Berliner Zeitung 24.06.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 143 · M ontag, 24. Juni 2019 – S eite 20 *

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Sport

Frauen-WM

Glanzlichter

waren gestern

Frank Hellmann

zieht für die DFB-Elf eine

positiveZwischenbilanz.

Esgehört zuden Eigenarten der

Frauen-WM, dass für den Fortschritt

des deutschen Fußballs gerade

Silvia Neid und Martina Voss-

Tecklenburg völlig unabhängig voneinander

durch Frankreich touren.

Zwei starke Charaktere, die dem

Deutschen Fußball-Bund (DFB) dienen.

Die langjährige Bundestrainerin

spürt als Leiterin der Scouting-

Abteilung Frauen und Mädchen den

Trends nach, die andere arbeitet

daran, das Nationalteam wieder zu

einem Trendsetter zu machen. Insofern

interessant, was Neid in einem

Zwischenfazit über die achte WM-

Auflage veröffentlicht hat.

Die55-Jährige,anden bisherigen

WM-Titeln 2003 und 2007 als Assistenz-

und Cheftrainerin beteiligt, beobachtet

„faszinierende Entwicklungen“

im Frauenfußball. Viele Teams,

deutlich mehr als noch vor vier Jahren

in Kanada, würden mit einem

guten Spielaufbau, einer guten

Raumaufteilung und hohen Ballsicherheit

beeindrucken. Aber: Ab

dem Achtelfinale werdeesindiesem

Jahr zunehmend auf die Effektivität

ankommen. Das ist ungefähr dieselbe

Erkenntnis, die bei den letzten

Männer-Turnieren entstand. 2016 in

Frankreich setzte Portugal dem Pragmatismus

genauso die Krone auf wie

2018 in Russland die Franzosen.

Kein Anlass zu Übermut

Insofern folgen die deutschen Fußballerinnen

offenbar einer geschlechterübergreifenden

Vorgabe: Glanzlichter

waren gestern. Die DFB-

Frauen haben sich bei dem dichter

gewordenen Leistungsniveau sehr

hartnäckig eine fast einmalige

Chance erarbeitet, denn sie befinden

sich in der vermeintlich leichteren

Hälfte desTurniertableaus.Gastgeber

Frankreich,Weltmeister USA oder der

Weltranglistendritte England eliminieren

sich vordem Finale in Lyon in

zwei Wochen noch gegenseitig. Härtester

Widersacher für Deutschland

wäre bis dahin Europameister Niederlande.

Trotzdem besteht zu Übermut

kein Anlass: Das Viertelfinale gegen

Kanada oder Schweden wird zum

Lackmustest, weil es dann um die für

den Frauenfußball immens wichtige

Olympia-Qualifikation geht. Nur die

besten drei europäischen Teams sind

bei den Spielen 2020 in Tokio dabei.

DieBasis haben Trainerin und Spielerinnen

gelegt. Selbst wenn es bei

Passqualität oder Kreativität auch gegen

den geschlauchten und durch

den Ausfall seiner besten Spielerin

geschwächten Afrikameister Nigeria

nochVerbesserungsbedarfgab,sobeeindruckte

die Disziplin, mit der die

Rückwärtsbewegung verinnerlicht

ist; die Flexibilität, mit der Systeme

und Positionen getauscht werden.

Übrigens der größte Vorzug, den

das deutsche Nationalteam im Vergleich

zur WM 2015 aufweist. Und

was Voss-Tecklenburgvielleicht besser

macht als Neid. Deren von prägenden

Figuren wie Nadine Angerer,

Annike Krahn oder Celia Sasic geführtes

Team stieß an seine Grenzen,

als auf kanadischem Kunstrasen ein

Plan Bgefragt war,den die damalige

Fußballlehrerin bis dahin fast nie aus

der Schublade ziehen musste. Ihre

Nachfolgerin ist da weiter. Notgedrungen.

Denn ohne Dzsenifer Marozsan

eine makellose Bilanz aufzuweisen,

wo doch bei dieser WM alles

auf sie ausgerichtet war, ist die bislang

beste Leistung, die das deutsche

Kollektiv unter seinem Leitmotiv

„Allezmaximal“ erbracht hat.

Knopf im Ohr? Plan BimKopf: Die deutsche Kapitänin Alexandra Popp feiertmit den Teamkolleginnen ihr Torgegen Nigeria.

Plötzlich wieder en vogue

Unter Einsatz der beschworenen deutschen Tugenden spielen Deutschlands Frauen eine überzeugende WM

VonFrank Hellmann, Grenoble

Daumen hoch: Da hat sich Martina Voss-Tecklenburg nicht geschnitten.

„Wir haben uns von Spiel

zu Spiel weiterentwickelt. Ich würde sagen,

die Offensive ist bei 80Prozent,

die Defensive bei 100 Prozent.“

Torhüterin Almuth Schult weist darauf hin, dass ihrem deutschen Team

immer noch ein wenig die Balance fehlt

Um sich vom faszinierenden

Panorama der französischen

Alpen einen

ersten Überblick zu verschaffen,

bietet sich in Grenoble die

Gondelfahrtauf die Bastille an. Auch

das deutsche Frauen-Nationalteam

hat kürzlich diesen touristischen Abstecher

unternommen, wobei ein

schöner Schnappschuss von Martina

Voss-Tecklenburg entstand: die

Bundestrainerin mit ausgebreiteten

Armen vor der Bergkulisse. Ein passendes

Motiv:Mit dem 3:0 gegen Nigeria

im Achtelfinale von Grenoble

bieten sich auf einmal prächtige Perspektiven

für ihreFußballerinnen.

Anders als die Männer in Russland

leisten sich die Frauen in Frankreich

kein WM-Versagen, sondern

setzen ein Statement, dass die oft beschworenen

deutschen Tugenden

gerade wieder en vogue sind. Eine

vorzügliche Torhüterin und aufmerksame

Abwehr,starke Standards

und enorme Willenskraft sind die

Trümpfe dieser Mannschaft, die das

vor jedem Spiel ausgerufene Motto

„Allezmaximal“ umsetzt.

„Wir haben in jedem Spiel das

rausgeholt, um das Spiel zu gewinnen.

Diese Mannschaft hat einen

unheimlichen Charakter,auch wenn

wir noch nicht so glanzvoll Fußball

spielen. Aber ich habe immer gesagt:

Wir sind in einem Prozess“, bilanzierte

Voss-Tecklenburg. Erst für den

Sonntagabend war die Weiterreise

vom Flughafen Lyon nach Rennes

angesetzt, wo die deutsche Delegation

nun in das geschätzte Golfresort

in Bruz zurückkehrt. Dort begann

die WM-Reise. „Ich bin sehr froh,

dass wir einmal durchatmen, einen

Tagmal komplett freimachen können

und dass wir auch gezielt darauf

schauen können, was wir im Viertelfinale

leisten müssen.“

Die 51-Jährige kündigte an, dann

wieder auf Dzsenifer Marozsan zu

setzen. Ihrkam in der bisherigen Bewertung

die Bedeutung der mit einem

Bruch der Mittelzehe ausgefallenen

Spielmacherin offenbar deutlich

zu kurz: „Uns fehlt eine der besten

Fußballerinnen der Welt. Teilweise

wirdnoch hinterfragt, warum wir dies

oder das nicht richtig machen. Im

Viertelfinale wird sie wieder auflaufen.“

Selbst äußerte sich die 27-Jährige

zwar etwas zurückhalten, aber

der Notfallplan hatte schon einen

Einsatz gegen Nigeria vorgesehen.

„Wir hätten sie eingewechselt, wenn

wir sie gebraucht hätten“, bestätigte

Voss-Tecklenburg. Das Viertelfinale

gegen Kanada oder Schweden werde

ein Duell auf Augenhöhe sein, glaubt

die Trainerin. „Ich bin gespannt auf

Montag, beide Gegner haben gute

physische Eigenschaften und erfahrene

Spielerinnen.“

IMAGO IMAGES

DieFußballlehrerin hat bisher vieles

richtig gemacht: Diekurze Vorbereitung

hat verhindert, dass sich der

Anflug vonLagerkoller ausbreitet, die

Zusammensetzung des Kaders

stimmt. Dienachaußen in den sozialen

Netzwerken ausgestellte Harmonie

wird nach innen mit Leben gefüllt.

Die Führungsqualitäten der lebenserfahrenen

Chefin helfen: Die

Frohnatur vomNiederrhein dient als

der zentrale Ruhepol der Mission,

den deutschen Frauenfußballzurück

in dieWeltspitzezu bringen.

So wächst der Optimismus auf

dieser Tour de France gerade mit jeder

Etappe. Selbst die kritische Almuth

Schult schien nach dem sachlich

gehaltenen Auftritt im Stade des

Alpes gnädig gestimmt zu sein: „Wir

DPA/GOLLNOW

haben uns von Spiel zu Spiel weiterentwickelt“,

meinte die Torhüterin,

die sich artig in der Mixed Zone hinsetzte,umKapitänin

AlexandraPopp

ausreden zu lassen, ehe sie ihre Einschätzungen

vortrug. „Ich würde sagen,

die Offensive ist bei 80 Prozent,

die Defensive bei 100 Prozent.“ Das

immer noch bisweilen fehlerhafte

Aufbauspiel aus der Innenverteidigung

kann der Charakterkopf damit

aber nicht gemeint haben.

Textnachricht vonder Kanzlerin

Dass das im Umbruch befindliche

Ensemble„fußballerisch was drauflegen

kann“ (Assistenztrainerin Britta

Carlson) ist unbestritten, aber so

lange Popp vorne als Mittelstürmern

wieder ein wichtiges Torköpft, um

dann hinten auf der Doppel-Sechs zu

schuften, sind solche Mängel zweitrangig.

Die Anführerin vereinte mit

vielen Extrakilometern inihrem 100.

Länderspiel die aktuellen Vorzügeeiner

Auswahl, die sich durch die Tore

von Popp (20.), Sara Däbritz

(27./Foulelfmeter) und Lea Schüller

(82.) belohnte.Dass zweimal die japanische

Schiedsrichterin Yoshimi Yamashita

den Videobeweis zugunsten

des deutschen Teams auslegte,

schmälerte die Freude nicht. „Wir haben

auch nicht immer gewusst, wieso

weshalb warum. Aber 3:0 gegen den

Afrikameister: Was will man mehr?

Einperfekter Tag“, sagte Popp.

Die Spielführerin war auch diejenige,

die bei der Rückkehr ins Kurstädtchen

Uriage-les-Bains ihre Mitstreiterinnen

mit den gängigen Mallorca-Hits

beschallte. Die ausgelassene

Stimmung schwappte sogar bis

zur Bundeskanzlerin. BundestrainerinVoss-Tecklenburg

nutzte die Wartezeit

bis zur Pressekonferenz im

Stade des Alpes nämlich, um auf eine

Textnachricht von Angela Merkel zu

antworten, „die sich sofortnach dem

Spiel gemeldet hat, sie hat direkt gratuliert,

sie freut sich mit dieser Mannschaft“.

Als die Trainerin die Nachricht

den Spielerinnen mitteilte, sei

dieKanzlerin„gefeiert“ worden.

Problem mit

dem Mann

im Ohr

Der Videobeweis ist das

Aufreger-Thema der WM

Der Videobeweis ist bei der

Frauen-WM bis dato der große

Aufreger. In den Achtelfinals

Deutschland gegen Nigeria, Norwegen

gegen Australien und England

gegen Kamerun brauchten die

Schiedsrichterinnen gleich mehrmals

mehrminütige Unterbrechungen,

um in Absprache mit denVideoassistenten

zu einer endgültigen

Entscheidung zu kommen. Bundestrainerin

Martin Voss-Tecklenburg,

die mit ihrem Team bei der Überprüfung

von zwei spielentscheidenden

Situationen im Glück war, forderte:

„Vielleicht kommen wir in einen

Prozess, bei dem alles ein bisschen

schneller geht –die Kommunikation

und die Entscheidung.“ Das größte

Problem bleibt aber der Mangel an

Transparenz.

Das war auch in der Partie zwischen

Norwegen und Australien (4:1

im Elfmeterschießen) zu beobachten.

Die deutsche Schiedsrichterin

Riem Hussein aus Bad Harzburg

stand gegen Ende der ersten Hälfte

minutenlang vor dem Bildschirm an

der Seitenlinie,imOhr hatte sie ihren

Video-Assistenten Felix Zwayer. Der

Berliner wiederum wurde im Video-

Raum vonKatrin Rafalski (Besse) und

Sascha Stegemann (Niederkassel)

unterstützt. Bei der Schiedsrichter-

Konferenz drehte sich alles um die

Frage,obdie norwegischeVerteidigerin

Maria Thorisdottir den Ball mit

dem Oberarm oder der Schulter im

eigenen Strafraum geklärthatte.Eine

Antwortdaraufwar wohl schwierig zu

finden – obwohl Hussein zunächst

auf Strafstoß entschieden hatte.

Eingebranntes Kind

Doch Zwayer intervenierte. Der 38-

Jährige ist ein gebranntes Kind.

Schließlich stand er gemeinsam mit

dem Münchner Unparteiischen Felix

Brych bei der Männer-WM im

vergangenen Jahr im Mittelpunkt eines

handfesten Skandals.Der damalige

serbische Trainer Mladen Krstajic

wollte die deutschen Referees

nach der Vorrunden-Niederlage gegen

die Schweiz (1:2) an das Kriegsverbrecher-Tribunal

nach Den Haag

„ausliefern“.

Auch im Achtelfinale zwischen

England und Kamerun(3:0) lief nicht

alles glatt. DieKamerunerinnen hatten

sich nach dem 0:2 kurzzeitig geweigert,

das Spiel fortzusetzen. Die

chinesische Schiedsrichterin Liang

Qin hatte zunächst auf Abseits entschieden,

der deutsche Videoassistent

Bastian Dankert(Rostock) korrigierte

die Entscheidung allerdings

und gab das Tor. Die Stimmung

kippte weiter, als der Anschlusstreffer

durch AjaraNchout (48.) nach Videobeweis

zurückgenommen wurde

– die vermeintliche Torschützin

brach daraufhin in Tränen aus.

Immerhin hatte der Weltverband

(Fifa) schon als Zwischenfazit nach

der Vorrunde eingeräumt, dass nicht

alles rund gelaufen sei. (dpa)

Enormunter Druck: Schiedsrichterin

Riem Hussein.

GETTY IMAGES/HEATHCOTE

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