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SEE-LEUTE

akzent: Das hört sich vielleicht theoretisch machbar an … aber praktisch?

Nun gut, ich vertraue dir einfach mal. Weiße Haie sind deine

Lieblingshaie, sie sind jedoch vom Aussterben bedroht – woran liegt das?

Andy Dellios: Bisher dachte man, dass Weiße Haie mit 15 Jahren geschlechtsreif

sind. Neuste Thesen gehen aber eher von 25 bis 30 Jahren

aus. Das bedeutet, der Hai muss mindestens 25 Jahre lang Netzen und

Fangleinen entgehen. Der größte Feind ist also der Mensch.

„Wir Menschen tun aber alles dafür,

dass die Ozeane kaputt gehen: stirbt der

Hai, stirbt das Meer. Stirbt das Meer, sterben

wir. Das ist eine Katastrophe!“

akzent: Aber stehen Weiße Haie nicht unter Artenschutz?

Andy Dellios: Auf dem Papier ist der Weiße Hai geschützt. So findet

man die Art auf der Appendixliste II bei CITES. Auch gibt es vor

Südafrika, Guadalupe und Südaustralien Schutzzonen. Doch leider

reicht das nicht. Einerseits werden sie nach wie vor von Sportfischern

illegal gefangen, andererseits gehen sie auch in die Netze von Fischern

oder an die Haken der Leinenfischerei. In Westaustralien hat neulich

sogar die Regierung erlaubt, dass wieder Weiße Haie gefangen werden

dürfen, da einige Unfälle geschehen sind, die man dieser Art anlastete.

Man sollte versuchen, sie zu verstehen, aber nicht töten. Dies

versucht man in Südafrika, wo sogenannte Shark-Spotter Warnungen

ausrufen, sollte ein Weißer auftauchen und man dann die Strände so

lange schließt, bis das Tier weitergeschwommen ist. Aber nicht nur

das Verschwinden des Weißen Hais ist ein Problem. Pro Jahr werden

etwa 100 Millionen Haie getötet. Viele Haie werden „gefinnt“, da die

Flossen in China ein Statussymbol darstellen und auch als Potenzmittel

gehandelt werden. Der meist noch lebende Hai wird nach dem Abschneiden

der Flossen wieder ins Meer zurückgeworfen, wo er elendig

erstickt. Das ist beschämend und grauenhaft. Ich glaube zudem, dass

Haie die wichtigsten Tiere auf unserem Planeten sind, denn sie leben

nicht nur rund um den ganzen Planeten, sondern sind, wie angedeutet,

die häufigsten Raubtiere auf unserem Planeten, die schwerer als 50 kg

sind. Als Topräuber kontrollieren sie die anderen Räuber. Schaut man

auf gewisse Fangstatistiken, so zeigt sich, dass die Bestände oft bis zu

97% zurückgegangen sind, was bedeutet, dass nun weniger als zehn

Haie den Job machen müssen, den vorher 300 tun konnten. Hinzu

kommt auch, dass die niedrigste Stufe der Nahrungsketten die Algen

sind, welche nicht nur den größten Teil unseres Sauerstoffs produzieren,

sondern auch das meiste CO 2

wieder abbauen. Gerät nun eine

Nahrungskette aus den Fugen, weil Haie eben nicht mehr ihre Arbeit

verrichten können, dann muss damit gerechnet werden, dass auch die

Algen beeinflusst werden. Wir Menschen tun aber alles dafür, dass die

Ozeane kaputtgehen: stirbt der Hai, stirbt das Meer. Stirbt das Meer,

sterben wir. Das ist eine Katastrophe!

akzent: Anscheinend sind auch Markierungen Schuld daran, dass Haie

sterben. Müssen sie also auch im Namen der Wissenschaft sterben?

Andy Dellios: Es gibt mehrere Varianten von Markierungen. Man muss

zwischen kleinen Tags – die sind ca. 10 cm groß und werden auf den

Rücken gestochen – und denen, die fast so groß wie Kühlschränke sind,

unterscheiden. Ich übertreibe natürlich betreffend dieser Größenangabe

(lacht). Letztere werden an den Rückenflossen befestigt und das geschieht

nicht selten, indem man ihnen Löcher die die Flossen bohrt und

das Gerät dann mit Flügelschrauben festmacht. Diese Markierungen

behindern den Hai natürlich sehr stark und können auch die Rückenflossen

zerfetzen. Auch die sogenannten Spaghetti-Tags haben leider einen

negativen Effekt: Algen bleiben daran hängen und die Beutetiere erkennen

dies relativ schnell. Es kommt immer darauf an, wer markiert

und eben wie man es tut. In einigen Fällen konnte die Wissenschaft

aus solchen Markierungen Nutzen ziehen. So haben Forscher zum

Beispiel herausgefunden, dass es zwischen Kalifornien und Hawaii

ein sogenanntes „White Shark Café (SOFA)“ gibt – einen Spot Mitten

im Pazifik, wo sich Weiße Haie treffen. Diese Erkenntnisse können

dazu beitragen, dass Schutzgebiete kreiert werden. Doch ist es das

eine zu wissen, wohin Haie schwimmen, ein anderes ist es, dann

auch Gesetze durchzuboxen, die aus diesen Untersuchungen einen

Nutzen ziehen. In den meisten Fällen ist dies nämlich nicht der Fall.

Was immer man mit den Resultaten tut, Markierungen sollten die

Haie jedenfalls nicht in ihrer Lebensweise beeinträchtigen und das ist

äußerst schwierig. Denn die Sender geben ja auch Elektrotöne ab, die

wahrscheinlich von den Beutetieren gehört werden. Also verliert der

Hai sein Überraschungsmoment. Es gibt aber auch andere Tags, die

abfallen oder nur ein Signal geben, wenn ein Hai vorbeischwimmt …

Wir von der SharkSchool taggen jedenfalls nicht.

akzent: Warum sterben Weiße Haie in Gefangenschaft?

Andy Dellios: Weil sie das Fressen verweigern. Warum das so ist,

wissen wir aber noch nicht.

akzent: Also gibt es noch viel Unerforschtes hinsichtlich dieser Tiere?

Andy Dellios: Allerdings! Wir wissen zum Beispiel auch nicht, wo die

Weißen Haie ihren Nachwuchs gebären. Wir vermuten zwar, dass einige

Orte eigentliche Kinderstuben darstellen, aber sicher ist das noch nicht

… Aber auch sonst gibt es noch sehr viel herauszufinden, und uns wird

die Arbeit entsprechend in den kommenden Jahren nicht ausgehen.

www.sharkschool.com

Das komplette Interview gibt es auf

www.akzent-magazin.com und im e-paper.

DAS INTERVIEW FÜHRTE JULIA LANDIG

FOTOS VON ANDY DELLIOS: BERNHARD LEUTE, PETER METZNER, TONI DANIOT

FOTOS DER HAIE: ANDY DELLIOS

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