Berliner Zeitung 18.06.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 138 · D ienstag, 18. Juni 2019 3 *

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Seite 3

Mann der Mitte

Joe Biden zwischen Anhängernvor wenigen Tagen in Iowa

GETTY IMAGES/AFP/SCOTT OLSON

Gerade einmal 270 Kilometer voller

Getreidefelder liegen zwischen

Des Moines und Davenport im

Bundesstaat Iowa. Auf der

schnurgeraden Interstate 70 dauertdie Fahrt

gut zweieinhalb Stunden. Im Mittleren Westen

der USA ist das eigentlich keine Entfernung.

Doch am vergangenen Dienstag

trennten die Landeshauptstadt und das Uni-

Städtchen politische Welten.

Zeitgleich traten hier Präsident Donald

Trump und dortsein derzeit aussichtsreichster

Herausforderer JoeBiden vorihreAnhänger.Alle

großen Kabelsender übertrugen das

Fernduell bundesweit live. Und die Zuschauer

an den TV-Schirmen wurden nicht

enttäuscht. „Der Präsident ist eine existenzielle

Bedrohung für Amerika“, sagte Biden

und schlug so eindringlich Alarm. Trump beschimpfte

seinen Gegner als „Dummkopf“,

der keine Energie mehr habe. „Auf sein Niveau

werde ich mich nicht herablassen“,

konterte dieser kühl.

Am Ende des Tages dürften beide Politiker

zufrieden gewesen sein. Der Präsident

braucht das Spektakel und einen sichtbaren

Gegner, umseine Anhänger bei Laune zu

halten. Wenn Trump an diesem Dienstag in

Orlando mit einer großen Show und dem

reichlich dünnen Slogan „Keep America

Great“ (Lass Amerika groß bleiben!) seine erneute

Kandidatur für dasWeiße Haus im Jahr

2020 bekanntgibt und damit offiziell den

Wahlkampf eröffnet, dürfte er auf den Stellvertreter

seines Vorgängers Barack Obama

erneut publikumswirksam einprügeln.

Doch auch dem Herausforderer scheinen

die persönlichen Attacken des Amtsinhabers

zu helfen: Seit er Ende April ziemlich spät

seine Kandidatur für das Präsidentenamt erklärt

hat, führt Biden nicht nur das Feld der

demokratischen Bewerber an. Durch den

Konfrontationskurs mit Trump hat der 76-

Jährige die 22 anderen Kandidaten seiner

Partei an den Spielfeldrand gedrängt und

vermittelt den Eindruck, das Rennen um das

Weiße Haus werdeimGrunde zwischen ihm

und Trump ausgetragen.

Scharfinder Analyse

Doch das könnte sich als Täuschung erweisen.

Bis zur amerikanischen Präsidentschaftswahl

im November 2020 sind es noch

fast 17 Monate.Und erst im Juli des nächsten

Jahres wird die Demokratische Partei ihren

Kandidaten küren. Bisdahin kann sich noch

sehr viel ändern. Auch folgt die parteiinterne

Mehrheitssuche ganz anderen Regeln als das

anschließende Duell.

Während es bei den Vorwahlen darum

geht, die eigene Basis zu mobilisieren, müssen

bei der Präsidentschaftswahl vor allem

die Wechselwähler in sogenannten Swing-

States wie Ohio,Michigan, Pennsylvania und

Wisconsin gewonnen werden. Bei ihnen hat

der Pragmatiker Biden, den seine Anhänger

auch „Middle-Class Joe“ nennen, nach Einschätzung

der Demoskopen gute Chancen.

Obamas einstiger Stellvertreter Joe Biden gilt derzeit als

chancenreichster Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten.

Er will Trump aus dem Amt jagen.

Manchen Parteifreunden ist das zu wenig

Ob er seine eigene Partei überzeugen kann,

ist weniger sicher.

Ein Frühsommertag in Philadelphia vermittelt

einen guten Eindruck von den Stärken

und Schwächen des Kandidaten. Es ist

die offizielle Auftaktkundgebung für Bidens

Kampagne. Die Organisatoren haben die

Bühne gegenüber dem Kunstmuseum aufgebaut.

Im Hintergrund reckt sich der markante

Turm der City Hall, der seit dem Kino-

Drama „Philadelphia“ mit TomHanks und

DenzelWashington zu einem Symbol der Toleranz

geworden ist, in den strahlendblauen

Himmel. Eindrucksvolle Fernsehbilder sind

garantiert. Aber der Zustrom der Anhänger

hält sich in Grenzen. Rund 6000 sollen es

nach offiziellen Angaben am Ende sein. Das

ist nicht schlecht. Aber bei Trump sind die

Arenen deutlich voller.

Dynamisch springt Biden mit getönter Pilotenbrille

aufs Podium, zieht sein Sakko aus

und krempelt die Hemdsärmel hoch. Doch

er wirkt erkennbar älter, als man ihn an der

Seite vonObama in Erinnerung hat. „Die Politik

ist so gemein, so kleinkariert, so wütend

geworden“, ruft er aus. Das verstärkt unbewusst

einen merkwürdig nostalgischen Eindruck.

Entschlossen im Auftreten, scharf in

der Analyse und klar im Ausdruck stellt sich

Biden einer Politik entgegen, die auf Hass

und Spaltung basiert.

DerUnfalltod seiner ersten Frau und ihrer

gemeinsamen Tochter sowie der spätere

Krebstod seines Sohnes haben das Leben

dieses Mannes gezeichnet. Die Bewältigung

dieser Schicksalsschläge verleiht ihm nun

Glaubwürdigkeit, wenn er sich als Anwalt des

anständigen Amerikas präsentiert. „Die Nation

muss wieder zusammenkommen“, fordert

er. Dazu müsse Trump weg. Seine konkreten

politischen Vorhaben bleiben derweil

eher vage.

Tatsächlich liegt Biden in bundesweiten

Umfragen, die wegen des komplizierten

Wahlrechts in den USA nur eine begrenzte

Aussagekraft haben, derzeit vor Trump.

Selbst nach den internen Erhebungen des

Weißen Hauses würde der Herausforderer

den Amtsinhaber momentan schlagen, was

den Präsidenten so wütend gemacht haben

VonKarlDoemens, Washington

soll, dass er drei seiner fünf Meinungsforscher

kündigte.

Die Wähler schätzen Bidens Integrität,

seine innen- und außenpolitische Erfahrung,

seine Führungsstärke und die Fähigkeit

zum parteiübergreifenden Kompromiss.

Undregelmäßig erklärteine deutliche Mehrheit,

dass ihr bei der Entscheidung für einen

demokratischen Kandidaten dessen Siegeschancen

wichtiger sind als die inhaltliche

Übereinstimmung in allen Punkten.

Natürlich kommt dem ehemaligen Vizepräsidenten

sein hoher Bekanntheitsgrad

zugute. Doch die vier Jahrzehnte lange Vorgeschichte

in der Politik birgt auch Risiken.

„Die Politik ist

so gemein,

so kleinkariert,

so wütend

geworden“

Jo Biden,

US-Demokrat, 76 Jahre alt

So hat Biden 1994 unter dem Eindruck wachsender

Gewalt eine Justizreformmit deutlich

härteren Strafen unterstützt, die zu Massenverhaftungen

von Schwarzen führte. Auch

lehnte der bekennende Katholik lange die

staatliche Finanzierung von Abtreibungskliniken

ab. Erst angesichts massiver parteiinterner

Proteste änderte er in der vergangenen

Woche plötzlich seine Position. In der

Umweltpolitik war Biden anfangs ziemlich

blank. Mitheißer Nadel musste er in den vergangenen

Wochen einen Klimaplan schreiben

lassen, wurde aber prompt dabei erwischt,

dass einige Passagen anderswo abgekupfertwaren.

Zu einem Problem könnte auch Bidens

körperbetonter Umgang mit anderen Menschen

werden. Der joviale Politiker nimmt

Vertraute in den Arm, streicht ihnen über die

Schulter und gibt ihnen auch schon einmal

einen Kuss auf den Hinterkopf. Mehrere

Frauen aus seinem Umfeld haben inzwischen

erklärt, dass sie derartige Vertraulichkeiten

als Übergriff empfunden haben. Die

MeToo-Bewegung ist Biden fremd geblieben.

Neulich stellte ihm einWähler seine Enkelin

vor. „Wie alt bist du?“, fragte Biden

freundlich. Das Mädchen antwortete, essei

dreizehn. Darauf mahnte Biden dessen Brüder:„Haltet

bloß die Jungs voneurer Schwester

fern!“ Ein harmloser Scherz. Aber einer

aus dem vergangenen Jahrhundert.

„Die Leute gehen zu Veranstaltungen

und erwarten Onkel Joe“, stichelt die Politikberaterin

Rebecca Katz, die im Herbst für

die lesbische Schauspielerin Cynthia Nixon

den NewYorker Gouverneurswahlkampf organisierte.

„Aber dann begegnen sie

Grandpa Joe.“ Die 43-Jährige macht keinen

Hehl daraus, dass sie sich eine jüngere,

deutlich linkere Frau als Herausforderin

vonTrump wünscht. Mit ihrer Skepsis steht

Katz nicht alleine. Viele Angehörige der

Graswurzelbewegung wünschen sich einen

radikaleren Kandidaten. Das Problem ist

nur: Cynthia Nixon fuhr eine krachende

Niederlage ein.

Und das ist Bidens Kernargument. „Es

kommt darauf an, wer die größten Chancen

hat, Trump zu schlagen. Wenn das nicht passiert,

wirdsich gar nichts ändern“, hält er,der

charismatische Sohn eines Gebrauchtwagenhändlers,seinen

Kritikernentgegen.

Ansonsten vermeidet er jegliche persönliche

Angriffe auf seine demokratischen Mitbewerber

und geht dem direkten Schlagabtausch

möglichst aus dem Weg. Als kürzlich

19 Kandidaten zu einer großen Debatte in

Iowa zusammenkamen, feierte der Favorit

im Kreise der Familie die Examensfeier seiner

Enkelin.„Biden machtWahlkampf, als ob

es nur einen Herausforderer gäbe“, beobachtete

die NewYorkTimes.

Das wird sich in der nächsten Woche ändern,

wenn 20 der 23 Demokraten-Kandida-

ten in Miami bei zwei großen Fernseh-Debatten

aufeinandertreffen. Dann sitzt auch

Biden auf dem Podium. Die Demokraten

dürften hier wie überall im Land darüber

streiten, ob sie mit einem renommierten Repräsentanten

der Mitte um Stimmen von

Nichtwählernund enttäuschten Konservativen

werben oder doch mit einem polarisierenden

Bewerber die eigene Basis stärker

mobilisieren sollen. Es geht um mehr als

Taktik. Dahinter steckt nämlich eine ganz

grundsätzliche Frage: IstTrump ein skrupelloser

Einzeltäter, der die amerikanischen

Werte verrät und die Grundlage der Demokratie

gefährdet –oder ist er das Symptom einer

tiefergehenden Krise des amerikanischen

Modells, die bereits lange vor seiner

Wahl begonnen hat?

Linke Kandidaten wie die Senatorin Elizabeth

Warren und ihr Kollege Bernie Sanders

sind fest von der zweiten These überzeugt.

Mit tiefgreifenden Reformen von einer Reichensteuer

über eine staatliche Krankenversicherung

bis hin zum kostenlosen Studium

wollen sie politisch einen komplett anderen

Wegeinschlagen. Trump sei nicht das Problem,

argumentiertElizabeth Warren. Er zeige

vielmehr, was in den USA schiefläuft. „Er ist

das Produkt eines korrupten Systems, das

die Reichen und Mächtigen fördert und alle

anderen mit Dreck bewirft.“

Entschlossener Angreifer

Auch für Bernie Sanders gibt es kein Zurück.

Ganz bewusst wirbt er als Alternative zum

herrschenden Kapitalismus für einen „demokratischen

Sozialismus“, auch wenn viele

Forderungen für europäische Ohreneher sozialdemokratisch

klingen. Unter dem Jubel

seiner Anhänger blies der weißhaarige Rebell

kürzlich an der Georgetown-Universität in

Washington zur „politischen Revolution“.

Davon ist Joe Biden weit entfernt. Obamas

einstiger Stellvertreter möchte das Land

zur „Normalität“ vor 2016 zurückführen.

„Amerika ist besser!“, lautet seine Überzeugung.

Mit möglichst breiter Unterstützung

will der Mann den politischen Großbrand im

Weißen Haus löschen. Als Erstes hat ersich

die Wahlempfehlung der mächtigen Feuerwehrgewerkschaft

gesichert, doch auch zu

den anderswo inzwischen verpönten Geldgebern

ander Wall Street unterhält er weiter

beste Kontakte.

Der Architekt eines neuen amerikanischen

Gesellschaftssystems ist er kaum. Aber

er könnte vielleicht den Einsturz der rechtsstaatlichen

Ordnung verhindern. Und er

kämpft entschlossen. Insgesamt 35 Mal,

zählte der Sender CNN, hat Biden neulich in

Iowa den Präsidenten angegriffen. Der Poltergeist

Trumpbrachte es auf 15 Attacken.

Karl Doemens hat die aussichtsreichsten

Präsidentschaftsbewerber im

Vorwahlkampf persönlich beobachtet.

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