KDA-Themenheft_2019_Mobilitaet_190607-web
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Bitte wenden<br />
Ökologische und soziale<br />
Herausforderungen einer<br />
zukünftigen Mobilität.<br />
THEMENHEFT <strong>2019</strong><br />
Impulse für Wirtschaft,<br />
Arbeitswelt und Kirche<br />
mit Materialien für<br />
Gottesdienst und Gemeinde
INHALT<br />
VORWORT UND GRUSSWORT<br />
03 Vorwort<br />
04 Grußwort<br />
EINLEITUNG<br />
05 Bitte wenden<br />
DAS THEMA<br />
09 Ressourcenleicht, naturverträglich<br />
und selbstbegrenzt –<br />
und besser mobil<br />
13 Eckpunkte einer Verkehrs wende<br />
zu klimafreundlicher Mobilität<br />
2030<br />
16 Mobilität, Klimaschutz und<br />
Arbeitsplätze in Einklang<br />
bringen<br />
STIMMEN AUS DER PRAXIS<br />
18 Es muss das gesamte System<br />
stimmen – Interview mit<br />
Till Oberwörder und Joachim<br />
Horner von EvoBus GmbH<br />
28 Dios es mi Copiloto –<br />
Interview mit Fernfahrer-<br />
Seelsorger Josef Krebs<br />
MOBILITÄT VOR ORT<br />
22 Dortmund sorgt für Bewegung –<br />
Stationen auf den Wegen<br />
zur Nachhaltigkeit<br />
24 „Garantiert mobil !“ –<br />
ein vorbildhaftes Projekt<br />
im Odenwaldkreis<br />
26 Fahrradmodellquartier in der<br />
„Alten Neustadt“ Bremen<br />
SPIRITUELLE ANREGUNGEN<br />
29 Bausteine für Andacht und<br />
Gottesdienst<br />
MOBILITÄT UND KIRCHE<br />
32 Geht doch ! – Ansätze einer<br />
neuen Mobilitätskultur im<br />
Bereich der Kirchen<br />
ZWISCHENRUFE<br />
08 Die Zukunft der Mobilität in<br />
Deutschland<br />
20 Wohin steuert die deutsche<br />
Automobilindustrie?<br />
34 Links & Literatur<br />
35 Impressum<br />
Bitte wenden<br />
Ökologische und soziale<br />
Herausforderungen einer<br />
zukünftigen Mobilität.<br />
REDAKTION & AUTOR*INNEN<br />
AUTOR*INNEN<br />
Dr. h.c. Annette Kurschus<br />
Präses der Evangelischen Kirche von<br />
Westfalen<br />
praeses@lka.ekvw.de<br />
Andrej Cacilio<br />
Betriebswirt und Wirtschaftsinformatiker<br />
Produktmanager für autonome Fahrzeuge<br />
andrej.cacilo@yahoo.de<br />
Dr. Thomas Ernst<br />
Humangeograph<br />
Projektleiter für urbane<br />
Mobilitätskonzepte in einer Kommune<br />
thomas-er@gmx.de<br />
Jobst Kraus<br />
Dipl. Psychologe,<br />
Erziehungswissenschaftler und Theologe,<br />
Bad Boll<br />
Ehrenamtlicher Landesbeauftragter für<br />
nachhaltige Entwicklung beim BUND<br />
Baden-Württemberg<br />
post@jobstkraus.de<br />
Roman Zitzelsberger<br />
Bezirksleiter der IG Metall Baden-<br />
Württemberg, Stuttgart<br />
Roman.zitzelsberger@igmetall.de<br />
MdL Winfried Hermann<br />
Verkehrsminister des Landes<br />
Baden-Württemberg, Stuttgart<br />
winfried.hermann@gruene.landtag-bw.de<br />
Dr. Karina Becker<br />
Leiterin Kolleg<br />
Postwachstumsgesellschaften an der<br />
Universität Jena<br />
kolleg-postwachstum@uni-jena.de<br />
Gunda von Fircks<br />
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und<br />
Referentin der Institutsleitung im Institut<br />
für Kirche und Gesellschaft, Schwerte<br />
gunda.vonfircks@kircheundgesellschaft.de<br />
Stefan Reinhardt<br />
Öffentlichkeitsarbeit odenwaldmobil<br />
OREG mbH, Michelstadt,<br />
s.reinhardt@odenwaldmobil.de<br />
REDAKTIONSTEAM:<br />
Romeo Edel<br />
Wirtschafts- und Sozialpfarrer, Stuttgart<br />
<strong>KDA</strong> Württemberg<br />
romeo.edel@ev-akademie-boll.de<br />
Thomas Löffler<br />
Wirtschafts- und Sozialpfarrer i.R.<br />
<strong>KDA</strong> Baden, Mannheim<br />
kda.mannheim@ekiba.de<br />
Heike Miehe<br />
Dipl. Soziologin, Referentin für Arbeit<br />
und Soziales, Mainz<br />
Zentrum für gesellschaftliche<br />
Verantwortung der<br />
ev. Kirche Hessen-Nassau<br />
h.miehe@zgv.info<br />
Karin Uhlmann<br />
Wirtschafts- und Sozialpfarrerin,<br />
Heilbronn<br />
<strong>KDA</strong> Württemberg<br />
karin.uhlmann@ev-akademie-boll.de<br />
Klaus-Peter Spohn-Logé<br />
Sozialsekretär i.R., Mitglied im <strong>KDA</strong><br />
Bundesvorstand, Mannheim<br />
<strong>KDA</strong> Baden<br />
spohn-loge@kabelmail.de<br />
+++ 1. MOSE 2,15: UND GOTT DER HERR NAHM DEN MENSCHEN UND SETZTE IHN IN DEN GARTEN EDEN,
VORWORT<br />
LIEBE LESERINNEN UND LESER!<br />
Die Zukunft der Mobilität betrifft uns alle, und viele ahnen oder wissen:<br />
Da kommen große Veränderungen auf uns zu. Es kommt darauf an, sich<br />
von diesen Veränderungen nicht überrollen zu lassen, sondern sie zu<br />
gestalten. Wie dies gelingen kann, dazu will die vorliegende Publika tion<br />
Hinweise, Einblicke und auch Hintergrundinformationen geben.<br />
Seit der UN-Konferenz in Rio 1992 steht<br />
der Gedanke der Nachhaltigkeit für die<br />
drei Themenfelder Ökologie, Soziales<br />
und Ökonomie auf der globalen Agenda. Das<br />
lange geltende gleichwertige Nebeneinander<br />
dieser drei Themenfelder wird allerdings vor<br />
allem durch die beiden vom Wuppertal-Institut<br />
für Klima, Umwelt, Energie erstellten Studien<br />
„Zukunftsfähiges Deutschland 1 und 2“ aus<br />
den Jahren 1996 und 2008 infrage gestellt.<br />
Erste Priorität muss vielmehr die Ökologische<br />
Säule haben. Es muss der Menschheitsfamilie<br />
als Ganzer gelingen, die planetarischen Grenzen<br />
der Gefährdung und Zerstörung nicht zu überschreiten.<br />
Ansonsten drohen wirtschaftliche und<br />
auch soziale Folgen ungekannten Aus maßes.<br />
Zugleich ist deutlich, dass die ökologi schen<br />
Ziele nur dann erreicht werden können, wenn es<br />
gelingt, die damit einhergehenden Ein schränkungen<br />
und Kosten sozial abzufedern. Dazu<br />
braucht es ökonomische Rahmen be din gungen,<br />
die sowohl ökologisch verträglichere als auch<br />
sozial gerechtere Verhaltensweisen fördern.<br />
40 Prozent weniger CO 2 im Verkehrsbereich<br />
sollen wir im Jahr 2030 ausstoßen – so hat es<br />
die Bundes regie rung vor gegeben. Um dieses<br />
Ziel zu erreichen, liegt eine „sportlich zu bewältigende<br />
Weg strecke“ vor uns. Denn in den<br />
ver gan genen 30 Jahren lag die Reduktion der<br />
Emis sionen im Verkehrs bereich bei Null. Spätestens<br />
jetzt gilt es zu star ten – nicht zuletzt,<br />
weil es ohne Klima ge rechtigkeit auch keinen<br />
Weltfrieden geben kann.<br />
Doch welche Wege gilt es zu wählen? Das vorliegende<br />
<strong>Themenheft</strong> möchte zur Orientierung<br />
helfen und zugleich dazu einladen, das Thema<br />
in Gemeinde und Kirche aufzugreifen. Der Philo<br />
soph Seneca hat einmal gesagt: „Nicht weil<br />
es schwer ist, wagen wir es nicht – sondern<br />
weil wir es nicht wagen, ist es so schwer.“ 1<br />
Zu folgenden Fragestellungen finden Sie in dieser<br />
Publikation Material zur Anregung und zum<br />
Weiterdenken:<br />
• Wo stehen wir? Die Problemfelder<br />
• Vier Expertenbeiträge zur Zukunft der<br />
Mobilität<br />
• Mehrere konkrete Beispiele aus der Praxis<br />
• Strukturwandel und soziale Fragen<br />
• Bausteine für Gottesdienst und Andacht.<br />
Ich danke dem Redaktionsteam sehr für die<br />
Erarbeitung dieses für unsere Zukunft eminent<br />
wichtigen Themas und wünsche Ihnen viel<br />
Freude und Gewinn beim Lesen.<br />
MICHAEL KLATT<br />
Landessozialpfarrer i.R., Bundesvorsitzender<br />
des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (<strong>KDA</strong>)<br />
und Vorsitzender des Evangelischen Verbandes<br />
Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt (KWA)<br />
1<br />
„Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht<br />
wagen, ist es schwer. Lucius Annaeus Seneca (Werk: Moralische Briefe an<br />
Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), XVII/XVIII, CIV, 26)<br />
THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
3<br />
DASS ER IHN BEBAUTE UND BEWAHRTE. +++ 5. MOSE 30,19: ICH NEHME HIMMEL UND ERDE HEUTE ÜBER
GRUSSWORT<br />
„Nur Genießer fahren Fahrrad<br />
und sind immer schneller da!“<br />
„Nur Genießer fahren Fahrrad und sind immer schneller da!“<br />
Mit seiner Ode an das Fahr rad hat der passionierte Radfahrer Sebastian<br />
Krumbiegel mit den „Prinzen“ im Jahr 1991 einen Hit gelandet. Eine<br />
Provokation! Eine Irritation moderner Lebens- und Fortbewe gungsgewohnheiten.<br />
Wer hätte damals gedacht, dass das Fahrrad heute einen<br />
zentralen Baustein im Kontext nachhaltiger Mobilitätskonzepte darstellt.<br />
Und längst sind es auch nicht mehr nur die „Genießer“, sondern Pragmati<br />
kerinnen und Pragmatiker, die Sport und Alltagsmobilität, Effizienz<br />
und Klima neutralität ganz bewusst zu verbinden suchen.<br />
Wir Kirchen setzen uns unserem Auftrag<br />
gemäß nach Kräften für Frieden,<br />
Gerechtigkeit und die Bewahrung<br />
der Schöpfung ein. Mit verschiedenen Projekten<br />
und politischem Nachdruck beteiligen wir uns<br />
an der Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele.<br />
Zugleich hinterfragen wir unser eigenes Mo bilitätsverhalten.<br />
Wo können etwa Telefon kon ferenzen<br />
Meetings ersetzen? Dienstreisen mit der<br />
Bahn sind längst selbstverständlich. In ländlichen<br />
Gebieten ist der öffentliche Per so nen nahverkehr<br />
noch unzureichend, im Ruhr gebiet lückenhaft.<br />
Daher werden wir nicht ohne unsere<br />
vier Räder auskommen, setzen allerdings immer<br />
sorgfältiger auf umweltfreundliche Modelle.<br />
Beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in<br />
Dortmund werden wir die komplexe Verkehrssituation<br />
der Metropolregion Ruhr erleben. Sie<br />
braucht einen klugen Mobilitätsmix. Staus auf<br />
den Autobahnen in NRW sind buchstäblich<br />
atemberaubend. Eine beeindruckende Alternative<br />
bietet der Radschnellweg Ruhr. Immer<br />
mehr Menschen satteln auch dienstlich um und<br />
erleben dabei Entschleunigung, Eindrücke am<br />
Weg und wachsende körperliche Fitness als<br />
großen Mehrwert. In unseren westfälischen<br />
Kirchengemeinden fördern wir das E-Bike als<br />
Dienstfahrzeug.<br />
Im Rahmen des westfälischen Projektes „Wege<br />
zur Nachhaltigkeit“ werden die UN-Nach hal tigkeitsziele<br />
alltagspraktisch. Dortmunder Initiativen<br />
machen Umweltschutz, soziale Ge rechtigkeit<br />
und Transformation – beim Kir chen tag und<br />
darüber hinaus – erlebbar. Zu Fuß, mit dem<br />
Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrs mitteln<br />
er-fahren Menschen alternative Mobi litätsformen<br />
im urbanen Bereich als einen Schlüssel<br />
zu nachhaltigem Lebensstil. Wir sind überzeugt,<br />
dass eine nachhaltige Mobilität, umwelt- und<br />
menschenfreundlich, möglich ist – nicht gegen,<br />
sondern als Teil ökonomischer Vernunft. Sie bedarf<br />
allerdings tragfähiger Kon zepte. Eine<br />
„Mobilitätskommission“ – etwa als Fortsetzung<br />
der „Kohlekommission“ – könnte tragfähige<br />
Entscheidungen für eine zukunfts fähige mobile<br />
Gesellschaft vorbereiten.<br />
Der Evangelische Verband Kirche-Wirtschaft-<br />
Arbeitswelt e. V. regt mit dieser Broschüre zur<br />
(selbst-)kritischen Auseinandersetzung an und<br />
leistet einen differenzierten Beitrag zur Fachdebatte.<br />
Dafür danke ich allen Beteiligten herzlich!<br />
Den Leserinnen und Lesern wünsche ich<br />
eine bereichernde Lektüre.<br />
DR. H.C. ANNETTE KURSCHUS<br />
Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen<br />
4 THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
EUCH ZU ZEUGEN: ICH HABE EUCH LEBEN UND TOD, SEGEN UND FLUCH VORGELEGT, DASS DU DAS LEBEN
EINLEITUNG<br />
BITTE WENDEN<br />
Es ist eine dringliche Bitte, mit der wir uns in dieser Broschüre auseinandersetzen.<br />
Die Mobilität in unserem Land und in vielen anderen Ländern muss sich grundsätzlich<br />
verändern. Die sozialen Folgen einer Mobilitätswende sind vielfältig: Bessere Luft in<br />
den Städten, weniger Staus auf den Straßen, höhere Lebensqualität in den Städten,<br />
mehr Raum für Stadtkultur. Neue Arbeitsplätze, die entstehen, und viele, die wegfallen.<br />
Das alles will gestaltet werden.<br />
Die überhöhten Schadstoffbelastungen<br />
vor allem in unseren Innenstädten haben<br />
zuerst die Zivilgesellschaft, dann<br />
die Gerichte und schließlich die Verwaltungen<br />
angetrieben: Das kann so nicht bleiben! Doch<br />
flächendeckende Verkehrs verbote sind auch<br />
keine gute Lösung.<br />
Viel zu lange hat die Berliner Politik gezögert,<br />
um Hardwarelösungen zu ermöglichen bzw.<br />
einzufordern, um die Luftqualität für Millionen<br />
von Menschen in den Städten zu verbessern.<br />
Die jüngsten Ergebnisse der Verkehrskommission<br />
vom März <strong>2019</strong> für mehr Klimaschutz<br />
im Verkehr sind bescheiden. Im Blick sind<br />
eigentlich nur andere Antriebstechniken bzw.<br />
andere Energieträger, eine Wende in der Mobilitätskultur<br />
wird kaum bedacht. 2<br />
Seit 1990 ist es in Deutschland<br />
nicht gelungen, den CO 2 -Ausstoß<br />
im Ver kehrs bereich zu senken.<br />
Weltweit nehmen die CO 2 -Emissionen immer<br />
noch zu, unsere Mobilität hat einen großen<br />
Anteil daran. Zugleich gibt es auch in der<br />
Mobilitätswirtschaft erhebliche Anstrengungen,<br />
diese klimaschädlichen Abgase pro erbrachter<br />
Leistung der Motoren deutlich zu senken.<br />
Aber die Leistungen steigen: Größere Fahrzeuge<br />
(z. B. SUVs) und größere Entfernungen<br />
machen die Effizienzsteigerung zunichte (der<br />
so genannte „Rebound-Effekt“). So ist es in<br />
Deutsch land seit 1990 insgesamt nicht gelungen,<br />
den CO 2 -Ausstoß im Ver kehrsbereich zu<br />
senken. Nach Beschlusslage der Bundesregierung<br />
sollen jetzt aber bis 2030 40 Prozent<br />
eingespart werden.<br />
In der Elektromobilität sehen viele die Lösung<br />
für die ökologischen und gesundheitlichen<br />
Probleme: weniger Schadstoffe, weniger CO 2 .<br />
THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
5<br />
ERWÄHLST UND AM LEBEN BLEIBST, DU UND DEINE NACHKOMMEN. +++ 1. KÖNIGE 19,7: DER ENGEL SPRACH
EINLEITUNG<br />
Das führt im Moment noch zu einem Mehr an<br />
Arbeitskräften, zugleich fürchten viele mittelfris<br />
tig (bis 2030) den Wegfall von Arbeitskräften,<br />
z. B. in Baden-Württemberg bis zu 100.000<br />
oder auch mehr. Vielleicht kommt dem Wegfall<br />
von Arbeitnehmer*innen in der Mobilitäts wirtschaft<br />
der steigende Anteil von Baby boomern,<br />
die in Rente kommen, entgegen. Das heißt, es<br />
fallen nicht mehr Arbeitsplätze weg, als Arbeitnehmer*innen<br />
in Rente gehen. Manche rechnen<br />
mit einem höheren Bedarf im Bereich des Handwerks<br />
und der Pflege.<br />
Ein Problem für den gewohnten Wohlstand in<br />
unserem Lande wird aber der Wegfall von sehr<br />
gut bezahlten Arbeitsplätzen sein, deren Finanzkraft<br />
fehlt.<br />
Mit der einseitigen Festlegung auf die Elek tromobilität<br />
entstehen auch neue Fragen: Wird es<br />
genügend Rohstoffe für die Millionen von neuen,<br />
großen Batterien geben? Haben wir schon eine<br />
Ahnung, wie wir diese dann entsorgen? Wer<br />
sorgt für die sozialen und ökologisch guten<br />
Bedingungen in den Abbauregionen?<br />
Und schließlich, die Automobilwirtschaft und<br />
auch die Politik sind sich noch nicht klar, ob sie<br />
wirklich einseitig nur auf eine batteriegestützte<br />
Elektromobilität setzen wollen oder ob auch<br />
Wasserstoff- und Brennstoffzellen oder die<br />
Um wandlung von erneuerbaren Energien hin zu<br />
gasförmigen oder flüssigen Treibstoffen weiterhin<br />
eine Option sein sollen oder müssen.<br />
Für die Luftfahrt und die Seefahrt scheint es im<br />
Moment keine Alternative zu verbrennbaren<br />
Treibstoffen zu geben, und damit wird dieser<br />
Antriebsstrang weiter auch technisch realisiert<br />
und vorgehalten werden.<br />
Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer betrachten<br />
diese Ungewissheiten mit Sorge: Was<br />
wird das für ihre Arbeitsplätze in Zukunft bedeuten?<br />
Trotz dieser Fragen und Unklarheiten<br />
scheint es unumgänglich, dass wir vor einer<br />
großen Trans formation stehen, die alle Lebensbereiche<br />
durchdringen wird. Die Automobilwirtschaft<br />
in Deutschland steht in besonderer<br />
Weise vor der Herausforderung, ob sie diese<br />
Veränderungen noch überwiegend selbst ge<br />
Die Idee der Zukunft heißt:<br />
menschengerechte Städte<br />
mit kurzen Wegen, mehr<br />
Platz für Men schen und mehr<br />
Nahversorgung.<br />
stalten möchte oder im anderen Fall durch andere<br />
Akteure in anderen Ländern zu Ver än derungen<br />
gezwungen wird, auf die sie nur wenig<br />
Einfluss haben wird. Also: Future by design or<br />
by disaster? 3<br />
Die Größe der Herausforderung wird daran<br />
deut lich, dass die Infrastruktur – unsere Straßen-<br />
und Schienennetze, die unsere Mobilität<br />
erst ermöglichen – zugleich höchst immobil<br />
sind. Veränderungen von Straßen und Schienen<br />
benötigen Jahrzehnte für Planungen und Umsetzung.<br />
Dabei müsste manches sich sehr<br />
grundsätzlich ändern, damit wir eine andere<br />
Mobilitätskultur leben können. Die Struktur unserer<br />
Städte beruht seit der zweiten Hälfte des<br />
letzten Jahrhunderts weltweit auf der Idee der<br />
„Charta von Athen“ 1933: Für die modernen<br />
Menschen in der modernen Stadt sollten die<br />
vier klassischen Funktionen des menschlichen<br />
(Zusammen-)Lebens getrennt werden: Wohnen,<br />
Arbeiten, Einkaufen und Freizeit. Die Folgen<br />
sind längere Wege, mehr Straßen, mehr Flächen<br />
verbrauch, kurz gesagt: autogerechte<br />
Städte mit mehr Verkehr und mehr Stau.<br />
6 THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
ZU ELIA: STEH AUF UND ISS! DENN DU HAST EINEN WEITEN WEG VOR DIR. +++ PSALM 16,11: DU TUST MIR
EINLEITUNG<br />
Wenn wir das nicht selbst gut gestalten, dann<br />
wird uns der Takt von außen her vorgegeben<br />
und wir schauen nur noch zu oder versuchen<br />
Schadensbegrenzung.<br />
Wenn wir die Herausforderung bei uns nicht gut<br />
annehmen und bewältigen, dann wird uns die<br />
Transformation überrollen.<br />
Die Idee der Zukunft heißt: menschengerechte<br />
Städte mit kurzen Wegen, mehr Platz für Menschen<br />
und mehr Nahversorgung.<br />
Der Weg dorthin wird Jahre dauern, und zugleich<br />
gibt es schon viele Städte, die sich auf<br />
den Weg gemacht haben zu einer neuen Mobilitätskultur.<br />
Dabei werden neben dem öffentlichen<br />
Verkehr Fußwege und Fahrrad fahren<br />
neue Bedeutung erlangen. 4<br />
Wie aber kommen wir da hin?<br />
Im Konziliaren Prozess aus den 1980er-Jahren<br />
haben wir in den Kirchen deutlich gemacht:<br />
Frieden, Gerech tig keit und Bewahrung der<br />
Schöpfung gehören zusammen. Weltweit könnten<br />
wir dies in unserer Zeit mit dem einen Satz<br />
zusammenfassen: Ohne Klimagerechtigkeit<br />
kein Frieden! Das gilt für die internationale<br />
Völkergemeinschaft genauso wie für den sozialen<br />
Frieden in unserem Land.<br />
Gerade auch für die Abnahme der Anzahl der<br />
Arbeitsplätze in der Automobilwirtschaft benötigen<br />
wir so zial verträgliche Übergänge, ansonsten<br />
wird der ökologische Umbau nicht<br />
gelingen.<br />
Anderseits können wir den ressourcenintensiven<br />
Lebensstil und Konsum vor allem in den<br />
reichen Ländern nicht aufrechterhalten, ohne<br />
das Weltklima im realen und auch im übertragenen<br />
Sinne massiv zu gefährden. Der reale<br />
Wandel schlägt mit heißeren Sommern, längeren<br />
Trockenzeiten in Afrika, mehr und stärkeren<br />
Wirbelstürmen an vielen Orten der Welt<br />
zu. Die Folge ist auch eine zunehmende Anzahl<br />
von Menschen, die vor diesen Veränderungen<br />
fliehen hin in die Regionen, die weniger von<br />
diesen Klimaveränderungen bedroht und oft<br />
zugleich die Verursacher sind. Folgen von maßlosem<br />
Verhalten.<br />
Es wird kein Weg daran vorbeiführen, dass<br />
Energie- und Ressourcenverbrauch sowie CO 2 -<br />
Emis sio nen deutlich teurer werden müssen.<br />
Dafür muss ein sozialer Ausgleich geschaffen<br />
werden. Wir werden uns aber auch damit<br />
anfreunden müssen, dass für einen großen Teil<br />
der Be völkerung CO 2 -intensive Mobilität so<br />
teuer werden muss, dass wir uns manche<br />
Wege nicht mehr leisten können. Dies ist die<br />
unangenehme Wahrheit, die sich mit der Mobilitätswende<br />
verknüpft. Wir haben uns entschieden,<br />
dies hier zu benennen, auch wenn es<br />
viele nicht hören mögen. Zugleich dürfen wir<br />
uns darauf freuen, dass unsere Städte und Dörfer<br />
lebenswerter werden, dass wieder mehr<br />
Menschen mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs<br />
sind. Dass Urlaube und Erholung auch in Euro<br />
pa möglich sind.<br />
Es gibt viele Gemeinden und Städte, die sich<br />
dies zum Ziel gesetzt haben, von ein paar werden<br />
wir in diesem Heft berichten.<br />
ROMEO EDEL<br />
2<br />
Siehe Artikel: Ressourcenleicht, naturverträglich und selbstbegrenzt, S. 9 ff.<br />
3<br />
Siehe Beitrag: Mobilität, Klimaschutz und Arbeitsplätze, Seite 16 f.<br />
4<br />
Siehe dazu die Beiträge: Mobilität vor Ort Seiten 22, 24 und 26<br />
THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
7<br />
KUND DEN WEG ZUM LEBEN. +++ PSALM 24,1: DIE ERDE IST DES HERRN UND WAS DARINNEN IST, DER
ZWISCHENRUFE<br />
DIE ZUKUNFT DER MOBILITÄT IN DEUTSCHLAND<br />
IM LICHT DER NACHHALTIGKEITSZIELE DER<br />
VEREINTEN NATIONEN FÜR DAS JAHR 2030<br />
Im September 2015 haben die Vereinten Nationen 17 Ziele für eine nachhaltige<br />
Ent wick lung beschlossen. Im Ziel 11 dieser Agenda geht es um die Entwicklung von<br />
Städten und Siedlungen. Mit der Verabschiedung der Sustainable Development Goals<br />
(SDGs) werden auch die sogenannten hochentwickelten Länder zu Entwicklungsländern,<br />
da sie weit davon entfernt sind, zukunftsfähig zu sein.<br />
Im Einzelnen wird gefordert: Bis 2030 soll<br />
der Zugang zu sicheren, bezahlbaren, zugänglichen<br />
und nachhaltigen Verkehrssystemen<br />
für alle ermöglicht und die Sicherheit<br />
im Straßenverkehr verbessert werden, insbesondere<br />
durch den Ausbau des öffentlichen<br />
Ver kehrs, mit besonderem Augenmerk auf den<br />
Bedürfnissen von Menschen in prekären Situationen,<br />
Frauen, Kindern, Menschen mit Behinderungen<br />
und älteren Menschen. (11.2)<br />
Bis 2030 soll die Verstädterung inklusiver und<br />
nachhaltiger gestaltet und die Kapazitäten für<br />
eine partizipatorische, integrierte und nachhaltige<br />
Siedlungsplanung und -steuerung in allen<br />
Ländern verstärkt werden. (11.3)<br />
Bis 2030 sollen die von den Städten ausgehenden<br />
Umweltbelastungen pro Kopf gesenkt<br />
werden, unter anderem mit besonderer Aufmerksamkeit<br />
für die Luftqualität … (11.6) 5<br />
ZUSAMMENGESTELLT VON ROMEO EDEL<br />
5<br />
Vgl. Ziele der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung<br />
8 THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
ERDKREIS UND DIE DARAUF WOHNEN. +++ PSALM 31,9: DU STELLST MEINE FÜSSE AUF WEITEN RAUM. +++
DAS THEMA<br />
RESSOURCENLEICHT, NATURVERTRÄGLICH<br />
UND SELBSTBEGRENZT – UND BESSER MOBIL<br />
Baden-Württemberg – ein Leuchtturm für eine ökologische Industriepolitik<br />
im Mobilitätssektor?<br />
In einer Situation sprudelnder Gewinne im<br />
Automobilland Baden-Württemberg war es<br />
eine Provokation, die Automobilindustrie<br />
und die Bevölkerung zu einer doppelten Transformation<br />
herauszufordern: die Industrie zur<br />
pro-aktiven Gestaltung des aufkommenden<br />
Strukturwandels, die Bevölkerung zur Veränderung<br />
ihres gewohnten Mobilitätsverhaltens.<br />
Notwendig war dies geworden angesichts unbeantworteter<br />
globaler Herausforderungen, wie<br />
der Einhaltung der Klimaziele von Paris, der<br />
Knappheit nicht-energetischer Ressourcen und<br />
einer ungebremsten Flächenversiegelung. Als<br />
wissenschaftlicher Beitrag, wie nachhaltige<br />
Mobilität in Baden-Württemberg in Zukunft<br />
aussehen und aktiv gestaltet werden kann, hat<br />
die Baden-Württemberg-Stiftung, initiiert vom<br />
BUND e. V. Landesverband Baden-Württemberg,<br />
das Projekt Mobiles Baden-Württemberg –<br />
Wege der Transformation zu einer nachhaltigen<br />
Mobilität 6 in Auftrag gegeben.<br />
Zusammen mit Stakeholdern aus der Automobilindustrie,<br />
den Gewerkschaften, Verkehrsunternehmen<br />
oder Umweltverbänden wurden<br />
drei Szenarien zur Mobilität in Baden-Württemberg<br />
im Jahr 2050 formuliert.<br />
SZENARIO „NEUE INDIVIDUALMOBILITÄT“ (NIM)<br />
Hohes Bedürfnis nach Individualität<br />
und Flexibilität<br />
Mobilität dient der sozialen<br />
Distinktion<br />
Individualverkehr mit Pkw<br />
weiterhin dominant<br />
Automatisierung führt zu Komfortsteigerung<br />
von Pkw<br />
Bessere Lebensqualität in Städten<br />
v. a. durch weniger Emissionen<br />
Anbindung des ländlichen Raumes<br />
vorwiegend über autonom<br />
fahrende Privat-Pkw<br />
Güter- und Luftverkehr weiter<br />
ansteigend<br />
Das Szenario „Neue Individual<br />
mobilität“ (NIM) ist geprägt<br />
durch ein weiterhin<br />
hohes Bedürfnis nach Individualität<br />
und Flexibilität. Der<br />
Individualverkehr mit Pkw<br />
ist weiterhin dominant. Das<br />
eigene, vielfach autonom<br />
fahrende Auto ist – unabhängig<br />
von Alter, Gesundheit<br />
und Führerschein – in städtischen<br />
wie ländlichen Räu men<br />
für die meisten Menschen erschwinglich.<br />
Eine untergeordnete<br />
Rolle spielen fahrerlose<br />
Busse im öffentlichen Verkehr<br />
(ÖV) und ergänzende Fahrzeug-Sharing-Angebote.<br />
Die Fahrleistung der Pkw<br />
nimmt gegenüber heute geringfügig<br />
ab. Die Lebensqualität<br />
in Städten hat sich<br />
v. a. durch niedrigere Emissio<br />
nen der elektrifizierten<br />
Fahrzeuge etwas verbes sert.<br />
Güter- und Luftverkehr steigen<br />
weiter an.<br />
Quelle: Ergebnisse der Studie „mobiles baden-württemberg“<br />
Fortsetzung: nächste Seite <br />
THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
9<br />
PSALM 37,5: BEFIEHL DEM HERRN DEINE WEGE UND HOFFE AUF IHN, ER WIRD‘S WOHL MACHEN. +++ PSALM
DAS THEMA<br />
SZENARIO „NEUE DIENSTLEISTUNGEN“ (NDL)<br />
Sharing-Kultur breitet sich aus<br />
Neue Mobilitätsangebote und<br />
Carsharing erobern den Markt<br />
Kombination von ÖV und indivi duellem<br />
Fahren wird zum Mainstream<br />
Pkw-Bestand geht v. a. in Städten<br />
zurück, ÖV- und Rad-Anteil steigt an<br />
Multimodale Mobilitätsketten<br />
binden den ländlichen Raum an<br />
Neue Formen der Nahversorgung<br />
auf dem Land<br />
Wachstum bei Güter- und<br />
Luftverkehr verlangsamt sich<br />
Im Szenario „Neue Dienstleistungen“<br />
(NDL) ist die<br />
Sharing-Kultur wesentlicher<br />
Treiber. Autos haben als Statussymbole<br />
in vielen Milieus<br />
an Bedeutung verloren.<br />
Stattdessen werden sie in unterschiedlichen<br />
Größen und<br />
für unterschiedliche Zwecke<br />
bestellt, genutzt und danach<br />
zur weiteren Nutzung wieder<br />
freigegeben. Neue Mobilitätsangebote<br />
erobern den Markt.<br />
Der Pkw-Bestand geht v. a. in<br />
Städten zurück und sinkt um<br />
zwei Drittel gegenüber heute.<br />
In den Städten findet eine<br />
Umnutzung von öffentlichem<br />
Parkraum zugunsten von aktiver<br />
Mobilität (Fuß- und<br />
Radmobilität) und Flächen mit<br />
hoher Aufenthaltsqualität<br />
statt. Über multimodale Mo bilitätsketten<br />
sind ländliche<br />
Räume gut erschlossen. Die<br />
Zunahme des Güter- und Luftverkehrs<br />
verlangsamt sich.<br />
SZENARIO „NEUE MOBILITÄTSKULTUR“ (NMK)<br />
Stärkung von Nahversorgung und<br />
Nahmobilität<br />
Mobilität wird durch attraktives,<br />
öffentliches Verkehrssystem mit<br />
unterschiedlichsten Fahrzeuggrößen<br />
(Ridesharing) sichergestellt<br />
MIV und Pkw-Besitz spielen nur<br />
noch eine geringe Rolle<br />
Flächenumwidmung zugunsten von<br />
Aufenthaltsqualität und NMIV<br />
Funktionsmischung, kurze Wege<br />
Hoher Anteil NMIV und attraktive,<br />
autofreie Quartiere<br />
Stärkere Nachfrage nach regionalen<br />
und langlebigeren Produkten<br />
Trendumkehr bei Wachstum von<br />
Güter- und Luftverkehr<br />
Wesentliches Merkmal des<br />
Szenarios „Neue Mobilitätskultur“(NMK)<br />
ist die hohe Bedeutung<br />
von Nahversor gung<br />
und Nah mobi lität im Jahr<br />
2050, was zu einem starken<br />
Anstieg der aktiven Mobilität<br />
führt. Darüber hinaus wird<br />
Mobilität durch ein attrakti ves,<br />
öffentliches Verkehrs system<br />
mit unterschiedlichsten Fahrzeuggrößen<br />
sicherge stellt.<br />
Er gän zend nehmen Bike- und<br />
Carsharing-Angebote zu. Die<br />
Verkehrsleistung geht durch<br />
die kürzeren Wege bis zum<br />
Jahr 2050 um knapp ein Drittel<br />
zurück. Der Pkw-Besitz<br />
spielt nur noch eine geringe<br />
Rolle und der Pkw-Be stand<br />
sinkt in Baden-Württemberg<br />
durch Verlagerung auf den<br />
Umweltverbund (ÖV, Fuß- und<br />
Radverkehr) von 6 Mio. auf<br />
rund 1 Mio. Fahrzeuge. Es<br />
finden weitreichende Flächenumwidmungen<br />
zugunsten von<br />
Aufenthaltsqualität und Selbstbe<br />
weglichkeit statt. Durch<br />
eine stärkere Nach frage nach<br />
regionalen und langlebigeren<br />
Produkten ergibt sich eine<br />
Trendumkehr beim Wachstum<br />
von Güter- und Luftverkehr.<br />
Quelle: Ergebnisse der Studie<br />
„mobiles baden-württemberg“<br />
10 THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
91,11F: DENN ER HAT SEINEN ENGELN BEFOHLEN, DASS SIE DICH BEHÜTEN AUF ALLEN DEINEN WEGEN,
DAS THEMA<br />
Im Hinblick auf unterschiedliche Nachhaltig keitsindikatoren im<br />
Handlungsfeld Mobilität zeigen sich für die drei Szenarien deutliche<br />
Ab weichungen in den Ausprägungen.<br />
ÖKOLOGISCH<br />
ÖKONOMISCH<br />
SOZIAL<br />
Indikator<br />
Neue<br />
Individualmobilität<br />
(NIM)<br />
Neue<br />
Dienstleistungen<br />
(NDL)<br />
Neue<br />
Mobilitätskultur<br />
(NMK)<br />
THG-Emissionen<br />
• • •<br />
Endenergieverbrauch<br />
• • •<br />
Strombedarf<br />
• • •<br />
Nutzung nicht-energetischer Rohstoffe<br />
• • •<br />
Flächeninanspruchnahme<br />
• • •<br />
Luftschadstoffemissionen<br />
• • •<br />
Lärmemissionen<br />
• • •<br />
Verkehrsleistung ÖV<br />
• • •<br />
Modal Split Güterverkehr<br />
• • •<br />
Beschäftigung in der Mobilitätswirtschaft<br />
• • •<br />
Umsatz in der Mobilitätswirtschaft<br />
• • •<br />
Mobilitätskosten<br />
• • •<br />
Bewegung/aktive Mobilität<br />
• • •<br />
Nutzungsmischung<br />
• • •<br />
Erreichbarkeit<br />
• • •<br />
Aufenthaltsqualität öffentl. Raum<br />
• • •<br />
Fortsetzung: nächste Seite <br />
In der Gesamtbetrachtung kommt das<br />
Szenario „Neue Mobilitätskultur“ den Zielen<br />
einer ökologisch und sozial gerechten<br />
Nachhaltigkeit am nächsten.<br />
THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
11<br />
DASS SIE DICH AUF DEN HÄNDEN TRAGEN UND DU DEINEN FUSS NICHT AN EINEN STEIN STOSSEST. +++
DAS THEMA<br />
Ein Wandel im Mobili täts verhalten<br />
weg vom motorisierten Indi vi dualverkehr<br />
ist unerlässlich.<br />
In der Gesamtbetrachtung kommt das Szenario<br />
„Neue Mobilitätskultur“ den Zielen einer ökologisch<br />
und sozial gerechten Nachhaltigkeit am<br />
nächsten. Daraus folgt, dass allein ein Fokussieren<br />
auf technische Optionen, beispielsweise<br />
den Einsatz von Elektrofahrzeugen, nicht ausreicht,<br />
um den ökologischen und sozialen<br />
Nachhal tigkeits indi ka toren in ihrer Breite gerecht<br />
zu werden. Vielmehr ist auch ein Wandel<br />
im Mobili täts verhalten weg vom motorisierten<br />
Indi vi dualverkehr unerlässlich. Eine Mobi litätswende<br />
ist insofern als Teil einer gesamtgesellschaftlichen<br />
Trans formation zu verstehen<br />
und bedarf eines offenen gesellschaftlichen<br />
Diskurses, in dem die Politik nicht davor zurückschrecken<br />
darf, klar und deutlich die vorhandenen<br />
Ziel konflikte zu benennen und nach<br />
Übergängen in eine zukunftsfähige Verkehrspolitik<br />
zu suchen.<br />
Eine besondere Herausforderung stellt dabei<br />
der ökonomische Wirkbereich dar, der für alle<br />
drei Szenarien negative Beschäftigungseffekte<br />
für die Mobilitätswirtschaft aufweist. Eine Kompensation<br />
der Beschäftigungsrückgänge ist<br />
zwar durch Verlagerung von Arbeitsplätzen in<br />
andere (Mobilitäts-)Bereiche und eine Arbeitszeitverkürzung<br />
denkbar, setzt jedoch eine<br />
Veränderung der mobilitätswirtschaftlichen<br />
Struktur sowie eine wirtschafts- und gesellschaftspolitische<br />
Umorientierung voraus. Für<br />
eine Sicherstellung der wirtschaftlichen Trag<br />
fähigkeit Baden-Württembergs ist eine industriepolitische<br />
Strategie notwendig, die den<br />
Struk turwandel frühzeitig aktiv gestaltet.<br />
Voraus setzung hierfür sind langfristige Zukunfts<br />
szenarien für die Mobilitätswirtschaft<br />
und die Wirtschaftsstruktur Baden-Württembergs<br />
insgesamt. Dies ist auch als Chance zu<br />
begreifen. Baden-Würt tem berg kann ein<br />
Leuchtturm für ökologische Industriepolitik im<br />
Mobili täts sektor werden und zeigen, dass ein<br />
nachhal tigkeits orientierter Struktur wan del von<br />
Wirtschaft und Industrie langfristig auch ökonomisch<br />
sinnvoll ist. Die vorliegende Studie mit<br />
ihren Ergebnissen zu den drei betrachteten<br />
Sze narien und Zukunfts visionen sieht sich als<br />
Grundlage für einen solchen Diskurs. Sie zeigt<br />
sowohl Entwicklungen und Chancen auf, die<br />
mit einer Transformation von Mobilitäts verhalten<br />
und Mobilitätswirtschaft einhergehen<br />
können, als auch politische Hand lungsoptionen,<br />
die den Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung<br />
befördern würden.<br />
ANDREJ CACILO<br />
DR. THOMAS ERNST<br />
JOBST KRAUS<br />
6<br />
Die Studie wurde erstellt vom Öko-Institut, dem Fraunhofer IAO,<br />
dem Institut für sozial-ökologische Forschung und dem IMU Institut und<br />
kann hier heruntergeladen werden:<br />
www.bund-bawue.de/fileadmin/bawue/Dokumente/Themen/<strong>Mobilitaet</strong>/<br />
<strong>Mobilitaet</strong>_Studie_Mobiles_BW_Langfassung.pdf<br />
www.bund-bawue.de/fileadmin/bawue/Dokumente/Themen/<strong>Mobilitaet</strong>/<br />
<strong>Mobilitaet</strong>_Studie_Mobiles_BW_Kurzfassung.pdf<br />
12 THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
PSALM 104,24: HERR WIE SIND DEINE WERKE SO GROSS UND VIEL, DU HAST SIE ALLE WEISE GEORDNET. +++
DAS THEMA<br />
ECKPUNKTE EINER VERKEHRSWENDE<br />
ZU KLIMAFREUNDLICHER MOBILITÄT 2030<br />
Die Klimaziele von Paris stellen hohe Anforderungen an den Verkehrssektor.<br />
Im Integrierten Energie- und Klimaschutzkonzept (IEKK) von<br />
Baden-Württemberg sind viele verkehrliche Maßnahmen für das Zieljahr<br />
2020 enthalten, die im Einzelnen erfolgreich sind, aber in Summe noch<br />
keinen durchschlagenden Erfolg hatten. Dazu gehören beispielsweise<br />
umfangreiche Maßnahmen zur Förderung des öffent lichen Verkehrs,<br />
des Fuß- und Radverkehrs, der Elektromobilität, des betrieblichen und<br />
behördlichen Mobilitätsmanagements und der Öffentlichkeitsarbeit.<br />
von: MdL Winfried Hermann, Verkehrsminister des Landes Baden-Württemberg, Stuttgart<br />
VERDOPPLUNG des<br />
öffentlichen Verkehrs<br />
Jedes DRITTE AUTO<br />
fährt klimaneutral<br />
VERKEHRS-<br />
WENDE<br />
2030<br />
EIN DRITTEL weniger<br />
Kfz-Verkehr in den Städten<br />
Jeder ZWEITE WEG selbstaktiv<br />
zu Fuß oder mit dem Rad<br />
Abbildung 1: Verkehrswende zu klimafreundlicher Mobilität 2030.<br />
Abgeleitet aus dem Klimaschutzszenario 2030<br />
Trotz dieser Maßnahmen wird statt einer<br />
angestrebten Reduktion der Treibhausgasemissionen<br />
um Minus 20 bis 25 Prozent<br />
bis zum Jahr 2020 gegenüber 1990 ein<br />
Plus von 11 Prozent erwartet. Um die Klima ziele<br />
der Europäischen Union (EU), der Bundes regierung<br />
und des Landes zu erreichen, ist nicht nur<br />
eine weitreichende Veränderung des heutigen<br />
Mobilitätssystems, sondern auch des Mobi litäts<br />
verhaltens erforderlich. Ein künftiges Bundesklimaschutzgesetz<br />
muss wirksame Maßnahmen<br />
umsetzen, die EU muss die Rah menbedingungen<br />
für Klimaschutz steigern.<br />
Die vier Eckpunkte in Abbildung 1 basieren auf<br />
dem Klimaschutzszenario. Sie sind ein Bei trag<br />
THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
13<br />
PSALM 128,1: WOHL DEM, DER DEN HERRN FÜRCHTET UND AUF SEINEN WEGEN GEHT! +++ JESAJA 57,10:
DAS THEMA<br />
Die Landesregierung hat in der<br />
RadSTRATEGIE das Ziel verankert,<br />
den Radverkehrsanteil bis 2030<br />
auf 20 Prozent zu steigern.<br />
zur notwendigen Diskussion, wie die Klimaziele<br />
für Baden-Württemberg erreicht werden<br />
können. 7<br />
ECKPUNKTE<br />
Die vier Eckpunkte für Baden-Württemberg zeigen<br />
die notwendige Größenordnung der Mobilitätsveränderung<br />
auf, um die Klimaschutzziele<br />
im Verkehr erreichen zu können. Sie beziehen<br />
sich auf Handlungsfelder, bei denen das Land<br />
und die Kommunen aktiv werden können, und<br />
ergänzen damit die notwendigen Instrumente<br />
von Bund und EU.<br />
Das Verkehrsministerium geht davon aus, dass<br />
es bis zum Jahr 2030 aus Klimaschutzgründen<br />
notwendig ist, dass<br />
• der öffentliche Verkehr (ÖV) verdoppelt wird,<br />
• jedes dritte Auto klimaneutral angetrieben<br />
wird,<br />
• ein Drittel weniger Kfz-Verkehr in Städten<br />
unterwegs ist und<br />
• jeder zweite Weg selbstaktiv mit Rad oder<br />
zu Fuß zurückgelegt wird.<br />
Für die Verdopplung der Fahrgastzahlen bis<br />
2030 setzt das Land konsequent auf den Ausbau<br />
des Angebots. Der Stundentakt soll an<br />
Wochentagen zwischen 5:00 und 24:00 Uhr<br />
sowie an Wochenenden von 6:00/7:00 bis<br />
24:00 Uhr umgesetzt werden, um ein verlässliches<br />
Grundangebot in der Fläche zu gewährleisten.<br />
Zudem wird der bw-Tarif eingeführt, um<br />
Fahr ten im ÖV zu erleichtern.<br />
Im Jahr 2030 soll ein Drittel der Autos in Baden-<br />
Württemberg klimaneutral fahren. Aus tech nologieneutraler<br />
Sicht können dies Elektro fahrzeuge<br />
oder Fahrzeuge mit anderen An trieben<br />
auf Basis regenerativer Energien sein. Hierfür<br />
sind ein schneller Hochlauf der Ver kaufszahlen<br />
und der Ausbau der Infrastrukturen erfor derlich.<br />
Ein Drittel weniger städtischer Autoverkehr bezieht<br />
sich auf Verkehr, der in die Innenstädte<br />
hineinfährt. Bereits heute gibt es in vielen Städten<br />
Bestrebungen, die zentralen Innenstädte<br />
autofrei zu halten und somit zu mehr Lebensund<br />
Aufenthaltsqualität beizutragen sowie mehr<br />
Flächen für umweltfreundlichere Verkehrsmittel<br />
bereitzustellen.<br />
Die Landesregierung hat in der RadSTRATEGIE<br />
das Ziel verankert, den Radverkehrsanteil bis<br />
2030 auf 20 Prozent zu steigern. Hierfür wird<br />
das RadNETZ systematisch ausgebaut, um<br />
Radschnellwege ergänzt und für eine neue<br />
RadKULTUR geworben. Der Fußverkehrsanteil<br />
soll bis 2030 auf 30 Prozent der Wege gesteigert<br />
werden.<br />
14 THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
DU HAST DICH ABGEMÜHT MIT DER MENGE DEINER WEGE. +++ JEREMIA 19,7: SUCHET DER STADT BESTES
DAS THEMA<br />
Damit dies insgesamt gelingt, braucht Deutschland<br />
ein Klimaschutzgesetz und eine Gesamtstrategie<br />
mit Teilschritten zur Umsetzung und<br />
muss zeitnah wirksame Maßnahmen umsetzen.<br />
Auch die EU muss ihre Ziele an den Ambitionsgrad<br />
von Paris anpassen.<br />
BEITRAG DER KOMMUNEN<br />
In den vier Zielbereichen sind auch die Kommunen<br />
gefordert, die notwendigen Veränderungen<br />
für eine Verkehrswende zu klimafreundlicher<br />
Mobilität im Bereich ihrer Möglichkeiten<br />
zu unterstützen. Dafür empfiehlt sich ein Verkehrskonzept,<br />
das den Klimaschutzbeitrag im<br />
Verkehr spezifiziert, geeignete Maßnahmen und<br />
Öffentlichkeitsarbeit entwickelt sowie ein Monitoring<br />
zur Zielerreichung enthält.<br />
Bis zum Jahr 2050 wird eine weitestgehende<br />
Treibhausgasneutralität nach dem Klimaschutz<br />
plan der Bundesregierung und dem<br />
Klima schutzgesetz Baden-Württemberg angestrebt.<br />
Hierdurch werden die Heraus forderungen<br />
nochmals steigen. Dies wird durch<br />
Abbildung 2 illustriert.<br />
Das Verkehrsministerium geht davon aus, dass<br />
es bis zum Jahr 2050 aus Klimaschutzgründen<br />
notwendig ist, dass<br />
• der öffentliche Verkehr (ÖV) verdreifacht<br />
werden muss,<br />
• jedes Auto klimaneutral angetrieben<br />
werden wird,<br />
• halb so viel Kfz-Verkehr in Städten<br />
unterwegs sein wird und<br />
• jeder zweite Weg selbstaktiv mit Rad oder<br />
zu Fuß zurückgelegt werden wird.<br />
EIN BLICK IN DIE ZUKUNFT<br />
WINFRIED HERMANN MDL<br />
7<br />
Ministerium für Verkehr 2017: Verkehrsinfra struktur 2030 –<br />
Ein Klimaschutzszenario für Baden-Württemberg. Stuttgart<br />
VERDREIFACHUNG<br />
PLUS X des<br />
öffentlichen Verkehrs<br />
JEDES AUTO fährt<br />
klimaneutral<br />
VERKEHRS-<br />
WENDE<br />
2050<br />
HALB SO VIEL<br />
Kfz-Verkehr in den Städten<br />
Jeder ZWEITE WEG selbstaktiv<br />
zu Fuß oder mit dem Rad<br />
Abbildung 2: Verkehrswende zu klimafreundlicher Mobilität 2050.<br />
Abgeleitet aus dem Klimaschutzszenario 2030<br />
THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
15<br />
UND BETET FÜR SIE ZUM HERRN; DENN WENN’S IHR WOHL GEHT, SO GEHT‘S AUCH EUCH WOHL. +++ AMOS
DAS THEMA<br />
MOBILITÄT, KLIMASCHUTZ UND<br />
ARBEITSPLÄTZE IN EINKLANG BRINGEN<br />
Bei einer klimaorientierten Mobilitätswende müssen in jedem Fall<br />
auch die sozialen Belange der Beschäftigten und die Ängste der<br />
Menschen berücksichtigt werden.<br />
von: Roman Zitzelsberger, Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg, Stuttgart<br />
Seit diesem Frühjahr gehen jeden Freitag<br />
Tausende Schülerinnen und Schüler für<br />
den Klimaschutz auf die Straße. Sie<br />
machen deutlich: Ohne einen tatsächlichen<br />
Kurs wechsel zu einem klimaneutralen Wirtschafts<br />
modell droht unsere Erde für künftige<br />
Gene ra tionen unbewohnbar zu werden. Kilo meter<br />
lange Staus auf Autobahnen, Schneckentempo<br />
in vielen Innenstädten und ein oft unzuverlässiger<br />
ÖPNV symbolisieren schon heute<br />
die Grenzen des bisherigen Mobilitätssystems.<br />
Gleichzeitig sehen sich viele Menschen durch<br />
Dieselfahrverbote bedroht und viele fragen sich,<br />
ob individuelle Mobi lität womöglich bald zu<br />
einem Vorrecht der eher vermögenden und privilegierten<br />
Bevölkerungsgruppen wird. Kurzum:<br />
Mobilität, Klimaschutz und Arbeits plätze beinhalten<br />
das Potenzial, um gegenein ander in<br />
Stellung gebracht zu werden.<br />
Für die IG Metall darf es kein Entweder-oder<br />
ge ben. Vielmehr steht die IG Metall dafür, die<br />
Energie- und Mobilitätswende konsequent an<br />
zugehen und dies mit dem ureigenen Auftrag<br />
der Gewerkschaftsbewegung zu verbinden. Also:<br />
Sichere Arbeitsplätze und angemessene Einkom<br />
men für die Beschäftigten zu erreichen und<br />
alles dafür zu tun, damit dies auch zu künftig gilt.<br />
Das wird nicht einfach, konkretes Handeln ist<br />
aber dringender geboten denn je: Sowohl China<br />
als auch die USA haben sich aufgemacht, um<br />
führend bei den neuen Technologien rund um<br />
Mobilität zu werden. Knapp 470.000 Be schäftigte<br />
sind heute rund um die Automobil wirtschaft<br />
in Baden-Württemberg tätig. Elektro mobi<br />
lität, autonomes Fahren und neue Mobi litätsdienste<br />
sind keine vorübergehenden Moden,<br />
vielmehr markieren sie deutliche Ver änderungen.<br />
Das Auto und die Auto mobil industrie werden<br />
sich in den nächsten Jahren radikal verändern.<br />
Die Gretchenfrage dabei lautet: Wo entsteht<br />
das Neue und wo wird es produziert?<br />
Unser Anspruch ist es, die industrielle Basis in<br />
Baden-Württemberg so zu erneuern, dass die<br />
neue Generation von Autos an den bestehenden<br />
Knapp 470.000 Be schäf tigte<br />
sind heute rund um die<br />
Automobil wirt schaft in Baden-<br />
Württemberg tätig.<br />
16 THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
5,4: SO SPRICHT DER HERR: SUCHET MICH, SO WERDET IHR LEBEN. +++ MATTHÄUS 6,33: TRACHTET AM
Unternehmen können durch<br />
Zuschüsse zu Jobtickets die<br />
Attraktivität erhöhen.<br />
Standorten gebaut werden kann. Dabei geht es<br />
vor allem darum, gute Arbeitsbedingungen, Mitbestimmung<br />
und Tarifverträge zu verteidigen und<br />
Billigkonkurrenz und Verlagerungen abzuwehren.<br />
Investitionen in das Automobilland Baden-<br />
Württemberg und in zukunftssichere Ar beitsplätze<br />
müssen Vorrang vor hohen Ren di ten für<br />
die Eigentümer haben. Wichtig ist, die gesamte<br />
elektromobile Wertschöpfungs kette zu beherrschen,<br />
dazu gehört insbesondere eine eigene<br />
Batteriezellenproduktion. Hier hat die Industrie<br />
Nachholbedarf und muss schleunigst handeln.<br />
Nicht die Ziele der heutigen Klimapolitik sind<br />
das Problem, vielmehr fehlt es an belastbaren<br />
Konzepten und verbindlichen Maßnahmen dafür.<br />
Auch die geplante Luftverbesserung in den<br />
Städten ist richtig, aber die Politik hat zu lange<br />
mit der Umsetzung gewartet. Seit Jahren fordert<br />
die IG Metall zum Beispiel die Einführung<br />
einer Blauen Plakette, um die notwendigen<br />
Luftreinhaltungsmaßnahmen zu unterstützen.<br />
Dazu gehören auch Übergangsregelungen für<br />
die am stärksten betroffenen Pendler. In verschiedenen<br />
Gremien in Stadt, Land und Bund<br />
hat sich die IG Metall mehrfach für solche<br />
Lösungen eingesetzt. In einem Gespräch zwischen<br />
Vertretern der IG Metall Baden-Württemberg<br />
und dem Landesverkehrsminister ist eine<br />
gemeinsame Erklärung entstanden, die anstelle<br />
von weiteren Fahrverboten Ideen für bezahlbare<br />
und verlässliche Mobilität für alle auflistet.<br />
Darin heißt es u. a.: „In der Region Stuttgart<br />
leben Menschen in der Stadt und auf dem<br />
Land; entsprechend vielfältig sind die Anforderungen<br />
an den Verkehr. Viele Beschäftigte<br />
kommen schon heute zu Fuß, mit dem Rad oder<br />
mit Zug oder Bus zur Arbeit, andere Beschäf<br />
tigte mit dem Auto oft ohne Mitfahrer. Nicht jeder<br />
Verkehrsträger passt für jeden, aber alle<br />
Beschäftigte müssen schnell, bezahlbar und<br />
stressfrei zur Arbeit kommen. Die besondere<br />
Situation von Beschäftigten in Schichtarbeit ist<br />
zu berücksichtigen. (…) Unternehmen können<br />
durch Zuschüsse zu Jobtickets die Attraktivität<br />
erhöhen. Das Angebot an Bussen und Bahnen<br />
muss konsequent ausgebaut werden. Weitere<br />
sinnvolle Maßnahmen bestehen u. a. in einem<br />
betrieblichen Mobilitätsmanagement, verbesserten<br />
Parkleitsystemen, Mitfahrer-Apps und in<br />
attraktiven Pendlerkonzepten. Die Unternehmen<br />
sind gefordert, Beschäftigte in Sachen nach haltiger<br />
Mobilität besser zu unterstützen und zu<br />
beraten.“ In vielen Betrieben sind es die Be <br />
triebsräte und Vertrauensleute der IG Metall,<br />
die sich für bessere Wege zur Arbeit einsetzen.<br />
Mobile Arbeit kann ebenfalls ein Beitrag sein,<br />
um das Verkehrssystem zu entlasten und die<br />
Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben zu verbessern.<br />
Dafür machen wir uns weiterhin stark.<br />
Bei einer klimaorientierten Mobilitätswende<br />
müssen in jedem Fall auch die sozialen Belange<br />
der Beschäftigten und die Ängste der Menschen<br />
berücksichtigt werden. Um darauf aufmerksam<br />
zu machen und um Brücken zu bauen, ruft die<br />
IG Metall am 29. Juni <strong>2019</strong> in Berlin unter dem<br />
Motto „#Fairwandel – sozial, ökologisch, demokratisch<br />
– Nur mit uns“ zu einer Kundgebung<br />
auf, auf der neben gewerkschaftlichen Rednern<br />
auch Umwelt- und Sozialverbände prominent<br />
ver treten sein werden. Es geht um sichere<br />
Ar beitsplätze – und darum, Arbeitsplätze, Mobi<br />
li tät und Klimaschutz in Einklang zu bringen.<br />
ROMAN ZITZELSBERGER<br />
THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
17<br />
ERSTEN NACH DEM REICH GOTTES UND NACH SEINER GERECHTIGKEIT. +++ LUKAS 1,78F: GOTTES LICHT
STIMMEN AUS DER PRAXIS<br />
ES MUSS DAS GESAMTE SYSTEM STIMMEN<br />
INTERVIEW MIT TILL OBERWÖRDER UND JOACHIM HORNER, MANNHEIM:<br />
In Mannheim befindet sich eine Produktionsstätte der EvoBus GmbH, einer Tochter des<br />
DAIMLER-Konzerns, mit rund 3.500 Mitarbeitern. Hier werden unter der Marke Mercedes-<br />
Benz ausschließlich Stadtbusse produziert. Schon 1895 war in der vom Automobilpionier<br />
Carl Benz gegründeten Fabrik der erste Linienbus gebaut worden.<br />
Till Oberwörder (links im Bild) ist Leiter des Geschäftsbereichs Daimler Busse und<br />
Geschäfts führer von EvoBus. Joachim Horner (rechts im Bild) ist Vorsitzender des<br />
Gesamt betriebsrats und Mitglied der IG Metall-Tarifkommission in Baden-Württemberg.<br />
Ihr Stadtbus CITARO ist sehr erfolgreich und<br />
fährt weltweit. Verraten Sie uns eini ges<br />
zur aktuellen Produktion in Mann heim?<br />
Oberwörder: In 2018 haben wir mit 2.100 produzierten<br />
Bussen ein durchaus zufriedenstellendes<br />
Jahr gehabt. Wir sind der einzige Bus-<br />
Hersteller in Deutschland und haben hier ein<br />
wichtiges Kompetenzzentrum für Elektrobusse<br />
im Daimler-Konzernverbund.<br />
Horner: Das kann ich nur bestätigen. Schon<br />
1978, als ich in das Werk eingetreten bin, haben<br />
wir Trolley-Busse mit Elektroantrieb gebaut.<br />
Zurzeit bestimmen Stichworte wie „Dieselfahrverbot“<br />
und „verstopfte Innenstädte“<br />
die mediale Debatte. Welche Auswirkungen<br />
hat das für das Produkt „Stadtbus“?<br />
Horner: Wir haben ja über Jahrzehnte hinweg<br />
an der autogerechten Gesellschaft gebaut und<br />
damit riesige Verkehre mit Pendler- und Lieferströmen<br />
produziert. Gleichzeitig ist der Umweltgedanke,<br />
vor allem bei der Antriebstechnik, immer<br />
größer geworden.<br />
Oberwörder: Der Busverkehr leistet einen<br />
wich tigen Beitrag zur Mobilität in den urbanen<br />
Zen tren. Der Bus ist heute schon ein umweltfreund<br />
liches Verkehrsmittel, wenn man nur<br />
ein mal auf den Energieverbrauch pro Kopf oder<br />
die Emis sio nen schaut. Deshalb halte ich bei<br />
diesem Thema eine Entweder-oder-Diskussion<br />
auch nicht für zielführend. Es geht um In termodu<br />
la rität. Das heißt: Wie schafft man es,<br />
dass man die verschiedenen Verkehrs teilnehmer<br />
und -angebote untereinander optimal<br />
ver bindet?<br />
18 THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
RICHTE UNSERE FÜSSE AUF DEN WEG DES FRIEDENS. +++ LUKAS 9,62: JESUS SAGT: WER DIE HAND AN DEN
STIMMEN AUS DER PRAXIS<br />
Das Thema Mobilitätswende ist in aller Munde.<br />
Dabei geht es nicht zuletzt um den Übergang<br />
zu einer emissionsfreien E-Mobi lität.<br />
Oberwörder: Mir ist zunächst wichtig, den<br />
Die selmotor nicht grundsätzlich zu verdammen.<br />
Wir haben mit unserem Euro-VI-Dieselaggregat<br />
schon jetzt ein umweltfreundliches Antriebssystem,<br />
was Effizienz und Kosten angeht. Dazu<br />
haben wir hybrid- und erdgasbetriebene Fahrzeuge<br />
im Programm. Jetzt kommt noch der<br />
aus schließlich elektrisch angetriebene eCITARO<br />
hinzu. Doch bei allen Schritten in die Zukunft<br />
braucht es eine Kombination der verschiedenen<br />
Technologien. Es gibt keine „one size fits all“-<br />
Lösungen. Vielmehr muss das gesamte System<br />
stimmen.<br />
Horner: Es geht erst einmal darum, die Batterien<br />
leistungsfähiger zu machen. Denn der<br />
Linien bus soll verlässlich eine Fahrleistung<br />
von 150 bis 250 km am Tag erbringen. Dazu<br />
braucht er den gewohnten Komfort wie Lüftung<br />
oder Heizung, um für die Fahrgäste attraktiv zu<br />
sein. Wenn es darum geht, das Klima der Welt<br />
zu retten, da sind wir dabei. Aber ein Schwarz-<br />
Weiß-Denken hilft uns nicht weiter.<br />
Oberwörder: Vor allem müssen wir jetzt die<br />
Wege aufzeigen, die für die Zukunft gangbar<br />
sind. Dazu gehört auch, dass Planbarkeit und<br />
Der Busverkehr leistet<br />
einen wich tigen Beitrag<br />
zur Mobilität in den<br />
urbanen Zen tren.<br />
Investitionssicherheit für unsere Kunden gewährleistet<br />
sind.<br />
Die künftige Autoproduktion soll nicht nur<br />
ökologisch nachhaltig, sondern auch sozialverträglich<br />
sein. Das heißt, Umwelt wie Arbeits<br />
platz sicherheit müssen gleichermaßen<br />
im Blick bleiben.<br />
Oberwörder: Ich schätze, dass bis zum Jahr<br />
2030 etwa zwei Drittel der Fahrzeuge elektrisch<br />
betrieben werden. Aber dafür wird es<br />
keinen sofortigen Übergang geben können. Das<br />
funktioniert nicht! Deshalb haben wir unseren<br />
eCITARO auch als Serienprodukt angelegt. Das<br />
ermöglicht uns eine Produktion auf dem gleichen<br />
Band wie bei den konventionellen Fahr zeugen.<br />
Damit können wir kontinuierlich auf die sich<br />
verändernde Nachfrage am Markt reagieren.<br />
Horner: Zurzeit setzen wir als Zielbild um, auch<br />
noch in zehn bis 15 Jahren sichere Beschäftigungs<br />
verhältnisse zu haben. Dazu haben wir<br />
mit der Geschäftsführung eine Vereinbarung<br />
getroffen, die bis zum Jahr 2024 Kündigungen<br />
ausschließt.<br />
Zum Schluss: Beim diesjährigen Kirchentag<br />
in Dortmund ist die Zukunft der Mobilität ein<br />
besonderer Themenschwerpunkt. Was würden<br />
Sie sich im Umgang mit diesem Thema<br />
wünschen?<br />
Oberwörder: Wir müssen uns daran gewöhnen,<br />
dass die Geschwindigkeit technologischer<br />
Veränderungen höher geworden ist. Doch umgekehrt<br />
meine ich auch, dass technischen<br />
Entwicklungen die nötige Zeit eingeräumt werden<br />
muss. Und da wünsche ich mir den Fokus<br />
mehr auf der inhaltlichen Diskussion und insgesamt<br />
mehr Rationalität bei diesem Thema.<br />
Horner: Ich wünsche mir mehr Verlässlichkeit,<br />
einen einmal eingeschlagenen Weg dann auch<br />
weiterzugehen. In Deutschland sind genug<br />
In no vationskraft und Technologieerfahrung für<br />
die anstehenden Veränderungen vorhanden. Ich<br />
bin zuversichtlich, dass wir das hinbekommen.<br />
DAS INTERVIEW FÜHRTE<br />
THOMAS LÖFFLER<br />
THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
19<br />
PFLUG LEGT UND SIEHT ZURÜCK, DER IST NICHT GESCHICKT FÜR DAS REICH GOTTES. +++ 1. KORINTHER
ZWISCHENRUFE<br />
Derzeit werden drei von vier<br />
in Deutschland hergestellte<br />
Fahrzeuge exportiert.<br />
WOHIN STEUERT DIE DEUTSCHE<br />
AUTOMOBILINDUSTRIE?<br />
Was derzeit bereits realpolitisch in Form von Dieselfahrverboten<br />
Umset zung findet und in Forderungen, wie der Quotierung von<br />
Elektro autos, diskutiert wird, sind erste Schritte in Richtung eines<br />
gebotenen Pfad wechsels zur Umsetzung ökologischer Nachhaltig -<br />
keitsziele in der Auto mobilität.<br />
von: Dr. Karina Becker, Leiterin Kolleg Postwachstumsgesellschaften an der Universität Jena<br />
Die sozialen und ökologischen Kosten unseres<br />
Wachstums, das für die Mehrung<br />
gesellschaftlichen Reichtums akzeptiert<br />
wurde, sind jahrelang nicht hinterfragt worden.<br />
Nun aber setzt sich zunehmend die Erkenntnis<br />
durch, dass sich Wohlfahrtsgewinne des industriellen<br />
Kapitalismus national wie global höchst<br />
ungleich verteilen und unter den derzeitigen<br />
Be dingungen um den Preis eines beschleunigten<br />
Energie- und Ressourcenverbrauchs sowie<br />
steigender Emissionen generiert werden.<br />
Der daran ansetzende soziale und ökologische<br />
Gesellschaftskonflikt hat nunmehr die deutsche<br />
Wirtschaft und die Automobilindustrie erreicht.<br />
Zwar stehen die deutschen Automobil konzerne<br />
und ihre großen Systemzulieferer, an Gewinnen<br />
und ökonomischen Leistungs para metern gemessen,<br />
aktuell glänzend da. Allerdings wird<br />
sich diese Erfolgsgeschichte nicht ungebrochen<br />
fortsetzen lassen: Die Europäi sche Union kon<br />
frontiert die Branche mit Richt linien für eine<br />
drastische CO 2 -Reduktion und harten Dekar bonisierungsauflagen,<br />
einige Länder wie Frankreich<br />
und England zielen auf ein Verbot von<br />
Verbrennungsmotoren. China – der wichtigste<br />
Markt der deutschen Auto mobil bauer – treibt<br />
die Transformation in Richtung E-Mobilität rasant<br />
voran und erhöht so den Innovationsdruck<br />
für die Hersteller und ihre Zu lieferer. Der neue<br />
Protektionismus der USA verschließt zunehmend<br />
globale Marktzugänge und auch Bin nenmärkte<br />
bieten weniger Absatzmöglich keiten.<br />
DER AUTOMOBILSEKTOR<br />
ALS TREIBER DER ÖKOLOGISCH-<br />
DIGITALEN ERNEUERUNG?<br />
Derzeit werden drei von vier in Deutschland<br />
hergestellte Fahrzeuge exportiert, mittelfristig<br />
wollen alle Automobilhersteller und alle großen<br />
Zulieferer nur noch das, was sie in Europa ab<br />
20 THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
10,23: ALLES IST ERLAUBT, ABER NICHT ALLES DIENT ZUM GUTEN. ALLES IST ERLAUBT, ABER NICHT ALLES
ZWISCHENRUFE<br />
setzen können, auch tat säch lich hier produzieren.<br />
Eine weitere große Herausforderung ergibt<br />
sich aus der Digitalisierung. Während lange der<br />
Diskurs von der Kritik geprägt war, dass die<br />
deut schen Automobilbauer sich von neuen<br />
Entwicklungstrends wie der Elektromobilität im<br />
globalen Wettbewerb abhängen lassen, ist derzeit<br />
vermehrt zu vernehmen, dass die „ökologisch-digitale<br />
Erneuerung Deutschlands …<br />
nicht gegen, sondern wegen der [heimischen]<br />
Autoindustrie“ 8 kommen wird. Welche Rolle<br />
dabei die Zulieferer der Autokonzerne spielen<br />
werden, ist derzeit noch völlig ungewiss. Auch<br />
deshalb, weil keineswegs ausgemacht ist, wie<br />
grundlegend die sozial-ökologischen Herausforderungen<br />
angegangen werden.<br />
ARBEITSPLATZABBAU BIRGT<br />
GESELLSCHAFTLICHEN SPRENGSTOFF<br />
Die Heterogenität der Forderungen und Standpunkte<br />
in dieser Frage machen deutlich, dass<br />
es sich um ein stark umkämpftes Feld handelt,<br />
in dem etwa die Position eines radikalen ökologischen<br />
Umbaus durch das Ende des Individualverkehrs<br />
jener der Industrie gewerkschaft<br />
Metall gegenübersteht, die zu bedenken gibt,<br />
dass der Strukturwandel Arbeitsplätze kosten<br />
werde und daher nur mit den Beschäftigten angegangen<br />
werden könne. Zwar werden neue<br />
Ar beitsplätze in den Bereichen IT und For schung<br />
und Entwicklung entstehen, aber im Vergleich<br />
zur Produktion von Verbrennungs motoren wird<br />
sich die Zahl der Arbeitsplätze bei Autoher stellern<br />
und Zulieferern, so viel scheint ausgemacht,<br />
um vorsichtig geschätzt eine Vier tel million verringern.<br />
Dass dies die Arbeits plätze in der Zulieferindustrie<br />
betrifft, ist ebenso unumstritten<br />
und bietet besonders in strukturschwachen Regionen<br />
gesellschaftlichen Sprengstoff.<br />
ABKEHR VOM INDIVIDUALVERKEHR<br />
UND GERECHTE FINANZIERUNG VON<br />
MOBILITÄT IST NÖTIG<br />
In dieser schwierigen Gemengelage liegt es nahe,<br />
einen allmählichen Übergang zur E-Mo bilität zu<br />
proklamieren, auf Zeit am – technisch verbesserten<br />
– Dieselantrieb mit seinem im Vergleich zu<br />
konventionellen Otto-Motoren geringeren CO 2 -<br />
Werten festzuhalten und für eine wirkliche Verkehrswende<br />
das Jahr 2030 anzupeilen. Mit Blick<br />
auf die Zukunft spricht daher einiges dafür, entschlossen<br />
am Umbau des Wertschöp fungs systems<br />
Automobil und damit auch der Ge sell schaft<br />
zu arbeiten. Die letztgenannte Op tion zu wählen,<br />
bedeutet, sich einzugestehen, dass selbst<br />
ein beschleunigter Über gang zur E-Mo bilität<br />
nicht ausreichen wird, um den Ge fahren der<br />
menschengemachten Klima- und Res sourcenkrisen<br />
wirksam zu begegnen. Es geht um sehr<br />
viel mehr und um Grundlegen des: Wir benötigen<br />
neue Mobilitäts systeme, eine allmähliche Abkehr<br />
vom privaten Pkw, den Aus bau des öffentlichen<br />
Nah- und Fernverkehrs – kurzum: Es geht<br />
um einen vollständigen Bruch mit lange he gemonialen<br />
Verkehrs kon zepten. Ohne die Rückkehr<br />
zu öffentlichem Eigentum, etwa bei der<br />
Bahn, ohne öffentliche und zugleich gerech tere<br />
Finanzierungen von Mobilität dürfte eine nachhaltige<br />
Verkehrs wende nicht zu schaffen sein.<br />
DISKURS EINBETTEN IN<br />
DIE DEBATTE UM EINE SOZIAL<br />
GERECHTE GESELLSCHAFT<br />
Eine Debatte um die Zukunft des Wert schö p<br />
fungs systems Automobil lebt von praktikablen<br />
Alternativen und der Suche nach neuen Beschäftigungsmöglichkeiten.<br />
Wichtig wäre es<br />
beispielsweise, die sozialen Bedürfnisse älterer<br />
und pflegebedürftiger Personen und die Vorstellungen<br />
von guter Arbeit im Care-Sektor zu<br />
einem Treiber neuer und nachhaltiger industrieller<br />
Produktion zu machen. Dass sich die damit<br />
verbundenen Konflikte ohne die Vision einer<br />
besseren Gesellschaft führen lassen, ist mehr<br />
als unwahrscheinlich. Der industrielle ist unwiderruflich<br />
zu einem sozialökologischen Gesellschaftskonflikt<br />
geworden.<br />
KARINA BECKER<br />
8<br />
www.zeit.de/<strong>2019</strong>/11/elektromobilitaet-autoindustrie-deutschlanddigitalisierung-oekologie,<br />
zuletzt abgerufen am 17.03.<strong>2019</strong><br />
THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
21<br />
BAUT AUF. +++ 1. MOSE 2,15: UND GOTT DER HERR NAHM DEN MENSCHEN UND SETZTE IHN IN DEN GARTEN
MOBILITÄT VOR ORT<br />
DORTMUND SORGT FÜR BEWEGUNG –<br />
STATIONEN AUF DEN<br />
WEGEN ZUR NACHHALTIGKEIT<br />
Beim Kirchentag in Dortmund im Juni <strong>2019</strong> werden die „Wege zur Nachhaltigkeit“<br />
offiziell eröffnet. Auf diesen Wegen machen Dortmunder Initiativen Umweltschutz,<br />
soziale Gerechtigkeit und Transformation hautnah erlebbar.<br />
Das Projekt „Wege zur Nachhaltigkeit“,<br />
gefördert von der Stiftung Umwelt und<br />
Entwicklung NRW, wird vom Institut für<br />
Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche<br />
von Westfalen (IKG) organisiert. Als Kooperationspartner<br />
stehen ihm der Deut sche Evangelische<br />
Kirchentag und das Amt für Mission,<br />
Ökumene und Weltverantwortung (MÖWe) zur<br />
Seite. Schirmherr ist der Oberbürgermeister der<br />
Stadt Dortmund Ullrich Sierau.<br />
„Wie müssen wir leben und arbeiten, damit alle<br />
Menschen – heutige und nachfolgende Generationen<br />
– menschenwürdig leben können und<br />
unsere natürlichen Lebensgrundlagen dauerhaft<br />
geschützt sind? Auf diese Frage möchte<br />
unser Projekt eine Antwort geben“, beschreibt<br />
Klaus Breyer, Leiter des IKG, die Beweggründe.<br />
In Dortmund entstanden spezielle Wege mit<br />
Stationen, an denen Nachhaltigkeit im Alltag<br />
auf ganz unterschiedliche Art und Weise erfahrbar<br />
wird. Rund 40 Initiativen, Vereine, Kirchengemeinden<br />
oder Projekte füllen den Einsatz für<br />
die Nachhaltigkeit hier mit Leben. Sie stellen in<br />
einer beeindruckend großen Bandbreite ihre<br />
Aktivitäten bei Energie- und Klimaschutz, Interkulturalität<br />
und Integration, Umweltgerechtigkeit,<br />
biologischer Vielfalt oder auch nachhaltigem<br />
Konsum und nachhaltiger Produktion vor<br />
und laden einfach zum Wahrnehmen, zum Mitmachen<br />
oder zur Nachahmung ein.<br />
MOBILITÄTSSTATIONEN AUF<br />
DEM KIRCHENTAG<br />
Während des Kirchentags werden Führungen<br />
auf den Wegen angeboten, die schließlich zu<br />
Stationen eines verantwortlichen Um gangs mit<br />
der Schöpfung führen. Zu Fuß, per Fahrrad oder<br />
„Wir brauchen eine andere Mobilität.<br />
Mehr Radfahren im Alltag,<br />
mehr öffentlicher Nahverkehr –<br />
das sind wichtige Stellschrauben<br />
der Verkehrswende.“<br />
mithilfe des öffentlichen Personen nah verkehrs<br />
können sie auch ganz eigenständig „angesteuert“<br />
werden.<br />
Der Einsatz für mehr umweltfreundliche Mobilität<br />
findet sich bei den Initiativen an den Sta tionen<br />
wieder. So ist beispielsweise die Velo<br />
Kitchen, eine Fahrrad-Selbsthilfe-Werk statt,<br />
mit dabei. Die Fahrrad-Enthusiasten haben<br />
ihren Treffpunkt 2011 im Dortmunder Norden<br />
22 THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
EDEN, DASS ER IHN BEBAUTE UND BEWAHRTE. +++ 5. MOSE 30,19: ICH NEHME HIMMEL UND ERDE HEUTE
MOBILITÄT VOR ORT<br />
eröffnet. Zu ihrem Domizil gehören eine große<br />
Wohnküche und zwei Garagen im Hinter hof,<br />
die als Werkstatt dienen. Hier können Besucher*innen<br />
ihre Zweiräder mit Hilfe und unter<br />
Anleitung der erfahrenen Schrauber*innen wieder<br />
flott machen. In der Küche wird zeitgleich<br />
vegan gekocht. Gemeinsames Essen, Planen<br />
und Fachsimpeln stehen nach dem Werkeln an<br />
den Rädern auf dem Programm.<br />
der Verkehrswende.“ Und so fährt er fort: „Dazu<br />
muss es eine stärkere Akzeptanz für diese<br />
Mobilitätsformen geben. Gerade die Stadtplaner<br />
sind aufgerufen, Fahrräder als gleichwertige<br />
Verkehrsteilnehmer zu sehen und planerisch<br />
zu berücksichtigen.“ Rolfsmeier selbst<br />
geht mit gutem Beispiel voran. Sein täglicher<br />
Weg zur Arbeit und zurück auf dem Fahrrad ist<br />
zur Selbst verständlichkeit geworden.<br />
Viel mit dem Rad<br />
unterwegs: „Wege<br />
zur Nachhaltigkeit“-<br />
Projektleiter<br />
Axel Rolfsmeier<br />
und Teamkollege<br />
Christian Graf.<br />
WEGE ZUR NACHHALTIGKEIT<br />
SIND VIELFÄLTIG<br />
Die „Wege zur Nachhaltigkeit“ haben positiven<br />
Zuspruch von vielen Initiativen mit ganz unterschiedlichem<br />
Engagement bekommen – zum<br />
Beispiel vom Lernbauernhof Schulte-Tigges mit<br />
seiner solidarischen Landwirtschaft, von der<br />
Verbraucherzentrale mit ihrer Umweltberatung,<br />
vom Dienstleistungszentrum Energieeffizienz<br />
und Klimaschutz, von der Neven Subotic Stiftung<br />
zum Umgang mit der wertvollen Ressource<br />
Wasser und von verschiedenen Lehr- und Gemeinschaftsgärten.<br />
Auch Organisationen, die sich um die verschiedensten<br />
Formen von Integration bemühen, beteiligen<br />
sich am Projekt. So sind die ökumenische<br />
Wohnungslosen-Initiative „Gast-Haus“<br />
oder „Willkommen Europa“, eine erste Anlaufstelle<br />
für EU-Bürger*innen, die Orientierungshilfe<br />
benötigen, das Mehrgenerationenhaus des<br />
Sozialdienstes Katholischer Frauen und die<br />
Sozialberatung der evangelischen Kirchen gemeinde<br />
Hörde dabei. „Total global“ und „Fai rer<br />
Konsum“ sind die Stichworte der Welt läden in<br />
Brackel und Aplerbeck und des Welt stands<br />
Hombruch.<br />
Die Fahrrad-Fans engagieren sich auch in einer<br />
Fahrradwerkstatt für Geflüchtete und organisierten<br />
das Cargobike-Race beim E-Bike-Festival in<br />
Dortmund. Fast alle beteiligen sich regelmäßig<br />
an der Critical Mass, einer Fahrraddemonstration<br />
für bessere Einbindung in den Stadtverkehr.<br />
Ein Thema, das auch dem Projektleiter der „Wege<br />
zur Nachhaltigkeit“, Axel Rolfsmeier, sehr am<br />
Herzen liegt: „Wir brauchen eine andere Mobilität.<br />
Mehr Radfahren im Alltag, mehr öffentlicher<br />
Nahverkehr – das sind wichtige Stellschrauben<br />
Die „Wege zur Nachhaltigkeit“ können ganz<br />
individuell entdeckt werden: Flyer und eine<br />
Smartphone-Anwendung über die Projekt-<br />
Home page www.wegezurnachhaltigkeit.de<br />
machen es möglich. Das Projekt soll Vorbildcha<br />
rak ter haben und schließlich in einem NRWweiten<br />
Netzwerk über die Grenzen Dortmunds<br />
hinaus wirken. Ein Nachhaltigkeitskongress<br />
2020 ist ein weiterer Schritt auf den Wegen.<br />
GUNDA VON FIRCKS<br />
THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
23<br />
ÜBER EUCH ZU ZEUGEN: ICH HABE EUCH LEBEN UND TOD, SEGEN UND FLUCH VORGELEGT, DASS DU DAS
MOBILITÄT VOR ORT<br />
„GARANTIERT MOBIL !“ –<br />
EIN VORBILDHAFTES PROJEKT<br />
IM ODENWALDKREIS<br />
Individuelle Mobilität gehört zu den grundlegenden Bedürfnissen unseres täglichen<br />
Lebens. In ländlich geprägten Regionen wie dem Odenwaldkreis spielt sie zudem eine<br />
besondere Rolle, da hier die Wege zum Einkaufen oder zum Arztbesuch oftmals weit<br />
sind und das ÖPNV-Angebot als wenig flexibel gilt. Kurzum: Ohne eigenes Auto bleibt<br />
die individuelle Mobilität auf dem Land meist auf der Strecke.<br />
Doch nicht jeder Mensch besitzt ein eigenes<br />
Auto oder kann aus Alters- und Gesundheitsgründen<br />
noch selbst mit dem<br />
Auto fahren. Was bleibt? Vielerorts gibt es zwar<br />
mehrmals am Tag eine Busverbindung – aber<br />
selten dann, wenn man sie tatsächlich braucht.<br />
Die nachhaltige Sicherung öffentlicher Mobilität<br />
in ländlichen Räumen ist eine der wichtigsten<br />
Zukunftsaufgaben und die Odenwald-Regio nal-<br />
Gesellschaft mbH (OREG) leistet dazu im Odenwaldkreis<br />
mit garantiert mobil! einen wertvollen<br />
Beitrag.<br />
Die konzeptionellen Anfänge von garantiert<br />
mobil! reichen nunmehr fast zehn Jahre zurück.<br />
Doch schon damals war der Weg klar: „Unser<br />
Ziel war es von Anfang an, ein nachhaltiges und<br />
verlässliches Mobilitätsangebot für den Odenwaldkreis<br />
zu schaffen“, so Peter Krämer, verantwortlicher<br />
Abteilungsleiter für den Nahverkehr<br />
und gleichzeitig Ideengeber für garantiert<br />
mobil!. „Darum ist der Kern von garantiert<br />
mobil! auch von Anfang an unsere Mobilitätsgarantie<br />
– ein Versprechen, dass ein Fahrtangebot<br />
auch immer dann zur Verfügung steht,<br />
wenn der Kunde tatsächlich fahren möchte.<br />
Einen komplizierten Fahrplan muss er dafür<br />
nicht studieren, die Abfahrtszeit soll der Kunde<br />
selbst bestimmen können!“<br />
Um das in der Praxis realisieren zu können, bedient<br />
sich garantiert mobil! verschiedenster,<br />
vorhandener Mobilitätsprodukte. „Das sind unsere<br />
klassischen öffentlichen Linienverkehre,<br />
aber auch neue Produkte wie private und gewerbliche<br />
Mitnahmefahrten oder das taxOMobil“,<br />
erklärt Krämer das System.<br />
Egal welches Gefährt der Fahrgast wählt, er<br />
kann sich immer darauf verlassen, dass er aus<br />
allen Gemeinden, Orts- und Stadtteilen in das<br />
nächstgelegene, größere Zentrum fahren kann.<br />
Das Angebot steht ihm grundsätzlich an sieben<br />
24 THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
LEBEN ERWÄHLST UND AM LEBEN BLEIBST, DU UND DEINE NACHKOMMEN. +++ 1. KÖNIGE 19,7: DER ENGEL
Die Odenwald-Regional-<br />
Gesellschaft wirbt für ihre<br />
Aktion „garantiert mobil !“.<br />
Tagen in der Woche von 5 Uhr morgens bis 22<br />
Uhr abends zur Verfügung – versehen mit einer<br />
Stunde Voranmeldezeit. „Die brauchen unsere<br />
durchführenden Verkehrsunternehmen zur<br />
Disposition einer Fahrt“, erläutert Krämer. „Die<br />
Anfahrtswege sind mitunter sehr weit, da ist<br />
eine Stunde Vorlauf schon knapp kalkuliert.“<br />
Und um mehr Zeit zum Disponieren zu gewinnen,<br />
hat die OREG ein Rabattsystem entwickelt:<br />
Je früher ein Fahrgast seine Fahrt bucht, desto<br />
günstiger wird sie für ihn. Das spart dem Fahrgast<br />
Geld und gibt dem Verkehrs unternehmen<br />
mehr Zeit für die Planung.<br />
„GARANTIERT MOBIL !“ SETZT AUF<br />
BÜRGERSCHAFTLICHES ENGAGEMENT<br />
Eine wirkliche Herausforderung bei der Kon <br />
zeptionierung von garantiert mobil! war die<br />
rechtssichere Einbindung von privaten und gewerblichen<br />
Mitnahmefahrten in das System.<br />
Letzt endlich vermittelt die OREG lediglich die<br />
privaten und gewerblichen Mitnahmefahrten<br />
zwischen Fahrtanbieter und Fahrgast in einem<br />
genehmigungsfreien Bereich. Das bedeutet:<br />
Die OREG darf Fahrtanbietern nicht mehr als<br />
12 Cent pro Kilometer als Aufwandsentschädigung<br />
für mitgenommene Fahrgäste zahlen. Das<br />
Projekt setzt dabei auf bürgerschaftliches Enga<br />
gement und hofft, dass das Per so nen beförderungsgesetz<br />
im Laufe des Jahres dahingehend<br />
novelliert wird.<br />
Zentrales Element, bei dem alle Fäden zusammenlaufen,<br />
ist die digitale Buchungsplattform<br />
auf www.odenwaldmobil.de, die es Kunden einfach<br />
und schnell ermöglicht, sich über das bestehende<br />
Fahrtangebot zu informieren, eine<br />
Fahrt zu buchen und bargeldlos zu bezahlen.<br />
Der Zugang zum Buchungsportal ist jederzeit<br />
stationär von zu Hause aus oder mobil via<br />
Smartphone möglich. Kunden ohne Onlinezugang<br />
sind dennoch nicht ausgeschlossen:<br />
Für sie bleibt die Möglichkeit der telefonischen<br />
Bestellung bei der RMV-Mobilitätszentrale<br />
Michelstadt.<br />
Seit nunmehr eineinhalb Jahren ist garantiert<br />
mobil! im Odenwaldkreis am Start. Rückblickend<br />
verrät Krämer, „dass der Weg nicht<br />
immer einfach war. Neben den genannten<br />
rechtlichen Bedenken hatten wir auch mit<br />
einigen technischen Herausforderungen zu<br />
kämpfen, die aber völlig normal sind, wenn<br />
man solch ein ambitioniertes Projekt angeht. Es<br />
gibt in Deutschland derzeit nichts Ver gleichbares.<br />
Wir kombinieren ÖPNV mit privaten und<br />
gewerblichen Mitnahmefahrten und werten das<br />
Ganze noch mit unserem Mobilitätsversprechen<br />
zur Wunschzeit auf.“<br />
Im Odenwaldkreis stößt garantiert mobil!<br />
durchweg auf ein positives Echo. Alle Odenwälder<br />
Kommunen unterstützen das Projekt auf<br />
freiwilliger Basis. Auch an der Kampagne<br />
„Auto fasten“ beteiligen wir uns. Ziel ist es, die<br />
Nutzerzahlen kontinuierlich zu steigern.<br />
STEFAN REINHARDT<br />
THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
25<br />
SPRACH ZU ELIA: STEH AUF UND ISS! DENN DU HAST EINEN WEITEN WEG VOR DIR. +++ PSALM 16,11: DU
MOBILITÄT VOR ORT<br />
FAHRRADMODELLQUARTIER<br />
IN DER „ALTEN NEUSTADT“ BREMEN<br />
Die Planung des Fahrradmodellquartiers in Bremen wurde im Februar 2018 mit dem<br />
Deut schen Fahrradpreis ausgezeichnet. Das Projekt eines Fahrradmodellquartiers in der<br />
Bremer Neustadt ist aus einer Initiative der im Stadtteil ansässigen Hochschule Bremen<br />
und des ADFC gewachsen. Es fand Unterstützung von Kultureinrichtungen, Gewerbe betrieben<br />
und Kindergärten sowie vom stadtteilübergreifend bedeutsamen Schwimmbad u. a.<br />
Besonders wichtig war auch die Bestätigung durch den gewählten Stadtteilbeirat.<br />
Das Bundesumweltministerium fördert das Fahrradmodellquartier Bremen mit insgesamt<br />
rund 2,4 Mio. Euro. Die Quartierumgestaltung begann im November 2017 und soll im<br />
Sommer <strong>2019</strong> abgeschlossen sein.<br />
Das Quartier könnte als<br />
Fahrradzone ausgewiesen<br />
werden, da alle Straßen<br />
Fahr radstraßen sind – ein<br />
Novum in der deutschen<br />
Straßenverkehrsordnung.<br />
Die „Alte Neustadt“ ist der auf der Westseite<br />
der Weser gelegene Teil der mittelalterlichen<br />
Stadt Bremen. Im Stadtteil<br />
ist eine intensive Mischung von Gewerbe, Wohnen,<br />
Hochschule, Kultur und Freizeit ein richtungen<br />
geboten. Er wird durchzogen vom Grün<br />
der Wallanlagen und von Haupt verkehrs straßen,<br />
die zugleich ÖPNV-Achsen mit Stra ßenbahn<br />
und Busspuren sind. Hier wohnen knapp<br />
3.000 Menschen und es gibt rund 3.500 Arbeitsplätze<br />
(z. B. Beck’s, Mondelez und Hachez).<br />
Darüber hinaus stu dieren an der Hochschule<br />
9.000 Menschen.<br />
In der alten Neustadt liegt der Anteil des Radverkehrs<br />
mit 40 Prozent über dem Durchschnitt<br />
der Gesamtstadt Bremen, wo rund ein Viertel<br />
aller Wege mit dem Rad bewältigt werden.<br />
Bremen hat 500.000 Einwohner, den höchsten<br />
Radverkehrsanteil und zugleich die niedrigste<br />
Stickoxide-Belastung in Deutschland. Bremen<br />
ist wie viele europäische Fahrradstädte vergleichsweise<br />
stauarm: 23 Prozent Stauzeitverlust.<br />
9 Der Wunsch nach einer Stärkung des<br />
Radver kehrs liegt nahe und ist im Bremer<br />
Verkehrs entwick lungsplan verankert. 10 Für den<br />
Radverkehr musste im Fahrradquartier einiges<br />
angepasst werden: Viele Straßenabschnitte des<br />
Quartiers hatten sehr grobes Kopfsteinpflaster,<br />
sichere Abstellmöglichkeiten für Fahrräder fehlten<br />
und die Überquerung der Hauptverkehrsstraßen<br />
war oftmals schwierig. Autos parkten<br />
26 THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
TUST MIR KUND DEN WEG ZUM LEBEN. +++ PSALM 24,1: DIE ERDE IST DES HERRN UND WAS DARINNEN IST,
MOBILITÄT VOR ORT<br />
www.radquartier-bremen.de wurde auch viel<br />
Interesse und Zustimmung bekundet.<br />
Die Maßnahmen sind Kompromisse zwischen<br />
fahrradpolitischen Wünschen und im Stadtteil<br />
akzeptierten Umsetzungsmöglichkeiten. Die<br />
Kom bination der Maßnahmen und der Quartiers<br />
ansatz erzeugten dabei erhebliche Synergien.<br />
Das Quartier könnte als Fahrradzone<br />
ausgewiesen werden, da alle Straßen Fahrradstraßen<br />
sind – ein Novum in der deutschen<br />
Straßenverkehrsordnung.<br />
vielfach auf Gehwegen und in Einmündungen<br />
und behinderten dadurch Fußgänger, Radfahrer,<br />
Liefer fahr zeuge, Müllabfuhr und Feuerwehr.<br />
Das Quartier Alte Neustadt hat nun über wie gend<br />
gleichrangige, schmale Straßen mit Rechts-vorlinks-Kreuzungen<br />
und ist Tempo-30-Zone. Das<br />
Kopfsteinpflaster ist nun entweder saniert oder<br />
mit einem asphaltierten, gut mit dem Rad befahrbaren<br />
Mittelbereich versehen. Gehweg na sen<br />
an Einmündungen und im Kreuzungs bereich<br />
unterbinden behinderndes Parken, ver kürzen<br />
die Fußgängerstrecke beim Überque ren der<br />
Fahrbahn, verbessern das Sichtfeld und schaffen<br />
durch Fahrradbügel Radabstellplatz.<br />
An den umgebenden Hauptverkehrsstraßen<br />
kommen Querungshilfen zum Einsatz. Die Erreichbarkeit<br />
des Quartiers zu Fuß und mit dem<br />
Rad ist dadurch deutlich verbessert und die<br />
Anbindung an die Fahrrad-Premiumrouten<br />
Bremens (Netz von Hauptradrouten im Verkehrs<br />
entwicklungsplan) ist auch gegeben.<br />
Entsprechende Beschilderung war erforderlich.<br />
Die Hochschule Bremen richtete das Fahrradrepair-Café<br />
Musette auf dem Campus ein. Bikesharing,<br />
Lastenradverleih und E-Bike-Lademög<br />
lichkeiten stehen dort allen Menschen im<br />
Stadtteil offen.<br />
ZEHN MASSNAHMEN SCHUFEN DAS<br />
BREMER FAHRRADMODELLQUARTIER<br />
Die Einrichtung des Fahrradmodellquartiers<br />
wurde begleitet durch eine Öffentlichkeitskampagne,<br />
die jede einzelne Baumaßnahme<br />
ankündigt. Auf der Website des Quartiers<br />
Eine Fahrradzone wäre deutlich einfacher und<br />
sparsamer auszuschildern, als an allen Kreuzungen<br />
Fahrradstraßen auszuweisen. Die Kreation<br />
einer „Fahrradzone“ könnte auch andere<br />
Kommunen zu Quartiersansätzen anregen:<br />
1. Holperfreies Fahren – Kopfstein pflasterstra<br />
ßen erhalten einen asphaltierten<br />
Strei fen oder werden vollständig saniert.<br />
Fahren wird leise, sicherer und bequemer<br />
für alle.<br />
2. Fahrradstraßen – ein Netz von Fahrradstraßen<br />
bildet eine Fahrradzone. Hier darf<br />
auch nebeneinander geradelt werden.<br />
3. Anschluss an Premium-Routen<br />
4. Raum und Sicherheit mit Gehwegnasen<br />
5. Querungshilfen für Hauptverkehrsstraßen<br />
6. Fahrradparken – in Wohnstraßen und an<br />
Hochschulstandorten werden sichere,<br />
leicht zugängliche Fahrradparkplätze<br />
angeboten.<br />
7. Fahrradrepair-Café<br />
8. Umgestaltung Campus Neustadtwall –<br />
Hochpflasterung der Fahrbahn, Sanierung<br />
der Gehwege sowie ein verkehrs beruhigter<br />
Bereich sorgen für barrierefreie<br />
Infrastruktur.<br />
9. Leihstationen für Fahrräder und Lastenräder<br />
– an allen drei Hochschulstandorten<br />
für alle Menschen.<br />
10. Luftpump- und E-Bike-Ladestationen 11<br />
KARIN UHLMANN<br />
9<br />
TomTom Verkehrsindex www.tomtom.com/en_gb/trafficindex<br />
10<br />
VEP 2025 www.bauumwelt.bremen.de/vep.<br />
11<br />
www.radquartier-bremen.de<br />
THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
27<br />
DER ERDKREIS UND DIE DARAUF WOHNEN. +++ PSALM 31,9: DU STELLST MEINE FÜSSE AUF WEITEN RAUM.
STIMMEN AUS DER PRAXIS<br />
DIOS ES MI COPILOTO (GOTT IST MEIN KOPILOT)<br />
Interview: Josef Krebs ist seit 16 Jahren Fernfahrerseelsorger und arbeitet bei der katholischen<br />
Betriebsseelsorge der Diözese Rottenburg Stuttgart. Nebenberuflich ist er Busfahrer.<br />
Auf Rastplätzen spricht er mit Lkw-Fahrern über ihre Sorgen und Nöte, über Einsamkeit,<br />
Trennung von der Familie bis zu einem halben Jahr sowie Unfallerlebnisse. „Dios es mi<br />
copiloto“, dieser Spruch hängt in Südamerika in fast allen Lastwagen und Fernbussen und<br />
begleitet die Fahrer. Er könnte gut über der Arbeit von Josef Krebs stehen.<br />
Rast plätzen haben, manchmal kommt auch<br />
Alko hol dazu. Es fehlen in Deutschland zwischen<br />
35.000 und 40.000 Stellplätze an den<br />
Auto bah nen. Es kann natürlich auch sein, dass<br />
sie die Assis tenzsysteme außer Betrieb setzen<br />
oder diese ganz fehlen. Hinzu kommt, sicher<br />
bedingt durch die Monotonie, dass sie unaufmerksam<br />
sind.<br />
Wie sieht der Alltag eines Berufskraft<br />
fahrers aus?<br />
Krebs: Zu ihrem Alltag gehören<br />
Staus. Der Druck, rechtzeitig Waren abliefern<br />
zu können, löst einen ungeheuren Stress aus.<br />
Oft ist die Suche nach freien Parkplätzen vergeblich,<br />
und die Fahrer sind gezwungen illegal<br />
zu parken. Die Lenk- und Arbeitszeiten sind<br />
europaweit geregelt: Neun Stunden fahren mit<br />
einer Schicht zeit von 15 Stunden. Zwei mal in<br />
der Woche kann die Lenkzeit auf 10 Stunden<br />
verlängert werden, was in der nächsten Woche<br />
ausgeglichen werden muss. Nach spätestens<br />
4,5 Stunden muss eine 45-minütige Pause erfolgen.<br />
Hinzu kommt bei manchen Fahrern eine<br />
sehr schlechte Ent loh nung, maximal 800 Euro<br />
im Monat.<br />
Fast jeden Tag verursachen Lkw einen Unfall<br />
auf deutschen Autobahnen. Worin liegt<br />
die Ursache?<br />
Krebs: Die Hauptursache ist die Übermüdung<br />
der Fahrer, weil sie nicht genügend Ruhe auf<br />
Könnte man nicht einen Großteil des Güterver<br />
kehrs auf die Schiene verlegen?<br />
Krebs: Das kann die Bahn nicht leisten. Viele<br />
große Logistikzentren haben keinen Schienenanschluss.<br />
Die Bahn ist im Vergleich zum Lkw<br />
das langsamere Transportmittel, zudem transportiert<br />
die Bahn mit dem eigenen Transportunternehmen<br />
„DB Schenker“ Waren auf den<br />
Straßen. Die Schienennetze sind auf den<br />
Personen-Schnellverkehr ausgerichtet und die<br />
Güterzüge werden in der Regel zwischen den<br />
Personenzügen reingeschoben. Die Bahnnetze<br />
sind bereits überlastet.<br />
Wann werden die ersten Lkw autonom auf<br />
europäischen Straßen unterwegs sein?<br />
Krebs: Irgendwann wird das kommen. Es<br />
kann auch sinnvoll sein, um Unfälle zu vermeiden.<br />
Allerdings lässt sich das Problem des<br />
Schwer lastverkehrs auf den Straßen nicht<br />
lösen, solange die Wirtschaftssysteme nur auf<br />
Wachs tum ausgerichtet sind und Waren aus<br />
Kos tengründen über weite Strecken transportiert<br />
werden.<br />
Eine Veränderung des Wirtschaftens im Blick<br />
auf die Reduzierung des Verkehrs und Nachhaltigkeit<br />
ist notwendig.<br />
DAS INTERVIEW FÜHRTE KARIN UHLMANN<br />
28 THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
+++ PSALM 37,5: BEFIEHL DEM HERRN DEINE WEGE UND HOFFE AUF IHN , ER WIRD‘S WOHL MACHEN. +++
AGENDA 2030, SDG, ZIEL 11.2 *<br />
Bis 2030 den Zugang zu sicheren,<br />
bezahlbaren, zugänglichen und<br />
nach haltigen Verkehrssystemen für<br />
alle zu ermöglichen und die Sicherheit<br />
im Straßenverkehr zu verbessern,<br />
insbesondere durch den<br />
Ausbau des öffentlichen Verkehrs,<br />
mit besonde rem Augen merk auf<br />
die Bedürfnisse von Menschen in<br />
prekären Situa tio nen, Frauen,<br />
Kindern, Menschen mit Be hinderungen<br />
und älteren Menschen.<br />
* Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Natio nen<br />
2015, Sustainable Development Goals<br />
SPIRITUELLE ANREGUNGEN<br />
SUCHET DER STADT BESTES !<br />
Gedanken zu Jeremia 29,7 im Gespräch mit „Ziel 11.2“, der Agenda 2030 für Nachhaltige<br />
Entwicklung der Vereinten Nationen<br />
Suchet der Stadt Bestes,<br />
dahin ich euch habe wegführen lassen,<br />
und betet für sie zum Herrn,<br />
denn wenn’s ihr wohl geht,<br />
so geht‘s euch auch wohl.<br />
Jeremia 29,7<br />
Einer der meist zitierten Sätze bei öffentlichen<br />
Anlässen von Politikern in gleicher<br />
Weise wie von Pfarrer*innen, vielleicht<br />
auch passend für eine Reflexion auf SDG 11.2.<br />
Da geht es um die nachhaltige Entwicklung<br />
unserer Städte. In ihnen konzentrieren sich die<br />
Heraus forde rungen und Grenzüber schreitungen,<br />
die zu unserem Jahrhundert gehören.<br />
Trotz CO 2 -Emmissionen, Ressourcenverbräuche,<br />
Gesundheitsschädigungen durch Autoabgase,<br />
Wildwuchs von Stadträndern, in vielen Konti nen<br />
ten ist die Stadt zugleich Hoffnung und Sehnsuchts<br />
ort von Millionen. Dort wird es mir besser<br />
gehen, dort bekomme ich Arbeit, dort be kom me<br />
ich ein neues Zuhause, dort werde ich leben,<br />
Hoffnungsort und Ort des Elends zugleich.<br />
Wir stehen weltweit vor großen Transformations<br />
prozessen. In unseren Städten in Europa<br />
und in den Mega städten dieser Welt muss sich<br />
das Thema Nach haltige Entwicklung bewähren.<br />
In Städten und Kommunen wird konkret, muss<br />
konkret werden, wie die SDGs umgesetzt werden<br />
(können). Wenn es nicht dort gelingt, wo dann?<br />
Die zunehmende Mobilität ist eine der größten<br />
Herausforderungen für eine nachhaltige Welt.<br />
Neben aller Freude an der Mobilität steht die<br />
Gewalt gegen Mensch und Natur, die mit dem<br />
Verkehr verbunden ist. Fortsetzung: nächste Seite <br />
THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
29<br />
PSALM 91,11F: DENN ER HAT SEINEN ENGELN BEFOHLEN, DASS SIE DICH BEHÜTEN AUF ALLEN DEINEN
SPIRITUELLE ANREGUNGEN<br />
Suchet der Stadt Bestes – für unsere Mobilität.<br />
Ich denke an die lauten und geschäftigen<br />
Großstädte in unserem Land. Viele leiden unter<br />
der schlechten Luft und ersticken fast täglich in<br />
der Flut des motorisierten Individualverkehrs<br />
(MIV). Viele sind Opfer und Täter zugleich.<br />
Die Stadtplanung in der zweiten Hälfte des<br />
20. Jahrhunderts war von der Idee bestimmt:<br />
Alles muss gut mit dem Auto erledigt werden<br />
können. Die Raumplanung für Städte trennte<br />
die vier Grundfunktionen unseres Lebens:<br />
hier Woh nen, dort Arbeiten, hier Einkaufen, dort<br />
Frei zeit. Diese Funktionstrennung unserer<br />
Lebens vollzüge führte zu gewaltigem Straßenbau<br />
– Stadträume für Menschen wurden zu<br />
Räumen für Autos.<br />
Erzählen wir Hoffnungsgeschichten von Stä d<br />
ten, Gemeinden und Bundesländern, die etwas<br />
dagegen unternehmen.<br />
Suchet der Stadt Bestes und betet für sie<br />
zum Herrn. Jeremia stellt die Suchbewegung<br />
in einen göttlichen Horizont: Welches Tun wäre<br />
denn Gott gemäß – schöpfungsgemäß – dienlich<br />
für meine Nächsten? Diese Suche nach<br />
dem Besten für die Stadt ist schließlich verknüpft<br />
mit der Verheißung: Denn wenn’s der<br />
Stadt gut geht, dann geht‘s auch euch gut.<br />
Suchet der Stadt Bestes heißt für mich innehalten<br />
und Räume schaffen im Kopf für neue<br />
Gedanken und Visionen. Versuchen wir es einmal:<br />
Was für eine Stadt würde ich mir wünschen,<br />
wie würde ich sie mir vorstellen? Tausende<br />
Autos an den Straßenrändern müssen<br />
nicht sein. Wir haben in Deutschland weit über<br />
100 Millionen Stellplätze.<br />
Eher sehe ich vor mir Freiräume für Begegnungen,<br />
Orte zum Verweilen, Räume zum Spiel<br />
für Kinder und Platz für Alte, genügend Wege<br />
für Zwei radfahrer, auf denen sie sicher von A<br />
nach B gelangen können. Ich kann mir Städte<br />
vorstellen, in denen die Luft besser ist, in denen<br />
wir Vogelgezwitscher und Lachen hören.<br />
Und erzählen wir uns Hoffnungsgeschichten<br />
von Menschen: Im Jahr 2018 wurden schon<br />
über 800.000 E-Bikes in Deutschland verkauft.<br />
Lastenfahrräder gehören schon in manchen<br />
Innenstädten zu den neuen CO 2 -freien Transportfahrzeugen.<br />
Manche Logistiker und Städte<br />
überlegen, wie sie die letzte Meile abgasfrei für<br />
die Innenstädte organisieren können.<br />
Radfahrer organisieren sich zu Tausenden, um<br />
mehr Raum für eine andere Mobilität in den<br />
Städten zu bekommen. (Die Critical-Mass-<br />
Be wegung gibt es in vielen Städten der Welt.)<br />
Suchet der Stadt Bestes heißt für mich auch:<br />
Ich werde mich mit den schlechten Bedin gungen<br />
nicht abfinden, sondern nun das Bessere<br />
suchen und gestalten.<br />
Wir müssen noch suchen, es liegt nicht schon<br />
offen da, und es macht uns richtig Mühe. Und<br />
wir werden die Zielkonflikte bearbeiten müssen.<br />
Wir werden nicht alle Arten der Mobilität in<br />
gleicher Weise fördern können.<br />
Suchet der Stadt Bestes heißt für mich dann<br />
auch: Ehrlich sein zu uns selbst und zu den anderen.<br />
Wenn wir eine umweltfreundlichere und<br />
enkeltauglichere Mobilität wollen, dann müssen<br />
wir den motorisierten Individualverkehr zurückdrängen<br />
und mehr Raum für öffentlichen<br />
Verkehr und Zweiräder schaffen und auch die<br />
öffentlichen Gelder dafür einsetzen.<br />
Und wenn sich die Mobilität wandelt – weg von<br />
der Individualmobilität hin zu einer Mobilität, in<br />
der wir mehr mit anderen Menschen und vermutlich<br />
auch in anderen Verkehrsmitteln unterwegs<br />
sein werden, dann brauchen wir auch<br />
weniger Autos. Für Mobilität braucht es nicht<br />
über 100 Millionen Sitzplätze in Autos, die nicht<br />
besetzt sind.<br />
Das bedeutet auch weniger Arbeitsplätze in der<br />
Automobilwirtschaft. Das ist kein leichter Weg<br />
und auf diesem Weg wird es Verlierer geben,<br />
auch dies gehört zur Ehrlichkeit.<br />
Wenn wir aber diesen Weg nicht gehen werden,<br />
dann wird es noch viel mehr Verlierer geben in<br />
unseren großen Städten und in unserem Land,<br />
auf der ganzen Welt.<br />
Deshalb suchet der Stadt Bestes: Die Zeit der<br />
autogerechten Städte muss zu Ende gehen –<br />
gestalten wir Städte für Menschen.<br />
ROMEO EDEL<br />
30 THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
WEGEN, DASS SIE DICH AUF DEN HÄNDEN TRAGEN UND DU DEINEN FUSS NICHT AN EINEN STEIN STOSSEST.
SPIRITUELLE ANREGUNGEN<br />
GEBETE UND TEXTE<br />
PSALM 121<br />
Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.<br />
Woher kommt mir Hilfe?<br />
Meine Hilfe kommt vom Herrn,<br />
der Himmel und Erde gemacht hat.<br />
Er wird dein Fuß nicht gleiten lassen,<br />
und der dich behütet, schläft nicht.<br />
Siehe, der Hüter Israels schläft und<br />
schlummert nicht.<br />
Der Herr behütet dich;<br />
der Herr ist dein Schatten über deiner<br />
rechten Hand,<br />
dass dich des Tages die Sonne nicht steche<br />
noch der Mond des Nachts.<br />
Der Herr behütet dich vor allem Übel,<br />
er behütet deine Seele.<br />
Der Herr behütet deinen Ausgang und Eingang<br />
von nun an bis in Ewigkeit.<br />
EINGANGSGEBET:<br />
Allmächtiger Gott,<br />
aus unserem Alltag haben wir uns<br />
aufgemacht, zu Dir.<br />
Aus allen Richtungen<br />
in Hetze und Eile die einen,<br />
müde und frohgestimmt die anderen.<br />
Da stehen wir nun vor Dir, bewahrender Gott,<br />
mit allem, was uns freut, und mit allem, was<br />
uns belastet.<br />
Manchmal ist es schwer, die richtigen Wege<br />
zu gehen,<br />
sie wirken verschlungen, sind unbequem und<br />
scheinen unpassierbar.<br />
Komm Du zu uns und erfülle uns mit<br />
Deinem Geist,<br />
damit wir Deine Worte verstehen und<br />
spüren, was Du von uns willst.<br />
Zeige uns die guten Wege, schenke uns Mut,<br />
sie zu gehen.<br />
Das bitten wir Dich durch Jesus Christus<br />
unseren Bruder und Herrn.<br />
REISESEGEN<br />
Mögen die Wege, die du gehst,<br />
leicht passierbar sein.<br />
Möge der Wind dir den Rücken stärken,<br />
mögen dich Gottes Engel behüten,<br />
damit du deinen Fuß nicht an einen<br />
Stein stößt.<br />
Gott segne deinen Weg. Amen<br />
KARIN UHLMANN<br />
JEDEN TAG EIN WENIG MEHR.<br />
Oder: Die Transformation des Nahverkehrs<br />
Kenneth Smith hatte sieben Minuten Pause<br />
zwischen seinen Fahrten als Straßenbahnführer<br />
in Baltimore. Der große Platz, wo seine<br />
Fahrt endete, war mit dickem Gebüsch und<br />
Gestrüpp bewachsen. Kenneth Smith<br />
beschloss, seine sieben freien Minuten der<br />
Gartenarbeit zu widmen. Am Ende jeder Fahrt<br />
arbeitete er und rodete die Büsche und das<br />
Unkraut. Langsam verwandelte er den Platz,<br />
der eine Schande gewesen war, in einen<br />
Garten. Rote Eichen und Pappeln stehen jetzt<br />
dort, umgeben von mexikanischen Rosen,<br />
Petunien, Zinnien und Veilchen. Weiche<br />
Rasenflächen sind mit weiß getünchten<br />
Feldsteinen umrandet. Kieswege führen zu<br />
einem Picknickplatz.<br />
James Keller, Einen Augenblick bitte; aus: Willi Hoffsümmer,<br />
Kurzgeschichten 1, Mainz (5. Aufl.) 1983, S. 116<br />
THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
31<br />
+++ PSALM 104,24: HERR WIE SIND DEINE WERKE SO GROSS UND VIEL, DU HAST SIE ALLE WEISE GEORDNET.
Wenn 25 Prozent aller<br />
täglichen Wege unter<br />
2 km liegen, ist das Ziel<br />
„jeder zweite Weg<br />
selbstaktiv“ gar nicht so<br />
schwer zu realisieren.<br />
MOBILITÄT UND KIRCHE<br />
GEHT DOCH ! – ANSÄTZE EINER NEUEN<br />
MOBILITÄTSKULTUR IM BEREICH DER KIRCHEN<br />
VERFAHREN? – Die Evangelische Kirche macht Verkehr – und zwar erheblich:<br />
700.000 Mitarbeitende in Kirche und Diakonie, die tagtäglich zur Arbeit fahren, Dienstreisen<br />
– auch mit dem Flugzeug – unternehmen, samt den mehr als 700.000 Ehren amtlichen,<br />
nicht gerechnet die Veranstaltungs- und Gottesdienstbesucher, sorgen für einen<br />
beträchtlichen CO 2 -Fußab druck. Wenn unsere Kirche aus dieser verfahrenen Situation<br />
heraus die gesellschaftliche Mobi litäts wende mit voranbringen will, sind enorme Anstrengungen<br />
– und nicht nur ein Umstieg auf Elektromobilität – notwendig.<br />
ES KÖNNTE ALLES ANDERS SEIN!<br />
Ein Blick auf das Jahr 2030: Üblich geworden<br />
war die 25-Stunden-Woche ohne<br />
vol len Lohnausgleich. So war es möglich<br />
gewesen, möglichst vielen Menschen eine sinnvolle<br />
Arbeit zu geben. Die Menschen erlebten<br />
Zeitwohlstand und Muße und nutzten die „freie“<br />
Zeit für zivilgesellschaftliches Engage ment, für<br />
Pflege und Sterbebegleitung, aber auch zu<br />
kreativer Betätigung.<br />
Auch kirchliche Beschäf tigte erlebten die neue<br />
Entschleunigung. Die tägliche Hetze fiel weg und<br />
erleichterte den Umstieg auf Füße und Fahrrad.<br />
Bemerkenswert war, dass Diakonie stationen<br />
nicht nur auf E-Autos um gestiegen waren, sondern<br />
auch spezielle Dia konie-E-Las tenräder<br />
nutzten, mit denen die Mitarbei tenden schneller<br />
vorankamen. Das Stadtbild wurde beherrscht<br />
von Transporträdern, den neuen SUV. Lade stationen<br />
waren gleichzeitig Quartierskühlhaus und<br />
Energiespeicher. Leerstehende Parkhäuser wurden<br />
zu Gemüseanbau und Hühnerhaltung genutzt,<br />
die unterirdischen sogar zur Pilzzucht.<br />
Energieerzeugung und die kollektive Nutzung<br />
von Fahrzeugen und Geräten waren zu einer<br />
32 THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
+++ PSALM 128,1: WOHL DEM, DER DEN HERRN FÜRCHTET UND AUF SEINEN WEGEN GEHT! +++ JESAJA
MOBILITÄT UND KIRCHE<br />
wichtigen Einnahmequelle für die Kirchen geworden.<br />
Es drehten sich kleine Windräder, die<br />
Fassaden waren mit Fotovoltaik bedeckt. Häuser<br />
wurden natürlich gekühlt, was bei den gestiegenen<br />
Temperaturen ein großer Vorteil war.<br />
So wurden Gemeinden im doppelten Sinn zu<br />
Energiespeichern und Wärmespendern für eine<br />
damals kälter gewordene Gesellschaft.<br />
Nicht ausgelastete Gemeindehäuser wurden<br />
auch als Repair-Café oder Volksküchen genutzt.<br />
Sie waren Orte kollektiver Nutzung von<br />
Büchern, Gartengeräten, Computern. Überall<br />
versuchte man ein rechtes Maß zu finden, das<br />
auch global verträglich ist.<br />
Gemeindemitglieder sprachen unter dem Motto<br />
„Suchet der Stadt Bestes“ von ihrer Gemeinde,<br />
da sie dort auch über ihre gemeinsame Zukunft<br />
mitbestimmen konnten. Pfarrer*innen machten<br />
neue interessante Erfahrungen: In Bus und<br />
Bahn ergaben sich nebenbei seelsorgerliche<br />
Gespräche.<br />
Gockel-Initiativen, Umweltmanagement-Aktiven<br />
und Umweltbeauftragten: Auto-Fasten-Aktionen,<br />
Beschaffungsstrategie für Fuhrparks,<br />
Be tei ligung am Carsharing, Diensträder, Umkleiden<br />
für Radfahrer*innen, Einsatz von<br />
Lasten rädern bei Großveranstaltungen (der<br />
Kirchentag hat so 3.000 km Sprinter-Transport<br />
substituiert), En ga gement für Tempolimit,<br />
Engagement für örtliche Nahversorgung, die<br />
den Autobesitz überflüssig macht, Fahrradrouten<br />
zu kirchlichen Sehenswürdigkeiten, Fair<br />
Reisen, Finanzierung von Freizeiten durch<br />
Konfirmanden-Fahrrad-Brötchen, Jobtickets,<br />
Kirchenrad, Klimakollekte für unerlässliche<br />
Flugreisen, Lastenradverleih, Mobilitäts beratung,<br />
Nutzen der Marktmacht zur Nachfragesteigerung<br />
downgesizter Pkw, mit „Pedibus“<br />
zum Kindergarten, Pilgerreisen zu Fuß, Reduktion<br />
der Kilometererstattung, Repa ra turgutschein<br />
bei mehr als 50 Prozent der Fahrten zum<br />
Arbeitsplatz mit dem Rad, Rück bau von Parkplätzen,<br />
Segeltörns statt Kreuz fahrten, Shuttle-<br />
Busse zur nächsten Bahn station, sparsame<br />
Dienstwagen für Bischöfe, Spritsparkurse für<br />
Mitarbeitende, Thema „Selbstbeweglichkeit“<br />
im Unterricht etc.<br />
Der Einsatz von Lasten rädern hat<br />
beim Kirchentag 3.000 km<br />
Sprinter-Transporte substituiert.<br />
Zeitaufwendiger wurde das Ein kaufen per Rad.<br />
Nicht abgeschirmt durch die Wind- oder besser<br />
Weltschutzscheibe des Pkw und mit Tempo<br />
vorbeihuschend ergaben sich neue Gelegenheiten<br />
und auch „Zwänge“, stehen zu bleiben<br />
oder vom Rad abzusteigen und zu einem<br />
„Schwatz“ mit Gemeindegliedern. So entwickelte<br />
sich ein neues Verständnis von Kirchgang<br />
und Gemeindearbeit.<br />
ES GEHT DOCH!<br />
Erstaunlich ist, was es von A – Z so alles im<br />
Bereich der Kirchen an neuer Mobilitätskultur<br />
schon gibt, engagiert umgesetzt von Grünen<br />
GEHT NICHT NOCH MEHR?<br />
Die genannten Aktivitäten müssen aus der<br />
Nische in die Fläche und (kirchen-)politisch unterstützt<br />
werden. Die Kirchen sind nicht mehr<br />
nur Mahner und Mittler, sondern auch Motoren<br />
einer nachhaltigen Mobilitätskultur. Um den<br />
Übergang in eine neue Mobilitätskultur zu bewältigen,<br />
braucht es eine Konkretisierung der<br />
Ziele bis 2030 und attraktive Zukunftsbilder.<br />
Wenn 25 Prozent aller täglichen Wege unter<br />
2 km liegen, ist das Ziel „jeder zweite Weg<br />
selbstaktiv“ gar nicht so schwer zu realisieren.<br />
Da Mobilitätsbedürfnisse sich mit mehr oder<br />
weniger Verkehr realisieren lassen, kommt den<br />
Kirchen eine wichtige Funktion beim Wertewandel<br />
zu. Gerade in städtischen Quartieren<br />
und Dörfern hat das Erleben einer nachhaltigen<br />
Mobilitätskultur und deren theologische Rückbindung<br />
eine wichtige Rolle für Gemeinde entwicklung<br />
und Mobilitätswende.<br />
JOBST KRAUS<br />
THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
33<br />
57,10: DU HAST DICH ABGEMÜHT MIT DER MENGE DEINER WEGE. +++ JEREMIA 19,7: SUCHET DER STADT
LINKS & LITERATUR<br />
LITERATURVERZEICHNIS<br />
Alles könnte anders sein, eine Gesell schaftsutopie<br />
für freie Menschen, Harald Welzer, Frankfurt <strong>2019</strong>,<br />
ISBN 938-3-10-397401-0<br />
Club of Rome: Der große Bericht, Wir sind dran –<br />
was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen,<br />
Ernst-Ulrich von Weizsäcker u.a., Gütersloh 2017,<br />
ISBN 978-3-579-08693-4<br />
Der Umzug der Menschheit: Die transformative<br />
Kraft der Städte, Wissenschaftlicher Beirat der<br />
Bundesregierung Globale Umweltveränderungen<br />
(WBGU), Berlin 2016<br />
Printversion bestellen sowie Download über www.<br />
wbgu.de/de/publikationen<br />
Die digitale Mobilitätsrevolution –<br />
Vom Ende des Verkehrs, wie wir ihn kannten,<br />
Weert Canzler / Andreas Knie, München 2016,<br />
ISBN 978-3-86581-754-9<br />
Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie,<br />
Die Bundesregierung, Berlin Oktober 2016<br />
www.deutsche-nachhaltigkeitsstrategie.de<br />
Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie, Aktualisierung<br />
2018. Die Bundesregierung, Berlin November 2018<br />
ELAB 2.0, Wirkung der Fahrzeugelektrif izie rung<br />
auf die Beschäfti gung am Standort Deutschland,<br />
Stuttgart November 2018<br />
www.iao.fraunhofer.de/lang-de/images/<br />
iao-news/elab20.pdf<br />
Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben,<br />
EKD Texte 130, Hannover 2018<br />
www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/ekd_texte_130_2018.pdf<br />
Klimaschutzplan 2050, Bundesministerium für<br />
Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktor sicherheit,<br />
Berlin November 2016<br />
www.bmub.bund.de<br />
Laudato Si, Die Umwelt-Enzyklika des<br />
Pabst Franziskus, Leipzig 2015,<br />
ISBN 978-3-7462-4288-0<br />
Leben im Anthropozän –<br />
Christliche Perspektiven zur Nachhaltigkeit,<br />
Brigitte Bertelmann / Klaus Heidel, München 2018,<br />
ISBN 978-3-96238-060-1<br />
Mit dem Elektroauto in die Sackgasse,<br />
Winfried Wolf, Wien <strong>2019</strong>,<br />
ISBN 978 3 85371 4501 1<br />
Mobiles Baden-Württemberg, Wege der<br />
Transformation zu einer nachhaltigen Mobilität.<br />
Hrsg. Baden-Württemberg Stiftung, Stuttgart<br />
Oktober 2017,<br />
Pdf-Download über www.bwstiftung.de/publikationen<br />
oder kostenlose Bestellung Printversion:<br />
voith@bwstiftung.de<br />
Raus aus der Wachstumsgesellschaft?<br />
Hrsg. Wissenschaftliche Arbeitsgruppe für weltkirchliche<br />
Aufgaben der Deutschen Bischofskonferenz,<br />
Bonn 2018, ISBN 978-3-940137-83-8<br />
Schubumkehr – die Zukunft der Mobilität,<br />
Stephan Rammler, Frankfurt 2014,<br />
ISBN 978-3-596-03079-8<br />
Verkehr.Umwelt.Klima – Die Globalisierung<br />
des Tempowahns. Winfried Wolf, Wien 2009,<br />
ISBN 978 3 85371 300 6<br />
Volk ohne Wagen – Streitschrift für eine neue<br />
Mobilität, Stephan Rammler, Frankfurt 2017,<br />
ISBN 978-3-596-29862-4<br />
Welt im Wandel – Gesellschaftsvertag für eine<br />
Große Transformation, Wissen schaft licher Beirat der<br />
Bundesregierung Globale Umweltveränderungen<br />
(WBGU), Berlin 2011, ISBN 978-3-936191-38-7<br />
Pdf-Download: www.wbgu.de/de/publikationen<br />
Zukunftsfähiges Deutschland in einer<br />
globalisierten Welt – Ein Anstoß zur gesell schaftlichen<br />
Debatte. Eine Studie des Wup per tal-Instituts<br />
für Klima, Umwelt, Energie.<br />
Herausgeber Brot für die Welt, ev. Entwick lungsdienst<br />
und BUND, Frankfurt 2008,<br />
ISBN 978-3- 596-17892-6<br />
Zukunftsfähiges Deutschland – Ein Beitrag zu<br />
einer globalen nachhaltigen Entwicklung.<br />
Eine Studie des Wuppertal-Instituts für Klima,<br />
Umwelt, Energie. Herausgeber Brot für die Welt,<br />
ev. Entwicklungsdienst und BUND, Basel 1996,<br />
ISBN 978-3-7643-5278-3<br />
Menschen – Klima – Zukunft /<br />
Jahrbuch Gerechtigkeit V,<br />
Kirchlicher Herausgeberkreis WOEK 2012,<br />
Download über woek.de/publikationen<br />
34 THEMENHEFT <strong>2019</strong>: BITTE WENDEN<br />
BESTES UND BETET FÜR SIE ZUM HERRN; DENN WENN’S IHR WOHL GEHT, SO GEHT‘S AUCH EUCH WOHL. +++
GUTES BEISPIEL<br />
NORDKIRCHE MIT KURS AUF KLIMANEUTRALITÄT<br />
und Pastoren und Mitarbeitenden in kirchlichen<br />
Einrichtungen.<br />
Das Gute ist, Klimaschutz bringt neue Chancen.<br />
Kirchliches Leben kann durch Klimaschutz viel<br />
gewinnen:<br />
Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Nord -<br />
deutschland hat mit ihrem Klima schutzgesetz<br />
ein klares Ziel vor Augen: Die Nordkirche<br />
will bis zum Jahr 2050 klima neutral<br />
sein. Dazu soll der CO 2 -Ausstoß in den<br />
Bereichen Gebäude, Mobilität und Beschaffung<br />
kontinuierlich gesenkt werden.<br />
Dieses Ziel lässt sich nur gemeinsam erreichen.<br />
Viele verschiedene Aktivitäten<br />
tragen zum Ge lingen bei: Energie sparend<br />
heizen, sparsame Fahrzeuge nutzen, auf<br />
Fair-Trade-Produkte umstellen und vieles mehr.<br />
Will kommen sind En ga gement und Ideen eines<br />
Jeden, von Gemein de mitgliedern, Pastorinnen<br />
• Energiesparen entlastet die Gemeinde kassen.<br />
• Gebäudesanierung steigert die Attraktivität<br />
von Gemeindehäusern und Pastoraten.<br />
• Gemeinsames Planen und Gestalten bringt<br />
Impulse für eine lebendige Gemeinde vor Ort.<br />
• Neue Mobilitätsformen auszuprobieren<br />
macht Spaß und zeigt neue Wege auf.<br />
Das Klimaschutzbüro der Nordkirche unterstützt<br />
die Kirchenkreise und Gemeinden, damit<br />
die Chancen im Klimaschutz möglichst breit genutzt<br />
werden. Es bietet Beratung und fördert<br />
den Erfahrungsaustausch und die Zusam menarbeit<br />
innerhalb der Nordkirche.“ Mehr unter:<br />
www.kirchefuerklima.de<br />
IMPRESSUM<br />
VERANTWORTLICH<br />
Michael Klatt<br />
Landessozialpfarrer i.R.<br />
Bundesvorsitzender des Kirchlichen<br />
Dienstes in der Arbeitswelt (<strong>KDA</strong>)<br />
und Vorsitzender des<br />
Evangelischen Verbandes<br />
Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt (KWA),<br />
Hannover<br />
m.klatt@kwa-ekd.de<br />
KOORDINATION UND V.I.S.D.P:<br />
Nora Langerock-Siecken<br />
Referentin für Arbeit und Soziales im<br />
Evangelischen Verband<br />
Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt (KWA)<br />
n.langerock-siecken@kwa-ekd.de<br />
KWA-Geschäftsstelle<br />
Friedrich-Karrenberg-Haus<br />
Arnswaldtstraße 6<br />
30159 Hannover<br />
info@kwa-ekd.de<br />
www.kwa-ekd.de<br />
REALISATION<br />
Design: Holger Giebeler, Magascreen.com<br />
Korrektorat: Dr. Angelika Fallert-Müller<br />
Druckerei: Schroeder-Druck & Verlag GbR<br />
www.schroeder-druck.de<br />
Auflage: 4.000<br />
Juni <strong>2019</strong><br />
ISSN 2366-9845<br />
BESTELLUNG<br />
Unsere <strong>Themenheft</strong>e<br />
können Sie hier bestellen:<br />
KWA-Geschäftsstelle<br />
Telefon: 0511 473877-12<br />
E-Mail: info@kwa-ekd.de<br />
RÜCKMELDUNGEN<br />
ERWÜNSCHT<br />
Das Redaktionsteam freut<br />
sich über Rückmeldungen<br />
zu dieser Broschüre:<br />
info@kwa-ekd.de<br />
BILDNACHWEIS<br />
1 Bernd Müller-Knospe – stock.adobe.com<br />
2 Kara – stock.adobe.com<br />
3 Klatt privat<br />
4 Halfpoint – stock.adobe.com<br />
Kurschuss privat<br />
5 Marco2811 – stock.adobe.com<br />
6 Philipp Böhme – qimby.net<br />
8 nadezhda1906 – stock.adobe.com<br />
11 mihi – stock.adobe.com<br />
12 Ralf Gosch – stock.adobe.com<br />
13 VM Ba-Wü<br />
14 FW – qimby.net<br />
15 Giebeler<br />
16 IG Metall<br />
Ivan Traimak – stock.adobe.com<br />
17 dima – stock.adobe.com<br />
18/19 EvoBus<br />
20/21 Kalyakan – stock.adobe.com<br />
22/23 IKG<br />
24/25 OREG<br />
26/27 Karin Uhlmann<br />
28 Helmut Roos<br />
29 shootingankauf – stock.adobe.com<br />
31 upixa – stock.adobe.com<br />
32 Romeo Edel privat<br />
33 DEKT, Bente Stachowske<br />
35<br />
AMOS 5,4: SO SPRICHT DER HERR: SUCHET MICH, SO WERDET IHR LEBEN. +++
LANDESKIRCHLICHE FACHABTEILUNGEN FÜR ARBEIT UND WIRTSCHAFT<br />
Evangelisch-Lutherische Kirche<br />
in Norddeutschland<br />
Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt<br />
Leitung: Gudrun Nolte<br />
gudrun.nolte@kda.nordkirche.de<br />
Bremische Evangelische Kirche<br />
Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt<br />
Leitung: Ingeborg Danielzick<br />
danielzick.forum@kirche-bremen.de<br />
Evangelisch-Lutherische Kirche<br />
in Oldenburg<br />
Kirche Wirtschaft Arbeitswelt<br />
Leitung: Dr. Urs-Ullrich Muther<br />
urs-ullrich.muther@kirche-oldenburg.de<br />
Evangelisch-Lutherische<br />
Landeskirche Hannovers<br />
Kirche.Wirtschaft.Arbeitswelt<br />
Leitung: Dr. Matthias Jung<br />
jung@kirchliche-dienste.de<br />
Evangelische Landeskirche Anhalts<br />
Ehrenamtlicher Fachdienst<br />
für Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt<br />
Leitung: Günther Laux<br />
laux-guenter@t-online.de<br />
Evangelische Kirche<br />
in Mitteldeutschland<br />
Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt<br />
Leitung: Holger Lemme<br />
lemme@ev-akademie-thueringen.de<br />
Evangelische Kirche im Rheinland<br />
Ev. Akademie im Rheinland<br />
Leitung: N.N.<br />
Sekretariat:<br />
beate.weissner@ekir-lka.de<br />
Evangelische Kirche von Westfalen<br />
Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt<br />
Leitung: Heike Hilgendiek<br />
heike.hilgendiek@kircheundgesellschaft.de<br />
Evangelische Kirche<br />
von Kurhessen Waldeck<br />
Referat Wirtschaft-Arbeit-Soziales<br />
Leitung: Nicole Beckmann (ab 01.09.<strong>2019</strong>)<br />
Sekretariat:<br />
Janine.Barrera-Ortiz@ekkw.de<br />
Evangelische Kirche in Hessen-Nassau<br />
Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung<br />
Leitung: Christian Schwindt<br />
c.schwindt@zgv.info<br />
Evangelische Kirche der Pfalz<br />
Arbeitsstelle Bildung und Gesellschaft<br />
Leitung: Gerd Kiefer<br />
gerd.kiefer@evkirchepfalz.de<br />
Evangelische Landeskirche Baden<br />
Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt<br />
Leitung: Dr. Dieter Heidtmann<br />
dieter.heidtmann@ekiba.de<br />
Evangelische Landeskirche<br />
in Württemberg<br />
Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt<br />
Leitung: Karin Uhlmann<br />
karin.uhlmann@ev-akademie-boll.de<br />
Evangelisch-Lutherische Kirche<br />
in Bayern<br />
Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt<br />
Leitung: Prof. Dr. Johannes Rehm<br />
rehm@kda-bayern.de<br />
Die Zeit der autogerechten Städte<br />
muss zu Ende gehen – gestalten wir<br />
Städte für Menschen.<br />
Evangelischer Verband<br />
Kirche Wirtschaft Arbeitswelt<br />
Friedrich-Karrenberg-Haus<br />
Arnswaldtstraße 6<br />
30159 Hannover<br />
Telefon: 0511 473877-0<br />
info@kwa-ekd.de<br />
www.kwa-ekd.de<br />
GEFÖRDERT DURCH