Erfolg Magazin Ausgabe 4-2019

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Bilder: Imago Images/i images/Zuma press

in seinem Weg bestätigt zu haben. Er

beschäftigte sich intensiv mit Internetsicherheit,

schrieb „Strobe“, den ersten

freien Portscanner. Auch „Rubberhose“,

ein glaubhaft abstreitbarer Dateiverschlüsselungsmechanismus,

entsprang seinem

Kopf. Er kannte die Möglichkeiten, wie im

Internet Geld zu verdienen ist und nutzte

sie, um finanziell unabhängig zu sein.

Er studierte 1994 an der Central Queensland

University und ab 2003 an der

University of Melbourne Mathematik,

Informatik und Physik. Er verließ die Universität

2006 jedoch ohne Abschluss, da er

eine Zusammenarbeit zwischen der mathematischen

Fakultät seiner Universität

und dem US-Militär vermutete, mit dem

Ziel, die Effizienz von Militärfahrzeugen

zu erhöhen.

Mit dieser Episode beginnt auch seine

Geschichte mit der Enthüllungsplattform

WikiLeaks, für die er enthusiastisch gratis

arbeitete. Seine nicht immer rechtskonforme

Methode, an vertrauliche Daten zu

kommen, brachte ihm Abhörung, Zensur,

mehrfache Verhaftung, und einige Klagen

ein, die jedoch erfolglos blieben. Das FBI

schleuste sogar für eineinhalb Jahre einen

Praktikanten als Spion bei WikiLeaks ein.

Assange misstraute allem und jedem, weshalb

es 2010 zur Kündigung seines engsten

Mitarbeiters Daniel Domscheit-Berg

kam, den er im Nachhinein beschuldigte,

WikiLeaks-Dateien gestohlen und veröffentlicht

zu haben.

Der große Coup

Stell dir vor, du konstruierst in sorgfältiger

Arbeit ein schönes, strahlendes Heldenimage

deiner selbst. Der Zweck: vor der

Öffentlichkeit im In- und Ausland und

Gegnern sämtliche deiner

unfeinen Schachzüge und

Verbrechen zu verbergen

oder zu rechtfertigen.

Und dann kommt plötzlich

so ein selbsternannter

Detektiv daher und reißt

dir die Maske ab, lässt die

vorher darunter so wunderbar

kaschierte Flut an Dreck über deine

blütenweiße Weltenretterweste regnen. Bist

du ein Niemand, amüsiert das die Öffentlichkeit

nur für einen Augenblick in der

täglichen Klatschspalte. Bist du die selbsternannte

Weltpolizei USA, schaut plötzlich

die ganze Welt hin – ein politisches Disaster.

So geschehen, als Julien Paul Assange,

investigativer Journalist und politischer

Aktivist, seine Kenntnisse als Programmierer

und Hacker dazu nutzte, sich Zugang

zu den internen "top secret"-Dokumenten

von US-Army und US-Behörden verschaffte

und sie auf der Enthüllungsplattform

WikiLeaks den entsetzten Bürgern

Ich möchte mich nicht ausliefern

lassen für einen Journalismus,

der viele, viele Preise gewonnen

hat und viele, viele Menschen

geschützt hat.

zugänglich machte. Darin enthalten die

schmutzige Wäsche aus den Afghanistanund

Irakkriegen. Seitdem flüchtet er als

von den USA gesuchter Verbrecher um den

Globus. Mehr als eine Regierung, die ihm

erst Asyl angeboten hatte, ist unter dem

Druck der US-Fahnder eingeknickt.

Ein gewisses Robin Hood-Image, das dem

gebürtigen Australier anhing, sicherte ihm

breite Sympathie bei allen, die den US-Geheimdiensten

und den offiziellen Verlautbarungen

misstrauen. Dieses Image bekam

jedoch empfindlichen Schaden, als 2010

aus Schweden der Vorwurf der Vergewaltigung

laut wurde. Über Schuld oder Unschuld

hat noch kein Gericht entschieden,

doch es kostete ihn genügend Sympathien,

dass England ihn um ein Haar nach Skandinavien

ausgeliefert hätte, wäre dem nicht

der ecuadorianische Botschafter Rafael

Correra zuvorgekommen. Er bot Julien

Assange Asyl in der in London ansässigen

Botschaft Ecuadors an, wo der Enthüllungsspezialist

seitdem lebte und schließlich

sogar Staatsbürger Ecuadors wurde.

Erst als Lenín Moreno, der amtierende

Präsident Ecuadors, ihm am 11. April 2019

die Staatsbürgerschaft entzog und das Asyl

Sympathisanten von Julien Assange

demonstrierten am 2. Mai 2019 vor

dem Westminster Magistrates Court für

seine Freiheit. Dort wurde zu diesem

Zeitpunkt über den Antrag zur Auslieferung

an die US-Justiz verhandelt.

verweigerte, wurde Julien Assange von der

britischen Polizei festgenommen.

Hinter US-, Englische oder Schwedische

Gardinen?

Doch nun, da er in Gewahrsam ist, streiten

sich mehrere Länder darum, ihm den Prozess

machen zu können. In England sitzt

Assange erst einmal für 50 Wochen in Haft

wegen Verstoßes gegen die Kautionsregeln.

Schweden kündigte im Mai an, den Vergewaltigungsfall

wieder aufzurollen, um

Assange den Prozess zu machen. "Unsere

Staatsanwälte haben die Ermittlungsunterlagen

angefordert", bestätigte Robin Simonsson

von der Staatsanwaltschaft gegenüber

der Augsburger Allgemeinen.

Nachdem der Fall in Schweden erst im

August 2020 verjährt, bliebe auch noch

reichlich Zeit dafür. WikiLeaks-Sprecher

Kristinn Hrafnsson sieht in einem

Prozess die Möglichkeit, Assanges Unschuld

zu beweisen und meinte gegenüber

der Deutschen Presse-Agentur: "Es

ist unbestreitbar, dass politischer Druck

auf Schweden zur Wiederaufnahme des

Falles geführt hat". Nicht zuletzt pochen

die USA auf Auslieferung, weil sie ihm

nach wie vor eine Verschwörung mit der

Whistleblowerin Chelsea Manning zur

Last legen, die den Zweck gehabt haben

soll, ein Passwort für ein Computernetzwerk

der Regierung zu knacken. Assange

lehnte seine Auslieferung an die USA mit

der Begründung ab: "Ich möchte mich

nicht ausliefern lassen für einen Journalismus,

der viele, viele Preise gewonnen hat

und viele, viele Menschen geschützt hat“.

ERFOLG magazin . Ausgabe 04/2019 . www.erfolg-magazin.de

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