dérive – Zeitschrift für Stadtforschung, Schwerpunkt: Stadt Land (Heft 3/2019)

derive

Das Verhältnis zwischen Stadt und Land ist in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Anlass dafür sind immer wieder Wahlergebnisse, Statistiken über Landflucht oder Protestbewegungen. Im dérive-Schwerpunkt Stadt Land geht Ilse Helbrecht der Frage nach, was Stadt und Land bzw. Urbanität und Ruralität nun eigentlich unterscheidet. Maximilian Förtner, Bernd Belina und Matthias Naumann warnen vor vereinfachenden Darstellungen, im Speziellen bei der Interpretation von Wahlergebnissen der AfD. Mit dem Sozialforscher Günther Ogris haben wir über die Geographie des Wahlverhaltens in Österreich gesprochen. Theresia Oedl-Wieser hat sich für den Schwerpunkt mit der Frage der Abwanderung der jungen weiblichen Landbevölkerung in die Städte beschäftigt. Judith Eiblmayr schreibt in ihrem Beitrag über Hintergründe, Ursachen und Begleiterscheinungen von Suburbanisierung in den USA. Jeremy Harding portraitiert für dérive die Bewegung der Gelbwesten in Frankreich.

Editorial

Das Verhältnis zwischen Stadt und Land ist in den letzten Jahren

wieder verstärkt in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt.

Auslöser dafür sind vor allem politischer Natur, der Anlass

immer wieder Wahlergebnisse, Statistiken über Landflucht und

manchmal auch Protestbewegungen. So klar viele der Phänomene

bei oberflächlicher Betrachtung scheinen, so unscharf werden

sie bei näherer Beschäftigung. In den USA haben die Tea-Party-

Bewegung oder die Wahl Donald Trumps dazu geführt, dass

sich WissenschaftlerInnen und AutorInnen vermehrt die Frage

gestellt haben, was mit diesen Menschen in den Flyover-Staaten

eigentlich los ist, die auf einmal Stunk machen und populistische

Maniacs in höchste Ämter wählen. Man muss nicht lange

suchen, um dann doch auf etliche nachvollziehbare Gründe zu

stoßen, die berechtigterweise Anlass dazu geben, unzufrieden zu

sein: Die baulichen Infrastrukturen in den USA sind in den

letzten Jahren sträflich vernachlässigt worden, für finanziell

ausgehungerte Kleinstädte und Landstriche im Nirgendwo

interessiert sich kein Mensch, das Wort Overtourism kennt hier

niemand. Die Einkommen vor allem der unteren Mittelschicht

sind seit den 1990er-Jahren gesunken, ebenso die Lebenserwartung,

besonders in der Arbeiterklasse. Gut bezahlte Jobs

verschwinden, Alkoholismus, Drogenkonsum, Selbstmorde und

psychische Krankheiten nehmen zu. Wie Angus Deaton,

Nobelpreisträger 2015 für Ökonomie, behauptet, passiert mit der

weißen Arbeiterklasse in den USA heute das, was mit der

schwarzen Arbeiterklasse schon in den 1970er-Jahren geschah.

Sie wird nicht mehr gebraucht.

Eine in den letzten Wochen in den US-Medien diskutierte

Studie der beiden Politikwissenschaftler Peter Ganong und

Daniel Shoag weist nach, dass eine der klassischen ökonomischen

Aufstiegsmöglichkeiten für die ländliche bzw. kleinstädtische

Arbeiterklasse, nämlich der Umzug in eine größere Stadt,

aufgrund sinkender Löhne und steigender Lebenshaltungskosten

in den Städten keinen Sinn mehr macht. Das Ergebnis: In den

USA verzeichnen fast alle der großen Städte Bevölkerungsrückgänge.

Die Lebenshaltungskosten sind für Menschen ohne

Uniabschluss im Vergleich zu den Verdienstmöglichkeiten

mittlerweile einfach zu hoch.

Ganz ähnlich sind die aktuellen Entwicklungen in

England. Der Guardian zitiert eine Studie, die besagt, dass die

Zahl der Menschen zwischen 25 und 34, die übersiedeln, um

einen neuen Beruf zu beginnen oder zu finden, heute im Vergleich

zu den 1990ern um 40 Prozent gesunken ist. Grund dafür sind

auch hier die hohen Lebenshaltungskosten in den urbanen

Zentren, im Speziellen natürlich die hohen Mieten, die sich immer

weniger Menschen leisten können. Pessimistisch zugespitzt könnte

man sagen: Das Leben am Land bietet keine Perspektive, das

Leben in der Stadt können sich nur mehr Reiche leisten.

Im vorliegenden Schwerpunkt geht Ilse Helbrecht der

Frage nach, was denn Stadt und Land bzw. Urbanität und

Ruralität nun eigentlich unterscheidet und was die Stadtforschung

dazu sagt. Ähnlich wie auch Maximilian Förtner, Bernd

Belina und Matthias Naumann in einem weiteren Beitrag in

diesem Heft wehrt sie sich, anhand von z. B. Wahlergebnissen

eine scharfe Grenze zwischen urban und rural zu ziehen und

beiden Seiten eindeutige Charakteristika zuzuordnen. Die drei

genannten Autoren zeigen am Beispiel von Wahlerfolgen der

AfD, dass auch hier ein genauerer Blick notwendig ist und

einfache Stadt-Land-Zuordnungen in die Irre führen können.

Mit dem bekannten österreichischen Sozialforscher Günther

Ogris haben wir über die Geographie des Wahlverhaltens in

Österreich gesprochen und mit Erstaunen gehört, wie stabil die

österreichische Wahlkarte ist. Theresia Oedl-Wieser beschäftigt

sich seit Jahren mit dem Thema der Abwanderung der weiblichen

Landbevölkerung in die Städte und hat darüber einen Artikel für

den Schwerpunkt verfasst. Auch hier wird klar, dass ohne

genauen Blick die Gefahr von vereinfachten, voreiligen Schlüssen

droht. Judith Eiblmayr schreibt in ihrem Beitrag über Hintergründe,

Ursachen und Begleiterscheinungen von Suburbanisierung

speziell in den USA und ihren britischen Anfängen. Die

oben angesprochenen ökonomischen Verwerfungen finden ihre

Berücksichtigung in einem von uns für dieses Heft übersetzten

Artikel aus der London Review of Books über die Gelbwesten von

Jeremy Harding.

Ebenfalls mit dem Thema Stadt/Land hat sich eine

Veranstaltung beschäftigt, die wir Anfang Juni für das Kunst

Haus Wien kuratiert haben. Die Vorträge bildeten eine Begleitveranstaltung

zur sehenswerten Ausstellung Über Leben am

Land, die noch bis 25. August läuft.

Von 9. bis 13. Oktober veranstalten wir bereits zum

zehnten Mal das urbanize!-Festival, diesmal zur allerorten höchst

virulenten Wohnungsfrage. Im Jubiläumsjahr 100 Jahre Rotes

Wien begeben wir uns auf die Suche nach Fragestellungen und

Möglichkeiten einer gerechten Wohnraumversorgung für alle:

Alle Tage Wohnungsfrage fragt nach dem Menschenrecht auf

Wohnen und seiner Durchsetzbarkeit gegen das derzeit vorherrschende

Modell »Wohnen als Ware«, nach Wohnmodellen für

eine Gesellschaft im Wandel und dem Beitrag von Architektur

und Stadtplanung zur Lösung der Klimakrise. Dazu laden wir

nach Wien-Favoriten, dem mit rund 200.000 EinwohnerInnen

größten Wiener Gemeindebezirk, mit vielen unterschiedlichen

Veranstaltungsorten, Vorträgen und Diskussionen, Stadterkundungen

und Workshops, Filmen und Interventionen zwischen

dem traditionellen Favoriten und seinem neuen Stadtentwicklungsgebiet

Sonnwendviertel.

(Noch) keine Veranstaltung wird es im Hausprojekt

Bikes and Rails im Sonnwendviertel geben, an dem wir beteiligt

sind. »Ökologisch Solidarisch Unverkäuflich« lauten

die Säulen des Holzbau-Passivhauses, das im Sommer 2020

bezugsfertig sein wird. Nach wie vor freuen wir uns über

Menschen, die das erste Neubauprojekt im habiTAT

Mietshäuser-Syndikat unterstützen, indem sie Erspartes zwischen

500 EUR und 50.000 EUR als Direktkredit auf Zeit zur

Verfügung stellen. 1,2 Mio. EUR befinden sich schon in diesem

Alternativ-Finanzierungstopf, rund 300.000 EUR werden noch

benötigt, um endgültig zu beweisen: Solidarität schafft Raum!

Mehr Informationen und die Direktkredit-Unterlagen gibt es auf

www.bikesandrails.org.

Einen schönen Sommer wünscht

Christoph Laimer

01


» Alle Tage

Wohnungsfrage«

9.—13.10.19

save

the

date

Wien

www.urbanize.at


Inhalt

01

Editorial

CHRISTOPH LAIMER

Schwerpunkt

04—05

Stadt Land

CHRISTOPH LAIMER

06—13

Urbanität RURALITÄT

ILSE HELBRECHT

14—29

Was ist dran am »Exodus« der

jungen FRAUEN vom LAND?

THERESIA OEDL-WIESER

20—24

Die Geographie des Wahlverhaltens

in ÖSTERREICH

GÜNTHER OGRIS

25—31

Unter GELBWESTEN

JEREMY HARDING

Kunstinsert

37—43

SINE_URBAN

JUDITH EIBLMAYR

44—53

STADT, LAND, AfD

MAXIMILIAN FÖRTNER

BERND BELINA

MATTHIAS NAUMANN

Besprechungen

54—62

S. 54

Wiens munizipaler Sozialismus

Die Karte als Werkzeug der Ermächtigung S.55

S. 56

ZukunftsproduzentInnen

S. 57

Es gibt ein richtiges Leben im falschen

S. 58

A perfect day Kunst im Realitäts-Check

All we have is now. »Ich muss heute noch die

S. 60

Welt retten!«

S. 61

Neues zur territorialen Gerechtigkeit

Leserbrief

Betrifft: »Eloge für einen Nazi«

S. 62

von Rudi Gradnitzer

68

IMPRESSUM

32—36

Elena Anosova

Out-of-the-way


dérive Radio für Stadtforschung

Jeden 1. Dienstag im Monat von

17.30 bis 18 Uhr in Wien auf ORANGE 94.0

oder als Webstream http://o94.at/live.

Sendungsarchiv: http://cba.fro.at/series/1235

03


CHRISTOPH LAIMER

Stadt Land

Ein Vorwort

Die Residenzstadt Wien war zu Zeiten der Habsburger-Monarchie Hauptstadt eines

großen Reiches und galt als Wasserkopf. Sie war Sitz des Kaiserhauses, an das man

Steuern entrichten musste, das die eigene Volksgruppe, wenn es nicht die deutschsprachige

war, diskriminierte und ausbeutete. Nach dem Ersten Weltkrieg, als vom großen

Reich nur ein Rest übrig blieb, Wien eine hungernde Stadt war und die sozialdemokratische

SDAP bei den ersten freien Wahlen die absolute Mehrheit erreichte, bekam der

Hass auf Wien eine neue, antiproletarische Note. Das später so genannte Rote Wien

(19191934) war das ideale Feindbild des konservativen Österreichs, das vor allem

durch die von der Christlichsozialen Partei geführten Bundesländer repräsentiert wurde.

Eine Besonderheit Österreichs war, dass damals fast 30 Prozent der Bevölkerung in der

Hauptstadt lebten. Die Schärfe der ideologischen Gegensätze bekam dadurch noch

mehr Gewicht. 1920 wurde Wien ein selbständiges Bundesland und konnte sich damit

vom erzkonservativen, stark ländlich geprägten Niederösterreich abkoppeln. Seit diesem

Zeitpunkt, mit Ausnahme der Zeiten der Diktaturen, waren und sind in Niederösterreich

die ÖVP und in Wien die SPÖ (bzw. die jeweiligen Vorgängerparteien) die

stärksten Parteien eine unglaubliche Stabilität.

Trotz dieser eindeutigen Wahlergebnisse und der politischen

Grenze, die es zwischen Wien und Niederösterreich gibt, wäre

diese mit freiem Auge natürlich nicht erkennbar, gäbe es keine

Ortsschilder und natürlich spielt sie in ganz vielen Bereichen

keinerlei Rolle. So liegt Wiens größte Shopping Mall knapp

außerhalb der Stadtgrenze in der gerade einmal 7.000 EinwohnerInnen

zählenden niederösterreichischen Marktgemeinde

Vösendorf, zahlreiche WienerInnen haben ihre Wochenendhäuschen

im niederösterreichischen Waldviertel und noch

mehr verlassen ihre Stadt für Ausflüge, um z. B. in den in

Niederösterreich liegenden Wiener Alpen wandern zu gehen.

Eine Gegend, die den hitzegeplagten WienerInnen schon seit

Eröffnung der Südbahn Mitte des 19. Jahrhunderts wohlbekannt

ist. Sie diente ihnen zumindest den GroßbürgerInnen

unter ihnen ab dieser Zeit als Ort für die Sommerfrische.

Ungefähr seit dieser Zeit kommt das tatsächlich hervorragende

Wiener Wasser aus dieser Gegend. Dass WienerInnen gerne

Wein aus Niederösterreich trinken, Spargel aus dem Marchfeld

und Marillen aus der Wachau essen, sei nur nebenbei erwähnt.

Umgekehrt pendeln rund 190.000 NiederösterreicherInnen

täglich nach Wien (interessanterweise auch

90.000 WienerInnen aus Wien hinaus), gar nicht so wenige von

ihnen arbeiten bei der Stadt Wien. Polizisten wurden in Wien

früher gerne Mistelbacher genannt, was der Legende nach auf

ihren niederösterreichischen Herkunfts- bzw. Ausbildungsort

verweist. Der Sozialforscher Günter Ogris sagt im Interview

für diesen Schwerpunkt, dass die drei beliebtesten Kulturstätten

der NiederösterreicherInnen in Wien liegen.

Man sieht, selbst bei einer oberflächlichen Betrachtung

zeigen sich sofort mannigfaltige Verbindungen und Abhängigkeiten,

die die politische Grenze völlig ignorieren. »Die

komplexen gesellschaftlichen Konstruktionsprozesse von

Räumen verbieten es, räumliche Grenzen als scharfe Grenzen

für unterschiedliche soziale Verhältnisse zu vermuten«, schreibt

Ilse Helbrecht in ihrem Artikel, in dem sie sich mit den Begriffen

Stadt und Land sowie Urbanität und Ruralität auseinandersetzt.

Helbrecht wehrt sich heftig gegen vereinfachende Darstellungen,

um urbane und rurale Räume zu identifizieren und

kategorisieren, wie sie sich medial in den letzten Jahren großer

Beliebtheit erfreut haben. Sie sieht Begriffe wie Urbanität und

Ruralität als »Konstrukte der Wissenschaft, die spezifische

Antworten auf Probleme und Herausforderungen bieten«.

Maximilian Förtner, Bernd Belina und Matthias Naumann

treibt ebenso die Absicht, vor vereinfachenden Darstellungen

zu warnen, im Speziellen bei der Interpretation von

Wahlergebnissen der AfD. Mit Lefebvres Theorie der Urbani-

Urbanität, Ruralität, Wien, Niederösterreich,

Urbanisierung, Landflucht, Zentralität, Wahlverhalten, Raumproduktion,

Suburbanisierung, Gelbwesten, Geschlechterrollen

04

dérive N o 76 — STADT LAND


Foto — Frollein2007

sierung, die Stadt und Land erfasst, und Adornos Begriff

der Provinzialität, den er nicht exklusiv mit dem Ländlichen

verknüpft, zeigen sie, dass die Zentralität als Wesen der Urbanität

(Lefebvre) und der »individuelle Bildungsprozess« als

Möglichkeit, die Provinz hinter sich zu lassen, viel erfolgversprechendere

Ansätze bei der Analyse von Wahlverhalten sind

als die Stadt-Land-Dichotomie. Gemäß dieses Ansatzes beschreiben

die Autoren drei unterschiedliche Orte, die einen besonders

hohen AfD-WählerInnenanteil gemeinsam haben, aber

unterschiedlichen Raumtypen entsprechen. Förtner, Belina und

Naumann bezeichnen sie als Ort einer umfassenden Peripherisierung,

als peripheres Zentrum bzw. als zentrale Peripherie.

Mit dem schon erwähnten Günter Ogris vom Institut SORA,

das in Österreich durch seine Hochrechnungen bei Wahlen

bekannt ist, haben wir ein Gespräch geführt, um herauszufinden,

wie viel Gehalt in der plakativen These steckt, dass die

BewohnerInnen von Städten links oder liberal sind und die

Landbevölkerung rechts und konservativ ist. Das Ergebnis der

Stichwahl bei den letzten österreichischen Präsidentschaftswahlen

2016 zwischen Alexander Van der Bellen (Grün)

und Norbert Hofer (FPÖ) schien diese These besonders zu

unterstreichen. Ogris macht im Interview auf den interessanten

Umstand aufmerksam, dass die Geographie des Wahlverhaltens

in Österreich sehr beständig ist und nur wenige Ereignisse

in den letzten Jahrzehnten grundlegende Änderungen

verursachten. Aber auch er verweist darauf, dass es urbanes

Wahlverhalten eben nicht nur in den Städten gibt, sondern auch

in mit diesen in Verbindung stehenden Räumen wie z. B. dem

Burgenland, dessen Bevölkerung in einem hohen Ausmaß nach

Wien pendelt.

Die Migration zwischen Land und Stadt behandelt

Theresia Oedl-Wieser und geht damit einer anderen Geschichte

über das Verhältnis von Stadt und Land nach, die in den

letzten Jahren wieder öfter zu hören ist: Die Landflucht junger

Frauen. Auch in diesem Fall unterstützen die Statistiken diese

Erzählung und Oedl-Wieser zählt Gründe auf, die sie plausibel

machen: Geschlechterrollen, Bildungschancen, Arbeitsmarkt.

Für genauere Erkenntnisse über die »Wechselwirkungen

von Wanderungsmotiven, Lebensphasen, ökonomischem und

sozialem Status sowie den sozialen Kategorien Geschlecht,

Alter und Ethnizität« müsse allerdings »zielgerichteter untersucht

werden«.

Mit den sich speziell in den USA seit Jahrzehnten immer

weiter ausdehnenden räumlichen Schwellen zwischen Stadt

und Land und ihrer Besiedlung setzt sich Judith Eiblmayr in ihrem

Beitrag sowohl aus historischer als auch aus aktueller Perspektive

auseinander. Dabei dürfen die Themen Mobilität und

Spekulation nicht fehlen und das tun sie auch nicht. Darüber

hinaus geht es um psychische Phänomene wie suburban angst,

das Fehlen bzw. die Vermeidung von öffentlichen Räumen und

aufkeimende Gegenbewegungen.

Eine Gegenbewegung gibt es auch in Frankreich und

jede/r von uns kennt sie: die Gelbwesten. Gerade diese hohe

Bekanntheit scheint es schwer zu machen, einen sowohl

unvoreingenommenen als auch kenntnisreichen Blick auf das

Phänomen zu werfen. Viele BeobachterInnen scheitern dabei,

sich nicht von einzelnen Aspekten ablenken zu lassen. Dem

Autor und Journalisten Jeremy Harding gelingt das dafür umso

besser, weswegen wir seinen Text Unter Gelbwesten für diese

Ausgabe übersetzt haben. Er ist selbst bei Demonstrationen

der Gelbwesten mitgegangen, hat mit vielen von ihnen gesprochen

und sich trotzdem einen unabhängigen Blick bewahrt.

Auch hier stimmt es, von einer Folge der Disparität von Stadt

und Land zu sprechen und gleichzeitig stimmt es auch wieder

nicht. Viele ländlichen Regionen werden vernachlässigt, was

zur Folge hat, dass sich Menschen ihr Leben trotz Vollzeitarbeit

kaum mehr leisten können, aber das Gleiche trifft auf viele

städtische Banlieues in oft noch viel größerem Ausmaß zu. Den

Gelbwesten deswegen das Recht zu verwehren, für bessere Lebensverhältnisse

auf die Straße zu gehen, wäre absurd; toll und

politisch unglaublich interessant wäre es natürlich, sie würden

das solidarisch und gemeinsam mit den BewohnerInnen der

Banlieues machen.

Christoph Laimer — Stadt Land

05


ILSE HELBRECHT

Urbanität

RURALITÄT

Der Versuch einer prinzipiellen

Klärung und Erläuterung der Begriffe

Blick vom Central Park nach Midtown Manhattan, New York;

Alle Fotos — Ilse Helbrecht

Die Ergebnisse der letzten Präsidentschaftswahlen in den USA, die zu Donald Trump

geführt haben, scheinen räumlich eindeutig zu sein: Die ländlichen Regionen haben vielfach

begeistert für Trump und die Republikanische Partei gestimmt, während sich die

Demokraten auf eine hohe Wählergunst in den urbanen Zentren verlassen konnten.

Auch andere politische Wahlergebnisse der letzten Jahre beispielsweise in Frankreich

(Le Pen), Großbritannien (Brexit) oder Deutschland (AfD) werden in der Öffentlichkeit

oftmals als eine neue Spaltung der Gesellschaft in Stadt und ländliche Räume interpretiert.

So titelt der Spiegel Online: Auf dem Land regiert der Frust … Weltweit übernehmen

Rechtspopulisten den ländlichen Raum (Müller 2016). Aber stimmt das wirklich?

Lässt sich mit der Unterscheidung von Stadt und Land das aktuelle Wahlverhalten erklären?

Erleben wir eine neue Polarisierung westlicher Gesellschaften in ländliche und

urbane Gebiete bzw. Wählerschichten? Und noch grundsätzlicher gefragt: Was bedeuten

die beiden Begriffe Urbanität und Ruralität überhaupt? Wie trennscharf sind sie, und

welche gesellschaftlichen Phänomene kann man mit ihnen erklären?

Der folgende Text wurde als Lehrbuchartikel (Helbrecht 2014) für Studierende der

Geographie geschrieben. Er versucht eine prinzipielle Klärung und Erläuterung der

Begriffe Urbanität und Ruralität. Ich vermute, eine solche Begriffsklärung ist auch hilfreich

für aktuelle Debatten um neue kultur-räumliche Spaltungen der Gesellschaft.

Urbanität, Ruralität, Lebensstil, Sozialtypus, Raumproduktion,

Wahlverhalten, Öffentlichkeit, Privatheit, Postkolonialismus, Humangeographie

06

dérive N o 76 — STADT LAND


THERESIA OEDL-WIESER

Was ist dran am

»Exodus« der jungen

FRAUEN vom LAND?

Eine soziologische Annäherung

Alle Fotos — Frollein2007

In Österreich wächst die Bevölkerung kontinuierlich und regional differenzierte Bevölkerungsprognosen

bis 2030 sagen voraus, dass sich die Zuwächse nur auf die großen

Städte und deren Umland konzentrieren werden. Insbesondere periphere Regionen

mit schwächerer Wirtschaftsstruktur werden unter Geburtendefiziten und stärkerer

Abwanderung leiden (ÖROK 2015, S. 8 f.). »It matters where you live« dies gilt nicht

nur für Österreich, sondern auch für die meisten Länder der EU. Auch hier konzentriert

sich das Bevölkerungswachstum auf städtische Regionen, während im peripheren

Raum die Bevölkerung schrumpft (eurostat 2017). Die damit einhergehenden großen

regionalen Entwicklungsunterschiede sind oft ausschlaggebend für die Abwanderung

junger, gut ausgebildeter Menschen. Die Wanderungsmotive sind jedoch nicht nur selektiv

in Hinblick auf Ausbildung und Fähigkeiten, sondern auch bezüglich des Geschlechts.

Migration, Bildung, Arbeitsplatz, Geschlechterordnung,

Lebensphasen, Landflucht, Geschlechtergerechtigkeit, Lebensführung

14

dérive N o 76 — STADT LAND


GÜNTHER OGRIS

Die Geographie

des Wahlverhaltens

in ÖSTERREICH

Kreisverkehr in Niederösterreich; aus der Serie

Scheibenwelten von Johannes Hloch.

Österreich hat 8,9 Mio. EinwohnerInnen, Wien 1,9 Mio., 21 Prozent der Bevölkerung

leben in Wien. Zum Vergleich: In Berlin leben 4,4 Prozent der EinwohnerInnen

Deutschlands, ganz ähnlich ist der Anteil der Züricher Bevölkerung in der Schweiz.

Wie Wien wählt, ist also für bundesweite Wahlen in Österreich von hoher Bedeutung.

Seit 100 Jahren mit Ausnahme der Zeit des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus

war die sozialdemokratische SPÖ immer die meist mit Abstand stärkste

Partei in Wien, ebenso wie die konservative ÖVP im ländlich geprägten Bundesland

Niederösterreich rund um Wien. Günther Ogris vom Institut SORA ist einer von Österreichs

renommiertesten Sozialforschern. SORA führt seit vielen Jahren Hochrechnungen

und Wahlanalysen durch. Im Interview mit Christoph Laimer spricht Ogris über die

unterschiedlichen politischen Einstellungen in urban bzw. rural geprägten Räumen,

die Konstanz von räumlich-politischen Konstellationen, das Wienbashing von Sebastian

Kurz, die Präferenzen der weiblichen Wählerschaft und von ArbeiterInnen, die Auswirkung

von Bildung und das Wahlverhalten in vernachlässigten Regionen.

Wahlverhalten, Wahlforschung, Bildung, Arbeitsplätze,

Urbanisierung, Wahlrecht, Diskriminierung, Strukturschwäche

20

dérive N o 76 — STADT LAND


JEREMY HARDING

Unter

GELBWESTEN

Gelbwesten, Frankreich, Provinz, Armut, Aufstand,

Polizeigewalt, Antisemitismus, Globalisierung,

Marginalisierung, Einkommensungleichheit, Niedriglohnjobs

Akt II: Demonstration der Gelbwesten auf den Champs Elysées am 24.11.

Alle Fotos — Christophe Becker

Als sie sich Ende letzten Jahres an Straßen und Kreisverkehren

versammelten, zeigte sich die französische Regierung völlig

überrascht. Binnen einer Woche nach ihrer ersten landesweiten

Mobilisierung stellten sie sich regelmäßig an Kreuzungen im

ganzen Land auf, um den Verkehr zu blockieren, marschierten

durch Paris und die großen Provinzstädte. Eilig in Auftrag gegebene

Umfragen verlautbarten, dass 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung,

darunter viele in den größten französischen Ballungszentren,

diese massive Demonstration der Ungeduld

unterstützen. Allerdings trafen die Gelbwesten (Gilets Jaunes)

zu Beginn außerhalb der Großstädte zusammen, in ländlichen

Gebieten und Kleinstädten mit heruntergewirtschafteten Serviceeinrichtungen,

Niedriglohnökonomien und einem

schrumpfenden Handel. Sie waren misstrauisch gegenüber den

aufstrebenden Metropolen, die sich durch öffentliche Mittel,

private Investitionen, Tourismus und üppige Immobilienpreise

erfolgreich entwickelt haben. Zu ihnen zählen Menschen, die in

den Innenstädten aufgewachsen sind, es sich aber nicht mehr

leisten können, in ihnen zu leben: Diese BarbarInnen wissen,

wo sie sind, wenn sie an den Toren der Stadt ankommen. Sie

marschieren durch das Zentrum von Paris und die neuen, aufwendig

gestalteten Zentren des französischen Wohlstands vor

allem Toulouse und Bordeaux und beenden ihren Auftritt mit

einem gewalttätigen und zerstörerischen Akt. Nach 15 Wochen

kostspieliger Proteste hat die öffentliche Sympathie in den großen

Ballungsräumen erst vor Kurzem begonnen, nachzulassen.

Das ist eines von vielen Rätseln.

Ein weiteres ist das Tempo, mit dem sich ein Aufstand

der Provinzen über Benzinpreise und Geschwindigkeitsbegrenzungen

zu einer radikalen Ablehnung Präsident Emmanuel

Macrons, seines Amts, der Nationalversammlung und der politischen

Parteien ausweitete, darunter Marine Le Pens

Jeremy Harding — Unter GELBWESTEN

25


Kunstinsert

Elena Anosova

Out-of-the-way

Elena Anosova habe ich 2017 bei der 4 th Ural Industrial Biennial of Contemporary Art in Ekaterinburg

kennengelernt. Insbesondere das Projekt Sections hat mich nachhaltig beeindruckt. Die

Fotografien von Frauen, die lange Strafen in verschiedenen Gefängnissen in Sibirien verbüßen,

vermitteln in ihrer feinen und unspektakulären Art eine berührende Eindringlichkeit. Diese

schuf die Künstlerin durch eine mehrmonatige persönliche Auseinandersetzung mit den Insassinnen,

die allmählich eine Beziehung entstehen ließ und einen Prozess des Vertrauens aufbaute.

So gewährten die Frauen Elena Anosova zunehmend Einblick in ihr Leben im Gefängnis, die

Hintergründe ihrer Taten und was es bedeutet, lebenslang für eine Tat zu büßen, der z. B. die

nicht enden wollende Gewalt des Ehemanns vorausging.

Elena Anosova interessieren Grenzen persönliche, geographische, gesellschaftliche,

sowie Fragen von Isolation. Ihr Projekt Out-of-the-way (2017) behandelt geographische Grenzen,

in die uns die Künstlerin über die Geschichte ihrer Familie Einblick gewährt. Im Zustand

emotionaler Erschöpfung nach der Arbeit an Sections reiste Elena Anosova in die Gegend ihrer

Vorfahren im hohen Norden, in den Rajon Katangski, Region Irkutsk, in der die Tungus Nation

vor 300 Jahren eine kleine Siedlung gegründet hatte. Ihre Familie lebt heute noch dort, mit

100 Menschen mit der DNA der indigenen Minderheit der Tungus, Blutsverwandte, Verwandte

aus der Ehe, aus nächster Nähe. Die moderne Zivilisation beeinflusst die Welt, aber diese isolierte

Gemeinschaft bewahrt ihre Identität aufgrund der Isolation und des strengen Klimas. Die

Siedlung kann nur mit einem Hubschrauber erreicht werden, der zweimal im Monat von einer

kleinen Stadt in 300 km Entfernung pendelt. Das Leben dieses Teils der Familie der Künstlerin

hat sich in dieser abgelegenen Gegend inmitten unberührter Wildnis seit Jahrhunderten kaum

verändert. Die moderne Zivilisation dringt dort langsam und fragmentarisch ein und ist eng mit

der lokalen Lebensweise verwoben. Diese Länder sind in den Fluss ihrer eigenen Lebensaktivität

eingetaucht, in der Vergangenheit und Gegenwart auf überraschende Weise ineinandergreifen.

Elena Anosova führt aus: »Eine Landschaft, die seit Ewigkeiten unveränderlich ist, lässt

uns nachdenken: Woher kommen wir und die wichtigste Frage für die nächsten Generationen

wohin gehen wir? Wir wählen die Hoffnung. Die Hoffnung, dass der Weg gefunden wird,

dass es Nahrung gibt, dass alle Menschen nach Hause zurückkehren, dass die Familie wiedervereinigt

wird und der Winter zu Ende geht.«

Die Fotografien strahlen eine sehr eigenwillige Poesie aus, die uns das Aufeinanderprallen

von Lebenswelten zwischen Fortschritt und traditionellem Leben unspektakulär

nachfühlen lassen.

Im Insert zu sehen sind: Rechte Seite: Die Familienlandkarte des Jagdreviers, die vor

40 Jahren von Elenas Onkel Valera gezeichnet wurde, sowie ein Ausschnitt aus dem Notizbuch

mit dem Foto eines Hauses im Dorf. Doppelseite: Die Jäger kehren mit dem Schneemobil zurück

ins Dorf; sowie Fotos aus dem Familienarchiv: Jäger Alexander (Foto ca. 1970) posiert mit Gewehr

und spezieller Jäger-Parka; ein großes Transportfloß. Linke Seite: Die fünfjährige Irishka

posiert auf der Jäger-Parka. Ihre Mutter ist Tungus und ihr Vater Russe.

Elena Anosova lebt und arbeitet in Irkutsk und Moskau und war jüngst Artist-in-Residence von

KulturKontakt Austria. Sie lehrt u. a. an der Rodchenko Art School in Moskau, erhielt zahlreiche

Preise, u. a. von World Press Photo, sowie den Garage Grant for Emerging Artists. Eine neue

Arbeit zu Beyond the Boundaries war in Wien im April in der Ausstellung Urgent Perspectives #3

in Aa Collections zu sehen. Im Juni 2019 nimmt sie an der Ausstellung The Twelfth Time Zone: A

Contemporary Art Report from Russia im BOZAR / Centre for Fine Arts in Brüssel teil.

Barbara Holub / Paul Rajakovics

32

dérive N o 76 — STADT LAND


JUDITH EIBLMAYR

SINE_URBAN

Das schwere Erbe von Suburbia

Suburbanisierung, Angststörungen, USA, Mobilität, Automobil,

Fahrrad, Spekulation, Rendite, Geschlechterordnung

Coon Rapids, Minnesota, USA 1957,

Foto — Minnesota Historical Society

Es ist ein Phänomen, das einem in kleinen österreichischen

Gemeinden begegnet: Häuser mit heruntergelassenen Rollläden

am helllichten Tag trotz Normaltemperatur. Als Schallschutz

an der Hauptstraße, weil jemand ein Mittagsschläfchen hält,

oder aus Sicherheitsgründen am knallgelben Fertigteilhaus,

weil man nicht zu Hause ist, macht dies durchaus Sinn. Es gibt

aber auch andere Gründe, wie eine ortskundige Anrainerin

zu erzählen weiß: Bewohnerinnen verdunkeln untertags, selbst

wenn sie zu Hause sind, damit die Glasscheiben der Fenster

nicht verschmutzen. Nicht unlogisch, hat der kontinuierlich

stärker werdende Autoverkehr doch immer mehr unangenehme

Nebenwirkungen.

Der Rollladen bietet Schutz aus einem persönlichen

Sicherheitsbedürfnis heraus, schließlich kann man nie wissen,

wer womöglich vorbei und auf dumme Gedanken kommt.

Und, ach ja, es fällt auch auf, dass kaum Menschen auf der

Straße sind! Die Geschäfte im Zentrum haben zugesperrt, die

Post ist weg, der Wirt ist schlecht gelaunt, weil die Gäste ausbleiben.

Die Jungen und Familien mit Kindern fahren lieber

zum Mäkki (McDonalds) im Fachmarktzentrum am Kreisverkehr

bei der Ortseinfahrt, der kürzlich aufgesperrt hat. Viele

Hauptstraßen in Österreich geraten zusehends zu Durchzugsstraßen

und ziehen der Infrastruktur im Zentrum oft genug

den Lebensnerv, Sineurbanismus könnte man diese neue Form

der sinnentleerten Ortskerne nennen.

Außer am Sonntag, wenn sich die Gemeinde in der Kirche

trifft, oder bei speziellen Events wie Straßenfesten, gibt es

auf der Straße nur mehr wenig zu erleben, kaum mehr etwas

zu erledigen, wenig Grund sich dort aufzuhalten und zu Fuß zu

bewegen und dadurch im Austausch mit anderen automatisch

die Belebung zu erzeugen. Wenn der öffentliche Raum nicht

mehr funktioniert und die soziale Kontrolle durch Menschen,

Judith Eiblmayr — SINE_URBAN

37


MAXIMILIAN FÖRTNER, BERND BELINA, MATTHIAS NAUMANN

STADT, LAND,

AfD

Zur Produktion des Urbanen

und des Ruralen im Prozess der

Urbanisierung

Einleitung: Zur (Wahl-)Geographie der AfD

In einem Interview, überschrieben mit Die Rache der Dörfer, plädiert der Ethnologe

Wolfgang Kaschuba (2016) dafür, aktuelle Entwicklungen des Rechtspopulismus

auch als ein Veto ländlicher Regionen zu verstehen. Gegenüber der bisherigen

Situation, in der »Stadtgesellschaften den Weg in die Zukunft quasi vorgehen und

bestimmen« (ebd.), formulierten nun »ländliche Regionen, dass sie nicht einverstanden

sind mit dem Weg der Stadtgesellschaften« (ebd.). Rechtspopulistische Bewegungen

und die Krise politischer Eliten zeigten demnach eine Geographie, die ganz maßgeblich

von Stadt-Land-Gegensätzen geprägt sei. Diese sei Ergebnis einer Strukturpolitik,

die sterbende Kleinstädte und Dörfer jenseits der Metropolregionen zurückgelassen

habe. In diesem Beitrag diskutieren wir die Geographie der Erfolge der

Alternative für Deutschland (AfD) bei der Bundestagswahl 2017 vor dem Hintergrund

der Debatte um Stadt-Land-Gegensätze.

Neben dem Ost-West- und dem Nord-Süd-Gefälle wird in vielen Teilen des Landes

zusätzlich ein Stadt-Land-Gefälle deutlich. Eine einfache Korrelation zwischen der

Zahl der EinwohnerInnen und den Zweitstimmenergebnissen der im Bundestag vertretenen

Parteien auf der scale der Gemeinden verdeutlicht dies. Nach der CDU/CSU ist

die AfD die Partei, die in Städten und Gemeinden mit geringer EinwohnerInnenzahl

besonders erfolgreich ist. Dieser Zusammenhang ist in den neuen Bundesländern stärker

ausgeprägt als in den alten. In Nordrhein-Westfalen hingegen ist sie auch in

bevölkerungsreichen Gemeinden erfolgreich, vor allem in Städten des Ruhrgebiets.

Dasselbe gilt in geringem Ausmaß auch für Niedersachsen und für das Saarland.

Insgesamt bestätigen diese Ergebnisse die These von Kaschuba: Tatsächlich hat die

AfD in weniger großen Städten und auf dem Land weit besser abgeschnitten als

in Großstädten.

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Besprechungen

Wiens munizipaler

Sozialismus

Christoph Laimer

Genau 100 Jahre ist es her, als die sozialdemokratische

SDAP die ersten freien Kommunalwahlen

in Wien mit absoluter Mehrheit

gewonnen hat und die Ära begann, die

später das Rote Wien genannt werden

sollte. Damals war vom Neuen Wien die

Rede, das erinnert an das Neue Frankfurt,

das in einigen Jahren ebenfalls sein

100-Jahr-Jubiläum feiern wird. (Im DAM

läuft übrigens noch bis 18. August unter

dem Titel Neuer Mensch, Neue Wohnung

eine Ausstellung über das Wohnbauprogramm

des Neuen Frankfurt, die einen interessanten

Vergleich mit dem Roten Wien

ermöglicht.) Das Rote Wien ist aus heutiger

vielleicht noch mehr als aus damaliger

Sicht, das muss einfach gesagt werden, eine

unglaublich beeindruckende Leistung. Man

hält es kaum für möglich, dass dieses

»Projekt der radikalen Spätaufklärung«

(Wolfgang Maderthaner) unter den

elenden Bedingungen und schwierigsten

Voraussetzungen, die nach dem Ersten

Weltkrieg herrschten, umgesetzt werden

konnte. Ob dieser Tatsache ist man einigermaßen

verwundert, dass die Stadt Wien mit

dem Jubiläum überraschend zurückhaltend

umgeht. Eine Zurückhaltung, die für Wien

ungewöhnlich ist. Gerade heute, wo die

Idee des Munizipalismus als neue Hoffnung

der linken Stadtpolitik gilt, sollte ein großer

internationaler Kongress zum Roten Wien

und seiner Bedeutung für die Gegenwart

wohl das Mindeste sein, was man sich

erwarten können müsste. Umso erfreulicher,

dass das Wien Museum sich der Aufgabe

angenommen hat, eine Ausstellung über

das Rote Wien zu zeigen und das trotz der

räumlich beschränkten Möglichkeiten, die

das umbau-bedingte Ausweichquartier im

MUSA zu bieten hat.

Die erste Überraschung beim Betreten des

Ausstellungsraums ist die angenehm luftig-helle

Atmosphäre, die einen erwartet.

Viel helles Holz und eine maximale Ausnutzung

der Wandflächen haben es ermöglicht,

auf im Raum positionierte Stellwände

zu verzichten. Die Projektionsflächen und

die wenigen Ausstellungsobjekte, die im

Raum stehen oder hängen, schränken das

Blickfeld keineswegs ein, wodurch ein

angenehmes Raumgefühl erzeugt wird.

Möglich ist diese Zurückhaltung allerdings

natürlich nur, weil die Ausstellung über eine

Vielzahl von Außenstellen verfügt, ein

großes Begleitprogramm geboten wird und

ein umfangreicher Katalog vorliegt, auf den

an anderer Stelle noch eingegangen werden

wird.

Die Ausstellung beginnt mit Einblicken in

die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung

in den Jahrzehnten vor dem Roten Wien.

Neben amüsanten Ausstellungsstücken, wie

einer roten Rodel mit der Friedrich Adler,

sozialdemokratischer Politiker und Sohn des

Gründers und langjährigen Vorsitzenden

Siedlung Rosenhügel, Siedlerarbeit, 1921

Foto — Wien Museum

der SDAP Victor Adler, als Kind offenbar

Wiens verschneite Hänge hinabrutschte,

beeindruckt in seiner inhaltlichen Klarheit

vor allem eine Titelseite der Arbeiter-

Zeitung vom 2. Februar 1896. Die Überschrift

lautet klipp und klar: »Was die Sozialdemokraten

von der Kommune fordern!«

Dann wird ein Punkt nach dem anderen

aufgezählt und kurz erläutert und man

fragt sich, warum man sowas heute nicht zu

lesen bekommt. Es geht um das Wahlrecht,

um Bildung, Wohnen und vieles anderes;

schlicht und einfach und gerade deswegen

überzeugend.

Über den auf Augenhöhe zu sehenden

Objekten sind in der ganzen Ausstellung

Reproduktionen von fantastischen, großformatigen

Fotos aus dem 1924/25 von Otto

Neurath gegründeten Gesellschafts- und

Wirtschaftsmuseum zu sehen. Die meisten

wurden 1926 angefertigt und zeigen zahlreiche

Aufnahmen von Gemeindebauten,

aber auch von Siedlungen wie derjenigen in

der Hoffingergasse von Josef Frank oder

Adolf Loos’ Siedlung am Heuberg. Zum Teil

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Alle Inhaltsverzeichnisse und zahlreiche Texte sind auf der dérive-Website nachzulesen.

dérive Nr. 1 (01/2000)

Schwerpunkte: Gürtelsanierung: Sicherheitsdiskurs,

Konzept und Umsetzungskritik, Transparenzbegriff;

Institutionalisierter Rassismus am Beispiel der

»Operation Spring«

dérive Nr. 2 (02/2000)

Schwerpunkte: Wohnsituation von MigrantInnen und

Kritik des Integrationsbegriffes; Reclaim the Streets/

Politik und Straße

dérive Nr. 3 (01/2001)

Schwerpunkt: Spektaktelgesellschaft

dérive Nr. 4 (02/2001)

Schwerpunkte: Gentrification, Stadtökologie

dérive Nr. 5 (03/2001)

Sampler: Salzburger Speckgürtel, Museumsquartier,

räumen und gendern, Kulturwissenschaften und

Stadtforschung, Virtual Landscapes, Petrzalka,

Juden/Jüdinnen in Bratislava

dérive Nr. 6 (04/2001)

Schwerpunkt: Argument Kultur

dérive Nr. 7 (01/2002)

Sampler: Ökonomie der Aufmerksamkeit,

Plattenbauten, Feministische Stadtplanung,

Manchester, Augarten/Hakoah

dérive Nr. 8 (02/2002)

Sampler: Trznica Arizona, Dresden, Ottakring,

Tokio, Antwerpen, Graffiti

dérive Nr. 9 (03/2002)

Schwerpunkt in Kooperation mit dem

Tanzquartier Wien: Wien umgehen

dérive Nr. 10 (04/2002)

Schwerpunkt: Produkt Wohnen

dérive Nr. 11 (01/2003)

Schwerpunkt: Adressierung

dérive Nr. 12 (02/2003)

Schwerpunkt: Angst

dérive Nr. 13 (03/2003)

Sampler: Nikepark, Mumbai,

Radfahren, Belfast

dérive Nr. 14 (04/2003)

Schwerpunkt: Temporäre Nutzungen

dérive Nr. 15 (01/2004)

Schwerpunkt: Frauenöffentlichkeiten

dérive Nr. 16 (02/2004)

Sampler: Frankfurt am Arsch, Ghetto Realness,

Hier entsteht, (Un)Sicherheit, Reverse Imagineering,

Ein Ort des Gegen

dérive Nr. 17 (03/2004)

Schwerpunkt: Stadterneuerung

dérive Nr. 18 (01/2005)

Sampler: Elektronische Stadt, Erdgeschoßzonen,

Kathmandu, Architektur in Bratislava

dérive Nr. 19 (02/2005)

Schwerpunkt: Wiederaufbau des Wiederaufbaus

dérive Nr. 20 (03/2005)

Schwerpunkt: Candidates and Hosts

dérive Nr. 21/22 (01-02/2006)

Schwerpunkt: Urbane Räume öffentliche Kunst

dérive Nr. 23 (03/2006)

Schwerpunkt: Visuelle Identität

dérive Nr. 24 (04/2006)

Schwerpunkt: Sicherheit: Ideologie und Ware

dérive Nr. 25 (05/2006)

Schwerpunkt: Stadt mobil

dérive Nr. 26 (01/2007)

Sampler: Stadtaußenpolitik, Sofia, Frank Lloyd Wright,

Banlieus, Kreative Milieus, Reflexionen der

phantastischen Stadt, Spatial Practices as a Blueprint

for Human Rights Violations

dérive Nr. 27 (02/2007)

Schwerpunkt: Stadt hören

dérive Nr. 28 (03/2007)

Sampler: Total Living Industry Tokyo, Neoliberale

Technokratie und Stadtpolitik, Planung in der

Stadtlandschaft, Entzivilisierung und Dämonisierung,

Stadt-Beschreibung, Die Unversöhnten

dérive Nr. 29 (04/2007)

Schwerpunkt: Transformation der Produktion

dérive Nr. 30 (01/2008)

Schwerpunkt: Cinematic Cities Stadt im Film

dérive Nr. 31 (02/2008)

Schwerpunkt: Gouvernementalität

dérive Nr. 32 (03/2008)

Schwerpunkt: Die Stadt als Stadion

dérive Nr. 33 (04/2008)

Sampler: Quito, Identität und Kultur des Neuen

Kapitalismus, Pavillonprojekte, Hochschullehre,

Altern, Pliensauvorstadt, Istanbul, privater Städtebau,

Keller, James Ballard

dérive Nr. 34 (01/2009)

Schwerpunkt: Arbeit Leben

dérive Nr. 35 (02/2009)

Schwerpunkt: Stadt und Comic

dérive Nr. 36 (03/2009)

Schwerpunkt: Aufwertung

dérive Nr. 37 (04/2009)

Schwerpunkt: Urbanität durch Migration

dérive Nr. 38 (01/2010)

Schwerpunkt: Rekonstruktion

und Dekonstruktion

dérive Nr. 39 (02/2010)

Schwerpunkt: Kunst und urbane Entwicklung

dérive Nr. 40/41 (03+04/2010)

Schwerpunkt: Understanding Stadtforschung

dérive Nr. 42 (01/2011) Sampler

dérive Nr. 43 (02/2011) Sampler

dérive Nr. 44 (03/2011)

Schwerpunkt: Urban Nightscapes

dérive Nr. 45 (04/2011)

Schwerpunkt: Urbane Vergnügungen

dérive Nr. 46 (01/2012)

Das Modell Wiener Wohnbau

dérive Nr. 47 (02/2012)

Ex-Zentrische Normalität:

Zwischenstädtische Lebensräume

dérive Nr. 48 (03/2012)

Stadt Klima Wandel

dérive Nr. 49 (04/2012)

Stadt selber machen

dérive Nr. 50 (01/2013)

Schwerpunkt Straße

dérive Nr. 51 (02/2013)

Schwerpunkt: Verstädterung der Arten

dérive Nr. 52 (03/2013) Sampler

dérive Nr. 53 (04/2013)

Citopia Now

dérive Nr. 54 (01/2014)

Public Spaces. Resilience & Rhythm

dérive Nr. 55 (02/2014)

Scarcity: Austerity Urbanism

dérive Nr. 56 (03/2014)

Smart Cities

dérive Nr. 57 (04/2014)

Safe City

dérive Nr. 58 (01/2015)

Urbanes Labor Ruhr

dérive Nr. 59 (02/2015) Sampler

dérive Nr. 60 (03/2015)

Schwerpunkt: Henri Levebvre und das Recht aus Stadt

dérive Nr. 61 (04/2015)

Perspektiven eines kooperativen Urbanismus

dérive Nr. 62 (01/2016) Sampler

dérive Nr. 63 (02/2016)

Korridore der Mobilität

dérive Nr. 64 (03/2016)

Ausgrenzung, Stigmatisierung, Exotisierung

dérive Nr. 65 (04/2016)

Housing the many Stadt der Vielen

dérive Nr. 66 (01/2017)

Judentum und Urbanität

dérive Nr. 67 (02/2017)

Nahrungsraum Stadt

dérive Nr. 68 (03/2017) Sampler

dérive Nr. 69 (04/2017) Demokratie

dérive Nr. 70 (01/2018) Detroit

dérive Nr. 71 (02/2018) Bidonvilles & Bretteldörfer

dérive Nr. 72 (03/2018) Warsaw

dérive Nr. 73 (04/2018) Nachbarschaft

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dérive Nr. 75 (02/2019) Sampler


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Impressum

dérive Zeitschrift für Stadtforschung

Medieninhaber, Verleger und Herausgeber / Publisher:

dérive Verein für Stadtforschung

Mayergasse 5/12, 1020 Wien

Vorstand: Christoph Laimer, Elke Rauth

ISSN 1608-8131

Offenlegung nach § 25 Mediengesetz

Zweck des Vereines ist die Ermöglichung und Durchführung

von Forschungen und wissenschaftlichen Tätigkeiten zu den

Themen Stadt und Urbanität und allen damit zusammenhängenden

Fragen. Besondere Berücksichtigung finden dabei

inter- und transdisziplinäre Ansätze.

Grundlegende Richtung

dérive Zeitschrift für Stadtforschung versteht sich als

interdisziplinäre Plattform zum Thema Stadtforschung.

Redaktion

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Elisabeth Haid, Barbara Holub, Michael Klein, Andre Krammer,

Silvester Kreil, Karin Lederer, Erik Meinharter, Sabina Prudic-

Hartl, Paul Rajakovics, Elke Rauth, Manfred Russo

AutorInnen, InterviewpartnerInnen und KünstlerInnen dieser Ausgabe:

Elena Anosova, Bernd Belina, Judith Eiblmayr, Maximilian Förtner,

Jeremy Harding, Ilse Helbrecht, Barbara Holub, Andre Krammer,

Silvester Kreil, Christoph Laimer, Antje Lehn, Matthias Naumann,

Theresia Oedl-Wieser, Günther Ogris, Ursula Probst, Paul Rajakovics,

Manfred Russo

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