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SEE-LEUTE

DAS WAREN WILDE ZEITEN –

DIE GEBURTSSTUNDE DER KLEINKUNST IM SÜDEN

18

D – Markdorf | dos. Jeder in der deutschsprachigen

Kleinkunstszene kennt das Wirtshaus

am Gehrenberg mit seinem Theaterstadel.

Die Kultkombi feiert in diesem Jahr

ihren 40. Geburtstag und viele Künstler – die

Helden von damals und heute – feiern das

Jubiläum mit.

Es war, wie man heute sagen würde, eine geile

Zeit. Peter Berchtold – wild sah er damals aus,

mit langen Haaren und Bart, wie er lächelnd

bemerkt – suchte nach einem neuen Projekt.

Gemeinsam mit Walter und Brigitte Schirl

sah er sich das Wirtshaus am Gehrenberg

an. Das zu diesem Zeitpunkt ein Bordell mit

Biergarten war, das sich mit einem Trick dort

eingemietet hatte. Der Besitzer des Gebäudes

war misstrauisch, als Berchtold bei ihm

vorsprach. Dachte, er sei ein Strohmann des

Bordells. Aber Berchtold überzeugte ihn von

seiner Idee und er wurde Pächter des Wirtshauses

mit Stadel. Sie fuhren nach München

und schauten das MUH an, eine Bühne, auf

der die Kleinkunst samt Gastronomie aufs

Schönste florierte. Sie beschlossen: „Das machen

wir auch“.

Peter kochte für die Künstler

Voller Idealismus bauten sie die erste Kleinkunstbühne

unterhalb von Stuttgart auf. Die

ersten zwei Jahre traten die Künstler im Restaurant

auf. 1982 bauten sie den alten Heustadel

zum Theater um, und 1989 machten

sie ein schmuckes, kleines Barocktheater daraus.

Unter den Größen der Branche, wie die

Biermösl Blosn, Gerhard Polt, Dieter Hildebrandt,

Hans Hüsch, Hubert von Goißern,

Sissy Perlinger, Dr. Ringsgwandl, Dieter Nuhr,

Helge Schneider, Schwoißfuaß, Alfred Dorfer,

Josef Hader, sprach es sich herum, wie schön

es am Gehrenberg doch war. Die Künstler

fühlten sich wohl. Anfangs schliefen sie bei

Walter und Brigitte. Peter stand in der Küche

und kochte für sie. Die gemeinsamen Feiern

dauerten meist bis in die Morgenstunden. Eisi

Gulp schwärmt heute noch davon, dass Peter

alle Probleme löste – und wenn er mit der Kettensäge

einen störenden Tisch umsägte. Und

die 32168, die Skandalnummer von Rosi – die

hat sich die Spider Murphy Gang von Walter

gemopst – monatelang herrschte bei ihm Konjunktur

die ganze Nacht.

Die barocke Sau vom Bodensee

Es war diese wunderbare, verrückte Mischung,

die den besonderen Reiz ausgemacht hat. Bis

heute. Sie probierten mit Kreativität und Einfallsreichtum

immer wieder neue Veranstaltungsformate

aus. Es gab nie einen Stillstand

oder Alltag. Rustikale Ritteressen standen im

krassen Gegensatz zum Venezianischen Karneval.

Mit ihrem gewaltigen Filmprojektor

aus den 1950er-Jahren schrieben sie Kinogeschichte.

Unter ihren Künstlern verliehen sie

den Kleinkunstpreis „Die barocke Sau vom

Bodensee“. Gleichzeitig hatten sie die Idee

zur artgerechten Tierhaltung, und fortan liefen

Schweine, Rinder, Schafe, Geißen, und allerlei

Geflügel auf 14 Hektar Landwirtschaft

um das Wirtshaus herum. Darunter ihr Deckeber

Otto. Ein riesiges Schwäbisch-Hallisches

Landschwein.

Die Geschichte geht weiter

40 Jahre später sitzen Frank, der Sohn von

Walter und Brigitte Schirl, Peter Berchtold

und seine Tochter Alexandra im Biergarten

und erinnern sich, an die wilde und verrückte

Zeit, in der so unendlich viel Leben steckt.

Und die Moral von der Geschichte? Die beiden

Familien, die dieses Abenteuer vor 40 Jahren

so glorreich begonnen haben, machen weiter.

Frank und Alexandra gehören längst zusammen

und treiben das Wirtshaus und den

Theaterstadel um. Schreiben weiter Kino- und

Kleinkunstgeschichte und legen Wert darauf,

dass es allen – auch den Tieren, die letztlich

auf ihrer Speisekarte landen – gut geht.

Wirtshaus am Gehrenberg und

Theaterstadel

Gehrenberg 1

D-88677 Markdorf

+49 (0)7544 72 289

www.gehrenberg.de

FOTO: SUSI DONNER

IM BILD VON LINKS: FRANK SCHIRL, ALEXANDRA BERCHTOLD

UND PETER BERCHTOLD

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