Kradblatt Ausgabe Juli 2019

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… zum Weglaufen

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Ein recht kreativer Konversations-Beginn,

und so wollte ich mich wieder meinem

Kaffee widmen. Dem folgenden

Wortschwall konnte ich jedoch nicht

entkommen – innerhalb von Augenblicken

wurde ich von ihm zugetextet: es

liefe schon ganz gut, nicht wahr? Aber

er müsste zuerst einen Reifensatz „fertig

fahren“, denn nach dem langen Winter

verliere man komplett die Übung und

könne deswegen nicht redlich Kurven

fahren. Aber danach „kann man es wieder

richtig krachen lassen“. Offensichtlich

war er mit seinen Übungs- und Einstellungsfahrten

schon länger beschäftigt,

denn „... der Asphalt hat heute die optimale

Temperatur.“

Nun, darüber habe ich mir in den letzten

25 Jahren eigentlich nie Gedanken

gemacht. Auch heute nicht, anlässlich

meiner ersten Fahrt nach dem Winter.

Mich kümmerte eher das eigene Befinden:

mehr als die Temperatur der Straße

ist mir die Temperatur meiner Hände

wichtig. Rein vom Fahrgefühl war es bei

mir wie immer, trotz langer Winterpause:

spaßig, lustig, easy, schräg, kontrolliert

und ohne Verspannungen. Das konnte

ich aber nicht mitteilen, denn der Kollege

am Nebentisch fuhr engagiert fort:

heute seien seine Reifen erstmals in ihr

„Temperatur-Fenster“ gekommen und „...

rutschen aus den Kehren nur maximal

20, 30 cm.“

Nicht schlecht. Ich legte meine Stirn

kurz in Falten und versuchte mich zu erinnern.

Aber nein, der Monstermotor meiner

KTM hat bei der Fahrt auf den Berg – trotz

deaktivierter Traktionskon trolle – den

Hinterreifen nicht aus der Spur gerissen.

Nicht um einen Zentimeter, erst recht

nicht um 20 – der auf dem Rheinring

angefahrene Corsa-Pirelli verhielt sich

komplett unauffällig. Grip war also ausreichend

da – der Super-Typ musste also

eine extremst starke Maschine oder uralte

Reifen fahren, deswegen fragte ich ihn

danach.

„Eine Yamaha FZ1 mit dem Motor der

R1 – die absolute Waffe!“

Unbestritten ein ernsthaftes Motorrad,

wenn auch schwächer und sanfter als (m)

eine KTM Superduke. Mit (nur) einem Liter

Hubraum, vier Zylindern in Reihe, um die

160 PS und aufrechter Sitzposition ein

gutes Gerät im Kurvenreich, deswegen

erbot ich ihm mit den Worten „Ah, das ist

hier sicher ein geniales Motorrad“ meinen

Respekt. Offensichtlich empfand er das

aber nicht auch so, denn „... ich komme

hier nicht mal in den dritten Gang!“

Ja wie? Er muss mein erneutes

Stirn-Runzeln bemerkt haben, denn ohne

eine Nachfrage zu erlauben, fuhr er fort:

„Unter 7.000 U/min läuft gar nichts, aber

dann geht sie brutal vorwärts.“ Und: „Der

erste Gang reicht bis 140 ...“ und „... dann

drehe ich den zweiten Gang bis 11.000

U/min.“

In Gedanken wanderte ich zurück

in meine 1000er Vierzylinder-Zeit, und

mir fielen wirklich nicht mehr als drei

Gelegenheiten ein, in denen ich den

Motor meiner Yamaha FZR 1000 Exup

Das Kurvenreich – ein Teil

des Weges zum Mendelpass

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