The Red Bulletin Juni 2019

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Wer Cornelia Geppert an diesem Vormittag

erlebt, mag nicht glauben, dass sie noch

vor kurzem ein Schattenwesen war. Sie

lacht viel, schneidet auf Wunsch des Fotografen

Grimassen, sprudelt über vor Energie.

Wir befinden uns beim Fotoshooting

für The Red Bulletin in einem Hinterhofgebäude

in Berlin-Schöneberg – und

Computerspielentwicklerin Geppert hat

allen Grund zur Euphorie. Im Spätsommer

dieses Jahres wird „Sea of Solitude“ für

die Konsolen PlayStation und Xbox auf

den Markt kommen, ein Spiel, das sie hier

in diesen Räumen entwickelt hat und das

für ihr Label Jo-Mei Games den Durchbruch

bedeuten könnte. Vor allem aber

ist es ein Spiel, das Geppert aus der bisher

düstersten Phase ihres Lebens rettete.

Im Trailer gleitet ein zerzaustes Schattenwesen

mit einem kleinen Holz boot

durch eine überschwemmte Geisterstadt.

Seine Augen leuchten fiebrig rot, genau

wie jene der Monster, die plötzlich vor ihm

auftauchen. Eine Riesin mit dolch artigen

Zähnen, ein gigantischer Greif vogel, ein

gefiedertes Seeungeheuer: Willkommen

in der Welt von Kay, der Heldin dieser

Reise. Das Besondere: Beim Schattenwesen

Kay handelt es sich um eine gepeinigte

Version von Cornelia Gep perts Ich.

Und die Monster sind nicht irgend welche

Monster, sondern die vir tu ellen Inkarnationen

von Gep perts tiefsten Ängsten.

Die Geschichte hinter „Sea of Solitude“

beginnt mit ein paar Skizzen, die Geppert

in einer tiefen Lebenskrise zeichnete, und

sie findet ihren vorläufigen Höhepunkt

mit dem Release des Spiels bei Electronic

Arts (EA), einem der weltweit größten

Gaming- Konzerne. Vor allem aber hält

diese Geschichte zwei Lektionen bereit:

1. Games können dir helfen, dich selbst

besser kennenzulernen – und sogar

Krisen zu überwinden. 2. Wenn du deine

Dämonen umarmst, kommst du weiter,

als du je zu träumen gewagt hast.

Hier kommt Cornelia Gepperts

Geschichte in fünf Kapiteln:

DIE KRISE

Es ist das Jahr 2014, als Cornelia Gepperts

Leben in sich zusammenstürzt. Bisher ist

sie von größeren Rückschlägen verschont

geblieben. Über Deutschlands Wiedervereinigung

freut sie sich nach ihrer Achtziger-Jahre-Kindheit

in Greifswald in

Mecklenburg-Vorpommern vor allem aus

einem Grund: weil sie nun endlich den

langersehnten Amiga-Computer bekommt.

Sie zeichnet Comics, besucht eine Akademie

für Game-Entwickler und gründet

in einem Hinterhof in Berlin Schöneberg

Jo-Mei Games, ihr eigenes Computerspiellabel,

das beliebte Browsergames wie

„Koyotl“ und „Deep Space Banana“ herausbringt.

Es ist ihr langjähriger Freund

– „die Liebe meines Lebens“, wie Geppert

sagt –, der ihr Leben ins Wanken bringt.

Er leidet an einer seelischen Krankheit, von

der auch ihre Beziehung nicht verschont

bleibt: Einmal bekundet er wortreich

seine Liebe, dann wieder verschwindet er

tagelang ohne Erklärung. „Ich war verwirrt,

verzweifelt, verletzt und verdammt

wütend – warum ist der von mir geliebte

Mann, wie er ist?“, erzählt Geppert.

Sie zieht sich selbst immer mehr zurück,

versinkt in düsteren Gedanken.

RAUS

AUS DEM

SCHATTEN

Kay, allein in der Geisterstadt:

In „Sea of Solitude“

sucht Hauptfigur Kay

einen Ausweg aus der

gefluteten City. Dafür

muss sie sich mit

Monstern verbünden,

die sich als ihre eigenen

Ängste entpuppen.

THE RED BULLETIN 59

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