Reise nach Vietnam

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Weihrauch brennt in einem buddhistischen Tempel in Ho Chi Minh City.


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ZU DIESEM

BUCH

Spätestens seit dem Vietnamkrieg ist dieses

Land weltbekannt. Erschreckende Bilder

gingen damals um die Welt, Millionen Menschen

verloren in den jahrelangen Kämpfen ihr Leben,

große Teile des Landes wurden verwüstet. Die

grausamen Geschehnisse sind wiederkehrende

Themen in Film, Musik, Kunst und Literatur. Einige

Orte und ehemalige Schauplätze zeugen

noch von der dunklen Vergangenheit.

Heute aber blickt Vietnam nach vorn. Das Land

befindet sich in stetigem Wandel und erlebt

einen bemerkenswerten Aufschwung. In Metropolen

wie Ho Chi Minh City spiegelt sich eine

moderne, aufstrebende Gesellschaft wider und

auch kleineren Städten wie Hanoi, Can Tho oder

Da Nang ist eine rasante Entwicklung anzumerken.

Ganz im Gegensatz zu den hektischen und

schnelllebigen Großstädten steht die einzigartige

und unberührte Natur Vietnams: Im Norden verzaubern

einsame Landstriche, weite Täler und

magisch anmutende Berge mit ihrer Ursprünglichkeit.

Unter den einheimischen Völkern sind

alte Traditionen noch lebendig. Im Süden locken

Bilderbuchstrände und das zauberhafte Mekong-

Delta. Über das Land verstreut erheben sich

prächtige Tempel, Königsgräber und Pagoden,

die in die Vergangenheit eintauchen lassen.

Dieses Buch entführt in ein sagenhaft vielfältiges

Land, das sowohl aufgrund seiner packenden

Geschichte, Kultur und Entwicklung als auch

wegen seiner einzigartigen und faszinierenden

Natur unbedingt eine Reise wert ist.

Einer Traumsequenz aus einem Film gleich

scheint diese Szene einer Fischerin, deren

Figur sich im hellblauen Netz verliert.

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Inhaltsverzeichnis

Der Norden 08

Ha Giang, Yen Minh, Dong Van 10

Fansipan 12

Tram-Ton-Pass 13

Sapa-Tal 14

Trekking in Nordvietnam 16

Mu Cang Chai 19

Nationalpark Ba Be 20

Cao Bang 22

Nationalpark Tam Dao 24

Tet Nguyen Dan 26

Hanoi 28

Westsee und Schwertsee 30

Zitadelle Thang Long 32

Wasserpuppentheater 32

Altstadt 34

Dong-Xuan-Markt 35

Ho-Chi-Minh-Mausoleum und -Museum 36

Literatur-Tempel 38

Ein-Säulen- Pagode 40

Oper 41

Französisches Viertel 42

Museen 44

Pho 46

Bun Cha Hanoi 47

Streetfood 48

Chua Huong 50

Bucht von Halong 52

Nationalpark Cat Ba 56

Dong Thien Cung 58

Nationalpark Cuc Phuong 60

Vietnamesen und das Fahrrad 62

Hoa Lu 66

Kathedrale von Phat Diem 67

Tam Coc 68

Hoa Binh und Tay Phuong 69

Zitadelle der Ho-Dynastie 69

Das Zentrum 70

Nationalpark Phong-Nha-Ke-Bang 72

Die Fauna Vietnams 74

Vinh-Moc-Tunnel 76

Der Vietnamkrieg 78

Hue 80

Zitadelle 82

Thien-Mu-Pagode 84

Dong-Ba-Markt 86

Parfümfluss 88

Königsgräber 90

Tu Duc und Khai Dinh 92

Thanh-Toan- Brücke 94

Nationalpark Bach Ma 96

Hoi An 98

Altstadt 100

Markt 102

Japanische Brücke 106

Chinesische Versammlungshallen 107

Kaufmannshäuser 107

Insel Cam Kim 108

Da Nang 110

Cau Vang: Goldene Brücke 111

China Beach 111

Ngu Hanh Son 112

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Inhaltsverzeichnis

My Son 114

Nha Trang 116

Die schönsten Strände 117

Po-Nagar-Türme 118

Long-Son-Pagode 119

Phan Rang–Thap Cham 120

Phan Thiet 121

Strand von Mui Ne 121

Ta Cu Mountain 121

Weinanbau in der Provinz Ninh Thuan 122

Zentrales Hochland 124

Buon Ma Thuot 126

Kon Tum 127

Ho Chi Minh Trail 128

Vietnamesischer Kaffee 130

Nationalpark Yok Don 132

Nationalpark Cat Tien 134

Da Lat 136

Alter Bahnhof 138

Crazy House 139

Xuan-Huong-See 139

Sommerpalast von Bao Dai 139

Der Süden 140

Tay Ninh 142

Cao-Dai-Tempel 144

Tunnel von Cu Chi 146

Ho Chi Minh City 148

War Remnants Museum 152

Reunification Palace 153

Pagode des Jadekaisers 154

Märkte 156

Cao-Dai-Tempel 158

Giac-Lam-Pagode 159

Restaurants und Bars 160

Con Dao Islands 162

Mekong-Delta 164

Reisanbau 166

My Tho 171

Ben Tre 171

Floating Markets 172

Can Tho 174

Vinh Long 175

Soc Trang 175

Bac Lieu 175

Stadt- und Übersichtskarten 176

Register 190

Bildnachweis/Impressum 192

7


DER NORDEN

Wer Vietnam vorwiegend mit südländischen

Szenarien wie palmenbestandenen Sandstränden,

tropischem Dschungel und breiten

Flusslandschaften assoziiert, wird sich bei solchen

Bildern wundern: ein Bergland, bedeckt von

dichten Laubwäldern und steilen Terrassenfeldern,

durchsetzt von archaischen Dörfern und

umkränzt von über 3000 Meter hohen Gipfeln, die

im Winter hier und da sogar weiß von Schnee glitzern.

Vietnams nördlichste, an China grenzende

Provinzen bilden eine zum Rest des Landes sehr

konträre Welt für sich und waren lange Zeit unzugänglich.

Erst in den jüngsten zwei, drei Jahrzehnten

haben westliche Globetrotter die Pracht dieser

Landschaft, die Frische der Luft und der Vegetation

und die exotisch-autonome Kultur der hier

beheimateten Minderheiten entdeckt. Die Kunde

davon macht Täler und Hochplateaus wie die um

Sapa am Fuß des Hoang-Lien- Son-Gebirges, um

Ha Giang oder bei Cao Bang zur neuen Abenteuerzone

für entdeckungs freudige Outdoor-Aktivisten

und damit zum viel ver sprechenden Hoffnungsgebiet

für Vietnams Tourismusstrategen.

»Bac Bo«, so der einheimische Name für den Norden,

ist in weiten Teilen auch dem Meer zugewandt.

An der Küste liegen der boomende Hafen

Haiphong und als große Fünfsterneattraktion die

Bucht von Halong. Im nahen Hinterland bestechen

Landschaften wie die der Nationalparks

Tam Coc und Cuc Phuong. Maritim geprägt sind

auch das fruchtbare Delta des »Roten Stromes«

Song Hong und die 70 Kilometer landeinwärts

gelegene Acht-Millionen- Metropole Hanoi, in der

sich wie in einem Brennglas Alt und Neu, Tradition

und Moderne dieser dynamischen Nation auf

faszinierende Weise bündeln.

Im Nordwesten Vietnams wird Reis auf

terrassenartigen Feldern angebaut.

9


Der Norden

HA GIANG,

YEN MINH,

DONG VAN

Das am Song Lo, dem »Klaren Fluss«, gelegene

Provinzzentrum Ha Giang ist die nördlichste

Stadt Vietnams. Sie selbst ist infolge massiver

Zerstörungen während der chinesischen

Invasion 1979 wenig ansehnlich. Umso spannender

ist die Fahrt von hier über mäandrierende

Passstraßen durch das Hochtal von Yen Minh in

Richtung Grenze bis in den neuerdings boomenden

Ort Dong Van. Die Landschaft ist großartig –

Reisterrassen und Karstberge, manche in bizarrer

Kegelform und bis 2400 Meter hoch, prägen

die Szenerie. Die größten Besuchermagnete sind

die Dörfer der hier lebenden Minderheiten, namentlich

der Tay, Dao und Hmong. Angesichts

ihrer farbenfrohen Trachten und des heiteren

Gleichmutes sollte man freilich nicht vergessen,

welch entbehrungsreiches Leben sie in dieser

abgelegenen Gebirgsregion führen.

Auf dem Markt von Dong Van verkaufen

Hmong-Frauen allerlei (Bildleiste links).

Oben: Dong Van Geopark; großes Bild

rechts: Reisfelder in Ha Giang

10


Der Norden

FANSIPAN

Nebelverhangen ist er oft – und sagenumwoben.

Schwierig soll es gewesen sein, an

manchen Tagen sogar unmöglich, Vietnams

Bergriesen die Stirn zu bieten und seinen Gipfel

zu stürmen. Doch den Wettlauf mit Wetter und

anderen Hindernissen scheint der Mensch nun

gewonnen zu haben, denn er hat auf dem höchsten

Berg Vietnams eine Seilbahn installiert. Noch

gilt sie als die längste (6292 Meter!) dreikabelige

Seilbahn der Welt. Seit ihrer Fertigstellung 2016

überwindet sie 1400 Höhenmeter in nur 15 Minuten

und bringt die Passagiere dabei ganz nah

an den 3143 Meter hohen Gipfel, der nun seinen

Status der Einsamkeit aufgeben muss. Bis zu

2000 Menschen pro Stunde können nun die

Aussicht auf das Yunnan-Gebirge im benachbarten

China genießen.

Der Fansipan liegt im Norden Vietnams,

ganz nah an der chinesischen Grenze, und

gilt als das Dach von Indochina, das nicht

nur mit einer Seilbahn, sondern auch per

pedes erreicht werden kann.

12


Der Norden

TRAM-TON-PASS

Folgt man von Sapa der Straße westwärts

Richtung Pa So, gelangt man nach nur

15 Kilometern zum Thac Bac, dem »Silber-Wasserfall«.

Er ist von der Straße aus ganz gut zu

sehen. Dennoch sollte man, um den Eindruck zu

intensivieren, die Treppen bis zu der Brücke, die

über den gischtenden Bach führt, hochsteigen –

und zwar recht bald am Morgen, da die Sonne

hier schon gegen Mittag hinter den Bergen verschwindet.

Hauptziel des Ausflugs, den man problemlos

auch mit einem Mietmoped unternehmen

kann, ist freilich der Deo Tram Ton. Dessen

Scheitel liegt 1900 Meter über dem Meer und

eröffnet herrliche Panoramablicke auf Berge,

Teeplantagen und Reisterrassen. Er markiert

aber auch eine drastische Klimascheide: Während

es in Sapa, laut Statistik einem der kältesten

Orte Vietnams, oft unwirtlich und nebelig ist,

herrscht drüben im Tal des Nam Ba mit seinem

Hauptort Lai Chau meist subtropische Hitze.

Büffel wie dieser (links) werden hier noch

in der Landwirtschaft eingesetzt.

13


Der Norden

SAPA-TAL

Es ist vielleicht der kälteste Ort im ganzen

Land: Das Sapa-Tal würde so manchem

Besucher unwirtlich erscheinen, wären da nicht

die einheimischen Händlerinnen – Frauen, die

Silber schmuck, bunte gewebte Tücher, selbst

geflochtene Körbe oder andere wunderschöne

Souvenirs anbieten. Doch auch jenseits dieser

Mitbringsel ist der Markt hier sehenswert: lebende

Hühner, von Hand gebundene kleine Besen

und frischeste Früchte. Mancherorts duftet es

würzig aus den Pfannen, wenn Streetfood angeboten

wird. Jenseits des Dorfgeschehens lockt

vor allem die Bergwelt und lädt zu Trekkingtouren

ein. Die grünen Reisterrassen, die wie feine

Rillen in die Berge geschnitzt zu sein scheinen,

bringen westliche Besucher immer wieder zum

Staunen.

Wenn die Sonne den Nebel im Tal auflöst,

ergeben sich die schönsten Stimmungen

und Lichtreflexe im Sapa-Tal. Die Hmong-

Frauen kleiden sich in Trachten, bei denen

jedes Muster eine eigene Bedeutung hat.

14


Der Norden

TREKKING IN

NORDVIETNAM

Sattgrüne Reisterrassen vor prächtigen Gipfelpanoramen,

urige, von gastfreundlichen Minder

heiten bevölkerte Dörfer und dazu ein wohltuend

kühles Klima: Die Reize des hohen

Nordens haben sich in der europäischen Globetrotter-Community

herumgesprochen. Dabei hört

man immer mehr Reisende davon schwärmen,

wie sehr es lohnt, das Bergland – zumindest ein

Stück weit – auf Schusters Rappen zu erleben.

Trekking in dieser vor einer Generation noch unzugänglichen

Region ist dabei, vom Geheimtipp

zum regelrechten Trend zu avancieren. Entsprechend

rapide wächst die Zahl der Veranstalter

vor Ort, und mit ihr die Vielfalt der Angebote. Das

Spektrum reicht vom kommerzialisierten Kurzausflug

mit Bustransfer bis zur ernsthaften mehrtägigen

Trekkingtour. Kanu- oder Schlauchbootfahrt

inklusive. Abzuraten ist von Wanderungen

ohne Führer. Und zur Regenzeit im Sommer sind

viele Wege unpassierbar.

Beim Trekking kann man die malerischen

Reisterrassen bestaunen. Oben: Ta Xua

16


WANDERUNG ZU

MINDERHEITENDÖRFERN

Um eine Grundsatzentscheidung kommt

man vorab nicht herum: Will man sich mit

einem Tagesausflug begnügen? Dann

landet man unweigerlich in einem der

touristisch routiniert vermarkteten Minderheitendörfer.

Ein Fototermin samt Mahlzeit

mit Einheimischen, im Anschluss ein

leichter Spaziergang durch die – zugegeben,

sehr malerische – Umgebung,

und schon wartet der Bus für die Rückfahrt.

Ungleich intensiver ist das Erlebnis im

Rahmen mehrtägiger Trekkingtouren mit

Übernachtungen in Privatquartieren. Dafür

sind freilich eine gute Kondition und spezielle

Ausrüstung sowie die Bereitschaft zu

Komfortverzicht unabdingbar. Die populärsten

Trekkingreviere sind der Ba-Be-

Natio nalpark, die Gebiete um Sapa, Ha

Giang und Cao Bang sowie, erst seit

Kurzem, das Schutzgebiet Pu Luong. Einschlägige

Anbieter findet man in Hanoi,

inzwischen aber auch, dank der Vermittlung

durch Hotels und Gästehäuser, in

den jeweiligen Anrainerorten.

17


Der Norden

MU CANG CHAI

Wer hier steht, beginnt, an Wunder zu glauben:

Gelb und grün gestreift sind die

Berge – ein Muster wie mit einem riesigen Kamm

in die Landschaft geritzt: Reisterrassen bedecken

das Mu-Cang-Chai-Ge birge, so weit das

Auge reicht. Alles von Menschenhand geschaffen,

mit einfachsten Mitteln, aber derart exakt anmutend,

dass man Maschinen hilfe dahinter vermuten

mag. Doch die Terrassen sind 600 Jahre

alt. Die Hmong haben sie über Generationen

dem Berg abgetrotzt und gepflegt. Am schönsten

ist die Farbenpracht im Frühjahr, wenn die

Terrassen mit Wasser gefüllt sind, wie kleine

Spiegel den Himmel auffangen und Wolkenbilder

wieder geben. Im Mai liegt ein knalliges Grün

über der Landschaft, die Saat ist gekeimt und

lockt viele Fotografen an. Kleine Hütten auf Stelzen

wirken wie Dekorationsobjekte in einer filmreifen

Szenerie. Es lohnt sich, hier nicht nur dem

Reis die volle Aufmerksamkeit zu schenken.

Säuberlich in den Hang gearbeitete Reisterrassen,

durchflutet von mildem Licht

19


Der Norden

NATIONALPARK

BA BE

Weniger als 8000 Hektar misst er, doch die

Vielfalt seiner Landschaften und Natur

macht den Nationalpark (Ba Be = »drei Meere«)

zu einem der attraktivsten des Landes. Rund

150 Kilometer nördlich von Hanoi liegt dieses

zauberhafte Gebiet. In seinem immergrünen, von

bis über 1500 Meter hohen Karstbergen umkränzten

Regenwald gedeihen mehr als 500

Pflanzenarten, vor allem Orchideen und Palmen,

Bambus- und Rattangewächse. Heimisch sind

hier an die 300 Tierarten, darunter vielerlei Affen,

Vögel und Schmetterlinge. Das Herz der Region

bildet der Ho Ba Be, der mit fast acht Kilometer

Länge größte natürliche See Vietnams. Auf ihm

lassen sich wunderschöne Bootstouren unternehmen

– am stimmungsvollsten, ganz still, mit

dem Einbaum. Populäre Ausflugsziele sind die

Pfahldörfer der Tay und Hmong, die Höhle Hang

Puong und der imposante Dau- Dang-Wasserfall.

Kleine Bilder: Wasserbüffel (oben); Bärenmakaken,

Königskobra (rechts); großes

Bild: Rhesusaffe

20


Der Norden

CAO BANG

Wer die auf einer Landzunge am Ufer des

Flusses Bang Giang gelegene Provinzhauptstadt

Cao Bang erstmals besucht, ist enttäuscht.

Der Ort war für die Franzosen eine wichtige

Garnison, wurde jedoch während des

Grenzkrieges mit China 1979 sehr ramponiert. Er

präsentiert sich heute zwar wiederbelebt, aber

gesichtslos. Umso attraktiver ist die Landschaft:

schroffe, dicht überwucherte Karstberge, dazwischen

breite Flusstäler, Reisterrassen, Regenwälder

und von der Moderne noch wenig angekränkelte

Dörfer von Minderheitenvölkern wie den

Nung, Tay und Hmong. Zwei Sehenswürdigkeiten

gehören ausdrücklich vor den Vorhang geholt:

eine Autostunde nordwestlich, hart an der Grenze

zu China gelegen, die Tropfsteinhöhle Pac Bo,

in der Ho Chi Minh 1941 nach seiner Rückkehr

in die Heimat mehrere Wochen lebte, und in entgegengesetzter,

nordöstlicher Richtung die malerischen

Wasserfälle Ban-Gioc-Detian.

Oben: orientalische Garteneidechse; links:

die Ban-Gioc-Detian-Wasserfälle

23


Der Norden

NATIONALPARK

TAM DAO

Dampfende Schwaden steigen vom Boden

auf. Es hat gerade geregnet und der Monsun

ist weitergezogen. Leichte weiße Wölkchen

schweben noch vor den dicht bewaldeten Hängen

des Tals. 70 Kilometer vor Hanoi hat sich ein

besonderes Schutzgebiet erhalten. 1902 haben

Franzosen es als Sommerfrische gegründet,

doch viele der alten Siedlungshäuser wurden

zerstört. Während überall rund um die Großstadt

Tam Dao Wälder in Ackerland verwandelt wurden,

hat am Tam Dao Ursprünglichkeit überlebt,

und er ist nun das einzige Waldgebiet weit und

breit. Es bietet ein hervorragendes Refugium für

Tiere wie Wangen affe, Sil ber fasan oder Auerhahn,

Grüne und Rote Cochoas, Kastanienbülbül

oder Tima lien. In dem Klima mit einer

durchschnittlichen Temperatur von 22 °C hat

sich eine große Biodiversität gebildet. So gibt es

etwa einen Azaleenwald, erfrischende Wasserfälle

oder klare Seen wie den Xa Huong.

Kleines Bild: Chinesische Zacken-Erdschildkröte;

großes Bild: Nachtbaumnatter

25


Der Norden

TET NGUYEN

DAN

Dieses ist ein zentrales Ereignis im Jahreskalender

der Vietnamesen. Tet Ca, das »große

Fest«, wie sie es auch nennen, beginnt am Tag

vor dem ersten Neumond nach der Wintersonnenwende.

Es fällt in die Wochen zwischen

21. Januar und 19. Februar. Drei Tage dauert es,

und diese sind gefüllt mit Ahnen opfern, Familienbesuchen,

Festmahlen, Drachen tänzen und Feuerwerken.

Auch werden Glückwünsche ausgetauscht

und Geschenke über reicht, mit Vorliebe

blühende Pfirsichzweige, Aprikosen- oder Kumquat-Bäumchen.

Ein ungeschriebenes Gesetz besagt,

dass der Mensch aus Anlass von Tet nach

Möglichkeit alle Schulden begleichen, Streitigkeiten

beenden und sich mit allen Widersachern

versöhnen sollte. Da jene Tage tunlichst im Kreis

der Familie zu verbringen sind, setzt im Vorfeld

das große Reisen ein, steht der öffentliche Verkehr

jedes Mal knapp vor dem Kollaps.

Links: Feierlichkeiten in Hanoi; ganz

unten links, oben und großes Bild rechts:

Drachentanz in Ho-Chi-Minh-Stadt

26


Der Norden

HANOI

Vietnams Metropole des Nordens ist eine der

attraktivsten Städte Ostasiens. Geschichtsträchtig,

zugleich enorm dynamisch und zukunftsorientiert,

vereint sie auf diversen Ebenen reizvolle

Gegensätze zwischen Alt und Neu. Zum einen

natürlich in architektonischer Hinsicht: Während

auch hier eine immer mächtigere Skyline gläserner

Wolkenkratzer dem Himmel entgegenwächst,

haben in der labyrinthischen Altstadt, die

heute noch Ba Muoi Sau Pho Phuong (»Stadt der

36 Straßen und Gilden«) genannt wird, Reste der

historischen Bausubstanz, darunter ein paar

schmale hölzerne »Röhrenhäuser«, die Zeiten

überdauert. Und auch die breiten rechtwinkligen

Alleen des Französischen Viertels verströmen

weiterhin ihren Charme, sind gespickt mit längst

auf Hochglanz polierten Perlen kolonialer Architektur.

Auf merkantiler Ebene zeigt sich Hanoi

ebenfalls doppelgesichtig: funkelnde Shoppingcenters

und Boutiquen mit allen nur denkbaren

Verführungen der modernen Warenwelt, aber

auch noch, den sich aufdringlich breit machenden

Souvenirshops trotzig Paroli bietend, winzige

Werkstätten und Läden alteingesessener Handwerker

und Händler. Französisches Laisser-faire

und konfuzianischer Arbeitsethos, kleinkapitalistischer

Ehrgeiz und kommunistischer Drill ergeben

einen unkomplizierten Mix aus sehr unterschiedlichen

Lebensstilen und -gefühlen.

Die Kombination der Kontraste macht die Metropole

am Song Hong, dem Roten Fluss, ungemein

kurzweilig. Ihr Großraum ist die Heimat von rund

acht Millionen Menschen. Im eigentlichen Stadtgebiet

allein leben etwa dreieinhalb. Das Gewusel,

mehr aber noch der allgegenwärtige Baulärm,

das Motorengeknatter und die Abgase der

Hunderttausenden Mopeds, die wie toll gewordene

Wespenschwärme durch die Straßen sausen,

können gehörig nerven. Andererseits verwöhnt

die Stadt ihre Bewohner und Gäste mit viel Grün

und Wasser flächen. Etwa 600 Tempel und Pagoden

verströmen Seelenruhe und setzen mit ihrer

Aura und ihrem Anmut wohltuende Kon traste zur

grassierenden Hektik.

Gegründet wurde die Stadt, nachdem sich der

Norden Vietnams kurz davor aus der viele Jahrhunderte

währenden Hegemonie des chinesischen

Riesenreichs befreit hatte: im Jahr 1010.

Ein gewisser König Ly Thai To war es, der damals

eine alte Zitadelle namens Thang Long zu seinem

Sitz erkor. Von nachfolgenden Herrschern

der Ly-Dynastie in ihrem Kern nach chinesischem

Vorbild als quadratische Residenz inklusive einer

Verbotenen Stadt ausgebaut, überdauerte die

Siedlung Fluten und Taifune, alle Er oberer – von

diversen chinesischen Despoten bis hin zu den

Franzosen und Japanern – und sogar die Bombardements

der Amerikaner. Ihren heutigen

Namen, »Stadt an der Innenseite« (Noi) »des

Flus ses« (Ha), bekam sie erst um 1830 von

einem Kaiser verliehen, als die alte Rivalin Hue

noch als Vietnams Hauptstadt fungierte.

Überraschend grün präsentiert sich die

Millionenmetropole am Roten Fluss.

29


Der Norden

HANOI

WESTSEE UND

SCHWERTSEE

Hanoi gilt als Stadt der Seen und Alleen. Das

mit Abstand größte Gewässer ist Ho Tay,

der Westsee – ein beliebtes Naherholungsgebiet,

an dessen Ufer einst Könige und Aristokraten

ihre Sommerpaläste und Landsitze bauten

und heute Politiker und andere Neu reiche in

protzigen Villen wohnen. Ebenfalls ein beliebter

Freizeittreff für Jung und Alt, zugleich aber von

großer historischer Bedeutung ist der im Herzen

von Alt-Hanoi gelegene Ho Hoan Kiem alias

»See des Zurückgegebenen Schwertes«. In dessen

Mitte ragt auf einer Insel das Wahrzeichen

der Stadt, der »Schildkrötenturm« (Thap Rua),

himmelwärts. Auf einer zweiten, über eine viel

foto grafierte rote Holzbrücke erreichbaren Insel

befindet sich der »Jadeberg tempel« (Den Ngoc

Son). In der in den 1860er-Jahren erbauten Anlage

werden drei daoistische Gottheiten, darunter

ein im 13. Jahrhundert über die Mongolen

siegreicher General, verehrt.

Oben: die Sonnenbrücke; rechts: die Tran-

Quoc-Pagode auf einer Insel im Westsee

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