Berliner Zeitung 24.06.2019

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14 * Berliner Zeitung · N ummer 143 · M ontag, 24. Juni 2019

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Berlin

Auf hoher See in Tegel

Christian Bolle hat eine Bundesmarine-Fregatte gegen ein Fahrgastschiff eingetauscht. Jetzt ist er Kapitän der „MS Havel Queen“

VonMartina Doering

An dieser Stelle berichten

montags Berliner über ihren

Berufsalltag. Heute:

Christian Bolle. Er ist

Schiffsführer auf der „MS Havel

Queen“, einem Ausflugsdampfer mit

Liegeplatz im Hafen an der Greenwich

Promenade in Tegel.

Es ist morgens um acht Uhr. DiePromenade

am Tegeler Seeist bis auf ein

paar Jogger menschenleer, auch auf

dem Wasser herrscht noch Ruhe. Segelboote

ankern inder Marina, die

Schiffe der „Stern und Kreisschifffahrt“

liegen im Hafen. Auf der MS

Havel Queen schrubben Mitglieder

der Besatzung das Deck, Waren für

das Bord-Café werden angeliefert,

die Displays und Instrumente im

Führerstand sind noch abgedeckt.

Immer dichterer Verkehr

Dort wird Christian Bolle sitzen,

wenn die „Havel Queen“ um 11 Uhr

zur ersten „Oberhavelseenrundfahrt“

ablegen wird. Dreimal am Tag

machen er und das Schiff diese Tour,

erst über den Tegeler See, dann nach

Nieder Neuendorf indas ehemalige

Grenzgebiet bis Heiligensee. Nach

zwei Stunden legen sie wieder im

Hafen vonTegel an.

Christian Bolle muss das Schiff

noch per Hand steuern. Er hofft, dass

ihm keine Segel-Anfänger vor den

Bug und kleine Motorboote in die

Quere kommen, dass die Schleusen

besetzt sind und funktionieren. Der

Verkehr auf dem Wasser sei in den

vergangenen Jahren dichter geworden,

sowohl durch die Berufs- als

auch die Sportschifffahrt. Selbstgebaute

Flöße sind unterwegs,die Zahl

der Stand-up-Paddler ist gestiegen.

Der Schiffsführer muss also immer

aufmerksam sein. DasWohl der

Gäste steht an oberster Stelle und er

muss,auch wenn mal ein Junggesellen-Abschied

an Bord sehr feuchtfröhlich

wird, alle wieder heil zurückbringen.

„Mir ist aber noch keiner

von Bord gefallen“, sagt Christian

Bolle. Langweilig wird es ihm

nicht, auch wenn er schon seit sechs

Jahren auf der MS „Havel Queen“

Dienst macht und die Tour schon einige

hundertmal absolviert hat. Er

schaut übers Wasser, sieht Seevögel,

freut sich an der Natur.„Je weiter das

Ufer entfernt ist“, sagt er, „umso

schöner ist es.“

Sein Berufsweg begann mit dem

Dienst bei der Bundesmarine. Das

Gymnasium hatte Christian Bolle,

1984 in Eberswalde geboren, nach

der 11. Klasse verlassen. Er wollte

Geld verdienen, vielleicht Mechaniker

werden. Doch dann bewarb sich

der 18-Jährige für den Freiwilligendienst

bei der Bundesmarine,wurde

angenommen und zum „Signaler“

ausgebildet.

Er lernte, anderen Schiffen auf

See mittels Flaggen Nachrichten zu

übermitteln. Seinen ersten Einsatz

Joystick statt Lenkrad: Schiffsführer Bolle auf der Kommandobrücke. CAMCOP MEDIA/ANDREAS KLUG

MEINE WOCHE

Name: Christian Bolle

Beruf: Schiffsführer

Wasverdient man in dem Beruf? Tarifgehalt plus Überstunden –was nicht gerade viel ist.

Wiewar Ihre Ausbildung? Ausbildung und Dienst bei der Marine, Ausbildung zum Binnenschiffer

Wielangearbeiten Sie pro Woche? Bis zu 60 Stunden

Würden Sie diese Berufswahl wieder treffen? Ja. Aber ein bisschen mehr Freizeit in der

Saison wäre nicht schlecht!

hatte er auf der Fregatte Brandenburg.

Es ging nach Dschibuti am

Horn von Afrika. Fahrten nach Kanada,

in die USA und im Mittelmeer

folgten. Er verdiente gut, und er kam

in der Welt herum.

Zweite Ausbildung

Doch nach den acht Jahren, für die er

sich verpflichtet hatte, reichte es

ihm. „Ich wollte eine Familie gründen

und feste Arbeitszeiten“, erzählt

der 35-Jährige.2009 suchte er sich einen

neuen Job. Mechaniker? Polizist?

Geh’ doch zur Binnenschifffahrt,

riet ihm jemand. Da wusste er

noch nicht mal, was das ist. Als er

sich im Internet informierte, traf er

zuerst auf die „Stern- und Kreisschifffahrt“.

Das Unternehmen war im Rahmen

der Privatisierung vonDDR-Betrieben

1994 mit der Ost-Berliner

Weißen Flotte „wiedervereinigt“

worden. Deren Schiffe und Besatzungen

schipperten dann weiter

Berliner und Touristen für Ausflüge,

Besichtigungstouren und private

Feiernüber die Kanäle,die Seen und

Flüsse der Stadt und im Umland.

Bolle war schon 28 Jahre alt, als er

sich bei dieser Firmabewarb,musste

aber erst noch einmal eine Ausbildung

machen, die er jedoch wegen

seiner Zeit bei der Marine von drei

auf zwei Jahreverkürzenkonnte.

2014 trat er seinen Jobauf der„MS

Havel Queen“ an, wo er anfangs

beim An- und Ablegen und Durchfahren

der Schleusen zupackte,

Fahrkarten der Gäste kontrollierte,

auch mal im Service half. Vorzwei

Jahren wurde er Schiffsführer auf

dem Dampfer. „Es ist eine tolle Besatzung

und ich hab’ mich in das

Schiff verliebt“, sagt er. Und ihm gefielen

eben auch die Touren über die

Seen, wobei er den Gästen auf dem

Dampfer über Mikrofon etwas über

die Besonderheit der Gewässer, der

Anlegestelle oder die ehemalige

Grenze zwischen Ost und West erzählt.

Seine Hoffnungen auf feste Arbeitszeiten

haben sich erfüllt. Die

Sache mit dem Familienleben ist wegen

seines Jobs trotzdem schwierig.

Denn in der Saison fährt Christian

Bolle auf seinem Schiff an Sonn- wie

an den Feiertagen. „Früher hieß es,

wir sind vonObis Ounterwegs,also

von Ostern bis Oktober“, sagt Christian

Bolle. Aber die immer milderen

Winter bringen es mit sich, dass die

Schiffe viel länger auf dem Wasser

bleiben –und die MS Havel Queen

fast bis Weihnachten und dann wieder

ab Märzauf Tour geht.

Richtig Urlaub machen kann

Christian Bolle erst im Januar oder

Februar.Doch im September wirder

ein paar freie Tage nehmen und endlich

seine Katja heiraten, mit der er

einen kleinen Sohn hat. Sie steht zu

ihm – obwohl er gerade in den

schönsten Monaten des Jahres an

den Wochenenden wie den Feiertagen

immer arbeiten muss.

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Lichtenberg forciert Pläne

für Spaßbad im Tierpark

Lage an der U-Bahnlinie 5gilt als Standortvorteil

VonNorbertKoch-Klaucke

Das Bezirksamt Lichtenberg hat

erneut großes Interesse beim

Senat angemeldet, ein Kombi-

Schwimmbad in seinem Bezirk errichten

zu lassen. Beiden favorisierten

Spaßbad-Standorten steht der

Tierparkabermals ganz oben auf der

Liste. Auch für die Berliner Bäder-

Betriebe wäre die Anlage in Friedrichsfelde

ideal.

Das Wiederbeleben des Plans

liegt nicht nur an der Hitze, bei der

jeder gerne im Schwimmbad wäre.

Die steigende Einwohnerzahl in

Lichtenberg sei der Grund, warum

das Bezirksamt gerade wieder auf ein

Multifunktionsbad mit Innen- und

Außennutzung beim Senat drängt,

der dieses genehmigen und finanzieren

soll. „Wir haben im Bezirknur

drei Schwimmhallen. Diese reichen

nicht für über 300 000 Einwohner

aus, die wir durch die wachsende

Stadt künftig in Lichtenberg haben

werden“, sagt Bezirkssportstadtrat

Wilfried Nünthel (CDU) der Berliner

Zeitung.

Der Bezirk hatte bereits Ende

2018 zu möglichen Standorten eine

Machbarkeitsstudie bei der Beratungsgesellschaft

für Stadterneuerung

und Modernisierung in Auftrag

gegeben. Die Macher favorisieren

darin das Gelände des Zwischenpumpwerkes

südlich der Landsberger

Allee, was die Wasserbetriebe

zum Teil verkaufen wollen, und den

Tierpark-Wirtschaftshof. Den Abschlussbericht

erwartet Stadtrat

Nünthel in diesen Tagen. Er will ihn

dann dem Senat vorlegen.

Bei den Berliner Bäder-Betrieben

findet der Tierpark als Kombibad-

Standort großen Zuspruch. „Das

Schwimmbad als Freizeit- und Kultureinrichtung

mit Tierparkwäreein

zusätzlicher Anziehungspunkt für

Familien, von denen beide Seiten

profitieren“, sagt Bäder-Betriebe-

Sprecher Matthias Oloew.Ein großer

Vorteil ist, dass der Tierpark ander

U-Bahnstrecke U5 liegt. So könne

auch der Bezirk Marzahn-Hellersdorf

das Bad nutzen, der seit Jahren

ebenfalls eine Multifunktionshalle

fordert. Mitte Juli soll es ein Treffen

zwischen dem Bezirk Lichtenberg

und den Bäder-Betrieben geben.

Vom erneuten Spaßbad-Plan

scheint Tierpark-Direktor Andreas

Knieriem nicht begeistert zu sein.

Schon vorfünf Jahren, als das Thema

erstmals diskutiert wurde, sagte er:

„Ich bin kein Bademeister.“ Dem

Vernehmen nach lehnt Knieriem

weiter das Bad im Tierpark-Wirtschaftshof

ab, dadieser gerade samt

Verwaltungsgebäude saniert wurde.

Demnächst soll dort die Tierpark-

Leitung einziehen.

www.berliner-kurier.de

Der von hier

Badespaß im Tierpark. Die Bäder-Betriebe sind von dem Plan begeistert.

ZB/BÜTTNER

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