Berliner Zeitung 18.06.2019

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24 * Berliner Zeitung · N ummer 138 · D ienstag, 18. Juni 2019

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Netzwerk

DOKUS

Lahmes

Netz,

falsche Tipps

VonTorsten Wahl

Wer versteht schon alle Zusammenhänge

der vernetzten

Welt?Werkennt sich wirklich aus mit

den technischen Veränderungen?

Und was bringt die digitale Zukunft

für die Menschheit? Zwei Dokus im

ZDF erklären, warum das Netz mancherorts

noch so langsam ist und

warum man Kundenbewertungen

nicht blind vertrauen sollte.

Funkloch: Zehn Familien mit Netflix-

Aboziehen heute so viele Daten, wie

vorgut 20 Jahren weltweit durch das

gesamte Netz flossen. Eine ZDF-

Doku, die auf ZDFinfo „Funkloch

und Schneckennetz“ heißt, im ZDF-

Wirtschaftsmagazin WiSo dann unter

dem Titel „Kunden in der Warteschleife“

wiederholt wird, zeigt zunächst,

wo es überall klemmt –obwohl

die Bundesregierung ein

schnelles Netz für alle bis 2018 versprochen

hatte. Doch Landmaschinen

können nicht digital geführt

werden, Kunden bleiben bei Anbieterwechseln

auf der Strecke,versprochene

Datenraten werden oft nicht

erreicht. Die Doku zeigt die Unterschiede

zwischen Kupferleitungen

und Glasfaser und stellt Kommunen

wie das sächsische Amtsbergvor,die

ihr eigenes Breitbandnetz aufgebaut

haben. Ein Staatssekretär der Bundesregierung

erklärt schließlich, wie

der Netzausbau beschleunigt werden

soll.

DieDokumentation „Funkloch und Schneckennetz“

läuft am Donnerstag,den 20. Juni, um

18.45 bei ZDFinfo. Unter demTitel „Kunden in der

Warteschleife“ am Montag,den 24. Juni, um

19.25 im ZDF.Inder ZDF-Mediathek istder Beitragbis

zum 24.Mai 2020 verfügbar.

Wemkann man trauen im Netz? Bei Kundenbewertungen

ist da nicht leicht. S. THÖNE

Kundentäuschung: Spezielle gesetzliche

Regelungen zu Bewertungen im

Netz gibt es zum Bedauern der Verbraucherschützer

nicht – dabei

müssten viele eigentlich als Werbung

gekennzeichnet werden. Die Doku

„Fakten, Fakes und Kundentäuschungen“

führt vor, wie leicht positive

Bewertungen gekauft werden

können. Die Reporter besuchen heruntergekommene

Hotels und fragen,

warum sie im Netz Höchstbewertungen

bekommen. Für Fakes sorgen

auch Leute, die Produkte behalten

dürfen, wenn sie die in höchsten Tönen

loben. Die Doku geht auch der

Frage nach, warum Ärzte es schwer

haben, gegen Verleumdungen bei

Portalen wie Jameda vorzugehen.

Die Dokumentation „Fakten, Fakesund Kundentäuschung“läuftamDonnerstag,

20. Juni, um

19.30 Uhr bei ZDFinfo. In der ZDF-Mediathek ist

sie bis zum 30. April2020verfügbar.

Torsten Wahl wunderte

sich, wie gut schlechte Hotels

bewertet werden.

Der Hauptprozessor eines Computersbenötigt viel Energie, um die gewünschten Rechenvorgänge erledigen zu können.

Ständig unter Strom

E-Mails verschicken, Netflix-Serien streamen –dabei wird sehr viel Energie verbraucht

VonAdrian Lobe

Die globale Schüler- und

Studierendenbewegung

„Fridays for Future“ hat

das Thema Klimaschutz

ganz oben auf die politische Agenda

gesetzt. Flugreisen, Fleisch, Kohlekraft

–die Klimakiller sind schnell

ausgemacht. Doch ein Faktor wirdin

der Diskussion zuweilen außer Acht

gelassen: das Internet.

Luftpost verbraucht weniger

Aktivität im Netz hinterlässt einen

gewaltigen ökologischen Fußabdruck.

Im Jahr 2009 rechnete der

Harvard-Physiker Alex Wissner-

Gross aus, dass eine Google-Suche

sieben Gramm CO 2 verursacht. Das

entspricht etwa der Hälfte der Energie,die

man für das Aufkochen einer

Kanne Teebenötigt (nach Angaben

vonGoogle produzierteine typische

Suchanfrage lediglich 0,2 Gramm

CO 2 ). Bedenkt man, dass Google pro

Tag3,5 Milliarden Suchanfragen verarbeitet,

kommt hier eine beträchtliche

Menge klimaschädlicher Gase

zusammen.

Die Aktionskünstlerin und Wissenschaftlerin

Joana Moll hat den

CO 2 -Ausstoß von Google in ihrem

Kunstprojekt CO2GLE visualisiert.

Die netzbasierte Installation demonstriert,

wie viel CO 2 die Suchmaschine

seit dem Ladevorgang emittiert

hat. Nach nur wenigen Sekunden

schnellt der CO 2 -Verbrauch auf

ein paar Tonnen an. Die Suche im

13

Kilowattstunden werden

benötigt, um ein Gigabyte

an Informationen

zu übertragen.

ENERGIEVERBRAUCH BEI SUCHANFRAGEN

Netz, ein einziges Klimadesaster.

Moll legt ihrer Berechnung zugrunde,

dass die Produktion einer

Kilowattstunde im Durchschnitt 544

Gramm CO 2 ausstößt. Um 1Gigabyte

Information zu übertragen, benötigt

man 13 Kilowattstunden. Die 47000

Suchanfragen, die Google pro Sekunde

verarbeitet, entsprechen nach

dieser Kalkulation etwa einer halben

Tonne CO 2 .

DieEmissionen entstehen hauptsächlich

durch Rechenzentren, deren

Betrieb jede Menge Energie verbraucht.

Vorallem die Kühlung der

heiß laufenden Server – allein in

Googles Rechenzentrum Lenoir in

NorthCarolina sind es knapp 50 000

– ist äußerst energieintensiv. Zwar

setzt Google wie auch andere Tech-

Konzerne in den vergangenen Jahren

vermehrt auf erneuerbare Energien

(durch den Zukauf von Windund

Solarenergie), wodurch schädli-

47 000

Suchanfragen, die Google

pro Sekunde verarbeitet,

entsprechen etwa einer

halben Tonne CO 2 .

30

Prozent seines

Energiebedarfsdeckt Netflix

mit Kohlestrom, 25 Prozent

mit Kernkraft.

che Treibhausgasemissionen eingespart

werden. Doch laut Googles

Nachhaltigkeitsbericht ist der durch

erneuerbareEnergien bereinigte CO 2

-Ausstoß in den vergangenen Jahren

kontinuierlich gestiegen. Das liegt

vorallem am steigenden Datenvolumen.

Auch E-Mails gelten als klimaschädlich.

205 Milliarden E-Mails

werden jeden Tag verschickt. Die

französische Umweltagentur

ADEME (Agence De l’Environnement

et de la Maitrise de l’Energie)

hat berechnet, dass ein mittelständischer

Betrieb mit 100 Angestellten

allein durch E-Mails pro Jahr 13,6

Tonnen CO 2 produziert – das entspricht

rund 13 Flügen von Paris

nach NewYorkund zurück.

Mit elektronischen Postfächern

war anfangs die Hoffnung verknüpft,

sie würden den Versand von Briefen

per Luftpost überflüssig machen

Komponieren weltweit

und damit klimafreundlich sein.

Doch die Zahlen belegen das Gegenteil.

Laut einer Studie machen Rechenzentren

zwei Prozent der globalen

Treibhausgasemissionen aus –so

viel wie die gesamte Luftfahrtindustrie.

Gefahr der Kryptowährungen

IMAGO

„Der größte Treiber des Datenwachstums

und der damit verbundenen

Energienachfrage sind Streaming-

Dienste“, sagt der Greenpeace-Aktivist

Gary Cook im Gespräch mit der

Berliner Zeitung. DerWissenschaftler

ist Autor der Greenpeace-Studie „Clicking

Clean“, welche die ökologischen

Bemühungen der Tech-Branche

untersucht. Der Bericht stellt vor

allem den chinesischen Technologiekonzernen

ein schlechtes Zeugnis

aus: Sowohl der Online-RieseTencent

als auch der Suchmaschinenkonzern

Baidu beziehen zwei Drittel ihrer

Energie aus schmutziger Kohlekraft.

In China ist auch das Gros der Bitcoin-Minen

stationiert –die Kryptowährung

verbraucht mittlerweile so

viel Strom wie ganz Dänemark. Der

Streaming-Dienst Netflix, dermittlerweile

ein Drittel des Internet-Traffics

in den USA ausmacht, deckt seinen

Energiebedarf zu 30 Prozent aus

Kohle und einem Viertel aus Kernkraft.

Wäre der IT-Sektor ein Land,

würde er im Energieverbrauch auf

Platz drei rangieren –hinter China

und den USA und weit vorIndustrienationen

wie Russland, Deutschland

und Japan.

Die App Jambl aus Berlin ist in Cannes mit einem renommierten Musikpreis ausgezeichnet worden

VonJörg Hunke

Firmenchef und Gründer Gad Baruch Hinkis (Mitte) mit seinem Team in Cannes.

JAMBL

gene Musik produzieren kann, auch

ohne ein Instrument zu beherrschen.

„Jeder Mensch hat doch Musik

insich“, sagt Hinkis. Esgab erste

Erfolge und Misserfolge und in einer

schwierigen Zeit die erfolgreiche Su-

Am Anfang lief alles gegen Gad

Baruch Hinkis. Kein Geld, kein

Geldgeber, enttäuschte Hoffnungen

und dann auch noch der Verlust des

wichtigsten Mitarbeiters. Hinkis

weiß genau, wie sich Enttäuschungen

anfühlen, aber er hat weitergemacht.

Das hat sich gelohnt: Für

seine App Jambl ist er in Cannes mit

dem renommierten Midemlab-

Awardausgezeichnet worden. In der

Vergangenheit haben angesagte

Start-ups wie Soundcloud und junge

Unternehmen, die später vonSpotify

und Google übernommen wurden,

den Preis gewonnen.

Die App Jambl (bisher nur in

Apples App-Store erhältlich) ist in

Berlin entwickelt worden. Ideengeber

Hinkis kam vor zehn Jahren aus

Israel hierher,weil er die Hauptstadt

neben NewYorkund London für den

besten Hotspot in Sachen Technologie

und Musik hält. Hinkis ist seit

Ewigkeiten in der Musikbranche unterwegs,erspielt

selbst aber kein Instrument.

Unddas störte ihn.

So kam er auf die Idee, eine App

zu entwickeln, mit der man seine eiche

nach einem neuen Programmierer.

Mit der App lassen sich Sounds

mischen, Instrumente hinzufügen

oder wieder löschen. Das Konzept

erlaubt es auch, mit anderen Nutzern

der App weltweit zu kooperieren.

„Jambl ist die Musikversion von

Minecraft“, sagt Hinkis. Zur Erinnerung:

Minecraft ist das beliebte

Computerspiel für Kinder und Jugendliche,die

gemeinsam neueWelten

entstehen lassen. „Wir sind die

Multi-Player-Plattform für die Musikbranche“,

sagt der Firmenchef,

der in den Erklärvideos gerne den

großen Entertainer spielt mit Vollbartund

dicker Sonnenbrille.

Wie esweitergeht nach der Auszeichnung?

Start-ups, die in Cannes

aufgefallen waren wie „The Echo

Nest“, bei dem es um die Datenerkennung

geht, wurden von Spotify

übernommen. „Für so einen Deal ist

es aber noch zu früh“, sagt Hinkis.

Neue Qualität

der

Supercomputer

AusDeutschland ist ein

Rechner in den TopTen

VonRenate Grimming

Die Liste der 500 schnellsten

Supercomputer der Welt hat in

ihrem 26. Jahr einen Meilenstein erreicht:

Erstmals kommt selbst der an

letzter Stelle gelistete Rechner auf

eine Leistung im Petaflops-Bereich.

Ein Petaflops entspricht einer Billiarde

Rechenoperationen pro Sekunde

–eine Schnelligkeit, die noch

voreinigen Jahren nur ganz wenigen

Anlagen vorbehalten war.

Angeführt wird die Bestenliste,

die zweimal im Jahr zur International

Supercomputing Conference

(ISC) veröffentlicht wird, vonzweiin

den USA betriebenen Anlagen, Platz

drei und vier belegt China. Auch

Deutschland hat es unter die TopTen

geschafft. Die SuperMUC-NG-Anlage

am Leibniz-Rechenzentrum bei

München schaffte es mit einer Leistung

von 19,5 Petaflops auf Platz

neun.

Die ersten beiden Plätze belegen

von IBM gebaute Supercomputer.

„Summit“ ist mit einer Rekordleistung

von 148,6 Petaflops der

schnellste Rechner der Welt und

steht am OakRidge National Laboratory

inTennessee. Platz zwei nimmt

die Anlage „Sierra“ am Lawrence LivermoreNational

LaboratoryinKalifornien

ein, die auf eine Spitzenleistung

von 94,6 Petaflops kommt.

Manche Supercomputer werden künstlerisch

gestaltet –wie in Frankreich. AFP

Dicht auf den Fersen folgt China mit

seinem schnellsten System „Sunway

TaihuLight“, das mit 93 Petaflops am

nationalen Supercomputer-Zentrum

in Wuxi installiertist. Auch den

vierten Platz belegt China mit „Tianhe-2A“,

genannt „Milky Way“, aus

Guangzhou mit 61,4 Petaflops.

Forschung der Astro-Physiker

Neuindie TopTen rückte„Frontera“,

ein amerikanischer Supercomputer

mit einer Spitzenleistung von 23,5

Petaflops des Herstellers Dell, das

System wirdander UniinTexas eingesetzt.

DieUSA kommen insgesamt

auf fünf Anlagen in den TopTen, die

vor einem Jahr noch China angeführt

hatte. Neben den USA und

China sind die Schweiz („Piz Daint“

mit 21,2 Petaflops auf Platz sechs),

Japan („AI Bridging Cloud Infrastructure“

mit 19,8 Petaflops auf

Platz acht) sowie Deutschland vertreten.

„SuperMUC-NG“, der auf

Platz neun geführte Supercomputer

des Herstellers Lenovo, steht in Bayern

Forschern aus ganz Europa zur

Verfügung, die etwa in Bereichen der

Astro- und Festkörper-Physik, in der

Medizin oder der Katastrophen- und

Umweltforschung arbeiten.

Die Supercomputer Conference

findet diesmal in Frankfurt amMain

statt. Siegilt noch immer als wichtige

Messlatte in der Branche, manche

Kritiker halten die Artder Messung jedoch

nicht mehr für zeitgemäß. Der

sogenannte Linpack-Benchmark ermittelt

zwar die Schnelligkeit, aber

nicht die Rechen-Effizienz einer Anlage.

Bei komplizierten Berechnungen

–wie Simulationen in der Klimaforschung

oder dem maschinellen

Lernen –geht es aber nicht mehr allein

um eine schnelle Berechnung,

sondern umeine für die verschiedenen

Arbeitsschritte optimierte Nutzung

der Rechenleistung. (dpa)

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