PT-Magazin 04 2019

opwerk

Offizielles Magazin des Wettbewerbs "Großer Preis des Mittelstandes" der Oskar-Patzelt-Stiftung.

Jungbrunnen 2.0

Wie Wissenschaft und Silicon Valley den Tod verschieben möchten

PT-MAGAZIN 4/2019

Gesellschaft

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Eine Reise ins kommunistische Kuba

ist zugleich immer auch eine kleine

Reise in die automobile Vergangenheit

der USA. Doch steckt nicht etwa die

große Liebe zur Automobilbaukunst des

Klassenfeindes dahinter, diese Autos mit

allen Mitteln zu erhalten. Vielmehr sind

es Folgen der Revolution, dass bis vor kurzem

nur jene Fahrzeuge in privater Hand

bleiben durften, welche vor 1959 ins

Land kamen. Handwerkliches Geschick

und Improvisationskunst der Kubaner

bescherten den Wagen, die in den 40ern

und 50ern sicher nicht für diese große

Einsatzzeit konstruiert wurden, ihr langes

Leben.

Ähnliches müsste auch mit dem

menschlichen Körper funktionieren,

dachte sich der britische Bioinformatiker

Aubrey de Grey. Wie ein Auto durch

Abnutzung altert, sieht de Grey den Alterungsprozess

des Menschen als Anhäufung

von Schäden in der molekularen

und zellulären Struktur, welche im Körper

durch natürliche Prozesse im Laufe

der Zeit entstehen. Altern ist Verschleiß.

Er identifizierte sieben Todsünden des

Alterns, die im Körper hervorgerufen

werden und die es seiner Ansicht nach zu

bekämpfen gilt: Mutationen der Zellkern-

DNA, Mutationen der Mitochondrien (sog.

„Zellkraftwerke“), intrazelluläre Abfallprodukte,

extrazelluläre Abfallprodukte, Proteinverkettung,

überflüssige Zellen sowie

verlorenes Gewebe.

Anstatt vorbeugend vor einer Erkrankung

wie bspw. Krebs oder Alzheimer zu

handeln, müsse man nach de Grey erst

dann aktiv werden, wenn die Krankheit

diagnostiziert wurde. Wie bei einem Auto,

was ja auch erst repariert wird, nach dem

ein Schaden aufgetreten ist.

Er war so überzeugt von seinem

Ansatz, dass er im Jahr 2009 fast zehn

Millionen Euro, nahezu sein gesamtes

Familienerbe in die von ihm gegründete

SENS Research Foundation steckte.

Eine Non-Profit-Organisation im kalifornischen

Silicon Valley, die an Strategien

forscht, mit denen man den Alterungsprozess

mit technischen Mitteln aushebeln

kann. Mit ihrem Vorhaben sind de

Grey und SENS nicht alleine. So hat beispielsweise

der Internetriese Google mit

Calico (California Life Company) ein Biotechnologieunternehmen

gegründet, das

© Sumanley xulx bei pixabay.com

Methoden gegen die menschliche Alterung

mit den Zielen „Gesundheit, Wohlbefinden

und Langlebigkeit“ entwickeln

soll. Auch Apple will sich zunehmend als

Gesundheitsunternehmen positionieren,

was man an der neuen Smartwatch, die

als zugelassenes Gesundheitsprodukt

auch Herzinfarkte erkennen kann, sieht.

Kurzum, das Silicon Valley möchte möglichst

lange jung und gesund bleiben.

Kritik begegnet de Grey und seinen

Mitstreitern häufig dann, wenn sie

sagen, dass ein Mensch so bis zu 1000

Jahre alt werden könne. Anhand statistischer

Modelle, welche Referenzwerte von

gesunden 20-Jährigen ableiten, kann der

menschliche Körper biologisch maximal

115-120 Jahre alt werden. Vor dem Hintergrund

dieser Erkenntnis wollen einige

Mediziner bei de Grey schnell eine Nähe

zur Scharlatanerie erkennen, Ethiker

sehen den Wert des Lebens aufgrund seiner

schwindenden zeitlichen Begrenztheit

in Gefahr und Politiker befürchten

Überbevölkerung.

Doch ganz so schnell wird es nicht

gehen und die Gesellschaft hätte genügend

Zeit, sich den neuen Gegebenheiten

anzupassen. Auch ist das primäre Anliegen

von de Grey nicht, unbedingt 1000

Jahre alt zu werden, sondern möglichst

lange gesund alt zu werden, was man

mit dem Begriff ‚Healthspan’ umschreibt.

Und dies mit möglichst schonenden Therapieformen.

Wohin die Reise geht, kann man

bereits heute erkennen: In den frühen

1990ern ist z.B. bei einem blutenden,

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