Berliner Zeitung 24.06.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 143 · M ontag, 24. Juni 2019 – S eite 21 *

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Feuilleton

Harry Nutt über das

Kultur-Symposium

des Goethe-Instituts

Seite 22

„Ein Museumsdirektor hat das Recht, sich kontrovers zu äußern.“

Die Soziologin Eva Illouz über Peter Schäfers Rücktritt Seite 23

Auf Reisen

Unter dem

Käfig, Geliebte

Susanne Lenz

über ihre Erfahrung mit

Übersetzungsprogrammen

Eswar im Jahr 1996, als es dem

Schachroboter Deep Blue als

erstem Computer der Welt gelang,

einen amtierenden Schachweltmeister,

nämlich Garri Kasparow, zu

schlagen. Auch bei der Revanche

1997 behielt Deep Blue die Oberhand.

Der Sieg der Maschine gegen

einen Menschen erregte Aufsehen.

Es war allen klar,dass hier etwas Außerordentliches

geschehen war.

Viele empfanden es auch als beängstigend.

Deep Blue war ein Vorläufer der

Technologie, die man heute als

Künstliche Intelligenz bezeichnet.

Sie ist seitdem in Bereiche vorgedrungen,

die man sich damals kaum

hätte vorstellen können. DerBereich

der Sprachübersetzung ist einer von

ihnen, sicher nicht der spektakulärste,aber

in der anbrechenden Ferienzeit

durchaus vonNutzen.

Wir jedenfalls machten kürzlich

eine Reise nach Stettin. Wir waren

auf Greta-Thunberg-Weise mit Bahn

und Fahrrädern unterwegs. Den

Schlüssel für unsereFerienwohnung

sollten wir kurz nach unser Ankunft

von einer gewissen Marta entgegennehmen.

Leider hatten wir

nicht mit dem berüchtigten Fahrrad-Chaos

bei der Deutschen

Bahn gerechnet, über das mein

Kollege Peter Neumann vergangene

Woche berichtete, und strandeten

zunächst in Angermünde. Unsere

Räder hatten nicht mehr in den Zug

gepasst, in den wir dort umsteigen

mussten. Der nächste fuhr erst zwei

Stunden später.

Wir schlugen die Zeit im Angermünder

Tierpark tot, in dem immerhin

alle sechs Kamelarten der

Welt anzutreffen sind sowie putzige

Katta-Lemuren. Und wir verständigten

Marta, die alsbald zurückschrieb,

wir könnten uns dann „unter

dem Käfig“ treffen. Merkwürdig.

Später war sie dann aber einfach in

der Ferienwohnung. Unsere Begegnung

war kurz, sie sprach kein Wort

Deutsch oder Englisch. Doch erst,

als sie mich später in ihrer Antwort-

SMS auf meine Frage nach dem Verbleib

der Spülmaschinentabs „Geliebte“

nannte,ahnten wir,dass hier

ein Übersetzungsprogramm im

Spiel sein musste: „Geliebte, ich

habe vergessen dafür zu sorgen.“ –

Wassoll man dazu sagen? „Gar kein

Problem“, schrieb ich zurück. Am

Tag der Abreise schickte sie dann

noch eine Nachricht: „Ich hoffe der

Aufenthalt war erfolgreich.“ Nun ja.

Aber weiter wünschte sie uns: „Eine

weite Straße und sichere Heimkehr.

Küsse.“ Ach, Marta.

VonKIinSchach gehalten: Garri Kasparow

verliertgegen Deep Blue.

DPA

„Hei, hei, heirate mich“: der Rammstein-Sänger Till Lindemann.

Am Lagerfeuer der Flammenwerfer

Die Metal-Band Rammstein ist zum Generationenprojekt geworden. Ins Olympiastadion kamen auch Familien

VonPetraKohse

Ein schwarzes Rammstein-

Shirt war Pflicht am Samstagabend

im Olympiastadion.

Und der Look war

nicht nur echt mit Undercut und

Springerstiefeln, sondern auch Birkenstocks

und sogar Ballerinas wurden

kombiniert, Hauptsache der

Oberkörper bewies, dass man

wusste, was auf einen zukommt. Sei

es mit der Aufschrift „Manche führen/Manche

folgen“, eine Zeile aus

dem „Rammlied“ von2009, oder mit

„Du /Ich /Wir /Ihr“ aus dem aktuellen

Stück „Deutschland“ –ganze Familien

hatten sich dem Anlass entsprechend

eingekleidet und posierten

einschließlich Großeltern vor

dem Olympischen Tor.

Rammstein, die Metal-Musiker

aus Berlin, martialisch auftretende

Feuerwerker, die Überwältigungsästhetik

betreiben, mit faschistischen

Zeichen spielen und sich gerade

noch rechtzeitig doch immer noch

widersprechen, sind ein Allgenerationenprojekt

geworden. Liegt es am

Weltruhm, den sie für Deutschland

einfahren, an der Performance, der

provokanten Zweideutigkeit oder an

der Musik?

Zehn Jahre mussten die Fans auf

ein neues Album warten, und dann

wurde im Märzzunächst erst ein Videoschnipsel

zu „Deutschland“ veröffentlicht

(der,indem vier der sechs

Musiker als KZ-Häftlinge am Galgenstrick

posieren), danach das

ganze Video, das mit heulenden

Wölfen und einer schwarzenGermania

nichts an Zitatpop auslässt,

schließlich Mitte Mai das Album

selbst, das mit Rekordverkäufen startete.

Und jetzt die Tour mit 30Konzerten

in 16 Ländern.

VorBerlin kamen schon Gelsenkirchen,

Barcelona, Bern, München,

Dresden, Rostock und Kopenhagen

dran. Aber jetzt Berlin und hier das

Olympiastadion, dessen faschistische

Ästhetik das i-Tüpfelchen auf

dem Ganzen ist, vielleicht auch der

eine Tropfen zu viel, aber Rammstein

tun, was Rammstein immer

machen: sie legen noch eins drauf.

Schon während sich das am

Ende etwa 70 000 Personen fassende

Stadion füllt, läuft mehrere

Stunden lang Rammstein vom

Band, und als Vorgruppe haben sie

sich für das französische Klavierduo

Jatekok entschieden: zwei Pianistinnen,

die vierhändig auf zwei Klavieren

auf einer Insel imInnenbereich

ein für Klavier bearbeitetes

Best of vonRammstein spielen. „Du

hast“ etwa, wozu sie auch singen

(„Du ast misch ...“) und natürlich

„Seemann“. Die eigene Klassizität

wird dadurch inszeniert, man stellt

klar, dass es auch einen höherkulturellen

Anspruch gibt, und tatsächlich

sind teils romantische, teils fast jazzige

Stücke zu hören, die–ohne Ohrenbetäubung

durch Bass und

Drums–die Sehnsucht freilegen, die

hinter dem Martialischen steckt, den

gemeinsamen Kern, dass in jedem

von uns doch ein Verkannter steckt,

einer, der sich am Abend gerne den

Rücken kraulen lässt, egal, wie tätowiert

die Arme sind. Und wie hoch

die Schnürstiefel.

Die des Sängers Till Lindemann

gehen fast bis zum Knie. Sind es

überhaupt Schnürstiefel? Etwas irgendwie

Güldenes trägt er unterhalb

seiner Kniehosen, über dem

ein bodenlanger Mantel wallt. Man

sieht nicht wirklich viel in einem

Olympiastadion, die seitlichen Videowände

sind aus,damit die ganze

Konzentration auf der Bühne liegt,

auf der die Show noch bei Tageslicht

startet –das kurznach der Mittsommerwende

auch lange bleibt.

Eine Art Feuerklops macht den

Anfang, Rauchsäulen steigen aus

dem Bühnenaufbau (unter anderem

in Form eines riesigen Gitarrenhalses

und zwei Zielfernrohren) und

den zwei Turmgerüsten im Stadion,

als sei hier soeben ein Flugzeug abgeschossen

worden. Der Keyborder

Christian Lorenz alias Flake in einem

goldenen Ganzkörperanzug mit Kapuze

betritt sein Laufband, auf dem

er den Abend über auch im Stehen in

Die 70000 haben diesen Abend fest in der

Hand. Sie wissen, was sie wollen

–nämlich Triebabfuhr durch eine Art von

Trance –und als Lindemann schließlich

auf einer funkensprühenden Kanone

reitet, ist der Jubel riesengroß.

DPA/CHRISTOPH SÖDER

Bewegung bleibt, Bassist Oliver Riedel,

Schlagzeuger Christoph Schneider,Gitarrist

RichardKruspe und Till

Lindemann treten auf und starten

mit „Was ich liebe“: „Was ich liebe,

das wird verderben, was ich liebe,

das muss auch sterben.“

Immer wieder bringen das Paradoxe

und die Selbstbestrafung, die in

Rammsteins Texten liegen, einen

Selbsthass zum Ausdruck, der dem

Rhythmus (Deutsche Härte!) zusätzliche

Dringlichkeit gibt. Denn man

kann zu Rammstein ja nicht tanzen.

Man wiegt sich oder stampft, aber

kommt dabei nicht vomFleck.

Auch im zweiten Stück, das gleich

das politisch programmatisch gemeinte

„Links 2-3-4“ ist, und zu dem

sich von den Türmen rote Rammstein-Fahnen

stoßartig entrollen, als

sei man direkt auf einem Reichsparteitag

der NSDAP, recken sich die

Arme der 70 000 nach oben wie auf

einem historischen Foto –und pulsieren

aber,diese Arme,sie pulsieren

(mit Ausnahme derjenigen, die ein

Smartphone halten). Es ist kein „Sieg

heil“, sondern –imVerlauf des Konzerts,

ein „Hei, hei, heirate mich“:

stets der Anlauf auf das Unsägliche

und die rhythmisch harte, textlich

aber sanfte Landung im, ja, wie soll

man es umschreiben, Biedermeier ja

fast. Zwar brennt ein Kinderwagen

zu den Textzeilen: „Und dann reiß’

ich der Puppe den Kopf ab“, aber am

Ende heißt es„Es geht mir nicht gut“.

Böse Jungs auf der Suchenach Liebe.

Undsie finden sie hier.Die 70 000

sind textlich voll auf der Höhe und

stören sich nicht daran, dass Lindemann

kaum etwas sagt, sondern etwas

steifhüftig im tiefen Sitz immer

wieder auf die Luft über seinem Knie

einhämmert oder ihnen stumm das

Mikrofon hinhält. Sie haben diesen

Abend fest in der Hand, wissen, was

sie wollen (nämlich Triebabfuhr

durch eine Art von Trance), und als

es endlich dunkel ist und sich zu den

wiederkehrenden Flammenstößen

aus stets den gleichen Düsen eine

Lichtshow (mit viel Grün) gesellt −

und Lindemann irgendwann sogar

auf einer Art Kanone reitet, die Funken

ins Publikum sprüht, was wirkt,

als halte er sich eine Schampusflasche

vorden Schritt, nur in groß −ist

der Jubel unermesslich.

Etwas angeschafft wirkt zwischendrin

der kleine Ausflug der

Mannschaft ins Publikum hinein

und auf die Bühne mit den Klavieren,

wo alle„Seemann“ singen, quasi

konzertant, von Jatekok begleitet,

und dann der Rückweg auf

Schlauchbooten, die von der Menge

getragen werden, nur Lindemann

geht zu Fuß. Eine schöne Idee eigentlich,

aber irgendwie routiniert

abgearbeitet, als gäbe es einen Zeitplan

einzuhalten.

Auch vor dem Olympiastadion,

wo das Konzert fast ebenso gut zu

hören und auch etwas vomFeuer zu

sehen waren, siedelten Hunderte

und filmten sich beim Mitrucken.

„Das ist doch verboten, dass eine

einzige Band so viele gute Stücke haben

kann“, schrie ein junger Mann

ekstatisch bei der letzten Zugabe

„Ich will“ (ja, da war ich schon auf

dem Wegzur U-Bahn), und ein älterer,

vielleicht sein Vater, hielt ihm

eine Flasche hin: „Komm, trink was.“

NACHRICHTEN

Oberammergauer Passion

mit starkenFrauen

Frauen in kirchlichen Positionen

und als wichtige Wegbegleiterinnen

vonJesus Christus: DasThema spielt

auch bei der weltberühmten Passion

vonOberammergau eine wichtige

Rolle.Zwar könne er sich auf der traditionsreichen

Passionsbühne nicht

vorstellen, die Apostelrollen weiblich

zu besetzen, sagte Spielleiter

Christian Stückl, dennoch will er

beim Passionsspiel im nächsten Jahr

die Frauen um Jesus nah am Messias

zeigen –und als starke Verkünderinnen

der Botschaft. Für die nächste

Passion haben sich mehr Frauen beworben

denn je.Erstmals ist über die

Hälfte der Darsteller (51 Prozent)

weiblich. Allerdings gibt es nur drei

Hauptrollenfür Frauen: Neben Mariaund

MariaMagdalena ist das die

Veronika als biblische Legendengestalt.

Die42. Oberammergauer Passionsspiele

finden vom16. Maibis 4.

Oktober 2020 statt. (dpa)

Rolling Stones: Verspäteter

Tourauftakt mit fittem Jagger

Miteinem fitten und tanzenden

Mick Jagger (75) haben die Rolling

Stones den Auftakt ihrer US-Tour gefeiert.

Diebritischen Rocker spielten

am Freitagabend (Ortszeit) in Chicago

20 ihrer größten Hits,darunter

„Satisfaction“, „Angie“ und „Honky

Tonk Woman“. Videos im Netz zeigen,

wie Jagger wie eh und je über die

Bühne tänzelt. DieBriten hatten

Ende MärzihreKonzerte in den USA

und Kanada zunächst abgesagt und

die Tour verschoben. Grund war ein

Krankenhausaufenthalt vonFrontmann

Jagger.US-Medien hatten berichtet,

er habe sich in einem Krankenhaus

in NewYorkeine neue Herzklappe

einsetzen lassen. Wenige Wochen

später postete Jagger bereits

ein erstes Tanzvideo aus dem Studio.

Später sprach er davon, dass er sich

gut fühle und viel probe. (dpa)

Störtebeker-Festspiele auf

Rügen eröffnet

Schon zur Eröffnung der Störtebeker-

Festspiele kamen 8000 Zuschauer.

DPA

DieStörtebeker-Festspiele in Ralswiek

auf Rügen sind eröffnet: Aufder

Naturbühne kämpft das Piratenduo

Klaus Störtebeker und Goedeke Michels

in dem neuen Stück „Schwur

der Gerechten“ für Freiheit und Gerechtigkeit.

Mehr als 8000 Besucher

kamen am Sonnabend zur Premiere.

In den Hauptrollen sind Alexander

Koll als Störtebeker und Alexander

Hanfland als Michels zu sehen. 150

Schauspieler und Statisten, 30

Pferde,ein Esel, ein Adler und vier

Schiffe auf dem Jasmunder Bodden

gehören zu dem Spektakel, außerdem

Böller,Rauch und Flammen.

Regie führte MarcoBahr.Der Schlagersänger

Wolfgang Lipperttritt als

Balladensänger auf. (dpa)

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