Berliner Zeitung 18.06.2019

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20 * Berliner Zeitung · N ummer 138 · D ienstag, 18. Juni 2019

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Feuilleton

Es gibt keine Garantie auf das Erreichte

Der Tanzkurator Ricardo Carmona über das Festival „The Present Is Not Enough“ im HAU und die Notwendigkeit, sich intensiver mit der Geschichte zu befassen

Das HAU Hebbel am Ufer

engagiert sich schon

lange für die queere

Kunst in der Stadt. Ab

Donnerstag widmet sich ein großes

Festival mit Performances, Theater,

Tanz, Ausstellungen, Konzerten und

Dialogformaten dem Thema. Der

Kurator Ricardo Carmona erklärt,

was für eine Herausforderung das ist.

Herr Carmona, Ihr Festival ist „The

Present is not enough. Performing

Queer Histories and Futures “betitelt.

Wasfehlt Ihnen an der Gegenwart?

Ricardo Carmona: Es hat in den

vergangenen Jahren einige positive

Entwicklungen gegeben. 2017 etwa

wurde –endlich –auch in Deutschland

die gleichgeschlechtliche Ehe

legalisiert und 2018 das dritte Geschlecht

als Option in offiziellen Dokumenten

eingeführt. Aber das ist

doch noch lange nicht genug. DieSituation

an den Schulen zum Beispiel

ist für queere Jugendliche nach wie

voralles andereals gut. Jugendliche,

die sich outen, werden gemobbt, oft

so, dass sie die Schulen verlassen.

Gleichzeitig hat Queer Amnesty darauf

aufmerksam gemacht, dass die

Selbstmordrate unter nicht geouteten

Jugendlichen signifikant hoch

ist. Die Angriffe auf queere Menschen

sind in Berlin dramatisch angestiegen.

In den Communities

selbst ist das ein großes Thema, aber

im öffentlichen Bewusstsein ist diese

Entwicklung noch gar nicht richtig

angekommen. DerLGBTIQ*-feindlichen

Hetze der rechtsextremen Parteien

und Organisationen folgen

längst Taten –auch hier in Berlin.

Auch die jüngste Erklärung des Vatikans

gegen Transgender und Intersexuelle

dürfte nicht gerade hilfreich

gewesen sein.

Damit wird noch mehr Öl ins

Feuer gegossen. Es gibt zurzeit zwei

parallel verlaufende Bewegungen.

Auf der einen Seite gibt es eben die

vielen positiven Entwicklungen,

aber auf der anderen Seite wächst

der Rechtsextremismus und deren

Erfolg basiert auch darauf, die Ressentiments

gegen queere Menschen

mit den alten, tradierten Hass-Narrativen

zu schüren. Damit werden

Stimmen gewonnen. Donald Trump

hat das so gemacht und jetzt auch

Jair Bolsonaro inBrasilien, und wir

sehen diese Narrative auch in Europa

an Macht gewinnen…

Dennoch rücken Sie mit Ihrem Festivaleher

die Geschichte in den Fokus.

Einiges an queerer Geschichte ist

inzwischen Mainstream, aber es gibt

sehr viel, worüber nach wie vornicht

Ricardo Carmona hat für das Festival nicht nur künstlerische Arbeiten gesichtet, sondernauch die Lebensverhältnisse im Deutschland der Weimarer Republik studiert. DOROTHEA TUCH

gesprochen und was schlicht nicht

gewusst wird. Darum geht es in vielen

der Performances, Filme und

Ausstellungen. Durch die Weise, wie

wir Vergangenheit erzählen und erinnern,

werden auch unsere Gegenwart

und Zukunft mitgeformt. Diesen

Bogen versuchen wir zu schlagen.

Wir wollen aus der Auseinandersetzung

mit der Vergangenheit

andere Perspektiven für die Zukunft

generieren. Wenn man sieht, wie

etwa queere Themen in Literatur

und Film verhandelt werden, ist es

fast immer das gleiche, oft traurige

Narrativ. Eswird viel gestorben, viel

gelitten. Klar, das ist ein Teil unserer

Existenz, aber es gibt eben auch

noch ein paar andereDinge.

In Ihrer Festivalzeitung haben sie

zahlreiche Fotos der queeren Berliner

Kultur der 20er- und 30erJahre abgedruckt.

Diese vielen Bilder vonFrauen

und Männern, die sich damals selbstverständlich

in Kleidung des jeweils

ZUR PERSON

Anfänge: Ricardo Carmona studierte zunächst Biologie an der Universität Lissabon, anschließend

Tanz und Performance Studies an der Lissaboner Tanzhochschule. 2009 beendete er außerdem

eine Fortbildung im Bereich Kulturmanagement.

Aufgaben: Zunächst übernahm Carmona Aufgaben als künstlerischer Leiter in Lissabon, so

auch beim Alkantara-Festival. Seit 2012, mit dem Beginn der Intendanz vonAnnemie Vanackere

am HAUHebbel am Ufer,ist er dortKurator für Tanz und Performance. Das Festival „The

Present is Not Enough“ findet vom20. bis 30. Juni in allen drei Häuserndes HAUstatt.

anderen Geschlechts bewegten, haben

mich wirklich überrascht.

Uns auch! Wir haben im Archiv

des Schwulen Museums und in der

Magnus Hirschfeld Gesellschaft

nach Fotos von queeren Menschen

aus der Weimarer Republik gesucht,

da gab es einige. Damals konnten

Transgender-Personen Ausweise erhalten,

ausgestellt von Magnus

Hirschfelds sexualwissenschaftlichem

Institut, die es den Inhabern

erlaubten, sich öffentlich in queerer

Kleidung zu zeigen. Die Ausweise

wurden von der Polizei akzeptiert.

Wir denken, die Anerkennung von

Transgender sei etwas ganz Neues,

aber das hat es schon damals gegeben.

Mitdem Schwulen Museum haben

wir auf vielen Ebenen eng zusammengearbeitet.

Teil der Festivaleröffnung

ist ein Ausstellungsprojekt

von Karol Radziszewski, seinem

„Queer Archives Institute“, mit dem

er queeres Archivmaterial vor allem

aus Mittel- und Osteuropa sammelt.

Wie verändern solche Funde die Perspektive?

Diese Transgender-Ausweise sind

einerseits eine Empowerment-

Geste. Man erkennt, was schon vor

so langer Zeit möglich war. Aber sie

machen auch noch deutlicher, dass

wir unser Bewusstsein für die queere

Geschichte schärfen müssen. Dafür,

was möglich war –und damit gleichzeitig

aber auch dafür,wie schnell es

sich dann geänderthat. Dasführteinem

doch drastisch vor Augen, dass

es keine Garantie auf einmal Erreichtes

gibt. Es zeigt, mit welcher Geschwindigkeit

die Dinge sich ändern

können. DasErstarken der Rechtsextremen,

auch die Wahlergebnisse in

Deutschland, sind für queere Menschen

bedrohlich – und das eben

nicht nur in der Theorie.

Sie haben im vergangenen Jahr für

das HAU Hebbel am Ufer in einem

Open Call queere Künstler und

Künstlerinnen aus Berlin gefragt, wie

aus ihrer PerspektiveZukunftsszenarien

aussehen könnten und sollten.

Wiesind diese Szenarien ausgefallen?

Wir haben wirklich sehr offen gefragt

und als Antworten alles Mögliche

bekommen, Texte natürlich,

aber auch Performances, Musik und

Tanz. Von270 Einsendungen haben

wir 26 Positionen für das„Manifestos

for Queer Futures“ ausgewählt, mit

dem wir das Festival eröffnen. Viele

der Beiträge setzen sich mit Geschichte

auseinander, mit der Frage

nach unseren queeren Ahnen. Ahnen

nicht in dem Sinn von Blutsfamilie,sondernals

Menschen, mit denen

man durch die gemeinsamen

Themen und eine gemeinsame Bewegung

familiär verbunden ist.

Wie wird die Wiederentdeckung der

Vergangenheit noch thematisiert?

Neben der Ausstellung von Karol

Radziszewski gibt es etwa die Performance

„Untitled (Together Again)“

von Michal Borczuch, der ebenfalls

aus Polen kommt. Borczuch und

sein Team untersuchen in dieser

HAU-Koproduktion das Verhältnis

der HIV/AIDS-Epidemie und der politischen

Situation. Sie erkunden die

aktuelle Situation von LGBTIQ*-Gemeinschaften.

Aber das Festival befasst

sich auch mit ganz anderen

Zeitschichten. Es gibt etwa zwei

wunderbareFilme vonMária Takács,

in denen sie vomLeben in den lesbischen

und den Gay-Communities

im Ungarn vor 1989 erzählt. Es gibt

auch viele Produktionen, die sich

konkret mit unserer Gegenwart auseinandersetzen.

Etwa vonTravis Alabanza,

der in London öffentlich auf

der Straße wegen seiner Transsexualität

attackiertwurde und sich in der

Performance „Burgerz“ diese Gewalttat

aneignet und sie transformiert.

Wird das Festival so etwas wie ein

Gipfeltreffen der queeren Commmunity?

Das hoffen wir! Das ist uns ja seit

jeher ein Anliegen im HAU. Aber vor

allem wünschen wir uns auch, dass

sich viele verschiedene Menschen

begegnen und miteinander in Austausch

kommen.

DasInterviewführte

Michaela Schlagenwerth.

Alles ist Reggae

Der Brite Peter Webber dreht aus Fan-Begeisterung und deshalb eher unkritisch einen Film über Musiker in Jamaika: „Inna de Yard“

VonDennis Vetter

Kurznachdem die Unesco Reggae

im vergangenen November zum

immateriellenWeltkulturerbe erklärt

hat, veröffentlicht der britische Filmemacher

Peter Webber seinen Dokumentarfilm„Inna

deYard“über einige

zentrale Stimmen der Musikbewegung

und ihreErinnerungen: „Als

Teenager, der in den 70er-Jahren in

West-London aufwuchs, konnte

man diese Musik überall hören“, sagt

er.Webber („Das Mädchen mit dem

Perlenohrring“, „Hannibal Rising“)

war vor Ort, als Reggae in England

bekannt wurde und die Aufmerksamkeit

der Pop- und Punkszene

gleichermaßen weckte.

Viele Musiker waren seit dem

Krieg eingewandert und begannen,

ihre Klänge in Europa zu verbreiten.

Wassich zu der gleichen Zeit in Jamaika

abspielte, versucht der Regisseur

nun nachträglich mit der Kamera

zuergründen. Denn nur wenige

der einstigen Wegbereiter (und

insbesondere Wegbereiterinnen!)

des Reggae, etwa Ken Boothe, sind

bis heute in der Industrie sichtbar.

Manche Zeitzeugen landeten nur

einzelne Hits und waren kurzdarauf

bereits wieder aus der internationalen

Wahrnehmung verschwunden.

Einige erlebten erst späte Anerkennung

und müssen sich nun mit Altersarmut

herumschlagen.

Neben Ken Boothe sprach Webber

für „Inna de Yard“ mit Winston

McAnuff (lange völlig unbekannt

trotz seines Hits „Malcom X“), Kiddus

I(ein Gesicht des Reggae-Kultfilms

„Rockers“), Cedric Myton (Sänger

von„The Congos“) und Judy Mowatt

(vielfach auf der Bühne mit Bob

Marley), während sie einige ihrer

größten Hits für das französische

Label Chapter Twoneu einspielten –

und zwar akustisch und unter freiem

Himmel, so wie die Songs ursprünglich

gedacht waren.

Webber sucht in den Aufnahme-

Sessions nach einer Idee der Ursprünglichkeit.

Und dies als weißer

Immerhin schöne Bilder und schöne Musik hat der Film.

Filmemacher, der aus Fan-Begeisterung

einen Film über Musiker dreht,

die Klassenfragen, Widerstand und

Spiritualität aus einer rein jamaikanischen

Perspektiveerläuternsollen.

Es ist Webbers eigentliche Position

zum Geschehen, die hier die wesentlichen

Fragen aufwirft, insbesondere

weil sein Film in keinem Moment

eine Haltung einnimmt. Auf der Ta-

CHAPTER TWO RECORDS

gesordnung steht stattdessen das

schematische Zuhören. Wo ein Dialog

entstehen und seine europäische

Perspektive auf die Kulturtechniken

des Reggae kritisch bedacht werden

könnte, gibt Webber jede Sprachhoheit

aus der Hand und lässt seine

Helden Helden sein.

Abwägendes schleicht sich nur

zufällig ein: Wenn die beteiligten

Musikerinnen die besonderen

Schwierigkeiten ihrer Karrieren und

Konflikte mit Kollegen damals und

heute betonen, wird Geschichte

plötzlich gegenwärtig und der Film

verlässt für Momente das geordnete

Nacherzählen auf TV-Niveau. Dennoch

bleiben die Dialoge mit Judy

Mowatt Randnotizen. In besseren

Momenten offenbart sich die

Gruppe der Musizierenden in ihrer

Verschiedenheit, Ken Boothe etwa

macht unmissverständlich seine

Distanzierung von einigen seiner

Zeitgenossen klar. Kontroversen um

die heutige Reggae-Kultur (etwa Vorwürfe

der Schwulenfeindlichkeit gegen

einzelne Musiker vor einigen

Jahren) lässt der Film weg und begnügt

sich mit einem unkomplizierten„Früher

war alles besser“-Gestus.

Praktisch nie fragt der Film auch weitergehend

nach Vermarktungsweisen,

die das internationale Geschäft

mit jamaikanischen Musikstilen

heute begleiten, spart offensichtliche

finanzielle Abhängigkeiten der

Protagonisten im Rahmen einer gezeigten

Welttournee aus.

Die formale Stromlinienförmigkeit

von Webbers Film erscheint

umso bedauerlicher in Anbetracht

der Vielgestaltigkeit des musikalischen

Kernthemas: nach jamaikanischem

Urheberrecht etwa sind Kompositionen

in der Reggae-Szene Allgemeingut

und frei adaptierbar. Die

künstlerische Kultur des Variierens,

Interpretierens, Nachproduzierens

und Remixens, die dort entstand

und sich in ihrer internationalen Bedeutung

und Formen wie Dub weiterentwickelte,findet

hier aus einem

formelhaften Purismus heraus keine

Entsprechung. Webber lässt sich auf

seichte PR-Bilder ein, filmt zu Reggae-Klängen

Obdachlose in der

Stadt ab. Apolitischer geht’s kaum.

Oder wie es Heiner Goebbels einmal

schrieb: „Never play aReggae.“

Inna de Yard –The Soul Of Jamaica Frankreich

2018. Regie und Buch: PeterWebber.99Minuten.

Ab 20.6.imKino

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