The Red Bulletin Juni 2019

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Eine Minute

vor meinem letzten Tauchgang

klammere ich mich mit beiden

Händen an der orangen Plastikboje

fest und versuche, ruhig zu

atmen. Ich treibe in der Mitte

eines smaragdgrünen Sees auf der

philippinischen Insel Coron. Rings

um mich glitzert Sonnenlicht im

Wasser. Paula, meine Trainerin,

schwimmt neben mir und fixiert

mich durch die Gläser ihrer

Taucherbrille.

In wenigen Sekunden soll ich

zwanzig Meter tief in den See abtauchen.

Nur mit der Luft eines

Atemzugs, ohne zusätzliche Geräte.

Meine Abschlussprüfung im

Freediving: Der Versuch klappt

nur, wenn ich mental ausgeglichen

und absolut entspannt bin.

Ich atme tief ein und langsam

aus und versuche, den Lärm der

chinesischen Reisegruppe auszublenden,

die dummerweise gerade

jetzt durch den See planscht.

Dann gebe ich Paula das Zeichen

zum Start.

Rückblende: Meine Karriere als

Freitaucher beginnt zwei Wochen

davor, als ich mich, nur mit Unterhosen

und Socken bekleidet, auf

die Behandlungsbank einer Wiener

Tauchärztin lege. An meiner

Brust kleben Sensoren, die meine

Herzfrequenz messen. Später

muss ich möglichst fest und lange

in ein Plastikröhrchen blasen, wie

bei der Alkohol-Verkehrskontrolle.

„Tauchtauglich“, sagt die Ärztin

nach 50 Minuten. Nur beim Lungenvolumen

hätte ich – es klingt

wie ein Wortwitz – noch etwas

„Luft nach oben“.

Das ist meine Aufgabe: als

absolute Tauch-Niete binnen zwei

Tagen Freitauchen lernen – zwanzig

Meter tief mit einem Atemzug,

Bizarr schön: Kalksteinfelsen, wie hier an der Nordküste von Coron Island, prägen die Inselwelt der

Philippinen. An Bord der landestypischen Auslegerboote (re.) kann man sie am besten erkunden.

ohne zusätzlichen Sauerstoff.

Der Freediving-Kurs für Anfänger

findet 300 Kilometer südlich von

Manila auf der Philippinen-Insel

Coron statt, die laut „Forbes

Traveler“ zu den zehn schönsten

Tauchrevieren der Welt zählt.

Das Problem: Meine bisherige

Unterwasser-Karriere ist eine

Ansammlung von Peinlichkeiten.

Die einzige Atemtechnik, die ich

beherrsche, ist heftiges Hyperventilieren.

Ohrenstechen bekomme

ich schon ab zwei Meter Tiefe.

Und statt beim Schnorcheln auf

die Schönheit der Natur zu achten,

halte ich panisch Ausschau nach

Quallen oder seltsam anmutenden

Fischen.

Zwanzig Meter tief zu tauchen

klingt für mich völlig unvorstellbar.

Was, wenn mir ganz unten die

Luft ausgeht? Es gibt nur wenige

Gewissheiten in meinem Leben.

Eine lautet: Wer nicht atmet, stirbt.

Andererseits gilt Freitauchen

als Mentalsport, bei dem man

lernt, sich seinen Ängsten zu

stellen. Es geht um Achtsamkeit,

Entspannung und das Ausloten

geistiger Grenzen. Ein weiterer,

entscheidender Grund, es zu versuchen:

Google spuckt unfassbar

schöne Bilder aus, wenn man

„ Coron Island“ eintippt.

Um mich optimal auf mein Tauchabenteuer

vorzubereiten, kaufe

ich zwei schmale Bücher, die ich

„Es gibt nur wenige

Gewissheiten in meinem

Leben. Eine lautet:

Wer nicht atmet, stirbt.“

Südchinesisches

Meer

Busuanga

Coron

Coron

Island

Tauchziel

im Pazifik

Die Insel Coron liegt

300 Kilometer südlich

von Manila in der Sulusee.

Die Anreise erfolgt

über den Airport der

Nachbarinsel Busuanga.

Sulusee

Manila

Calamian-

Inseln

Philippinensee

PHILIPPINEN

Celebessee

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