Sprungbrett_Ausgabe 2019_01

blutsbruder2

Das Netzwerkmagazin des APOLLON Alumni Network e.V. Die aktuelle Auflage beschäftigt sich mit dem Thema "Buurtzorg" - ein niederländisches Pflegemodell und ob man so etwas auch in Deutschland implementieren kann. Wer Lust auf verschieden Sichtweisen dazu hat, ist in diesem Heft goldrichtig :-).

Lernen wir endlich von anderen?

Nach Möglichkeit sollen nur 2 Pfleger

pro Patient im Einsatz sein. Die aktuellen

Teamgrößen liegen zwischen

4 und 10 Mitarbeitern. Die Anforderungen

hinsichtlich der Qualifikationen

sind dieselben wie sonst auch.

Bevorzugt werden eher examinierte

Pflegekräfte eingestellt, da es dann

keine Einschränkungen für die Einsetzbarkeit

gibt. Dadurch, dass beide Pflegedienste

auch weiterhin gleichzeitig

die klassische ambulante Pflege anbieten,

ist ein Wechsel aus den Buurtzorg-

in die „normalen“ Strukturen generell

jederzeit möglich. So kann den

Bewerbern die Angst vor dem neuen

System genommen werden.

Die notwendigen Schulungen der

Teams übernehmen die Coaches. Der

Zeitaufwand ist vorab nicht klar zu

definieren, weil dieser stark von dem

jeweiligen Team bzw. den Persönlichkeiten

darin abhängt. Das eine Team

kann nach 3 Monaten selbständig

arbeiten, ein anderes kann aber auch

nach 6 Monaten noch etwas Betreuung

brauchen.

Geschult werden wesentlich Kommunikationsfähigkeiten,

aber auch der

Umgang mit der Software, Dienstpläne

erstellen und Abrechnungsmanagement.

Persönlichkeitsentwicklung

ist ein wesentlicher Punkt, denn

das Modell erfordert ein hohes Maß

an Eigenverantwortung und Verantwortungsübernahme

für den Patienten.

Die Rolle ändert sich: der Blick

für Bedarfe des Patienten muss geschärft

werden, gleichzeitig muss ein

Augenmaß beibehalten werden, für

das, was wirklich notwendig ist. Es soll

keine Zeit verschwendet und der Patient

auch nicht weniger selbständig

gemacht werden als er sein kann.

Digitalisierung ist ein ganz wesentlicher

Faktor für die Selbstorganisation.

Die Eigenorganisation der Teams

basiert auf gemeinsamer Planung,

die aktuell über die Software Medifox

über Handy und PC läuft. Geplant

ist eine Plattform zur weiteren

Vernetzung der Teams untereinander,

perspektivisch auch die

Anbindung von Schnittstellen

für Praxen/Ärzte, aber auch von

Software zur elektronischen

Bereitstellung von Messdaten,

eRezept usw., um Prozesse innerhalb

der Versorgung weiter

zu digitalisieren. Problem dabei

ist aktuell aber noch die TI bzw.

das Fehlen von definierten einheitlichen

Schnittstellen. Um

aber eine den Niederlanden vergleichbare

Struktur aufbauen zu

können (nur 21 Coaches, 50 Verwaltungsmitarbeiter

bei knapp

1000 Teams), ist die Digitalisierung

Grundvoraussetzung.

Prinzipiell werden alle SGB

XI-Leistungen (Hauswirtschaft,

Betreuung, Pflege) per Stundensatz

vergütet. Der Stundensatz

liegt bei derzeit 32€ in NRW.

Wenn die Modellphase des

Modellprojekts nach §8 SGB XI

anläuft (mit einer Laufzeit von

2,5 Jahren), gibt es einen Modellzuschlag

in Höhe von 10%.

Die Vergütungsregularien sind

ansonsten ähnlich wie im herkömmlichen

System. Anhand

erfasster Parameter wird der Bedarf

bestimmt, also ein Stundenkontingent

vereinbart. Wenn

einer der Pflegenden die Wohnung

betritt, läuft die Zeit. Der

Patient oder ggf. Angehörige

zeichnet am Ende ab, wie lange

der Pfleger da war. Diese Teile

sind weiterhin Papierdokumentation.

Wenn Behandlungspflege

nach SGB V dazu kommt bzw.

den Anfangspunkt bildet, kann und

soll die Pflege von denselben Teams

geleistet werden – allerdings müssen

sie die Leistungen dann herkömmlich

verrichtungsbezogen dokumentieren

und abrechnen, was aber wenigstens

in derselben Software machbar ist.

Warum pflegen Pflegende?

Oder warum eben nicht?

Die Entscheidung, in der Pflege tätig

zu werden, hat einen zutiefst sozial,

vielleicht sogar altruistisch motivierten,

auf jeden Fall aber idealistischen

Hintergrund: den Wunsch,

sich um andere zu kümmern.

Die Umfrageergebnisse einer Gelegenheitsstichprobe

von 4.439 Pflegenden

aus dem Jahr 2016, rekrutiert

über Fachverband- und Gruppenansprachen,

die offizielle Website der Initiatorin

Elisabeth Scharfenberg sowie

Pressemitteilungen und per Schneeballprinzip

ausgeweitet, bestätigen

dies exemplarisch: Fast alle Befragten

(98 Prozent) stimmen der Aussage

zu, dass sie mit Menschen arbeiten

wollten. 96 Prozent sagen, dass sie

etwas Sinnvolles mit ihrer Arbeit tun

wollen. 42% gaben bei der Frage nach

dem Grund ihrer Berufswahl an, sehr

eigenverantwortlich arbeiten zu wollen;

60% geben, befragt zur täglichen

Motivation für die Arbeit, „eigenverantwortliches

Arbeiten“ an. [8]

Die größten täglichen Ärgernisse lagen

im Zeitdruck, den 87% als Auslöser

für Unzufriedenheit in der Arbeit

angaben, und der Personalausstattung

im direkten Umfeld (82%). [8]

Symptomatisch für die Pflege: 74%

der Befragten waren Frauen. Als Gründe

für die Teilzeitbeschäftigung wurde

mit großer Mehrheit die Vereinbarkeit

von Familie und Beruf genannt (40%),

aber immerhin auch 11% gaben ein,

keine Vollzeitstelle zu bekommen, obwohl

sie diese gerne hätten. [8]

Bleiben Teile der errechneten Bedarfszeit

über, kann diese ggf. neu gesetzt

werden. Der Pfleger muss entscheiden,

ob andere Verrichtungen in der

„übrigen Zeit“ notwendig sind. Bei

Grauzonen definiert das Team den

Umgang gemeinsam. Generell sollen

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Sprungbrett01/2019

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