MEDIAkompakt Ausgabe 26

mediapublishing07
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Die Zeitung des Studiengangs Mediapublishing an der Hochschule der Medien Stuttgart

DIE ZEITUNG DES STUDIENGANGS MEDIAPUBLISHING

DER HOCHSCHULE DER MEDIEN STUTTGART AUSGABE 02/2019 04.07.2019

media

kompakt

EIN EINZIGES HOCH

BODY, S. 6

RAUS INS UNGEWISSE

HUMAN, S. 16

HOMOS HALAL

MIND, S. 27

C L O S E


2

EDITORIAL, INHALT, IMPRESSUM

mediakompakt

IMPRESSUM

MEDIAKOMPAKT

Zeitung des Studiengangs Mediapublishing,

Hochschule der Medien Stuttgart

HERAUSGEBER

Prof. Christof Seeger

Studiengang Mediapublishing

Postanschrift: Nobelstraße 10

70569 Stuttgart

REDAKTION

Reimund Abel (V.I.S.d.P.)

E-Mail: abel@hdm-stuttgart.de

ANZEIGENVERKAUF

Monika Czechowski, Annika Fix, Hanna Gabler,

Marco Hintermeier, Chiara Müller, Jennifer Strübel

PRODUKTION

Valentina Beltrame, Cecilie Etse, Lisa Fritz, Michele Galjamov,

Helen Gleixner, Stefanie Häcker, Frauke Lippert,

Benedikt Mugrauer, Antonia Plankenhorn, Laura Samardzija

BILDREDAKTION

Florian Wurm, Kathrin Briem

MEDIANIGHT-TEAM

Jessika Hädecke, Rebecca Kaluza, Stefanie Klein

Jennifer Sultanow

TITELBILD

Freepik

DRUCK

Z-Druck Zentrale Zeitungsgesellschaft GmbH & Co. KG,

Böblinger Straße 70, 71065 Sindelfingen

ERSCHEINUNGSWEISE

Einmal im Semester zur Medianight

Liebe Leserinnen, liebe

Leser,

Ganz nah dran, very close: Mit dieser Umschreibung

lassen sich alle Beiträge betiteln, die Sie in

der aktuellen Ausgabe der MEDIAkompakt finden,

der Nunmer 26. Rein fachlich ist es ein studentisches

Projekt am Ende des Mediapublishing-Studiums

an der Hochschule der Medien.

Das Ziel, alles Erlernte konkret anzuwenden.

MEDIAkompakt ist ein Team-Projekt, nur als

Mannschaft gelingt der Erfolg. Von der Konzeption

des Hefts über die Akquise von Anzeigenkunden

bis zum Layout und dem Vertrieb liegt

alle Verantwortung bei den Studierenden. Apropos

Anzeigen: Ohne ausreichende Werbeerlöse

wäre auch die Nummer 26 niemals erschienen.

Den Werbekunden sei daher besonders gedankt.

Am besten, Sie gehen selbst auf Entdeckungstour.

Reimund Abel, Chefredakteur

INHALT

Body

3 Das ist doch nicht normal!

4 Down, Set, Hut!

6 Ein einziges Hoch

8 Ein Athlet aus Leidenschaft

10 Das Leben ist zu kurz, um den Bauch einzuziehen

Human

12 Pflegeroboter statt Pflegekollaps?

13 Im Institut der künstlichen Augen

14 Zwischen Dirndl und OP-Kittel

16 Raus ins Ungewisse

Future

18 Sugar, oh honey honey

19 Wo sind die Studenten?

Mind

20 Gefangen im Gedankenkarussell

21 Wie wird ein Mensch zum Mörder?

22 Leichen im Keller

24 Mach‘ mal lieber langsam

25 Start your day right!

26 Homos halal

28 Wenn Flucht zu Freundschaft führt

29 Hinter jeder starken Frau stehen starke Frauen

30 Und wo kommst du WIRKLICH her?

31 Gugg a mol na!

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Das ist doch nicht normal!

Mit voller Überzeugung betiteln wir Dinge, Situationen oder Personen als normal – oder eben

nicht. Wer einmal darüber nachdenkt, wie oft dieses Wort im alltäglichen Gebrauch genutzt

wird, dem fällt auf, dass es einem doch ziemlich schnell aus dem Mund rutscht.

„Normal“ zu gebrauchen ist so normal wie. Ja, was eigentlich?

VON FRAUKE LIPPERT

Grafik: Frauke Lippert

Man geht der Diskussion gerne aus

dem Weg. Bewundert Menschen,

die außerordentliche Talente haben

und nimmt sich ein wenig

zurück, wenn man etwas gut

kann. Um nicht zu prahlen oder weil das eigene

Talent gegenüber dem eines anderen wieder ziemlich

klein aussieht. Die Maßstäbe sind hoch.

Wenn man sich umschaut neigt man sehr dazu,

sich selbst als normal zu betiteln. Und dazu, andere

normal zu nennen. Oder sie eben als nicht normal

zu bezeichnen. Immer mit einem unangenehmen

Beigeschmack. Wer wäre man denn,

Maßstäbe zu setzen über das, was normal und

nicht normal ist?

Auf der Suche nach einem Referenzwert verliert

man sich im Dschungel der Literatur und im

World Wide Web. Obwohl die Einbindung des Begriffes

in unserer Gesellschaft selbstverständlich

ist, scheint es keine fundierte, theoretische

Grundlage des Normalen zu geben. Ist Normalität

so abstrakt, dass sie sich nicht erklären lässt? Vielleicht

gibt es keine Definition, weil eben nichts

normal ist. Das wäre die einfachste Erklärung.

nor·mal

/normaìl/

Adjektiv

1a. der Norm entsprechend; vorschriftsmäßig

1b. so [beschaffen, geartet], wie es sich die all

gemeine Meinung als das Übliche, Richtige

vorstellt

Das sagt Google. Google zu fragen, ist normal,

oder? Immerhin kann man hier gut erkennen,

dass generell zwischen Normen, also den normalen

Zuständen und Situationen in der Wissenschaft

und dem Normal der Gesellschaft unterschieden

werden muss. Wissenschaftliche

Normale sind durch Gesetze festgelegt. Hier ist eine

Abweichung gut identifizier- und bewertbar. In

der Gesellschaft sieht es dahingegen etwas anders

aus. Das Handeln der Menschen ist bis zu einem

gewissen Grad bewertbar und durch juristische

Normen geregelt. Wenn es jedoch um die einzelne

Person geht– was ist dann normal? Darf man sich

überhaupt herausnehmen, zu bewerten, was an

dem Einzelnen normal ist und was nicht?

Das Normalitätsspektrum dehnt sich mit dem

Fortschreiten der Zeit aus. Sich immer schneller

entwickelnde technische Innovationen, politische

Entscheidungen und Diskussionen oder gesellschaftliche

Bewegungen reihen sich an eine

Anzahl von Faktoren, die dazu beitragen, dass

Umstände, die vor ein paar Jahren noch „anders“

erschienen, „normaler“ werden. Die Offenheit für

Neues wird somit schon fast erzwungen, die Masse

scheint von außen gesteuert. Die Neuheiten, die

der Welt geboten werden sind nicht wirklich kontrollierbar.

Dem Einzelnen bleibt nur übrig, mitzuziehen

oder sich dagegen zu stellen. Vieles ist ja

auch total sinnvoll! Einige Diskussionen, die heute

geführt werden, wären schon vor Jahren angebracht

gewesen, es war nur lange genug „normal“

so zu leben, wie gelebt wurde. Ein kleines Gedankenwirrwarr,

dass sich schlecht journalistisch formulieren

lässt:

Wenn es immer ein neues „normal“ gibt und das alte

„normal“ quasi überschrieben wird, ist dann das alte

„normal“ nicht mehr „normal“ oder vielleicht „unternor-

mal“? Und ist dann alles, was vom neuen „normal“ abweicht

nicht mehr „normal“ aber in ein paar Jahren

dann „normal“ und ist dann das, was jetzt „normal“

ist nicht mehr „normal“?

Hä?

Normalität scheint nicht greifbar zu sein, wenn

neue Zustände immer wieder das neue „normal“

werden. So verwirrend und schwierig es ist, sich

mit der Normalität auseinanderzusetzen, so bleibt

an dieser Stelle doch ein Gedanke hängen: Es

scheint ein gesellschaftliches Normal zu geben,

dass Zustände und Entwicklungen innerhalb einer

Gesellschaft beurteilt. Und es scheint ein Normal

zu geben, dass Menschen sich aus dem Bauch

heraus gegenseitig geben. Wenn man nun darüber

nachdenkt, die Betitelung eines Menschen als

normal oder nicht-normal auch auf einen Zustand

und die Fähigkeit, nicht aber auf die Person

an sich zu beziehen, erklärt sich, warum wir so mit

diesem Wort um uns schmeißen. Der Maßstab ist

in einer solchen Situation niemand anders als

man selber. Jemand, der von dem eigenen Können,

den eigenen Fähigkeiten abweicht, erscheint

uns als nicht-normal.

Etwas richtig gut zu können ist schön. Die

meisten Menschen sind eben keine Filmstars, Balletttänzer

oder Hochleistungssportler. Aus der

Sicht eines Anderen „nicht normal“ zu sein, kann

einem dann irgendwie das Gefühl von Wertschätzung

und Bewunderung geben. Aber wie tickt eigentlich

die Mehrheit? Was mögen die Menschen

an sich, wo sehen sie Talente und wen bewundern

sie? Die Antworten der Umfrage sind oben bildlich

festgehalten und geben einen Einblick in das

Selbstbild von Menschen wie dich und mich.


4 BODY

mediakompakt

Down, Set, Hut!

Es wird getackelt, geblockt, gerannt und die blauen Flecken und der Muskelkater

gehören dazu, ebenso wie teilweise blöde Sprüche. Ein Artikel über die Liebe und

Leidenschaft zum Sport und die Schattenseiten (als Frau) im American Football.

VON LAURA SAMARDZIJA

Jedes Jahr im Februar scharen sich Millionen

Menschen vor dem Fernseher, nehmen

teilweise sogar Urlaub am kommenden

Tag und bleiben hier in Deutschland

auch mal bis um 7 Uhr morgens wach um

sich das größte Sportevent der Welt anzusehen,

den Super Bowl. Spätestens dann werden auf You-

Tube millionenfach kurze Erklär-Videos zu American

Football geklickt oder es werden Spieler der

beiden Final-Mannschaften gegoogelt, damit man

einigermaßen mitreden kann und sich zumindest

für einen Abend fühlt wie ein Kenner. Und dann

kommt der Gänsehaut-Moment, wenn die Mannschaften

mit Schall und Rauch im Hintergrund

auf das Spielfeld des vollen Stadions rennen,

schreiend, mit Muskeln oder Körperfett bepackt

und vor Allem eins: Testosterongeladen. American

Football boomt.

In den USA ist der Sport schon seit Jahren DER

Lieblingssport der Amerikaner, doch auch hier in

Deutschland findet die vermeintlich komplizierte

Sportart immer mehr Anhänger. Es etablieren sich

Bild: Pixabay

immer mehr Mannschaften und die Spieler- und

Spielerinnenzahl steigt stetig. Spielerinnen? Ja, Sie

haben richtig gelesen, es gibt auch Frauen, die

Football spielen. „Aber das spielen doch nur Männer“

oder „Da gibt es doch bestimmt viele Mannsweiber“

sind nur zwei der vielen Kommentare die

man als Frau hört, wenn man erzählt, dass man

American Football als Hobby betreibt. Jedoch sind

nicht nur diese Art von Kommentaren normal,

auch Fragen wie „Habt ihr es schwerer als Männer

in so einer Art Sport?“ werden häufig gestellt. Im

Team fällt die Antwort auf diese Frage sehr eindeutig

aus: Ja, Frauen haben es schwerer in der von

Männern dominierten Sportart. Nicht selten

kommt es vor, dass es zu wenig Coaches für die

einzelnen Positionen gibt. Auch auf Vergütung

müssen die Frauen verzichten ebenso wie auf Import-Spieler

aus dem Ausland. Nichts desto trotz

finden sich bei Männern ebenso wie bei Frauen

auch Gemeinsamkeiten: Die Leidenschaft und die

Liebe zum Spiel. Doch was macht American Football

aus? Warum wird der Sport so geliebt? Die

Antwort hierzu fällt ebenso eindeutig aus: „Die

Mischung!“

Also die Mischung aus Strategie, dem Auswählen

der richtigen Spielzüge, die physische Spielweise

und die unterschiedlichen Charaktere.

Doch gerade die Kompliziertheit

ist es, die den Sport so interessant

macht, gleichzeitig aber

auch viele potenzielle Neueinsteiger

schnell in die Knie zwingt. Entscheidender

Vorteil ist gegenüber anderen

Sportarten, dass jeder Typ Frau

(oder Mann) gebraucht wird. „Egal ob

klein oder groß, ob dick oder dünn, für

jede der 12 Positionen auf dem Feld muss

eine andere physische Anforderung erfüllt

werden“ hört man des Öfteren bei der Frage,

warum Football nun besser und interessanter

ist als andere Sportarten.

Eins steht fest, wir stehen und werden

immer im Schatten des Männer-

Teams stehen. Gibt es denn noch

weitere Nachteile? „Die Ausrüstung!“

Damit sich die Verletzungen

gerade bei harten Tackles in Grenzen

halten, muss man sich doch

ganz schön dick einpacken. Neben

den Stollen schuhen müssen

die Spielerinnen auch eine so genannte

Girdle-Pant tragen.

Das ist eine eng anliegende

Hose, die unter der ‚normalen‘ Hose getragen

wird und die Knie, Oberschenkel, Hüfte und

das Steißbein schützt. Auch zur Ausrüstung gehören

natürlich die bekannten Schulterpolster, auch

Shoulder Pads genannt, die den Brustbereich und

die Schultern absichern, der Helm mit Mundschutz

um das wichtigste Organ, den Kopf, auf

dem Spielfeld zu schützen. Nicht nur dass es einiger

Anstrengung erfordert, sich im Training vollständig

anzukleiden und danach wieder auszuziehen,

alles in allem muss man für eine komplette

Ausrüstung auch richtig viel Geld blechen. Angefangen

bei 500/600 Euro sind nach oben hin keine

Grenzen gesetzt. Aber das ist für die Spielerinnen

kein Grund, den Sport aufzugeben.

Zurzeit gibt es in Deutschland ungefähr 55 Damenmannschaften

und noch einige weitere, die

sich zurzeit im Aufbau befinden. Das mag für einen

so exotischen Sport vielleicht viel klingen, jedoch

gibt es vergleichsweise aktuell fast 6000 Damen-Fußballmannschaften

in Deutschland. Stellt

man diese beiden Zahlen gegenüber, merkt man

schnell, dass Frauen und Football nach wie vor

zwei Begriffe sind, die meistens nicht in eine

Schublade gesteckt werden. Dennoch gibt es auch

für diese kleine Anzahl an Mannschaften schon einen

eigenen Ligabetrieb, der sich stetig erweitert

und wächst. Die höchste Liga, in der auch die Damen

der Stuttgart Scorpions spielen, nennt sich

GFL (German Football League). Um lange Reisen

aufgrund fehlender Gelder zu vermeiden, teilt

man die GFL in Nord und Süd auf, wobei zum Süden

laut GFL auch noch Köln gehört. Unter der

GFL kommt dann wie im Fußball auch die zweite

Bundesliga, also die GFL 2, aufgeteilt in Nord, Süd-

Ost, Süd-West und West. Danach kommen die Regionalligen

der einzelnen Bundesländern. Schaut

man sich die Jahreszahlen an, merkt man schnell,

wie neu die Sportart in Deutschland überhaupt ist:

>1987 wurde das erste Footballspieler zwischen

Damen in Deutschland ausgetragen

>1990 erste Frauenliga mit 6 Teams

>Seit 1992 wird das Ladies Bowl Endspiel der

GFL ausgetragen

>Seit 2010 gibt es alle 4 Jahre Weltmeisterschaften

(USA ist der amtierende Weltmeister)

>2015 wurde die bisher erste und einzige Europameisterschaft

in Spanien ausgetragen, in der

Deutschland dritter wurde

Frauenfootball steckt noch in Kinderschuhen,

das merkt man schnell. Oftmals zu wenig

Coaches, keine Spielerinnen aus dem Ausland,

keine Vergütung. Doch hält es die Frauen davon

ab, Football zu spielen? Nein, absolut nicht. Die

Leidenschaft bleibt und wächst mit jedem Training,

jedem gewonnen Spiel und mit jeder weiteren

verletzungsfreien Saison. Touchdown!


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Grafik: Laura Samardzija

How to: American Football

DEFENSE

Free Safety

Der Free Safety muss zu Beginn die Aufstellung

der gegnerischen Mannschaft lesen und die Spielzüge

erahnen, um ‚tiefe Pässe‘ des Quarterbacks

abzufangen. Er unterstützt somit die Cornerbacks.

Strong Safety

Der Strong Safety steht auf der starken Seite

(„Strong Side“) der gegnerischen Mannschaft, da

sich hier der Tight End befindet und somit auf

dieser Seite mehr Spieler stehen. Er soll das Laufspiel

der Offensive stören.

Linebacker

Linebacker werden unterschieden in Middle Linebacker

und Outside Linebacker. Sie verteidigen

hinter der Defensive Line und attackieren ebenso

den Quarterback oder Ballträger.

Cornerback

Die Cornerbacks befinden sich auf beiden Außenseiten

des Feldes und verteidigen die gegnerischen

Wide Receiver und andere Ballempfänger

entweder durch Manndeckung oder Zonendeckung.

Defensive End und Defensive Tackle

Defensive Tackles und Ends bilden die so genannte

Defensive Line und haben zum Ziel den Quarterback

zu Boden zu bringen („Quarterback Sack“)

oder den Ballträger zu attackieren.

OFFENSE

Wide Receiver

Die Hauptaufgabe des Wide Receivers ist das Passempfangen

des Quarterbacks oder eines anderen

Passgebers. Bei Laufspielzügen blockt er den Cornerback,

um die Route frei zu halten.

Right/Left Tackle und Right/Left Guard

Center

Tackles,Guards und Center sind Spieler der so genannten

Offensive Line, die den Verteidiger aufhalten

müssen, um so dem Quarterback mehr Zeit

zu verschaffen oder sie blocken Lücken, damit der

Ballträger durchkommt. Der Center muss zu Beginn

jedes Spielzugs dem Quarterback durch einen

‚Snap‘ den Ball übergeben.

Tight End

Kann sowohl als Ballempfänger (wie Wide Receiver)

als auch ein zusätzlicher Vorblocker in der

Offensive Line dienen.

Quarterback

Der Quarterback ist der ‚Spielmacher‘ und Kopf

der Offense. Mögliche Spielzüge sind den Ball an

einen Runningback zu übergeben, an einen Wide

Receiver oder Tight End zu passen oder auch selber

zu rennen.

Fullback und Halfback

Der Fullback blockt für den Halfback den Weg

frei, damit dieser mit dem Ball so viel Raumgewinn

wie möglich erlaufen kann.

Grundgedanke: Raumgewinn

Teams: 2

Länge: 4 x 15 Minuten (Oder 10 in unserem Fall)

Gewinner: Das Team mit den meisten Punkten

Spieler: Die Offense besteht aus 11 Spielern, ebenso

wie auch die Defense

Punkte: Touchdown, Ball in der Endzone (6 Punkte)

Field Goal (3 Punkte)

Point after Touchdown PAT (Kick 1 Punkt, ausspielen

eines weiteren Spielzuges 2 Punkte)

Möglichkeiten: Die Offense kann durch Werfen

oder Laufen Raumgewinn erreichen, der im Optimalfall

zu Punkten führt.

Versuche: Die Offense hat 4 Versuche, einen

Raumgewinn von 10 Yards oder mehr zu erlangen.

Schafft sie dies, erhält sie 4 neue Versuche.

Schafft sie es nicht, geht das Angriffsrecht an den

Gegner.

Defense: Die Defense versucht, die Offense am

Punkten zu hindern und gegebenenfalls selber in

Ballbesitz zu kommen, um Punkte zu erzielen.


6

BODY

mediakompakt

Ein einziges Hoch

Bild: Carlos Quezada

Noch vor wenigen Wochen glänzte Fabio Adorisio mit seiner Eleganz und Energie auf der

Bühne des Stuttgarter Balletts. Doch nun zwingt ihn sein verletztes Sprunggelenk eine

Pause einzulegen. Wieso er trotzdem glänzt wie noch nie, verrät er im Interview.

VON HANNA GABLER

Dem Rhythmus und Glücksrausch völlig

ergeben, tanzt der 24-Jährige ein

Solo im Stück „One of a Kind“ des

weltbekannten Choreografen Jirí Kylián.

Plötzlich muss er jedoch die

Bühne verlassen. Er ist verletzt und muss später

operiert werden.

Die Krücken noch in der Hand, das Bein auf einen

Stuhl hochgelegt, sagt Fabio dazu unerwartet

entspannt: „Ich habe schon Wochen davor gespürt,

dass etwas mit meinem Fuß nicht stimmt.

Diese Pause tut mir jetzt also ganz gut.“ Wer hier

nach schlechter Laune oder Selbstmitleid sucht,

sucht vergeblich.

Der in Italien geborene Tänzer macht sich keine

Sorgen über sein Aussetzen im aktuellen Spielplan.

Als Ballett-Tänzer könne er seinen Körper

sehr gut einschätzen und spürt, dass es ihm jeden

Tag bessergeht. Schon als Kind war er selbstsicher

und hatte ein großes Vertrauen in sein Tun, erinnert

er sich. Er arbeitet hart für seinen Lebenstraum.

Begonnen hat alles mit der stärksten Frau

in seinem Leben, seiner Mutter, die selbst Tänzerin

ist. Als sie ihn mit zu

Proben nahm, tanzte er

„Mit sechs Jahren

wusste ich ganz

genau, dass ich

Ballett-Tänzer

werden möchte.“

selbstverloren, aber geschickt

auf der Bühne. Darauf

meldete sie ihn bei einer

Tanzschule an. „Schon

in der ersten Stunde habe

ich gemerkt, dass sich Ballett

einfach wie meine

Welt anfühlt.“ Seine Welt?

Wie sah die denn aus?

Der kleine Fabio Adorisio

hatte als Kind viel Ehrgeiz,

Ausdauer und immer Lust auf Neues. Das

Tanzen war eine ganz neue Herausforderung für

ihn. Und vollkommen anders, als alles, was er zuvor

ausprobiert hatte. „Als Kind war das schwierigste

für mich, Disziplin zu halten. Man muss immer

fokussiert bleiben und sich stetig verbessern.

Körper und Geist müssen gleichermaßen trainiert

werden“, sagt er streng.

Langer Hals. Blick nach

vorn. Schultern herunter.

Po herein. Hüften und Füße

nach außen. Weiche

Arme und keine hängenden

Ellenbogen! Jeder Millimeter

des Körpers soll

kontrolliert werden können.

Daher gilt: Je früher

mit Ballett begonnen

wird, desto besser. Denn

nur mit den Grundlagen

kann der Körper später zur Höchstform trainiert

werden.

„Doch die Technik ist nicht alles“, wirft Fabio

ein, „es geht darum, seine eigene Persönlichkeit


2/2019 BODY

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beim Tanzen auszudrücken. Eine Choreografie

soll vom Tänzer nicht nur dekoriert, sondern definiert

werden.“ Dabei spielen bereits die Haltung

und der Blick eine wichtige Rolle. Die Zuschauer

sehen, ob der Tänzer „nur“ steht oder ob er mit einer

Intention steht und etwas vermitteln möchte.

Der Direktor der John Cranko Schule, Tadeusz

Matacz, sah in jedem Fall etwas in Fabio Adorisio,

als er vor zehn Jahren in Stuttgart vortanzte. „Als

ich mich bewarb, wusste ich über das hohe Ansehen

und Niveau der Schule Bescheid“, sagt er. Der

damals 15-Jährige erhielt direkt nach dem Probetraining

eine Zusage für die Ballettausbildung an

der John-Cranko-Schule, einer der berühmtesten

Ballettschulen der Welt.

Noch am selben Tag organisierte sich der

Teenager ein Zimmer und den Umzug nach Stuttgart.

„Ich war frei und konnte tun was ich wollte“,

erzählt er lächelnd. Doch dieser neue Abschnitt in

seinem Leben war ein großer Schritt. Er entschied

sich endgültig für eine professionelle Tanzkarriere,

wohnte, kochte und organisierte seinen Alltag

selbst. Am Vormittag besuchte er den normalen

Schulunterricht, von 14 bis 20 Uhr trainierte er.

„Es war eine harte Zeit,

„Und plötzlich hat

sich an einem Tag

mein ganzes Leben

verändert.“

aber ich habe genau das

getan, was ich liebe und

das hat mir enorme Kraft

gegeben.“

Nach zwei Jahren

schloss Fabio seine Ausbildung

ab und wurde in der

Spielzeit 2013/2014 in die

Compagnie übernommen.

Sein Aufstieg war steil und so scheint es auch

weiterzugehen. Im vergangenen Jahr beförderte

ihn Reid Anderson zum Halbsolisten. „Ich denke,

ich fiel durch meine harte Arbeit auf“, sagt der

Tänzer, der bereits als Schüler eigene Werke choreografierte.

Mit seinen eigenen Arbeiten hat sich Fabio in

der Szene bereits einen Namen gemacht. Der Ballettintendant

bot ihm letztes Jahr an, eine eigene

Choreografie für den wichtigen Ballettabend „Die

Fantastischen Fünf“ zu entwickeln. Ein Jahr zuvor

präsentierte er in New York „Blind Thought“. Die

Idee zu diesem eindringlichen Werk hatte Fabio,

nachdem er die Skulptur „Flow“ der Künstlerin

Satako gesehen hatte. „Ich mag die Konfrontation

zwischen zwei Menschen, deswegen greife ich

gern die Beziehung zwischen ihnen auf.“

Wenn er selbst tanzt, bevorzugt er lustige Rollen,

die das Publikum zum Lachen bringen, „auch

wenn das die schwierigste Disziplin ist“, gibt Fabio

zu. Ihm wurden schon einige Solorollen, z. B.

in „Don Quijote“ und „La fille mal gardée“ anvertraut.

„Wenn sich der Vorhang öffnet, lasse ich

mich von meinen Gefühlen leiten. In diesem Moment

weiß ich ganz genau, was ich dem Publikum

zeigen möchte“, schwärmt er.

Hinter dieser Hingabe steckt für Nicht-Balletttänzer

ein Mysterium. Warum tut man sich das alles

an? Das Hochgefühl beim Tanzen lässt sich

schwer beschreiben, doch er versucht es: „Für

mich ist Ballett wie eine Reise.“ „Man öffnet sich

und teilt einen einzigartigen Moment mit dem

Publikum. Ich bin verletzlich,

angreifbar und kann

andere mitfühlen lassen,

was ich durchlebe.“

Ist es nicht das, um

was es im Leben geht? Ist

es für uns alle nicht essenziell,

dass unsere Gefühle

von anderen wahrgenommen

und verstanden werden,

auch wenn man sie nicht so recht in Worte

fassen kann? Das Zusammenspiel von Tanz, Musik,

Bühnenbild und Beleuchtung entführt in eine

Welt, die ästhetischer und poetischer nicht sein

könnte. Vielleicht ist es dieser unsichtbare rote Faden,

der alles stimmig aussehen lässt und die Faszination

der Ballettwelt ausmacht. Fabio lebt diese

Faszination. Mit jeder Faser seines Körpers.

BIOGRAPHIE

Fabios Start ins Ballett

Ivrea, Italien 2001: Ballettunterricht an der

privaten Ballettschule Accademia di Danza e

Spettacolo

Florenz, Italien 2009: Wechsel zur Ballettschule

Balletto di Toscana

Ivrea 2010: Erster Platz bei Prix De Danse Accademia

Stuttgart 2011-2013: Abschluss an der John

Cranko Schule

Fabios Aufstieg nach der Ausbildung im

Stuttgarter Ballett

13/14 Eleve: Erste Erfahrungen in der Compagnie

14/15: Corps de ballet: Gruppentänze

18/19: Halbsolist: Wichtige Solorollen

Neues von Fabio Adorisio

Ballettabend „Creations I – III“:

Uraufführung seiner neuen Choreografie am

30.11.2019

Bild: Stuttgarter Ballett

Bild: Stuttgarter Ballett


8

BODY

mediakompakt

Ein Athlet aus Leidenschaft

Bild: bodyXtreme.de

Der Wettkampf-Athlet Tim

Huber erzählt, mit welchen

Klischees er umgehen muss

und was wichtig ist, um seine

Ziele zu erreichen.

VON MICHELE GALJAMOV

Sobald er einen Raum betritt, zieht er die

Blicke auf sich. Tim Huber, 26, ist alles

andere als unauffällig. Groß, breit und

muskelbepackt hebt er sich von der

Masse ab.

Seit sieben Jahren macht er Bodybuilding.

Letztes Jahr war seine erste Wettkampf-Saison.

Sein Leben ist geprägt von Trainingseinheiten und

mehreren Mahlzeiten am Tag. Vier Mal die Woche

geht er in seiner Off-Season trainieren. Was viele

Menschen nicht immer nachvollziehen können,

ist für ihn Alltag. Seit er mit 19 Jahren beschlossen

hat, mit Bodybuilding anzufangen, hat sich für

ihn sehr viel verändert. „Mein Aussehen, mein

Körpergefühl, mein Selbstbewusstsein, alles hat

sich gewandelt“, sagt er.

Heute wiegt er um die 40 Kilogramm mehr als

früher. Auf viele Dinge habe er verzichten müssen,

um dahin zu kommen, wo er jetzt ist. Im Herbst

2018 hatte er sein Bühnen-Debüt auf der int.

Deutschen Newcomer-Meisterschaft und wurde

Erster in seiner Klasse „Classic Bodybuilding“.

„Bodybuilding auf Wettkampf-Niveau zu betreiben,

erfordert viel Disziplin und bringt die ein

oder andere Einschränkung mit sich. Ich habe

wirklich überlegen müssen, ob ich nächstes Jahr

wieder starten will.“ Nach seinem letzten Wettkampf

der Herbst-Saison konzentrierte er sich bis

auf Weiteres auf seine Freunde und seine Familie.

Vieles wird jetzt erst mal wieder nachgeholt.

Für die Wettkampfvorbereitung hat er seinen

Coach. Der ehemalige Bodybuilder Spiros Memos

hat schon viele erfolgreiche Athleten vorbereitet.

Er erstellt nicht nur die vielen Ernährungs- und

Trainingspläne, sondern ist auch Tims Motivator.

„Gegen Ende der Diät verliert man zunehmende

die Fähigkeit sich selbst einzuschätzen. Die eigenen

Fortschritte werden nicht mehr wahrgenommen,

Zweifel treten auf. Mein Coach war immer

für mich da und hat mir gezeigt, was ich nicht

mehr gesehen habe“, sagt er.

Aber auch wenn er seinen

Coach hat, wird er nicht einfach

blind alles machen, was dieser

sagt. Entgegen der kursierenden

Klischees, dass die meisten Bodybuilder

nichts Anderes täten, als

nur dumm zu „pumpen“, ist die

Auseinandersetzung und das Verständnis für Themen

wie Ernährung, Übungsausführung oder Regeneration

für Tim Huber besonders wichtig. Es

stecke sehr viel hinter diesem Sport. Er habe viel

gelesen und nach Erkenntnissen anderer Athleten

gefragt. Mit den Jahren machte er durch Verletzungen

seine eigenen Erfahrungen.

Wie lange er Bodybuilding auf Bühnen-Niveau

betreiben möchte, wisse er noch nicht. Denn dass

das schwere Training und die Entwässerung für

seinen Körper Folgeschäden mit sich bringe, sei

ihm klar. Mit seinem besten Freund, einem Arzt in

Tübingen, tausche er sich deshalb regelmäßig aus.

„Kraftsport machen kann jeder. Um wirklich erfolgreich

zu sein, muss man über seine Grenzen

gehen.“ Gewisse körperliche Einschränkungen

nehme er deshalb dafür in Kauf.

Außerdem besteht die Möglichkeit psychische

Störungen zu bekommen – in der Bodybuilding-

Szene ist das leider keine Seltenheit. So können

„Mein Coach

war immer für

mich da.“

zum Beispiel nach einer abgebrochenen Wettkampfvorbereitung

Depressionen und eine verzerrte

Selbstwahrnehmung eintreten. Einige der

Athleten entwickeln eine Essstörung und lassen

sich irgendwann in einer psychiatrischen Klinik

einweisen, weil sie sich nicht mehr zu helfen wissen.

Deshalb sei es wichtig, offen über Probleme

zu sprechen und notfalls professioneller Hilfe anzunehmen.

Bodybuilding ist vor allem ein Extremsport.

Während der Diät kommt der Körper in einen sehr

extremen Zustand. Entscheidend ist jetzt die Vorbereitung

durchzuhalten. Der

Sport verlangt einem viel ab und

ist nicht immer gesund. Enorm

wichtig sei es jetzt Unterstützung

und Verständnis von Freunden

und Angehörigen zu erhalten.

„Jeder kennt das. Ist man hungrig,

kriegt man schlechte Laune.

Im Laufe der Diät wird es noch schlimmer. Das

muss jemand aushalten wollen!“

Die beste Erfahrung, die er in der vergangenen

Wettkampfsaison gemacht habe, war, seine Kür

vor Publikum vorzuführen. Tim Huber erinnert

sich. „Die Musik geht aus. Deine Kür ist zu Ende.

Der Applaus, den du in diesem Moment hörst, gilt

allein dir, deiner harten Arbeit, deiner Leistung.”

Das war der Moment, in dem er die Belohnung für

all seine aufgebrachte Disziplin erhalten habe.

Wahnsinnig gefreut habe er sich, als dann seine

ganze Familie beim Internationalen Rhein-Neckar-Pokal

dabei war. Vor allem sein sechs Jahre

alter Sohn habe von allen im Publikum am lautesten

gejubelt und geklatscht. „Ich habe ihn von der

Bühne aus kaum gesehen. Aber als er Papa gerufen

und laut gejubelt hat, habe ich ihn gehört.“ Er habe

die anderen Leute im Publikum angesteckt seinen

Papa auf der Bühne anzufeuern. Ein Moment,

den Tim Huber nie vergessen wird.


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mediakompakt

Quelle: Kim Hoss & Jeanette bak photography

Das Leben ist zu kurz,

um den Bauch einzuziehen!

Von „Ich hasse mich“ zu „Ich liebe meinen Körper“. Mit den Bauchfrauen aus Stuttgart

in ein selbstbewussteres Leben mit Tipps für ein gutes Bauchgefühl.

VON JESSIKA HÄDECKE

Hast du dich jemals im Spiegel angeschaut

und gesagt: Du bist schön!

Nein? Dann wird es nun Zeit dafür!

Die Gesellschaft zeigt uns jeden Tag

wie wichtig es ist, perfekt zu sein.

Perfekter Körper, makellose Haut, langes seidiges

Haar. Doch wer definiert, was perfekt ist? Der

Druck ist groß, aber was wirklich zählt, vergessen

wir. Uns selbst.

Sandra Wurster wollte gegen diesen Druck und

die Selbstzweifel etwas unternehmen. Doch wie

kommt man dagegen an? Sandra Wurster ist gelernte

Tanzpädagogin und arbeitet bereits seit

zehn Jahren in diesem Beruf. In dieser Zeit durfte

sie die unterschiedlichsten Frauen kennenlernen.

Doch irgendwann war ihr das nicht mehr

genug. Sie gründete das Modelabel Bauchfrauen.

In Tanzworkshops, Vorträgen zum Thema Selbstliebe

und Selbstbewusstsein, sowie mit ihrem Modelabel,

will sie die „Love your Belly“-Botschaft in

die Welt hinaustragen. Damit ist tatsächlich auch

jeder Bauch gemeint. Ob dick, dünn, Falten, Narben,

männlich oder weiblich. Bei den Bauchfrauen

ist jeder willkommen, der einen Bauch hat.

Und diesen hat ja bekanntlich jeder.

Seit vergangenem Jahr wird Sandra von der

Bauchfrau und Kommunikationsdesignerin Kim

Hoss unterstützt. Nicht nur in der Gestaltung und

Grafik, sondern auch als fester Bestandteil im

Bauchfrauen-Team ist Kim bei den Workshops dabei

und gemeinsam mit Sandra füllt sie die Social-

Media-Kanäle mit Inhalt. Die beiden waren bereits

im Vorjahr mit ihren Workshops

in Stuttgart sehr erfolgreich und

möchten deshalb in diesem Jahr

mit einer Tour durch ganz an

diesen Erfolg Deutschland anknüpfen.

Nicht nur das Tanzen

und Vorträge halten sind Teil der

Arbeit bei den Bauchfrauen.

Seit 2019 ist Sandra Autorin.

Ihr erstes Buch „Das Leben ist zu kurz, um den

Bauch einzuziehen“, ist im Stuttgarter Trias-Verlag

erschienen. Wir haben ihre Buchparty im

„Schmachtfetzen“, eine 50er-Jahre-Boutique im

Westen Stuttgarts besucht.

Es ist volles Haus. Unterschiedlichste Frauen

und Männer kommen zusammen, um Sandra zu

lauschen. Sie liest aus ihrem Buch vor, gibt Bauchtipps

und plädiert für ganz viel Selbstliebe. Beson-

Unsere größten

Problemzonen

sind unsere

Gedanken!

ders toll: Sandras Handy erinnert sie jeden Tag mit

einer Mitteilung um 12 Uhr: Du bist wertvoll!

Doch woher kommt der Druck zum perfekten

Körper. Warum sollte man zu den Bauchfrauen gehören?

In den sozialen Medien, im Fernsehen und

auf Werbeplakaten wird ein Idealbild der Frau vermittelt.

Das jedoch nicht jede so aussehen kann,

ist logisch. Für die Frauen ist es

Folter. Sie vergleichen sich mit

anderen und glauben, sie wären

nicht gut, so wie sie sind.

Bereits jungen Mädchen

wird vorgemacht, wie Frauen

auszusehen haben. So entsteht

dann leider ein sehr negatives,

verzerrtes und ungesundes Körperbild

von einem selbst. Dieser Eindruck kann

schon im jugendlichen Alter viel Schaden anrichten.

Und der Schmerz bleibt.

Im Erwachsenenalter kostet es viel Energie ein

kaputtes Selbstbild wieder zu reparieren und sich

selbst anzunehmen. Die Energie sollte eher dafür

genutzt werden, sich selbst wieder zu wertschätzen.

Denn jede Frau ist einzigartig, wertvoll und

etwas ganz Besonderes.


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TIPPS

1. Sich selbst Komplimente geben

Nicht nur fürs Äußere. Sondern auch für

den eigenen Mut, die Intelligenz, Empathie

und das eigene Selbstbewusstsein.

2. Kleidung soll Spaß machen

Miederhosen müssen draußen bleiben!

Eigenen Stil finden und Anziehen was

gefällt, das macht auf Dauer glücklicher.

3. Keine Komplimente zur Gewichtsabnahme

Mache keine negativen oder positiven

Bemerkungen, wenn jemand zu- oder

abgenommen hat. Jeder ist genau richtig

wie er ist und da sind ein paar Kilo

völlig irrelevant.

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Quelle: Kim Hoss & Jeanette bak photography

Die Bauchfrauen wollen durch ihr Engagement

helfen äußere, aber auch innere Barrieren

abzubauen und Frauen Werkzeuge mitzugeben,

damit diese lernen sich wieder besser zu fühlen.

Sie sollen Methoden entwickeln, sich so wertzuschätzen,

wie sie sind.

Die gesellschaftliche Norm des Perfektionismus

soll nicht in ihr Leben eindringen. Sandra

und Kim wünschen sich einen Wandel der gängigen

Schönheitsideale. Sich selbst zu lieben und als

genug zu empfinden, ist ein Prozess, der nicht sofort

gelingen kann. Jedoch sind genau solche

Streiterinnen wie die Bauchfrauen wichtig, um

Gleichgesinnten einen anderen, besseren Weg zu

vermitteln. Frauen sollten Frauen unterstützen.

Die Bauchfrauen leben nach dem Motto: „Statt

darauf zu warten, dass sich etwas verändert, verändere

Du was!“

4. Höre auf deinen Bauch einzuziehen!

Denn das macht nur eins: Bauchschmerzen.

Das ist weder angenehm, noch gesund.

5. Lass dir nichts verbieten!

Iss was du willst und auf was du Lust

hast. Esse keinen Salat oder trinke

Smoothies nur, weil jemand sagt, das

macht dünner oder ist gesünder. Das ist

weder angenehm, noch gesund.

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12

HUMAN

mediakompakt

Pflegeroboter statt Pflegekollaps

Hirngespinst oder schon Alltag? Roboter sollen eine Lösung

für den Pflegenotstand sein. Doch wie sollten Maschinen

älteren Menschen gegenübertreten, damit sie als

Helfer akzeptiert werden?

VON STEFANIE KLEIN

Im Jahr 2017 veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation

WHO Zahlen, die voraussagen,

dass sich der Anteil der über 60-Jährigen

bis zum Jahr 2050 verdoppeln wird.

Durch den demografischen Wandel steigt

nicht nur die Zahl älterer und pflegebedürftiger

Menschen, sondern auch die Nachfrage an Pflegeund

Betreuungsberufen. Heute fehlen bereits

mehr als 50.000 zusätzliche Arbeitskräfte in deutschen

Pflegeberufen. Da überrascht es nicht, dass

Künstliche Intelligenz (KI), Deep-Learning-Systeme

und Mensch-Maschine-Interaktionen ihren

Platz im Gesundheitswesen gefunden haben. Sie

wirken dem zunehmenden Fachkräftemangel entgegen

und liefern bereits Lösungen. Der Einsatz

von Robotern in der Altenpflege ist keine ferne Zukunftstheorie,

sondern Realität.

Wir entsperren Smartphones per Gesichtserkennung,

fragen Siri, wie das Wetter wird und lassen

uns Witze von einer leicht blechern klingenden

Stimme namens Alexa erzählen. Wie

selbstverständlich integrieren wir KI und digitale

Assistenten in unseren Alltag. Privatsphäre, Überwachung

oder ethische Bedenken – keine Spur.

Doch wie sieht dieses Verhalten bei älteren Menschen

aus? Wie gehen sie mit KI um? Wollen sie

sich im Alter von einem Pflegeroboter betreuen

oder maschinell untersuchen lassen? Vertrauen

wir zukünftig dem datenbasierten Urteil eines Roboters

mehr als dem eines erfahrenen Arztes, der

uns schon als Kind behandelt hat?

Eine Umfrage verdeutlicht, wie unterschiedlich

der Begriff Roboter wahrgenommen wird.

Allein 70 Prozent denken an bizarre Zukunfts -

szenarien wie den Terminator. Ein befremdlicher

Gedanke, von einem Terminator gepflegt zu werden?

Könnten Charaktere aus Science-Fiction Filmen

wie iRobot, Ex Machina oder Terminator, in

denen Maschinen die Kontrolle über Menschen

erlangen, Auslöser für eine skeptische Haltung gegenüber

Robotern sein?

Matthias Peissner vom Fraunhofer-Institut für

Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart

ist überzeugt, dass im medizinischen Bereich

keine KI einen Menschen ersetzen kann. „Es wird

immer eine menschliche Instanz geben, die KI

wird allerdings die Produktivität steigern und die

Lebensqualität in vielerlei Hinsicht bereichern.“

Wie sollten Pflegeroboter interagieren und

aussehen, damit sie als sozialer Partner akzeptiert

und zuhause geduldet werden? Die Master-Thesis

„Gestaltungsmöglichkeiten in der sozialen

Mensch-Roboter-Interaktion (MRI)“ von Carolin

K. beschäftigt sich damit. „Wichtig bei der MRI ist

es, Interaktionen zu gestalten, die auf die Bedürfnisse

älterer Nutzer eingehen. Das Vertrauen in

die MRI muss erhöht werden.“

Um diesen Anforderungen gerecht zu werden,

orientiert sich die Arbeit stark an den von Walt

Disney beschriebenen Grundprinzipien für eine

authentische Figurenanimation. Denn sind wir

mal ehrlich: Wer würde einen Gesundheitsbegleiter

ablehnen, der agiert und aussieht wie der dickbäuchige

Baymax? „Nutzer neigen dazu, Produkte

zu individualisieren, sie kleben Wackelaugen auf

ihren Staubsaugerroboter oder geben ihnen Spitznamen“,

sagt die Expertin. Pflegeroboter sollten

also gemeinsam mit ihrem Patienten wachsen,

um einen emotionalen Zugang und eine persönliche

Verbindung zu schaffen.

Die kuschelige Pflegerobbe Paro, die einen beruhigenden

Einfluss auf ältere Menschen hat oder

der 1,20 Meter große humanoide Roboter Pepper

mit schwarzen Kulleraugen, sind Beispiele für persönliche

Roboter, die im Bereich der Pflege oder zu

therapeutischen Zwecken eingesetzt werden. Sie

dienen der Unterhaltung, regen die Kommunikation

an, lesen vor oder spielen Bilderrätsel.

Noch gibt es Skepsis, ob sich pflegebedürftige

Menschen tatsächlich mit Robotern anfreunden

werden. Doch denken wir an Generationen wie

den Digital Native: den Blick nach unten geneigt,

vernetzt in der digitalen Welt und sprechend mit

virtuellen Assistenten wie Siri. Im Alter werden sie

Pflegerobotern eine ganz andere Aufmerksamkeit

zukommen lassen. Egal ob Digital Native oder Digital

Immigrant – ein Durchbruch hängt nicht

allein vom Nutzer ab, sondern auch von der

Forschung, die verantwortlich dafür ist, einen akzeptierbaren

Roboter zu erschaffen.

Bilder: Carolin Klein


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Bild: Kathrin Briem

Bild: Kathrin Briem

I m Institut der künstlichen Augen

Einem Ocularisten über den Weg zu laufen, ist sehr unwahrscheinlich: Weniger als 80 Personen

üben diesen Beruf in Deutschland aus. Eine davon ist Rahel Feil aus Stuttgart, die mitten in der

achtjährigen Ausbildung zur Herstellerin von Augenprothesen steckt. Ein Besuch.

VON KATHRIN BRIEM

Die lange Tradition der Augenprothesenherstellung

aus Glas geht zurück

in das kleine Dörfchen Lauscha im

Thüringer Wald. Dort wurden die

ersten Augenprothesen aus Glas im

19. Jahrhundert hergestellt. Die meisten Ocularisten

aus Deutschland haben Urahnen hier: So

stammt auch Rahel Feils Ururgroßvater aus Lauscha.

Bis heute sind die Beziehungen zu dem Glasbläserdorf

eng: Immer noch beziehen sämtliche

Hersteller von dort ihr Kryolithglas, dem Rohstoff

für die Augenprothesen.

Aus dem Glas werden zunächst halbfertige Augenprothesen

geblasen, auf die mit bunten Farbstängel

die Iris gezeichnet wird. Rote Glasfäden

sorgen für die Äderchen. Im Stuttgarter Institut für

künstliche Augen sind rund 8000 dieser halbfertigen

Augenprothesen vorrätig. Jede davon ist ein

Einzelstück. Kommt ein neuer Patient in das Institut,

wird abgeglichen, ob eines der vorrätigen

Exemplare in Frage kommt. Falls nicht, wird eine

neue, individuell angepasste halbfertige Augenprothese

erstellt. Aus der noch zunächst kugeligen

halbfertigen Form wird dann die eigentliche Prothese

herausgelöst. Danach hat sie keine runde,

Bilder: Carolin Klein

sondern eher eine schalenartige Form, die in die

Augenhöhle eingesetzt werden kann. „Die Glasprothese

begleitet den Patienten ungefähr ein

Jahr, bevor sie wegen Abnutzungserscheinungen

durch eine neue ersetzt werden muss“, erklärt Rahel

Feil.

Die individuelle Anpassung an Patienten erfordert

nicht nur perfekte Beherrschung der Technik

sowie künstlerisches Talent, sondern auch viel

Geduld und Einfühlungsvermögen. Der Verlust

eines Auges geht Patienten sehr nahe und ist oft

verknüpft mit tragischen Schicksalsschlägen.

Mit dem Beginn des zweiten Weltkrieges versiegte

die Lieferung von Lauschaer Kryolithglas

nach Amerika. Aus der Not heraus wurde begonnen

Augenprothesen aus Kunststoff zu fertigen.

Diese Übergangslösung ist inzwischen weltweit

Standard – bis auf den deutschsprachigen Raum.

Hier arbeiten traditionsbewusste Ocularisten bis

heute vorwiegend mit Glas.

Dabei bietet Kunststoff Vorteile: So ist das Arbeiten

mit diesem Material flexibler als das mit

Glas. Mithilfe eines Abdruckes kann eine individuell

auf die Augenhöhle abgestimmte Prothese

hergestellt werden. Drückt oder zwickt es, kann

nachgeschliffen oder zusätzliches Material angebracht

werden. „Bei Glas muss jedes Mal eine

komplett neue Prothese angefertigt werden“, erläutert

Rahel Feil. Eine Kunststoffaugenprothese

überzeugt auch durch ihre Tragedauer: Sie ist äußerst

pflegeleicht und hält mehrere Jahre, sie muss

lediglich einmal im Jahr poliert werden.

Da es nur wenige dieser Spezialisten gibt, gehen

Ocularisten regelmäßig auf Reisen. So auch

das Institut für künstliche Augen aus Stuttgart, das

in der Sonnenbergstraße ansässig ist. Für die Reisesprechstunden

wird alles notwendige Werkzeug

und Rohmaterial in einen Transporter gepackt

und abwechselnd rund ein Dutzend Städte in der

Schweiz und Süddeutschland angefahren. Dies ist

wichtig für Patienten, die selbst nicht mehr mobil

genug für die Reise ins Institut der künstlichen Augen

sind. Insbesondere auch der dadurch entstehende

enge Kontakt mit den Patienten und das

Gewinnen deren Vertrauen, liegt dem Stuttgarter

Ocularisten- Team am Herzen.

Gründe ein Auge zu verlieren gibt es viele: Von

Krankheiten, Kriegen, Unfällen bis hin zu angeborenen

Defekten. Eines ist sicher: Eine Augenprothese

hilft jedem Betroffenen, Lebensqualität zurückzugewinnen.

www.augen-prothesen.de


14 HUMAN

mediakompakt

Zwischen

Dirndl und

OP-Kittel

Prokrastination ist für

Johanna Seiler ein Fremdwort.

Als Bayerische Bierkönigin

musste sie zeitintensives

Ehrenamt, Vollzeitstudium

und Nebenjob unter einen

Hut bekommen. Wir haben

sie in ihrem durchgetakteten

Alltag begleitet.

VON FLORIAN WURM

6.30 Uhr

In einer kleinen Wohnung am Münchner Olympiapark

wird Johanna Seiler aus ihrem Schönheitsschlaf

gerissen. Für Snoozen ist keine Zeit, sie muss

los zur Arbeit, auch wenn sie gerne später anfangen

würde. Das bedeutet kurz duschen, ein

schnelles Frühstück und schon geht es für sie in

Richtung U-Bahn.

7.15 Uhr

Die Pendler stehen dicht aneinander gedrängt in

der überfüllten U-Bahn, trinken ihren Kaffee oder

hören Musik. Nicht so Johanna, sie nutzt die

30-minütige Fahrt, um ihre E-Mails zu bearbeiten

und die Postings für ihre Social-Media-Kanäle vorzubereiten.

Organisation ist alles für sie, denn sie

übt ein besonderes Ehrenamt aus. Sie ist die amtierende

Bayerische Bierkönigin. Ihre Aufgabe ist es,

das Genußmittel und den verantwortungsvollen

Umgang damit in Bayern, Deutschland und auf

der ganzen Welt zu repräsentieren.

8.00 Uhr

Arbeitsbeginn für die sportliche Werkstudentin

im Klinikum rechts der Isar der bayrischen Hauptstadt.

Nach ihrer Ausbildung zur zahnmedizinischen

Fachangestellten hat Johanna ein Studium

im Fach Physician Assistance begonnen, ein Studium

zum Medizinassistenten. Seit dem ersten Semester

sammelt Johanna in der Chirurgie praktische

Erfahrung und kann sich hier noch einen

Nebenverdienst ergattern.

14.00 Uhr

Nach sechs Stunden ist Feierabend für heute. Zehn

Minuten vom Klinikum entfernt, beginnt an der

Carl Remigius Medical School die Vorlesung für

19.00 Uhr

Make-up und Frisur sitzen, die Krone thront oben

auf. Heute geht es zur Klosterbrauerei Scheyern in

Oberbayern. Unterwegs ist Johanna mit ihrem

„Biermobil“. Organisiert wird das Amt der Bierkönigin

durch den Bayerischen Brauerbund, für die

einjährige Amtszeit bekommt sie einen BMW der

1er Reihe inklusive Spritgeld zur Verfügung gestellt.

Zur ihrer Ausstattung gehört auch ein Firdie

medizinischen Studierenden. Johanna ist im

achten und letzten Semester. Heute steht Arbeitsund

Sozialmedizin und Prävention und Rehabilitation

auf dem Vorlesungsplan. Mit kleiner Verspätung

erscheint sie im Hörsaal und konzentriert

sich auf die Vorträge der Professoren.

17.00 Uhr

Johanna tritt den Nachhauseweg an. In der

Rushhour ist sie quer durch München fast eine

ganze Stunde unterwegs. Abschalten kann die königliche

Hoheit nicht, wieder warten neue Anfragen

von Brauereien über eine Visite auf sie. In der

U-Bahn erledigt sie Telefonate, um Details über

die Besuche der kommenden Tage abzuklären und

um ihre Reden vorzubereiten.

18.00 Uhr

Zuhause angekommen, muss es für die Bierkönigin

wieder schnell gehen. Neben Ehrenamt, Studium

und Nebenjob fällt auch für eine Hoheit etwas

Haushalt an. Nach der Realschule hat Johanna eine

Hauswirtschaftsschule besucht, dort hat sie

Bild: Bayerischer Brauerbund

sich nützliche Fähigkeiten angeeignet. „Nur Backen

ist noch so mein Ding“, meint die Studentin.

Es wird eine Kleinigkeit für die Mittagspause am

nächsten Tag gekocht, nochmals schnell abgeduscht

und ihre Schürze für den Abend gebügelt.

Ihre Outfits hat sie alle gestellt bekommen und

darf sie nach ihrer Amtszeit behalten. Darunter

fallen mehrere maßgeschneiderte Dirndl, Strickjacken,

Schuhe und Janker, ein Trachtenjacket. Auf

die zum Dirndl gehörenden Schuhe muss Johanna

derzeit aufgrund einer Verletzung am rechten Fersenbein

verzichten, weshalb sie sich für Stiefeletten

entscheidet.


2/2019 HUMAN

15

der Zeit jedoch zur Männerdomäne entwickelt.

Als schlankes, blondes Mädchen wird Johanna in

der Bierszene oft belächelt und als „Gewinnerin

einer Misswahl“ ohne Brauereierfahrung abgestempelt.

Dass hinter ihrem Amt mehr als lächeln

und winken steckt, stellt sie täglich unter Beweis.

Während der Bierverkostung kann sie mit ihrem

umfangreichen Wissen über die Braukunst trumpfen

und sich in Gesprächen mit Fachkräften der

Branche ihren Respekt verdienen.

22.00 Uhr

Zum Schluss steht ein Fotoshooting für die Presse

an. Denn neben ihrer Repräsentantenaufgabe

steht sie auch als Werbefigur für die Brauereien in

der Öffentlichkeit. Ein Gehalt bekommt Johanna

während ihrer Amtszeit nicht, für ihre Auftritte

kann sich jedoch eine geringe Aufwandsentschädigung

berechnen. Offiziell ist Johanna als Bayerische

Bierkönigin selbstständige Unternehmerin.

23.00 Uhr

Nach einem gemütlichen Abend und vielen Gesprächen

über das bayerische Kulturgut geht es für

Johanna wieder zurück nach München. Der verantwortungsvolle

Umgang mit Alkohol ist Johanna

sehr wichtig, immerhin wirbt sie als Bierkönigin

für ein Suchtmittel. Diesen Umgang lebt die

höchste Repräsentantin des Bieres im Freistaat als

Vorbild, seit dem Anstoßen zu Beginn der Feier

hat sie nur noch alkoholfreie Getränke konsumiert.

Am liebsten alkoholfreies Weißbier.

Bild: Johanna Seiler

23.30 Uhr

Zuhause angekommen wirft Johanna sich endlich

in ihre Jogginghose. Bereits im Bett liegend steht

noch etwas Vorbereitung für ihr Studium und die

morgigen Vorlesungen an. „Stehen mal wieder

viele Hausarbeiten an, kann es schon einmal eine

Nachtschicht geben“ meint die Studentin. Früher

war Johanna sehr chaotisch in ihrer Alltagsplanung.

Jetzt ist alles top organisiert, damit sie den

Tag perfekt nutzen kann.

menhandy, auf welchem sie unter der offiziellen

Biernummer für die Brauereien erreichbar ist.

19.30 Uhr

Angekommen darf die gebürtige Rieserin heute

das Bierfass anzapfen und somit das Brauerfest eröffnen.

Dass sie den Bieranstich perfekt beherrscht

ist kein Zufall, zu Beginn ihrer Amtszeit

hat die Königin ein Training zum Anzapfen absolviert

und stellt heute mit ihren wenigen Schlägen

hochrangige Politiker in den Schatten. Ihr Hintergrundwissen

konnte sie sich auf einem Bierseminar

in Kulmbach am Anfang ihres Ehrenamtes aneignen.

Mit dem frischgezapften Klosterbier wird

auf der Bühne angestoßen. Da Johanna selbst mit

dem Auto gefahren ist, steigt sie danach auf alkoholfreies

Bier um.

20.00 Uhr

Nach der Eröffnung gibt es Grußworte von der

Botschafterin des Bayerischen Biers. Eine persönliche

Rede ist Johanna sehr wichtig, weshalb sie vor

ihren Auftritten über die Brauereien und ihre Ge-

schichte sorgfältig recherchiert. Gesprochen wird

im Rieser Dialekt, denn die gebürtige Nördlingerin

ist stolz auf ihre Heimat. Zum Kloster Scheyern hat

die Medizinerin eine ganz besondere Bindung.

Hier hat sie vor ihrem Studium innerhalb der Klostermauern

ihr Abitur erlangen und währenddessen

im angeschlossenen Wohnheim gelebt.

20.30 Uhr

Es ist Zeit für das Abendessen. Zu Johannas Freude

wird Schweinshaxe serviert. „Ich liebe die bayerische

Küche, aber Schweinebraten kann ich nicht

mehr sehen“, lacht die Bierkönigin. Begleitet wird

Johanna heute von ihrem Partner. „Es ist schwierig

alles unter einen Hut zu bekommen“, sagt die

28-Jährige. Gemeinsame Kinoabende sind eher

selten, dafür gibt es gutes Essen und leckeres Bier.

21.00 Uhr

Der nächste Programmpunkt des Abends ist eine

Bierverkostung. Hier kann die königliche Hoheit

zeigen was sie kann. Zwar war Bierbrauen zu Beginn

eine Tätigkeit der Frauen, hat sich im Laufe

DIE BIERKÖNIGIN

Für dieses Ehrenamt muss man in Bayern

geboren, aufgewachsen und mindesten

21 Jahre alt sein. Zudem sollte

man Begeisterung für Bier zeigen und

kommunikationsfreudig sein. Als Bayerische

Bierkönigin repräsentiert man

das Getränk weltweit. Die Wahl besteht

zu einem Teil aus dem Voting der

Jury, zu einem Teil aus einer Online

Umfrage und der Abstimmung der Gäste.

Die neue Bierkönigin Veronika Ettstaller

wurde am 16. Mai in der Kongresshalle

in München gewählt und

hat Johanna Seiler nach ihrer einjährigen

Amtsperiode abgelöst. Seit diesem

Jahr hat auch das Land Baden-Württemberg

eine Bierkönigin. Laetitia Nees

ist die erste ihres Amtes, unterstützt

wird sie durch zwei Prinzessinen.


16

HUMAN

mediakompakt

Raus ins Ungewisse

Das Auslandssemester: Damit wird jeder Student früher oder später konfrontiert.

Austauschstudenten aus aller Welt erzählen von ihren Erfahrungen, geben Einblick in

unterschiedlichste Kulturen und räumen mit allerhand Klischees auf.

VON CHIARA MÜLLER UND MONIKA CZECHOWSKI

• Nordamerika, USA

Wer kennt sie nicht, die typischen College-Filme

aus den USA, in denen man sich ein „Dorm“ mit

anderen teilt, die Studentenverbindungen häufiger

als die Vorlesungen besucht werden, und

das Highlight der Woche das Football-Spiel im

Uni-Stadion ist. Während eines Auslandssemesters

rutscht man als deutscher Studi selbst in diese

abenteuerliche Welt hinein.

In den USA ist alles extra large: Auch der Wochenend-Einkauf

für den Singlehaushalt erinnert

mehr an die Vorbereitung für ein gigantisches

Familienfest. Gesunde Ernährung ist möglich,

rückt aber aufgrund der großen Auswahl an Fast

Food in den Hintergrund. Besonders beliebt:

Hamburger mit bis zu 20 Toppings. So trainiert

man als Student nicht nur sein Englisch, sondern

auch seine Kieferweite.

Auch wenn mancher Amerikaner mit der direkten

deutschen Art überfordert scheint, sind sie

doch herzlich und offen – man fühlt sich nach

kurzer Zeit daheim. Die Universitäten bieten viele

Möglichkeiten, um Anschluss zu finden. Ob beim

Kickbox-Training oder einer WG-Party am Freitagabend

– auf dem Campus ist immer was los. Aber

nicht vergessen: In den USA gibt es Alkohol erst ab

21 Jahren. Und ja: Das gilt auch für Bier.

• Südamerika, Brasilien

Surfen am Strand, Sandboarding und abenteuerliche

Touren durch den Dschungel Südamerikas! All

das hat ein Auslandssemester in Brasilien zu bieten.

Als deutscher Student hat man die Chance, das

Land abseits eines Touristenstatus kennenzulernen.

Die Unterkunft für Austauschstudenten

kann ein Hostel direkt am Strand sein: Ein

Sonnenaufgang wird hier zu einem Highlight, der

mit einer Açaí-Bowl genossen werden kann. Ein

süßes Frühstück, bestehend aus Beeren aus dem

Amazonas, Haferflocken und Açaí-Püree.

Brasilien ist vor allem durch ein Adjektiv zu beschreiben:

lebendig. Durch europäische Augen

betrachtet, haben die Einheimischen nicht viel

Wohlstand, dafür ist ihre Lebensfreude umso

größer. Auf der Straße wird Gitarre gespielt und

gesungen, überall vibriert die Luft vor Leben.

Abends wird getanzt und Musik gehört. Im Club

gibt es keinen Dresscode, der Spaß steht eindeutig

im Vordergrund.

Mit dem Bus sind die Nachbarländer Brasiliens

leicht zu erreichen, ein Ausflug nach Peru oder Argentinien

lohnt sich! Aber aufgepasst: Man kommt

nicht darum herum die Sprache zu lernen, Spanischoder

Portugiesisch-Kenntnisse sind von Vorteil.


2/2019 HUMAN

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• Europa, England

Die Nachrichten aus England in den vergangenen

Jahren sind geprägt vom Brexit. Da vergisst man

gern, wie facettenreich dieses Land abseits der

politischen Bühne sein kann.

Die Engländer brillieren vor allem durch ihre nie

endende Feierlaune und ihr sehr aktives soziales

Leben, das sich an den Universitäten widerspiegelt.

Von der Art Society bis zum Rugby Club

findet jeder Student seine Leidenschaft.

Abends wird entweder gemütlich im Pub ein

Bier getrunken oder ein Ballett und das Theater

besucht. Das Land und seine Leute sind multikulturell

und äußerst schnelllebig: Wenn man auf

der Straße in London nur kurz stehen bleibt, wird

man sofort als „Nicht-Einheimischer“ identifiziert.

Kulinarisch ist England durchaus gewöhnungsbedürftig,

neben Fish and Chips wird sogar Blumenkohl

paniert oder frittiert. Kulturell orientiert

man sich am Festland: Das Winter Wonderland in

London steht dem Oktoberfest durch Heidi-Titelmelodie

und einem „Bavarian Village“ in nichts

nach.

Und es gilt, ein Klischee zu entkräften: Immer

Regen in England? Nichts da! England hat Sonnentage,

an denen man die Nationalparks oder

Städte auskundschaften und erleben kann.

• Ozeanien, Australien

Wer träumt nicht davon, einmal ans andere Ende

der Welt zu fliegen – ein Auslandsaufenthalt in

Australien eignet sich dafür hervorragend. Ein

sogenanntes Trimester bietet eine super Gelegenheit,

in den restlichen freien Monaten die Vielfalt

des Landes näher kennen zu lernen – am besten

mit einem gemieteten Van. Neben der bekannten

Great Ocean Road an der Südküste entlang, können

zahlreiche Nationalparks, Tasmanien und die

Ostküste gut bereist werden.

Keine Angst, in Australien wird nicht nur Kängurufleisch

serviert. Die großen Städte bringen europäisches

Flair mit sich, in denen auch Vegetarier

auf ihre Kosten kommen. Die Australier sind nicht

nur zuvorkommend und offen, sondern auch

äußerst trinkfreudig. Strandpartys gehören zum

Leben eines Studenten einfach dazu.

Apropos Strand: In Australien ist es immer heiß?

Von wegen! Im Winter kann es schnell mal bis

zu drei Grad kalt werden, während in Europa die

Sommersaison erst anfängt. Da werden drei bis

vier Decken für die Nacht in Down Under zum

Must-have.

Wusstet ihr schon, dass ...

… Melbourne auch „australisches Berlin“ genannt wird?

… in den USA Alkohol auf offener Straße nur in Papiertüten getrunken

werden darf?

… Mac’n‘Cheese auf dem Weihnachtsmarkt in Großbritannien als

echte deutsche Käsespätzle angepriesen werden?

… pinke Delfine im Amazonas in Brasilien gesichtet werden können?

… in Südkorea lebendige Oktopusse verspeist werden?

• Asien, Südkorea

Ein asiatisches Land kommt vielen Studenten

nicht als erstes in den Sinn, wenn es um ein Auslandssemester

geht. Wenn man eine kontrastreiche

Abwechslung zu dem Alltag in Deutschland

sucht, bietet sich Südkorea an. Dort erleben

Austauschstudenten den perfekten Mix zwischen

westlicher Moderne und uralter Tradition.

Vor allem in der Hauptstadt Seoul ist das Stadtbild

von diesem Mix geprägt, Wolkenkratzer stehen

direkt neben buddhistischen Heiligtümern.

Die Universität hat einen eigenen Tempel – eine

Begegnung mit einem Mönch ist keine Seltenheit.

Ein Gänsehautfaktor bietet die demilitarisierte

Zone zu Nordkorea, in der man mit eigenen

Augen sehen kann, was sonst nur über den

deutschen Fernsehbildschirm flimmert.

Die Südkoreaner sind zurückhaltend und bescheiden,

lassen beim Feiern aber die Sau raus. Besonders

beliebt: Das Mieten eines eigenen Raums, in

dem die trinkwütige Partymeute durch die Nacht

hinweg Karaoke singt und dabei jede Menge Soju

(alkoholhaltiges Getränk auf Reis-Basis) trinkt.

Kulinarisch ist das Korean BBQ zu empfehlen,

aufpassen sollte man dagegen beim Bestellen

einer Suppe: So etwas wird auch kalt und mit Eiswürfeln

serviert.

bloß nicht hin

eher meiden

kann gut werden

wird super

lohnt sich auf jeden Fall

Bild: pixabay.com


18 FUTURE

mediakompakt

Sugar, oh honey honey

Egal ob Summen in der Stadt oder im Ländle – seit einigen

Jahren gibt es einen unglaublichen Boom der Imkerei zu

beobachten. Früher noch ein Opa-Hobby, lässt das Imkern

heute gerade junge Leute den stressigen Alltag vergessen

und abschalten.

VON VALENTINA BELTRAME

Stuttgart West – direkt in diesem urbanen,

quirligen und kreativen Viertel,

hinter roten Backsteinfassaden, verbirgt

sich der grüne Hinterhof eines

Mehrfamilienhauses. Dort findet man

die Kleinimkerei Stuttgarter Gold von Moritz Zepter.

Mit Anfang 20 stellte sich Moritz die Frage, wie

er zwei seiner Grundbedürfnisse, Süßigkeiten und

Alkohol, stillen und sich selbst versorgen kann.

Seine Antwort: „Beides geht mit Honig“. Also her

mit den Bienen!

Wiesen- und Feldwege, sowie ein Waldgebiet

direkt vor der Tür, Grün soweit das Auge reicht

und Nachbarn auf vier Beinen. Auf der Pferdepension

in Köngen (Landkreis Esslingen) fühlen sich

die Bienen von Hobby-Imkerin Michelle Zehle,

29, zuhause. Bei ihr war es pure Neugier, „was genau

ein Imker so tut“. Das liegt schon 18 Jahre zurück.

Durch das ominöse Bienensterben wurde sie

erneut auf das Imkern aufmerksam.

let it bee

Die Bienen riechen es, wenn man gestresst ist.

„Viele Menschen machen zum Beispiel Yoga, ich

gehe zu meinen Bienen und bin danach der ruhigste

und entspannteste Mensch der Welt!“ Der

Hobby-Imker Moritz Zepter öffnet sachte, ohne

Schutzkleidung, den Deckel des Bienenkastens

und siehe da: ganz friedliche Tierchen.

Das Arbeiten mit den Insekten ist für

Michelle eine großartige Möglichkeit, sich selbst

zur Ruhe zu zwingen, insbesondere als Allergikerin.

„Gehe ich aufgeregt und hektisch an das Volk

heran, kann ich sicher sein, dass ich gestochen

werde.“ Die Arbeit mit den Bienen hilft ihr, sich zu

fokussieren, zu erden und zur Ruhe zu kommen.

no bees no honey no work no money

Viele Wildbienenarten sind bedroht und wie

die Honigbienen auf Schutz angewiesen. Neben

vielen Krankheitserregern ist der größte Feind der

Biene die Varroa-Milbe. Sie war mitverantwortlich,

dass Moritz anfangs eines seiner Völker verloren

hatte. Auf die Imker kommen obendrein eine

Reihe an Herausforderungen zu: Imkern ist eine

wahre Geldverbrennungsmaschine. Es bleibt die

ständige Sorge, dass das Volk gestohlen werden

könnte, ganz zu schweigen von üblen Rückenschmerzen

vom Schleppen, klebrige Kleidung, bis

hin zur Verpflichtung, während der Schwarmzeit

nicht zu verreisen.

bee more like them

Was ist so faszinierend an den pelzigen Summern?

„So vieles“, schwärmt Michelle Zehle.

Wenn sie eine Wabe anschaut, sieht sie „die Sanftmut

der Kleinen, die so unheimlich fleißig und

unermüdlich arbeiten.“ Sie sind Teil eines großen

Ganzen, tragen ihren Teil dazu bei, dass dieses Gefüge

funktioniert. Von ihnen können wir uns so

einiges abgucken. Sie sind der Vorreiter der Demokratie

und absolute Rebellen, wenn ihnen etwas

nicht passt. Eine Woche schlechtes Wetter und alle

sind unzufrieden. Wer ist schuld? Die Königin,

die Regierung. Was machen sie? Revolution! Sie

schwärmen. In der Schwarmzeit suchen sich die

Bienen eine neue Behausung. Wessen Platz macht

am meisten Eindruck? Die Information an die anderen

erfolgt durch den Schwänzeltanz. Die Bienen

liefern sich sozusagen einen Tanzbattle, und

bei einer Zwei-Drittel-Mehrheit, fällt die Entscheidung,

wo sie hinfliegen. „Die machen sich keinen

Kopf, leben fürs Ganze und sind total selbstlos“,

sagt Moritz Zepter.

buzz in the city

Wer hätte gedacht, dass sich die kleinen Flieger

in der Oase aus Beton und Straßenlärm wohler

fühlen, als auf dem Land? Der Grund: Biodiversität

und keine Monokulturen. In der Stadt gibt es

mehr Pflanzenarten als auf dem Land und es blüht

überall. Heikel könnte es höchstens mit den

Nachbarn werden. Aber wenn man ihnen die

Angst nimmt, finden sie das alle ziemlich cool.

„Und wenn nicht, dann ist ein Glas Honig ein sehr

gutes Schmiermittel“, lacht der 30-Jährige.

Langfristig möchte er verschiedene Stadtgebiete

erschließen und wissen, wie die Stadtviertel

schmecken.

bee love

Was bleibt ist der Honiggeruch im ganzen

Haus. „Wenn man den Kasten aufmacht und direkt

aus den Waben Honig probiert, das liebe ich“,

sagt der Hobby-Imker mit leuchtenden Augen.

Wenn Michelle Zehle über das Imkern berichtet,

sind die Leute sofort offen und neugierig.

„Das sind die Momente, in denen ich mich sehr

über das Hobby freue. Es ist schön, eine Beschäftigung

zu haben, über die ein 80-Jähriger mit einem

siebenjährigen Mädchen auf Augenhöhe diskutieren

kann. Das ist etwas, das im Allgemeinen in unserer

Gesellschaft viel zu kurz kommt.“

Bild: Valentina Beltrame


2/2019 FUTURE

19

Bild: Mika Baumeister

Wo sind die Studenten?

Fridays for Future ist längst

kein Schülerstreik mehr,

sondern eine internationale

Protest-Bewegung. Aber wo

stecken die Studenten

bei den Demos?

VON ANNIKA FIX

Was haben deutscher Vormärz, die

weltweite 68er Revolution und

der arabische Frühling gemeinsam?

Sie alle sind bedeutende Revolutionen

der Weltgeschichte

und wurden ausgelöst von Studenten. Sie sahen

Missstände in Gesellschaft oder Politik ihres Landes

und gingen auf die Straße, um die Welt zu verändern.

Im Jahr 2019 schwappen erneut die Wellen

einer Protestbewegung über viele Länder,

darunter auch Deutschland. Fridays for Future

(FFF) heißt diese Bewegung, die weltweit über

Missstände in der Klimapolitik und die verheerenden

Auswirkungen des Klimawandels wachrütteln

will und zum Handeln auffordert.

Doch sind es dieses Mal nicht Studenten, die

hinter dem Protest stecken, sondern Schüler. Jeden

Freitag schwänzen sie die Schule, um für das

Klima zu demonstrieren. Hat der Streik mit der

16-jährigen Schwedin Greta Thunberg begonnen,

tun es ihr mittlerweile tausende Schüler weltweit

gleich. Die Klimaschutz-Bewegung ist zu einem

globalen Netzwerk geworden. Studenten sieht

man weniger, sie machen nur ca. 20% der Demonstranten

aus. Erwachsene und Politiker wollen

die Schüler lieber in der Schule sehen. Doch

genau das ist der Punkt, auf den Schüler aufmerksam

zu machen versuchen: Warum sollten wir für

unsere Zukunft lernen, wenn die mit der aktuellen

Klimapolitik zerstört wird? Man würde diesen Gedanken

auch bei Studenten erwarten, deren Zukunft

genauso von den Folgen des Klimawandels

betroffen sein wird, wie die der Schüler. Warum

fällt die Einstellung dieser beiden Gruppen junger

Menschen so unterschiedlich aus?

„Ich dachte das ist nur was für Schüler.“, antwortet

Mathe-Student Tim achselzuckend auf die

Frage, warum er noch bei keiner FFF-Demonstration

dabei war. Anne, 21, schließt sich da an. Außerdem

gehe auch keiner von ihren Freunden mit.

Alleine zu protestieren sei „nicht so cool“. Ob das

Thema nicht so wichtig sei, wollen wir wissen.

„Doch, schon. Aber ich versuche halt irgendwie so

meinen Beitrag zu leisten. Ich esse kein Fleisch,

versuche Plastik zu vermeiden“. Das Thema Klimaschutz

ist auf Nachfrage auf jeden Fall präsent

unter den Studenten. Den meisten ist es „schon irgendwie

wichtig“. Aber es gibt eben auch viele andere

Dinge, die bei ihnen weiter oben stehen.

Nie endende Abgaben für die Uni zum Beispiel.

Mal ganz abgesehen vom Druck in Regelzeit

sein Studium vorzeigbar zu beenden, um einen

guten Job zu finden. Bei soviel (Zeit-)Druck,

„bleibt einfach keine Zeit zum Demonstrieren gehen“,

rechtfertigt sich Fabian, 24. Das wäre vermutlich

der Punkt, an dem Greta Thunberg ihm

sagen würde: Warum setzt du dich so unter Druck

für die Zukunft, wenn unsere Zukunft doch gar

nicht so rosig aussieht. Protestforscher Simon Teune

sieht in Zeitdruck und der Verschulung des

Universitätsalltags auf jeden Fall einen Grund für

die politische Passivität der heutigen Studentengeneration.

Studenten hätten heute keine Zeit

und Möglichkeit mehr sich politisch auszutauschen.

Das wirke sich auf ihr Engagement aus.

Aber nicht nur Zeitdruck und Unistress halten

Studenten davon ab zusammen mit Schülern für

eine nachhaltige Zukunft zu demonstrieren. Politikverdrossenheit

und Resignation spielen ebenfalls

eine Rolle. Zum Beispiel bei BWL-Studentin

Leonie, die auf die Frage nach ihrer Teilnahme an

den Demonstrationen sagt „Ich glaube nicht, dass

das was bringt. Also klar, die Schüler haben jetzt

die Aufmerksamkeit. Aber letztendlich wird die

Politik sowieso nichts unternehmen, es wird sich

nichts verändern.“

Ob nun Interesselosigkeit, Zeitdruck oder Resignation,

der Protest-Geist früherer Studenten

scheint an dieser Generation vorbeigegangen zu

sein. Es bleibt zu hoffen, dass die Ausdauer der

Schüler irgendwann auch die Studenten wachrütteln

wird.

MEHR INFOS

August 2018: Erster Streik von Greta

Thunberg vor dem schwedischen

Regierungsgebäude.

Ende 2018: erste Streiks in Deutschland

In Deutschland streiken mehr als 300.000

Schüler organisiert in 400 Ortsgruppen.

Am 15.März nahmen weltweit fast zwei

Millionen Menschen in 120 Ländern

an den Demonstrationen teil.


20

MIND

mediakompakt

Gefangen im Gedankenkarussell

Gedanken wie „Habe ich

das Bügeleisen ausgesteckt?“

oder „Ist die Tür wirklich

abgeschlossen?“, kennt

jeder von uns. Doch was

ist, wenn einen so etwas

nicht mehr loslässt und das

eigene Leben durch zwanghaftes

Handeln aus den

Fugen zu geraten droht?

VON REBECCA KALUZA

Über Kleinigkeiten grübeln oder kontrollieren,

ob der Herd wirklich aus

ist, sind völlig normale Dinge des

alltäglichen Lebens. Werden die Gedanken

aber immer aufdringlicher,

muss man stundenlang duschen oder kann man

das Zimmer erst verlassen, wenn alles penibel genau

an seinem Platz steht, dann gehört man möglicherweise

zu den rund zwei Millionen Deutschen,

die eine Zwangserkrankung haben. Damit

ist sie die vierthäufigste psychische Störung.

Auch wenn man als Betroffener weiß, dass die

zwanghaften Rituale unsinnig sind, können sie

nicht einfach abgestellt werden. Die irrationale

Angst, dass einem selbst oder einer nahestehenden

Person etwas Schlimmes passiert, sitzt einem

immer im Nacken.

Oft entsteht die Störung ganz harmlos: Man

hat eine stressige Zeit und fühlt sich einsam. Damit

die innere Anspannung besser auszuhalten

ist, entwickeln sich Rituale. Man fängt an, sich

häufiger die Hände zu waschen oder Dinge abzuzählen.

Zunächst hilft dies die Anspannung abzubauen,

aber ohne Behandlung wird der Zwang immer

aufdringlicher. Immer schlimmere Ängste

werden damit verwoben, sodass eine Gegenwehr

kaum noch möglich ist.

Zwänge lassen sich in zwei Kategorien unterscheiden:

Zwangshandlungen und -gedanken. Bei

ersterem gibt es Wasch- und Reinigungs-, Kontroll-,

Ordnungs- oder Sammelzwänge. Auch rein

geistige Handlungen wie Zähl- oder Wiederholungzwänge

zählen hierzu. Bei Zwangsgedanken

geht es um aufdringliche Gedanken, die einen wie

ein Ohrwurm nicht mehr loslassen. „Es ist wie ein

Gedankenkarussell, aus dem man nicht aufstehen

kann“, verrät Karo. Sie kämpft seit zirka acht Jahren

dagegen an. Oft geht es um aggressive, sexuelle

oder religiöse Inhalte. Die größte Angst der Betroffenen

besteht darin, dass ihre Gedanken

Realität werden könnten. So müssen manche

Erkrankte eine bestimmte Anzahl an positiven Gedanken

„dagegen“ entwickeln, damit das Böse

wieder aufgehoben ist.

Die Zwangsrituale nehmen nach und nach

einen immer größeren Teil der Zeit von Betroffenen

und damit ihres Lebens ein. Häufig geht damit

die Isolation von Mitmenschen einher. Karo

berichtet: „Es fiel mir immer schwerer, das Haus

zu verlassen, weil ich mich ständig umziehen und

meine Sachen sauber machen wollte.“ Spontan

sein, Freunde treffen, das ist schier unmöglich.

Wollen Betroffene zurück in ein normales Leben,

hilft Verhaltenstherapie. Dabei wird zusammen

mit Therapeuten herausgefunden, welche

Funktion der Zwang hat. Nachdem Ängste und

Auslöser identifiziert sind, wird mithilfe der sogenannten

Exposition therapiert. Eine Übung, bei

der sich der Erkrankte immer wieder mit seinen

Zwängen und den sie auslösenden Situationen

auseinandersetzt, ohne dass der Zwang ausgeführt

wird. Konkret kann das so aussehen, dass der

Betroffene fünf Türklinken anfassen muss und

sich nur einmal die Hände waschen darf, obwohl

er es normalerweise öfters tun würde. Der Therapeut

erfragt dabei ständig, wie man sich fühlt.

Mithilfe der Übungen werden Anspannungen

und Ängste abgebaut und durch positive Erfahrungen

ersetzt, da wider Erwarten nichts Schlimmes

geschieht.

„Es ist wichtig, dass man sich nicht verurteilt

fühlt oder dass andere denken man spinnt.“, erklärt

Karo. Egal wie unsinnig das Verhalten von

Zwangserkrankten nach außen wirkt, am wichtigsten

für die Betroffenen ist es nicht stigmatisiert

zu werden.

DGZ

Die Deutsche Gesellschaft für Zwangserkrankungen

e.V.ist ein gemeinnütziger

Verein, dessen Hauptaufgabe es ist,

Zwangserkrankten und ihren Angehörigen

Hilfe zur Selbsthilfe und Hilfe zum

Leben mit der Erkrankung zu geben.

Durch Öffentlichkeitsarbeit klärt der

Verein zudem über Zwangsstörungen

und die daraus entstehenden Probleme

auf, um so vorhandene Vorurteile abzubauen

und mehr Akzeptanz für die Betroffenen

zu erreichen.

Bild: Lena Joraschek

Weitere Infos gibt es unter

www.zwaenge.de.


2/2019

MIND

21

Wie wird

ein Mensch

zum Mörder?

Bild: Unsplash

Es gibt viele Gründe, warum Menschen töten. Dramatische Erfahrungen oder Fehlentwicklungen

des Gehirns können eine Rolle spielen. Oder liegt das Böse doch einfach in unserer Natur?

VON JENNIFER STRÜBEL

Geschichten über grauenhafte Morde

erschrecken, aber faszinieren uns

auch. Nachrichten über Unfälle und

Gewalttaten erreichen online viel

Aufmerksamkeit, Kriminalromane

stehen ganz oben auf den Bestsellerlisten. Und

sonntags zieht der „Tatort“ Millionen Zuschauer

in seinen Bann. Offenbar interessieren sich

Menschen für Gewalttaten. Es stellt sich jedoch

die Frage, warum ein Mensch einem anderen so

etwas Grausames antun kann.

Auf die Frage, weshalb Menschen töten, gibt es

keine einfache Antwort. Die Bereitschaft dazu

liegt aber in unserer Natur. Eine Studie der

Estación Experimental de Zonas Áridas und der

Universität in Granada untersuchte die Gewaltbereitschaft

verschiedener Säugetierarten gegenüber

der eigenen Spezies — unter anderem der menschlichen

Vorfahren. Laut dem Forscher Jóse María

Gómez zeigte die Studie, dass tödliche Gewalt

einen evolutionären Ursprung hat, aber von

ökologischen und kulturellen Faktoren reguliert

werden kann.

Auch wenn Nachrichten über Gewalttaten in

den Medien ein anderes Bild vermitteln: Im Laufe

der Jahrtausende sind Morde immer seltener

geworden. „Noch in der Steinzeit wurde die Hälfte

aller Männer getötet,“ erläutert der Neuropsychologe

Thomas Ebert in einem Interview mit der

„Zeit“. Er ist überzeugt, es liegt in der DNA der

Menschen, Gewalt auszuüben. Wie kam es dazu,

dass die Anzahl der Morde zurückgegangen ist?

Ganz einfach: Die Gesellschaft verändert und

entwickelt sich weiter. Was in der Steinzeit noch

alltäglich war, wurde zur Zeit des Alten Testaments

als Schlechtes angesehen. Denn eines der

Zehn Gebote lautet: „Du sollst nicht töten.“

Mord ist in unserer Zeit ein gesellschaftliches

Tabu und wird mit lebenslanger

„Jeder kann in

eine Situation

geraten, die

tödlich endet.“

Freiheitsstrafe bestraft. Tatsächlich

ist laut der Kriminalstatistik

des Bundeskriminalamts (BKA)

die Zahl der Tötungen in

Deutschland seit 1993 permanent

gesunken. Laut Ebert könne

jeder Mensch zum Mörder werden

— doch die meisten besitzen

eine Hemmschwelle, die einen

davon abhält. Der Einfluss von Alkohol oder Drogen

führe jedoch zu einer höheren Gewaltbereitschaft.

Ebenso Extremsituationen, Vernachlässigung

oder Misshandlung in der Kindheit, sagt der

Fachmann.

„Wer hat nicht schon selbst mal gedacht, den

könnte ich umbringen! Aber allein deswegen ist

man nicht schon ein potenzieller Mörder.“ äußert

Kriminalhauptkommissar Frank Schröder im

Interview. Er hatte in seinen mehr als zwanzig

Jahren als Ermittler mit einigen Mördern zu tun.

„Es kann theoretisch jeder in eine Situation geraten,

die tödlich endet.“ Morde gibt es seiner Erfahrung

nach in allen sozialen Schichten und

Altersgruppen. Er berichtet vom biederen Angestellten,

der seine Frau bewusstlos machte und sie

auf ein Bahngleis legte, um sie vom Zug überfahren

zu lassen. Oder vom Familienvater und Fußballtrainer,

der seiner Frau die Kehle durchschnitt,

weil er eine andere liebte.

Oder vom Obdachlosen, der

seine Partnerin nackt gefesselt

und erdrosselt hat. „Mordmotive

und Lebensbiografien sind

ebenso unterschiedlich wie

zahlreich.“ Einige Psychologen,

darunter Thomas Ebert,

sehen ein zusätzliches Merkmal,

das manche Mörder von

anderen Menschen unterscheidet.

Sie empfinden keine Empathie und somit

kein Mitgefühl für ihre Opfer. Gründe dafür

sind häufig Fehlentwicklungen oder -bildungen

im Gehirn, die durch Misshandlungen in der

Kindheit entstehen können.

Dieses fehlende Empathievermögen scheint

häufiger bei Psychopaten vorzukommen. Jedoch

sind nicht alle Mörder psychisch krank. Letztendlich

gibt es nicht den einen Grund, warum man

zum Mörder wird. Trotz aller Untersuchungen

bleibt das Phänomen Mord geheimnisvoll,

erschreckend und unvorhersehbar.


22

MIND

mediakompakt

Bild: Unsplash


2/2019 MIND

23

Leichen im Keller

Es ist der Klassiker jedes TV-Krimis: Ein Rechtsmediziner steht vor dem Stahltisch und erläutert

Kommissaren nüchtern die Fakten. Doch wie erleben diese Menschen ihren Beruf tatsächlich

und welche Klischees treffen zu? Wir sind den Mythen auf den Grund gegangen – im Interview

mit dem renommierten Rechtsmediziner Prof. Dr. Frank Wehner der Universität Tübingen.

VON STEFANIE HÄCKER

mediakompakt: Aus welchen Gründen und wann

haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?

Frank Wehner: Erstmals hatte ich Kontakt mit der

Rechtsmedizin während meines Studiums und

war von Beginn an begeistert. Nicht nur, dass

sämtliche Naturwissenschaften wie Biologie etwa

bei der DNA-Analytik, Chemie in der forensischen

Toxikologie oder Physik beispielsweise bei Schussoder

Verkehrsunfallrekonstruktionen eine Rolle

spielen. Auch sämtliche anderen medizinischen

Fachgebiete werden von dem Rechtsmediziner gestreift,

zum Beispiel bei der Beurteilung eines ärztlichen

Fehlverhaltens. Neben dieser Vielfalt des

Faches haben wir einen sehr abwechslungsreichen

Alltag, bestehend aus Forschung, Vorlesungen,

Obduktionen, Gerichtsterminen, Untersuchungen

von lebenden Personen, also Opfern von

Gewalttaten oder Tatortbegehungen.

mediakompakt: Welche Aufgaben erledigen Sie am

liebsten, welche gar nicht gerne?

F.W.: Da ich alle meine Aufgaben gerne erledige,

erübrigt sich der zweite Part Ihrer Frage eigentlich.

Die Vielfalt der Aufgaben, heute Vorlesung,

Morgen Gerichtstermin, Übermorgen Obduktion

ist es, was diesen Beruf so erstrebenswert macht.

mediakompakt: Welche Eigenschaften brauchen

Bewerber?

F.W.: Ausdauer, kriminalistischen Instinkt und

Genauigkeit. Daneben natürlich wissenschaftliches

Interesse und für die Vorlesungen didaktische

Fähigkeiten.

„Bei Mitleid wäre man

nicht mehr

unvoreingenommen“

mediakompakt: Haben Sie manchmal Mitleid mit

dem Schicksal Ihrer Klienten?

F.W.: Mitleid darf man nicht haben, denn dann

wäre man nicht mehr unvoreingenommen.

Sicherlich überlegt man sich in manchen Fällen,

was dazu geführt hat, wie die Umstände sich entwickelt

haben, dass nun ein Mensch tot ist.

Mitleid könnte aber leicht den Blick trüben,

vielleicht dazu führen, bestimmte Aspekte falsch

zu interpretieren, was eine Fehleinschätzung in

der Gesamtbeurteilung auslösen kann. Wir sind

unparteiische Sachverständige und haben ohne

persönliches Befinden unsere Gutachten zu erstatten,

mit negativen, aber auch positiven Konsequenzen

für die Betroffenen.

mediakompakt: Hatten Sie schon einmal einen

Bekannten oder Verwandten vor Ihnen?

F.W.: Nein. Ich würde ein Gerichtsverfahren gegen

Verwandte oder Bekannte ablehnen, da ich möglicherweise

als befangen angesehen werden könnte.

Obduktionen an Bekannten oder Verwandten

würde ich aus rein persönlichen Gründen ablehnen.

mediakompakt: Gehen Ihnen Ermittler manchmal

auf die Nerven?

F.W.: Eigentlich nicht. Manchmal ärgert mich

allerdings, dass manche Ermittler vollkommen

unvorbereitet zur Obduktion kommen. Gerade

dort brauchen wir vorab etwas Hintergrundinformation.

Worum geht es eigentlich? Ist es ein

Verkehrsunfall, ein Drogentoter oder ein ärztliches

Fehlverhalten? Das ist natürlich schon wichtig,

da wir je nach Fall bestimmte Dinge genauer

untersuchen, zum Beispiel nach Einstichstellen

bei dem Verdacht auf Drogenkonsum, oder eine

andere Obduktionstechnik wählen. Etwa die

Eröffnung der rückwärtigen Körperpartien bei

Rekonstruktionen, bestimmte Techniken bei

Verdacht auf eine Luftembolie. Wenn die Ermittler

auf jede Frage mit einem „Weiß ich nicht“

antworten, ist es schon etwas nervend.

mediakompakt: Was untersuchen Sie standardmäßig

bei einer nicht natürlichen Todesursache?

F.W.: Generell wird eine gerichtliche Leichenöffnung

durchgeführt, die Verletzungen genauestens

vermessen und dokumentiert. Gegebenenfalls

werden die Stich- oder Schusskanäle rekonstruiert

und toxikologische Untersuchungen zur Frage der

Handlungsfähigkeit durchgeführt. Manchmal,

allerdings nicht standardmäßig, fahren wir zum

Tatort oder untersuchen die Tatverdächtigen.

mediakompakt: Welches Körperteil finden Sie am

ekligsten?

F.W.: Keines. Der menschliche Körper ist faszinierend

und in keiner Weise eklig.

mediakompakt: Welche Vorurteile über Ihren Beruf

würden Sie gerne widerlegen?

F.W.: Dass wir Pathologen sind. Es gibt die Facharztausbildung

Rechtsmedizin, die ganz andere

Inhalte in der Weiterbildungsordnung beinhaltet,

als die Facharztausbildung zum Pathologen. Und

dass der Rechtsmediziner immer alleine obduziert.

Nach der Strafprozessordnung muss eine

gerichtliche Leichenöffnung immer von zwei

Ärzten, einer davon mit Fachkenntnis auf dem

Gebiet Rechtsmedizin, durchgeführt werden.

„Fälle, in denen

Kinder die Opfer sind,

halten sich lange im

Gedächtnis.“

mediakompakt: Gibt es Fälle, die Sie nicht losgelassen

haben?

F.W.: Gerade Fälle, in welchen Kindern die Opfer

sind, halten sich lange im Gedächtnis. Wenn man

an den Tatort gerufen wird und im Kinderzimmer

liegen zwei tote Kinder, mit einer Axt erschlagen,

das Kinderzimmer sieht aus wie zuhause bei den

etwa gleichaltrigen Kindern, also das gleiche Ikea-

Bett, Baby Born und Bobbycar, dann bleiben

diese Bilder haften.

DER EXPERTE

Professor Dr. Frank Wehner, seit 2002 Facharzt

der Rechtsmedizin und Oberarzt am

Gerichtlichen Institut der Universität Tübingen,

studierte Humanmedizin in Freiburg und

Tübingen. Zur Zeit der Interviewanfrage befand

er sich in Addis Abeba, um als Mitglied

des deutschen DVI („Disaster-Victim-Identification“,

auf deutsch Katastrophen-Opfer-

Identifizierung) die Absturzopfer der Flugzeugkatastrophe

der Boeing 737-Maschine der

Ethiopian Airlines zu identifizieren. Dabei bestand

seine Aufgabe vor allem in der Erhebung

der Post-mortem-Daten. So werden die Opfer

anhand der drei primären Identifizierungsmerkmale

DNA, Fingerabdruck und Zahnstatus

sowie sonstiger Merkmale wie Tätowierungen,

bestimmter Schmuck oder Narben mit

den sogenannten Ante-Mortem-Daten (etwa

Haare aus einer Bürste, vorhandenen Krankenakten

etc.) abgeglichen und somit zweifelsfrei

identifiziert.


24

MIND

mediakompakt

Mach’ mal lieber langsam

Die Beschleunigung kennzeichnet unsere moderne Gesellschaft. Menschen fühlen sich

zunehmend überfordert. Entschleunigung ist der entsprechende Gegenpol und eine

Chance, aus dem Beschleunigungswahn auszubrechen.

VON BENEDIKT MUGRAUER

Unsere Welt dreht sich immer schneller.

Zumindest haben viele Menschen

dieses Gefühl. Neue Technologien

gehen einher mit hohen

Anforderungen, an die wir uns immer

wieder und immer rascher anpassen müssen.

Beschleunigung ist zugleich Fluch und Segen. Einerseits

bietet die westliche Welt einen hohen

Wohlstand und unzählige Möglichkeiten. Andererseits

kann die zunehmende Beschleunigung zu

Hektik, Überforderung und Krankheit führen.

Je schwerer die negativen Phänomene wiegen,

desto lauter wird der Ruf nach Stille, nach Entschleunigung.

Wir können der steten Beschleunigung

des Lebens bewusst entgegenwirken, um

handlungsfähig und gesund zu bleiben. Wir haben

dazu einen Leitfaden erstellt.

Tag 1: Ruhe und Schlaf

Eine elementare Bedingung für die Gesundheit

eines Menschen ist es, dem Körper genügend

Ruhe und Schlaf zu gönnen. Die Energiereserven

müssen aufgeladen und die Geschehnisse des Tages

verarbeitet werden. Das Schlaf- und Ruhebedürfnis

ist jedoch von Mensch zu Mensch verschieden.

Tag 2: Achtsamkeit

Achtsamkeit bedeutet, dass wir uns mit den

Gedanken möglichst häufig in die Gegenwart begeben.

Das Hier und Jetzt wird mit allen Sinnen

wahrgenommen, die jeweilige Tätigkeit bewusst

und achtsam durchgeführt. Dabei wird Rücksicht

sowohl auf die eigenen, als auch auf die Bedürfnisse

der Umwelt genommen.

Tag 3: Selbstreflexion

Als Menschen besitzen wir die Fähigkeit, über

uns selbst nachdenken zu können. Selbstreflexion

hilft, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Was mache ich gerne? Was tut mir gut?

Was könnte besser sein? Was sind meine Ziele

und Wünsche? Und wie klein sind wir und unsere

sogenannten Probleme, wenn wir die Situation

aus der Ferne des Universums betrachten?

Tag 4: Entrümpeln

Ein Europäer besitzt durchschnittlich zirka

10.000 Gegenstände, es kann auch ein Vielfaches

davon sein. Jeder davon ist mit einer Verpflichtung

verbunden, zumindest muss dem Gegenstand

ein Platz zur Verfügung gestellt werden.

Entrümpeln kann neue Kräfte freisetzen. Dies bezieht

sich nicht nur auf Gegenstände, sondern

kann auch auf unsere Erwartungen, Gewohnheiten

und Beziehungen übertragen werden. „Wenn

du etwas loslässt, bist du etwas glücklicher. Wenn

du viel loslässt, bist du viel glücklicher. Wenn du

ganz loslässt, bist du frei“, sagt der buddhistische

Mönch Ajahn Chah.

Tag 5: Ausgleich

Aus der Selbstreflexion ergeben sich Aktivitäten,

die individuell als positiv eingeschätzt werden.

Die größte Herausforderung beim Entschleunigen

ist es, die Theorie in die Praxis umzusetzen.

In diesem Schritt geht es daher darum, angenehme

Aktivitäten in den Alltag zu integrieren. Dabei

darauf achten, sich nicht zu viel vorzunehmen.

Tag 6: Zufriedenheit

Wenn wir auf das eigene Leben blicken, sollten

wir uns bewusst werden, wie privilegiert wir sind

und wie zufrieden wir uns schätzen können. Um

eine zufriedene Sicht auf das eigene Leben zu entwickeln,

kann es helfen, eine Liste anzufertigen

und Punkte aufzuzählen, mit denen man zufrieden

ist. Aristoteles: „Das Glück gehört den Genügsamen.“

Tag 7: Einfach mal nichts tun

Und also ruhte der Entschleunigte am siebenten

Tage und bewunderte sein Werk.

Bild: Nick Abrams

In unserer schnelllebigen Welt können wir

davon profitieren, uns Phasen der Entschleunigung

zu gönnen. Wir gewinnen Abstand zu den

Dingen und Meinungen und bereiten ein Beet,

in dem die innere Ruhe gedeihen kann. Mahatma

Gandhi: „Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig

dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.“


2/2019 MIND

25

Bilder: Pixabay

Start your day right!

Der Morgen bestimmt den Tag. Nur eine Floskel, aber was steckt dahinter? Wie kann

ich den Morgen effizient nutzen und daraus Energie ziehen, die mich den ganzen

Tag begleitet? Drei Menschen berichten von ihren ganz persönlichen

Morgenritualen und wie diese ihr Leben positiv beeinflusst haben.

VON JENNIFER SULTANOW

Morning Run

David ist 38 Jahre alt und Vater von zwei Kindern

im Grundschulalter. Sein Beruf: Senior Projekt

Controller in einem Schweizer Zement -

konzern. Sein Alltag: eher stressig. Durch die

anspruchsvollen Aufgaben in seiner Abteilung

kommen seine Gedanken auch nach Ankunft in

den eigenen vier Wänden nicht zur Ruhe, er denkt

weiter nach. Hinzu kommen meistens abendliche

Hausaufgaben, Besprechungen mit den Kindern,

bevor er todmüde ins Bett fällt.

Somit stand für ihn schon früh fest, er braucht

ein Morgenritual, das ihn für den Tag wappnet

und ihm hilft seine Gedanken zu strukturieren. Er

entdeckte seine Leidenschaft für das morgendliche

Laufen. Zugegeben, das durchzuziehen, ist alles

andere als einfach: Doch David sagt, gerade darin

liege der große Vorteil. „Wenn ich mich am

Morgen dazu aufraffen kann, acht Kilometer zu

laufen, habe ich bereits die größte Herausforderung

gemeistert. Meinen inneren Schweinehund

überwunden.“ Hinzu komme, dass er während des

Laufens Zeit hat, sich in aller Ruhe seine Aufgaben

zurechtzulegen und erste wichtige Entscheidungen

zu treffen. Ohne den Sport befürchtet er außerdem

einen Abfall seiner Leistungsfähigkeit.

Ihm würde der tägliche Energieschub fehlen.

Für all jene, die einen „Morning Run“ ebenfalls

in ihre Routine integrieren möchten, hat David

folgende Empfehlungen: sich zu Beginn kleine

Ziele setzen und einen Mitstreiter suchen, um die

Motivation aufrecht zu erhalten.

Meditation

Marius (19) und Markus (25) sind beide in verschiedenen

Phasen ihres Lebens. Marius ist noch

Student und steckt momentan in der ersten Hälfte

seines Studiums. Markus hat dagegen seit längerer

Zeit in der Industrie eine Festanstellung. Doch eines

haben sie gemeinsam: den aufkommenden

Alltagsstress. Bei Marius entsteht dieser durch die

zu erbringenden Leistungen während des Semesters

und der Schwierigkeit, dass er Studium und

Privatleben unter einen Hut bekommen muss.

Markus muss zwar keine Prüfungen mehr schreiben,

aber auch er ist im Job unterschwelligem

Stress ausgesetzt.

Eine Möglichkeit, ohne großen Aufwand für

einen Augenblick alle Gedanken auf lautlos zu

stellen, wäre für beide die perfekte Lösung. So haben

sie sich für das morgendliche Meditieren entschlossen.

Nach dem Aufstehen sucht sich Markus

einen ruhigen Platz in seinem Zimmer und meditiert

zirka zehn bis 15 Minuten.

Wie ist er zum Meditieren gekommen? Mehrere

seiner Kollegen würden dies ebenfalls praktizieren,

antwortet er. Die App „Headspace“ habe den

Einstieg erleichtert. Sie bietet kurze Lektionen an,

die sich leicht in den Morgen integrieren lassen

und eignet sich auch für Anfänger sehr gut.

Was beide besonders an ihrem morgendlichen

Ritual schätzen, ist die angenehme Leere, die

durch das Meditieren in ihrem Kopf entsteht und

damit einen konzentrierten Start in den Tag ermöglicht.

QUICK ENERGY BOOST

Wer sich motiviert fühlt, am liebsten

auch eine neue Morgenroutine einführen

würde, aber nicht so wirklich was

mit Laufen oder Meditieren anfangen

kann, für den hier ein schnelles Smoothie-Rezept.

Der Morning Boost Smoothie

bietet euch den nötigen Treibstoff

für den Tag, ohne dass ihr dafür eure

Tagesplanung verändern müsst.

Zutaten

1/2 gefrorene Banane

3/4 Tasse Kuh-, Hafer- oder Mandelmilch

1/2 Tasse Grünkohl

1/4 Tasse fettarmen griechischen

Joghurt

1 TL Mandelbutter

1 EL Proteinpulver deiner Wahl (z. B.

Vanille)

1 TL gemahlene Leinsamen

Alle Zutaten in einem Mixer pürieren,

bis eine cremige Konsistenz entsteht. Bei

Bedarf Eiswürfel hinzugeben, falls der

Shake dickflüssig sein soll.

Viel Spaß beim Ausprobieren!


26

MIND

mediakompakt

Homos halal

Händchenhaltend durch

die Stadt laufen, einen

schnellen Kuss an der

Ampel? Oder ist die Angst

gesehen und entdeckt zu

werden einfach zu groß?

HELEN GLEIXNER

Bild: freepik

Diversität wird aktuell gepredigt wie

nie zuvor. Homosexualität, Transsexualität,

Intersexualität. Vor allem

unsere Generation ist für diese Themen

sensibilisiert wie keine andere

zuvor. So zeigt es eine Umfrage der Antidiskriminierungsstelle,

nach welcher 83 Prozent der Deutschen

eine Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen

Partnern befürworten. Jedoch ist diese Toleranz

begrenzt.

Sie verringert sich, je mehr es die Menschen

persönlich betrifft. Etwa 40 Prozent geben in der

Umfrage an, dass es für sie unangenehm wäre,

wenn der Sohn schwul wäre. Das entspricht beinahe

der Hälfte. Bin ich in der Hinsicht also vielleicht

zu naiv? Lebe ich in meiner eigenen rosaroten

Filterblase, in der ich mich in allgemeiner

Toleranz wäge? Und vergesse dabei die Menschen,

die auf Grund ihrer sexuellen Orientierung tagtäglich

Einschränkungen und Diskriminierung

durch die Gesellschaft erfahren.

Es ist früher Abend und ich sitze in meinem

Wohnzimmer im Stuttgarter Osten. Gegenüber

von mir sitzt Osman. Osman ist schwul. Seine Familie

muslimisch. Offen kann er seine Sexualität

nicht leben. Muss diese vor der Familie geheim

halten. Bei einem Bier sprechen wir über sein Leben

zwischen Mekka und Kings Club.

mediakompakt: Bist Du gläubig?

Osman: Jein, also ich bin schon gläubig, aber nicht

religiös. Religion ist nicht mein Ding. Ich schließe

nicht aus, dass es irgendwas Größeres geben könnte.

Grüne Aliens mit Glubschaugen zum Beispiel,

man kann ja nie wissen.

mediakompakt: Und Deine Familie?

Osman: Meine Eltern kommen ursprünglich aus

dem Kosovo und sind gläubige Moslems. Kultur

und Tradition spielen eine wichtige Rolle. Mein

Vater ist in der islamischen Gemeinde in Stuttgart

aktiv. Meine Geschwister dagegen sind eher Alibi-

Moslems.

mediakompakt: Wann hast Du gemerkt, dass Du

schwul bist?

Osman: Oh, eine große Frage. Ich frage dann immer

gerne zurück: Wann hast du denn gemerkt, dass

du heterosexuell bist? Als ich in der sechsten Klasse

war, hat es Klick gemacht. Ich habe bemerkt,

dass ich nicht die Lisa aus der Parallelklasse megahübsch

finde, sondern den Stefan. Ich konnte das

zunächst nicht zuordnen. Das hat sich schon richtig

angefühlt, aber im selben Moment hat man das

Gefühl, das es falsch ist. In dem Alter traut man

sich noch nicht, über solche Dinge zu reden und

weiß nicht, ob es bei anderen ebenfalls so ist. Ob

das normal ist. Ich habe das verdrängt und versucht

dem aus dem Weg zu gehen. Ich hatte auch

Angst vor den Reaktionen meiner Eltern und meiner

Freunde. Als ich 17 war, habe ich mich in einen

Jungen aus meiner Klasse verliebt. Da war der

Drops gelutscht.

mediakompakt: Weiß Deine Familie, dass Du auf

Männer stehst?

Osman: Meine Geschwister wissen das. Das war keine

große Sache, als ich ihnen das erzählt habe.

Mein Bruder hatte zu dem Zeitpunkt einen Streit

mit Mama und meinte nur, „das ist jetzt echt egal,

ich reg mich über Mama auf, danach können wir

über dich reden“. Das war eine echte Erleichterung.Vor

meinen Eltern habe ich mich bis nicht

geoutet. Seit einem Jahr gibt es immer wieder Momente,

da sind alle gut drauf und gerade, wenn ich

mich überwinde, bekomme ich keinen Ton raus,

da fühlt man sich wieder wie ein Teenie. Die Angst

überwiegt, ich könnte meine Eltern verlieren.

mediakompakt: Wie kommentieren deine Eltern das

Thema Homosexualität?

Osman: „Das ist nicht richtig“ und „Gott hat das

nicht so gewollt“, sind zwei Sätze, die ich oft von

meinen Eltern zu hören bekomme, wenn wir

abends zusammen vor dem Fernseher sitzen und


2/2019 MIND 27

mit dem Thema konfrontiert werden. Meine Eltern

haben ein schwieriges Verhältnis zur Homosexualität,

was sicher zum Großteil der Religion

geschuldet ist. Homosexualität ist im Koran eine

Sünde. Doch in den letzten Jahren habe ich versucht,

meine Eltern zu sensibilisieren, so will ich

sie langsam, aber sicher auf mein Coming-out vorbereiten.

mediakompakt: Wie würde Dein Vater reagieren,

wenn er erfahren würde, dass Du schwul bist?

Osman: In meinem Kopf bin ich das immer und immer

wieder durchgegangen. Das ist schwierig,

denn es kommt immer anders als man denkt. Was

ich für mich komplett ausgeschlossen habe ist eine

totale Akzeptanz, nach dem Motto “Hey alles gut,

wir lieben dich trotzdem”. Was ich mir vorstellen

könnte, wäre, dass sie erst mal keinen Kontakt mit

mir haben wollen. Kein schöner Gedanke. Sollten

meine Eltern für eine gewisse Zeit Abstand brauchen,

werde ich ihnen dies berücksichtigen.

mediakompakt: Wie ist die Lage für Schwule in Deiner

Heimat, im Kosovo?

Osman: Im Kosovo ist Homosexualität legal, wird

aber in der Gesellschaft überwiegend tabuisiert.

Der Einfluss der Religionen ist groß. Wenn du in

einem Dorf lebst, gibt es so etwas einfach nicht,

das wird totgeschwiegen. Selbst in der Hauptstadt

gibt es nur wenige Schwulenbars. Homophobe

und konservative Denkweisen sind im Kosovo

weit verbreitet.

Bild: David Ruiz

mediakompakt: Viele Menschen haben auch heutzutage

mit Anfeindungen und Problemen zu

kämpfen, um das zu ändern, braucht es Vorbilder.

Das gilt vor allem für Menschen, die in der Öffentlichkeit

stehen, zum Beispiel Politiker, Sportler

oder auch Schauspieler. Was ist Deine Meinung zu

dieser Debatte?

Osman: Ja, Promis haben ganz sicher eine Vorbildfunktion,

gerade für homosexuelle Jugendliche,

die sich noch nicht geoutet haben, oft aus Angst

vor Ausgrenzung und Anfeindungen. Klar wäre es

toll, wenn es diese Coming-out-Funktion nicht geben

müsste. Aber heutzutage muss das zum Thema

gemacht werden, damit es irgendwann zur Normalität

wird.

mediakompakt: Was denkst Du, muss sich in den

nächsten Jahren verändern?

Osman: Das ist ein Prozess, den unsere Gesellschaft

durchmachen muss. Wie zum Beispiel bei Thomas

Hitzlsperger, der sich nach dem Ende seiner Karriere

als erster deutscher Fußballer geoutet hat, dass

er homosexuell ist. Ich frage mich, warum es so

lange Zeit und so viel Mut braucht, um etwas zu

gestehen, dass doch eigentlich längst so selbstverständlich

und normal sein sollte wie der Gang auf

die Toilette.

mediakompakt: Was würdest Du Dir für Deine Zukunft

wünschen?

Osman: Dass Menschen anfangen über den Tellerrand

hinauszuschauen.

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28

MIND

mediakompakt

Wenn Flucht zu Freundschaft führt

In Zeiten der Flüchtlingskrise engagieren sich viele Menschen, einige

leisten aktiv ehrenamtliche Hilfe. Dass sozialer Einsatz nicht nur

Freude und ein gutes Gewissen bereitet, wird häufig unterschätzt.

VON LISA FRITZ

September 2015, Libanon: eine Szene,

wie man sie aus den Medien kennt. Mahasen

A., die zwei Jahre zuvor aus syrischem

Kriegsgebiet geflüchtet ist, hat

einen Platz auf einem Schlepperboot.

Was ihr die riskante Flucht erschwert, ist ihr behinderter

Sohn Saif, sechs Jahre alt, und die Tatsache,

dass sie schwanger ist. Mahasen war

gezwungen, ihr Heimatland zu verlassen, nicht

wegen der dortigen Zustände, sondern weil sie

weiß, dass ihr Sohn ohne die nötigen ärztlichen

Maßnahmen sterben wird – und sie diese weder in

Syrien noch im Libanon erhält.

So muss sie ihre fünf weiteren Kinder zurücklassen,

was eine unvorstellbare Belastung bedeutet.

Nachdem sie es durch die Türkei und Griechenland

bis Deutschland geschafft hat, erschöpft

und ausgebrannt, steht sie wie fast alle Flüchtlinge

vor den nächsten Herausforderungen. Einen Platz

im Heim finden, Formalitäten, sozialrechtliche

Ansprüche. Alles ohne Deutsch-Kenntnisse.

Der Weg führt nach Waiblingen, wo Tochter

Toka zur Welt kommt. Mahasen lernt Rita S. und

ihre Tochter Tamara kennen, die anfangs bei

einigen Formalitäten helfen und gelegentlich die

Kinder beschäftigen sollen, um Mahasen den Alltag

zu erleichtern. Doch schnell kommt es zu

einer emotionalen Bindung, sowohl zur jungen

Mutter als auch ihren Kindern. Es entsteht eine

tiefe Freundschaft. Die Aufgaben sind längst nicht

mehr die eines Ehrenamtlichen, der hier und da

zu Behörden begleitet oder beim Deutschlernen

unterstützt. Die beiden Familien wachsen Tag für

Tag zusammen: Immer häufiger bleiben die Kinder

über Nacht, Feste werden gefeiert, Ausflüge

unternommen und lange Gespräche geführt.

Doch was einerseits gut tut, weil man gebraucht

wird, hat auch Schattenseiten. „Anders als Sozialarbeiter

kann ich abends nicht einfach das Handy

ausschalten, das möchte ich auch gar nicht. Wenn

Freunde Probleme haben, lässt man sie nicht im

Stich, für die ist man doch Tag und Nacht da”

meint Rita.

Die Caritas weist darauf hin, dass Helfer immer

wieder ihre körperlichen, psychischen und zeitlichen

Ressourcen

überschätzen.

Der

unentwegte Einsatz

und die emotionale

Nähe zu Flüchtlingen

und ihren

Schicksalen kann Ehrenamtliche an die Grenzen

der Belastbarkeit bringen. Auch Unverständnis

hinsichtlich politischer Entscheidungen und Behördenregelungen

führen häufig zu Frustration.

Das zeigt sich besonders, als im Dezember

2018 zwei der fünf Kinder aus dem Libanon nachgeholt

werden sollen. Was nach einem langersehnten

Wiedersehen klingt, wird zu einer nervlichen

Zerreißprobe. Am 24. Dezember, nachdem

sich die Familien monatelang um Formalitäten,

Ausweise und Flugtickets gekümmert haben, machen

sich die zwei Mädchen, vier und zwölf Jahre

alt, auf den Weg nach Deutschland. Hier ist die

Vorfreude groß, längst wird Heiligabend trotz kultureller

Differenzen gemeinsam gefeiert. So hofft

man dieses Jahr auf ein besonderes Weihnachtswunder.

Dazu kommt es nicht. Die Kinder sitzen

bereits im Flugzeug, als sie von libanesischen Behörden

abgeführt werden. Als Grund nennt man

das Fehlen einiger Papiere, obwohl diese stets vorlagen.

Für Mahasen bricht eine Welt zusammen.

Als ein paar Wochen später – trotz mehrmaligem

Überprüfen aller Unterlagen – auch der zweite

Versuch missglückt, erleidet die Mutter mehrere

Nervenzusammenbrüche. Für Rita und Tamara

steigt ebenfalls die

„Für Freunde ist man

doch Tag und Nacht da.“

psychische

Belastung

und die Hilflosigkeit,

da die Ausreise

scheinbar aus

reiner Willkür verweigert

wird. Gemeinsam kontaktieren sie internationale

Organisationen, besuchen das Konsulat

in Berlin, holen notarielle Bescheinigungen und

weitere Papiere ein. Und endlich ist es soweit: Am

20. Februar kann Mahasen ihre Töchter nach vielen

Jahren wieder in die Arme schließen, mit dem

Wissen, dass sie endlich in Sicherheit sind. Auch

für Rita und Tamara sind solche Momente pure

Glücksgefühle. „Natürlich ist es anstrengend,

gar keine Frage. Doch das ist es wert, allein, weil

unsere Familie nun doppelt so groß ist“.

Bild: Abel


2/2019 MIND

29

Illustration: Berenike Mack

Hinter jeder starken Frau

stehen starke Frauen

Female Fellows ist ein Verein, der geflüchteten und verfolgten

Frauen und Mädchen hilft, Hürden zu überwinden, die sie alleine

schwer schaffen. Die Gründerin Jana Derbas setzt sich für sie ein.

VON CECILIE ETSE

Wie aus einer Studie der Organisation

für wirtschaftliche Zusammenarbeit

und Entwicklung

(OECD) hervorgeht, werden

weibliche Geflüchtete schlechter

in die Deutsche Gesellschaft integriert. Grund ist

die geringe Teilnahme an Integrationsangeboten

und wenig Kontakt zu Einheimischen. Nur zwölf

Prozent der Frauen haben täglich Kontakt zu

Deutschen. Das war ein ausschlaggebender

Punkt, warum Jana Derbas „Female Fellows“ im

März 2018 den Verein gründete.

Der Verein unterstützt mit Hunderten ehrenamtlichen

Helferinnen geflüchtete Frauen und

Mädchen beim Spracherwerb, bei Behördengängen

und im Alltag. Dabei fördern die Treffen und

das dabei entstehende Vertrauensverhältnis die

Eingliederung in die Gesellschaft. Es entstehen

Freundschaften, ein spannender Austausch mit

anderen Kulturen und jede Menge Spaß, sagt

Jana Derbas und man lerne verschiedene kulinarische

Gerichte kennen.

Das Tandem-Projekt bezeichnet den Austausch

zweier Frauen, einer einheimischen Frau

und einer, die aus ihrem Heimatland geflüchtet

ist oder verfolgt wurde. Wenn sich ein Paar gefunden

hat, unternimmt es wöchentlich eine gemeinsame

Aktivität. So schafft es die geflüchtete

Frau, sich rascher zu integrieren. Für jede ehrenamtliche

Helferin im Tandem-Projekt sind verschiedene

Schritte wichtig. Zum einen die Begegnung

mit den Frauen, die in anderen Ländern viel

Leid erlebt haben und jetzt in der Fremde leben.

Nicht nur die Kultur ist anders, auch der Alltag und

die fremden Strukturen. Häufig löst das große Unsicherheit

aus.

Alle im Tandem-Projekt gehen offen und in einer

respektvollen und aufgeschlossenen Art miteinander

um. Zum anderen kommen so Mädchen

und Frauen aus verschiedenen Kulturkreisen mit

Bild: Verein

individuellen Ausprägungen zueinander. Denn

jede Kultur hat ihre Besonderheiten, daraus folgen

unterschiedliche Wertvorstellungen. Vieles

kann daher für Tandem-Partner neu sein, etwa die

familiären Strukturen, die gesellschaftliche Rolle

von Mann und Frau, Erziehung, Bildung, Religion,

Tradition und Sprache. Daher sei es wichtig,

sich mit der Kultur der Austauschpartnerin intensiv

auseinanderzusetzen, sagt Jana Derbas, die

selbst mit einem Jordanier verheiratet ist.

Die meisten geflüchteten Frauen bei Female

Fellows stammen aus Afghanistan und Syrien,

aber auch aus Ländern wie Ghana, Nigeria und

Eritrea. Jedes Tandem-Treffen wird daher mit der

Austauschpartnerin abgesprochen, um eine Aktivität

zu finden, bei der sich jeder wohlfühlen

kann. Female Fellows ist in Stuttgart und im Umkreis

aktiv. Jedoch will der Verein auf nationaler

Ebene agieren und in mehreren Städten Deutschlands

zusätzliche Standorte aufbauen.

Der Leitsatz von Jana Derbas: „Von nichts

kommt nichts. Erst muss man sich beweisen und

zeigen, was man leistet und welches Potenzial in

dem Projekt steckt.“ Erst vor kurzem konnte Female

Fellows in Bietigheim so eine 25-Prozent-

Stelle schaffen.


30

MIND

mediakompakt

Und wo kommst

Du WIRKLICH her?

Illustration: Connor Steinert

Machen wir neue Bekanntschaften,

ist eine der ersten

Fragen oft, wo wir herkommen.

Was damit gemeint ist,

ist nicht die Adresse, die im

Ausweis steht, sondern das

Land, aus dem unsere

Vorfahren kommen.

VON ANTONIA PLANKENHORN

Egal wo ich war, ich habe immer ein

bisschen den Anschluss verloren“, sagt

Selma, während sie ihren Kaffee trinkt.

Wir sitzen draußen, sie trägt eine Sonnenbrille,

ich sehe aber dennoch, dass

ihr Blick beim Erzählen in die Ferne wandert.

Selmas Eltern kommen aus Bosnien, sie ist in

Belgien aufgewachsen und zog 2002 nach Biberach

in Oberschwaben. Heute lebt sie in Stuttgart.

Geschichten wie Selmas sind für mich normal.

Im Jahr 2016 hatten in Stuttgart, wo ich aufgewachsen

bin, 44 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund.

Damit liegt Stuttgart weit

über dem Durchschnitt, bundesweit hatte 2017

immerhin fast jeder Vierte ausländische Wurzeln.

Meine Schulfreundinnen sind hier geboren

und für mich genauso „deutsch“ wie ich. Mit dem

kleinen Unterschied, dass zuhause nicht Deutsch

gesprochen wurde, sondern Kroatisch, Bosnisch

oder Türkisch. Die Sommerferien, Weihnachten

und Ostern verbrachten sie in ihrer „Heimat“.

Und ich blieb neidisch in Stuttgart zurück. Wir

machten nie mehr als zwei Wochen Urlaub. Heute

denke ich mehr darüber nach, ob es nicht traurig

sein muss, sich nach sechs Wochen Sommerferien

von den Freunden zu verabschieden, die man erst

Monate später wiedersieht. Vermutlich ähnlich

traurig, wie mit den Freunden aus Deutschland

nie ins Freibad zu gehen oder auf Festivals zu fahren.

Wo fühlen sich Menschen wie meine Schulfreundinnen

zuhause? Wo ist ihre Heimat? Und

kommen sie dort je richtig an?

Laura und Nicole, deren Wurzeln in Kroatien

und Polen liegen, fahren beide regelmäßig in das

Heimatland ihrer Eltern, fühlen sich jedoch in

Deutschland daheim. Laura schwärmt von den

Ferien in Kroatien, die sich für sie anfühlen, als

ginge sie ins Hotel. „Für mich ist das Urlaub. Mein

Nest ist aber hier in Stuttgart.“

Selma antwortet darauf ganz anders. „Heimat

ist für mich dort, wo ich keinen Anlass habe, mich

aufgrund meiner Mentalität oder Religion unwohl

zu fühlen. Dort, wo ich mich nicht verstellen

muss.“ Selma ist Muslimin und hat häufig nervige

Fragen zu ihrer Religion zu beantworten. „Wenn

ich während des Ramadan faste, kann das hier keiner

nachvollziehen. Das fühlt sich an wie früher

in der Schule, wenn man nicht die coolen Nikes

hatte.“ Selma zündet sich eine Zigarette an, bevor

sie weitererzählt. „Ich fühle mich nicht wie eine

Ausländerin, aber auch nicht so richtig Deutsch.

Es kommt mir vor, als hätte ich fünf Orte der Heimat,

so richtig aufgenommen fühle ich mich aber

nirgends.“ Hinter ihrer Sonnenbrille schaut sie

immer noch an mir vorbei und wirkt nun traurig.

Im Alltag ist dieses Thema für Selma nicht so

präsent. Nur dann, wenn Leute auf einer Party mit

der Antwort „Biberach“ nicht zufrieden sind und

unbedingt wissen müssen, wo sie tatsächlich herkommt,

ist sie genervt. „Wenn dann rauskommt,

dass ich Muslimin bin, wird erstaunt gesagt, ich

sei doch aber ganz normal.“ Und sie ergänzt, dass

es sich in solchen Momenten anfühle, als wäre ihr

Glaube etwas Schlechtes.

Eine Sache haben Laura, Nicole und Selma gemeinsam,

auch wenn sie nicht die gleichen Erfahrungen

gemacht haben. Auf die Frage, was für sie

Heimat ist, antwortet keine der drei mit einem bestimmten

Ort. Ihre Antworten beschreiben Gefühle

und Werte. Ähnlich war es bei all den anderen

Leuten, die für diesen Beitrag gebeten wurden,

in einem Wort zusammenzufassen, was für sie

Heimat ausmacht.

Da fielen Begriffe wie Familie, Geborgenheit,

Zufriedenheit und Wärme. Nur eine Person antwortete

mit „Stuttgart“. Warum also, ist es so

wichtig, zu wissen wo unsere Mitmenschen herkommen?

Wäre die Zeit nicht besser genutzt, würden

wir weniger über Orte nachdenken und stattdessen

fragen, woran unser Gegenüber glaubt und

was ihm wichtig ist?

Selma trinkt ihren letzten Schluck Kaffee und

sieht mir in die Augen: „Linien klar zu ziehen

macht heutzutage keinen Sinn mehr. Es wäre so

viel schöner, wären alle Menschen einfach nur

Menschen.“

Bild: Lena Joraschek


2/2019 MIND

31

Gugg a mol nah!

Reisen in die Ferne sind voll im Trend. Warum man nicht um die halbe Welt reisen muss, um

etwas zu erleben, verrät dieser Artikel. Gugget oifach a mol genauer no!

VON MARCO HINTERMEIER

New York, Rio, Tokio – drei Städte,

drei Ziele, drei Träume. Immer wieder

sucht es uns heim, das Fernweh.

Auf der Welt gibt es vieles zu sehen –

schillernde Metropolen, atemberaubende

Landschaften und kulinarische Abenteuer.

Kein Wunder, dass Urlaubsreisen in ferne

Länder bei Studenten hoch im Kurs stehen. Doch

schaut man genauer hin, muss man gar nicht weit

reisen, um etwas Besonderes zu erleben – denn

auch im Ländle gibt es allerhand zu sehen. Baden-

Württemberg bietet einfach alles, was das Urlauberherz

begehrt – von pulsierenden Städten über

endlose Naturparadiese bis zu regionalen Gaumenfreuden.

Und das Beste daran: man ist schon

mittendrin. Wir haben beim Tourismusverband

Baden-Württemberg nachgefragt – und jede Menge

Tipps bekommen.

Wie wäre es mit ein paar Tagen „in the wild“?

Die wilde Seite des Südwestens lernt man am

besten in der Natur kennen. Im Schwarzwald

kommen Naturliebhaber und Outdoor-Enthusiasten

gleichermaßen auf ihre Kosten. Er bietet eine

Vielzahl an Sport- und Freizeitangeboten, allen

voran das Wandern. Auch für Individualisten ist

im Schwarzwald bestens gesorgt.

Hier findet man sein eigenes Micro-Adventure.

So kann man spannende Naturwanderwege bestreiten

oder im Nordschwarzwald auf kleinen

Camps fast allein und legal im Wald campen (Onlinebuchung

erforderlich). Auch die Schwäbische

Alb lädt zu einem Besuch ein. Dort gibt es menschenleere

Landstriche, das imposante Donautal

und jahrtausendalte Höhlen. Eine tolle Grundlage,

um die Wildnis des Landes zu erleben.

Action in der Natur, Leben und Kultur in der Stadt – auch

in Baden-Württemberg!

Auch Freunde der Stadt stehen vor der Qual

der Wahl. So wartet das Land nicht nur mit lebhaften

Studentenstädten wie Tübingen, Heidelberg

und Freiburg auf, sondern besticht durch bunte

und kulturell vielfältige Metropolen wie Stuttgart

und Mannheim. Über das ganze Land hinweg

stößt man immer wieder auf hübsche Kleinstädte,

die definitiv einen Besuch wert sind. Schon einmal

in Schwäbisch Hall, Ellwangen oder Isny gewesen?

Nein? Dann mal los!

Bild: Marco Hintermeier

Wie wäre es mit einer Genießertour à la Ländle?

Der Südwesten ist auch genusstechnisch ganz

vorn. Von schmackhaften, lokalen badischen und

württembergischen Weinen (die man übrigens bei

einer Weinwanderung verkosten kann) bis zu regionalen

Spezialitäten und Hochgenüssen gibt es

für jeden Gourmet die passende Leckerei. Seien es

die weit bekannten Mautaschen, Schwarzwälder

Schinken, Obst vom Bodensee, Boeuf de Hohenlohe

oder schwäbischer Gin – für jeden Geschmack

ist etwas dabei. Essen kann man im Ländle nicht

nur gut bürgerlich, sondern übrigens auch sehr

edel in einem der vielen Sternerestaurants. Genießer-Geheimtipp:

Mannheim – im kulinarischen

Schmelztiegel des Landes isst man traditionell,

Haute Cuisine und Streetfood.

Kultur hautnah erleben!

Baden-Württemberg bietet viele Highlights.

Bei einer Auswahl von circa 1300 Museen, Burgen

und Schlösser kommt jeder auf seine Kosten. Wer

Kultur gerne hautnah erlebt, wird sich über das Jubiläum

„100 Jahre Bauhaus“, das im ganzen Land

gefeiert wird, oder den Jahrestag des Spaghetti-Eises

in Mannheim erfreuen. Action erlebt man im

Ländle nicht nur beim Klettern, Rafting oder Tauchen

im Bodensee, aber auch auf Achterbahnen,

zum Beispiel im Europapark.

Auch bei schlechtem Wetter kommt keine

Langeweile auf – die Experimenta Heilbronn,

Deutschlands größtes Wissenschaftszentrum, lädt

zum Entdecken ein. Übrigens: In keinem anderen

Bundesland Deutschlands lacht sie so viele Stunden

die Sonne wie bei uns. Daher: Gugget a mol

genauer nah – vielleicht ist der nächste Urlaub gar

nicht so weit entfernt.

Weitere Infos: www.tourismus-bw.de


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Wer die Welt verändern

will, braucht nicht nur

auf Prüfungsfragen eine

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