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Oberle_Mieder_Leseprobe

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Roman<br />

Esther <strong>Oberle</strong><br />

DAS<br />

MIEDER<br />

der Frau<br />

Triebelhorn


Esther <strong>Oberle</strong><br />

Roman<br />

DAS<br />

der Frau<br />

Triebelhorn<br />

MIEDER<br />

Friedrich Reinhardt Verlag


Alle Rechte vorbehalten<br />

© 2019 Friedrich Reinhardt Verlag, Basel<br />

Lektorat: Beatrice Rubin<br />

Cover: Fabienne Steiger<br />

Layout: Franziska Scheibler<br />

ISBN 978-3-7245-2323-9<br />

Der Friedrich Reinhardt Verlag wird vom Bundesamt für<br />

Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020<br />

unterstützt.<br />

www.reinhardt.ch


Die Ankunft<br />

Der Rachen des Förderbandes gibt ihn endlich frei. Marc<br />

packt mit festem Griff den unscheinbaren dunkelblauen Koffer<br />

und mit elegantem Schwung platziert er ihn auf seinem<br />

Trolley. Er erscheint ihm schwer. Irgendwie schwerer als vor<br />

dem langen Flug von Frankfurt nach Miami.<br />

Es war ein ruhiger Flug – Marc nutzte die Zeit und vertiefte<br />

sich in seine Dossiers. Ja, er ist überzeugt, dass es ein guter<br />

Deal ist, den er hier machen kann. Nur den Lokalpolitiker<br />

Van de Fries und den eifrigen Umweltaktivisten John Niemeier<br />

muss er noch auf seine Seite ziehen. Vor sechs Wochen<br />

hat er die beiden bereits getroffen – sie konnten sich jedoch<br />

nicht einigen. Dieses Mal muss Marc zwingend einen Schritt<br />

weiterkommen.<br />

Es sind zwei ziemlich bissige Typen, die seiner Firma enorm<br />

schaden könnten. Deshalb kümmert er sich selbst um die Angelegenheit.<br />

Marc weiss, dass es den beiden gefällt, wenn der<br />

Chef persönlich vorbeikommt. Ein bisschen hofieren muss<br />

man ihnen. Doch Marc als erfahrener, hartgesottener Manager<br />

ist überzeugt, dass er die beiden überzeugen kann.<br />

Gedankenverloren schiebt Marc den ungelenken Airport<br />

Metalltrolley durch die Zollkontrolle. Nein, er hat nichts zu<br />

verzollen – ein Businesstrip wie schon so viele.<br />

«Wenn die Gespräche mit Van de Fries und Niemeier hier<br />

in Miami gut laufen, könnte ich mir vielleicht diesmal noch<br />

einen freien Tag unter der Sonne Floridas gönnen. Nach harten<br />

Verhandlungen mit den Widersachern den Sieg mit einem<br />

Gin Tonic am Hotelpool des Ritz Carlton feiern, einfach ab-<br />

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hängen, die Sonne auf den muskulösen Körper scheinen lassen<br />

– ja genau! Das ist es!»<br />

Eine fantastische Idee. Nur er allein. Keine Kunden, die<br />

sich beschweren, keine liebende und doch manchmal nervende<br />

Ehefrau, keine Kids, die ständig etwas vom Papa wollen.<br />

Einfach mal einen Tag Ruhe. Erholung. Entspannung pur.<br />

Sonne und Pool. Vielleicht eine wohltuende Massage? Nötig<br />

hätte er es. Ein traumhafter Gedanke: ein Time-out. Und das<br />

hier in Florida, in Miami.<br />

Miami, diese kosmopolitische Stadt an der Südspitze Floridas.<br />

Der kubanische Einfluss spiegelt sich in vielen Cafés und<br />

Zigarrengeschäften entlang der Calle Ocho in Little Havanna<br />

wider. Miami Beach mit seinem türkisblauen Wasser und dem<br />

legendären Sandstrand. Dieser angesagte Ort ist für farbenfrohe<br />

Art-déco-Gebäude, Strandhotels und trendige Nachtclubs<br />

bekannt und es ist einer der Orte, in dem die Schiffe von<br />

Marcs Reederei anlegen. TCPC Transcaribbean Platinum<br />

Cruises – Marc führt das Unternehmen erfolgreich in dritter<br />

Generation.<br />

Ein gelbes Taxi hält an. Mit elegantem Schwung hebt Marc<br />

seinen dunkelblauen Koffer ins Wageninnere. Nein, nicht in<br />

den Kofferraum. Lieber behält er ihn im Auge, neben sich, auf<br />

der langen Sitzbank.<br />

«Zum Ritz Carlton, bitte», gibt Marc mit seiner tiefen, sonoren<br />

Stimme die Anweisung.<br />

Der Driver nickt und beschleunigt seinen Chevrolet Impala.<br />

Nur wenig Verkehr gibt’s zu dieser späten Stunde.<br />

Als er vorletzten Monat hier war, landete seine Maschine aus<br />

Genua in der gleissenden Mittagshitze dieser amerikanischen<br />

Metropole. In Genua musste er ein schwieriges Gespräch mit<br />

Andrea Giovanoli führen, dem Verantwortlichen seines Luxusschiffes<br />

«Royal Diamond». Der Italiener hatte Geld unterschla-<br />

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gen und Marc war ihm auf die Schliche gekommen. Die Konsequenz<br />

war knallhart: Marc hat Giovanoli fristlos entlassen.<br />

Die leisen Zweifel, weil Giovanoli Familienvater ist und es bestimmt<br />

nicht leicht für ihn werden wird, einen neuen Job zu<br />

finden, hatte Marc schnell verdrängt nach seiner Devise: «Mach<br />

die Probleme anderer nicht zu deinen eigenen.»<br />

Dank seines grossen Netzwerks war es für Marc einfach,<br />

einen neuen Kapitän für seine «Royal Diamond» zu finden.<br />

Er selbst ist viel in der Welt herumgereist: Gibt es eigentlich<br />

noch eine Ecke dieser Welt, die er nicht schon gesehen hat?<br />

Ahuahu hat er besucht, auf Amerikiwhati Island und auf<br />

Aiguilles Island war er bereits. Bare und White Island waren<br />

wohl die exotischsten Destinationen, die er besucht hat – an<br />

Bord seiner «Royal Pearl».<br />

Ja, Marc hats geschafft. So jedenfalls wird er von seinen<br />

Mitmenschen wahrgenommen: Der Mann, dem alles gelingt.<br />

Marc, der Erfolgreiche. Er reist rund um den Globus, entwirft<br />

Schiffe und lässt sie konstruieren, verhandelt, kauft, weiht ein<br />

und prostet auserwählten Gästen mit Champagner zu. Häppchen<br />

hier, Lachsbrötchen da, Politikern aus dem In- und Ausland<br />

hofieren – man weiss ja nie, ob einen vielleicht einmal<br />

solche Verantwortungsträger nützlich sein könnten. Marc der<br />

Weltenbürger.<br />

Doch wo bleibt sein Liebes- und Familienleben? Ist er sich<br />

in all den äusserst erfolgreichen Businessjahren fremd geworden?<br />

Macht ihn der Erfolg einsam? Welches Ziel hat er eigentlich?<br />

Ist es Geld? Macht? Verantwortung? Status? Gibt es nicht<br />

immer noch reichere, noch mächtigere Menschen? Ist ein solches<br />

Ziel überhaupt erstrebenswert? Wo ist seine Heimat? Was<br />

ist der Sinn seines Lebens? Welche Befriedigung hat er, wenn<br />

er von anderen hofiert und bewundert wird? Wer oder was<br />

wäre er ohne seinen Job?<br />

7


«Sir, wir sind hier, im Ritz Carlton.»<br />

Marc schreckt von seinen Gedanken auf.<br />

«Oh, thanks. Great.» Er drückt dem Taxifahrer ein paar<br />

Dollarscheine in die Hand. «Sir, der Rest ist für sie.»<br />

Marc ist müde, doch der Rezeptionist hat Verständnis.<br />

Schliesslich ist Mitternacht gerade vorbei. Es gibt kein langes<br />

Eincheckprozedere – Marc kennt man im Ritz Carlton.<br />

«Dieselbe Suite wie letztes Mal – Sie waren doch zufrieden<br />

mit der Location, mit der Aussicht und dem Balkon?», fragt<br />

der Angestellte.<br />

«Ja, das war wunderbar! Hier ist mein Smartphone.» Er<br />

streckt ihm sein Telefon hin und der Rezeptionist speist die<br />

Ritz-Carlton-App mit der passenden Technik. Digitalisierung<br />

pur.<br />

«Phänomenal», meint Marc.<br />

«Ja, Sir, Sie können damit nicht nur Ihre Zimmertüre öffnen,<br />

sondern im ganzen Hotel inklusive den Bars und Shops<br />

ganz einfach mit Ihrem Smartphone bezahlen, Zeitungen und<br />

Zeitschriften kostenfrei herunterladen, Ihren Roomservice bestellen,<br />

Flugpläne checken und vieles mehr.»<br />

«Ja, wunderbar. Danke. Ich kenne den Weg. Gute Nacht.»<br />

Marc nimmt sein Mobilephone und fährt hinauf zum<br />

44. Stock. Seinen dunkelblauer Koffer stellt er vor der Suite<br />

4428 ab und hält sein kleines schickes Telefon an den Sensor.<br />

Die Tür öffnet sich. Die Technik funktioniert. Endlich da!<br />

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Der Koffer<br />

Wunderschön hergerichtet ist seine Suite. Eine gefüllte Pralinenschachtel<br />

steht auf dem runden Glastisch. Ein hübsches<br />

Kärtchen steht daneben: «Welcome home, Mister Redford.»<br />

Marc nimmt seinen Koffer, hebt ihn auf den Metallständer im<br />

begehbaren Schrank und dreht am Zahlenschloss: 1507.<br />

Nichts passiert. Was ist denn los? 1507 lautet der Code seines<br />

Zahlenschlosses. Definitiv. Er dreht nochmals am Zahlenschloss.<br />

Und nochmals. 1507. 1507. Kein «klick». Nichts. Tot.<br />

Marc ist müde, entnervt. Er will nur noch unter die warme<br />

Dusche. Morgen ist das wichtige Meeting mit Van de Fries<br />

und Niemeier. 1507. Komm schon! 1507!<br />

Er ruft den Concierge mit seinem Telefon an – die App<br />

funktioniert in der Tat einwandfrei.<br />

«Bitte kommen Sie hoch und öffnen Sie meinen Koffer.<br />

Das blöde Schloss klemmt.»<br />

«Yes Sir», ertönt die nette Stimme von José, dem liebenswürdigen<br />

Concierge. Er ist gebürtiger Portugiese und seit<br />

Ewigkeiten im Ritz Carlton. José kennt alle Gäste und deren<br />

Macken. «Ich komme sofort mit dem Schlüssel zu Ihnen<br />

hoch, Mister Redford.»<br />

Marc schaut seinen dunkelblauen Koffer genau an und<br />

plötzlich überkommt ihn ein kalter Schauer. Da am kleinen<br />

Seitengriff prangt ein feines rosa Satinband. Wie kommt das<br />

kleine Ding dort hin? Wozu soll das gut sein? Und seine<br />

drei Initialen am Koffer – die hat jemand abgekratzt. So fies!<br />

Wie unvorsichtig die Gepäcktransporteure doch mit fremden<br />

Stücken umgehen! Die goldfarbenen Initialen M.R.R. Marc<br />

Richard Redford sind weg. Ja, er heisst Redford, und nein, er<br />

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ist nicht verwandt mit Robert Redford, dem Schauspieler.<br />

Und nein, er kennt ihn nicht. Und mit der Schuhmanufaktur<br />

Redford hat er auch nichts zu tun. Obwohl er zugegebenermassen<br />

sehr gerne exklusives Schuhwerk trägt, am liebsten<br />

italienische Modelle.<br />

Marcs Vorfahren kommen jedoch nicht aus Italien, sondern<br />

aus Hamburg. Seine Eltern waren vermögend. Die Reederei<br />

warf schon damals ordentlich Geld ab. Doch auf eine Eliteuniversität<br />

schickten sie ihn nicht. Er sollte sich selbst entwickeln<br />

und entfalten können. Früher war Marc ein Minimalist,<br />

ein bequemer und eher fauler Student. Seine Interessen galten<br />

eher den Partys, Frauen und Rockkonzerten. Liebend gern<br />

hörte er Santana. Diese Musik verschmolz nordamerikanischen<br />

Rock und lateinamerikanische Rhythmen zu einer neuen<br />

Stilform, dem Latin Rock. Dieser Stil löste schon damals<br />

die Sehnsucht bei ihm aus, die grosse weite Welt zu entdecken<br />

– ohne seine Eltern. Und klar, Led Zeppelin und Deep<br />

Purple, Status Quo und die Rolling Stones – sie alle gehörten<br />

zu seinem Repertoire.<br />

Doch dann mit fünfundzwanzig begriff er endlich, dass er<br />

nicht für seine Eltern lernte, sondern für sich, legte sich mächtig<br />

ins Zeug und machte einen brillanten Hochschulabschluss.<br />

Während der Semesterferien verdiente er sich mit Touristenführungen<br />

durch seine Heimatstadt Hamburg ein paar Euro<br />

hinzu. Er hasste es, von seinen Eltern abhängig zu sein und<br />

wollte es aus eigener Kraft schaffen.<br />

Er wuchs in der Nähe der Bernadottestrasse auf. Vielleicht<br />

sieht er deshalb fast ein bisschen adlig aus? Seine dunkelblonden,<br />

etwas längeren, dichten Haare wirken elegant und<br />

schick. Er ist gross, muskulös und durchtrainiert. Halt doch<br />

ein bisschen wie Robert Redford in jungen Jahren – das jedenfalls<br />

bekommt er jeweils von den Damen zu hören. Robert<br />

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Redford – 1507 – rosa Satinband: Herrschaft – das ist nicht<br />

sein Koffer!<br />

José klingelt und Marc öffnet die breite Türe des Appartements.<br />

«Bitte kommen Sie herein, José.»<br />

«Gern. Wo ist Ihr Koffer, Mister Redford?»<br />

«Bitte, dort im Schrankzimmer. José, es ist sehr nett, dass<br />

Sie mir helfen. Das Zahlenschloss verhakte sich offenbar in<br />

der Kälte des Frachtraumes oder beim Transport und jetzt<br />

klemmt es.»<br />

«Kein Problem, Mister Redford.» José zückt einen professionellen<br />

Kofferschlüssel. Genau so einen benutzen auch die<br />

Zollbeamten: Damit kann man alle modernen Kofferschlösser<br />

im Handumdrehen knacken. Damit werden am Airport auch<br />

Stichproben durchgeführt. Wurde sein Koffer etwa auch auf<br />

diese Weise gescreent? Deshalb die abgekratzten Lettern<br />

M.R.R.?<br />

Klick-klack. Das Schloss ist entriegelt. Nervös und mit<br />

leicht zittrigen Händen drückt Marc die beiden Metallschlösser<br />

gegen rechts und öffnet den dunkelblauen Kofferdeckel.<br />

Ein Seidenfoulard verdeckt den Kofferinhalt.<br />

«Danke, José. Sie haben mir sehr geholfen.»<br />

«Keine Ursache, Sir. Gute Nacht.»<br />

Marc starrt in den Koffer. Das ist definitiv nicht sein Seidenfoulard.<br />

Es ist auch nicht das Hermès-Carée seiner Ehefrau<br />

Charlotte. Er zupft am Seidentuch und lässt es auf den weissen<br />

Hochfloor-Teppich fallen. Da: ein Kulturbeutel in elegantem<br />

dunkelrotem Lackleder. Zaghaft – fast ein bisschen verschämt<br />

– öffnet Marc den Reissverschluss. Lippenstifte in unterschiedlichen<br />

Rottönen offenbaren sich, Nagellack in knallrot<br />

und ein Minilack «Velvet 396», Puder und Pasten, Döschen<br />

und Fläschchen und ein Chanel Noir. Marc öffnet den edlen<br />

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schwarzen Flakon und schnuppert am schweren Amberduft.<br />

Dieser orientalische Duft entführt seine Gedanken in 1001<br />

Nacht . . . Bauchtänzerin mit pechschwarzem Haar, üppiger<br />

Oberweite und kreisenden Hüften. In seinen Ohren meint er<br />

die klimpernden goldfarbenen Münzen am Röckchen zu hören.<br />

Orientalische Rhythmen, Trommel, Zither, Flöte . . .<br />

Lautes Lachen und schrilles Kreischen holen Marc in die<br />

Gegenwart zurück. Spät heimkehrende Partygänger scheinen<br />

angetrunken durch den Hotelkorridor zu schwanken. Sie<br />

gröhlen. Die suchen bestimmt ihr Zimmer. Hoffentlich hat<br />

der Alkohol den Orientierungssinn der Partygänger nicht zu<br />

sehr eingenebelt.<br />

Marc legt den dunkelroten Kulturbeutel beiseite. Eine Weile<br />

hält er inne. Was soll er tun? Das ist ein fremder Koffer.<br />

Aber identisch mit dem seinen. Wo aber ist sein Gepäck? Er<br />

braucht dringend die ergänzenden Unterlagen für sein Meeting<br />

mit Van de Fries und Niemeier. Gerhard Schmid, sein<br />

Finanzchef, hat ihm alle zusätzlich notwendigen Papiere mitgegeben<br />

und die hat er dummerweise in seinem Koffer deponiert.<br />

Es sind wichtige Papiere. Muss er Geri bitten, ihm die<br />

Papiere per Mail nochmal zuzustellen? Hat er überhaupt Kopien<br />

angelegt? Ja, wahrscheinlich schon. Geri ist ein alter Hase<br />

und mit allen Wassern gewaschen. Er war schon in der Firma<br />

tätig, als Marcs Vater noch am Ruder war. Als Buchhalter hat<br />

er in der Reederei angefangen. Zwischenzeitlich ist die Firma<br />

gross geworden. Und erfolgreich. Marc hat das Unternehmen<br />

vorwärts gebracht. Geri, wie er von allen liebevoll genannt<br />

wird, ist ein wirklich netter, äusserst korrekter älterer Mann.<br />

«Gut, eine solche Vertrauensperson in seiner Firma zu haben»,<br />

denkt Marc.<br />

Er braucht jedoch nicht nur Geris Unterlagen für das Meeting,<br />

er braucht auch seinen anthrazitfarbenen Massanzug mit<br />

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dem frisch gebügelten Hemd. Charlotte faltete es liebevoll zusammen,<br />

und sie pflegt immer ein kleines Zettelchen zwischen<br />

den Hemden zu verstecken. Charlotte, du Liebe!<br />

Doch wem zum Kuckuck gehört dieses Gepäck? Offenbar<br />

einer Lady, ja. Aber wie findet Marc diese Person? Deponierte<br />

die Unbekannte ihre Adresse oder Telefonnummer irgendwo<br />

im Koffer? Vielleicht ist sie eine Geschäftsfrau, die ihre Unterlagen,<br />

Hotelreservationen und Rückflugtickets im Koffer<br />

transportiert? Leichtsinnig wäre das. Solche Unterlagen gehören<br />

ins Handgepäck, klar doch. Das kann sich Marc auch hinter<br />

die Ohren schreiben. Oder vielleicht ist sie Teilnehmerin<br />

einer Reisegruppe und er findet das Programm ihrer Rundreise?<br />

Vielleicht ist die Lady auch nur auf Kurzvisite in Miami<br />

und reist dann weiter auf die Karibikinsel St. Martin? Wie<br />

kommt er jetzt auf St. Martin? Ach ja, das ist einer der wohl<br />

verrücktesten Airports – und ja, eines seiner Schiffe cruist<br />

momentan in der Karibik und legt auf St. Martin, Antigua,<br />

St. Vincent, Barbados, Tobago und Cozumel an. Eine fantastische<br />

Kreuzfahrt – Marc hat damals seine Frau Charlotte auf<br />

die Jungfernfahrt dieses fantastischen Luxusschiffes mitgenommen.<br />

Schön hatten sie es in ihrer modernen Suite mit<br />

Balkon – ach, war das herrlich, abzuhängen, zu entspannen,<br />

sich mit Charlotte verwöhnen zu lassen. Sie genossen es so<br />

sehr.<br />

Und nun steht Marc vor diesem fremden Koffer. Hätte er<br />

ihn nicht öffnen dürfen? Würde er als Dieb oder gar als Lustmolch<br />

eingestuft? Nein! Er will doch nur den Namen dieser<br />

fremden Frau herausfinden. Er will ihr den Koffer zurückgeben,<br />

und wer weiss: Vielleicht hat sie aus Versehen seinen mitgenommen?<br />

Marc sucht weiter. Er durchwühlt den Kofferinhalt.<br />

Da: ein schickes hellbeiges Minikleid von Courrèges,<br />

liebevoll gefaltet – trägt nicht die Première Dame von Frank-<br />

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eich solche kurzen Kleidchen? Wie heisst sie schon wieder?<br />

Brigitte? Das wäre ja der Hammer, hätte Marc den Koffer der<br />

First Lady aus Versehen mitgenommen. Doch nein, die Première<br />

Dame fliegt logischerweise im Präsidentenjet. Wem<br />

zum Teufel gehört denn dieses Zeug? Und hier, ein pechschwarzes<br />

Spitzenkleid von Dolce & Gabbana – klar doch, das<br />

«kleine Schwarze» gehört in jeden Koffer einer Dame von<br />

Welt. Und da – ein knallrotes Kostüm – sehr eng geschnittene,<br />

scharfe Linienführung: Sie muss schlank sein. Ein fuchsiafarbener<br />

Hosenanzug – ein Zweireiher – scheint ein lässig<br />

weites Modell zu sein, und da, ein schwarzer Damensmoking.<br />

Das satin glänzende Revers fällt auf. Tief ausgeschnitten. Auf<br />

einen Knopf zu schliessen – ob die Dame darunter nur ihren<br />

Büsten halter trägt? Die vier weissen Businessblusen sind makellos,<br />

gebügelt und gefaltet in speziellen Wäschebeuteln versorgt.<br />

Ein grauer Anzug von Hugo Boss komplettiert ihre<br />

Garderobe. Und da sind ziemlich elegante dunkelblaue<br />

Jeans – und hier, eine total abgefuckte, zerrissene und mit<br />

roten und weissen Farbspritzern dekorierte Destroyed Jeans<br />

Grösse 26. Oh, die Dame scheint modisch orientiert und eher<br />

jugendlich zu sein.<br />

Die Kleidergrösse erinnern ihn an Charlotte. Seine Charlotte,<br />

die jetzt über siebentausend Kilometer weit entfernt ist.<br />

Charlotte – das wäre deine Konfektionsgrösse. Oder legte sie<br />

nach der Geburt von Jonas und Christian an Gewicht zu? Ja,<br />

ihre Hüften wurden in den sieben Ehejahren doch etwas fülliger,<br />

und ja, ihr Bauch ist nicht mehr ganz so flach wie damals.<br />

Vielleicht ein paar Dellen und Schwangerschaftsstreifen.<br />

Doch sie gibt sich Mühe, ihre Figur zu halten. Mässig treibt<br />

sie Sport, geht ins Gym, macht Yoga und Pilates.<br />

Marc zupft am weissen T-Shirt, welches unter der kaputten<br />

Jeans hervorblitzt. In grossen schwarzen Lettern steht «Karl»<br />

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auf der Vorderseite dieses Basics. Karl – das ist wohl nicht der<br />

Name des Ehemannes dieser fremden Frau, sondern der Herr<br />

Lagerfeld ist damit gemeint. Marc legt das Shirt beiseite und<br />

starrt auf die darunterliegenden Dessous. Donnerwetter: heisse<br />

Strings, ein Hauch von Nichts! Wer zum Kuckuck zieht<br />

sich so was an? Ein Lächeln huscht über das unrasierte Gesicht<br />

von Marc. Pflegte Charlotte nicht jeweils zu sagen: diese<br />

Strings seien «Arsch-frisst-Hose»-Modelle? Ein hautfarbener<br />

Büstenhalter – oh wie schrecklich – ein diskretes Modell mit<br />

vorgeformten Cups – welche Grösse?<br />

75 D. Oh, die Lady hat aber eine üppige Oberweite! Marc<br />

möchte wieder in seine Fantasie abtauchen, doch dieses hautfarbene<br />

unschöne Ding holt ihn auf den Boden der Realität<br />

zurück. Als «Abtörner-Modell» tituliert Charlotte diese Dinger,<br />

doch trägt auch sie genau solche Modelle – jedoch nur<br />

unter den weissen Blusen und T-Shirts. Charlotte meinte, dass<br />

Frau anstelle dieser nudefarbenen sogar rote Büstenhalter unter<br />

weissen T-Shirts tragen kann, ohne dass diese stützenden<br />

Hilfsmittel durch den feinen Stoff schimmern. Ob das wohl<br />

stimmt? Rote Modelle scheint die Unbekannte jedoch nicht<br />

zu tragen – aber da – was ist denn das? Ein in Seidenpapier<br />

eingewickeltes, schweres Teil. Marc packt es aus: ein pechschwarzes<br />

Ledermieder! Oh mein Gott! Die rote Schnürung<br />

am Rücken, die blitzenden Ösen! Keine Cups, nur ein <strong>Mieder</strong>.<br />

Ein heisses Ledermieder. Wahnsinn! Rockig. Verrucht.<br />

Sexy. Erotisch. Hammermässig. Sadomaso?<br />

Charlotte trägt jeweils eines unter ihrem Dirndl. Ein harmloses<br />

weisses Baumwollmieder, um den Busen etwas besser zur<br />

Geltung zu bringen. Ja, als Marc und sie vor wenigen Monaten<br />

auf dem Oktoberfest beim Käfer in München waren, trug<br />

Charlotte ihr nettes <strong>Mieder</strong>. Sie behauptete, das sei ein richtiges<br />

<strong>Mieder</strong>. Doch wenn Marc sich nun dieses Teil genauer<br />

15


anschaut – DAS hier ist ein richtiges <strong>Mieder</strong>! Die rote Rückenschnürung<br />

betont die Sexyness des Modells und die Metallstäbchen<br />

modellieren bestimmt eine extreme Wespentaille.<br />

Marc stellt sich vor, wie die Brüste der Unbekannten in diesem<br />

Ledermieder zur Geltung kommen. Es sind straffe Brüste.<br />

Die gepflegten Hände von Marc streichen über das Teil. Charlotte<br />

würde niemals ein so verruchtes <strong>Mieder</strong> tragen. Wieso<br />

eigentlich nicht? Es würde ihm gefallen, sie würde ihn heiss<br />

machen, verführen. Der Puls von Marc erhöht sich und eine<br />

leichte Röte huscht über seine Wangen. Marc ist erregt.<br />

16


«Ich brauche in meinem Leben nur Menschen,<br />

die mich in ihrem auch brauchen.»<br />

Nach diesem Motto gestaltet Annabelle ihr<br />

Leben. Sie ist eine interessierte, moderne,<br />

selbst ständige Frau und sie ist Single. Überzeugter<br />

Single. Durch einen Zufall lernt sie<br />

den erfolgreichen Geschäftsmann Marc<br />

kennen. Marc hat alles, was ein Mann sich<br />

wünschen kann. Trotzdem oder vielleicht<br />

gerade deshalb beginnt er mit Annabelle eine<br />

sinnliche, leidenschaftliche Affäre. Während<br />

sich Annabelle vor der Liebe fürchtet, lernt<br />

Marc schon bald die Fesseln der Sinneslust<br />

kennen – und die Reaktion seiner Ehefrau.<br />

Hätte er rückblickend anders gehandelt?<br />

Dieser packende Roman beschreibt das<br />

pralle Leben zweier Menschen, die sich wie<br />

Magnete anziehen und doch abstossen,<br />

die fasziniert sind vom Gegenüber und sich<br />

doch verachten. Eine Verbindung, die es<br />

eigentlich nicht geben darf. Und trotzdem<br />

gibt es sie. Wie geht ein Paar mit einem<br />

Seitensprung um? Kann es eine zweite Chance<br />

geben? Was macht Paare stark? Gibt es ein<br />

Geheimnis für glückliche Beziehungen?<br />

ISBN 978-3-7245-2323-9

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