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26 SCHWERPUNKT

DER MITTELSTAND. 4 | 2019

Bildungsnotstand

mit Ansage

Mittelständische Unternehmen klagen über inkompetenten Nachwuchs – kaum Mathematik,

schlechtes Deutsch, keine Arbeitshaltung. Ein Bildungsnotstand mit Ansage: Das deutsche

Schulwesen krankt schon seit langem.

Im Jahr 1999 geht BVMW-Präsident Mario Ohoven noch mal zur

Schule: Nicht um zu lernen, sondern um junge Menschen für Wirtschaft

und Unternehmertum zu begeistern. Denn offensichtlich

sind wesentliche Fragen der Berufswahl, Ausbildung und Alterssicherung

keine Inhalte des Lehrplans. Ohovens Fazit: Die Lehrkräfte

selber wissen kaum etwas über Ökonomie, die Lehrmittel sind veraltet,

Klischees von ausbeuterischen Unternehmern bestimmen die

Wahrnehmung von freier Marktwirtschaft. Also vermittelt Ohoven

Gymnasien und Hochschulen

müssen ihre Zugangsanforderungen

hochschrauben und auswählen.

gemeinsam mit dem Wirtschaftssenat des BVMW Unternehmer an

die Schulen, die Praktika anbieten, Patenschaften übernehmen und

bei der Ausrüstung mit Computern helfen. Das Ziel: Lust auf Selbstständigkeit

und Unternehmertum machen.

Endemische Wirtschaftslegasthenie

Heute, genau 20 Jahre später, beklagen Unternehmen nicht nur den

Fachkräftemangel – sie haben es mit Auszubildenden und Bewerbern

zu tun, denen elementare Fähigkeiten in den MINT-Bereichen

und sogar der deutschen Sprache fehlen. Dazu kommt eine endemische

Wirtschaftslegasthenie, sodass laut einer IHK-Studie ein Drittel

der Lehrstellen nicht besetzt ist, ein Viertel der Azubis abbrechen und

über 60 Prozent Nachhilfe in Deutsch und Mathematik benötigen.

38 Prozent der Hochschulabsolventen mit Master oder Bachelor

werden von Firmen nach der Probezeit nicht übernommen. Ihnen

fehlten die „sozialen Fähigkeiten“, so die Klage der Unternehmen.

Das Problem ist nicht nur ein endemisches, sondern ein bildungshistorisches.

Josef Kraus ist pensionierter Gymnasialdirektor und war

von 1987 bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Er hat

in seiner Laufbahn in Bayern 2.000 Abiturzeugnisse ausgestellt und

weiß, wovon er redet. Seine Beobachtung: Der Niedergang des deutschen

Bildungswesens lässt sich die letzten 20, sogar 30 Jahre zurückverfolgen.

Komplett am Markt vorbei

Kraus registriert in diesem Zeitraum eine wachsende Kluft zwischen

Quantität und Qualität, zwischen erwünschter Quote und tatsächlichen

Kompetenzen: „Der Verdoppelung der Abiturientenquote steht

ein gleichzeitiges Sinken der Leistungsansprüche gegenüber. Das

begann mit der Euphorie über die Gesamtschule vor allem in SPDregierten

Ländern und dem Trend zu immer höheren Abschlüssen.”

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