Berliner Kurier 07.07.2019

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14 JOURNAL BERLINER KURIER, Sonntag, 7. Juli 2019

mit welcher Selbstverständlichkeit

rassistische und antisemitische

Denk- und Sprachschablonen

schon vor dreißig

Jahren in Ostdeutschland hingenommen

und akzeptiert wurden.

In einem Ost-Berliner HO-

Kaufhaus hielt ich zum Beispiel

diese Szene fest: „Lange

Schlange vor der Kasse. Vorne

beschwert sich ein Schwarzer

bei der Kassiererin über irgendetwas.

Da geht es aber los

in der Schlange: Was der ,Bimbo‘

sich einbilde, wird gemurmelt,

zu Hause könne er sich so

benehmen, aber doch nicht hier

in der DDR. Wie er dazu komme,

eine deutsche Verkäuferin

so zu beleidigen.

Die Situation eskaliert. Ein

Riese, Typ Bierkutscher mit

Bauch und Berliner Schnauze

baut sich vor dem Schwarzen

auf und macht ihn derartig fertig,

dass der Mann wortlos sein

Zeug packt und geht. Kein Einspruch.

Alle finden das in Ordnung.“

Über eine Fahrt von Bad

Schandau ins Elbsandsteingebirge:

„Auf der Rückfahrt in der

historischen Bimmelbahn steigen

Wanderer zu. Sie haben die

Netze voll mit großen, duftenden

Pilzen. Es wird eng auf der

vorderen Plattform. Ein Mann


Grenzübergang

Heinrich-Heine-

Straße 1976.

Unser Autor fuhr

hier regelmäßig mit

seinem Mietwagen vor

und wurde oft gefilzt.

Vier Tage

DDR zum

Preis von

1000 DM.


mit Filzhut und Wanderjoppe

findet den Fahrpreis von 50

Pfennig (Ost) zu hoch. ,Du bist

ja wie ein Jude!‘, macht er den

Schaffner an, der bei ihm kassieren

will. Beifall heischend

schaut der Stänkerer in die

Runde. Einige nicken zustimmend.

Niemand nimmt Anstoß

an dem Judenvergleich, nicht

einmal der Schaffner.“

Im September 1989 warb die

staatliche DDR-Reiseagentur

Intourist mit einem besonders

attraktiven Angebot: Vier Tage

DDR mit Flug, Hotel und Mietwagen

zum Pauschalpreis von

1000 DM. Es war die erste Gelegenheit,

die neue Flugverbindung

Düsseldorf–Leipzig zu

testen. Das ließ ich mir nicht

entgehen.

Auszüge aus meinen Notizen:

„Im Warteraum in Düsseldorf

etwa 20 Passagiere. Die Abfertigung

verzögert sich: Der Flughafenfinger

ist kaputt, wir müssen

weit hinaus aufs Rollfeld

fahren. Dort steht die russische

Tupolew 13A, eine ziemlich

kleine Maschine, etwa 60 Plätze,

dünn gepolstert, wenn man

sich hineinfallen lässt spürt

man die Drahtfedern. Und da

ist er dann auch: Der typische

DDR-Geruch, ein Hauch von

Lysol (…)

Der Flughafen in Leipzig erinnert

an den militärischen Teil

des Flughafen Köln/Bonn. Man

wird schon auf dem Rollfeld

Fotos: Peter Zimmermann/dpa, GertSchütz/akg, dpa picture-alliance, Eberhard Klöppel/dpa, Peter Kneffel/dpa, zvg

praktisch mit Handschlag begrüßt.

Die erste Schlange bildet

sich vor der Passkontrolle. Bei

mir dauert es etwas länger. Das

Grenzorgan muss mehrfach telefonieren.

Das per Telex erteilte

Visum wird schließlich akzeptiert.

Der Zoll fragt nicht

nach Westzeitungen und will

auch gar nicht wissen, wie viel

Geld ich einführe. (…)

Der Taxifahrer (Lada 1500)

macht Witze über das neue attraktive

Reiseangebot der Saison:

Drei-Städte-Tickets seien

jetzt zu haben: Leipzig–Budapest–Gießen.

Er räsoniert über

die Fluchtgründe: Es sei der reine

Frust, weil in der DDR nichts

läuft. ,Na ja‘, sächselt er, ,wir

haben halt den Krieg alleine

verloren.‘“

In Leipzig wurde mir ein

Mietwagen (VW-Passat, nagelneu,

Kilometerstand 800) zugeteilt,

mit dem fuhr ich nach

Dresden. An einer Raststätte, 15

Kilometer vor der Stadt, hatte

ein Bauer vor seinem Trabi auf

schräg gestellten Holzstiegen

einen kleinen Obst- und Gemüsestand

aufgebaut. Für drei große

Äpfel wollte er nur 30-Ost-

Pfennige, ich gab ihm zwei


Übers Bier

kommen

wir ins

Gespräch.


Westmark.

Später erfuhr ich, von einem

Mann, der für den staatlichen

Großhandel im ganzen Bezirk

Dresden und damit auch für

den Einkauf von Obst und Gemüse

zuständig war, wie das

Geschäft im Osten lief: „Der

Preis, den die Bauern bekommen,

ist subventioniert, er liegt

weit über dem Preis, den die

Kunden später im Handel zahlen

müssen. Obst und Gemüse

sollen für jeden erschwinglich

sein. Was ist die Folge? Kluge

Bauern verkaufen ihr Obst dem

Großhandel, kaufen es stiegenweise

hinterher im Laden zurück

und verkaufen es ein zweites

Mal an den Großhandel. So

funktioniert der real existierende

Wirtschaftskreislauf.“

Dresden faszinierte mich aus

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