahren wir<br />

nicht genau. Doch wir ahnen, dass<br />

sie mehr wollte. Sicherlich mehr<br />

Aufmerksamkeit. Vielleicht mehr<br />

Erfolg oder mehr Geld.<br />

Olivier, überzeugend gespielt von<br />

Romain Duris (L’Auberge espagnole),<br />

merkt nichts, bis es zu spät ist.<br />

Zu sehr ist er von seiner Arbeit in<br />

einem Grosslager absorbiert, wo er<br />

als Personalvertreter gegen Entlassungen<br />

und Ungerechtigkeit ankämpft.<br />

Oliviers Kampf wird uns<br />

ruhig, ohne Pathos und vornehmlich<br />

in Grau tönen erzählt. Dadurch<br />

entsteht eine Nähe zu den Figuren.<br />

Wir spüren, wie sie mit den Umständen<br />

kämpfen und mit ihren Gefühlen<br />

ringen. Der Preis ist Einseitigkeit.<br />

Das Grau wird im Film nur kurz<br />

durch den Besuch von Oliviers jüngerer<br />

Schwester unterbrochen.<br />

Diese Einseitigkeit zeigt sich<br />

auch in der Darstellung der gewerkschaftlichen<br />

Arbeit. Sie trägt dazu<br />

bei, dass Oliviers Leben auseinanderfällt,<br />

ohne dass er im Alltag wirklich<br />

etwas ändern kann. Und wenn<br />

er einen kleinen Erfolg feiert, dann<br />

wird er ins Lächerliche gezogen.<br />

Wir wissen: das (gewerkschaftliche)<br />

Leben besteht nicht nur aus Grautönen.<br />

Es kann auch farbig sein.<br />

Am Ende gibt es im Film kein Happy<br />

End. Doch zumindest verspricht<br />

es Hoffnung für Olivier und seine<br />

beiden Kinder.<br />

Christian Capacoel<br />

Ernst Gamperl, der international<br />

renommierte deutsche Künstler<br />

und Drechsler, ist bekannt, weil er<br />

seit jeher mit Holz von uralten Bäumen,<br />

die Jahrhunderte in der Natur<br />

wuchsen und einzigartige Charaktermerkmale<br />

entwickelten, arbeitet.<br />

Der Künstler integriert Risse und<br />

Bruchstellen, Äste und Unregelmässigkeiten<br />

in seine Gestaltung. So hat<br />

er die Technik des Drechselns revolutioniert.<br />

Im Gewerbemuseum Winterthur<br />

zeigt er nun erstmals sein Ensemble<br />

aus Gefässen und Objekten, die im<br />

Rahmen seines «Lebensbaum­Projektes»<br />

seit zehn Jahren entstehen.<br />

Alle sind aus dem Holz einer einzigen,<br />

rund 230 Jahre alten, gigantisch<br />

grossen Eiche entstanden, die<br />

2008 von einem Orkan entwurzelt<br />

wurde.<br />

Bei seiner Kunst steht immer der<br />

Holzwerkstoff im Zentrum. So ist es<br />

auch bei der uralten bayerischen<br />

Eiche. Er kaufte sie und sie musste<br />

mit Schwerlastkränen geborgen<br />

werden. Der Künstler hat während<br />

zweier Jahre seine Werkstatt vollständig<br />

umgebaut und neue Drechselmaschinen<br />

konstruiert. Er wollte<br />

die visuelle Intuition herausbilden,<br />

um die Gefässe, die bereits im Baum<br />

stecken, schon beim Anschnitt zu<br />

erkennen.<br />

Die Ausstellung findet vom<br />

25. Mai bis 3. November statt. Ernst<br />

Gamperl wird am 8. September wieder<br />

eine Führung machen, und eine<br />

Buchvernissage über Ernst Gamperl<br />

– Zwiesprache wird am 7. September<br />

stattfinden. Die Ausstellung wird<br />

begleitet von einem Veranstaltungsprogramm<br />

zum 20­Jahr­Jubiläum<br />

von Gewerbe­ und Uhrenmuseum<br />

Winter thur.<br />

100 Jahre IAO, 25. Juni in Bern.<br />

Anmelden auf Movendo.ch<br />

Bit.ly/2Gs4jAQ<br />

Gewerbemuseum.ch


1000 Worte<br />

Ruedi Widmer<br />

27


28 Bisch im Bild Anlässlich des 1. Mai 2019<br />

war <strong>syndicom</strong> mit den DemonstrantInnen in Genf, Zürich, Locarno, Thun, Biel,<br />

Lausanne und Basel unterwegs, um den Aufruf zum Frauenstreik am 14. Juni zu<br />

übermitteln. Endlich her mit der Parität, die seit 1981 in der Verfassung steht!<br />

1<br />

3<br />

2<br />

4 5


1, 2 In Genf forderte der Umzug Gleichheit, soziale Gerechtigkeit und<br />

Klimaschutzmassnahmen. Mehr als 2500 Personen nahmen teil,<br />

darunter zahlreiche <strong>syndicom</strong>-Mitglieder. (© Demir Sönmez)<br />

3 In Zürich zählte die schweizweit grösste Kundgebung fast<br />

16 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. (© Nina Scheu)<br />

4 Auf der Piazza Grande in Locarno sangen die Frauen für mehr<br />

Gerechtigkeit! (© Giovanni Valerio)<br />

5 In Thun standen die Klimadebatte und die Forderungen der<br />

Jugendlichen im Fokus. (© Fabrizio D’Orazio)<br />

6 In Zürich forderten auch die Buchhändlerinnen und Buchhändler<br />

bessere Löhne und faire Arbeitszeiten. (© Dominik Dietrich)<br />

7, 8 In Lausanne demonstrierten alle Generationen für mehr Gerechtigkeit.<br />

(© Sylvie Fischer)<br />

9 In Biel wurde die Feier unter dem Motto «Lohngleichheit. Punkt.<br />

Schluss!» organisiert. (© Stefanie Fürst)<br />

10 In Basel stand der 1. Mai im Zeichen des Frauenstreiks. (© Frantisek Matous)<br />

29<br />

6<br />

7<br />

9<br />

8<br />

10


30<br />

Aus dem<br />

Leben von ...<br />

Feministin von Kindesbeinen an<br />

Isabella Visetti, 1968 geboren, ist nach<br />

zehn Jahren bei Cooperazione seit 2013<br />

als Journalistin für RSI tätig, wo sie<br />

derzeit bei Rete Uno die Sendung «La<br />

consulenza» (Sprechstunde) und in der<br />

Rolle der Schülerin Gnüca den Radio-<br />

Dialektkurs «Dialett in sacocia» moderiert.<br />

Sie ist seit 20 Jahren Mitglied der<br />

Gewerkschaft, hat drei Kinder und ist<br />

Mitglied im Vorstand des Tessiner<br />

Dachverbands der Frauenverbände,<br />

FAFTplus.<br />

Text: Valeria Camia<br />

Bild: Flavia Leuenberger Ceppi<br />

Isabella Visetti<br />

hat schon immer<br />

gegen Diskriminierung<br />

gekämpft<br />

Ich war schon immer sensibel für die<br />

Gleichstellung der Geschlechter: lange<br />

bevor ich der Frauenkommission<br />

in Bern und noch bevor ich der Gewerkschaft<br />

Comedia beigetreten bin<br />

und mich in den 90ern für die Rechte<br />

der Frauen eingesetzt habe. Ich<br />

möchte sagen, dass die Begegnung<br />

mit «radikalen» Feministinnen in der<br />

deutschsprachigen Schweiz und mit<br />

Barbara Bassi (der damaligen Sekretärin<br />

von Comedia/<strong>syndicom</strong>) für<br />

mich grundlegend waren, um das<br />

Unbehagen zu benennen, das ich so<br />

oft empfand und das ich nie mehr<br />

losgeworden bin.<br />

Als ich neun war, besuchte ich<br />

meine Grossmutter in Lugano und<br />

ging mit ihr zur Messe, wo ich Mädchen<br />

als Messdiener sehen konnte –<br />

das war in Le Chiese della Valsolda,<br />

wo ich lebte, undenkbar. Es kommt<br />

mir wie gestern vor, dass unser Pfarrer<br />

meine Eltern sprechen wollte, um<br />

mich von der revolutionären Idee abzubringen,<br />

Ministrantin zu werden.<br />

Da begann mein Kampf für die<br />

Gleichstellung von Männern und<br />

Frauen.<br />

Später hat sich mein Einsatz verlagert<br />

auf Lohngleichheit, Vereinbarkeitsfragen,<br />

Männerteilzeit und die<br />

Rechte arbeitender Mütter. Ich hatte<br />

das Glück, in Bern und Basel zu leben,<br />

wo ich für die Wochenzeitung<br />

Cooperazione arbeitete. Ich zog in die<br />

Schweiz, als mein erster Sohn etwa<br />

ein Jahr alt war, und fand das geistige<br />

Klima in Bezug auf Elternschaft<br />

angenehmer hier, das Familienmodell<br />

war vielleicht weniger stereotyp<br />

patriarchalisch.<br />

Ich respektiere den «harten»<br />

Feminis mus mit seiner Kritik des<br />

männlichen Tuns; aber ich glaube an<br />

einen integrativeren Feminismus<br />

(ohne dass dies zu «weicheren» Positionen<br />

bezüglich Gleichstellung<br />

führt). Feministisch zu sein, bedeutet<br />

natürlich zwangsläufig, zu stören,<br />

denn wenn man die geringe Präsenz<br />

von Frauen im Führungsumfeld oder<br />

in den Medien anprangert, gerät<br />

man in Kollision mit der männlichen<br />

Welt. Der Feminismus, den ich vertrete,<br />

richtet sich jedoch an die Gesellschaft<br />

als Ganzes, will alle glücklicher<br />

machen.<br />

Ich bin Feministin, weil Chancengleichheit<br />

ein Menschenrecht ist,<br />

aber auch, weil Chancengleichheit<br />

der gesamten Gesellschaft so sehr<br />

nützt: Wollen wir wirklich auf die<br />

Kompetenzen, Talente, die Ressourcen,<br />

den Standpunkt der Frauen verzichten?<br />

Ich bin stolz auf die Arbeit von<br />

FAFTplus und auf die Kampagne<br />

#iovotodonna («ich wähle die Frau»)<br />

bei den Kantonswahlen, deren Erfolg<br />

nicht nur in der Anzahl Sitze bestand.<br />

Dass die Gleichstellung der<br />

Geschlechter ein Mass für die Gesundheit<br />

einer Demokratie ist: dies<br />

zu vermitteln, ist eine wichtige Aufgabe,<br />

und sie ist noch nicht geschafft.<br />

Der Tessiner Frauendachverband (it.):<br />

FAFTplus.ch


Impressum<br />

Redaktion: Sylvie Fischer, Giovanni Valerio,<br />

Oliver Fahrni, Marie Chevalley<br />

Tel. 058 817 18 18, redaktion@<strong>syndicom</strong>.ch<br />

Mitarbeit: Rieke Krüger<br />

Porträts, Zeichnungen: Katja Leudolph<br />

Fotos ohne ©Copyright-Vermerk: zVg<br />

Druck, Layout und Korrektorat: Stämpfli AG, Bern<br />

Adressänderungen: <strong>syndicom</strong>, Adressverwaltung,<br />

Monbijoustrasse 33, Postfach, 3001 Bern<br />

Tel. 058 817 18 18, Fax 058 817 18 17<br />

Inserate: priska.zuercher@<strong>syndicom</strong>.ch<br />

Abobestellung: info@<strong>syndicom</strong>.ch<br />

Abopreis ist im Mitgliederbeitrag inbegriffen. Für<br />

Nichtmitglieder: Fr. 50.– (Inland), Fr. 70.– (Ausland)<br />

Verlegerin: <strong>syndicom</strong> – Gewerkschaft<br />

Medien und Kommunikation, Monbijoustr. 33,<br />

Postfach, 3001 Bern<br />

Das <strong>syndicom</strong>-Magazin erscheint sechsmal im Jahr.<br />

Ausgabe <strong>Nr</strong>. 12 erscheint am 30. August 2019<br />

Redaktionsschluss: 22. Juli 2019.<br />

31<br />

Das <strong>syndicom</strong>-Kreuzworträtsel<br />

Gratis einkaufen: Zu gewinnen gibt es<br />

diesmal eine Geschenkkarte von Coop,<br />

gespendet von unserer Dienstleistungspartnerin<br />

Coop. Das Lösungswort wird<br />

in der nächsten Ausgabe zusammen mit<br />

dem Namen der Gewinnerin oder des<br />

Gewinners veröffentlicht.<br />

Lösungswort und Absender auf einer<br />

A6-Postkarte senden an: <strong>syndicom</strong>-<br />

Magazin, Monbijoustrasse 33, Postfach,<br />

3001 Bern. Einsendeschluss: 22. Juli 19.<br />

Der Gewinner<br />

Die Lösung des Kreuzwort rätsels aus<br />

dem <strong>syndicom</strong>-Magazin <strong>Nr</strong>. 10 lautet:<br />

Kaufkraft.<br />

Gewonnen hat Ralph Nufer aus Frauenfeld.<br />

Die Hotelcard unserer Partnerin<br />

Hotelcard ist unterwegs. Wir gratulieren<br />

herzlich!<br />

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«Ich möchte ein<br />

besseres Leben.»<br />

Ihre Spende hilft Menschen<br />

aus Not und Armut<br />

Das Richtige tun<br />

Jetzt per SMS helfen und 10 Franken spenden: «ARMUT 10» an 227


32<br />

Das ist mein<br />

Engagement<br />

Warum ich am 14. Juni streiken werde<br />

Gloria Casas, 34 Jahre,<br />

Assistentin an der Uni<br />

«Ich werde streiken, weil die Frauen<br />

doppelt so viel arbeiten wie die<br />

Männer, aber nur halb so viel verdienen<br />

und chauvinistischer Gewalt<br />

am Arbeitsplatz, zu Hause und im<br />

öffentlichen Raum ausgesetzt sind.<br />

Wir wollen, dass sich das ändert,<br />

um eine tatsächliche Gleichberechtigung<br />

zu erreichen.»<br />

Annick, 62 Jahre,<br />

Kinderkrankenschwester<br />

«Ich will für die Gleichstellung<br />

kämpfen, für die jungen Frauen und<br />

Mädchen, solidarisch mit den<br />

Frauen der ganzen Welt. Das Ziel ist<br />

noch nicht erreicht.»<br />

Maude Rampazzo, 35 Jahre,<br />

Betreuerin<br />

Talissa Rodriguez, 31 Jahre,<br />

Sozialarbeiterin<br />

«Für die Anerkennung der<br />

unsicht baren und unbezahlten<br />

Arbeit, welche die Frauen leisten.<br />

Eine riesige Arbeit.»<br />

«Um die Privilegien der<br />

weissen Männer in den<br />

Fünfzigern allgemein abzuschaffen.»<br />

Elisa Turtschi, 30 Jahre,<br />

Rechtsberaterin<br />

Regina Frei, 24 Jahre,<br />

Buchhändlerin<br />

«Der Frauenstreik ist für mich<br />

als Arbeitnehmerin in der Tieflohnbranche<br />

eine Chance, ein<br />

Zeichen zu setzen und mich<br />

gleichzeitig auch mit anderen<br />

Frauen zu solidarisieren.»<br />

«Ich werde aus denselben<br />

Gründen streiken wie<br />

meine Mutter 1991, denn<br />

es hat sich nichts geändert.»<br />

Brigitte Hürlimann, 56 Jahre,<br />

Journalistin<br />

Schira Netser, 36 Jahre,<br />

Buchhändlerin<br />

«Sich zusammen mit anderen<br />

Frauen solidarisch für fairere<br />

(Arbeits-)Bedingungen und<br />

Gleichberechtigung einzusetzen,<br />

finde ich unglaublich bestärkend.»<br />

«Ich gehe am 14. Juni auf die<br />

Strasse, um die Frauen sichtbar<br />

und hörbar zu machen.<br />

Um aufzuzeigen, dass die<br />

Gleichberechtigung noch<br />

längst nicht Realität geworden<br />

ist. Leider.»<br />

Denise Geraci, 50 Jahre,<br />

Postangestellte<br />

«Ich werde am 14. Juni<br />

demonstrieren, weil ich<br />

möchte, dass Frauen dort<br />

präsent sind, wo wichtige<br />

Entscheidungen für unsere<br />

Gesellschaft getroffen<br />

werden.»<br />

Maria Luisa Gardoni, 48 Jahre,<br />

Kundenberaterin PostShop<br />

«Ich mache beim Frauenstreik mit,<br />

weil auch heute noch das Wort einer<br />

Frau weniger zählt als das eines<br />

Mannes. Darüber hinaus müssen wir<br />

die Stimme und das Gesicht jener<br />

Frauen in der Welt sein, die sich nicht<br />

frei ausdrücken können, weil sie von<br />

den Männern verfolgt werden!»

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