The Red Bulletin Juni 2019

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keit in der Musik und der Kunst ausleben.

Strategisch machen wir dermaßen destruktive

Moves, dass man sagen könnte:

„Jungs, wollts ihr Geld verdienen auch

mit dem, was ihr machts?“ Wir sind da

viel mutiger als im Privatleben. Abseits

der Musik kommt man heim und schläft,

dann steht man auf und isst ein Brot und

geht wieder in den Proberaum.

Schwimmt man gegen den Strom

schneller?

Nein! Auf keinen Fall. Es ist furchtbar

mühsam, bewusste Veränderungen

herbeizuführen. Das kostet Kraft, wird

manchmal missverstanden und dauert

länger. Aber man muss das machen, was

man fühlt. Es zahlt sich aus, wenn man

den langen Pass spielt und an sich glaubt.

Kannst du mir Beispiele nennen?

Wir haben drei verschiedene Bühnenbilder

zu dem Album „Magic Life“ gehabt.

Diesen Aufwand, auch in finanzieller

Hinsicht, betreiben wir, weil wir das einfach

so wollen. Oder dass wir „Bungalow“,

den Hit, erst nach drei anderen Nummern

serviert haben.

Was ist das Ergebnis davon,

gegen den Strom zu schwimmen?

Du kommst dahin, wo du hinmöchtest,

und nicht dorthin, wo es dich hintreibt.

Und wo möchtest du hin?

Dorthin, wo ich hingehöre. Wenn man

seine Ideen lange genug verfolgt hat,

ohne bei jedem leisesten Zweifel gleich

einzuknicken, kann man zurückschauen

und sagen: Wenn was schiefgelaufen ist,

dann war das unser Fehler und nicht der

von irgendeinem Deppen, dem wir das

dann vorwerfen könnten. Es ist eine harte

Schule, etwas anzufangen und es auch

durchzuziehen. Man geht das Risiko ein,

sich nackt auszuziehen.

Aktuell seid ihr auf Tour. Was macht

diese Phase angenehm?

Dass wir so eine eingespielte Crew sind.

Positiv bleiben und auch Partys können

das Tourleben erträglicher machen.

Wenn du’s zu sportlich angehst, so Marcel­

Hirscher-Style, dann könnt ich mir vorstellen,

dass man ein bissl leer wird.

Inwiefern?

Es ist einfach unfassbar, wie Kopf und

Körper zusammenspielen. Wenn du darüber

nachdenkst, dass dir der Hals wehtut,

triffst du keinen Ton. Bei den allerersten

Konzerten dachte ich oft: „Hach,

morgen ist ein Auftritt. Ich glaub, ich werd

krank. Ich kann das nicht dersingen.“ Du

empfindest jeden Schnäuzer als kleinen

Weltuntergang. Jetzt, wo die Konzerte

größer werden, denk ich nur: „Ja, ich war

zwar ein bissl unfit, und ich bin ein bissl

heiser, aber egal. Geht schon!“ Es ist jedes

Mal eine Lehrstunde, wie mächtig deine

Einstellung ist.

Du hast auch einmal Psychologie

studiert. Hast du davon – im Hinblick

auf diese Kopf-Körper-Sache – etwas

mitgenommen?

Ich glaube eher von meiner Mutter.

Sie hat gesagt: „Wenn du daran glaubst,

kannst du es erreichen.“ Wenn ich in der

Volksschule Angst vor einer Prüfung gehabt

hab, hat sie ihre Hände aneinandergerieben,

bis sie warm waren, mir vor

meine geschlossenen Augen gehalten

und mir „Energie“ gegeben. Das war ihr

kleiner Trick. Warm und elektrisch geladen.

Das ist für mich jetzt das Sinnbild,

mir selbst zu sagen: „Hey, du hast die

Energie. Du musst sie nur aktivieren.“

Wirst du bei all der Energie womöglich

zum Solo-Artisten?

Ich hab keine Brüder oder Schwestern.

Meine Bandkollegen liebe ich, als wären

sie meine Familie. Ich könnte nicht so

schnell eine Soloplatte machen, denn ich

liebe es, in der Gruppe für eine Idee zu

arbeiten. Ich wüsste auch gar nicht, wer

ich bin, wenn ich nicht Bilderbuch wäre.

Wie sieht die Bilderbuch-Familienaufstellung

aus? Wer hat welchen Platz

in der Band?

Die Jungs haben mich mal als Häuptling

bezeichnet. Sie sind die besseren Instrumentalisten,

ich bin der, der das Ganze

formt und sich vor die Band stellt. Peter

(Peter Horazdovsky; Anm.) ist der weise

Großvater, sehr reflektiert. Der Sturste

und Naivste ist Mike (Michael Krammer),

der Autoritäten hasst, Schulabbrecher,

mit siebzehn nach Wien. Zu ihm geh ich,

wenn mir die Frechheit fehlt. Pille (Philipp

Scheibl), der Jüngste und Schlagzeuger,

ist von der Mutterfigur nicht weit entfernt.

Er ist der ruhende Pol, die stabile Mitte.

Die brauchen wir, denn – na ja – ich bin

ja auch nicht ganz normal. Aber ich bin

der Kommunikative, das hab ich sicher

von meinen Eltern. Die waren Wirten.

Welche brauchbaren Erkenntnisse hast

du von der Klosterschule mitgenommen

und welche aus dem Nachtlokal

deiner Eltern?

„ICH FINDE

NÄCHSTENLIEBE

SPANNEND UND

DENKE, DASS

WIR DIE WIEDER

EIN BISSL MEHR

ÜBEN KÖNNTEN.“

Den Pathos und die große Geste aus der

Klosterschule. Und dass ich etwas Tiefes

oder den Sinn hinter allem suche. Das

Nachtlokal hat mir den humorvollen Umgang

mit Musik, Entertainment und Gastfreundlichkeit

vermittelt. Im Prinzip ist

ein Konzert zu geben und Gäste dazu einzuladen

eh sehr nahe an dem, was meine

Eltern in ihrem Lokal gemacht haben.

Welche Tendenz in der Gesellschaft hat

dich zuletzt nachdenklich gestimmt?

Ich finde Ideale wie Nächstenliebe spannend

und denke, dass wir die wieder ein

bissl mehr üben könnten. Das mein ich

nicht im katholischen Sinn. Es gibt wirklich

viele Leute, die vermeintlich intellektuell

und reflektiert sind, aber unglaublich

viel Scheiße ins Internet stellen. Ich

versteh gar nicht, was das für Menschen

sind, die Menschen wehtun, die sie nicht

einmal kennen.

In eurem Song „Europa 22“ sprecht ihr

euch für mehr Weltoffenheit aus.

Man könnte mich mit einem Anwalt,

einem Installateur und einem Maurer in

einen Raum setzen, und ich hätte eine

gute Zeit. Warum muss man andere immer

so schnell aburteilen? Man muss einfach

den Stolz ablegen und aufhören, mit

Negativem Aufmerksamkeit erzeugen zu

wollen. Es gibt ja das Bibelzitat: Bevor man

den Splitter im Auge des anderen sucht,

sollte man den Balken im eigenen Auge

suchen und herausziehen. Den Spruch

hab ich mir mein Leben lang gemerkt. Alle

Menschen, die so kotzig und negativ sind,

sollen sich das auf die Hand tätowieren.

bilderbuch-musik.at

THE RED BULLETIN 43

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