Kradblatt Ausgabe Juli 2019

online.magazines

30 Der Super-Typ auf der Passhöhe

auf einer Passstraße höher als 10.000 U/

min gedreht hätte. Zu stressig, zu schnell,

zu heftig und unkontrollierbar wäre der

Vorschub gewesen. „... hier muss man

aber schon wissen, was man tut!“

Nun, diesen Gedanken hatte ich in den

letzten Jahren immer mal wieder – vor

allem auf der Fahrt zum Mendel-Pass.

Auf der engen, bisweilen uneinsehbaren

und ausgesetzten Straße, entlang

von schroffen Felsen und am Rande eines

argen Abgrunds in Richtung Kaltern, sollte

man seine Sinne schon immer funktionierend

und vollständig beisammen haben.

Ein Literbike nur in den ersten beiden

Gängen hier hochtreiben, gehört für mich

nur bedingt in die Kategorie „Wissen, was

man tut.“

„Erst wenn man weiß, welche Kurven

man schneiden kann, dann kommt man

auf einen guten Schnitt.“

Ich musste meiner gerunzelten Stirn

mit einem Kratzen am Kopf nachhelfen.

OK, also, man sollte wissen, was man tut,

und man sollte wissen, welche Kurven

man schneiden kann, um in angemessener

Zeit ans Ziel zu kommen. 96 km/h

im Schnitt will er so auf einer Fahrt auf

die Mendel erreicht haben.

Ich versuchte noch, schönes Motorradfahren

mit runden Linien und tiefen

Schräglagen mit dem Thema „Kurvenschneiden“

und „Motor gnadenlos ausdrehen“

zusammenzubringen – was mir

natürlich nicht gelang – da erklärte mir

der Super-Typ seine Ortskenntnis, die

ihm das heilbringende Kurvenschneiden

erlaubt: „Ich kenne hier ja jeden Stein und

kann die Strecke blind fahren.“

Ja, das kann gerne sein. Das sollte ich

von meinem Hausberg, dem Stilfser Joch,

eigentlich auch sagen können – aber ich

hüte mich davor, denn die Straße ist bei

jeder Fahrt anders, Buckel entstehen und

vergehen, Risse tun sich auf, Asphalt löst

sich vom Untergrund und verwandelt sich

in rutschiges Geröll. Im Blindflug ist auf

dem Motorrad jede Straße eine Todesfalle

– und an der Mendel ist es nicht

anders. Ich rückte ein wenig von dem Typ

weg, seine Aussagen verursachten mir

mehr und mehr körperliche Schmerzen.

Doch auch damit kannte er sich natürlich

aus, denn „... letztens bin ich hier an einer

Leitplanke hängengeblieben.“

Sprachlos setzte ich ein verblüfftes

Gesicht auf. Beim Anrauchen ging er –

seine Wortwahl nun ganz MotoGP-like

– in einer Kurve weit und touchierte mit

dem linken Fuß den Pfosten einer Leitplanke.

Ich wollte noch nachfragen, wie

so etwas bei so guter Streckenkenntnis

überhaupt vorkommen könne, wollte

gleichzeitig anzweifeln, dass ein Leitplanken-Pfosten,

der hinter (!) der Leitplanke

steht, einen Fuß auf einem schrägliegenden

Motorrad als erstes erwischen könne,

da erläuterte er das Geschehen nochmals

ausführlicher:

„Bremse hinten überhitzt, Motorrad ließ

sich deswegen nicht weiter in Schräglage

bringen, Notausgang gewählt, Leitplanke

als Bande benutzt, nicht gestürzt, Stiefel

blieb am Pfosten hängen, beim Stiefel-Ausziehen

fielen zwei Zehen heraus.“

Eine bergauf überhitzte Bremse (???)

wäre mir nie als Grund für zu geringe

Schräglage oder falsche Linienwahl eingefallen.

Es nahm krasse Züge an, ich bekam

das Erzählte in keine logische Reihenfolge

mehr. Ich stellte mir an einer

Leitplanke abgetrennte Zehen vor, die

in einem zerstörten Stiefel verblieben,

dieser aber vom Super-Typen trotz der

schweren Verletzung einfach ausgezogen

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine