Berliner Kurier 20.07.2019

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BERLINER KURIER, Sonnabend, 20. Juli 2019

Als ein Zeichen der „Vorsehung“ betrachtete es

Hitler,dasserdas Attentat überlebt hatte –

hier zeigt er Mussolini (ganz links) die zerstörte

Barackeim„Führerhauptquartier Wolfsschanze“.

Noch am Abend des 20. Juli wurden Stauffenberg

(rechts) und drei weitereMitstreiter erschossen.

VonRoland Freisler,

Präsident des Volksgerichtshofs,

wurden

die am Attentat

beteiligten Personen

abgeurteilt.Freisler,

während der NS-Zeit

verantwortlich für

etwa2600 Todesurteile,

kam bei einem

Luftangriffauf Berlin

1945 ums Leben.

Fotos: Keystone/Hulton Archive/Getty Images, dpa (2), Heinrich Hoffmann/The LIFE PictureCollection/Getty Images

träumte von der Art von parlamentarischer

Demokratie, die

wir heute haben. Die Bundesrepublik

ist niemandes wahr gewordener

Traum. So wenig wie

die DDR das war.

Sehr deutlich wird das in der

Rede, mit der sich Generalfeldmarschall

Erwin von Witzleben

(1881–1944) nach gelungenem

Putsch an die Soldaten

wenden wollte. Witzleben erklärte,

noch müsse gekämpft

werden, „um zu verteidigen

und zu retten, was uns teuer ist,

bis ein ehrenvoller Ausgang des

Krieges gesichert ist“. Er hatte

ganz offensichtlich nichts begriffen.

Dieser Krieg war „ehrlos“

begonnen worden, ein Verbrechen

von Anfang an. Ihn zu

beenden, wäre die einzige ehrenvolle

Handlung gewesen.

Aber das hätte wohl Bürgerkrieg

bedeutet. Es gab im Sommer

1944 noch genügend Deutsche,

die sich als Herrenrasse

verstanden und nur darauf

warteten, dass endlich die

„Wunderwaffe“ eingesetzt

würde. Sie wären nicht bereit

gewesen, sich den näher rückenden

Russen – „asiatische

Untermenschen“ nannten sie

sie –zuunterwerfen oder den

Amerikanern, die sie für verwöhnte

Mammonanbeter hielten.

Wir reden heute, wenn wir

vom deutschen Rassismus

sprechen, viel vom Antisemitismus.

Zu Recht. Aber man darf

darüber nicht vergessen: Viele

Deutsche sahen sich als allen

anderen überlegene Herrenrasse.

Ihre Vorstellung von ihrer

Unbesiegbarkeit hatte zwar im

Winter 1942/43 in Stalingrad

einen erheblichen Knacks bekommen,

aber viele hielten

noch fest an der Idee, es handele

sich um einen Rückschlag

und setzten nach wie vor auf

den Endsieg. Die Attentäter

teilten diese Ansicht nicht. Dass

es keinen Endsieg mehr geben

würde, war vielmehr das treibende

Motiv für ihre Pläne zur

Beseitigung Hitlers.

Aber sie rechneten damit,

dass wenn sie nicht weiterkämpften,

viele Deutsche das

als Dolchstoß auffassen würden,

mit dem einer so lange

siegreichen Armee von deren

Führern im entscheidenden

Moment der Garaus gemacht

wurde.

Wir können froh sein, dass

der Putsch vom 20. Juli 1944

gescheitert ist. Ohne die vernichtende

Niederlage Deutschlands,

ohne die brennenden

Städte wäre denen, die ganz Europa

sich unterworfen hatten,

der Glaube an die eigene Herrenrassenherrlichkeit

nicht

auszutreiben gewesen. Dass sie

von den von ihnen verachteten

Russen und Amerikanern besiegt

worden waren, machte ihrem

absurden Ehrbegriff den

Garaus. Erst das öffnete den

Deutschen die Tür für den

mühsamen Weg ins Freie.

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