The Red Bulletin Juni 2019

online.magazines

während der 19-stündigen Anreise

im Flugzeug lese: Frei- oder

Apnoe tauchen (die Begriffe werden

synonym verwendet) wird

von Speerfischern seit mehr als

zweitausend Jahren praktiziert.

Profi-Wettkämpfe gibt es seit den

1960ern. Die aktuelle Bestleistung

in der Disziplin Free Immersion –

das Abtauchen an einem Seil ohne

Flossen – liegt bei unvorstellbaren

125 Metern. Der Rekordhalter,

Alexei Moltschanow aus Russland,

kann seinen Atem mehr als

acht Minuten lang anhalten.

Ich klappe das Buch zu, schiebe

meinen Becher Weißwein zur Seite

und hole im Flugzeugsitz tief

Luft. Als ich eine gefühlte Ewigkeit

später mit hochrotem Kopf

los pruste, zeigt die Stoppuhr auf

meinem iPhone 1:05 Minuten.

So viel zum Thema erfolgreiche

Selbstmotivation.

Coron Town, Provinz Palawan,

Philippinen, ein

lichtdurchfluteter Seminarraum

am nächsten

Morgen: Die Trainerin, die während

der nächsten 48 Stunden

über mein Leben wacht, heißt

Mary Jane Paula Jumuad-Craciun,

28, rabenschwarze lange Haare.

Eine kleine, selbstbewusste Frau,

die gerne lacht. Mary Jane, die

alle nur „Paula“ nennen, ist ehemalige

Landesmeisterin im Freediving,

Mutter eines einjährigen

Sohnes und hat seit 2016 mehr als

300 Schüler aus der ganzen Welt

unterrichtet. Das Motto der

Tauchschule, die sie mit ihrem

Mann führt, lautet: „Zwei Tage,

zwanzig Meter, ein Atemzug“.

„Du musst kein Top-Athlet sein,

um die zwanzig Meter zu schaffen“,

sagt Paula. „Viel wichtiger

als Muskelkraft ist die Fähigkeit,

auf Knopfdruck zu entspannen.“

In den nächsten zwei Stunden

lerne ich von Paula, wie man den

Druckausgleich durchführt, der

vor Ohrenstechen unter Wasser

schützt (beide Nasenlöcher zuhalten,

sanft pusten). Und dass

panisches Hyperventilieren nicht

zu den empfohlenen Atemtechniken

im Freitauchen zählt.

„Wir atmen erst tief in den

Bauch und in die Brust ein und

dann sehr langsam wieder aus“,

sagt Paula, formt ihren Mund zu

einem kleinen „O“ und saugt Luft

ein. Ihr langsames Ausatmen danach

klingt, als würde man ein

Schlauchboot ausquetschen:

tssssssssssssssssssss.

Die Atem-Vorbereitung, der

sogenannte Breath-up, soll den

Herzschlag senken und die Gefäße

mit möglichst viel Sauerstoff versorgen.

Das Ein- und Ausatmen

wird dafür fünfmal wiederholt.

Danach folgt der Final Breath, der

letzte lange Atemzug. Dann geht

es ab in die Tiefe.

Zum Abschluss der Theorieeinheit

zeigt Paula ein Demonstrationsvideo,

in dem sich ein sehr

Techniktraining

Apnoe-Anfängerkurs,

Tag 1: Trainerin Mary

Jane Paula verzweifelt

am Flossenschlag

unseres Autors.

Bitte festhalten: Vor jedem Tauchgang wird an der Boje tief ein- und ausgeatmet.

48

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine