GAB Juli 2019

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MUSIK

NACHGEFRAGT

MARK

RONSON:

Das traurigste Album

der Welt?

Als Mark sein neues Album

„Late Night Feelings“ schrieb,

ging es ihm beschissen. Ein starkes

Stück ungewohnt moderner Popmusik

ist ihm trotzdem gelungen.

Er guckt aber auch schon so traurig. Wie

ein herrenloses, vom Leben gebeuteltes

Hündchen sitzt Mark Ronson auf einem

Sofa des, wenn man mal genauer hinguckt,

ganz schön abgewohnten Hotels Adlon

und lässt die Augen, ja das ganze Gesicht,

ja eigentlich die gesamte Person so ein

bisschen herunterhängen. Körperspannung

geht anders. Vielleicht ist er auch nur müde

vom langen Flug, von der Modenschau in

Mailand, der er zuvor beiwohnte, von diesem

anstrengenden DJ/Produzenten/Jetsetter-

Leben als solchem, jedenfalls: Wenn man

Mark Ronson, diesem mit 43 Jahren immer

noch schönen, vollschwarzhaarigen und im

Gesicht filigran geschnittenen Mann eines

abnimmt, dann ein Album voll mit traurigen,

tieftraurigen und todtraurigen Liebeskummerliedern,

von dem er behauptet, es

sei sein bisher persönlichstes und bestes.

Ein Album also wie „Late Night Feelings“.

„Ich hoffe, es zieht dich nicht zu sehr

runter“, sagt Ronson und macht einen Laut,

den man als selbstsarkastisches, kurzes

Auflachen beschreiben könnte. Grund für

Mark Ronsons Schaumbad in der Melancholie

ist vor allem seine Scheidung von

der Französin Josephine de La Baume,

Schauspielerin und Model von Beruf, nach

sechs Jahren Ehe. „Ich habe das nicht

richtig kommen sehen“, blickt Mark auf die

Trennung Anfang 2017 zurück, […] für die er

übrigens die Hauptverantwortung (zu viel an

die Arbeit gedacht, zu sehr die Zweisamkeit

vernachlässigt, man kennt das) übernimmt.

„Eigentlich arbeitete ich an einem ganz

anderen Album, aber als sich unsere Ehe

aufgelöst hatte, kamen nur noch diese traurigen,

desillusionierten Songs dabei heraus,

sobald ich mich ans Klavier setzte oder die

Gitarre nahm.“ Nicht, dass die Musik selbst

einen niederschlägt. „Late Night Feelings“ ist

bei Weitem nicht frei von Upbeat-Stücken,

man kann absolut dazu tanzen. Auch sind

die neuen Songs die modernsten, will sagen:

un-retrohaftesten, die Ronson wohl je

aufgenommen hat, was auch an seiner Kollaboration

mit Diplo – gemeinsam nennen

sie sich Silk City – zusammenhängt. „Ich

wollte mich einem zeitgemäßeren Sound

nicht verschließen. Meine Musik ist halt

beeinflusst von den 23 Jahren, die ich schon

in Nachtklubs auflege“, so der in London

geborene, in New York in jeder Hinsicht groß

gewordene und seit drei Jahren wegen der

Arbeit (mit Bruno Mars oder den Queens Of

The Stone Age) in Los Angeles lebende und

sich mit „Grünkohl uund gesunden Säften“

allmählich anfreundende Ronson.

Aber die Texte wie der von „Spinning“, der

von „Don’t Leave Me Lonely“ oder auch

jener der vorab schon erfolgreichen Single

„Nothing Breaks Like A Heart“, gesungen

von Miley Cyrus, offenbaren tiefe Verzweiflung,

Einsamkeit und Unsicherheit. Dabei

ist es nicht Marks Stimme, die man hört,

sondern unter anderem jene von Yebba,

Lykke Li oder Alicia Keys. „Ich habe mir Sängerinnen

ausgesucht, die meine Emotionen

verstehen und umsetzen konnten“, sagt er.

Die erschöpften Augen wandern ein wenig

umher, ohne irgendwo, auch nicht im

Gesicht des Gesprächspartners, wirklich

Halt zu finden. Nun erzählt Mark Ronson

ausführlich, wie sehr er sich immer über

alles sorge und nie richtig glücklich sei,

zumindest nicht dauerhaft. Nach dem

Monstererfolg mit „Uptown Funk“ mit Bruno

Mars? Dem Grammy für „Shallow“? „Habe

ich vielleicht mal eine Nacht Champagner

getrunken und gefeiert. Am nächsten Tag

war die Realität wieder da.“ Vielleicht sei

seine Musik deshalb so gut, weil er immer

so viel hadere und grüble, dennoch hat

sich Mark seit einiger Zeit einem Hobby

zur Lebenslagenaufhellung verschrieben.

Eigentlich zwei. Er meditiert fast jeden Morgen

für mindestens zwanzig Minuten. „Und

ich habe zwei mittelgroße und wirklich von

Natur aus komische Hunde adoptiert.“ Auch

eine Freundin hat er wieder, und wer weiß,

vielleicht ist auf dem nächsten Album das

Discokugelherz ja nicht mehr zerbrochen,

sondern wieder verheilt. „Ich habe keine

Ahnung“, sagt Mark Ronson, „aber mir gefällt

der Gedanke.“ *Steffen Rüth

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