The Red Bulletin Juni 2019

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Fokussiert: Coach Paula bei der Tauch-Nachbesprechung am Steg des Barracuda Lake

Pause an

der Boje

Autor und Trainerin

an der Oberfläche

des Barracuda Lake.

Für Anfänger perfekt:

Es herrschen weder

Wellengang noch

Strömung.

Irgendwann fühlen meine

Zehenspitzen warmes Wasser.

Ab nun wird die Sicht schlechter.

Die Unterwasserwelt verschwindet

hinter einem grünen Schleier.

Eine weitere Armlänge.

Noch eine.

Noch eine.

Das Wasser muss mittlerweile

deutlich mehr als 30 Grad haben.

Ich fühle mich, als würde ich in

eine heiße Badewanne tauchen.

Noch eine Armlänge.

Paula blickt mir in die Augen.

Sie zeigt noch eine Armlänge an.

Ich ziehe mich nach unten und

halte meine Position.

Genau jetzt setzt der Atemreflex

ein. Eine Kontraktion im

Brustkorb. Ich will Luft holen.

Kurz bekomme ich Panik. Paula

gibt das Okay zum Auftauchen.

Ich beginne, mich hastig am

Seil nach oben zu ziehen. Raus

aus dem heißen Badewasser.

Eine goldene Regel von Paula

lautet, beim Auftauchen nie nach

oben zu schauen, um sich nicht

von der restlichen Wegstrecke

einschüchtern zu lassen. Genau

das mache ich jetzt. Ein Fehler.

Meine Boje, die die Wasseroberfläche

markiert, schwebt als klitzekleiner

Kreis unerreichbar weit

über mir.

Ich hangle mich jetzt schnell

und ungeschickt nach oben. Mit

jedem Meter verringert sich der

Druck auf meiner Brust. Als ich

die Wasseroberfläche erreiche,

schnappe ich nach Luft.

Paula leitet, wie nach jedem

Auftauchen, sofort das Recovery

Breathing ein – das bedeutet: vollständiges

Ein- und etwa fünfzig

Prozent Ausatmen, um den

Sauerstoff gehalt im Blut schnellstmöglich

wieder anzuheben.

„Schätz mal, wie tief du warst“,

sagt sie, als wir fertig sind, und

setzt ihr Pokerface auf.

Ich bin noch nicht in der Lage

zu sprechen.

Paula zeigt auf das Display

ihres Tauchcomputers. „12:43“

lese ich – weniger als 13 Meter.

Das kann nicht stimmen. Es dauert

einige Augenblicke, bis ich merke,

dass ich die falsche Zeile am Display

abgelesen habe.

„12:43“ ist die Uhrzeit.

Ich schaue ein zweites Mal auf

Paulas Handgelenk.

„22,4 m“ – meine Tauchtiefe.

Paula gibt mir ein nasses

High-Five.

Später am Abend, Abschiedsessen

in Coron

Town. Draußen knattern

Dreirad-Taxis durch verstopfte

Straßen. Drinnen erzählt

mir Paula von einem Schüler, der

ihr besonders in Erinnerung geblieben

ist. Marc aus England, der

mittlerweile 42 Meter tief taucht.

Marc ist 63 Jahre alt.

„Die meisten Anfänger unterschätzen

sich“, sagt Paula. „Aber

am Ende sind sie überrascht, welche

Tiefen sie schaffen, wenn sie

sich selbst mental fordern.“

„Ging mir genauso“, sage ich.

„Aber dank dir kenne ich jetzt

mein Limit.“

„Falsch“, sagt Paula und grinst.

„Du entdeckst gerade erst dein

Potenzial.“

Freediver werden: freediving-coron.com;

Apnoe-Trainerin Mary Jane Paulas

Abenteuer auf Instagram: @mj_paula

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