Berliner Kurier 07.07.2019

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JOURNAL

Unter der

Dunstglocke

Erinnerungen eines früheren DDR-Korrespondenten an ein untergegangenes Land

Es gibt Gerüche, die

bleiben im Kopf, auch

wenn sie längst verflogen

sind. Wenn ich

heute ein Krankenhaus betrete,

das mit dem Desinfektionsmittel

Lysol gereinigt wird, fühle

ich mich in den Sommer des

Jahres 1989 zurückversetzt, als

die Mauer noch stand.

Alle Bahnhöfe und alle öffentlichen

Gebäude der DDR rochen

nach dem Zeug –und der

Bahnhof Friedrichstraße, damals

Grenzübergang, besonders

intensiv. Weil ich mich

dort monatelang fast jeden

Morgen in eine lange Schlange

einreihen musste, um mit einem

Ein-Tages-Visum in die

Deutsche Demokratische Republik

einreisen zu dürfen, sind

mir der Lysol-Gestank im

Bahnhof und der Geruch der

Trabi-Abgase auf den Straßen

im Gedächtnis geblieben.

Beides hing wie eine Dunstglocke

über der Hauptstadt der

DDR. Das ganze Land roch danach.

Man konnte sich daran gewöhnen,

genauso wie man sich

an das ewige Schlangestehen

und an die endlosen Grenzkontrollen

gewöhnen konnte. Die

meisten DDR-Bürger, die ich

kennenlernte, hatten sich damit

abgefunden. Es war für sie

normal. Mir aber hat sich die

Mixtur aus Lysol- und Trabi-

Dämpfen eingeprägt als der typische

Geruch der DDR. Und

wenn mir heute irgendwo zufällig

Lysolgeruch in die Nase

steigt, denke ich an Unfreiheit,

Unterwerfung und Diktatur.

Eigentlich sollte ich am 1. Januar

1990 als Korrespondent

des Nachrichtenmagazins

„Spiegel“ in Ost-Berlin anfangen.

Doch die rasante politische

Entwicklung im Sommer 1989

warf meine Pläne über den

Haufen. Seit an der österreichisch-ungarischen

Grenze der

Stacheldraht entfernt worden

war, flohen Hunderte, Tausende

in den Westen. Das kleine

Loch im Eisernen Vorhang gab

der DDR den Rest. Der SED-

Regierung kam das Volk abhanden.

Jetzt sei es höchste Zeit für

mich, rüberzufahren, mahnte

mein Chefredakteur, sonst seien

hinterher alle weg, „und du

kannst in Ost-Berlin das Licht

ausmachen“.

Also flog ich im August nach

West-Berlin und begann, von

dort mein künftiges Arbeitsgebiet

zu erkunden. Aber das war

ziemlich kompliziert. Denn ich

war noch nicht als Korrespondent

angemeldet, durfte also

nicht wie meine in der DDR akkreditierten

Kollegen jederzeit

ungehindert und unkontrolliert

die Grenze überqueren.

Die „Grenz-Organe“ nutzten

das weidlich aus: Sie wussten,

dass ich Journalist bin und filzten

und durchsuchten mich jedes

Mal wie einen potenziellen

Fluchthelfer. Westzeitungen

mitzuführen war streng verboten.

Sogar die Wahrheit, eine

von der DDR finanzierte Zeitung

der Westberliner Kommunisten-Partei

SEW, wurde konfisziert.

Damals fand ich das furchtbar.

Heute denke ich: Die Schikanen

hatten auch ihr Gutes.

Denn so lernte ich das Grenz-

Regime aus der Unterta-

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