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Diesmal - mit der Ausgabe 1.19 - geht es um: Die Utopie: Wo kommt sie her, wo will sie hin?

Ingenieurkammer-Bau

Nordrhein-Westfalen

25 Jahre

konkrete Utopie >>

Zeitung der

Ingenieurkammer-Bau NRW

Ausgabe zum

25-jährigen Jubiläum 2019

thema:

1.19

Das Utopische

Thema will ein Reflexions- und Inspirationsmedium sein. Wir begeben uns damit

bewusst ein wenig weg vom Ingenieurwesen, wechseln munter Kontexte und

schlagen Bögen zu gesellschaftsbildenden Bereichen wie Wissenschaft und Kunst.

In dieser Ausgabe beschäftigen wir uns mit dem Utopischen.

Eine beliebte Utopie: das Schlaraffenland

(mhd. sluraff = Faulenzer). Ein

fiktiver Ort aus diversen Märchen, in

dem alles im Überfluss vorhanden ist.

In den Flussbetten fließen Milch, Honig

oder Wein statt Wasser. Die Häuser

sind aus Kuchen gebaut. Statt Steinen

liegt Käse herum. Alle Menschen sind

gleich, es gibt weder Mühe noch

Arbeit. Das Glück oder wenigstens die

Sorglosigkeit schlechthin.

Der talentierte Mr. More

Um ganz wörtlich und fundamental anzufangen: Der griechische Begriff

Utopie heißt übersetzt so viel wie „ohne Ort“ oder „guter Ort“. Wir gebrauchen

ihn heute meist als Bezeichnung für etwas, das zwar denkbar ist, aber

nicht oder noch nicht wahr werden kann.

Als erste Beschreibung einer Utopie gilt Platons Schrift „Der Staat“. Geprägt

wird der Begriff jedoch vom englischen Staatsmann Sir Thomas More 1516

in seinem Werk „Vom besten Zustand des Staates und der neuen Insel Utopia“.

More verfasst seine politisch motivierte Erzählung als Reisebericht, er lässt

einen Seefahrer von einer fernen sozialen Utopie erzählen. Dabei spielt

sicher eine Rolle, dass man im 16. Jh. erstmals von fremden Gesellschaftssystemen

in der Karibik und im Pazifik erfahren hatte, die den Europäern

nicht nur wegen der phantastischen Fauna und Flora, sondern auch wegen

Die Utopie:

Wo kommt sie her,

wo will sie hin?

der Menschen und der Art ihres Zusammenlebens als geradezu paradiesisch

erscheinen mussten. Was den Glauben daran befeuert, dass man auch

in Europa anders, besser, gerechter leben kann.

Der Ur-Utopist Thomas More erschafft eine Inselwelt, in der alle das gleiche

Recht auf alles haben. Eine Gesellschaft ohne Geld und Eigentum.

Bis zum 19. Jahrhundert bleiben utopische Konzepte nach More-Vorbild reine

Theorie. Dann aber entsteht eine politische Bewegung, die versucht, die

hehren gesellschaftlichen Ideale in die Tat umzusetzen – der heute berühmtberüchtigte

Kommunismus. Im Jahr 1917 wird unter Führung Wladimir


1.2019 thema: Das Utopische

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

Quellen und links

Ernst Bloch: Freiheit und Ordnung.

Abriss der Sozialutopien. Rowohlt

1969

Rutger Bregman: Utopia for realists

and how we get there. Bloomsbury

2018

Charlie Brooker/Annabel Jones:

Inside Black Mirror. Ebury Press 2018

Kindlers Neues Literaturlexikon

Kindler Verlag 1988

Jaron Lanier: 10 Gründe, warum du

deine Social Media Accounts sofort

löschen musst.

Hoffmann und Campe 2018

Thomas Morus: Utopia. Mit einem

Nachwort von Peter Sloterdijk.

Manesse 2018

Wörterbuch der Philosophie:

Humboldt Taschenbuch Verlag 1984

bpb.de

edge.org

faz.net

fluter.de

guardian.com/science

happyplanetindex.org

newwork.global

perlentaucher.de

tagederutopie.org

wikipedia.de

zeit.de

Iljitsch Lenins in Russland der erste kommunistisch regierte Staat der Welt

errichtet. Die Utopie einer humanen, klassenlosen, gerechten Gesellschaft

soll Realität werden. Aber schon unter Lenin selbst, erst recht unter seinem

Nachfolger Josef W. Stalin, entwickelt sich die Sowjetunion zur Diktatur

der perfidesten Sorte. Stalin duldet keine andere Meinung als seine eigene

und schaltet Rivalen brutal aus. Weiter entfernt von Thomas Mores idealem

Inselstaat kann man nicht sein.

Die Erfahrungen mit der Stalin-Diktatur veranlassen den englischen Schriftsteller

George Orwell 1945 dazu, eine satirische Fabel über das Scheitern der

kommunistischen Revolution zu schreiben: „Farm der Tiere“. Vier Jahre

später folgt „1984“, Orwells Zukunftsvision vom totalitären Überwachungsstaat,

den manche heute schon übererfüllt verwirklicht sehen. Solche in die

Zukunft projizierten Horrorvisionen heißen Dystopien oder Anti-Utopien.

Konkrete Utopisten

Bleiben wir positiv und schauen auf ein paar vorbildlich-konkrete Utopisten

des 20. und 21. Jahrhunderts. Zu ihnen gehört der Künstler, Vordenker und

passionierte Veränderer Joseph Beuys mit seinem Konzept der „sozialen

Plastik“. Der Kern des Konzepts: Jeder Mensch ist ein (potenzieller) Umgestalter.

Mit den Worten von Beuys: „Die Formel ‚Jeder Mensch ist ein

Künstler‘ bezieht sich auf die Umgestaltung des Sozial-Leibes, an dem nicht

nur jeder Mensch teilnehmen kann, sondern muss, damit wir möglichst

schnell die Transformation vollziehen.“ Die Transformation, die Beuys meint

und will, geht in diese Richtung: Die eingesetzte menschliche Fähigkeit

sollte als Wirtschaftswert begriffen werden; die Fähigkeit einer Krankenschwester

oder die Fähigkeit eines Landwirts sollte als gestalterische

Potenz erkannt, genutzt und honoriert werden. Ein immer noch hochaktuelles,

brisantes Konzept, das über die Kunst hinaus in die Verantwortungsbereiche

von Politik, Wirtschaft, Gesellschaft weist.

Auch der Zukunftsforscher Robert Jungk versteht Utopien als Antrieb für

soziale Erfindungen in einer wünschenswerten Zukunft. Er setzt sich für

eine Demokratisierung des utopischen Denkens durch Förderung der Phantasie

ein. Die von ihm mit entwickelte Zukunftswerkstatt ist eine Methode,

um in Gruppen Phantasie zu entzünden und angesichts großer gesellschaftlicher

Probleme und Krisen nicht zu resignieren, sondern mit neuen Ideen

Lösungen zu entwickeln. Sie beinhaltet ganz ausdrücklich eine „Utopie-Phase“.

Als konkreter Utopist gilt ebenso der frühere König von Bhutan, der durchaus

visionäre Jigme Singye Wangchuk. Er hat als Erster das Bruttosozialglück

in einer Landesverfassung verankert. Weil er glaubt, dass eine Gesellschaft

sich nur nachhaltig entwickeln kann, wenn sie Lebensstandards

ganzheitlich definiert; also materielle mit kulturellen und spirituellen

Aspekten zusammendenkt und -bewertet. Aus dieser Idee ist z. B. der Happy

Planet Index entstanden, der versucht, „Lebenszufriedenheit“ messbar zu

machen, indem er Lebenserwartung und Zufriedenheit der Bevölkerung in

Relation zum ökologischen Fingerabdruck setzt.

Höchste Zeit für die 15-Stunden-Woche?

Bei neuen, gewagten, gesamtgesellschaftlichen Ideen wie dem Bruttosozialglück

setzen auch ganz junge, moderne Utopisten wie der holländische Sozialhistoriker

Rutger Bregman an. Er stellt in bester Tradition von More und

den konkreten Utopisten die großen Fragen: Was ist Wachstum? Was ist

Fortschritt? Was ist Wohlstand? Was macht das Leben lebenswert?

Bregman erkennt als fundamentale Schwäche des Kapitalismus: die Ungleichheit

der Einkommen, die sich nur nach Angebot und Nachfrage richten und

nicht nach dem inhaltlichen und gesellschaftlichen Wert von Arbeit.

Der Niederländer ruft dazu auf, die Leistungsgesellschaft ernst zu nehmen,

indem man Menschen nach ihrem wirklichen Anteil am Gemeinwohl honoriert:

also z. B. Müllmänner, Pfleger und Lehrer gegenüber Lobbyisten,

Rechtsanwälten und Bankern massiv aufwertet. Außerdem widerspricht er

dem Grundsatz „Je mehr Arbeit, desto besser“. Weniger, gute Arbeit für alle,

muss es laut Bregman stattdessen heißen. Wenn niemand mehr als vier bis

sechs Stunden am Tag produktiv sein kann, warum sollen dann alle mindestens

acht Stunden am Tag arbeiten? Zeitgemäßer erscheint Bregman die

Idee einer 15-Stunden-Woche. Sie ist auch deshalb so attraktiv, weil sie in

den Augen des Sozialhistorikers die Lösung fast aller großen Probleme

bietet, z. B. des Klimawandels: Eine kürzere Arbeitswoche kann den CO 2 -

Ausstoß verringern. Schon jetzt gilt: Länder mit kürzeren Arbeitszeiten haben

einen kleineren CO 2 -Abdruck. Oder Unfälle: Lange Arbeitstage führen zu

Übermüdung und damit zu Fehlern. Von Tschernobyl über Spaceshuttle bis

zur sogenannten Finanzkrise: Überarbeitete Manager haben laut Bregman

fatale Rollen bei diesen und anderen Desastern gespielt.

Die 15-Stunden-Woche mag als ein Beleg (von vielen) dafür dienen, dass

es auch heute konkrete utopische Konzepte gibt – und dass sie überlebenswichtig

bleiben. Denn, um mit dem Philosophen und Sozialutopisten Ernst

Bloch zu sprechen:

„Ohne Dimension Zukunft hält es kein Dasein lange aus.“


1.2019 thema: Das Utopische

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

Der Staatsmann Thomas Morus aka Sir Thomas More veröffentlichte 1516 sein bald berühmtes

Werk „De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia – „Vom besten Zustand des Staates

und der neuen Insel Utopia“. Wir haben mit ihm über die ideale Gesellschaft gesprochen.

Die Noch-nicht-

Realität

Guten Tag, Herr Morus, Sie haben Utopia als Begriff erfunden. Sagen Sie uns, was er bedeutet.

Thomas Morus: Das ist ein Wortspiel mit den griechischen Bezeichnungen „Outopia“ (Οὐτοπεία) =

Nicht-Ort und „Eutopia“ (Εὐτοπεία) = „glücklicher Ort“. Ich spiele gern.

Wie kamen Sie dazu, aus dem Begriff ein ganzes Werk zu machen?

Thomas Morus: Mich beunruhigten die Verhältnisse, in denen wir leben. Deshalb hat „Utopia“ auch

zwei Teile. In Teil 1 übe ich die nötige sachliche Kritik an den herrschenden Verhältnissen in meinem

England. An sozialen Missständen, Konflikten, Kriegen, Kriminalität.

In Teil 2 entwerfe ich ein phantastisches Gegenmodell als Idealzustand. Eine echte soziale Utopie. Ich

lasse einen Weltreisenden seinen Freunden von einer fernen, glücklichen Insel erzählen. Das Ganze ist

also teils Reisebericht und Inselmärchen, teils politische Mahnschrift. Es geht darum, was eine wirklich

gute Gesellschaft ausmacht.

Wie kann so ein Gesellschaftsmodell allen Ernstes möglich sein?

Thomas Morus: Die Insel Utopia ist vor allem deshalb eine so menschenwürdige, weil ihre

Bewohner weitestgehend von der Fron der Arbeit befreit sind. Sechs Stunden mäßiger

Mühe reichen aus, um alle notwendigen Bedürfnisse zu befriedigen und auch genügend

Vorrat für Annehmlichkeiten herzustellen. Die goldene Grundregel lautet: Mäßige Arbeit,

nicht über sechs Stunden, und der Ertrag wird gleichmäßig verteilt.

Dann beginnt das Leben jenseits der Arbeit, ein Leben der glücklichen Einheit der Familie

im schön bereiteten Mehrfamilienhaus. Und damit nicht mal der Schein von Privateigentum

aufkommt, gilt: Alle zehn Jahre werden die Häuser nach Losverfahren gewechselt.

Im Zentrum der Insel, auf dem Forum, befinden sich Speisehäuser (alles lecker und alles

umsonst natürlich), Lehranstalten und Tempel. Hier dürfen übrigens alle möglichen Götter

gepriesen und angebetet werden; oder gar keine. Utopia ist das Eldorado der Freiheit,

auch der Glaubensfreiheit.

Die Wirtschaftsverfassung Utopias hat vor allem ein Ziel: allen Bürgern möglichst viel

Zeit für die Erfüllung geistiger Bedürfnisse frei zu machen.

Wo und wie genau entstand der Roman?

Thomas Morus: Während einer ungeplanten Mußeepisode auf kontinentalem Boden. Ich war weit

weg von meiner Heimat England, weilte überwiegend in Belgien, genauer: Antwerpen. Die hafenstädtische

Atmosphäre da, das Einströmen des Fremden, die Weite des Meeres – das alles scheint

mich inspiriert zu haben.

Worum genau geht es in „Utopia“?

Thomas Morus: Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: Ein Seemann behauptet, eine Zeit lang bei

den Utopiern gelebt zu haben. Er berichtet davon, wie die Gesellschaft da funktioniert und worauf sie

basiert: nämlich auf Gleichheit, guter Arbeit, dem Streben nach Bildung. Ganz wichtig: Es gibt keinen

Besitz bzw. aller Besitz ist gemeinschaftlich.

„Utopia“ ist, so berichtet der Seemann euphorisch, so etwas wie ein Wachtraum von einer Insel.

Reiches, entlastetes, freizügiges Leben für alle. Kein Zwang, nirgends. Menschenfreundliches Zusammenleben

ohne Verbrechen und Konflikte. Kultur von Kindesbeinen an. Das Gegenteil von dem, was

sich real in weiten Teilen der Welt abspielt.


1.2019 thema: Das Utopische

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

Der Modus Vivendi ist das freie, friedliche Mit- und Nebeneinander …

Thomas Morus: Genau. Animiert von einem Gemeingeist, der weder Privateigentum kennt noch individuelle

Launen duldet. Eine Gesellschaft ohne Geld und Eigentum. Denn Eigentum schafft Herren

und Knechte, schafft Konflikte unter den Herren, Bedürfnisse nach Macht und Obrigkeit, Kriege um

Macht und Obrigkeit, alle Übel also.

Brüder und Schwestern koexistieren frei und friedlich in einer Inselkommune.

Etwas „weltfremd“, oder?

Thomas Morus: Wollen Sie mir damit sagen: Meine Utopie ist unrealistisch, eine Nicht-Realität? Dann

sage ich Ihnen: Ich denke und erzähle im Auftrag des Kommenden. Eine Utopie ist immer eine Nochnicht-Realität.

Wenn Sie das gesellschaftlich Gute an „Utopia“ in aller Kürze zusammenfassen müssten …

Thomas Morus: Ein Minimum an Arbeit und Staat. Ein Maximum an Freude.

Sie haben offensichtlich mit guter Laune geschrieben, nicht alles ist durchweg ernst

gemeint, Sie kippen auch mal ins Ironische. Schon allein die Namen …

Thomas Morus: Ich meine schon alles sehr ernst, aber nicht durchweg. Den Erzähler z. B. habe ich

zwar Raphael Hytolodaeus genannt, was so viel wie Schaumredner oder Schwätzer heißt, er vertritt

aber zweifellos meine radikalsten Auffassungen von einer sozialen Utopie. Ich liebe nun mal sprechende

Namen. Und ich liebe es, Spiel und Ernst zu mischen.

Haben Sie eine Lieblingspassage?

Thomas Morus: Ja, den Schluss des zweiten Teils. Ich darf mich mal selbst zitieren: „Welche

Last von Verdrießlichkeiten ist in diesem Staat abgeschüttelt, welche gewaltige Saat von

Verbrechen mit der Wurzel ausgerottet, seit dort mit dem Gebrauch des Geldes zugleich

die Geldgier beseitigt ist. Denn wer sieht nicht, dass Betrug, Diebstahl, Raub, Streit,

Aufruhr, Zank, Mord, Verrat mit der Beseitigung des Geldes alle zusammen absterben

müssten und dass überdies auch Furcht, Kummer, Sorgen, Plagen und Nachtwachen in

demselben Augenblick wie das Geld verschwinden müssten?“

Was halten Sie davon, wenn man Ihr Werk „das goldene Büchlein von der

besten Staatsverfassung“ nennt?

Thomas Morus: Find ich gut und zutreffend.

Besten Dank, Herr Morus.

Das Interview mit Thomas Morus ist natürlich fiktiv, die Antworten sind collagiert

aus diesen Quellen: Ernst Bloch: Freiheit und Ordnung. Abriss der Sozialutopien;

Kindlers Neues Literaturlexikon; Thomas Morus: Utopia. Mit einem Nachwort von

Peter Sloterdijk; wikipedia.de.

1. New Work

Drei interessante,

zukunftsrelevante Projekte

im Kurzporträt

Etwas naiv oder notwendig visionär?

Der Sozialphilosoph Frithjof Bergmann hat ein visionäres Konzept der neuen Arbeit

entworfen. Wenn es nach ihm geht, wird die Menschheit jetzt endlich anfangen, sich

von der Knechtschaft der Lohnarbeit zu befreien – und New Work wird das neue große

Ding. Sie besteht aus drei Teilen: ein Drittel Gemeinschaftsarbeit, ein Drittel Erwerbsarbeit

sowie ein Drittel Arbeit, die man wirklich, wirklich, wirklich machen will.

Das Ganze ist der Aufruf zu einer großen Transformation der Arbeitswelt (und damit der

Gesellschaft), der in Bergmanns eigenen Worten so klingt: „Eine wachsende Zahl von

Die Zukunft?

Genau unser Ding!

Menschen wird etwa zehn Stunden pro Woche in Gemeinschaftsproduktion beschäftigt sein. Weitere

zehn Stunden werden sie in einem der neuen Unternehmen arbeiten, die radikal innovative Technologien

nutzen, welche die industriellen Technologien der Vergangenheit ersetzen. Und an dritter

Stelle werden sie die wirklich neue Arbeit tun, die die Menschen nicht auslaugt, sondern ihnen

Vitalität und Kraft verleiht – sinnvolle Arbeit, die den Menschen die Überzeugung von einem wirklich

gelebten Leben gibt: Arbeit, die die Menschen als ihre Berufung erfahren.“

Ist das etwas naiv oder notwendig visionär? www.newwork.global


1.2019 thema: Das Utopische

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

2. The Edge 3. Die Tage der

Utopie

Die Vordenkfabrik

The Edge Foundation ist ein informeller Zusammenschluss von Intellektuellen aus Wissenschaft

und Technologie. Sie wollen gemeinsam Antworten auf Fragen finden, die für die Gesellschaft

wichtig sind. Das Edge-Motto lautet: „To arrive at the edge of the world’s knowledge, seek out the

most complex and sophisticated minds, put them in a room together, and have them ask each other

the questions they are asking themselves.“

Zu jedem Jahreswechsel stellt der Edge-Koordinator, der Verleger John Brockman, den Mitgliedern

eine knifflige, zukunftsrelevante Frage: Welche ist Ihre gefährlichste Idee? Was, glauben Sie,

ist wahr, obwohl Sie es nicht beweisen können? Was macht Sie wirklich optimistisch? Was denken

Sie über Maschinen, die denken?

Die Antworten auf diese großen Jahresfragen sind auf der Internetseite www.edge.org nachzulesen.

Meist als Essays, in denen neue wissenschaftliche und intellektuelle Ideen platziert, erforscht,

für weiter und tiefer gehende Dialoge und Umsetzungen zur Verfügung gestellt werden. Zu

den Vordenkern, die auf www.egde.org schreiben, gehören u. a.: der Evolutionsbiologe Richard

Dawkins, der Gen-Pionier Craig Venter, die Performance-Künstlerin Marina Abramovic, der Physiker

Freeman Dyson, der Hirnforscher Ernst Pöppel und Tim Berners-Lee, der Erfinder des

World Wide Web.

Ein Online-Magazin als konkrete Utopie. www. edge.org

Ein Festival für Enkeltauglichkeit

Eine Woche lang Vorträge, Dialoge, Neue Musik. Die Tage der Utopie finden alle zwei

Jahre im beschaulichen, aber nicht betulichen St. Arbogast im österreichischen Vorarl

berg statt. Rund 1.200 utopieaffine Teilnehmende besuchen jedes Mal die Workshops,

Vorträge, Musik-Aufführungen (oft: Uraufführungen) und Ausstellungen. Hauptinhalt:

die Präsentation gesellschaftspolitischer Perspektiven auf eine wünschenswerte, „enkeltaugliche“

Zukunft. Die Events heißen z. B. „Aus Donuts müssen Krapfen werden! –

Entwicklungsstrategien für den ländlichen Raum“ oder „Das gerechte Netz – eine

Utopie des Internets“. Jeden Abend treten jeweils zwei „Referierende“ in Kooperation

auf: die Sprecher mit ihrem jeweiligen Beitrag sowie die Musiker mit ihren Auftragskompositionen

für diesen Abend. In den Workshops am darauf folgenden Vormittag

werden die Entwürfe der Expertinnen und Experten diskutiert, kreativ erforscht, weitergesponnen

und auf Umsetzbarkeit geprüft.

Zu den konkreten Unternehmungen und Projekten, die aus den Ideen während der

Tage der Utopie hervorgehen, gehört z. B. das Kernjahr, ein professionell begleitetes

Orientierungsjahr für Jugendliche nach der Schule, die noch auf der Suche nach ihrem

eigenen Weg sind. Oder das sogenannte Bänkle Hock, Prototyp eines neuartigen, ganz

unspießigen, ins 3. Jahrtausend passenden Dorffests für Gemeinden, Städte, Nachbarschaften.

Gute Reise nach Vorarlberg. www.tagederutopie.org


1.2019 thema: Das Utopische

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

Der Autor, Regisseur und Gesellschaftsdiagnostiker Alexander Kluge auf die Frage „Was tun?“,

anlässlich seines 80. Geburtstags:

„Im Konjunktiv denken, im Licht

der Geschichte und der Zukunft nach

Optionen, Möglichkeiten suchen.“

Bitte lesen!

B. F. Skinner: „Walden Two“

>> Social Engineering

Der nicht ganz unumstrittene Verhaltensforscher B. F. Skinner

schuf mit „Walden Two“ seine Vision einer Gesellschaft ohne

Auswüchse von Wettbewerb, Profitgier und Aggression. Alle

scheinen happy zu sein, weil sie sich streng an Grundwerte

wie Kooperation, Gewaltlosigkeit und gemeinsame Ökonomie

halten.

Skepsis ist allerdings angebracht: Denn der Motor des utopischen

Entwurfs ist das Social Engineering. Nach dem Modell

von Stimulus, Response und positiver (oder negativer) Verstärkung

wird unerwünschtes nicht soziales Verhalten (Neid, Missgunst,

Eifersucht) kontrolliert und sanktioniert. Braucht es zur

Rettung der Menschheit solche raffinierten Strategien? Oder

ist das der Horror: eine inhumane Methode, um Menschen abzurichten,

damit sie sich immer schön ordentlich benehmen?

Bitte ganz unkonditioniert selber urteilen.

Ernst Bloch: „Der Geist der Utopie“

>> Ins Blaue bauen

Entsetzt von der Barbarei des Ersten Weltkriegs und befeuert

von alternativen Lebensentwürfen, schreibt Ernst Bloch 1918

den „Geist der Utopie“. Ein philosophisches Manifest gegen

die Leere, Ungläubigkeit und Hohlheit der Zeit. Für ein neues,

reiches, volles Leben. Mit Utopie ist hier eine Idee gemeint:

etwas Geistiges, das allen Individuen innewohnt und jetzt

endlich aktiviert werden muss. „Das Rechte zu finden, um

dessentwillen es sich zu leben ziemt. (…) Dazu bauen wir ins

Blaue hinein und suchen dort das Wahre, Wirkliche (…).“

Ernst Bloch beschreibt den Menschen als ein radikal zur Utopie,

zum guten Leben und Zusammenleben begabtes Wesen.

Ray Bradbury: „Fahrenheit 451“

>> Achtung! Lesen gefährdet das System

Gruselig: Die Feuerwehr ist nicht mehr mit Wasserspritzen

ausgerüstet, sondern mit Flammenwerfern, die einen exakt

definierten Hitzegrad erzeugen: Fahrenheit 451 = 232 Grad

Celsius; die Temperatur, bei der Bücherpapier Feuer fängt.

Die Feuerwehrmänner verbrennen Bücher und ihre Besitzer,

rotten die letzten Reste selbstständigen Denkens aus. Denn

fast alle Menschen in dieser Gesellschaft sind zu Automaten

verkümmert, die von Fernsehwänden und im Ohr getragenen

Radiomuscheln pausenlos mit Banalitäten berieselt werden.

Der Feuerwehrmann Guy Montag tut 20 Jahre lang brav seinen

perversen Dienst. Bis er auf einen der übrig gebliebenen

Selbst- und Freidenker trifft, wieder Mensch und damit zur

Gefahr fürs System wird.


1.2019 thema: Das Utopische

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

Ohne Ingenieurinnen und Ingenieure im Bau- und Vermessungswesen

gäbe es keine Messehallen, keine Häuser, keine Brücken,

keine Bahnstrecken, keine Kläran lagen, keine Deiche, keine Flughäfen

und keine Ampeln. Ingenieurinnen und Ingenieure

haben überall ihr Gehirn und ihre Hände im Spiel. Sie gestalten

wesent liche Bereiche des Lebens.

Die Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen (IK-Bau NRW)

unterstützt ihre Mitglieder umfassend. Sie fördert den Ingenieurnachwuchs.

Sie sorgt für Qualität. Sie schärft das Bewusstsein für

hochwertiges Bauen. Und einiges mehr.

Drei Kammern in einer

Die IK-Bau NRW ist das Dach für mittlerweile mehr als 10.000 Beratende Ingenieure, sonstige Beratende

Ingenieure, Öffentlich bestellte Vermessungsingenieure, selbstständig oder gewerblich tätige,

angestellte oder beamtete Ingenieure im Bau- und Vermessungswesen. Sie übernimmt für ihre Mitglieder

u. a. Aufgaben wie diese:

Als Aufsichtskammer verleiht und schützt sie konsequent die Berufsbezeichnung „Beratender Ingenieur“,

anerkennt staatlich anerkannte Sachverständige und ist ermächtigt, Sachverständige öffentlich zu

bestellen und zu vereidigen.

Als Dienstleistungskammer übernimmt sie für Mitglieder die rechtliche Erstberatung in allen Fragen

der Berufsausübung und im Rahmen von Vergabeverfahren; außerdem vertritt sie die Interessen der

Mitglieder, z. B. gegenüber den Institutionen des Landes NRW.

Ohne

Ingenieurinnen und

Ingenieure

läuft, geht und steht

gar nichts

Als Kammer für Baukultur fördert sie das Qualitäts- und Verantwortungsbewusstsein der Mitglieder,

indem sie ihre Berufsausübung überwacht und sie verpflichtet, sich regelmäßig fort- und weiterzubilden.

Alles Gute für den Ingenieur

Die Kammer tut auch ganz pragmatisch Gutes für ihre Mitglieder: Sie trägt z. B. ihren Teil dazu bei, sie

durch eine zusätzliche Altersversorgung sozial abzusichern. Und sie sorgt für eine prägnante, interessante

Darstellung des Inge nieurberufs in der Öffentlichkeit. Sie macht öffentlich klar, wie faszinierend

und wichtig Ingenieurleistungen sind.

Einladung zur Horizonterweiterung

Seit 1995 gehört die Ingenieurakademie West e. V. als Fortbildungswerk zur IK-Bau NRW. Sie ist der

Ort für fachliche wie persönliche Horizonterweiterung. Hier bilden sich Mitglieder (aber auch andere

interessierte Ingenieure) regelmäßig fort und weiter. Das Akademieangebot umfasst jährlich mehr als

160 Lehrgänge, Seminare und Veranstaltungen zu unterschiedlichsten baupraktischen und baurechtlichen

Themen (von der Energieeinsparverordnung über Kosten- und Leistungsrechnung im Ingenieurbüro

bis zur Rhetorik erfolgreicher Verhandlungsführung). Außer dem veranstaltet die Ingenieurakade

mie regelmäßig Tagungen, um die Wissensvermittlung und den Gedankenaustausch unter den

am Bau Beteiligten zu fördern. In der Akademie sind alle richtig, die sich im Bauwesen stärker, weiter

und tiefer qualifizieren möchten.


1.2019 thema: Das Utopische

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

Vom Kontaktkreis Bau bis zur etablierten Institution.

Die wichtigsten Entwicklungen der Ingenieurkammer-Bau NRW.

1973–1992 Kontaktkreis Bau

1973 gab es die ersten Gespräche, 1992 war es dann endlich so weit: Ilse

Brusis, damals Ministerin für Bauen und Wohnen des Landes NRW, setzte

am 15.12.1992 die entscheiden de Unterschrift unter das Baukammerngesetz

Nordrhein-Westfalen. Das Gesetz trat am 31.12.1992 in Kraft.

1993–1994 Gründungsausschuss

Schon im Mai 1993 konnten die ersten Kammermitglieder eingetragen

werden. Zum Stichtag der Wahlen zur I. Vertreterversammlung hatte die

Kammer bereits 1.850 wahlberechtigte Mitglieder.

1994–1998 Die ersten Jahre

· Die konstituierende Sitzung der I. Vertreterversammlung (VVS) fand

am 25./26.2.1994 statt.

· Einen wichtigen Meilenstein erreichte die Kammer nur ein paar Monate

später mit der Gründung der Ingenieurakademie West e. V. am 22.2.1995.

· Im August 1996 begann die Sachverständigenkommission ihre Arbeit

und sorgte dafür, dass die IK-Bau NRW von da an die ihr im Bau kammerng

esetz übertragene Aufgabe wahrnehmen konnte, Sachverständige

öffentlich zu bestellen und zu vereidigen.

1999–2003 Die zweite Wahlperiode

· Die ersten öffentlichen Auftritte der Kammer bei wichtigen Gesetzesvorhaben

fanden statt, z. B. bei der Novellierung der Bauordnung, die

Mitte 2000 in Kraft trat.

· 2003 fand der Umzug der Geschäftsstelle nach Düsseldorf – also in die

Nähe von Landtag und Landesregierung – statt.

· Im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit wurden wichtige Projekte gestartet,

z. B. das außerordentlich erfolgreiche Projekt „Türme für Pisa“ als

Antwort auf die Pisa-Debatte.

25 Jahre

konkrete Utopie >>

2004–2009 10 Jahre Ingenieurkammer-Bau NRW

· Die Herausforderung in dieser Wahlperiode bestand darin, etwas gegen die

mangelnde Wahrnehmung der Ingenieurleistungen in Wirtschaft und Gesellschaft

zu tun. Das wurde mit einer Vielzahl von Initiativen angegangen, z. B. mit der

Entwicklung der bundesweit erfolgreichen Imagekampagne „Kein Ding ohne ING.“

· Intern drehten sich die Diskussionen und Aktivitäten immer mehr um die HOAI,

vor allem um deren Erhalt, aber auch um die Höhe der Honorare.

· Seit 2006 folgen Kinder und Jugendliche unserem Angebot, Brücken nach einer

Konstruktion von Leonardo da Vinci zu bauen: die „Leonardo-Brücke“.

· Im Mai 2006 durfte die Kammer das 10.000. Mitglied begrüßen.

2009–2013 Die vierte Wahlperiode

· Große und auch kleine effiziente, regelmäßig wieder kehrende Veranstaltungen wie

Brandschutz-Tagung, Sachverständigen forum, Vergabetag, Ingenium, regionale

Erfahrungsaustausche etc. haben sich etabliert.

· Im April 2012 erfolgte der Umzug in repräsentativere Räumlichkeiten. Seitdem hat

die Kammer ihren Sitz im Düsseldorfer Medienhafen in fußläufiger Nähe zum

Landtag und direkt gegen über der Schwesterkammer – der Archi tektenkammer NRW.

2014–2018 Eine etablierte Institution

· In der im Juli 2018 verabschiedeten Novellierung der BauO NRW wird endlich eine

beharrlich von uns vorgetragene Forderung erfüllt: Statik darf nur von einem

„qualifizierten Tragwerksplaner“, der Kammermitglied sein muss, aufgestellt werden.

· Die Ingenieurakademie West e. V. hat bis heute – sage und schreibe – mehr als 100.000

Ingenieurinnen und Ingenieure als Teilnehmende zu verzeichnen.

Wenn Sie mehr über uns und den Beruf des Bauingenieurs erfahren

möchten, besuchen Sie uns doch:

www.ikbaunrw.de und www.kammer-der-moeglichkeiten.de

Die Thema als E-Magazin und als PDF-Download finden Sie unter

www.ikbaunrw.de

Die Initiative für den Ingenieurberuf finden Sie unter dieser Adresse:

www.kein-ding-ohne-ing.de

Herausgeber

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen, Zollhof 2, 40221 Düsseldorf,

T 0211-1 30 67-0, E-Mail info@ikbaunrw.de, www.ikbaunrw.de

Verantwortlich

Christoph Spieker M. A., Hauptgeschäftsführer der Ingenieurkammer-Bau NRW

Redaktion

IK-Bau NRW, Kröger Schulz

inhaltliches Konzept, gestalterisches Konzept und Ausarbeitung

Kröger Schulz und Büro Grotesk

Druck und Verarbeitung

druckhaus köthen, Köthen

Abbildungen

Titel: iStock, Liana Monica Bordei; Seite 2: AKG-Images, Die Insel Utopia,

Titelholzschnitt aus der Erstausgabe, Löwen, 1516. Seite 3: iStock, yipengge

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