Berliner Kurier 16.07.2019

BerlinerVerlagGmbH

*

HINTERGRUND

Schnell mal

ans Meer

Ohne Auto an den Strand:

Dasist möglich. Nach Usedom

gibt es zweistündlich

eine Verbindung ab Berlin,

auch Flixbus fährtdorthin.

Nach Rügen und Rostock

können die Berliner sogar

im ICE reisen. Vorteil: In

Fernzügen lassen sich

Plätze reservieren. In Regionalexpresszügen,

zu

denen der Warnemünde-

Express gehört, kann es

bei gutem Wetter voll werden.

Infos: www.bahn.de

Bahn frei für den

Bikini-Express!

Mit dem ICE an den Ostseestrand: Für den Wiederaufbau der Strecke nach Usedom keimt Hoffnung

Von

PETERNEUMANN

Joachim Trettin wirbt gern

fürs Zugfahren. Das wird

von ihm auch erwartet, denn

er ist Chef von DB Regio

Nordost. Wenn es jedoch um

die Verbindung zur Ostseeinsel

Usedom geht, hält sich

der Berliner Bahnmanager

derzeitzurück. Er weiß, dass

für eine Fahrt von Berlin ins

Seebad Heringsdorf vier

Stunden einzuplanen sind.

„Solche Reisezeiten sind

nicht zeitgemäß“, gesteht

Trettinein.

Sicher, alle zwei Stunden

gibt es eine Verbindung. Und

mit dem Ostsee-Ticket reisen

zwei Personen für 88 Euro

von Berlin auf die Insel

und wieder zurück –nach

Zinnowitz, Koserow, Bansin,

Ahlbeck und zu anderen Badeorten.

Fahrgäste aus der

Hauptstadt müssen aber einen

Umweg fahren und im

kleinen Ort Züssow umsteigen.

Die direkte Verbindung

wurde am Ende des Zweiten

Weltkriegs brutal gekappt.

Als der Befehl „verbrannte

Erde“ lautete, sprengten

deutsche Soldaten 1945 den

größten Teil der Bahnbrücke,

die bei Karnin auf die Insel

führte. Die Zweigstrecke,

die damals von Ducherow

nach Swinemünde (heute

Swinoujscie) führte, wurde

stillgelegt. Noch 1939 fuhren

dort Schnellzüge, die vom

damaligen Stettiner Bahnhof

an der Invalidenstraße

ins Seebad Ahlbeck laut

Fahrplan nur knapp drei

Stunden unterwegswaren.

Aus und vorbei –bislang jedenfalls.

Nur der 35 Meter

hohe Mittelteil der Karniner

Brücke blieb bei der Sprengung

erhalten. Dunkel, fast

schon unheimlich, ragt das

stählerne Bauwerk aus dem

Peenestrom empor. Wenn

die Usedomer Eisenbahnfreunde

am 3. August ihr

achtes Brückenfest feiern,

wird Trettin dabei sein und

wieder auf die alte Hubbrücke

klettern. Kein Problem

für ihn: „Ich bin schwindelfrei“,

so der Eisenbahner.

Der Berliner hat das Bauwerk

schon mit vielen Menschen

erklommen, um für

den Wiederaufbau der

43 Kilometer langen Strecke

zu werben. Doch auch die

Bemühungen seiner Mitstreiter,

zu denen der langjährige

Grünen-Europaabgeordnete

Michael Cramer

und andere Politiker gehören,

fruchteten nur wenig.

„Dabei ist das Projekt aus

regionaler Sicht sehr wichtig“,

so Trettin. Auf der sonnenreichsten

Insel des

Landes sei der Tourismus

seit Jahren auf Wachstumskurs.

Wenn 2022 der Swinetunnel

öffne, werde ein weiterer

Anstieg des Autoverkehrs

um 13 Prozent erwartet.

Nur die Reaktivierung

und Elektrifizierung der

Bahnstrecke verhindere,

dass Usedom von Autos

überschwemmt wird, mahnt

er. Sein Wunsch: Künftig soll

die Bahnreise ab Berlin nur

noch rund zwei Stunden

dauern, und ICE-Züge sollten

direkt nach Ahlbeck sowie

Heringsdorf fahren.

Nun zeichnet sich endlich

ein Lichtstreif am Horizont

ab. Heute hält auch das Land

Mecklenburg-Vorpommern

die Wiederherstellung der

Bahnlinie von Ducherow

nach Swinoujscie für ein

„wesentliches Verkehrsprojekt

für die Insel“, wie es bei

Infrastrukturminister Christian

Pegel (SPD) heißt. „Bedauerlicherweise“

wurde es

2015 nicht in den Bundesverkehrswegeplan

aufgenommen.

„Die Landesregierung

sieht die Verantwortung für

solche Fernverkehrsprojekte

der Bahn grundsätzlich

beim Bund“, erklärt Pegels

Sprecher ManuelSauer.

Die Chancen für den

nächsten Bundesverkehrswegeplan

ließen sich aber

verbessern –wenn bisherige

Kostenschätzungen und

Rahmenbedingungen konkreter

gefasst werden. Darum

wurden nun in dem Entwurf

des Landeshaushalts

2020/21 für Vorplanungen

zur Karniner Brücke pro