The Red Bulletin Juni 2019

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Freiheit. Frohsinn. Frisbee. Nach der

Melancholie des Vorgängeralbums „Mea

Culpa“ feiern Maurice Ernst und seine

Band Bilderbuch mit „Vernissage My

Heart“ eine Art Auferstehung. Emo tional

betrachtet ist das neue Album der aktuell

aufregendsten deutschsprachigen Band

ein radikaler U-Turn, Frühlings gefühle

sind angesagt. Doch wie gehabt, erfreuen

sich Bilderbuch daran, gegen alle Regeln

zu musizieren. „Wenn du das Hirn ausschaltest,

entdeckst du wieder Sachen

in dir“, so der Dreißigjährige über seine

wiedergefundene Leichtigkeit.

Aber blättern wir zu Kapitel eins:

Die Bilderbuch-Karriere beginnt im

Teenie alter. Vier Klosterschüler aus Kremsmünster

in Oberösterreich gründen 2005

die Band und singen Kinderbuchtexte.

Acht Jahre und einen Genrewechsel von

Rock zu Pop später gelingt mit der Single

„Maschin“ der Durchbruch, mit dem

Album „Magic Life“ stürmen sie 2017

auf Platz acht der deutschen Charts. Ihr

Schaffen beschreiben sie als „trotzig, naiv,

manchmal abstrakt, aber sehr bildlich

in dem Sinn, dass man die Dinge auch

gut sehen kann, die gesungen werden“.

Euphorisch und melancholisch gehörten

zusammen, die Kunst lebe schließlich von

beiden Teilen.

Bevor Bilderbuch, neu gewandet als

Outta-Space-Cowboys, auf große Tour

gehen (u. a. am 21. Juni auf dem Hurri cane

Festival, siehe Seite 68), unterhielten wir

uns mit Sänger Maurice über sein partielles

Selbstbewusstsein, Mamas Energie-

Tricks und den Reiz des Risikos.

the red bulletin: Bist du auf der Bühne

selbstbewusster als abseits davon?

maurice ernst: Ja, das glaub ich schon.

Es ist ein anderes Selbstbewusstsein, ein

überzogenes. Eines, wo der Kopf nicht

eingeschaltet ist. Auf der Bühne darf man

nicht denken.

Kannst du den Schalter für „sehr

präsent und selbstbewusst sein“

auch in anderen Lebenssituationen

umlegen und nützen?

Nicht so wie auf der Bühne. Ich würde

mir wünschen, ich könnte diese Leichtigkeit

und Selbstverständlichkeit überall

anwenden. Aber so läuft das nicht: Das

funktioniert nur bei Dingen, die man

am öftesten oder am liebsten macht.

Was bedeutet dir Style?

Er bedeutet mir viel. Das hat bereits früh

angefangen. Mit vierzehn hab ich die

Kleiderschränke meiner Großeltern ausgeraubt,

viel herumprobiert und mich

schon in der Schule ausgesucht schlecht

angezogen. Es ist nicht so, dass ich der

stilsicherste Mensch bin, aber Kleidung

in Kombination mit Musik – wie man das

stilisiert und wie das dann wirkt – hat

mich immer schon interessiert. Oft geht

es einfach darum, seinem Gefühl nachzugehen.

Will man gerade schrill sein wie

ein Papagei oder einfach nur still.

Hat dich modetechnisch auch deine

Mama beeinflusst?

Ich bin allein bei meiner Mutter aufgewachsen,

seit ich elf oder zwölf war.

Der Style war ein spaßiges Element. Nie

verkrampft, nie zu markenbezogen, nie

zu etepetete. Meine Mutter hat so ziemlich

alle Styles gemischt, auch mit alten

Sachen, und so hab ich das spielerisch mitgekriegt.

Bis ich dann meinen eigenen Stil

in dem ganzen Wahnsinn gefunden hab.

Von der Mode zur Musik: Habt ihr euch

von Marketingzwängen befreit, indem

ihr es gewagt habt, das Album „Mea

Culpa“ über Nacht auf den Markt zu

bringen, ohne große Vorab-Promotion?

Sucht ihr den Reiz des Risikos?

Es ist eine Mischung. In Amerika ist ein

Overnight Release gängiger. Wir sind

„ICH WILL AN

DIE NÄCHSTE

PLATTE DENKEN

UND NICHT AN

DIE NÄCHSTE

KAMPAGNE.“

Musiker. Wir haben uns gefragt: Wollen

wir zwei Monate lang etwas verkaufen,

bevor eigentlich der Song da ist? Einfach

ein Album rauszuhauen ist zeitgeistig. Es

fühlt sich richtig an, wenn man’s macht.

Wie waren die Reaktionen?

Manche Leute haben das Album anfänglich

nicht ernst genommen, nur weil

sie von einer „Nicht-Kampagne“ auf die

Musik schließen. Da sieht man, wie konditioniert

wir sind. So auf die Art: „Es

kann nicht ernst gemeint sein, es wurde

mir nicht oft genug angepriesen.“ Ich will

aber an das nächste Musikstück, an die

nächste Platte denken – und nicht an die

nächste Kampagne.

Nur elf Wochen später folgte euer

sechstes Album „Vernissage My Heart“.

Dachten da manche, das ist jetzt

die Nachgeburt, die muss einfach

schlechter sein als „Mea Culpa“?

Eine Art Reste verwertung?

Hundertprozentig. Aber da bin ich dann

wieder recht romantisch. Meine Traumvorstellung

war, dass sich Leute darüber

unterhalten, welche Platte man warum

besser findet.

Hat euch irgendjemand von diesen

Aktionen abgeraten?

Nicht unser Manager. Der möchte auch

Sachen probieren. Es ist momentan einfach

eine Zeit des wunderbaren Chaos

– nichts funktioniert wirklich, und alles

funktioniert.

Seid ihr abseits der Musik ebenfalls

mutig?

Ich glaub, dass wir tendenziell unseren

ganzen Mut und unsere ganze Waghalsig-

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