Berliner Zeitung 15.07.2019

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6* Berliner Zeitung · N ummer 161 · M ontag, 15. Juli 2019

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Wirtschaft

NACHRICHTEN

Easyjet spürt bei Buchungen

keinen Klimaeffekt

Trotz anhaltender Proteste und Diskussionen

um denKlimaschutz

spürtder Billigflieger Easyjet keine

Auswirkungen auf die Buchungszahlen.

„Wir schauen im Gesamtjahrauf

rund 90 Millionen Passagiereund erwarten

auch in diesem Jahr erneut

Wachstum“, sagteDeutschland-

Chef Stephan Erler.„Einen Zusammenhangmit

der Klimadebatte können

wir deshalb nicht feststellen.“

Easyjethatte in Berlin einen Großteil

der Start- und Landerechte übernommen,die

nach der Air-Berlin-

Pleite frei geworden waren. Inzwischen

ist Easyjet mit 35 Flugzeugen

in Tegel und Schönefeld der größte

Anbieterinder Hauptstadt. (dpa)

Amazon reagiert auf Kritik

an Nazi-Propaganda

DerVersandkonzernAmazon hat

auf die Kritik des Zentralrats der Juden

wegen des Verkaufs vonantisemitischen

Büchernund T-Shirts reagiert.

„Wir nehmen den Hinweis

des Präsidenten des Zentralrats der

Juden in Deutschland, Josef Schuster,ernst

und erkennen seine Bedenken

an“, schreibt das Unternehmen

in einer Stellungnahme an das

RedaktionsNetzwerkDeutschland

(RND). Wirdistanzieren uns deutlich

vomNationalsozialismus und

seiner Verherrlichung“, teilte das

Unternehmen mit. „Die genannten

Produktgruppen werden wir gründlich

überprüfen und uns auch an

den Zentralrat der Juden in

Deutschland wenden.“ (dpa)

Wetter macht

Gurkenbauern zu schaffen

In Niederbayern läuft dieGurkenernte

derzeit aufHochtouren. FOTO: ARMIN WEIGEL/DPA

DieErnte im größten Gurkenanbaugebiet

Europas in Niederbayernist

in vollem Gange.Die Saison habe

mit zwei Wochen Verzögerung begonnen,

sagt Josef Hofmeister,Geschäftsführer

der Erzeugerorganisation

GeoBayern. Schuld seien der

kalte Maisowie die kühlen Nächte in

diesem Sommer.Der Ertrag werde

weit weniger sein als im Durchschnitt

der vergangenen fünf Jahre.

Dasbestätigt Michaela Schaumberger

vomBauernverband: Jetzt schon

gebe es 40 Prozent weniger Einlegegurken

als 2018. Schaumberger zufolge

ist die Kombination aus heißen

Tagen und kalten Nächten fatal für

das Gemüse.Dannwachse nur das

Kraut, nicht aber die Gurke. (dpa)

Post nennt

Zustellzeitpunkt

Vorstandschef Frank Appelwill das

Zustellsystem der Deutschen Post

DHL verbessern.Dabei sollen die

Kundenbei der Paketzustellung zeitgenauüberden

Wegder Lieferung

informiertwerden. „UnsereKunden

sollen zuerstper E-Mail eine ungefähreZeiterhalten,zuder

der Zusteller

kommt. Undzum Beispiel15Minutenvor

Ankunftgibt es dann eine

erneute Mail mit der genauen Zeit,

die wir anhand der per GPS erfassten

Position des Lieferwagens berechnen“,

sagte Appelder „Rheinischen

Post“. Laut Appel soll es „im Laufe

des Jahres 2020“ diese Just-in-time-

Pakete bundesweit geben. (dpa)

Inflation frisst Gespartes auf

Die Niedrigzinsen übersteigen die Preissteigerung schon lange nicht mehr –was das für Sparer bedeutet

Von Theresa Dräbing

Allein in der ersten Hälfte

dieses Jahres haben deutsche

Sparer 15,9 Milliarden

Euro Wertverlust erlitten.

Zu diesem Ergebnis kommt die

Comdirect-Bank. DieZinsen,die die

Bankenheuteauf Tagesgeld,Festgeld

oder Spareinlagen zahlen, sind so

niedrig, dass sie die Inflation nicht

mehr überschreiten. Die lag laut der

Berechnung von Comdirect im ersten

Halbjahr durchschnittlich bei

1,71 Prozent, während der durchschnittliche

Einlagenzins gerade einmal

0,16 Prozent betrug. Damit lag

der Realzins für diesen Zeitraum bei

minus 1,55 Prozent.

Konkret bedeutet das: Wer Geld

beieinem Zinssatz anlegt, der geringer

ist als die Inflationsrate,hat zwar

am Ende der Laufzeit mehr Geld auf

dem Konto,kannsich dafür aber weniger

kaufen, als er zum Anlagezeitpunkt

für den anfänglichen Betrag

bekommen hätte.Weil die Preise wegen

der Inflation gestiegen sind.

Daswar nicht immer so.Zum Vergleich:

Im Januar 2000 lag die Inflation

zwar ähnlich hoch wie heute,damals

war der Zins aber deutlich höher

–für ein zwölfmonatiges Festgeld

gab es bei einem Anlagebetrag von

5000 Euro laut FMH-Finanzberatung

durchschnittlich 3 Prozent. Sparer

konnten trotz Inflation einen Gewinn

einfahren.

Dasist heute anders,und es ist gewollt:

Die Europäische Zentralbank

(EZB) hält den Leitzins seit März2016

bei null Prozent, der Einlagesatz, zu

dem Banken Geld „parken“ können,

ohne es direkt weiter zu investieren,

liegt sogar bei minus 0,4 Prozent.

Eine Trendwende ist nicht in Sicht.

DieWährungshüter wollen damit Investitionen

in der Euro-Zone ankurbeln.

Kreditnehmer profitieren

durchaus vonden günstigen Zinsen,

Sparer nicht.

Vorsichtiger Blicknach Italien

„Rein rechnerisch wurde in den vergangenen

zwölf Monaten somit fast

jeder dritte Euro,den die Deutschen

mit niedrig verzinsten Sparprodukten

zur Seite gelegt haben, vonder Inflation

aufgezehrt“, sagt Comdirect-

Chef Arno Walter. Seiner Ansicht

nach seien deshalb Sparer gefragt, ihr

Sparverhalten zu überdenken und

stärker auf Wertpapierefür den langfristigen

Vermögensaufbau zu setzen.

Tatsächlich gibt es momentan

kein Zinsprodukt in Deutschland,

das die Inflationsrate überschreitet,

bestätigt auch Max Herbst von der

FMH-Finanzberatung. Der Mittelwert

bei einem zweijährigen Festgeld

liege derzeit bei 0,27 Prozent, selbst

bei zehn Jahren schafft es ein Kunde

bei einer deutschen Bank nicht über

die Inflationsrate.„Möglich wäredieser

Sprung, wenn ich mich für ein

Institut außerhalb Deutschlands

entscheide“, sagt Herbst. Einige italienische

Banken warten noch mit

Zinssätzen von knapp 2Prozent auf,

Vermittler wie Zinspilot oder Welt-

DIE GELDPOLITIK DER EUROPÄISCHEN ZENTRALBANK

Ziel: Die EZBstrebt für den Euro-Raum mittelfristig

eine Jahresteuerungsrate vonknapp

unter 2,0 Prozent an –weit genug entfernt

vonder Nullmarke. Der Grund: Dauerhaft

niedrigePreise können Unternehmen und

Verbraucher verleiten, Investitionen aufzuschieben.

Das bremst die Wirtschaft.

Schätzung: Im Euro-Raum lag die Inflation

im Juni, wie auch schon im Vormonat laut

Schätzung der europäischen Statistikbehörde

Eurostat bei 1,2 Prozent. Damit wurde der

Richtwertder EZB voneinem Verbraucherpreisindex

vonknapp unter 2Prozent weiterhin

deutlich verfehlt.

GRAFIK: SASCHA JAECK

sparen werben mit einem einfachen

Zugang zu europäischem Festgeld

mit höherer Rendite,sei es in Italien,

Schweden oder der Türkei.

Mit einigen dieser Produkte ließe

sich die Inflation hierzulande tatsächlich

auch schlagen. Herbst rät allerdings

zur Vorsicht: „Zwei Jahre

Festgeld anlegen im europäischen

Ausland ist unproblematisch, von

zehn Jahren rate ich ab“, sagt er.Niemand

wisse,wie Europa in zehn Jahrenaufgestellt

sei, ob es die Garantie

in Italien dann noch gebe. Ohnehin

komme man zehn Jahre lang nicht

mehr an das Ersparte heran.

„Sparen lohnt sich trotzdem“

Eine weitere Möglichkeit für höhere

Zinsen bieten ETFs –Fonds und Aktien,

die die Mehrheit der Deutschen

allerdings immer noch scheuen.

Auch wenn es dort Renditen von 6,

7Prozent geben kann. Doch mehr

Rendite bedeutet immer auch mehr

Risiko.„Aktien gelten ja leider immer

noch als etwas Böses“, sagt Andreas

Feldmann, Portfoliomanager bei

B&K Vermögen in Köln. „Aber vielleicht

sollte man schauen, ob man

das Risiko nicht neu definieren

müsste, obnicht auch der Rentenmarkt

ein hohes Risiko in sich birgt,

wenn es keine Zinsen mehr gibt.“

Dass sich die Zinssituation in naher

Zukunft ändernwird, glaubt er nicht.

DieEZB selbst kündigt für frühestens

Mitte 2020 eine Zinssteigerung

an. „Doch die wird, wenn überhaupt,

marginal ausfallen, und auch die Inflation

wird weiter steigen“, glaubt

Feldmann. Ähnlicher Ansicht ist

auch Herbst. „Ich halte es aber für

wahrscheinlich,dassdieEZBdenMinuszins

zuvor vonminus 0,4 auf minus

0,5 oder gar minus 0,6 hochschraubt,

um zu erreichen, dass die

Inflation wieder ansteigt“, sagt er.

Fällt die Inflation, besteht die Gefahr,

dass sich die Konjunktur abkühlt,

weil Unternehmen mit Investitionen

auf noch günstigere Zeiten

warten. Wenn die Inflation, wie von

der EZB gewollt, hingegen weiter ansteigt,

fallen auch die Anlagezinsen

weiter –Tagesgeld und Festgeld werden

noch billiger.

Undnun? Müssen alle Deutschen

an den Aktienmarkt gezwungen

werden? Lohnt sich das Sparen einfach

nicht mehr? „Das wäre wiederum

der fatalste Schluss, den man

aus der derzeitigen Situation ziehen

kann“, sagt Herbst. Jeder müsse seine

Risikobereitschaft selbst abwägen.

Ein bisschen mehr Zins für ein

ungutes Gefühl? Das wäre ein

schlechter Deal.

„Auch wenn höhere Zinsen mehr

Rendite bringen würden –Sparen ergibt

auch bei null Zinsen noch Sinn“,

sagt Herbst, die Rechnung sei

schließlich einfach. Wer monatlich

100 Euro auf seinem Girokonto spart,

hat am Ende des Jahres 1200 Euro.

Selbst wenn das Geld gemessen an

der Inflation dann weniger wert ist,

kann man dennoch im Notfall auf die

Rücklage zurückgreifen. „Wer gar

nichts spart, hat diese Möglichkeit

nicht.“

Facebook soll 5Milliarden Dollar Strafe zahlen

Von Holger Göpel

Nach mehr als einjährigen Ermittlungen

gegen Facebook

wegen Datenschutzverstößen hat

die US-Handels- und Verbraucherschutzbehörde

FTCoffenbar einem

milliardenschweren Vergleich mit

dem Onlinekonzernzugestimmt.

Die fünf leitenden Vertreter der

Kommission hätten mit drei zu zwei

Stimmen für eine Zahlung vonrund

5Milliarden Dollar (4,4 Milliarden

Euro) gestimmt, schreibt das „Wall

Street Journal“ unter Berufung auf

eingeweihte Kreise. Die FTC und

Der Skandal um Cambridge Analyticakommt dasNetzwerk teuerzustehen

Facebook lehnten einen Kommentar

dazu ab.

Facebook hatte sich bereits auf

eine Strafe eingestellt und im April

mitgeteilt, dass diese sich auf 5Milliarden

Dollar belaufen könnte.Die

FTC hatte im Zuge des Cambridge-

Analytica-Skandals vor über einem

Jahr eine Ermittlung eingeleitet.

Die Datenanalysefirma, die im

US-Wahlkampf auch für den späteren

Präsidenten Donald Trump

arbeitete, hatte Daten von Millionen

Nutzern bei Facebook abgreifen

können. Seit der Affäreist Facebook

durch weitere Datenschutzverstöße

noch tiefer in die Kritik geraten.

Die Verbraucherschutzbehörde

musste nun klären, ob Facebook

gegen eine Vereinbarung mit der

FTC aus dem Jahr 2011 verstoßen

hat. Damals hatte sich der Konzern

von Mark Zuckerberg verpflichtet,

die Privatsphäre von Nutzerinnen

und Nutzernzuschützen.

Das jetzt laut „Wall Street Journal“

ausgehandelte Bußgeld wäre

das höchste, das die FTC jegegen

ein Technologieunternehmen verhängt

hat. Allerdings entspricht es

nicht einmal einem Zehntel des Gewinns

von Facebook von knapp

56 Milliarden Dollar im vergangenen

Jahr.

Facebook steht in den USA unter

großem politischen Druck. Präsident

Trump wirft dem Netzwerk

vor, Stimmen aus dem rechten politischen

Spektrum zu unterdrücken.

Außerdem hat er sich gegen die von

Facebook angestoßene Digitalwährung

Libra in Stellung gebracht.

Gleichzeitig fordernmehrere Präsidentschaftskandidaten

der Demokratischen

Partei wie Elizabeth

Warren die Zerschlagung des Facebook-Konzerns.

(dpa)

EU und Türkei

streiten um

Gas vor Zypern

Ankara will drohende

Sanktionen abwenden

Von Alexia Angelopoulou,Takis Tsafos,

Ansgar Haase und Christine-Felice Röhrs

Wenn sich deutsche Touristen

derzeit an der Westküste des

kleinen EU-Staats Zypern auf der

Strandliege aalen und den Blick in die

Ferne schweifen lassen, sehen sie –

nichts.Und doch braut sich am Horizont

ein Konflikt zusammen: Nur

rund 36 Seemeilen entfernt liegt das

türkische Bohrschiff „Fatih“ und erkundet

den Meeresgrund nach Bodenschätzen.

Im Süden und Osten

der Insel suchen zwei weitere türkische

Schiffe nach Erdgas.Die EU will

deswegen an diesem Montag auf

Drängen Zyperns Strafmaßnahmen

gegen die Türkei beschließen.

Das Erdgasvorkommen südlich

der Insel könnte Experten zufolge

rund 227 Milliarden Kubikmeter umfassen

und Gewinne von mehr als

40 Milliarden Euro generieren.

Längst hat die zyprische Regierung

Konzessionen an Energiekonzerne

wie Shell und ExxonMobil vergeben.

Die Türkei ist vor Zypern ohne

Konzession unterwegs. Deswegen

plant die EU, die Verhandlungen

über ein neues Luftverkehrsabkommen

auszusetzen. Außerdem könnte

die EU Hilfsgeld für die Türkei kürzen

und die Kreditvergabe einschränken.

Die Zyprer wären gern noch weiter

gegangen. Diemeisten anderen Staaten

wollen aber eine allzu drastische

Eskalation des Konflikts vorerst vermeiden.

Siefürchten unter anderem,

dass die Türkei im Gegenzug die Zusammenarbeit

im Kampf gegen illegale

Migration einstellen könnte.

Für die Türkei wären EU-Strafen

unangenehm. Ihrdrohenschon von

anderer Seite Sanktionen: von den

USA wegen der Anschaffung eines

russischen Raketenabwehrsystems,

dessen erste Lieferungen am Freitag

in Ankara ankamen. Für die fragile

türkische Wirtschaft wären Strafen

vonbeiden Seiten ein Tiefschlag.

Das schimmerte vergangene Woche

schon durch die Wortedes türkischen

Außenministers Mevlüt Cavusoglu:

Die EUkönne kein neutraler

Vermittler sein, eben weil die Republik

Zypern zur EU gehöre, sagte er.

Mansolle sich nicht einfach aus Prinzip

solidarisch erklären. Fast trotzig

kündigte er an, man werde die Bohrungen

fortsetzen.

Zugleich unterstützt die Türkei

aber einen Vorstoß des Oberhaupts

dertürkischenZyprer,aufdiegriechische

Inselseite zuzugehen. Mustafa

Akinci unterbreitete dem griechischzyprischen

Präsidenten Nikos Anastasiades

formell über einen UN-Vermittler,

ein gemeinsames Komitee

solle Erdgasbohrungen vor Zypern

verwalten und die Erträge aufteilen.

DieSuche nach Erdgas solle Zusammenarbeit

fördern, statt Spannungen

und den Konflikt zu befeuern.

Der Vorschlag würde „eine neue Ära

der Kooperation“ einläuten, teilte

das türkische Außenministerium in

AnkaraamWochenende mit.

Zypernist seit 1974 geteilt. DieRepublik

Nordzypern, in der mehr als

35000 türkische Soldaten stationiert

sind, wird international nur von der

Türkei anerkannt. (dpa)

Mit Bohrschiffenerkundet die Türkei das

Erdgasvorkommen. FOTO: LEFTERIS PITARAKIS/DPA

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