GAB Juli 2019

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MUSIK

COMEBACK

FOTO: S. MAGNANI

ADEL TAWIL „Alles lebt“

Im Erdgeschoss des feinen

Hamburger Hotels „The

Fontenay“ befindet sich eine

Bibliothek. Adel Tawil, wie immer in

Sneakers plus lässigen Klamotten

unterwegs, schlägt vor, dort das

Interview zu machen. Im Gespräch

sprudeln die Worte förmlich aus

ihm heraus. Sein Redeschwall ist

Zeugnis seiner Bodenständigkeit,

Überheblichkeit liegt einfach nicht

in seinem Naturell.

Darum ruht sich der Sänger nicht auf

seinem Erfolg aus – zählt man die Verkaufszahlen

seiner früheren Band Ich+Ich

und seiner beiden Soloalben zusammen,

kommt man auf fast drei Millionen

abgesetzte Tonträger –, sondern spricht

mit so viel Enthusiasmus über seinen nun

erscheinenden dritten Langspieler „Alles

lebt“, als stünde er gerade erst am Anfang

seiner Karriere.

Dabei gilt der gebürtige Berliner längst

als Pop-Sensation. Wenn er Musik

macht, beweist er in jederlei Hinsicht

Fingerspitzengefühl. Mit dem Duisburger

Produzenten Juh-Dee hat er diesmal

einen etwas anderen Sound kreiert,

der zwischen Pop und Urban oszilliert.

Beats etablieren das Liebeslied „1000

gute Gründe“ auf dem Dancefloor. Das

Trennungsstück „Hawaii“ speist sich aus

pulsierenden Rhythmen, dazu steuert

der Rapper Bausa seinen Sprechgesang

bei. Die sphärische Ballade „Neues Ich“

schlägt ein für manche Leute vielleicht

unerwartetes Kapitel im Leben des Adel

Tawil auf und erzählt davon, wie es sich

für den 40-Jährigen anfühlt, jetzt Vater

zu sein: „Ein Kind zu haben ist für mich

das Allerschönste.“

Solche Empfindungen seziert er in seinen

Songtexten poetisch mit Sätzen wie „Die

Liebe zieht bei uns zuhause ein. Mit dir

ist klar, dass sie für immer bleibt. Leben

macht wieder Sinn, du bist mein Hauptgewinn.“

Der Titel „Wohin soll ich gehen“

beschäftigt sich dagegen mit Rassismus.

Bei „Atombombe“ heulen nicht umsonst

Sirenen auf. Die Initialzündung für diese

Nummer gab eine Schrecksekunde, nein,

besser: 38 Minuten voller Anspannung, die

gefühlt eine Ewigkeit dauerten. Als Adel

Tawil mit Freunden auf Hawaii unterwegs

war, kriegten alle plötzlich eine Nachricht

auf ihre Mobiltelefone: „Achtung! Raketenalarm!

Suchen Sie Schutz! Das ist keine

Übung!“ Um sie herum brach Panik aus,

verzweifelte Eltern wollten ihre Kinder in

Sicherheit bringen. Auch den Musiker selbst

packte die Furcht: „Obwohl wir versuchten,

die Situation mit lockeren Sprüchen

aufzulockern, spürte ich so eine Urangst.“

Zum Glück kam schließlich Entwarnung

– jemand im Raketenabwehrzentrum der

USA hatte einen Fehler begangen.

Eine prägende Erfahrung war das trotzdem.

Man könnte fast meinen, auf Adel Tawil

liege in einer Kreativphase eine Art Fluch.

Bereits 2013 geriet er während eines Flugs

von Los Angeles nach London wegen eines

Blinddarmdurchbruchs kurz vor der Veröffentlichung

seines Solodebüts „Lieder“

in eine lebensbedrohliche Situation. 2016

brach er sich im Ägypten-Urlaub bei einem

Sprung in den Pool seinen ersten Halswirbel

vierfach, eine solche Verletzung endet

oft tödlich. Dieser Unfall ereignete sich

exakt in der Zeit, in der er an seinem zweiten

Werk „So schön anders“ arbeitete. Kein

Wunder also, dass seine Freunde und er

den Raketenalarm während der Produktion

seiner jüngsten Platte sehr ernst nahmen:

„Alle waren echt besorgt und dachten:

‚Wenn wir gleich wirklich sterben, muss

Adel schuld daran sein.‘“

*Dagmar Leischow

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