geistREich - Kirchenzeitung für Recklinghausen Juli 2019

Medienhaus.Bauer

Die Postkarte wird 150 Jahre alt

Nostalgie oder immer noch eine gute Idee?

Ich gehöre unbedingt dazu: Ich schreibe

jedes Jahr viele Postkarten. Aus dem Urlaub,

von Kurztrips, zu Weihnachten und mal so

zwischendurch. Und ich bilde mir ein, dass

ich damit Menschen eine Freude mache.

Denn wenn ich zu den Menschen nach Hause

komme, denen ich eine Karte geschickt habe,

hängen oder stehen diese meistens gut

sichtbar in der Wohnung. Vielleicht liegt es

aber auch an meinen Genen. Denn mein Opa

hat Postkarten gesammelt. Nicht, um kostbare

Postkarten im Album zu zeigen, sondern als

Erinnerungsstücke, wo er oder andere waren.

Seit dem Tod meiner Mutter habe ich einen Teil

dieses Schatzes in meinem Besitz. Und es ist

herrlich, darin zu stöbern.

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Meine Highlights sind die Karten meiner Oma aus

ihren zahlreichen Kuren. Darin erzählt sie, was sie

alles gemacht hat, wie der Kaffee schmeckt und das

Wetter ist. Allerdings gibt es auch immer wieder Hinweise

an die Familie zu Hause, ob alles in Ordnung

ist beim Vater mit den sechs Kindern. Besonders

niedlich finde ich Aufforderung: „Schickt mir doch

bitte Kaffee + Milch + Zigaretten“.

Da mein Opa Dreher bei Thyssen war, interessierte

er sich immer für die Seile der Seilbahnen. Als meine

Oma mal wieder in Oberstdorf zur Kur war, vermerkte

sie auf einer Karte, auf der eine Seilbahn zu sehen

ist: „Das Seil ist von der HOAG.“

Die Karten der Kinder aus ihren zahlreichen Ferienaufhalten

sind ebenfalls niedlich. So schrieb mein

Onkel Ulrich: „Liebe Eltern! Ich bin gut angekommen.

Es ist sehr schön. Das Essen schmeckt sehr gut.

Wir haben hier sehr schönes Wetter. Wir haben hier

sogar ein Fernsehen und dürfen Janie gucken. Um 8

Uhr müssen wir ins Bett und dürfen noch lesen. Ich

wiege 31 Kilo. Nun muß ich schließen. Viele Grüße

sendet Euch Ulrich.“

Einzelne Postkarten

zeigen in schwarzweiß

Pensionen.

Auf der Rückseite

hat mein Opa die

Zimmerpreise

notiert – für später

einmal. Manche sind

einfach nur mit einer

Jahreszahl versehen,

in der die Karte gekauft

wurde.

Mit Postkarten hielten

sie aber auch Kontakt

zu vielen anderen

Menschen, wie mein

Sammelsurium zeigt.

Aus vielen Feriengebieten

erhielten meine

Großeltern Grüße.

Die Postkarte war für meine Großeltern ein stark

genutztes Kommunikationsmittel. Und heute?

Werfen wir zunächst einen kurzen Blick in die Geschichte

der Postkarte.

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Postkarten wurden zuerst von den Postverwaltungen

oder später auch von privaten Druckereien hergestellt.

Es sind Kartons im Format 14,2 x 9,2 bzw. 14,7

x 10,5 cm mit oder ohne eingedruckte Wertzeichen

in der rechten, oberen Hälfte der Vorderseite. Heute

ist auch das Standard-Format von 14,8 cm x 10,5 cm

auf 21,7 cm x 10,8 cm zugelassen. Die Rückseite ist

für schriftliche Mitteilungen vorgesehen. Die Postkarten

werden auch von den meisten ausländischen

Postverwaltungen den Kunden angeboten.

Startschuss war der 1. Oktober 1869. Die österreichische

Post führte die „Correspondenz-Karte“ ein.

Ein knappes Jahr später machten es die deutschen

Postverwaltungen offiziell zur halben Briefgebühr

unter dem gleichen Namen gleich. Die Verspätung

erklärt sich wohl mit Datenschutzbedenken und

die Angst um die Verrohung der Sprache. Denn im

Gegensatz zum Brief waren Höflichkeitsfloskeln

auf Postkarten überflüssig geworden. Allerdings

waren diese Karten nicht hübsch anzusehen. Erst

20 Jahre später kamen Bilder auf die Karte. Anfangs

Zeichnungen und Grafiken, später Fotografien. Da

anfangs eine Seite allein für die Adresse genutzt

wurde, war neben den Bildern nur wenig Platz für

lange Botschaften. Dennoch, vielleicht gerade

deswegen, erfreuten sich Karten großer Beliebtheit.

Im deutsch-französischen Krieg (1870/1871) erlebte

die Postkarte ihren ersten Masseneinsatz – als

Feldpostkarte. Der Transport von der Heimat zur

Front und umgekehrt war kostenfrei und oft über

einen langen Zeitraum die einzige Möglichkeit, dass

Freunde und Familie Kontakt halten konnten.

Das wiederholte sich auch im Ersten und im Zweiten

Weltkrieg. Die Feldpost gehörte zu den wenigen

Dingen, die im Zweiten Weltkrieg bis zum Schluss

gut funktionierten. Doch nach dem Ersten Weltkrieg

wurde die Druckqualität immer schlechter, so dass

auch weniger Karten gedruckt und verschickt wurden.

Ebenso kam das Telefon als neues Kommunikationsmittel

auf. Für die Nationalsozialisten war die

Postkarte ein weitverbreitetes Propagandamittel.

Doch seit den 1940er Jahren nimmt die Bedeutung

der Postkarte immer mehr ab. Die Jahre 1895 bis

1918 waren die Blütezeit der Ansichtskarte. 1903

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