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ZESO 02/19: Wohnen

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SKOS CSIAS COSAS<br />

Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe<br />

Conférence suisse des institutions d’action sociale<br />

Conferenza svizzera delle istituzioni dell’azione sociale<br />

Conferenza svizra da l’agid sozial<br />

<strong>ZESO</strong><br />

ZEITSCHRIFT FÜR SOZIALHILFE<br />

<strong>02</strong>/<strong>19</strong><br />

INTERVIEW<br />

Das neue SKOS-Präsidium<br />

Eymann – Baume-Schneider<br />

stellt sich vor<br />

DIGITALISIERUNG<br />

Neue Angebote sind im<br />

Sozialbereich noch rar<br />

ARCHE FÜR FAMILIEN<br />

Ein paar unbeschwerte<br />

Stunden für belastete<br />

Familien<br />

GESUCHT: GÜNSTIGE<br />

4-ZIMMER-WOHNUNG<br />

Prekäre Haushalte in Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche


Einführung in die öffentliche Sozialhilfe<br />

27. Juni Olten/18. Nov. 20<strong>19</strong> Winterthur<br />

In der Praxis der öffentlichen Sozialhilfe haben Fachleute und Behördenmitglieder<br />

komplexe Aufgaben zu bewältigen. Kenntnisse des Systems<br />

der sozialen Sicherheit sind ebenso gefordert wie rechtliches und<br />

methodisches Wissen. Die Weiterbildung der SKOS vermittelt Grundlagen<br />

zur Ausgestaltung der Sozialhilfe und zur Umsetzung der SKOS ­<br />

Richtlinien, zu Verfahrensgrundsätzen und zum Prinzip der Sub ­<br />

sidiarität. Neu werden Praxisfragen zu aktuellen Themen im Modul D<br />

«Unterstützungseinheit in der Sozialhilfe» in den Fokus gestellt.<br />

Die Weiterbildung findet an zwei Standorten statt: Am 27. Juni 20<strong>19</strong> in<br />

Olten und am 18. November 20<strong>19</strong> in Winterthur.<br />

Anmeldefrist Olten: 13. Juni 20<strong>19</strong><br />

Anmeldefrist Winterthur: 4. Nov. 20<strong>19</strong><br />

Programm und Anmeldungen unter www.skos.ch/Veranstaltungen<br />

Soziale Arbeit<br />

Master in Sozialer Arbeit mit Vertiefung<br />

«Transitionen und Interventionen»<br />

Jetzt zur Infoveranstaltung anmelden:<br />

www.zhaw.ch/sozialearbeit/master/info<br />

Neu ab<br />

Herbst 20<strong>19</strong> im<br />

Toni-Areal.


Ingrid Hess<br />

Redaktionsleitung<br />

EDITORIAL<br />

THEMA MIT WACHSENDER<br />

BRISANZ<br />

Das Thema <strong>Wohnen</strong> ist wohl eines der wichtigsten Themen des<br />

Lebens überhaupt. Über eine Wohnung zu verfügen, in der man<br />

sich richtig wohl fühlt, ist für fast jeden Menschen eine der zentralen<br />

Voraussetzungen für ein gelingendes Leben. In der Verfassung<br />

steht denn auch verankert, dass sich Bund und Kantone<br />

in Ergänzung zu persönlicher Verantwortung und privater<br />

Initiative dafür einsetzen sollen, dass Wohnungssuchende für<br />

sich und ihre Familie eine angemessene Wohnung zu tragbaren<br />

Bedingungen finden können. In Anbetracht der stark gestiegenen<br />

Preise für Miete und Kauf von Wohnraum bleibt dieses Versprechen<br />

für immer mehr Menschen jedoch eine Leerformel.<br />

Probleme bestehen vor allem für die ärmsten Haushalte und<br />

auch für die Sozialdienste, die für Sozialhilfebeziehende mit zu<br />

teurer oder auch ganz ohne Wohnung Lösungen suchen müssen.<br />

Eine schwierige Aufgabe, wenn Mietzinsplafonds eingehalten<br />

werden sollen. Es ist aber inzwischen auch der Mittelstand,<br />

der einen wachsenden Teil des Einkommens für das <strong>Wohnen</strong><br />

ausgeben muss oder in Notlage gerät, weil die Wohnung nach<br />

der Renovation unbezahlbar ist. Wir beleuchten im Schwerpunkt<br />

Aspekte eines grossen und komplexen Themas, das zunehmend<br />

an Brisanz gewinnt (Seite 12).<br />

In dieser Ausgabe stellen sich der neue Präsident Christoph Eymann<br />

und die neue Vizepräsidentin Elisabeth Baume-Schneider<br />

vor. Sie wollen mit konkreten Vorschlägen zur Lösung der anstehenden<br />

Probleme beitragen (Seite 8).<br />

2/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

1


SCHWERPUNKT<br />

Wenn keine<br />

Wohnung zu<br />

finden ist<br />

Es wird emsig gebaut in der<br />

Schweiz, die Leerstandsquote<br />

ist wieder gestiegen. Doch am<br />

falschen Ort und im falschen<br />

Preissegment. Familien, ältere<br />

und junge Menschen finden<br />

nach wie vor keine bezahlbare<br />

Wohnung mehr. Umso mehr<br />

sind Sozialdienste gefordert,<br />

wenn ihre Klienten günstige<br />

Wohnungen suchen müssen.<br />

Das ist eine sehr wichtige<br />

Herausforderung, denn es<br />

gibt auch in der Schweiz<br />

immer mehr Menschen, die<br />

wohnungslos sind und folglich<br />

kaum eine Chance haben, in<br />

ein menschenwürdiges Leben<br />

zurückzukehren.<br />

12–23<br />

14–27 12–27<br />

<strong>ZESO</strong><br />

ZEITSCHRIFT FÜR SOZIALHILFE HERAUSGEBERIN Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe SKOS, www.skos.ch REDAKTIONSADRESSE<br />

© SKOS. Nachdruck nur mit Genehmigung der Herausgeberin.<br />

Die <strong>ZESO</strong> erscheint viermal jährlich.<br />

ISSN 1422-0636 / 116. Jahrgang<br />

Erscheinungsdatum: 3. Juni 20<strong>19</strong><br />

Die nächste Ausgabe erscheint am 2. September 20<strong>19</strong><br />

Redaktion <strong>ZESO</strong>, SKOS, Monbijoustrasse 22, Postfach, CH-3000 Bern 14, zeso@skos.ch, Tel. 031 326 <strong>19</strong> <strong>19</strong><br />

REDAKTION Ingrid Hess, Regine Gerber MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER DIESER AUSGABE Béatrice<br />

Devènes, Jörg Dittmann, Matthias Drilling, Heinrich Dubacher, Palma Fiacco, Markus Kaufmann, Paula Lanfranconi,<br />

Ursula Markus, Patricia Max, Peter Mösch Payot, Christian Reutlinger, Meinrad Schade, Max Spring, Simon<br />

Steger, Susanna Valentin, Dieter Widmer TITELBILD Palma Fiacco LAYOUT Marco Bernet, Projekt Athleten<br />

GmbH Zürich KORREKTORAT Karin Meier DRUCK UND ABOVERWALTUNG Rub Media, Postfach, 3001 Bern,<br />

zeso@rubmedia.ch, Tel. 031 740 97 86 PREISE Jahresabonnement CHF 82.– (SKOS-Mitglieder CHF 69.–),<br />

Jahresabonnement Ausland CHF 120.–, Einzelnummer CHF 25.–.<br />

2 <strong>ZESO</strong> 2/<strong>19</strong>


INHALT<br />

8<br />

5 KOMMENTAR<br />

Frühe Förderung: ein zentrales Thema für<br />

die Sozialhilfe<br />

6 PRAXIS<br />

Wie werden mit dem Lohn ausbezahlte<br />

Verpflegungskosten in der Sozialhilfe<br />

behandelt?<br />

7 CHARTA SOZIALHILFE SCHWEIZ<br />

Schulterschluss für eine starke Sozialhilfe<br />

8 INTERVIEW: NEUES SKOS-PRÄSIDIUM<br />

«Wir müssen Probleme lösen, statt Fronten<br />

bewirtschaften.»<br />

29<br />

12–27 WOHNEN<br />

14 Wenn Sozialhilfeempfänger die Wohnung<br />

wechseln müssen – eine methodische<br />

Unterstützung bei der Wohnungssuche<br />

18 Allein, machtlos, verdrängt – wie sich die<br />

neue Wohnungsfrage zeigt<br />

22 Obdach- und Wohnungslosigkeit: die<br />

gravierendste Form von Armut<br />

25 Mehr gemeinnütziger Wohnbau als<br />

Lösung?<br />

26 «Die Mietensollen dem Zustand der<br />

Wohnungen entsprechen», sagt Laura<br />

Imhof von der Mietfachstelle Biel<br />

33 30<br />

28 FACHBEITRAG<br />

Nichtbezug von Sozialleistungen<br />

29 FACHBEITRAG<br />

Neue Digitalangebote sind im<br />

Sozialbereich noch rar<br />

30 REPORTAGE: ARCHE FÜR FAMILIEN<br />

Im Mittwochstreff verbringen belastete<br />

Familien ein paar unbeschwerte Stunden<br />

33 DEBATTE<br />

«Die IV vollzieht ein Gesetz», sagt Dieter<br />

Widmer, Direktor der IV-Stelle Bern<br />

34 LESETIPPS UND VERANSTALTUNGEN<br />

36 PORTRÄT<br />

Hans Leu engagiert sich nach der Pension<br />

in Bildungsprojekten in Zürich und Benin<br />

36<br />

2/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

3


NACHRICHTEN<br />

BDP-Motion 55plus<br />

Die BDP-Fraktion hat im Mai die Motion<br />

«Keine Aussteuerung von Menschen<br />

über 55 Jahre» eingereicht. Mit der Motion<br />

greift die BDP den Vorschlag der SKOS<br />

auf, von der Aussteuerung betroffene<br />

55plus Ergänzungsleistungen zu gewähren<br />

sowie die Massnahmen zur Arbeitsintegration<br />

zu verstärken. Ältere Arbeitslose<br />

sollen insbesondere bis zum Erreichen<br />

des Pensionsalters weiter von den RAV<br />

vermittelt werden. Auch der Bundesrat<br />

hat unterdessen einen ähnlich lautenden<br />

Vorschlag gemacht.(ih)<br />

Raschere Integration<br />

Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene<br />

Personen sollen sich rascher in die Arbeitswelt<br />

integrieren können. Zu diesem<br />

Zweck haben sich Bund und Kantone im<br />

Frühjahr 2018 auf die gemeinsame Integrationsagenda<br />

geeinigt. Die Integrationspauschale<br />

an die Kantone wird von<br />

6 000 auf 18 000 Franken erhöht. Die<br />

Kantone können diese für eine frühzeitige<br />

Sprachförderung bei Asylsuchenden<br />

einsetzen. Der Bundesrat hat in seiner<br />

Sitzung vom 10. April 20<strong>19</strong> die Umsetzung<br />

der Integrationsagenda Schweiz<br />

und die Abgeltung der Kantone für die<br />

Zusatzkosten von unbegleiteten Minderjährigen<br />

im Asyl- und Flüchtlingsbereich<br />

genehmigt. Er hat die Inkraftsetzung per<br />

1. Mai 20<strong>19</strong> beschlossen. (red.)<br />

OECD: Arbeitsplätze<br />

bleiben erhalten<br />

Entgegen der allgemeinen Befürchtung,<br />

dass der technologische Wandel Arbeitsplätze<br />

vernichten könnte, kommt die<br />

OECD zu dem Schluss, dass ein drastischer<br />

Beschäftigungsrückgang eher unwahrscheinlich<br />

ist. Dies geht aus dem<br />

OECD-Beschäftigungsausblick 20<strong>19</strong><br />

hervor, der sich dem Thema Zukunft der<br />

Arbeit widmet. Der Bericht untersucht die<br />

Auswirkungen von Globalisierung, Digitalisierung<br />

und Bevölkerungsalterung auf die<br />

Arbeitsmärkte der OECD-Länder. Eine der<br />

grossen Herausforderungen des Wandels<br />

bestehe darin, den Arbeitnehmenden aus<br />

sich im Niedergang befindenden Branchen<br />

den Übergang in neue Beschäftigungsmöglichkeiten<br />

zu erleichtern. (red.)<br />

Elisabeth Baume-Schneider und Christoph Eymann.<br />

Neues SKOS-Präsidium gewählt<br />

Die Mitglieder der SKOS haben am<br />

23. Mai in Baar (ZG) ein neues Präsidium<br />

gewählt. Der neue Präsident der SKOS ist<br />

LDP-Nationalrat Christoph Eymann. Elisabeth<br />

Baume-Schneider übernimmt das Vize-Präsidium.<br />

Der Baselstädter Alt-Regierungsrat<br />

und ehemalige Präsident der Erziehungsdirektorenkonferenz<br />

sitzt für die<br />

Liberaldemokratische Partei (LDP) im Nationalrat.<br />

Baume-Schneider, Direktorin der<br />

Haute École de travail social et de la santé –<br />

EESP in Lausanne und ehemalige jurassi-<br />

Bekenntnis zum Konsens der Kantone<br />

in der Sozialhilfe<br />

Die Berner Stimmenden haben nein zum<br />

Sparpaket in der Sozialhilfe gesagt. Das<br />

Nein zur Revision des Sozialhilfegesetzes<br />

ist für die SKOS ein Signal zugunsten der<br />

kantonalen Zusammenarbeit auf dem Gebiet<br />

der Sozialhilfe. Und sie ist ein Bekenntnis<br />

zur gesellschaftlichen Solidarität<br />

im Sinne der Bundesverfassung, wonach<br />

die Stärke des Volkes sich am Wohl der<br />

Schwächsten misst.<br />

Abgelehnt wurde auch der Volksvorschlag,<br />

der einen Grundbedarf nach Empfehlung<br />

der SKOS sowie Massnahmen zugunsten<br />

älterer Langzeitarbeitsloser sowie<br />

die Förderung der Weiterbildung vorsah.<br />

Beide Themen sind für die SKOS wichtige<br />

Anliegen. Die SKOS hat dazu letztes<br />

Bild: Béatrice Devènes<br />

sche Regierungsrätin kandidiert für den<br />

Ständerat. Das Präsidium ist verantwortlich<br />

für die Gesamtführung des Verbands, für<br />

die strategische und inhaltliche Weiterentwicklung<br />

der SKOS und damit der Sozialhilfe<br />

in der Schweiz. Es gelte insbesondere<br />

die Sozialhilfe als Sicherungssystem zu erhalten,<br />

sagt Christoph Eymann und fügt<br />

an: «Die Angriffe auf die Sozialhilfe mit<br />

Kürzungen in verschiedener Ausgestaltung<br />

müssen entschlossen bekämpft werden.»<br />

(vgl. Interview S. 8-11)<br />

•<br />

Jahr konkrete Vorschläge vorgelegt. Der<br />

Bundesrat präsentierte letzte Woche eine<br />

Lösung auf nationaler Ebene für ältere Arbeitslose.<br />

Bei der Förderung von Grundkompetenzen<br />

wünscht sich die SKOS eine<br />

enge Zusammenarbeit zwischen Bund,<br />

Kantonen und Gemeinden. Mit der Motion<br />

Fluri liegt ein Vorschlag auf dem Tisch, der<br />

zusätzliche Fördermittel aus dem Bildungskredit<br />

verlangt. Die Bekämpfung der Armut<br />

bleibt auch nach diesen Entscheiden<br />

eine wichtige Herausforderung unserer<br />

Gesellschaft. Gemeinsames Ziel bleibt die<br />

bessere berufliche und soziale Integration<br />

von Sozialhilfebeziehenden. An der Umsetzung<br />

dieses Ziels wird die SKOS mit ihren<br />

Mitgliedern weiter arbeiten. (red.) •<br />

4 <strong>ZESO</strong> 2/<strong>19</strong>


KOMMENTAR<br />

Frühe Förderung: ein zentrales Thema für die Sozialhilfe<br />

Im April hat sich die zuständige Nationalratskommission<br />

überraschend dafür<br />

ausgesprochen, dass Projekte vor dem<br />

Kindergartenalter in Zukunft auch durch<br />

den Bund unterstützt werden sollen. Das<br />

kommt einer kleinen Revolution gleich. Bis<br />

heute galt nämlich der Grundsatz, dass<br />

dafür nur die Kantone und Gemeinden zuständig<br />

sind. Diese nehmen sich der frühen<br />

Förderung in sehr unterschiedlichem Masse<br />

an. Ein Vorreiter ist der Kanton Basel-Stadt.<br />

Dort ist der Besuch einer Spielgruppe für<br />

Kinder, die kein oder nur wenig Deutsch<br />

sprechen, obligatorisch. Der neue SKOS-Präsident<br />

Christoph Eymann ist als ehemaliger<br />

Erziehungsdirektor quasi der Vater dieser<br />

Massnahmen. Als Parlamentarier hat er<br />

letztes Jahr eine Motion eingereicht, die<br />

den baselstädtischen Ansatz in der ganzen<br />

Schweiz verankern will. Der Nationalrat hat<br />

seinen Vorstoss im März dieses Jahres<br />

gutgeheissen.<br />

Auch andere Städte, Gemeinden und Regionen<br />

engagieren sich aktiv in der frühen<br />

Förderung. Mit dem Projekt schritt:weise<br />

beispielsweise sollen Kinder aus sozial<br />

benachteiligten und oftmals sehr zurückgezogen<br />

lebenden Familien frühzeitig<br />

erreicht, begleitet<br />

und gefördert<br />

werden.<br />

Entsprechende Programme laufen in neun<br />

Kantonen und dem Fürstentum Liechtenstein.<br />

Ein wichtiger Player, der sich für die<br />

Förderung im Vorschulalter einsetzt, ist die<br />

Jacobs Foundation. Das von ihr unterstützte<br />

Projekt primokiz gibt es mittlerweile an über<br />

80 Standorten in der Schweiz. Mit der Initiative<br />

«Ready! Frühe Kindheit ist entscheidend»<br />

ist die Stiftung zudem an der Spitze<br />

einer gesellschaftspolitischen Kampagne.<br />

Wer frühe Förderung sagt, meint stets Chancengleichheit.<br />

Die Grundidee lautet: Wer<br />

in schwierigen Verhältnissen aufwächst,<br />

soll in den prägenden ersten Lebensjahren<br />

besondere Unterstützung erhalten. Davon<br />

profitieren sowohl der einzelne Mensch wie<br />

auch die Gesellschaft insgesamt, weil im<br />

späteren Leben weniger Hilfeleistungen<br />

nötig sein werden.<br />

Ein gewichtiger Anteil der betroffenen<br />

Kinder findet sich in der Sozialhilfe: Rund<br />

22 500 Kinder zwischen null und vier<br />

Jahren werden so unterstützt. Die höchste<br />

Quote aller Altersgruppen haben die Vierjährigen<br />

mit etwas über sechs Prozent. Das<br />

heisst eines von 16 Kindern in diesem Alter<br />

bezieht Sozialhilfe.<br />

Es braucht deshalb eine enge Zusammenarbeit<br />

zwischen Sozialdiensten und Programmen<br />

der frühen Förderung. An vielen Orten<br />

funktioniert sie bereits gut, an anderen Orten<br />

gilt es, diese noch aufzubauen. Mit der<br />

aktuellen Spardebatte rund um die Sozialhilfe<br />

besteht aber die Gefahr, dass die Initiativen<br />

der frühen Förderung gebremst oder<br />

gar in ihr Gegenteil verkehrt werden. Ein<br />

Hauptargument für die Senkung des Grundbedarfs<br />

sind Rechenbeispiele für vier- und<br />

mehrköpfige Familien. Damit soll aufgezeigt<br />

werden, dass nicht unterstützte Familien<br />

schlechter dastehen als von der Sozialhilfe<br />

unterstützte. Oft werden dabei ausdrücklich<br />

Massnahmen der frühen Förderung wie<br />

Kitas oder Spielgruppen in die Berechnung<br />

miteinbezogen. Solche Debatten können<br />

dazu führen, dass unterstützten Familien<br />

der Zugang zu diesen Angeboten verwehrt<br />

wird, bewusst oder unbewusst.<br />

Wenn wir mit der frühen Förderung in der<br />

Schweiz erfolgreich sein wollen, müssen wir<br />

diesen Widerspruch aktiv angehen und die<br />

Familienförderung nicht vergessen. Denn<br />

kleine Kinder und ihre Eltern lassen<br />

sich nicht auseinanderdividieren.<br />

Markus Kaufmann<br />

Geschäftsführer SKOS<br />

2/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

5


Wie werden mit dem Lohn<br />

ausbezahlte Verpflegungskosten<br />

in der Sozialhilfe behandelt?<br />

PRAXIS In einer unterstützten<br />

Familie arbeitet die Frau in<br />

einem 100%-Pensum. Gemäss<br />

monatlicher Lohnabrechnung<br />

erhält sie pro Arbeitstag einen<br />

Spesenbeitrag von 16 Franken<br />

für die Mittagsverpflegung. Wie<br />

viel wird ihr in der Sozialhilfe<br />

davon belassen?<br />

PRAXIS<br />

In dieser Rubrik werden exemplarische Fragen aus<br />

der Sozialhilfe praxis an die «SKOS-Line» publiziert<br />

und beantwortet. Die «SKOS-Line» ist ein Beratungsangebot<br />

für SKOS-Mitglieder.<br />

Der Zugang erfolgt über www.skos.ch Mitgliederbereich<br />

(einloggen) Beratungsangebot.<br />

Die fünfköpfige Familie Bürkli wird seit<br />

rund zwei Jahren von der Sozialhilfe unterstützt.<br />

Frau Bürkli arbeitet Vollzeit und verdient<br />

brutto 4500 Franken. Der Arbeitgeber<br />

vergütet ihr monatlich 16 Franken pro<br />

Arbeitstag als Spesen für die Mittagsverpflegung.<br />

Durchschnittlich erhält Frau<br />

Bürkli so rund 347 Franken pro Monat für<br />

die Mittagsverpflegung. Der Betrag ergibt<br />

sich aus einer Berücksichtigung von durchschnittlich<br />

21.7 Arbeitstagen pro Monat,<br />

wie sie im Rahmen der Arbeitslosenversicherung<br />

massgebend sind.<br />

FRAGE<br />

Wie wird mit der Spesenentschädigung für<br />

die Mittagsverpflegung im Rahmen der Sozialhilfe<br />

umgegangen?<br />

GRUNDLAGEN<br />

Im Rahmen der Sozialhilfe werden Situationsbedingte<br />

Leistungen (SIL) gewährt. Erwerbstätigkeit<br />

ist in der Regel mit Auslagen<br />

verbunden. Dies, wenn die Tätigkeit den<br />

Zielen der Sozialhilfe dient. Übernommen<br />

werden insbesondere Mehrkosten für auswärtige<br />

Verpflegung (8-10 Franken pro<br />

auswärts eingenommene Hauptmahlzeit),<br />

öffentliche Verkehrsmittel oder private Motorfahrzeuge,<br />

wenn das Fahrziel nicht auf<br />

zumutbare Weise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln<br />

erreicht werden kann (SKOS-<br />

RL C.1.1). Bei der Anrechnung der Kosten<br />

ist zu beachten, dass gewisse Kostenanteile<br />

(z.B. öffentliche Verkehrsmittel im Ortsnetz<br />

oder Nahrungsmittel und Getränke)<br />

bereits im Grundbedarf berücksichtigt<br />

sind und deshalb nur die Differenz zu gewähren<br />

ist (SKOS-RL C.1).<br />

Grundsätzlich wird bei der Bemessung<br />

der Sozialhilfe das ganze verfügbare Einkommen<br />

angerechnet (SKOS-RL E.1.1).<br />

Dazu gehören auch Spesen, die einem Arbeitnehmer<br />

zusätzlich zum vertraglich vereinbarten<br />

Lohn ausgerichtet werden. Bei<br />

der Gewährung der SIL ist in jedem Fall<br />

zu vermeiden, dass diese in einem Umfang<br />

gewährt werden, welcher gegenüber<br />

der Situation von Haushalten in bescheidenen<br />

wirtschaftlichen Verhältnissen, die<br />

nicht unterstützt werden, unangemessen<br />

erscheint (vgl. SKOS RL C.1.1).<br />

ANTWORT<br />

Im Rahmen der Sozialhilfe werden lediglich<br />

die Mehrkosten für eingenommene<br />

Hauptmahlzeiten als Ausgaben anerkannt<br />

und nicht die durch den Arbeitgeber gewährten<br />

Spesenentschädigungen. Damit<br />

eine Ungleichbehandlung mit nicht unterstützten<br />

Haushalten vermieden werden<br />

kann, werden daher die frei verfügbaren<br />

Spesen für Frau Bürkli bei der Budgetberechnung<br />

vollumfänglich als Einnahmen<br />

angerechnet. Zur Deckung der Mehrkosten<br />

von auswärts eingenommenen Hauptmahlzeiten<br />

werden aber SIL geleistet.<br />

Im vorliegenden Beispiel würden pro<br />

Arbeitstag 8-10 Franken für auswärtige<br />

Verpflegung als Ausgabe anerkannt oder<br />

durchschnittlich 160-200 Franken pro<br />

Monat. Der durchschnittliche Maximalbetrag<br />

ergibt sich aus den rund 240 Arbeitstagen<br />

pro Jahr (260 Tage minus vier Wochen<br />

Ferien).<br />

•<br />

Patricia Max<br />

Heinrich Dubacher<br />

Mitglieder SKOS-Kommission<br />

Richtlinien und Praxis<br />

6 <strong>ZESO</strong> 2/<strong>19</strong>


Charta Sozialhilfe Schweiz –<br />

Schulterschluss für eine starke<br />

Sozialhilfe<br />

SOZIALHILFE Die Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren SODK, der<br />

Schweizerische Städteverband, das Schweizerische Rote Kreuz, die Schweizerische Gemeinnützige<br />

Gesellschaft SGG und weitere Fachorganisationen haben gemeinsam die «Charta Sozialhilfe Schweiz»<br />

lanciert. Die Organisationen bekennen sich damit zur Sozialhilfe und zur föderalen Zusammenarbeit.<br />

Die SODK, der Schweizerische Städteverband,<br />

die Städteinitiative Sozialpolitik, das<br />

Schweizerische Rote Kreuz, die Schweizerische<br />

Gemeinnützige Gesellschaft und die<br />

Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe<br />

SKOS haben am 29. März in Zürich die<br />

«Charta Sozialhilfe Schweiz» unterzeichnet.<br />

Mit dem Dokument wollen die Organisationen<br />

die Bedeutung der Sozialhilfe<br />

verdeutlichen. Sie sind überzeugt, dass diese<br />

einen Erfolgsfaktor für die Schweiz darstellt.<br />

Denn die Sozialhilfe sorgt dafür, dass<br />

Personen, die in eine Notsituation geraten<br />

sind, nicht verelenden und ausgegrenzt<br />

werden. Und sie verhindert die Entstehung<br />

von Elendsquartieren oder sozialen Unruhen,<br />

wie sie in anderen Ländern vorkommen.<br />

Die Sozialhilfe trägt damit entscheidend<br />

zur gesellschaftlichen Stabilität in<br />

der Schweiz bei. Sie ist eine wichtige und<br />

notwendige Absicherung im liberalen und<br />

kompetitiven Wirtschaftssystem.<br />

Mit der Unterzeichnung der Charta bekennen<br />

sich die aufgeführten Organisationen<br />

klar und deutlich zum Prozess zur Festlegung<br />

der SKOS-Richtlinien. Diese Richtlinien<br />

werden von der SKOS anhand statistischer<br />

Daten und wissenschaftlicher<br />

Erkenntnisse unter Mitwirkung der Kantone,<br />

Städte und Gemeinden erarbeitet. Sie<br />

stellen somit eine sowohl fachlich-wissenschaftliche<br />

als auch politisch konsolidierte<br />

Grundlage für die Bemessung und Ausgestaltung<br />

der Sozialhilfeleistungen dar. Die<br />

letzte Richtlinienrevision erfolgte<br />

2015/2016.<br />

Mit der Charta anerkennen die unterzeichnenden<br />

Organisationen und<br />

Personen die Pflicht des Staates, die<br />

Schwächs-ten der Gesellschaft zu unterstützen<br />

und ihnen eine Teilhabe an der Gesellschaft<br />

zu ermöglichen. «Die Sozialhilfe<br />

als letztes Netz der sozialen Sicherung ist<br />

unabdingbar», sagte Annemarie Huber-<br />

Hotz, Präsidentin des Schweizerischen<br />

Roten Kreuzes, bei der Präsentation der<br />

Charta an einer Medienkonferenz in Zürich.<br />

«Es gibt auch in der reichen Schweiz<br />

Menschen, die ohne eigenes Verschulden<br />

in eine Notsituation geraten, aus der sie<br />

sich aus eigener Kraft nicht befreien können.<br />

Es ist unsere gesellschaftliche und<br />

moralische Pflicht, ihnen beizustehen.»<br />

Den Dialog weiter pflegen<br />

Die unterzeichnenden Organisationen wollen<br />

ihre Zusammenarbeit und den Erfahrungsaustausch<br />

auf Basis der Charta verstärken.<br />

Gleichzeitig geht es ihnen darum,<br />

die faktenbasierte Diskussion über den Nutzen<br />

der Sozialhilfe zu fördern und das heutige<br />

System zu stützen. Sie werden darin von<br />

einer Reihe von Botschaftern wie alt Bundesrätin<br />

Ruth Dreifuss, dem Präsidenten<br />

der SODK Martin Klöti, dem Zürcher Regierungsrat<br />

Mario Fehr oder dem Präsidenten<br />

der Schweizerischen Gemeinnützigen<br />

Gesellschaft Jean-Daniel Gerber unterstützt.<br />

Die erstunterzeichnenden Organisationen<br />

werden in den kommenden Monaten<br />

auch mit weiteren Akteuren aus<br />

Wirtschaft, Bildung, Verwaltung, Politik<br />

und dem Sozialwesen das Gespräch suchen.<br />

Die Charta steht somit weiteren Organisationen<br />

und Einzelpersonen zur Unterzeichnung<br />

offen: www.charta-sozialhilfe.ch •<br />

Ingrid Hess<br />

Paolo Beltraminelli (TI), Marianne Lienhard<br />

(SODK), Annemarie Huber-Hotz (SRK), Felix<br />

Wolffers (SKOS) bei der Präsentation in Zürich.<br />

2/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

7


«Wir müssen Probleme lösen, statt<br />

Fronten bewirtschaften»<br />

INTERVIEW Die Mitgliederversammlung der SKOS hat am vergangenen 23. Mai ein neues Präsidium<br />

gewählt. Neuer SKOS-Präsident ist Nationalrat Christoph Eymann. Als Vize-Präsidentin wurde<br />

Elisabeth Baume-Schneider gewählt. Beide wollen konkrete Vorschläge einbringen, mit denen sie zur<br />

Lösung der Probleme beitragen können – zum Beispiel bei der Bildung.<br />

«<strong>ZESO</strong>»: Herr Eymann, Sie wurden von<br />

den SKOS-Mitgliedern als neuer SKOS-<br />

Präsident gewählt. Warum haben Sie<br />

sich entschlossen, dieses Amt zu übernehmen?<br />

Christoph Eymann: Dass ich für dieses<br />

Amt angefragt wurde, hat mich sehr<br />

gefreut. Auch wenn die Sozialpolitik nicht<br />

mein Kerngebiet ist, so ist sie doch stark<br />

mit der Bildungspolitik verknüpft, für die<br />

ich als Erziehungsdirektor in Basel während<br />

16 Jahren verantwortlich war. Wer<br />

sich mit Bildung befasst, der befasst sich<br />

natürlich auch gerade mit Kindern, die weniger<br />

privilegiert sind, und er muss ihnen<br />

möglichst gute Chancen mitgeben. Das ist<br />

eine zentrale Aufgabe. Und auch die SKOS<br />

leistet hier wichtige Arbeit. Deshalb reizt<br />

mich dieses Amt.<br />

Frau Baume-Schneider, Sie verfügen<br />

über ein breites Spektrum an Erfahrungen<br />

im Bereich Soziales in Praxis,<br />

Politik und Forschung bzw. Bildung.<br />

Da kann man eigentlich nur feststellen,<br />

das Amt der Vize-Präsidentin der<br />

SKOS passt perfekt zu Ihnen ?<br />

Elisabeth Baume-Schneider: Auch<br />

ich habe mich sehr über die Anfrage gefreut,<br />

weil ich es sehr wichtig finde, auf dem<br />

Gebiet der Sozialpolitik, der Gestaltung der<br />

Sozialhilfe, der Würde von in Not geratenen<br />

Menschen eine gesamtschweizerische Vision<br />

zu haben. All die Fragen rund um die<br />

Chancengleichheit in der Bildung, die ich<br />

– wie der neue SKOS-Präsident – als zentral<br />

erachte, haben sehr viel mit den Rahmenbedingungen<br />

zu tun, in denen wenig<br />

privilegierte Familien leben. Das Soziale<br />

muss heute nicht nur vermehrt verteidigt,<br />

sondern als Wert neu positioniert werden.<br />

Sie beide stammen aus eher privilegierten<br />

Verhältnissen. Welchen Bezug<br />

haben Sie persönlich zur Armut?<br />

Baume-Schneider: Ich engagiere mich<br />

privat in mehreren Vereinen, zum Beispiel<br />

als Präsidentin von «Au P‘tit Plus», der ge-<br />

gen die Verschwendung von Lebensmitteln<br />

kämpft. Ferner kümmere ich mich um<br />

Menschen, die in Schwierigkeiten geraten<br />

sind, beispielsweise ihre Rechnungen<br />

nicht bezahlen können. In der Schweiz<br />

kann man sehr gut leben, ohne in Berüh-<br />

Bilder: Béatrice Devènes<br />

8 <strong>ZESO</strong> 2/<strong>19</strong>


ung mit den Armen zu kommen. Doch ich<br />

möchte diesen Menschen nicht nur begegnen,<br />

sondern ihnen auch helfen, ihre Situation<br />

zu verbessern.<br />

Eymann: Ich bin in Kleinbasel aufgewachsen,<br />

das sozial sehr durchmischt ist.<br />

Im Turnverein erfuhr ich schon als 6- oder<br />

7-jähriger Knabe, dass nicht alle so privilegiert<br />

sind wie ich. Später als Direktor des<br />

Basler Gewerbeverbands lernte ich bei Tarifverhandlungen<br />

mit den Gewerkschaften<br />

viel. Beispielsweise, dass ein 58-jähriger<br />

Bauarbeiter ganz andere gesundheitliche<br />

Voraussetzungen hat als ein Büroangestellter.<br />

Und eben als Bildungsdirektor, wo ich<br />

mich auch für die Ausbildungsbeihilfen<br />

einsetzte, die wesentlich sind, um die Bildungschancen<br />

von weniger privilegierten<br />

Kindern zu verbessern. Berührungsebenen<br />

mit Armut waren eigentlich immer da.<br />

Sie vertreten zwei sehr unterschiedliche<br />

Parteien. Als SP-Politikerin<br />

müssten Sie eigentlich ganz andere<br />

Positionen vertreten als ein LDP-Politiker.<br />

Fürchten Sie Differenzen?<br />

Eymann: Ich fühle mich in der LDP<br />

sehr wohl. Ich habe dort Patrons kennengelernt,<br />

die sehr viel Wert auf eine nachhaltige<br />

Wirtschaft legen, denen Ökologisches<br />

ebenso wichtig war wie Soziales. Die LDP,<br />

die ich ja auch sehr stark mitgeprägt habe,<br />

versteht sich als liberal und nicht als libertär.<br />

Ich bin froh, vertrete ich eine Partei, die<br />

die in manchen Kantonen und Gemeinden<br />

laufenden Angriffe auf die Sozialhilfe nicht<br />

mitträgt.<br />

Baume-Schneider: Ich mache mir<br />

überhaupt keine Sorgen. Erstens haben wir<br />

<br />

CHRISTOPH EYMANN UND ELISABETH BAUME-SCHNEIDER<br />

Der 68-jährige Basler Politiker Christoph Eymann ist vor allem ein<br />

Gewerbe- und ein Bildungspolitiker. Während 16 Jahren stand er als<br />

Direktor dem Basler Gewerbeverband vor, bevor er die Bildungsdirektion<br />

des Kantons 2001 übernahm und in dieser Funktion auch<br />

die Eidg. Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK)<br />

präsidierte. Als Nationalrat amtierte er von <strong>19</strong>91 bis 2001 und<br />

schaffte zwei Jahre vor Ende seiner Amtszeit als Bildungsdirektor<br />

2015 wieder die Wahl in den Nationalrat. Auch mit 68 Jahren denkt<br />

Eymann nicht ans Aufhören und kandidiert im Herbst noch einmal<br />

für den Nationalrat. Eymann ist der einzige LDP-Nationalrat, da die<br />

Liberal-Demokratische Partei nur im Kanton Basel-Stadt existiert.<br />

Er ist Mitglied der FDP-Fraktion. Neben seinem politischen Einsatz<br />

für Bildungsfragen, wo Eymann sich sehr für die Chancengleichheit<br />

engagiert, trat der Jurist auch für Fragen des Umweltschutzes ein.<br />

So war er auch Mitbegründer der SUN 21, ein Think Tank für erneuerbare<br />

Energien, Energie- und Ressourceneffizienz und suffizienter<br />

Lebensweise in der Region Basel. Auch als Co-Präsident der Solar-<br />

Agentur setzt sich Eymann für die nachhaltige Energieversorgung<br />

ein. Im Nationalrat kämpft der Bildungspolitiker aktuell mit einer<br />

Motion dafür, dass der Bundesrat im Rahmen der Bildungszusammenarbeit<br />

mit den Kantonen prüfen soll, wie die frühe Sprachförderung<br />

vor Eintritt in den Kindergarten mithilfe des Bundes im ganzen<br />

Land umgesetzt werden kann.<br />

Elisabeth Baume-Schneider ist ebenfalls eine ausgewiesene<br />

Expertin auf dem Gebiet der Bildungs-, aber auch der Sozialpolitik.<br />

Die 55-jährige Jurassierin hat das Bildungsdepartement des<br />

Kantons Jura während zwölf Jahren geleitet. Aktuell leitet die<br />

ausgebildete Sozialarbeiterin die Fachhochschule für Soziale Arbeit<br />

und Gesundheit, die Haute école de travail social et de la santé<br />

EESP, in Lausanne. Viele Jahre war Baume-Schneider als Sozialarbeiterin<br />

tätig. Die aus einer der Berner SVP/BDP nahestehenden<br />

Bauernfamilie abstammende SP-Politikerin will nun in die nationale<br />

Politik. Baume-Schneider bewirbt sich für einen Ständeratssitz des<br />

Kantons Jura bei den eidg. Wahlen im Herbst 20<strong>19</strong>, da der aktuelle<br />

SP-Vertreter Claude Hêche nicht mehr antritt.<br />

2/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

9


schon als Erziehungsdirektorin und -direktor<br />

zusammengearbeitet und zweitens bin<br />

ich überzeugt, dass es bei wichtigen politischen<br />

Fragen nicht nur falsch und richtig<br />

gibt. Und ich denke, gerade bei sozialpolitischen<br />

Themen – wie Armut und Würde<br />

des Menschen – geht es darum, einen<br />

Konsens über die Parteigrenzen hinweg<br />

zu finden. Im Übrigen stamme ich aus einer<br />

Bauernfamilie, die ihre politische Heimat<br />

bei der bernischen SVP/BDP hat. Ich<br />

denke, meine sozialen Überzeugungen,<br />

die mich zur SP geführt haben, liegen im<br />

christlichen Engagement meiner Eltern<br />

begründet. Die Zeiten sind doch vorbei, in<br />

denen die Linke das Monopol hat, die soziale<br />

Gerechtigkeit zu verteidigen und die<br />

Rechte die Interessen der Unternehmer.<br />

Die Sozialhilfe-Richtlinien, für die<br />

die SKOS gemeinsam mit der SODK<br />

verantwortlich ist, werden immer<br />

wieder angegriffen. Auch nach der<br />

Volksabstimmung in Bern wird sich<br />

daran nichts ändern. In weiteren Kantonen<br />

sind ähnliche Vorstösse in der<br />

Pipeline. Wie soll die SKOS auf diese<br />

Angriffe reagieren?<br />

Eymann: Es wurde in den letzten Jahrzehnten<br />

seitens der SKOS wunderbare Arbeit<br />

geleistet. Ich möchte deshalb jetzt sicher<br />

nicht das Steuer herumreissen. Ich<br />

werde mich aber in Zukunft dafür einsetzen,<br />

dass die Stimme der SKOS auch in<br />

Lagern gehört wird, zu deren Kernthemen<br />

die soziale Frage nicht gehört und die bisher<br />

für solche Argumente verschlossen<br />

blieben. Es ist doch keine Frage, dass es in<br />

einem reichen Land wie der Schweiz wichtig<br />

ist, wie wir mit Minderheiten umgehen,<br />

mit Menschen, die aus irgendeinem Grund<br />

aus der Bahn geworfen wurden. In der Bildungspolitik<br />

hatten wir ja vor einigen Jahren<br />

eine ähnliche Situation wie jetzt bei der<br />

Sozialhilfe. Einzelne Kantone wollten aus<br />

dem Konkordat ausbrechen und das Französisch<br />

als Fremdsprache marginalisieren.<br />

Die Stimmbevölkerung erteilte diesem Ansinnen<br />

dann jedoch eine Abfuhr. Ich habe<br />

ein Grundvertrauen, dass die Stimme des<br />

Volks die Vernunft zum Ausdruck bringt,<br />

die wir brauchen, auch im Bereich der sozialen<br />

Sicherheit.<br />

Ich verstehe meine Aufgabe zudem<br />

nicht nur als eine defensive, sondern vor<br />

allem auch als eine offensive. Wir müssen<br />

«Ja, die Charta ist<br />

wichtig. Ich hoffe<br />

sehr, dass sie eine<br />

immer breitere Unterstützung<br />

erfährt.»<br />

«Es wurde in den<br />

letzten Jahrzehnten<br />

seitens der SKOS<br />

wunderbare Arbeit<br />

geleistet.»<br />

unbedingt versuchen, konkrete Vorschläge<br />

einzubringen, mit denen wir zur Lösung<br />

der Probleme beitragen können. Dies hat<br />

die SKOS beispielsweise bereits beim Thema<br />

55 plus gemacht. Es dauerte auch Jahre,<br />

bis die externe Kinderbetreuung zur<br />

Selbstverständlichkeit wurde. Erst waren<br />

es nur ein paar Pionierinnen, die für die<br />

ausserfamiliäre Kinderbetreuung kämpften.<br />

Heute fordert sogar der Dachverband<br />

der Wirtschaft ein stärkeres Engagement<br />

des Staates auf diesem Gebiet. Wir müssen<br />

aus der defensiven Haltung herauskommen<br />

und schauen, was wir zusammen mit<br />

der Wirtschaft voranbringen können. Ich<br />

denke, das könnte vor allem das Thema<br />

Weiterbildung sein. Wenn wir konkrete<br />

Vorschläge zu den relevanten Themen liefern,<br />

kommen wir viel weiter, als wenn wir<br />

die üblichen Fronten bewirtschaften.<br />

Baume-Schneider: Das sehe ich auch<br />

so. Es herrscht auf dem Gebiet der Sozialhilfe<br />

aber auch nach wie vor ein grosses<br />

Unwissen vor. Wir müssen den Menschen<br />

deshalb erklären, um was es eigentlich<br />

geht. Dass es um Menschen geht, die<br />

krank sind und auf einen Entscheid der IV<br />

warten; um Kinder und Jugendliche, um<br />

Menschen, die keine Ausbildung haben<br />

und nur mit Unterstützung die Grundlagen<br />

für die Rückkehr in den Arbeitsmarkt<br />

erwerben können. Es wird in den Medien<br />

viel über Missbrauchs- und Extremfälle<br />

gesprochen, man darf aber wegen diesen<br />

Einzelfällen nicht das ganze System in Frage<br />

stellen. Man spricht beispielsweise viel<br />

zu wenig von den Schwierigkeiten, die die<br />

Betroffenen haben, überhaupt Zugang zu<br />

den ihnen zustehenden Leistungen zu bekommen.<br />

Die Auseinandersetzungen, wie<br />

sie jetzt geführt werden, gab es im Übrigen<br />

schon, als ich meine erste Stelle als Sozialarbeiterin<br />

hatte. Ich hätte gehofft, dass wir<br />

heute weiter sind, aber leider ist das nicht<br />

der Fall.<br />

Die SKOS hat sich zusammen mit anderen<br />

Verbänden bemüht, die gesamtgesellschaftliche<br />

Bedeutung eines gut<br />

funktionierenden Systems Sozialhilfe<br />

bewusst zu machen. Mit diesem Ziel<br />

wurde die Charta Sozialhilfe Schweiz<br />

lanciert. Finden Sie das richtig?<br />

Baume-Schneider: Ja, die Charta ist<br />

wichtig. Ich hoffe sehr, dass sie eine immer<br />

breitere Unterstützung erfährt.<br />

10 <strong>ZESO</strong> 2/<strong>19</strong>


Brauchen wir nicht doch ein Rahmengesetz,<br />

wie das zwei Vorstösse im<br />

Parlament immer noch fordern?<br />

Eymann: Gesetze sind für mich die<br />

Ultima Ratio: Erst wenn die Eigenverantwortung<br />

nicht zum Ziel führt, braucht es<br />

verbindliche Regelung mit Gesetzen. Die<br />

Verfassung ist eigentlich deutlich genug.<br />

Es gilt auch, den Föderalismus mit seinen<br />

Kompetenzen zu beachten. Die Option<br />

«Bundesgesetz», um ein Erodieren der<br />

Sozialhilfe zu verhindern, muss aber offen<br />

bleiben. Allerdings muss auch abgewogen<br />

werden, wie gross die Chancen wären, ein<br />

solches Gesetz erlassen zu können.<br />

Baume-Schneider: Ein Rahmengesetz<br />

wäre eine Grundlage für die Umsetzung<br />

der in der Präambel des Bundes genannten<br />

Werte, nämlich «die Stärke der Gemeinschaft<br />

wird am Wohl der Schwächsten<br />

ihrer Mitglieder gemessen». Es wäre<br />

jedoch notwendig, einen qualitativ hochwertigen<br />

Dialog zu führen, um die Aufgaben<br />

von Bund, Kantonen und Gemeinden<br />

zu definieren.<br />

Herr Eymann, Sie sagen, dass Sie<br />

mit der Wirtschaft Lösungen suchen<br />

wollen. Müsste die Wirtschaft mehr<br />

Verantwortung für die Integration von<br />

Sozialhilfeempfängern übernehmen?<br />

Eymann: Die Bereitschaft ist bei vielen<br />

Patrons da, auch wenn die Betriebe<br />

das nicht immer gern an die grosse Glocke<br />

hängen. Das habe ich immer wieder<br />

erlebt, beispielsweise als wir Arbeitsplätze<br />

für Drogenabhängige suchten. Natürlich<br />

ist nicht jeder Betrieb dazu geeignet, solche<br />

Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen.<br />

Doch eigentlich sollte es selbstverständlich<br />

sein, dass auch die Schwächeren einer Gesellschaft<br />

in einen Arbeitsprozess integriert<br />

werden können. Eine Weiterbildungsinitiative<br />

zusammen mit der Wirtschaft und<br />

mit Einsatz von finanziellen Mitteln des<br />

Bundes könnte hilfreich sein.<br />

Therese Frösch, die abtretende Co-<br />

Präsidentin, sagte kürzlich gegenüber<br />

einer Zeitung, das neue Präsidium<br />

habe viel erreicht, wenn es das Erodieren<br />

des Sozialhilfe-Systems verhindern<br />

könne. Was ist Ihr ganz persönliches<br />

Ziel, das sie als Präsident/Vize-Präsidentin<br />

erreichen möchten?<br />

Eymann: Was mich enorm stört ist der<br />

Begriff «unverschuldet». Wenn ich einen<br />

Menschen vor mir habe, der drogenabhängig<br />

ist und deshalb die Sozialhilfe braucht,<br />

kann ich ja nicht einfach sagen: er ist selber<br />

Schuld, denn er hätte ja keine Drogen<br />

nehmen müssen. Diese Sichtweise greift<br />

für mich unendlich kurz. Der Betroffene<br />

hat ein Umfeld gehabt. Er hat in einem<br />

System gelebt. Ich sage nicht, das System<br />

ist schuld, aber es hat mitgeholfen, dass<br />

er in diese Sucht geraten ist. Hier ein moralisches<br />

oder rechtliches Verschulden zu<br />

konstruieren, ist absolut sinnlos. Die Einteilung<br />

in verschuldet und unverschuldet<br />

ist dennoch häufig zu hören, leider. Für<br />

mich ist das ein Schlüsselbegriff, der störend<br />

ist.<br />

Baume-Schneider: Was mir auch<br />

wichtig ist, ist die Anerkennung der Qualität<br />

der Arbeit der Sozialarbeitenden. Auch<br />

sie sind viel Kritik ausgesetzt. Sie werden<br />

bezichtigt, Leute zu unterstützen, die kein<br />

Recht darauf haben. Sozialarbeitende sind<br />

in einem äusserst komplexen Bereich tätig.<br />

Einerseits stehen sie den Klienten gegenüber,<br />

die Forderungen an sie stellen,<br />

manchmal auch verbunden mit Aggressionen.<br />

Sie müssen starke, emotionale Spannungen<br />

aushalten und häufig ist ein Burnout<br />

die Folge und wir beobachten eine<br />

hohe Personalfluktuation auf den Sozialdiensten.<br />

Ich finde es deshalb wichtig, dieser<br />

Arbeit Respekt entgegenzubringen und<br />

auf eine gute Ausbildung zu achten. •<br />

Das Gespräch führte<br />

Ingrid Hess<br />

2/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

11


Bild: Palma Fiacco<br />

12 <strong>ZESO</strong> 2/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT


Wenn Sozialhilfeempfänger die Wohnung<br />

wechseln müssen – eine methodische<br />

Unterstützung bei der Wohnungssuche<br />

Sozialhilfeempfänger, die in einer verhältnismässig teuren Wohnung leben, werden häufig<br />

gezwungen, sich eine günstigere Wohngelegenheit zu suchen. Kommen sie dieser Pflicht nicht nach,<br />

kann das Sanktionen zur Folge haben. Die Sozialdienste müssen die betroffenen Personen wenn<br />

nötig bei der Suche nach einer im ortsüblichen Rahmen liegenden Wohngelegenheit unterstützen.<br />

Die Berner und die Luzerner Fachhochschule für Soziale Arbeit haben sich damit befasst, wie das<br />

methodisch bewerkstelligt werden kann.<br />

Eine Wohngelegenheit ist eine «Ressource» oder ein «grundlegendes<br />

Vermögen» von uns Menschen, das existenzielle Bedürfnis<br />

nach einem Obdach zu befriedigen. Eine Wohngelegenheit dient<br />

etwa dazu, dass wir uns geschützt fühlen (z. B. vor Kälte), den Herausforderungen<br />

des Lebens stellen oder soziale Kontakte gestalten<br />

können. Die Sozialhilfe gewährt daher Anspruch auf «eine Unterkunft<br />

mit ausreichender Grundausstattung». Ein ent -<br />

sprechenden Mindestanspruch auf eine genügende Unterkunft<br />

ergibt sich bereits aus Art. 12 der Bundesverfassung. Das kantonale<br />

Verfassungsrecht geht zum Teil darüber hinaus. Die effektiven<br />

Wohnkosten sind folgerichtig Bestandteil des sozialhilferechtlichen<br />

Existenzminimums, allerdings gemäss SKOS-Richtlinien<br />

nur für eine günstige Wohngelegenheit gemessen an den örtlichen<br />

Verhältnissen. Diese wird regelmässig über regional oder kommunal<br />

bestimmte Obergrenzen konkretisiert, die sich je nach Haushaltsgrösse<br />

unterscheiden.<br />

Eine «günstige Wohnmöglichkeit» als Ressource für Sozialhilfebeziehende<br />

weist folgende Merkmale auf:<br />

• Sie hat mit einem existenziellen Bedürfnis (nach Obdach) zu<br />

tun<br />

• Sie wird auf dem Markt gehandelt oder von gemeinnützigen<br />

Wohnbauträgern (z. B. Genossenschaften, Stiftungen) oder<br />

vom Staat aufgrund von Anspruchskriterien zur Verfügung<br />

gestellt<br />

• Sie ist oft knapp verfügbar (z. B. in urbanem Raum mit<br />

geringer Leerwohnungsziffer und wenig günstigen Wohnungen)<br />

• Der Zugang dazu ist einer Person oder Familie aus unterschiedlichen<br />

Gründen erschwert (z. B. fehlendes Know-how bezüglich<br />

der Wohnungssuche, Betreibungen, soziale Position)<br />

• Sozialarbeitende haben meist keinen direkten Zugriff<br />

darauf.<br />

Wer eine attraktive und bezahlbare Wohnung will, muss heutzutage manchmal sehr lange suchen oder Schlange stehen.<br />

Bild: Keystone/Walter Bieri<br />

14 <strong>ZESO</strong> 2/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT


WOHNEN<br />

Unterstützung der Wohnungssuche als Bestandteil der<br />

persönlichen Hilfe<br />

Wenn Sozialhilfebeziehenden infolge eines überhöhten Mietzinses<br />

auferlegt oder verfügt wird, sich eine günstigere Wohngelegenheit<br />

zu suchen, dann haben Sozialdienste die Aufgabe, die Personen<br />

«soweit notwendig bei der Wohnungssuche zu unterstützen » wie in<br />

einem Bundesgerichtsurteil aus dem Jahr 2015 festgehalten ist.<br />

Die Unterstützung von Sozialhilfebeziehenden bei der Wohnungssuche<br />

erfolgt in der Regel im Rahmen der Beratung oder<br />

durch externe Angebote. Ziel der Hilfe sollte natürlich in jedem<br />

Fall sein, dass Personen befähigt werden, sich eine Wohngelegenheit<br />

selbst zu beschaffen. In einzelnen Situationen kann eine<br />

Fachperson allerdings auch stellvertretend für Klienten handeln,<br />

sofern diese nicht selbst dazu in der Lage sind. Das methodische<br />

Vorgehen der Fachpersonen zur Unterstützung der Wohnungssuche<br />

kann in folgenden Schritten erfolgen:<br />

Bedarfsabklärung<br />

Im ersten Arbeitsschritt klären Sozialarbeitende mit der betroffenen<br />

Person oder Familie, ob Fragen zu den Inhalten der rechtlichen<br />

Anordnung bestehen (z.B. Obergrenze, Nachweiserbringung),<br />

inwiefern aus Sicht der Klientinnen und Klienten ein<br />

Bedürfnis nach einer günstigeren Wohngelegenheit besteht und<br />

– falls ja – welcher Unterstützung die Person oder Familie bei der<br />

Wohnungssuche aus ihrer Sicht bedarf.<br />

Eine gute Orientierung zur Festlegung des Unterstützungsbedarfs<br />

aus fachlicher Sicht geben dabei die Vergabekriterien von<br />

Liegenschaftsverwaltungen, wie sie die Niederlassungsleiterin<br />

eines grossen Immobiliendienstleiters darlegt:<br />

1. Ausreichendes Einkommen zur Bezahlung des Mietzinses<br />

(«1/3-Regel»)<br />

2. Keine Betreibungen<br />

3. Erfüllung der Eigentümer-Kriterien (z. B. Beherrschen der<br />

Landessprache, Haustiere ja/nein, Sozialhilfebeziehende ja/<br />

nein)<br />

4. Positive Referenz des früheren Vermieters<br />

• Passung zwischen Anzahl Personen und Anzahl Zimmer<br />

• Passung zwischen Wohnbewerber und Mieterstruktur in<br />

Liegenschaft<br />

• Korrekte Bewerbungsunterlagen (Inhalt, Optik,<br />

Vollständigkeit)<br />

• Korrektes Auftreten bei der Besichtigung<br />

• Eingangsdatum der Bewerbung<br />

Die Kriterien 1 bis 4 müssen erfüllt sein, damit die restlichen Kriterien<br />

zum Zuge kommen, wobei das dritte Kriterium je nach Eigentümer<br />

oder Wohnbauträger variieren kann. Da Sozialhilfebeziehende<br />

die «1/3-Regel» nicht erfüllen, sind sie bei der<br />

FALLÜBERGREIFENDE AKTIVITÄTEN IM<br />

BEREICH WOHNEN<br />

Die beschriebenen Aktivitäten im Rahmen der Einzelfallhilfe<br />

lassen sich durch eine fallübergreifende Strategie eines Sozialdienstes<br />

im Bereich <strong>Wohnen</strong> verbinden. Einerseits durch<br />

eine koordinierte Zusammenarbeit mit Institutionen der<br />

Wohnhilfe oder dem Einsatz von Freiwilligen zur Unterstützung<br />

von Sozialhilfebeziehenden bei der Wohnungssuche.<br />

Andererseits durch den Kompetenzaufbau innerhalb der<br />

Organisation (z.B. Verantwortliche Bereich <strong>Wohnen</strong>) mit<br />

folgenden Aufgaben:<br />

· Erfassung und Dokumentation einer «Ressourcengeografie»:<br />

Überblick über relevante Liegenschaftsverwaltungen,<br />

Eigentümer, subventionierte Wohnangebote der öffentlichen<br />

Hand, gemeinnützige Wohnbauträger, Angebote des<br />

betreuten und begleiteten <strong>Wohnen</strong>s<br />

· Ansprechperson für und Kontaktpflege mit lokalen Akteuren<br />

des Immobilienwesens (Liegenschaftsverwaltung,<br />

private Eigentümer, Genossenschaften etc.), z.B. durch<br />

Netzwerkanlässe, wechselseitige Information mit dem Ziel<br />

zur gegenseitigen Sensibilisierung bezüglich Wohnungsfragen<br />

von Sozialhilfebeziehenden).<br />

Wohnungssuche meist auf finanzielle Garantien angewiesen. Geringere<br />

Chancen auf dem Wohnungsmarkt und damit einen höheren<br />

Unterstützungsbedarf dürften jene Personen aufweisen, die<br />

betrieben wurden oder anderweitige Kriterien nicht oder noch<br />

nicht erfüllen. Ebenfalls zu berücksichtigen in der Bedarfsabklärung<br />

ist, wie viele Wohngelegenheiten in der Region innerhalb<br />

der Mietzinsobergrenze verfügbar sind (z.B. anhand von Suchportalen).<br />

Informationen und Befähigung<br />

In einem zweiten Arbeitsschritt informieren Fachpersonen die Betroffenen<br />

über die Garantiemöglichkeiten. Dabei können folgende<br />

finanzielle Garantien unterschieden werden: die Verbürgung der<br />

Mietkaution (z.B. über Stiftungen wie maryon.ch, Winterhilfe<br />

oder die Gemeinde selbst) oder befristete Mietzinsgarantien.<br />

Ebenfalls sinnvoll ist die Abgabe eines Leitfadens zur Wohnungssuche.<br />

Zudem beraten Fachpersonen Klienten zu Strategien der Wohnungssuche<br />

(z.B. Bestimmung der Wohnbedürfnisse, Nutzung<br />

von Suchportalen, Nutzung informeller Netzwerke, Kommunika-<br />

SCHWERPUNKT 2/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

15<br />


tion mit Liegenschaftsverwaltung oder Eigentümern, Erstellung<br />

eines Wohnbewerbungsdossiers), wobei hierzu ressourcen- und<br />

handlungsorientierte Techniken eingesetzt werden können, um<br />

Personen zu befähigen, möglichst viele Schritte der Wohnungssuche<br />

zu planen und durchzuführen.<br />

Sozialarbeitende können ihren Klienten mitteilen, welche Vergabekriterien<br />

bei Liegenschaftsverwaltungen oder gemeinnützigen<br />

Wohnbauträgern bestehen und gemeinsam mit ihnen erörtern,<br />

wie sie diese erfüllen können. Dabei kann konkret bestimmt<br />

werden, welche Handlungen die unterstützte Person oder Familie<br />

selbst durchführen kann und wo sie auf stellvertretendes Handeln<br />

der Fachperson angewiesen ist.<br />

Da Sozialhilfebeziehende die Bonitätskriterien nicht erfüllen,<br />

benötigen sie in der Regel eine Verbürgung der Mietkaution oder<br />

eine Mietzinsgarantie. Die Sozialdienste können diese, je nach den<br />

bestehenden kantonalrechtlichen Möglichkeiten, übernehmen.<br />

Zu den vorbereitenden Handlungen der Wohnungssuche gehören<br />

auch die Bestellung eines Betreibungsregisterauszugs, der für die<br />

Sozialdienste im Unterschied zu den unterstützten Personen meist<br />

kostenlos ist.<br />

Besteht ein Eintrag über eine Betreibung, ist die Wohnungssuche<br />

erheblich erschwert. Bei vereinzelten oder zeitlich zurückliegenden<br />

Betreibungen kann eine transparente Erklärung, eine<br />

Referenz des Vormieters über die fristgerechte Zahlung oder eines<br />

allfälligen Arbeitgebers eine Zusatz-Option darstellen.<br />

Erschliessung der Ressource<br />

In einem dritten Arbeitsschritt wird angestrebt, eine günstige<br />

Wohngelegenheit zu beschaffen. Dies umfasst etwa die Wohnungssuche,<br />

-besichtigungen, -bewerbungen, die Kommunikation<br />

mit der Liegenschaftsverwaltung oder dem Eigentümer sowie<br />

gegebenenfalls den Zuschlag einer Wohnung und Abschluss eines<br />

Mietvertrags.<br />

Die Wohnungssuche und allfällige Besichtigungen dürften in<br />

der Regel durch die Klienten selbst durchgeführt werden. Bei Bedarf<br />

können die Bewerbungsunterlagen auf ihre Vollständigkeit<br />

und Korrektheit hin überprüft werden. Zu einem Bewerbungsdossier<br />

gehören u.a. das Anmeldeformular, ein Begleitschreiben, ein<br />

Betreibungsregisterauszug, Kaution- und Mietzinsgarantie, die<br />

Police einer Haftpflichtversicherung, Referenzen sowie weitere<br />

verlangte Unterlagen.<br />

Liegenschaftsverwaltungen und Eigentümer schätzen es, wenn<br />

Wohnungsinteressierte offen und transparent über ihren Sozialhilfebezug<br />

informieren. Dazu sollten Klienten und Klientinnen<br />

zuerst selbst bei der Liegenschaftsverwaltung anrufen und das<br />

Gespräch suchen. Danach kann die zusätzliche Kontaktaufnahme<br />

durch die Fachperson sinnvoll sein, um offene Fragen (z. B. bezüglich<br />

Finanzierung) zu klären. Grundsätzlich wird aus der Praxis<br />

empfohlen, dass wohnungssuchende Sozialhilfebeziehende den<br />

Kontakt der zuständigen Sozialarbeitenden (einschliesslich Direktwahl)<br />

angeben.<br />

Bei Schwierigkeiten der Wohnfähigkeit (z.B. schlechte Referenzen<br />

des Vormieters, etwa aufgrund von Lärmklagen) oder vielen<br />

Betreibungen dürfte eine selbständige Wohnungssuche durch<br />

den Klienten oder die Klientin in den meisten Fällen nicht erfolgreich<br />

sein. In diesem Fall empfiehlt eine angefragte Fachperson<br />

mit Expertise in Sozialarbeit und <strong>Wohnen</strong>, eine Begleitung sicherzustellen<br />

und/oder gar weitergehende finanzielle Sicherheiten zu<br />

gewähren wie zum Beispiel die zeitlich befristete Übernahme von<br />

Mietverträgen. Für entsprechende Fälle ist eine Zusammenarbeit<br />

mit Institutionen der Wohnungshilfe zu prüfen, die es an verschiedenen<br />

Orten der Deutschschweiz gibt.<br />

Übernahme der Ressource<br />

Erhält der Klient den Zuschlag für die Wohnung, geht es in einem<br />

vierten Schritt um die Übernahme der Wohnung durch den Klienten.<br />

Auch hier kann Unterstützung des Klienten sinnvoll sein, insbesondere<br />

bei Fragen zum Mietvertrag (z. B. Verhältnis von Nettomiete<br />

und Nebenkosten), zur Kündigung der aktuellen Wohnung<br />

sowie zum Umzug. Im Falle von finanziellen Garantien ist zudem<br />

die Administration des Sozialdienstes mit allfälligen Zahlungsanweisungen<br />

zu beauftragen.<br />

Falls eine betroffene Person oder Familie innerhalb der angeordneten<br />

Frist bei rechtlich korrekt auferlegter Pflicht keine Wohnung<br />

findet, muss die Sozialarbeiterin oder der Sozialarbeiter die<br />

in der rechtlichen Anordnung festgehaltenen Bewerbungsnachweise<br />

einfordern und überprüfen. Kann eine Person nachweisen,<br />

dass sie sich erfolglos um eine günstigere Wohnung bemüht hat,<br />

ist zu überlegen, wie die Wohnungssuche besser unterstützt werden<br />

kann, bzw. ob eine weitere Frist zur Wohnungssuche gesetzt<br />

16 <strong>ZESO</strong> 2/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT


WOHNEN<br />

«Die Wohnungssuche und allfällige Besichtigungen dürften<br />

in der Regel durch die Klienten selbst durchgeführt werden.<br />

Bei Bedarf können die Bewerbungsunterlagen auf ihre Vollständigkeit<br />

und Korrektheit hin überprüft werden.»<br />

Bilder: Gaetan Bally/Keystone, Palma Fiacco<br />

wird. Eine Kürzung der übernommenen Wohnungskosten ist in<br />

diesem Fall nicht zulässig.<br />

Eine Kürzung der übernommenen Mietzinse auf die geltende<br />

Mietzinsobergrenze oder nach Umständen auf die Miete der Wohnung,<br />

auf die verzichtet worden ist, ist rechtens, wenn fehlende<br />

Suchbemühungen des Klienten mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit<br />

dazu geführt haben, dass keine günstigere Wohnmöglichkeit<br />

gefunden wurde. Die allfällige Kürzung der übernommenen<br />

Mietkosten sind als sozialhilferechtliche Sanktion zu behandeln.<br />

Das heisst, es müssen die entsprechenden Verfahrensrechte beachtet<br />

werden. Kürzungen der übernommenen Wohnkosten können<br />

auch zulässig sein, wenn jemand bewusst und in Kenntnis der<br />

Sachlage in eine Wohnung umzieht, die einen Mietzins über der<br />

kommunalen oder regionalen Mietzinsrichtlinie aufweist. •<br />

Simon Steger<br />

Professor BFH – Soziale Arbeit (methodische Aspekte)<br />

Peter Mösch Payot<br />

Professor HSLU – Soziale Arbeit (juristische Aspekte)<br />

ANGEBOTE DER WOHNHILFE FÜR<br />

SOZIAL BENACHTEILIGTE HAUSHALTE<br />

Die Publikation «Angebote der Wohnhilfe für sozial<br />

benachteiligte Haushalte – Eine Hilfestellung für Kantone,<br />

Städte und Gemeinden», die im Rahmen des nationalen<br />

Programms gegen Armut veröffentlich wurde, stellt sieben<br />

angewandte Angebote der Wohnhilfe vor:<br />

1. Wohnbegleitung: Individuelle soziale Begleitung der<br />

Wohnungssuchenden mit dem Ziel, den Wohnraum zu<br />

erhalten. 2. Finanzielle Garantien gegenüber Vermietern.<br />

3. Subventionierung von Wohnungen: Gezielte Vergünstigung<br />

der Mieten von bestimmten Wohnungen. 4. Beratung<br />

rund um das Thema Wohnungssuche. 5. Wohnkostenzuschüsse<br />

an Haushalte in bescheidenen finanziellen Verhältnissen.<br />

6. Vermietung von eigenen oder gemieteten<br />

Wohnungen und 7. Notunterkünfte und Notwohnungen als<br />

temporäre Hilfe für obdach- und wohnungslose Menschen.<br />

(www.gegenarmut.ch)<br />

SCHWERPUNKT 2/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />


Allein, machtlos, verdrängt – wie sich<br />

die neue (alte) Wohnungsfrage zeigt<br />

Nur ein unbewohntes Haus ist ein gutes Haus, wenn die Liegenschaft saniert werden soll. Jeder<br />

verbleibende Mieter und jede verbleibende Mieterin verzögert die geplante Totalsanierung und<br />

verursacht Kosten. Die betroffenen Mieter verlieren damit nicht nur die Wohnung, sondern<br />

häufig auch ihr soziales Umfeld. Das Forschungsprojekt «Wohnsog» gibt einen Einblick in den<br />

«Entmietungsprozess».<br />

«Entmieten» heisst der entsprechende Fachbegriff in der Immobiliensprache,<br />

in der Eigentümerinnen und Eigentümer, Hausverwaltungen<br />

und spezialisierte, in Kündigungspraktiken gut ausgebildete<br />

Immobilienfachleute miteinander Absprachen treffen.<br />

Diese Fachleute helfen, eine «Leerkündigung» eines Hauses oder<br />

einer Siedlung, bei der allen Mieterinnen und Mietern gekündigt<br />

wird, rechtssicher zu planen, zu kommunizieren und durchzuführen.<br />

Konkret gilt es, rechtliche Schritte gegen die Kündigung zu<br />

verhindern, notfalls mit Einschüchterungstaktiken. Für Rückfragen<br />

wird im Kündigungsschreiben beispielsweise eine nicht bekannte,<br />

nur telefonisch erreichbare und wenig verständnisvolle<br />

Kontaktperson angegeben, was die Hemmschwelle deutlich erhöht.<br />

Manchmal wird mit einzelnen Mieterinnen und Mietern ein<br />

«Deal» ausgehandelt: Beispielsweise wird für die verbleibende Zeit<br />

bis zum Auszug auf die Miete verzichtet oder gar eine Auszugsprämie<br />

bezahlt. Eine weniger subtile Massnahme besteht darin, die<br />

Menschen durch eine gezielt herbeigeführte bauliche Verwahrlosung<br />

der Immobilie oder durch die Erschwerung des <strong>Wohnen</strong>s<br />

aufgrund von frühzeitig beginnenden Bauarbeiten zu vertreiben.<br />

Wenn dann die letzte Mieterin und der letzte Mieter ausgezogen<br />

sind, wird die gesamte Siedlung saniert und infolgedessen<br />

baulich aufgewertet. Der dadurch neu entstehende Wohnraum<br />

liegt vielfach in einem Preissegment, welches für die bisherigen<br />

Bewohnerinnen und Bewohner nicht mehr bezahlbar ist. Die<br />

Folge ist, dass sie verdrängt und durch neue Bewohnerinnen und<br />

Bewohner «ausgetauscht» werden. Damit wird ein ganzes Gebiet<br />

«sozial aufgewertet». Dieser Prozess von Verdrängung und baulicher<br />

und sozialer «Aufwertung» heisst in der stadtsoziologischen<br />

Fachsprache «Gentrifizierung». Wie erleben nun aber die Mieterinnen<br />

und Mieter die «Gentrifizierung» ihres Wohnortes im Zuge<br />

von Grosssanierungen und Ersatzneubauten und damit den (bevorstehenden)<br />

Verlust ihrer Wohnung? Stehen sie angesichts dieser<br />

schwierigen Situation zusammen? Oder müssen sie diese allein<br />

meistern?<br />

Nicht Mensch, sondern Ware – die Perspektive der<br />

Betroffenen<br />

Diesen Fragen geht ein von 2017 bis 2<strong>02</strong>0 laufendes, vom<br />

Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanziertes und am Institut<br />

für Soziale Arbeit und Räume der Fachhochschule St.Gallen<br />

durchgeführtes Forschungsprojekt mit dem Titel «Bewältigung<br />

von drohendem Wohnungsverlust – die soziale Seite gebietsbezogener<br />

baulich-planerischer Strategien», kurz: «Wohnsog», auf den<br />

Grund. Darin wird systematisch die subjektive Perspektive betroffener<br />

Bewohnerinnen und Bewohner, ihr Erleben von «Entmietungsprozessen»,<br />

erforscht. Die Ergebnisse sollen dazu dienen,<br />

Unterstützungsangebote für Menschen in ähnlich prekären Wohnsituationen<br />

zu erarbeiten. Befragt wurden Personen aus drei Siedlungen,<br />

die mittels baulicher Massnahmen aufgewertet werden, in<br />

ganz unterschiedlichen Schweizer Städten. Ihre Wohnung haben<br />

sie bereits verloren oder werden sie im Zuge der baulichen und<br />

sozialen Aufwertungen noch verlieren.<br />

Als ungerecht, erniedrigend und unwürdig erleben viele Mieterinnen<br />

und Mieter die Kündigung selbst, aber auch das damit<br />

verbundene Verfahren. Die gesetzten Fristen seien zu kurz. Ihnen<br />

wurde bei der Wohnungssuche die Hilfestellung unterlassen und<br />

es wurde mit ihnen in einer «kalten» Sprache kommuniziert. Frau<br />

Hauser, eine Interviewpartnerin, die – wie auch die weiteren hier<br />

zitierten Personen – in Wirklichkeit anders heisst, bringt ihre Gefühle<br />

folgendermassen auf den Punkt: «Man ist sich nicht wie ein<br />

Mensch vorgekommen, sondern wie eine Ware.»<br />

Anfängliche Solidarität kippt in Konkurrenz<br />

und Missgunst<br />

Die Bewohnerinnen und Bewohner merken jedoch bald, dass sie<br />

nicht allein sind mit dieser Situation – zumindest in einem ersten<br />

Moment, denn alle im Haus sind von der Kündigung ihrer Wohnung<br />

betroffen. So entsteht eine Schicksalsgemeinschaft: Man<br />

tauscht sich aus, gibt sich Ratschläge und fühlt sich stärker miteinander<br />

verbunden als vor der Kündigung. Gemeinsam werden formal-rechtliche<br />

Schritte mit Hilfe des Mieterverbands verfolgt, Petitionen<br />

lanciert oder die Politik und die Medien eingeschaltet.<br />

Frau Hauser beschreibt diese gegenseitige Unterstützung, aber<br />

auch die Hoffnungslosigkeit des Unterfangens, in ihren Worten:<br />

«Ja, und diese Gruppe, wir haben uns gegenseitig Mut gemacht,<br />

wir haben gefunden: Besser als gar nichts machen! Statt die Faust<br />

im Sack, lieber ein bisschen etwas unternehmen! Wir können<br />

nichts verlieren! Doch, wir haben dann quasi verloren, aber wir haben<br />

gleichwohl etwas gemacht.»<br />

Die Solidarität untereinander wird jedoch mit fortschreitender<br />

Zeit brüchig. Dies hat damit zu tun, dass sich die Mieterinnen und<br />

Mieter selbst als machtlos erleben. Die Interessen anderer Akteure<br />

des Wohnungsmarktes, wie Eigentümer oder Verwaltung, scheinen<br />

viel stärker. Diese haben viel mehr Ressourcen, ihre Interessen<br />

durchzusetzen; sie sitzen am längeren Hebel. Ihnen gegenüber<br />

fühlt sich Frau Hauser handlungsunfähig, «Weil die so mächtig<br />

18 <strong>ZESO</strong> 2/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT


WOHNEN<br />

Die Kündigung der Wohnung wird meist als ungerecht und erniedrigend<br />

empfunden. Bild: Palma Fiacco<br />

«Als ungerecht, erniedrigend<br />

und unwürdig erleben<br />

viele Mieterinnen und Mieter<br />

die Kündigung selbst, aber<br />

auch das damit verbundene<br />

Verfahren.»<br />

sind und ich so klein.» Manche fürchten, dass sie persönlich benachteiligt<br />

werden, wenn sie sich zur Wehr setzen – sowohl bei<br />

der anstehenden Wohnungssuche, als auch in beruflicher Hinsicht,<br />

da ohne eine neue Wohnung im näheren Umfeld plötzlich<br />

auch der Arbeitsplatz in Gefahr ist. Auch in sozialer Hinsicht hätte<br />

ein Umzug an einen entfernten anderen Ort den Verlust der vertrauten<br />

Umgebung, der Schule und des Freundeskreises der Kinder,<br />

der Heimat zur Folge. Frau Neumann, eine andere interviewte<br />

Bewohnerin, beschreibt diese Angst wie folgt: «Viele Leute hatten<br />

auch Angst vor Repressionen, natürlich, in einer Form, wenn du<br />

dich wehrst.» Die Eigentümer wie auch die Verwaltung lassen<br />

die Bewohnerinnen und Bewohner in dieser prekären Situation<br />

allein; in keinem der durchgeführten Interviews wird eine aktive<br />

Unterstützung bei der Wohnungssuche erwähnt. Dadurch wird<br />

der (drohende) Wohnungsverlust zum individuellen Problem jedes<br />

und jeder Einzelnen und die betroffenen Bewohnerinnen und<br />

Bewohner entsolidarisieren sich.<br />

Der angespannte Wohnungsmarkt in Ballungsgebieten zwingt<br />

die Mieterinnen und Mieter, möglichst schnell eine neue Wohnung<br />

zu suchen. Die Folge sind Konkurrenzverhältnisse unter<br />

den bisherigen Nachbarinnen und Nachbarn, die Frau Euler, eine<br />

weitere interviewte Person, beschreibt: «Naja, am Anfang waren ja<br />

alle noch kämpferisch, und das fand ich schön, dass alle zusammengehalten<br />

haben. Aber nach und nach, nachdem die Leute die<br />

Wohnungen dann auch gefunden haben, also die, die ich kenne,<br />

war das so ein bisschen: Ja, jetzt ist mir das auch egal, jetzt habe ich<br />

da auch keine Lust mehr, irgendwas zu machen. Ich hatte genug<br />

Ärger damit. So ungefähr. Und jetzt ist das Thema für mich erledigt.»<br />

Der drohende Wohnungsverlust wirkt sich also auch auf die<br />

sozialen Beziehungen aus: Freundinnen, Freunde, gute Bekannte<br />

werden zu Konkurrentinnen und Konkurrenten; Neid und Missgunst<br />

werden unter den Bewohnerinnen und Bewohnern entfacht.<br />

Erlebte strukturelle Übermacht<br />

Auch wenn bei einigen Interviewten Wut, Enttäuschung sowie<br />

Vorwürfe mangelnder Solidarität zum Ausdruck kommen, scheint<br />

es für viele zwingend, sich auf individuelle Lösungen im Rahmen<br />

ihrer Handlungsmöglichkeiten und der bestehenden Machtverhältnisse<br />

zu beschränken – anstatt diese gemeinschaftlich-solidarisch<br />

zu erweitern. Dies erklärt, dass einige Interviewte Verständnis<br />

für die Mieterinnen und Mieter, die eine individuelle Lösung für<br />

ihr Wohnproblem suchen, empfinden. Sie können die Gründe der<br />

Entsolidarisierung nachvollziehen.<br />

SCHWERPUNKT 2/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

<strong>19</strong><br />


Renovierte Wohnungen sind für die alte Mieterschaft<br />

oft nicht mehr bezahlbar.<br />

Bild: Palma Fiacco<br />

<br />

Vielen von ihnen ist ausserdem bewusst, dass nicht sie, sondern<br />

die gesellschaftlichen Umstände für ihre Situation verantwortlich<br />

sind. Frau Iten, eine weitere befragte Person, spricht von den gesellschaftlichen<br />

Bedingungen, in denen die Mieterinnen und Mieter<br />

gefangen sind: «Und es hat natürlich auch damit zu tun – das<br />

ist jetzt aber so das Gesellschaftspolitische – das ist das Zerstören<br />

von diesen Quartieren, also von der Bevölkerung, die hier drinnen<br />

ist. Es verdienen einfach nicht alle so viel Geld, um Wohnungen<br />

finanzieren zu können. Und da ist für mich so die andere Frage:<br />

Ja, wohin laufen wir denn da?»<br />

Wohnungsfrage als neue und alte Soziale Frage<br />

Wohin die von Wohnverlust betroffenen und benachteiligten Personen<br />

ziehen, zeigen aktuelle Untersuchungen zu Aufwertungsund<br />

Verdrängungsprozessen in Schweizer Städten wie Basel, Winterthur<br />

oder Zürich: an den Stadtrand und in Randgebiete der<br />

Agglomerationen; also dorthin, wo der Wohnraum noch nicht so<br />

teuer ist wie in den Ballungsgebieten und Zentren. Zu den klassischen<br />

Gruppen, die am Wohnungsmarkt benachteiligt sind, gehören<br />

einkommensschwache und/oder kinderreiche, aber auch junge<br />

Haushalte, Alleinerziehende, Arbeitslose, Ausländerinnen und<br />

Ausländer, Seniorinnen und Senioren sowie sozial diskriminierte<br />

Gruppen wie Flüchtlinge, Menschen mit Behinderungen oder psychischen<br />

Erkrankungen. Hinzu kommen immer mehr Personen,<br />

die aus sozio-ökonomischen Gründen in die Situation kommen,<br />

ihre Wohnung zu verlieren, wegziehen zu müssen und in unangemessenen<br />

und unsicheren Wohnverhältnissen zu leben. Immer<br />

häufiger sind das auch Menschen, die zur klassischen Mittelschicht<br />

zählen. Gemäss der Studie zur «Wohnraumversorgung in<br />

der Schweiz», die 2015 im Rahmen des Nationalen Programms<br />

zur Prävention und Bekämpfung von Armut in der Schweiz durchgeführt<br />

wurde, sind 21 Prozent der Schweizerischen Wohnbevölkerung<br />

ungenügend wohnraumversorgt.<br />

Damit tritt eine gesellschaftlich und sozialstaatlich nicht wirklich<br />

gelöste Soziale Frage an die Oberfläche: unwürdige, teilweise<br />

prekäre Wohnbedingungen, mangelnde Wohnraumversorgung,<br />

steigende Mieten, Benachteiligung immer grösserer Gruppen am<br />

Wohnungsmarkt, Verdrängungsprozesse, aber auch steigende Obdachlosigkeit,<br />

kurz: die Wohnungsfrage. Dieser Begriff stammt aus<br />

einer längst vergangen geglaubten Zeit: Im Übergang von Agrarzu<br />

Industriegesellschaften wurden Massen von Menschen in den<br />

expandierenden Fabriken benötigt. Sie verliessen ihre Heimat auf<br />

dem Land, zogen in die rasch wachsenden Städte. Dort war man<br />

angesichts der Menschenmassen überfordert, die versorgt werden<br />

mussten, eine Bleibe brauchten. Die Folge waren ein (Über-)Leben<br />

unter desolaten Wohnbedingungen und andere soziale Missstände.<br />

Diese sozialen Probleme wurden damals unter dem Begriff<br />

der «Sozialen Frage» thematisiert, die spezifischen Probleme der<br />

Wohnversorgung unter dem Begriff der «Wohnungsfrage», angeregt<br />

insbesondere durch die Studien Friedrich Engels über die<br />

Wohn- und Lebensverhältnisse der Arbeiterinnen und Arbeiter<br />

in England im <strong>19</strong>. Jahrhundert. Später wurden im Rahmen der<br />

«Wohnungsfrage» auch Lösungsvorschläge diskutiert, die auf die<br />

Erziehung der Arbeiterklasse nach bürgerlicher Normalitätsvorstellung<br />

und auf eher bürgerliche Wohnpolitik setzten.<br />

Nicht individualisierte, sondern gesellschaftliche Lösungen<br />

für die Wohnungsfrage<br />

Zeichnet man die Geschichte der Wohnungsfrage nach, wie Sylvia<br />

Beck und ich dies in dem im Herbst 20<strong>19</strong> erscheinenden Buch<br />

«Die Wiederkehr der Wohnungsfrage. Historische Bezüge und aktuelle<br />

Herausforderungen für die Soziale Arbeit» getan haben,<br />

wird deutlich: Der erzielte Kompromiss – die Absicherung von aus<br />

dem Arbeitsprozess herausgefallenen Menschen über das Sozialsystem<br />

– war nur einer auf Zeit; die strukturellen Probleme blieben<br />

ungelöst.<br />

Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass die Wohnraumversorgung<br />

– auch hierzulande – hauptsächlich marktgetrieben<br />

ist: Mit der Investition in Wohnungen lässt sich derzeit viel<br />

20 <strong>ZESO</strong> 2/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT


WOHNEN<br />

Geld verdienen. Seit der Einführung der Minuszinsen 2014 haben<br />

das auch die Pensionskassen vermehrt entdeckt. In der Konsequenz<br />

bedeutet dies, dass wir uns alle mit unserer Rente an diesem<br />

Poker um so genanntes Betongold beteiligen. Dabei verdrängen<br />

wir, dass diese Marktverhältnisse dazu führen, dass immer mehr<br />

Menschen in unangemessenen, unsicheren Wohnverhältnissen<br />

leben (müssen), und in ihren Möglichkeiten, ihr <strong>Wohnen</strong> zu bestimmen<br />

und zu gestalten, zunehmend eingeschränkt sind.<br />

Diese Einschränkung bezieht sich nicht bloss auf den Umstand,<br />

dass die Betroffenen die physisch-materielle Basis des <strong>Wohnen</strong>s,<br />

also die Wohnung, verlieren; auch bestehende soziale Gefüge<br />

wie Nachbarschaften werden zerstört. Folgt man der Definition<br />

der Weltgesundheitsorganisation WHO, gehen mit dem Verdrängungsprozess<br />

also nicht nur die Wohnung als Dach über dem<br />

Kopf, sondern auch weitere zentrale Dimensionen des <strong>Wohnen</strong>s<br />

verloren: die Bedeutung des Daheimseins, das Wohnumfeld und<br />

auch die Nachbarschaft als Gemeinschaft, das raumbezogene soziale<br />

Umfeld. Frau Manser aus unserer Untersuchung beschreibt<br />

dies im Interview wie folgt: «Und ja, man verliert ja dann nicht nur<br />

das Heim, die Wohnung, man verliert auch die Gemeinde und all<br />

die Leute, die Kreise gehen immer weiter.»<br />

Zusammenfassend sind es die Logik von Angebot und Nachfrage,<br />

der anhaltende Konkurrenzdruck sowie ungleiche Macht- und<br />

Herrschaftsverhältnisse, die die Wohnungsfrage erneut hervortreten<br />

lassen. Entmietungsprozesse im Rahmen von Totalsanierungen<br />

und Ersatzneubauten führen zu einer Individualisierung<br />

der Wohnungsfrage; damit einher geht eine schleichende Entsolidarisierung<br />

unter den Bewohnerinnen und Bewohnern. Dennoch<br />

kann eine nachhaltige Antwort nicht auf einer individualisierten<br />

Ebene liegen; vielmehr gilt es, die Wohnungsfrage als strukturelles<br />

Gesellschaftsproblem und mit ihr (oder zuerst) auch die Soziale<br />

Frage zu thematisieren. <br />

•<br />

Christian Reutlinger<br />

Professor, Leiter Institut für Soziale Arbeit und Räume,<br />

FHS St. Gallen<br />

SCHWERPUNKT 2/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />


Obdach- und Wohnungslosigkeit:<br />

die gravierendste Form der Armut<br />

Über Obdachlosigkeit in der Schweiz ist wenig bekannt. Es herrscht mehrheitlich die Meinung vor,<br />

dass es Obdachlosigkeit in der Schweiz nicht gibt. Eine Untersuchung der Hochschule für Soziale<br />

Arbeit der FHNW ist dieser Frage im Raum Basel nun nachgegangen. Sie zeigt auf, dass es auch<br />

in der Schweiz zahlreiche Menschen gibt, die keine Wohnung haben oder in äusserst prekären<br />

Wohnverhältnissen leben.<br />

Das Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung<br />

ISOS der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW hat<br />

im letzten Jahr im Auftrag der Christoph Merian Stiftung eine umfangreiche<br />

Studie durchgeführt, um das Ausmass und die Struktur<br />

von Obdach-, Wohnungslosigkeit und weiteren prekären Wohnsituationen<br />

zu bestimmen. Mit Unterstützung der verschiedenen<br />

Praxispartner wurde eine Befragung von 469 Nutzenden durchgeführt,<br />

die sich in zwölf Basler Einrichtungen der Obdachlosenhilfe<br />

aufhielten. Zudem wurde über mehrere Monate in einigen der<br />

Hilfseinrichtungen mitgearbeitet und es wurden dabei intensive<br />

Gespräche mit betroffenen Menschen geführt. Um ein genaueres<br />

Bild darüber zu bekommen, wie viele Menschen draussen übernachten,<br />

wurden eine Nachtzählung in zehn ausgewählten Gebieten<br />

Basels durchgeführt und amtliche Statistiken (z.B. zu den Notwohnungen<br />

der Sozialhilfe) ausgewertet.<br />

In Basel waren im März 2018 rund 100 Menschen obdachlos.<br />

Etwa 50 Personen schliefen draussen, weitere 50 Personen<br />

in Notunterkünften (48 davon in der kantonalen Notschlafstelle,<br />

zwei in Moscheen oder Kirchen). Rund 200 Personen hatten keine<br />

eigene Wohnung. Sie waren in Notwohnungen der Sozialhilfe<br />

untergebracht. In der Nutzendenbefragung wurden zwei häufig<br />

übersehene prekäre Wohnsituation deutlich: Rund 31 Prozent<br />

der befragten Personen hatten aktuell keine eigene Wohnung und<br />

– vor allem jüngere Menschen – bewältigten ihre Wohnungsnot,<br />

indem sie bei Freunden und Bekannten schliefen. Aus der Forschung<br />

ist bekannt, dass vor allem Frauen ihre Wohnungsnot zu<br />

überwinden versuchen, in dem sie bei Bekannten übernachten<br />

oder gar Zwangspartnerschaften eingehen. Als prekär einzustufen<br />

ist die Beobachtung, dass 77 Prozent, also 362 der 469 Befragten,<br />

in ihrem Leben schon einmal obdachlos oder wohnungslos<br />

waren oder sich in einer ungesicherten oder unzureichenden<br />

Wohnsituationen befanden. Viele Betroffene führen ein Leben im<br />

prekären <strong>Wohnen</strong>.<br />

Es ist gerade diese mehrdimensionale Betrachtung von aktuellen<br />

Situationen und biografischen Verläufen, die für die Sozialhilfe<br />

hohe Relevanz hat und die zeigt, dass Obdachlosigkeit eine<br />

gravierende Form von Armut ist.<br />

Meist Folge von Multiproblemlagen<br />

Die meisten Befragten weisen Multiproblemlagen auf, eher selten<br />

ist nur eine Belastung (entweder im Bereich Arbeit, Familie oder<br />

Gesundheit) für den Verlust der Wohnung und den Weg in die<br />

Wohnungslosigkeit ausschlaggebend. Knapp jeder zweite der befragten<br />

Betroffenen, der aktuell wohnungslos ist oder früher in<br />

seinem Leben wohnungslos war, gibt finanzielle Probleme als Ursache<br />

für den Verlust der Wohnung an. Bei 55 Personen, vornehm-<br />

Abbildung: Wohnsituation der Betroffenen, gruppiert nach Alter<br />

60.0<br />

50.0<br />

40.0<br />

30.0<br />

20.0<br />

Dargestellt sind Prozent-Anteile der jeweiligen Altersgruppe<br />

Wohnung ohne Mietvertrag<br />

Notwohnung der Sozialhilfe<br />

Einrichtungen Wohnungsnot<br />

Partner, Verwandte,<br />

Freunde/Bekannte<br />

Pension, Gästehaus<br />

Wohnprovisorien<br />

Asylunterkunft<br />

Notschlafstelle BS<br />

Übernachte draussen<br />

Weiss nicht, wo ich übernachte<br />

10.0<br />

0.0<br />

18 bis 25 Jahre<br />

(n=17)<br />

26 bis 35 Jahre<br />

(n=77)<br />

36 bis 50 Jahre<br />

(n=162)<br />

51 bis 65 Jahre<br />

(n=151)<br />

66 Jahre und älter<br />

(n=54)<br />

22 <strong>ZESO</strong> 2/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT


WOHNEN<br />

Obdachlos: Manche schlafen draussen, andere in Notunterkünften<br />

oder bei Freunden.<br />

Bild: zvg<br />

lich Männern, ist diese Einkommensarmut mit dem Verlust des<br />

Arbeitsplatzes gepaart. Mit der Einkommensarmut wird bei einem<br />

nicht unerheblichen Teil auch die Kündigung oder das Ende des<br />

Mietvertrags wahrscheinlicher. Gesundheitliche Probleme werden<br />

am dritthäufigsten genannt, erklären aber selten alleine den Verlust<br />

der Wohnung. Hinzu kommen Beziehungsprobleme.<br />

Die Auswertungen der offenen Antworten bringen von Seiten<br />

der Betroffenen als weitere Ursachen «Fluchterfahrungen», «Probleme<br />

mit dem Aufenthaltsstatus» und «Inhaftierungen» hervor.<br />

Der Verlust der Wohnung ist nur sehr vereinzelt eine freiwillige<br />

Entscheidung. Dass vor allem Verarmungsprozesse den Wohnungsverlust<br />

erklären, wird an den finanziellen Problemen und<br />

dem Verlust der Arbeit erkennbar, welche aus Sicht der Betroffenen<br />

häufig kombiniert als Ursachen genannt werden. Kommen<br />

gesundheitliche und familiäre Problemen hinzu, setzt sich die Abwärtsspirale<br />

für diese Menschen meist fort. Das bestehende Hilfesystem<br />

stösst im Umgang mit den multiplen Problemlagen dieser<br />

Menschen offensichtlich an Grenzen.<br />

Besonders brisant ist für die Lösungssuche, der sich die Sozialhilfe<br />

gegenübersieht, dass Obdachlosigkeit häufig keine Episode<br />

im Lebensverlauf darstellt, sondern dass sie sich verstetigt. Das<br />

Übernachten im öffentlichen Raum hält bei den 23 Betroffenen,<br />

die hierzu Auskunft geben, im Durchschnitt 2.5 Jahre an. 61 Prozent<br />

aller Betroffenen sind mehr als ein Jahr in dieser Form obdachlos.<br />

Und auch Notunterkünfte, d.h. vor allem die Notschlafstelle,<br />

werden zu Dauerlösungen. Zwar beträgt die durchschnittliche<br />

Aufenthaltsdauer 0.5 Jahre. Doch es gibt zwischen den Men-<br />

MEHRFACHBELASTUNGEN ALS GRUND<br />

FÜR DEN WOHNUNGSVERLUST<br />

Knapp die Hälfte (48%) der von Wohnungsverlust betroffenen<br />

Menschen gibt mehrere Gründe für den Wohnungsverlust an. Das<br />

zeugt von Multiproblemlagen aufseiten der Betroffenen:<br />

• 17% (61 Personen) nannten drei und mehr Gründe, die zu ihrer<br />

Wohnungslosigkeit führten,<br />

• 31% (111 Personen) nannten zwei Gründe<br />

• 43% (156 Personen) nannten lediglich eine Ursache<br />

• 9% (34 Personen) nannten keinen Grund.<br />

Was das Zusammenspiel der Gründe für den Wohnungsverlust<br />

angeht, zeigen sich folgende Konstellationen:<br />

• 15% der Betroffenen (55 Personen): Finanzielle Probleme und<br />

Verlust des Arbeitsplatzes (oder Konkurs),<br />

• 13% (47 Befragte): Finanzielle Probleme und Gesundheitsprobleme,<br />

• 12% (43 Befragte): Finanzielle Probleme und Kündigung/Beendigung<br />

des Mietvertrags,<br />

• 9% (32 Befragte): Gesundheitsprobleme und Beziehungsprobleme.<br />

Unter den 156 Personen, die einen einzigen Grund für den Wohnungsverlust<br />

nennen, sticht die finanzielle Problematik hervor:<br />

• 39 Personen (25%) nennen finanzielle Probleme,<br />

• 32 Personen (21%) nennen die Kündigung oder das Ende des<br />

Mietvertrags,<br />

• 25 Personen (16%) nennen Beziehungsprobleme und lediglich<br />

• 17 Personen (11%) nennen Gesundheitsprobleme.<br />

SCHWERPUNKT 2/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />


schen, die die Notschlafstelle nutzen, deutliche Unterschiede: 24<br />

Prozent der Befragten nutzten die Notschlafstelle im Durchschnitt<br />

bereits seit einem Jahr. Und wer bei anderen Personen privat unterkommt,<br />

macht dies noch länger: Im Durchschnitt übernachten<br />

die Personen bereits seit 2.6 Jahren bei Bekannten, Freundinnen<br />

oder Freunden, Verwandten oder beim Partner bzw. der Partnerin,<br />

weil sie keine eigene Wohnung haben.<br />

Schimmel, Kälte, defekte Heizungen<br />

Gleichzeitig haben die städtischen Verwaltungen nur wenige<br />

Wohnobjekte, auf die sie zurückgreifen können. Sie sind auf den<br />

privaten Wohnungsmarkt angewiesen und im Falle der «Gammelhäuser»,<br />

die es auch in Basel gibt, den privaten Liegenschaftsbesitzern<br />

weitgehend ausgeliefert. Doch nicht nur in diesen Liegenschaften<br />

entsprechen die Wohnbedingungen nicht den erwarteten<br />

Bedingungen eines gesunden und zufriedenen Lebens. Insgesamt<br />

ist die Sozialhilfe aufgefordert, wieder vermehrt in die Kontrolle<br />

der Qualität des von ihnen vermittelten oder bezahlten Wohnraums<br />

zu investieren. Denn von den Personen, deren Mietvertrag<br />

durch die Sozialhilfe ganz oder teilweise finanziert wird, werden<br />

zum Teil gravierende Wohnverhältnisse berichtet: Schimmel, Kälte,<br />

defekte Heizungen, fehlende Duschgelegenheiten, Feuchtigkeit<br />

und in einzelnen Fällen sogar fehlender Strom.<br />

Doch die Untersuchung stellt die grundsätzliche Frage nach<br />

der Bedeutung des <strong>Wohnen</strong>s innerhalb des Leistungskatalogs der<br />

Sozialen Sicherheit. <strong>Wohnen</strong> ist nach den Ergebnissen nicht einfach<br />

eine von vielen Dimensionen der Lebenslage (wie Arbeit oder<br />

Gesundheit). Fehlendes oder unzureichendes <strong>Wohnen</strong> scheint<br />

Merkmal gravierender (also auch lebensbedrohlicher) Armut zu<br />

sein, welches zentrale Lebensbereiche wie Gesundheit, Arbeit, Bildung,<br />

und gesellschaftliche Teilhabe massiv belastet.<br />

Diese Einschätzung wird auch von den Vereinten Nationen<br />

(vgl. Abkommen über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte<br />

des UNO-Menschenrechtspakts) und verschiedenen NGO seit<br />

langem geteilt. Sie sehen das <strong>Wohnen</strong> als eine unabdingbare Voraussetzung<br />

für ein menschenwürdiges Leben und fordern verstärktes<br />

staatliches Engagement. Die Erkenntnisse der vorliegenden<br />

Studie sollten jedenfalls Anlass genug sein, den Zugang zu den<br />

städtischen Notbetten (z.B. der kantonalen Notschlafstelle) zu<br />

überdenken. Denn in Basel weisen diese häufig geringe Auslastungen<br />

bei gleichzeitig bestehender Strassenobdachlosigkeit auf.<br />

<br />

•<br />

Matthias Drilling und Jörg Dittmann<br />

Professoren FHNW Hochschule für Soziale Arbeit<br />

Studie:<br />

Drilling, Matthias; Dittmann, Jörg; Bischoff, Tobias (20<strong>19</strong>): Obdachlosigkeit,<br />

Wohnungslosigkeit und prekäres <strong>Wohnen</strong>. Ausmass, Profil und Bedarf in der<br />

Region Basel. LIVES Working Paper. www.lives-nccr.ch/<br />

Tabelle: Ergebnisse der Basler Studie zur Obdach- und Wohnungslosigkeit;<br />

Angaben strukturiert entlang der europäischen ETHOS-Kategorien<br />

Wohnsituation laut ETHOS-Typologie Befragung 2018<br />

Obdachlos<br />

Menschen, die im öffentlichen Raum übernachten (z.B. Strasse, Park)<br />

Menschen in Notunterkünften (Notschlafstelle, Gotteshäuser)<br />

Wohnungslos<br />

Übergangswohnungen (Notwohnung der Sozialhilfe)<br />

Einrichtungen Wohnungsnot und Wohnhilfen (z.B. Heilsarmee, ELIM)<br />

Asylunterkunft (z.B. Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel,<br />

Kollektivunterkunft)<br />

Menschen, die von Einrichtungen (Gefängnissen, Psychiatrie)<br />

entlassen werden und ohne Wohnung sind<br />

Herbergen (Pension, Hotel, Gästehaus)<br />

Ungesichertes <strong>Wohnen</strong><br />

Wohnung ohne Mietvertrag<br />

Temporär wohnen müssen (beim Partner, Verwandten, Bekannten)<br />

Unzureichendes <strong>Wohnen</strong><br />

Wohnprovisorien (Zelt, Campingwagen)<br />

*Zum Zeitpunkt der Befragung 206 Betroffene.<br />

27 Personen<br />

13.1% aller Betroffenen*<br />

28 Personen<br />

13.6% aller Betroffenen<br />

12 Personen<br />

5.8% aller Betroffenen<br />

37 Personen<br />

18.0% aller Betroffenen<br />

14 Personen<br />

6.8% aller Betroffenen<br />

5 Personen in der<br />

Befragung mit Wohnungsverlust<br />

aufgrund der<br />

Inhaftierung<br />

5 Personen<br />

2.4% aller Betroffenen<br />

12 Personen<br />

5.8% aller Betroffenen<br />

64 Personen<br />

31.1% aller Betroffenen<br />

5 Personen<br />

2.4% aller Betroffenen<br />

HOUSING FIRST<br />

Erst die Wohnung, dann die Therapie.<br />

Dies ist das Konzept von Housing First.<br />

Ein Konzept, das sich seit den <strong>19</strong>90er<br />

Jahren in europäischen Städten immer<br />

mehr durchsetzt. Die Idee ist, dass Obdachlose<br />

eine Wohnung und einen Mietvertrag<br />

erhalten – ganz ohne Verpflichtungen.<br />

Das ist neu, denn bisher werden<br />

Obdachlose in der Regel nur notdürftig<br />

untergebracht, sie müssen zuerst ihre<br />

Suchtprobleme in den Griff bekommen,<br />

dann im betreuten <strong>Wohnen</strong> lernen, sich<br />

anständig und zuverlässig zu verhalten<br />

etc. und erst dann erhalten sie unter<br />

Auflagen eine Wohnung. Viele schaffen<br />

das nicht. In Wien gibt es deshalb seit<br />

einigen Jahren das «Neunerhaus».<br />

Es stellt Obdachlosen eine Wohnung,<br />

medizinische Versorgung und Beratung<br />

zur Verfügung. Dies alles mit dem Ziel<br />

Voraussetzungen zu schaffen, damit sie<br />

ihre Lebenssituation selbst nachhaltig<br />

verbessern können. In drei Wohnhäusern<br />

und über 150 Wohnungen in ganz<br />

Wien leben 570 ehemals obdachlose<br />

Menschen. In der Schweiz hat sich der<br />

Ansatz Housing First noch nicht durchgesetzt.<br />

In der Stadt Basel soll nun aber<br />

ein Pilotprojekt lanciert werden. (ih)<br />

24 <strong>ZESO</strong> 2/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT


WOHNEN<br />

Mehr gemeinnütziger Wohnungsbau<br />

als Lösung?<br />

Voraussichtlich im Februar 2<strong>02</strong>0 wird die Volksinitiative «Mehr bezahlbare Wohnungen» zur<br />

Abstimmung kommen. Die Initiative verlangt unter anderem, dass zehn Prozent der neu gebauten<br />

Wohnungen in der Schweiz im Eigentum von Genossenschaften erstellt werden. Die Initianten wollen<br />

damit erreichen, dass mehr günstiger Wohnraum zur Verfügung steht. Ist der genossenschaftliche<br />

Wohnungsbau die Lösung für den überhitzten Wohnungsmarkt?<br />

Am Wiener Stadtrand baut die Stadt die Siedlung Aspern, inklusive<br />

U-Bahn-Verbindung zum Zentrum und See. <br />

Bild: zvg<br />

Die Bedeutung der Wohnungsmärkte für ein gelingendes Leben<br />

könne kaum überschätzt werden, betonte der Stuttgarter Professor<br />

Tilman Harlander an einer Tagung in München letztes Jahr. Dabei<br />

gehe es sowohl um quantitative (Wohnungsangebot, Bezahlbarkeit)<br />

als auch um qualitative Aspekte (altersgerecht, Ausbaustandard,<br />

barrierearm etc.). Vor allem in den wachsenden Städten habe<br />

der Doppelcharakter der Wohnungen als Wirtschafts- und Sozialgut<br />

jedoch dazu geführt, dass hier etwas ziemlich aus dem Ruder<br />

gelaufen sei. Es habe hier eine Preis-Ralley eingesetzt, bei der bis<br />

weit in die Mittelschicht hinein immer weniger Menschen mithalten<br />

können.<br />

Die Bundesverfassung formuliert in Art. 41 als Ziel, dass «Wohnungssuchende<br />

für sich und ihre Familie eine angemessene Wohnung<br />

zu tragbaren Bedingungen finden können». Darauf beruft<br />

sich die Volksinitiative «Mehr bezahlbare Wohnungen». Sie fordert<br />

die Förderung von genossenschaftlichem Wohnungsbau. Kantone<br />

und Gemeinden sollen ermächtigt werden, den gemeinnützigen<br />

Wohnungsbau zu fördern und ein Vorkaufsrecht für Grundstücke<br />

einzuführen. Zudem wird der Bund verpflichtet, den Kantonen und<br />

Gemeinden ein Vorkaufsrecht für Grundstücke des Bundes und<br />

bundesnaher Betriebe, zum Beispiel der SBB, einzuräumen. Bundesrat<br />

und Parlamentsmehrheit gingen diese Forderungen zu weit.<br />

Sie lehnten die Initiative ab und beschlossen als Gegenvorschlag<br />

eine Aufstockung des bereits existierenden Fonds de Roulement um<br />

250 Mio. Fr., mit dem der genossenschaftliche Wohnungsbau gefördert<br />

werden kann. «Die deutliche Zustimmung zur Aufstockung<br />

des Fonds de Roulement ist ein starkes Signal und ein grosser Erfolg<br />

für den gemeinnützigen Wohnungsbau», heisst es beim Dachverband<br />

der Schweizer Wohnbaugenossenschaften. Aus dem Fonds<br />

de Roulement können gemeinnützigen Bauträgern zinsgünstige,<br />

rückzahlbare Darlehen gewährt werden. Die Darlehen dienen als<br />

Rest- oder Überbrückungsfinanzierung für Neubauten, Umbauten<br />

oder Sanierungen von preisgünstigen und nicht gewinnorientierten<br />

Wohnungsbauprojekten.<br />

Auch wenn Genossenschaftswohnungen für Sozialhilfebeziehende<br />

trotz der 15 bis 20 Prozent günstigeren Mieten immer<br />

noch zu teuer sind, so würden sie doch zu einer Entspannung auf<br />

dem Wohnungsmarkt führen, ist Natalie Imboden, Geschäftsleiterin<br />

des Schweizer Mieterverbands, überzeut. Eine Studie im<br />

Auftrag des Bundesamts für Wohnungswesen, «Gemeinnütziges<br />

<strong>Wohnen</strong> im Fokus – Ein Vergleich zu Miete und Eigentum», bestätigt<br />

dies. Der Preisvorteil gemeinnütziger Wohnungen gegenüber<br />

Mietwohnungen sei weiterhin deutlich und es wohnten überproportional<br />

viele Personen mit geringen finanziellen Ressourcen in<br />

diesem Sektor, heisst es im Bericht.<br />

Wien – Stadt des kommunalen und<br />

genossenschaftlichen Wohnungsmarkts<br />

In der Schweiz gibt es bisher rund zweitausend gemeinnützige<br />

Bauträger. Sie besitzen etwas mehr als 185 000 Wohnungen. Dies<br />

entspricht einem Anteil von fünf Prozent am Schweizer Wohnungsmarkt.<br />

In einzelnen Städten kann der Anteil höher liegen, in Zürich<br />

zum Beispiel beträgt er 25 Prozent. Dies ist immer noch wenig im<br />

Vergleich zu Wien, wo seit vielen Jahrzehnten in den kommunalen<br />

und gemeinnützigen Wohnungsbau und -erwerb investiert wird,<br />

der jetzt bei über 60 Prozent liegt. 400 000 Wohnungen sind im<br />

Besitz der Stadt oder Genossenschaften. In Wien befindet sich<br />

auch eines der derzeit grössten Stadtentwicklungsprojekte Europas:<br />

Ein ganzes Stadtviertel entsteht hier am Stadtrand, wo sich vor<br />

ein paar Jahren noch Ackerland und ein stillgelegtes Flugfeld befanden.<br />

Bis zum Jahr 2<strong>02</strong>8 werden hier etwa 10 500 Wohnungen<br />

für über 20 000 Menschen entstehen. Die Mieten in der österreichischen<br />

Metropole sind verhältnismässig günstig, im Durchschnitt<br />

zwischen sechs und sieben Euro pro Quadratmeter. Rufe<br />

nach Enteignungen oder dem Einfrieren von Mieten wie derzeit in<br />

Berlin sind hier jedenfalls nicht zu vernehmen.<br />

•<br />

SCHWERPUNKT 2/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

Ingrid Hess<br />

25<br />


«Die Mieten sollen dem Zustand der<br />

Wohnungen entsprechen»<br />

NACHGEFRAGT Zu hohe Mieten oder Wohnungsmängel: Sozialhilfebeziehende treffen auf dem<br />

Wohnungsmarkt auf viele Hindernisse. In der Stadt Biel unterstützt die Mietfachstelle der Abteilung<br />

Soziales Betroffene darin, ihre Rechte geltend zu machen. Deren Leiterin Laura Imhof erklärt, warum<br />

ein korrektes Preis-Qualitäts-Verhältnis im Interesse aller Beteiligten ist.<br />

«<strong>ZESO</strong>»: Frau Imhof, Sozialhilfebeziehende haben es oft schwer,<br />

eine passende Wohnung zu finden. Wie sieht der Wohnungsmarkt in<br />

Biel für Sozialhilfebeziehende aus?<br />

Laura Imhof: Der Wohnungsmarkt in Biel ist gesund, es<br />

gibt genügend leere Wohnungen, die zur Verfügung stehen.<br />

Das Angebot ist auch im günstigen Bereich grundsätzlich da.<br />

Doch das ändert nichts daran, dass es für Sozialhilfebeziehende<br />

oft schwierig ist, eine Wohnung zu finden – beispielsweise,<br />

weil sie Schulden haben oder gesundheitlich eingeschränkt<br />

sind. Es gibt viele Faktoren, welche die Suche auf<br />

dem Wohnungsmarkt erschweren.<br />

Wie ist die Wohnqualität? In was für Wohnungen lebt man als<br />

Sozialhilfebeziehende in Biel?<br />

Eine Pauschalantwort ist schwierig, da wir als Mietfachstelle<br />

in erster Linie mit den Problemfällen konfrontiert sind. Aber<br />

man kann wohl schon sagen, dass es im billigeren Segment<br />

viele eher schlecht unterhaltene Wohnungen gibt. Die Gebäude<br />

sind alt, vielerorts wurde sehr wenig oder nie investiert.<br />

Dementsprechend schlecht ist teilweise der Zustand von<br />

Küchen und Badezimmern. Häufige Probleme sind schlechte<br />

Installationen oder Feuchtigkeitsbefall von Wohnungen.<br />

Wie kann die Mietfachstelle bei solchen Problemen Unterstützung<br />

bieten?<br />

Wir bieten Unterstützung bei der Forderung von Mängelbehebung.<br />

Mit Einverständnis der Sozialhilfebeziehenden<br />

schauen unserer Mitarbeitenden die Wohnungen vor Ort an.<br />

Wenn wir Mängel feststellen, unterstützen wir die Personen<br />

darin, ihre Rechte geltend zu machen. Wir unterstützen sie<br />

während des ganzen Verfahrens, von Mängelbehebungsschreiben<br />

bis zur Mängelbehebung und Mietzinsreduktion.<br />

Wenn nötig, begleiten wir sie bis zur Schlichtungsverhandlung.<br />

In der Regel ist die Mietfachstelle durch die Sozialhilfebeziehenden<br />

bevollmächtigt, mit den Vermietern in Verbindung<br />

zu treten, um das Mietverhältnis zu klären und Lösungen zu<br />

finden.<br />

Das werden die wenigsten Sozialhilfebezüger von alleine tun. In<br />

den meisten Fällen werden sie froh sein, überhaupt eine Wohnung<br />

gefunden zu haben, und wollen keine Auseinandersetzung mit dem<br />

Vermieter riskieren.<br />

Die Mietzinsen werden durch die Sozialhilfe respektive<br />

Steuergelder bezahlt. Es ist deshalb wichtig, dass die Mieten<br />

dem Wert und Zustand der Wohnungen entsprechen. Die Sozialhilfebeziehenden<br />

haben eine Mitwirkungs- und Bedarfsminderungspflicht,<br />

so dass sie von den Sozialarbeitenden und der<br />

Mietfachstelle gefördert und gefordert werden, die notwendigen<br />

Schritte zu unternehmen, um ein gutes Mietverhältnis und<br />

ein korrektes Preis-Qualität-Verhältnis zu sichern. Aus diesem<br />

Grund werden die Sozialhilfebeziehenden während des Verfahrens<br />

begleitet und unterstützt. Dies ist von besonderer Bedeutung,<br />

weil eine allfällige Mietzinsreduktion die Sozialhilfe<br />

entlastet – aber auch die Kosten nach einer Ablösung von der<br />

Sozialhilfe nachhaltig tief hält. Bei neuen Sozialhilfedossiers<br />

prüft die Mietfachstelle die Mieten automatisch auf Angemessenheit<br />

und Verhältnismässigkeit. Tatsächlich geht es aber immer<br />

um eine Kosten-, Nutzen- und Risikoabwägung. Wir wollen<br />

bestehende Mietverhältnisse nicht gefährden.<br />

Sie haben einen guten Einblick in den Zustand der Wohnungen.<br />

Werden oft zu hohe Mieten verlangt? Und wenn ja, was kann man tun?<br />

Die Frage ist, was eine zu hohe Miete ist. Wenn ein Mietvertrag<br />

besteht, sind Mieter und Vermieter ja grundsätzlich eine<br />

Einigung eingegangen. Natürlich gibt es Anhaltspunkte bezüglich<br />

Orts- und Quartierüblichkeit oder des Zustands der Wohnung.<br />

Missbräuchlich ist der Mietzins, wenn der Vermieter eine<br />

zu hohe Rendite erzielt oder wenn die Miete beim Mieterwechsel<br />

erheblich erhöht wurde, ohne dass Investitionen vorgenommen<br />

wurden. Dann kann der Anfangsmietzins angefochten<br />

werden; auch dabei kann die Mietfachstelle unterstützen. Nur:<br />

Im Kanton Bern muss aktiv nach dem alten Mietzins gefragt<br />

werden, er wird nicht automatisch offen gelegt.<br />

Was raten Sie Sozialhilfebeziehenden auf Wohnungssuche?<br />

Es ist vor allem wichtig, ein gutes und komplettes Bewerbungsdossier<br />

griffbereit zu haben. Der Sozialhilfebezug muss<br />

nicht per se immer ein Nachteil sein. Denn die Vermieter wissen,<br />

dass das Sozialamt den sozialhilfebeziehenden Personen<br />

die Miete bezahlt und dementsprechend der Betrag für die Miete<br />

sicher verfügbar ist.<br />

Wenn Sozialhilfebeziehende in zu teuren Wohnungen leben, müssen<br />

sie umziehen. Kommt das oft vor?<br />

26 <strong>ZESO</strong> 2/<strong>19</strong> SCHWERPUNKT


WOHNEN<br />

LAURA IMHOF<br />

Laura Imhof ist Leiterin der Spezialdienste Abteilung<br />

Soziales der Stadt Biel. Zu den Spezialdiensten<br />

gehören der Rechtsdienst, das interne Revisorat, das<br />

Qualitätsmanagement sowie die 2015 gegründete<br />

Mietfachstelle. Die Mietfachstelle verfügt über 140<br />

Stellenprozente. Die zwei Mitarbeitenden sind Fachleute<br />

der Immobilienbewirtschaftung.<br />

Bild: zvg<br />

Das war ein sehr präsentes Thema, als wir 2016 die Mietzinslimiten<br />

angepasst haben. Eintreten kann dieser Fall auch<br />

dann, wenn Personen neu in die Sozialhilfe kommen und sich<br />

vorher in einer ganz anderen Lebenssituation befanden. Oder<br />

wenn sich Familienstrukturen ändern, beispielsweise erwachsene<br />

Kinder von zu Hause ausziehen. Im Normalfall werden<br />

Sozialhilfebeziehende dann per Weisung informiert, dass ihre<br />

Miete die Limite übersteigt und eine Frist mitgeteilt, innert der<br />

eine neue Wohnung gesucht werden muss. Diese Frist kann<br />

begründet auch verlängert werden.<br />

Was, wenn keine Wohnung gefunden wird?<br />

Wichtig ist, dass die Sozialhilfebeziehenden ihre Bemühungen<br />

dokumentieren. Wir können Personen auch an Angebote<br />

wie beispielsweise Casanostra (Verein für Wohnhilfe)<br />

weitervermitteln. Und es gibt auch Gründe, weshalb Personen<br />

vorläufig in Wohnungen bleiben können, die die Mietzinslimiten<br />

übersteigen. Das können Faktoren wie Verwurzelung<br />

und Integration der Kinder im Quartier sein, oder gesundheitliche<br />

Gründe, die einen Umzug zumindest vorläufig verunmöglichen.<br />

Welche Aufgaben übernimmt die Mietfachstelle<br />

ansonsten?<br />

Wir kümmern uns um alle mietrechtlichen Fragen.<br />

Beim Start 2015 war unsere Tätigkeit prioritär<br />

auf die Referenzzinssatz-Anpassung ausgerichtet.<br />

Danach verlagerte sich der Schwerpunkt<br />

auf Tätigkeiten wie Mängelbehebungen, das<br />

Kontrollieren von Mietverträgen, Nebenkostenab-<br />

rechnungen oder die Anfechtung von Anfangsmietzinsen. Wir<br />

können bei Wohnungsbesichtigungen beigezogen werden und<br />

pflegen auch den Kontakt zu Partnern wie der Baupolizei oder<br />

zu Immobilienverwaltungen: Unser Interesse ist es auch, den<br />

günstigen Wohnraum möglichst zu sichern.<br />

Es geht also vor allem um Kosteneinsparungen für die Stadt?<br />

Das ist ein relevanter Faktor. Mit der Einforderung der Senkung<br />

des Referenzzinssatzes konnten jährlich wiederkehrende<br />

Einsparungen von ungefähr 530 000 Franken realisiert werden.<br />

Aber auch für die Sozialarbeitenden ist die Mietfachstelle<br />

eine Entlastung, da sie mietrechtliche Fragen an eine interne<br />

spezialisierte Stelle delegieren können. Die Sozialhilfebeziehenden<br />

fühlen sich besser unterstützt. Künftig wollen wir unser<br />

Angebot im präventiven Bereich ausbauen. Angedacht sind<br />

ergänzende Informationsveranstaltungen und Workshops zu<br />

Themen wie Wohnungsbewerbung, Hausreglement oder Verhalten<br />

in einer Mietwohnung. <br />

•<br />

Das Gespräch führte<br />

Regine Gerber<br />


Trotz Not kein Antrag auf Sozialhilfe<br />

FACHBEITRAG Eine vor kurzem durchgeführte Studie im Kanton Genf zeigt die Gründe auf, die dazu<br />

führen können, dass Familien darauf verzichtenn Sozialleistungen zu beanspruchen. Die Studie<br />

macht auf der Basis der gewonnenen Erkenntnisse auch Vorschläge, welche Massnahmen geeignet<br />

wären, dem Nichtbezug entgegenzuwirken.<br />

Der Nichtbezug von Sozialleistungen ist<br />

ein komplexes Phänomen und die Gründe,<br />

die dazu führen, sind vielfältig. Manche<br />

Betroffene finden sich im System einfach<br />

nicht zurecht; andere entscheiden sich bewusst<br />

gegen den Bezug von Sozialleistungen,<br />

weil er ihren Stolz verletzt und sie den<br />

Verlust an sozialem Status vermeiden wollen;<br />

wieder andere fürchten die Aufenthaltsgenehmigung<br />

zu verlieren. Gerade alleinerziehende<br />

Mütter begründen ihre<br />

Distanz zu den Institutionen der Sozialhilfe<br />

zudem auch mit der mangelnden Eignung<br />

des Angebots, um den eigenen sozialen<br />

Status zu verbessern und sich von<br />

männlicher Bevormundung zu befreien.<br />

Festgestellt haben die Wissenschaftler<br />

schliesslich, dass praktisch alle interviewten<br />

Betroffenen einen besonders labilen<br />

psychischen Gesundheitszustand aufwiesen.<br />

Dieser wirkt sich wiederum negativ<br />

auf die weitere Entwicklung und Verbesserung<br />

einer schwierigen Ausgangslage aus<br />

und erschwert den Zugang zu sozialen und<br />

gesundheitlichen Angeboten.<br />

Es genügt also nicht, dem Problem<br />

Nichtbezug einfach mit einem erleichterten<br />

Zugang zu den Leistungen zu begegnen,<br />

auf die die Betroffenen eigentlich Anspruch<br />

hätten. Die ist die Schlussfolgerung<br />

der Wissenschaftler. Die Tatsache, dass der<br />

Sozialleistungsbezug oft als sozialer Abstieg<br />

wahrgenommen werde, müsse ebenfalls<br />

zum Thema gemacht und verhindert<br />

werden. Generell müssten die Leistungen<br />

wesentlich besser an die Bedürfnisse der<br />

Betroffenen angepasst werden.<br />

In diesem Sinne werden in der Genfer<br />

Studie sechs Strategien ausgeführt:<br />

Die Dokumentation und das Erfassen der<br />

Nicht-Inanspruchnahme; das Integrieren<br />

der Nicht-Inanspruchnahme in die Politikevaluation;<br />

die Vereinfachung der Prozeduren<br />

und die Automatisierung der Bewilligung<br />

von Leistungen soweit möglich;<br />

die Verbesserung der Information und<br />

Kommunikation; eine Verbesserung der<br />

Aufnahme und Begleitung der potentiellen<br />

Leistungsempfängerinnen und -empfänger<br />

sowie Massnahmen bei der Ausbildung<br />

und Begleitung der Fachpersonen.<br />

«Die Tatsache, dass viele Menschen die<br />

Sozialleistungen nicht nutzen, die ihnen<br />

eigentlich zustehen, ist umso gravierender,<br />

als sie durch den Verzicht in der Regel noch<br />

labiler werden und früher oder später Leistungen<br />

doch noch in Anspruch nehmen<br />

müssen; dann mit proportional höheren<br />

Kosten, als wenn der Zugang gerade von<br />

Anfang an gewährleistet gewesen wäre»,<br />

sagte Staatsrat Thierry Apothéloz bei der<br />

Präsentation der Studie. «Es ist an der Zeit,<br />

das Handeln des Staates zu überdenken<br />

und eine Gesellschaft anzustreben, in der<br />

der Staat den in Not Geratenen die Hand<br />

reicht und sie nicht loslässt.» Apothéloz<br />

versicherte, dass die in Angriff genommene<br />

Revision des Gesetzes für Sozialhilfe<br />

und Integration dazu einen Beitrag leisten<br />

werde. <br />

•<br />

Ingrid Hess<br />

Für manche ist der Weg zum Sozialamt zu verschlungen oder zu demütigend.<br />

Bild: Palma Fiacco<br />

Die Studie wurde von der Haute école de travail<br />

social de Geneve (HETS) und der Haute école de<br />

santé de Genève (HEdS) durchgeführt.<br />

www.hesge.ch/<br />

28 <strong>ZESO</strong> 2/<strong>19</strong>


Neue Digitalangebote sind im<br />

Sozialbereich noch rar<br />

FACHBEITRAG Die Digitalisierung verändert auch den Praxisalltag im Sozialbereich deutlich. Der<br />

technologische Fortschritt ist jedoch kleiner als in anderen Branchen. Zu diesem Schluss kommt die<br />

Zwischenbilanz eines Forschungsprojektes der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW und des Vereins<br />

sozialinfo.ch.<br />

Mit der digitalen Entwicklung haben sich<br />

auch die Bedürfnisse von Klientinnen und<br />

Klienten von Organisationen des Sozialbereichs<br />

gewandelt. Insbesondere Kommunikationskanäle<br />

wie E-Mail, SMS oder<br />

WhatsApp haben in der Kommunikation<br />

zwischen Fachpersonen und Klientel an<br />

Bedeutung gewonnen. Quittungen werden<br />

heute beispielsweise mittels Foto eingereicht<br />

und Fragen per WhatsApp gestellt.<br />

Dies zeigt das Projekt «Bestandsaufnahme<br />

Digitalisierung in/von Organisationen im<br />

Sozialbereich» des Vereins sozialinfo.ch<br />

und der Hochschule für Soziale Arbeit<br />

FHNW. Rund 62 Prozent aller Institutionen,<br />

die an der Befragung teilgenommen<br />

haben, geben an, dass sie ihre digitalen Angebote<br />

aufgrund der veränderten Bedürfnisse<br />

angepasst haben. Dies, weil etwa die<br />

ständige Erreichbarkeit auf Seiten der Klientel<br />

wie auch der Organisationen auch die<br />

Erwartung einer schnellen Reaktion auslöse,<br />

heisst es in der Zwischenbilanz.<br />

Geschäftsführung als<br />

Innovationstreiber<br />

Der Sozialbereich setzt sich grundsätzlich<br />

mit neuen Kommunikationsformen und<br />

der Automatisierung von Prozessen auseinander.<br />

Ungefähr die Hälfte der befragten<br />

Organisationen gibt an, dass der digitale<br />

Wandel in ihrer Gesamtstrategie integriert<br />

sei. In erster Linie wird in der Sozialen Arbeit<br />

unter Innovation aber die digitale Optimierung<br />

oder Ergänzung bestehender<br />

Produkte verstanden. Neue Angebote,<br />

Dienstleistungen oder Produkte auf Basis<br />

digitaler Technologien werden hingegen<br />

noch wenige geplant oder umgesetzt.<br />

Der Einsatz von digitalen Technologien<br />

unterscheidet sich je nach Feld der<br />

Sozialen Arbeit: In der Begleitung von<br />

Menschen mit physischer und psychischer<br />

Die ständige Erreichbarkeit löst die Erwartung einer schnellen Reaktion aus.<br />

Beeinträchtigung und in der Gemeinwesenarbeit<br />

werden sie seltener eingesetzt.<br />

Der Gesundheitsbereich schätzt sich hingegen<br />

innovativer ein als der restliche Sozialbereich.<br />

Digitale Technologien werden<br />

dort bereits zur Effizienzsteigerung und<br />

Automatisierung der Abläufe eingesetzt.<br />

Die Umsetzung von Innovationen scheint<br />

nicht von der Organisationsgrösse abhängig<br />

zu sein, sondern vor allem von der Geschäftsführung<br />

und Mitarbeitenden, die<br />

die digitalen Innovationen vorantreiben<br />

müssen.<br />

Sozialbereich setzt auf Kooperationen<br />

Im Sozialbereich wird im Vergleich zum<br />

gewinnorientieren Sektor häufiger auf Kooperationen<br />

gesetzt, um digitale Entwicklungen<br />

zur realisieren. Die Studie führt<br />

dies auf geringeres Konkurrenzdenken im<br />

Sozialwesen sowie auf weniger zur Verfügung<br />

stehende finanzielle Mittel zurück.<br />

Bild: pixelio.de<br />

Mit dem Austausch und der Unterstützung<br />

über Partnernetzwerke gelinge es eher, geplante<br />

Vorhaben umsetzen zu können.<br />

Tool für Digitalisierungsanforderungen<br />

Basierend auf diesen Zwischenresultaten<br />

wird das Forschungsprojekt der FHNW<br />

und sozialinfo.ch weitergeführt. Ausgewählte<br />

Organisationen werden vertieft befragt,<br />

um weitere Aussagen über förderliche<br />

und hinderliche Faktoren im digitalen<br />

Transformationsprozess des Sozialbereichs<br />

treffen zu können. Schliesslich soll ein Tool<br />

entwickelt werden, dass eine fachlich adäquate<br />

Beratung für die Digitalisierungsanforderungen<br />

im Sozialbereich unterstützen<br />

kann. (rg)<br />

•<br />

Alle Studienergebnisse unter:<br />

https://digitalisierung.sozialinfo.ch/<br />

digitalisierung/bestandesaufnahme-2018/<br />

2/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

29


Viel Zeit zum Spielen bleibt vor dem Essen nicht mehr −<br />

Xenia in der Puppenhausecke der Arche für Familien.<br />

30 <strong>ZESO</strong> 2/<strong>19</strong>


«Hier werde ich ohne Vorurteile<br />

akzeptiert und unterstützt»<br />

REPORTAGE Der Mittwochstreff ist fester Bestandteil des soziokulturellen Angebotes der «Arche Für<br />

Familien» in Zürich. Eltern haben dort die Möglichkeit, mit ihren Kindern ein paar unbeschwerte<br />

Stunden zu verbringen, und profitieren gleichzeitig vom niederschwelligen Zugang zu Fachpersonen.<br />

Im Innenhof des Zürcher Zeughauses, an<br />

zentraler Lage nahe Hauptbahnhof und<br />

der berüchtigten Langstrasse, weist ein<br />

Schild den Weg zur «Arche Für Familien».<br />

Eine Seitentür führt über eine massive<br />

Holztreppe durch ein helles Treppenhaus<br />

zum Eingang des Mittwochtreffs. «Der<br />

Treff ist Teil des soziokulturellen Angebotes<br />

der Arche Für Familien», erklärt Bruno<br />

Stalder, Sozialarbeiter und Ressortverantwortlicher.<br />

Der soziokulturelle Bereich, die<br />

psychologische Beratung und die Sozialberatung<br />

ergänzen sich hier an der Zeughausstrasse<br />

gegenseitig. «Die interdisziplinäre<br />

Arbeit ist essenziell für unsere Organisation;<br />

nur so können wir umfassende Unterstützung<br />

bieten», führt Esther Frank, Psychologin<br />

und Betriebsleiterin der «Arche<br />

für Familien», aus.<br />

Erst letztes Jahr haben die «Stiftung<br />

Mütterhilfe» und die «Arche Kind & Familie»<br />

ihre Angebote zusammengelegt<br />

und den gemeinsamen Betrieb «Arche<br />

Für Familien» gegründet. «Wir haben die<br />

Notwendigkeit gesehen, die nachhaltige<br />

Unterstützung für Familien in mehrfach<br />

belastenden Lebensumständen auszubauen»,<br />

erzählt Frank. Die Mütterhilfe mit<br />

ihrer Spezialisierung für die Begleitung<br />

von Schwangeren, werdenden Vätern und<br />

jungen Eltern mit Babys und Kleinkindern<br />

habe das Angebot zusätzlich erweitert und<br />

auf professioneller Ebene vertieft, so die<br />

Betriebsleiterin. Die Nutzung von Synergien<br />

zeigt sich auch im Treff: «Er bietet<br />

eine ideale Plattform, ganz niederschwellig<br />

Themen aufzugreifen und sie an anderen<br />

Orten weiterzuverfolgen», ergänzt Stalder.<br />

Zudem werde mit einem Bezugspersonenmodell<br />

gearbeitet, so dass die Entwicklung<br />

einer Familie immer bei einer Fachperson<br />

zusammenlaufe. Stalder begleitet den<br />

Treff seit gut drei Jahren jeweils mit zwei<br />

weiteren Fachpersonen und zwei freiwilligen<br />

Helferinnen.<br />

Die heutige Helferin, Ingenieurin Isabella<br />

Mateescu, wirbelt bereits zwischen<br />

Pfannen und Töpfen herum. Es riecht<br />

verheissungsvoll aus der offenen Küche<br />

MITTWOCHSTREFF<br />

ARCHE FÜR FAMILIEN<br />

Der Mittwochstreff ist ein soziokulturelles<br />

Angebot der «Arche Für Familien».<br />

Diese gehört zum <strong>19</strong>80 gegründeten,<br />

privaten und gemeinnützigen Verein<br />

«Arche Zürich». Der Verein unterstützt<br />

mit verschiedenen Angeboten Männer<br />

und Frauen, die von Arbeitslosigkeit<br />

betroffen sind oder eine Suchterkrankung<br />

oder psychische Probleme haben.<br />

Im Mittwochstreff der «Arche Für<br />

Familien» stehen Eltern und ihre Kinder<br />

in belastenden Lebenssituationen im<br />

Fokus. Sie sollen bei einem gemeinsamen<br />

Mittagessen und einer geführten<br />

Aktivität die Möglichkeit haben, ein paar<br />

unbeschwerte Stunden zusammen zu<br />

verbringen. Die Beziehungspflege innerhalb<br />

der Familie, die Vernetzung nach<br />

aussen und die niederschwellige Unterstützung<br />

durch Fachpersonen sind beim<br />

Mittwochstreff zentral. Es wird die Vision<br />

verfolgt, dass jedes Kind in sicheren und<br />

entwicklungsfördernden Beziehungen<br />

aufwachsen soll.<br />

Die Tätigkeit der «Arche Für Familien»<br />

wird durch einen Leistungskontrakt<br />

mit dem Sozialdepartement der Stadt<br />

Zürich unterstützt. Hinzu kommen<br />

finanzielle Beiträge des Kantons Zürich<br />

und kirchlicher Institutionen. Aufträge<br />

für sozialpädagogische Familien- und<br />

Besuchsbegleitung werden mit einem<br />

Leistungsvertrag abgedeckt. Um das<br />

verbleibende Betriebsdefizit zu decken,<br />

ist Arche Für Familien auf Spenden<br />

von Stiftungen und Privatpersonen<br />

angewiesen.<br />

der Treffräumlichkeiten, die Hobbyköchin<br />

bereitet das Essen für 29 angemeldete Besucherinnen<br />

und Besucher zu. Langsam<br />

füllt sich der Raum mit Müttern und ihren<br />

Kindern, herzliche Begrüssungen werden<br />

ausgetauscht, man kennt sich.<br />

Unkomplizierte Kontakte<br />

Unter den Müttern ist die 35-jährige<br />

Amanda Trösch*, sie nutzt das Angebot<br />

schon mehrere Jahre. «Den Zugang zur Arche<br />

habe ich gefunden, als ich mit meiner<br />

heute fünfjährigen Tochter schwanger<br />

war», erinnert sie sich. Eine lange und<br />

schwierige Suchterkrankung habe sie in<br />

eine Notlage gebracht, die sie nicht mehr<br />

aus eigenen Kräften bewältigen konnte.<br />

Die Arche habe ihr seither in allen Belangen<br />

geholfen, die im Alltag auf sie zugekommen<br />

seien. «Im Treff wurde ich von<br />

Anfang an ohne Vorurteile akzeptiert und<br />

unterstützt», erzählt sie, «das hat mir und<br />

meiner Tochter wahnsinnig geholfen».<br />

Weil sie allein gewesen sei, habe sie die<br />

Austauschmöglichkeit mit anderen Eltern<br />

und den unkomplizierten Kontakt mit<br />

Fachleuten sehr geschätzt. Ihre Tochter Xenia*<br />

scheint sich ebenfalls wohl zu fühlen,<br />

sie begrüsst Bekannte und verschwindet in<br />

der Puppenhausecke. Viel Zeit zu spielen<br />

bleibt ihr vor dem Essen nicht mehr, bereits<br />

ist ein vielfältiges Buffet aufgebaut.<br />

Salat und gesunde Snacks stehen bereit<br />

und aus vier verschiedenen Pfannen dampfen<br />

Spätzli, Teigwaren, Pouletbeinchen<br />

und Gemüsebällchen. «Das Budget ist<br />

nicht riesig, aber wir rechnen wenn möglich<br />

grosszügige Portionen ein», erklärt<br />

Stalder. Die Besucherinnen und Besucher<br />

haben so die Möglichkeit, Reste nach Hause<br />

zu nehmen. Eine gesunde Mahlzeit zu<br />

bieten, ist der Arche wichtig. «Zentral ist<br />

aber vor allem die gemeinsame Zeit der Eltern<br />

mit ihren Kindern», so Stalder, «die<br />

Stärkung ihrer Beziehung ist essenziell».<br />

<br />

2/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

31


Während des gemeinsamen Nachmittags<br />

wächst auch das Vertrauen zu den anwesenden<br />

Fachpersonen, insbesondere Erziehungsfragen<br />

würden oft gestellt oder können<br />

direkt aus der Situation aufgegriffen<br />

werden, ergänzt der Sozialarbeiter.<br />

Unterdessen sitzen alle vor gefüllten<br />

Tellern an zwei geräumigen Tischen.<br />

Tischregeln? – «Waren bis jetzt keine expliziten<br />

notwendig», sagt Stalder, «die Eltern<br />

kümmern sich um ihre Kinder und wir<br />

greifen nur falls nötig ein». Das gemeinsame<br />

Essen soll im Mittwochstreff von den<br />

Besuchern und Besucherinnen in erster<br />

Linie als etwas Lustvolles empfunden werden<br />

und Platz für Beziehungspflege und<br />

Austausch bieten.<br />

Sogleich entwickelt sich am Tisch in<br />

der hellen Fensterecke eine rege Diskussion<br />

zwischen der Treffbesucherin Amanda<br />

Der Mittwochstreff ist ein Ort für<br />

Beziehungspflege und Austausch.<br />

Bilder: Meinrad Schade<br />

Trösch und der Mutter eines Jugendlichen.<br />

Thema ist die heute angekündigte Fachdiskussion<br />

über die Rolle von abwesenden Vätern.<br />

«Das ist ein grosses Thema hier», sagt<br />

Stalder dazu, «viele Kinder werden von<br />

ihren Müttern alleine betreut, andere stehen<br />

in einem schwierigen Verhältnis zum<br />

Vater». Er schätzt es, als Mann im Team<br />

ein anderes Rollenvorbild zu zeichnen:<br />

Ein Mann, der sich mit Erziehungsfragen<br />

auseinandersetzt und auch mal den Tisch<br />

abwischt. Das sei für viele etwas, das sie<br />

sonst in ihrem Alltag nicht erleben würden,<br />

führt der Sozialarbeiter aus.<br />

Anregungen für Zuhause<br />

Das Interesse am kostenlosen Angebot der<br />

Arche ist gross, im Jahr 2018 wurden rund<br />

1200 Treffbesuche verzeichnet. Fachdiskussionen<br />

werden etwa drei- bis fünfmal<br />

im Jahr angeboten. Nutzen die Eltern ein<br />

Angebot wie die heutige Fachdiskussion,<br />

dürfen sich die Kinder einer geführten Aktivität<br />

anschliessen. «Das ist die Ausnahme»,<br />

erklärt der Ressortverantwortliche,<br />

«Eltern sind hier im Treff verantwortlich<br />

für ihre Kinder und werden gewöhnlich in<br />

die Aktivität einbezogen».<br />

Schönes Wetter wird gerne draussen<br />

genutzt, manchmal bei Ausflügen, zum<br />

Beispiel in die umliegenden Gemeinschaftszentren.<br />

Die Vernetzung mit anderen<br />

Institutionen ist aber auch aus anderen<br />

Gründen wichtig. Ziel sei es immer, das soziale<br />

Umfeld der Familien und damit ihre<br />

eigenen Möglichkeiten zur Selbsthilfe zu<br />

stärken, so Stalder. Ausserdem können sich<br />

insbesondere Kinder bei gemeinsamen<br />

Ausflügen und Bastelaktivitäten selbstwirksam<br />

erleben, dies stärke ihre Resilienz,<br />

erklärt der Sozialarbeiter.<br />

Heute versammeln sich sechs Mädchen<br />

im Alter von drei bis zehn Jahren um den<br />

hellen Holztisch. Darauf liegen Stifte, Papier<br />

und Spielfiguren bereit, die für ein<br />

Gesellschaftsspiel eigenhändig gestaltet<br />

werden können. «So können auch Anregungen<br />

für Zuhause mitgenommen werden,<br />

die alle nach Gutdünken nutzen können»,<br />

erklärt Stalder. Mit dem Treff verhält<br />

es sich etwa gleich: Schön ist, wenn Nachhaltiges<br />

entsteht, ganz direkt soll er für Eltern<br />

mit ihren Kindern eine unbeschwerte<br />

Zeit ermöglichen. An der Zeughausstrasse<br />

wird es nun ruhiger. Manche sind an der<br />

Fachdiskussion, andere unterhalten sich<br />

zu zweit, ein paar Kinder spielen und die<br />

Mädchen basteln munter. Bald hallen die<br />

Schritte der grossen und kleinen Besucher<br />

und Besucherinnen wieder durch das helle<br />

Treppenhaus Richtung Ausgang, bis sie<br />

nach einer Woche mit Höhen und Tiefen<br />

wieder hier zusammenfinden: im Mittwochstreff<br />

der «Arche Für Familien». •<br />

Susanna Valentin<br />

*Name geändert<br />

32 <strong>ZESO</strong> 2/<strong>19</strong>


DEBATTE<br />

Die IV vollzieht ein Gesetz<br />

Sowohl die Sozialhilfe als auch die IV leisten einen wertvollen<br />

Beitrag zur gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen in<br />

schwierigen Lebenssituationen. Dieter Widmer, Leiter der IV-<br />

Stelle des Kantons Bern, plädiert dafür, dass sich die betroffenen<br />

Institutionen dieser Gemeinsamkeit vermehrt bewusst sein<br />

sollten. Er fordert die Beteiligten dazu auf, am gleichen Strick<br />

zu ziehen, anstatt sich gegenseitig zu kritisieren und steigende<br />

Kosten mit «Sparmassnahmen»des anderen zu begründen.<br />

Dieter Widmer<br />

ist Autor des Buches «Die Sozialversicherung<br />

in der Schweiz» und Lehrbeauftragter an der<br />

Fachhochschule Nordwestschweiz. Seit zehn<br />

Jahren leitet er die IV-Stelle des Kantons Bern.<br />

Der Zusammenhang zwischen abgelehnten<br />

Rentenanträgen und der Notwendigkeit,<br />

Sozialhilfe zu beziehen, ist ein Thema,<br />

das in regelmässigen Abständen auftaucht.<br />

Kritikerinnen und Kritiker vermitteln dabei<br />

den Eindruck, dass die IV kranken<br />

Menschen Leistungen vorenthält und sie<br />

damit in die Sozialhilfe abschiebt. Wer so<br />

argumentiert, ignoriert die elementaren<br />

Grundsätze des Systems der sozialen Sicherheit.<br />

Hinzu kommt, dass die Mitarbeiterinnen<br />

und Mitarbeiter der IV-Stellen<br />

gesetzlich verpflichtet sind, den Anspruch<br />

auf Leistungen unvoreingenommen zu<br />

prüfen. Das Ausrichten geschuldeter Leistungen<br />

ist also genau so wichtig wie die<br />

Abwehr unbegründeter Ansprüche.<br />

Kausalitätsprinzip<br />

Je nach Ursache, die zu einem Erwerbsausfall<br />

führt, sind andere Versicherungen zuständig.<br />

Fachleute sprechen vom Kausalitätsprinzip.<br />

So ist beim Fehlen einer Stelle<br />

die Arbeitslosenversicherung und bei einer<br />

gesundheitlich bedingten ganzen oder teilweisen<br />

Unfähigkeit, einer Erwerbsarbeit<br />

nachzugehen, die Invalidenversicherung<br />

zuständig. Diese Aufteilung wäre kaum der<br />

Rede wert, wenn damit nicht auch das Niveau<br />

der in Frage kommenden Leistungen<br />

sehr unterschiedlich ausfallen würde.<br />

Die IV zahlt, so lange die Erwerbsunfähigkeit<br />

besteht. Eine Befristung gibt es<br />

nicht. Die Dauer der Leistungspflicht der<br />

Arbeitslosenversicherung hingegen ist zeitlich<br />

begrenzt. Sie liegt je nach Alter, familiärer<br />

Situation und Beitragszeit zwischen<br />

rund 18 Wochen und zwei Jahren.<br />

Wer danach immer noch keinen Job hat,<br />

geht leer aus.<br />

Netzwerk aus verschiedenen Akteuren<br />

Das Gesetz setzt die Hürde für den Bezug<br />

einer Invalidenrente sehr hoch an. Menschen,<br />

die trotz gesundheitlicher Einschränkungen<br />

mehr als 60 Prozent ihres<br />

bisherigen Lohnes verdienen können, gehen<br />

leer aus. Das ist hart. Es kommt aber<br />

noch schlimmer. Oft können die Betroffenen<br />

ihren früheren beruflichen Aufgaben<br />

nicht mehr nachgehen. In dieser Situation<br />

ZUSAMMENARBEIT SOZIAL-<br />

DIENSTE UND IV IM KANTON<br />

BERN<br />

Seit dem Jahr 2014 sind Guidelines, welche<br />

die Zusammenarbeit zwischen der IV und den<br />

Sozialdiensten zum Gegenstand haben, in Kraft.<br />

Sie wurden zwischen der Berner Konferenz<br />

für Sozialhilfe, Kindes- und Erwachsenschutz<br />

(BKSE) und der IV-Stelle ausgehandelt. Ein zentraler<br />

Bestandteil sind die jährlich stattfindenden<br />

Gespräche zur Qualitätssicherung.<br />

In der Phase, während der die IV-Stelle den Anspruch<br />

auf Leistungen prüft, gibt es zahlreiche<br />

Berührungspunkte zwischen Sozialdienst und<br />

IV-Stelle. Dies erfordert von den Mitarbeitenden<br />

viel Eigeninitia-tive, Fachwissen und Bereitschaft,<br />

im Verbund zu arbeiten. Die IV-Stelle<br />

Kanton Bern bietet für Mitarbeitende von Sozialdiensten<br />

seit 2017 halbtägige Weiterbildungen<br />

rund um die Guidelines sowie zu den Prozessen<br />

und Leistungen der IV an. Bis heute haben über<br />

250 Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter an<br />

diesen Veranstaltungen teilgenommen.<br />

verlangt das Bundesgesetz über den Allgemeinen<br />

Teil des Sozialversicherungsrechts<br />

(ATSG), dass für die Bemessung des Invaliditätsgrades<br />

auf das Erwerbseinkommen<br />

abgestellt wird, das die versicherte Person<br />

bei einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt erzielen<br />

könnte. Ob sie in nützlicher Frist<br />

eine entsprechende Stelle findet, darf die<br />

IV nicht berücksichtigen. Es ist unbestritten,<br />

dass der Arbeitsmarkt nicht ausgeglichen<br />

ist. Nach der Logik des Kausalitätsprinzips<br />

ist jedoch nicht eine gesundheitlich<br />

bedingte Erwerbsunfähigkeit das Problem,<br />

sondern das Fehlen einer Stelle. Dafür ist<br />

die Arbeitslosenversicherung zuständig.<br />

Sind von dieser keine Taggelder (mehr) geschuldet,<br />

sieht das schweizerische System<br />

der sozialen Sicherheit im Bedarfsfall den<br />

Anspruch auf Sozialhilfeleistungen vor.<br />

Anzahl Neurenten seit sechs Jahren<br />

stabil<br />

Die Anzahl der jedes Jahr neu zur Ausrichtung<br />

gelangenden Renten wurde in der<br />

Zeit von 2003 bis 2013 halbiert. Seit<br />

sechs Jahren hingegen ist die Zahl der Neurenten<br />

mit rund 14 000 praktisch unverändert.<br />

Für die Entwicklung zwischen<br />

2003 und 2013 gibt es drei Gründe: Die<br />

Rechtsprechung des Bundesgerichts, die<br />

Schaffung von Arztstellen bei der IV und<br />

insbesondere der Ausbau der beruflichen<br />

Eingliederung. Zum letztgenannten Aspekt<br />

gibt es eine eindrückliche Zahl. Am<br />

Ende der Integrationsbemühungen der IV<br />

hatten letztes Jahr 21 156 versicherte Personen<br />

eine Anstellung im ersten Arbeitsmarkt.<br />

•<br />

2/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

33


Ethik in der Sozialen Arbeit<br />

Ethik spielt für das berufliche Verständnis<br />

von Fachkräften der Sozialen Arbeit eine<br />

entscheidende Rolle − dennoch gibt es immer<br />

wieder Skandale um Verstösse gegen ethische<br />

Prinzipien. Aber was beeinflusst die Umsetzung<br />

ethischer Konzepte in die Praxis? Die Studie<br />

zeigt auf, wie Sozialarbeitende ihre Berufsethik<br />

bewerten, und was tatsächlich hilft, um dem<br />

menschenrechtlichen und professionellen Anspruch der Sozialen Arbeit<br />

gerecht zu werden.<br />

Como-Zipfel Frank, Kohlfürst Iris, Kulke Dieter: Welche Bedeutung hat Ethik für<br />

die Soziale Arbeit, Lambertus Verlag 20<strong>19</strong>, 64 Seiten, 7 €, ISBN 978-3-7841-3169-<br />

6<br />

Soziale Arbeit in der<br />

Demokratie<br />

Soziale Arbeit trägt einerseits dazu bei, dass<br />

demokratische Prozesse in ihren Arbeitsfeldern<br />

fachgerecht implementiert und kritisch<br />

begleitet werden. Andererseits beteiligt sie sich<br />

selbst an der Thematisierung antidemokratischer<br />

oder demokratieförderlicher Prozesse in<br />

der gesamten Gesellschaft. Das Buch erläutert<br />

sowohl demokratietheoretische Ausführungen als auch Forschungsergebnisse,<br />

Konzepte und einzelne Methoden aus ausgewählten Praxisfeldern,<br />

die die vielschichtige Beteiligung Sozialer Arbeit verdeutlichen.<br />

Köttig Michaela, Röh Dieter (Hrsg.): Soziale Arbeit in der Demokratie – Demokratieförderung<br />

in der Sozialen Arbeit, Budrich Verlag, 20<strong>19</strong>, 322, Seiten, CHF 44.−,<br />

ISBN 978-3-8474-2297-6<br />

Einkommensschwache Haushalte<br />

auf dem Wohnungsmarkt<br />

Das Buch analysiert die Handlungsspielräume<br />

einkommensschwacher Haushalte auf<br />

einem angespannten Wohnungsmarkt und die<br />

Herausforderungen, vor welchen die Haushalte<br />

bei ihrer Wohnstandortwahl stehen. Häufig<br />

müssen die Haushalte ihre Bedürfnisse reduzieren<br />

oder Mehraufwände in Kauf nehmen. Die<br />

Auswirkungen auf die Alltagsgestaltung und die Mobilität der Haushalte<br />

sind spürbar. Die Relevanz einer integrierten Betrachtung von Wohnstandortwahl,<br />

räumlicher Mobilität und sozialen Herausforderungen wird<br />

deutlich.<br />

Sterzer Lena: <strong>Wohnen</strong> und Mobilität im Kontext von Fremdbestimmung und<br />

Exklusion, Springer VS, 20<strong>19</strong>, 312 Seiten, CHF 74.−, ISBN 978-3-658-24621-1<br />

Weiterentwicklung des<br />

Sozialhilfesystems<br />

Die staatliche Sicherung des Existenzminimums<br />

steht auch in Deutschland vor alten und neuen<br />

Herausforderungen: Kinder- und Altersarmut,<br />

Integration geflüchteter Menschen, neue<br />

Vorgaben durch das Bundesteilhabegesetz etc.<br />

Das Heft des Deutschen Vereins für öffentliche<br />

und private Fürsorge analysiert strukturelle<br />

Defizite und stellt Reformansätze für ein teilhabeorientiertes System der<br />

Existenzsicherung vor.<br />

Buttner Peter: Existenzminimum oder Teilhabe? Weiterentwicklung des Sozialhilfesystems,<br />

Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, Lambertus Verlag,<br />

2018, 96 Seiten, 14 €, ISBN 978-3-7841-3080-4<br />

Innovation in Nonprofit-<br />

Organisationen<br />

Die Fachtagung ist eine Plattform für Wissenstransfer,<br />

Austausch und Inspiration für interessierte<br />

Akteure aus Nonprofit-Organisationen. Die<br />

Input-Referate zeigen Voraussetzungen, Modelle<br />

und Gestaltungsansätze für innovatives Handeln.<br />

In den Workshops werden Innovationen aus der<br />

Praxis vorgestellt und die Teilnehmenden werden<br />

ermutigt, eigene Erfahrungen zu machen und<br />

neue Wege zu gehen.<br />

Arbeitsintegration Schweiz & Fachhochschule<br />

Nordwestschweiz<br />

Mittwoch, <strong>19</strong>. Juni 20<strong>19</strong>, Olten<br />

www.anastasis.ch<br />

Einführung in die öffentliche<br />

Sozialhilfe<br />

In der Praxis der öffentlichen Sozialhilfe haben<br />

Fachleute und Behördenmitglieder komplexe Aufgaben<br />

zu bewältigen. Kenntnisse des Systems<br />

der sozialen Sicherheit sind ebenso gefordert wie<br />

rechtliches und methodisches Wissen. Die SKOS-<br />

Weiterbildung vermittelt Wissen zu folgenden vier<br />

Themenbereichen: Grundlagen und Praxis der Sozialhilfe,<br />

Sanktionen, Verfahren und Verfügungen<br />

in der Sozialhilfe, Sozialversicherungen und<br />

Sozialhilfe sowie Budgetberechnung bei Familien<br />

und Wohngemeinschaften.<br />

Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe<br />

Donnerstag, 27. Juni 20<strong>19</strong>, Olten<br />

www.skos.ch<br />

Coaching in der<br />

Arbeitsintegration<br />

Das Ziel von Coaching besteht darin, Menschen<br />

ressourcen- und lösungsorientiert in ihrer Selbststeuerung<br />

und Selbstwirksamkeit zu stärken. In<br />

diesem Fachseminar wird ein Einblick in das Feld<br />

des Coachings von Personen, die schon länger<br />

erwerbslos sind und solchen, die Sozialhilfe<br />

beziehen, gegeben. Was macht diese Zielgruppen<br />

besonders aus? Welche besonderen Ressourcen<br />

bringen sie mit? Mit welchen besonderen Herausforderungen<br />

gilt es umzugehen?<br />

Hochschule für Soziale Arbeit FHNW<br />

Donnerstag, 27. und Freitag, 28. Juni 20<strong>19</strong>, Olten<br />

www.fhnw.ch<br />

34 <strong>ZESO</strong> 2/<strong>19</strong>


LESETIPPS<br />

Verschuldung von jungen<br />

Erwachsenen<br />

Das Buch fragt nach der biografischen<br />

Bedeutung und Funktion von Verschuldungsprozessen<br />

bei jungen Erwachsenen, indem<br />

drei lebensgeschichtliche Verläufe von jungen<br />

verschuldeten Menschen rekonstruiert werden.<br />

Dabei wird deutlich, dass Schulden im jungen<br />

Erwachsenenalter vor allem als soziales Beziehungsmittel<br />

bedeutsam sind und durch Verschuldung soziale Zugehörigkeit<br />

hergestellt werden kann. Schliesslich werden die Ergebnisse<br />

hinsichtlich der Relevanz für sozialpädagogisches Handeln im Kontext<br />

von Jugendverschuldung diskutiert.<br />

Lanzen Vera, Verschuldung von jungen Erwachsenen, Biographische Verläufe im<br />

Kontext von Partizipation und Risiko, Beltz Juventa, 20<strong>19</strong>, 254 Seiten, CHF 47.−,<br />

ISBN 978-3-7799-3939-9<br />

Rechtliche Herausforderungen<br />

durch neue Arbeitsformen<br />

Es entspricht nicht mehr der Norm, bei nur<br />

einem Arbeitgeber während vieler Jahre in<br />

vollem Pensum beschäftigt zu sein. Die Sozialversicherungen<br />

und der Arbeitnehmerschutz<br />

sind jedoch häufig für dieses Modell konzipiert.<br />

Weiter führt der Wandel in der Arbeitswelt hin<br />

zu Digitalisierung, Flexibilisierung, einer Mehrzahl<br />

von Arbeitgebern oder Auftragsanbietern auf Plattformen wie Uber,<br />

Mechanical Turk etc. dazu, dass die rechtlichen Grundlagen nicht mehr<br />

allen Arbeitsverhältnissen gerecht werden. Dieses Buch widmet sich<br />

den neu entstanden Herausforderungen in Lehre und Praxis.<br />

Dobreva Vania, Hack-Leoni Sarah, Holenstein Andreas, Koller Petra, Nedi Rahel<br />

Aina: Neue Arbeitsformen und ihre Herausforderungen im Arbeits- und Sozialversicherungsrecht.<br />

Dike-Verlag, 20<strong>19</strong>, 211 Seiten, CHF 54.−, ISBN 978-3-03891-060-2<br />

Frauen und Armut<br />

Woran liegt es gesellschaftlich, dass Frauen<br />

von einem besonderen Armutsrisiko betroffen<br />

sind? Gesellschafts-, Armuts- und Prekarisierungstheorien<br />

haben auf diese Frage bisher<br />

wenig Antworten gefunden. Der Sammelband<br />

analysiert aus feministischen Perspektiven<br />

diese theoretischen Ein- und Auslassungen<br />

der Kategorie Geschlecht. Dabei rekonstruiert<br />

er auch Armutsdiskurse sowie die Prozesse des Verwundbarmachens.<br />

Zudem werden Armutspolitiken untersucht und mögliche feministische<br />

Alternativen diskutiert.<br />

Schäfer Reinhild, Dackweiler Regina-Maria, Rau Alexandra, Frauen und Armut –<br />

feministische Perspektiven, Budrich Verlag, 20<strong>19</strong>, 220 Seiten, CHF 68.−,<br />

ISBN: 978-3-8474-2203-7<br />

Gesichter der administrativen<br />

Versorgung<br />

Wer sind die Menschen, die eine administrative<br />

Versorgung erlebten? Diesen Fragen geht der<br />

Porträtband nach. Er nähert sich ihnen auf zwei<br />

Arten: einmal, indem der Fotograf Jos Schmid<br />

die Menschen in formal strengen Schwarz-<br />

Weiss-Porträts fotografiert, einmal, indem zwölf<br />

Autorinnen und Autoren sie in kurzen biografischen<br />

Texten beschreiben. Foto und Text ermöglichen so ein vielschichtiges<br />

Bild der Betroffenen, aber auch einen Einblick in die Prozesse, die<br />

darüber bestimmen, was für Bilder wir uns von Menschen machen.<br />

Ammann Ruth, Huonker Thomas, Schmid Joe: Gesichter der administrativen<br />

Versorgung, Porträts von Betroffenen, Chronos-Verlag, 20<strong>19</strong>, 284 Seiten, CHF 48.−,<br />

ISBN 978-3-0340-1511-0<br />

Sozialplanung im<br />

D-A-CH-Raum<br />

Aktuell spielt der Wandel der Arbeitsgesellschaft<br />

in kommunalpolitischen Diskussionen eine<br />

Schlüsselrolle. Wie sehen Handlungsmöglichkeiten<br />

für eine gelingende Arbeitsmarkttransformation<br />

aus? Was kann Sozialplanung tun?<br />

Welche Planungs- und Managementstrategien<br />

versprechen Erfolge? Wo gibt es innovative Ansätze<br />

für eine lokale und regionale Arbeitsmarkttransformation?<br />

Mit diesen Fragen beschäftigt<br />

sich der internationale Kongress des Vereins für<br />

Sozialplanung in München.<br />

Verein für Sozialplanung e.V., München<br />

Mittwoch, 11. bis Freitag, 13. September 20<strong>19</strong><br />

www.vsop.de<br />

Politik der frühen<br />

Kindheit<br />

Eine umfassende Politik der frühen Kindheit<br />

bezieht sich auf den Begriff der frühkindlichen<br />

Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE). Diese<br />

Politik ist eine Querschnittspolitik, die mindestens<br />

den Bildungs-, den Sozial-und den Gesundheitsbereich<br />

miteinschliesst. Die Städteinitiativen<br />

Sozialpolitik und Bildung veranstalten eine<br />

gemeinsame Herbstkonferenz unter dem Motto<br />

«Städte für eine Politik der frühen Kindheit».<br />

Programm und Einladung folgen.<br />

Städteinitiativen Bildung & Sozialpolitik, Winterthur<br />

Freitag, 13. September 20<strong>19</strong><br />

www.staedteinitiative.ch<br />

VERANSTALTUNGEN<br />

Oltener<br />

Verschuldungstage<br />

Wie muss die Schuldenprävention gestaltet und<br />

organisiert werden, damit sie einen Beitrag zur<br />

Armutsbekämpfung leisten kann? Mit dieser<br />

Fragestellung beschäftigt sich die internationale<br />

Fachtagung «Armutsbekämpfung durch<br />

Schuldenprävention» in Olten. Die Teilnehmenden<br />

reflektieren die Praxis der Schuldenprävention<br />

und erhalten Anregungen für konkrete Präventionsprojekte.<br />

Die Fachtagung bietet Gelegenheit,<br />

das persönliche Netzwerk über die Landesgrenzen<br />

hinweg zu erweitern.<br />

FHNW, Neubau Campus Olten<br />

Donnerstag, 7. November 20<strong>19</strong><br />

www.fhnw.ch<br />

2/<strong>19</strong> <strong>ZESO</strong><br />

35


Auch mit 69 hat Hans Leu immer wieder Lust, sich auf neue Menschen und Projekte einzulassen. <br />

Bild: Ursula Markus<br />

Der Unermüdliche<br />

PORTRÄT Der pensionierte Elektroingenieur Hans Leu leitet in Zürich das Projekt «Werk.Statt.Flucht».<br />

Zudem fliegt er jedes Jahr nach Benin und engagiert sich dort in der Lehrlingsausbildung und in<br />

privaten Hilfsprojekten.<br />

Ein Vormittag im reformierten Kirchgemeindehaus<br />

Zürich-Oerlikon, Deutschstunde.<br />

Hans Leu, 69, erklärt den Teilnehmenden<br />

des Berufsvorbereitungskurses<br />

gerade Wörter mit Doppelbedeutung. Er<br />

redet anschaulich, lässt die Hände sprechen,<br />

lächelt oft. Die Flüchtlinge sollen<br />

sich wohl fühlen, das ist ihm wichtig. So<br />

richtig im Element fühlt sich Elektroingenieur<br />

Leu aber nebenan, in der Werkstatt.<br />

Dort lernen die Flüchtlinge, wie man zum<br />

Beispiel eine Bohrmaschine richtig benutzt<br />

oder die Fläche eines Fensters berechnet.<br />

Das Projekt «Werk.Statt.Flucht» entstand<br />

2015 auf Initiative der Reformierten<br />

Kirche Zürich-Oerlikon. Hans Leu<br />

war gerade frisch pensioniert. Die Projektidee<br />

des fünfmonatigen Kurses gefiel ihm:<br />

Eine Kombination von Unterricht und Arbeit<br />

in der Werkstatt plus Coaching soll die<br />

Flüchtlinge fit machen für die berufliche<br />

Grundbildung. Das Freiwilligenprojekt<br />

ist erfolgreich, aber aufwendig. Von acht<br />

Flüchtlingen schafften es dieses Jahr zwei<br />

in eine Vorlehre. Die anderen benötigen<br />

zusätzliches Coaching. «Wir schauen immer<br />

für eine Anschlusslösung», sagt Leu.<br />

Lehrwerkstatt in Benin<br />

«Werk.Statt.Flucht» ist nicht sein einziges<br />

Engagement. Seit seiner Pensionierung<br />

reist er jedes Jahr für drei Monate ins westafrikanische<br />

Benin. Ein Kollege hat dort<br />

eine Lehrwerkstatt für Maurer, Mechaniker<br />

und Elektriker aufgebaut, Leu verantwortet<br />

das Ausbildungsprogramm der<br />

Stromer. Daneben engagiert er sich in diversen<br />

privaten Hilfsprojekten, die den Alltag<br />

der Leute erleichtern − ein Alltag, geprägt<br />

von «Armut, Sand, Sand, Sand, Hitze<br />

und miserablen Strassen».<br />

Vom US-Erfolg verwöhnt<br />

Warum nimmt der 69-Jährige das alles auf<br />

sich? «Ich arbeite gern. Punkt», antwortet<br />

er lapidar. Und er wolle etwas zurückgeben<br />

für sein Leben im Wohlstand. Leus Karriere<br />

begann in den USA. Ein Schulfreund<br />

war aus Kalifornien zurückgekehrt und<br />

schwärmte: «Super beaches, super girls, da<br />

musst du hin!» Leu ging es nüchterner an.<br />

Er kratzte sein Erspartes zusammen und<br />

absolvierte in Michigan ein Masterstudium<br />

in Steuerungstechnik. Seine Professoren<br />

kamen gerade aus dem Apollo-Weltraumprogramm.<br />

«Sie warfen phantastische<br />

Formeln an die Tafel, aber von Didaktik<br />

hatten sie keine Ahnung», sagt Leu und<br />

schmunzelt.<br />

Nach dem Studium fand der ehrgeizige<br />

Schweizer rasch eine Stelle bei einem US-<br />

Elektrokonzern. Und schon bald lancierte<br />

er eine eigene Firma im Bereich Automobil-<br />

software. Als die drei Kinder ins Schulalter<br />

kamen, kehrte die Familie in die Schweiz<br />

zurück. «Wir wollten keine Privatschulen»,<br />

sagt Leu. Vom US-Erfolg verwöhnt, wollte<br />

er auch in der Schweiz etwas Eigenes aufziehen.<br />

Doch nach sechs Jahren musste er<br />

einsehen, dass der hiesige Markt zu klein<br />

ist für die Qualitätssicherungssysteme, die<br />

er anbieten wollte. Dieser Existenzkampf<br />

habe ihn und die Familie in eine tiefe Krise<br />

getrieben: «Ich war verzweifelt, bis uns<br />

gute Freunde und unser Fundament im<br />

christlichen Glauben halfen, wieder Tritt<br />

zu fassen.» Danach ging es mit Leus Karriere<br />

erneut steil aufwärts.<br />

Fit bleiben für die Enkel<br />

Auch jetzt, mit 69, möchte er sich auf neue<br />

Menschen und Projekte einlassen. Und fit<br />

bleiben für die vier Enkel. Er weiss aber<br />

auch, dass die Zeit nicht für alles reicht.<br />

Nächstes Jahr will er abbauen: «Weniger<br />

nach Afrika gehen, dafür Leute aufbauen,<br />

die meine Aufgaben übernehmen.»<br />

Bald fliegt der Unermüdliche aber wieder<br />

nach Benin. Die Lehrlinge sind hoch<br />

motiviert, sie mailen ihm: Bring mir ein<br />

Notebook, bring mir eine Taschenlampe.<br />

«Ich bin gefragt», sagt Leu. Und seine Augen<br />

leuchten.<br />

•<br />

Paula Lanfranconi<br />

36 <strong>ZESO</strong> 2/<strong>19</strong>


Master of Advanced Studies<br />

MAS Gemeinde-, Stadt- und<br />

Regionalentwicklung<br />

MAS Betriebliches Gesundheitsmanagement<br />

MAS Prävention und Gesundheitsförderung<br />

Eine Weiterbildung an<br />

der Hochschule Luzern:<br />

Unterstützung für Ihren<br />

anspruchsvollen Praxisalltag<br />

Certificate of Advanced Studies<br />

CAS Prävention und Gesundheitsförderung<br />

Grundlagen<br />

CAS Systemisches Projektmanagement<br />

Fachkurs<br />

Sachbearbeiterin/Sachbearbeiter<br />

im Sozialbereich<br />

Weitere Informationen unter<br />

www.hslu.ch/weiterbildung-sozialearbeit<br />

Gesundheit<br />

Behinderung und Integration<br />

Ethik und Recht<br />

Migration<br />

Weiterbildung für die<br />

Kompetenzen von morgen<br />

Change Management<br />

Eingliederungsmanagement<br />

Kinder und Jugendliche<br />

Stadtentwicklung<br />

Sozialmanagement<br />

Beratung und Coaching<br />

weiterbildung.sozialearbeit@fhnw.ch | T +41 848 821 011 | www.fhnw.ch/soziale-arbeit/weiterbildung<br />

Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW | Hochschule für Soziale Arbeit | Muttenz und Olten


«Der Master hat meinen<br />

Blick für die Schnitt stellen<br />

zu Ökonomie, Politik und<br />

Recht geschärft. So kann<br />

ich meine Positionen<br />

fundierter begründen.»<br />

Lukas Bruderer, MSc Soziale Arbeit<br />

KOFA Produkteverantwortlicher<br />

kompetenzhoch3, Institut für wirksame<br />

Jugendhilfe, Zürich<br />

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