Berliner Kurier 18.07.2019

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BERLINER KURIER, Donnerstag, 18. Juli 2019

Flammen fressen sich

durch das Inneredes

Gesellschaftshauses in

Grünau. Der Großbrand

begann im Dachstuhl und

breitete sich rasch aus.

DasGesellschaftshaus

brennt lichterloh –und

wird auch nach Aufgang

der Sonne noch immer

nicht gelöscht sein.

Weißer Löschschaum der Feuerwehr bedeckt das Gebäude. Rund

100 Einsatzkräfte brauchen 14 Stunden, um den Brand zu stoppen.

Dieses alte Foto unbekannten Datums zierte eine Postkarte. Unter

der Abbildung des Gesellschaftshauses stand: „Gruß aus Grünau“.

Fotos: Imago Images/Arkivi, Imago Images/Ritter,Schultze, dpa

rungen haben. Kult-Status erreichten

das Gesellschaftshaus

und das benachbarte Haus Riviera

mit seinem großen Ballsaal

zu DDR-Zeiten. Aber die

Geschichte dieses Treffpunkts

für Trink- und Tanzvergnügen

an der Regattastraße reicht viel

weiter zurück. Als sich in der

zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Klubs für Ruderer, Paddler

und Segler in Grünau und

Umgebung ansiedelten, stieg

auch der Bedarf an Gaststätten.

Wirtshaus Richtershorn, Restaurant

Sportpark, aber natürlich

auch das 1875 eingeweihte

Gesellschaftshaus: Hier rasteten

die Ausflügler, und abends

ging das Vergnügen über in einen

großen Schwoof. Der erste

Besitzer des Gesellschaftshauses

hieß Wilhelm Ohlrich. Seiner

Familie gehörte das Grundstück

bis in die 1920er-Jahre.

In einem Reiseführer wurde

das Gesellschaftshaus empfohlen

mit dem Hinweis: „14 km

vom Berliner Stadtzentrum,

Restaurant, Garten, Dampferanlegestelle“.

Am Ufer gab es

Stege für anlegende Ruder- und

Segelboote. Internationale Kapellen

traten auf –etwa im Jahr

1935 das russische Orchester

„Nowoje Slowo“ (Neues Wort) .

Nach dem Zweiten Weltkrieg

blieb das Gesellschaftshaus

auch in der DDR erhalten. Die

Bewirtschaftung lag in den

Händen der HO, die Fahrgastschiffe

der Weißen Flotte sorgten

für dauerhaft hohe Besucherzahlen.

Platz gab es für bis

zu 500 Gäste. Am27. März 1953

wurde im Gesellschaftshaus die

Namensgebung der „Sportvereinigung

Dynamo“ gefeiert.

Doch nach der Einheit nahm

diese illustre Geschichte eine

bittere Wendung: Mit der Auflösung

der HO ging die Immobilie

an die Treuhandanstalt

über. Trotz halbherziger Wiederbelebungsversuche

kann

man die Zeit ab 1991 in zwei

Stichworten beschreiben: Leerstand

und Verfall. Eine 2006

eingestiegene Unternehmerin

aus der Türkei tat nichts zum

Erhalt des denkmalgeschützten

Ensembles –eine Schande.

Der aktuelle Eigentümer, das

Unternehmen Terragon, will

nun trotz des großen Feuers an

seinem Plan festhalten, das Gesellschaftshaus

zur Seniorenresidenz

zu machen. Die historische

Bausubstanz aber haben

die Flammen gefressen.

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