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DER MITTELSTAND. 4 | 2019

SCHWERPUNKT

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In der Folge wächst sich das Gymnasium zu Tode, andere Bildungswege

werden ausgedünnt und verlieren an Attraktivität.

Die Geringschätzung der beruflichen Bildung hierzulande steht dabei

in krassem Gegensatz zur weltweiten Wertschätzung der dualen Bildung

als deutscher Exportschlager: „Der Bachelor-Abschluss nach

den Bologna-Vorgaben macht die berufliche Bildung kaputt, während

eine Inflation der Studiengänge stattfindet, vor allem im Bereich

der Diskussionswissenschaften. Mittlerweile wird an 220 Lehrstühlen

Genderforschung gelehrt. Da gehen Kohorten von den Unis

ab, für die in Kommunen oder bei NGOs Jobs geschaffen werden –

komplett am Markt und Bedarf vorbei.“ Andere Länder verzeichnen

sogar noch höhere Abiturquoten, ganz nach den OECD-Vorgaben.

„Doch die OECD begreift nicht, dass Deutschland, Österreich und die

Schweiz niedrigere Abiturientenquoten, aber bessere Wirtschaftsdaten

verzeichnen. Was bringt ein hochgelobtes Schulsystem in Finnland,

das 22 Prozent jugendliche Arbeitslose produziert?“

Das Erbe von 1968

Woher kommt das alles? Josef Kraus macht zu einem großen Teil

das Erbe der 68er verantwortlich. Deren Protagonisten – heute im

Ruhestand – waren selbst Lehrer oder haben eine ganze Generation

von Lehrern ausgebildet, inklusive Geisteshaltung: Leistungsdenken

selektiere angeblich und sei deshalb faschistisch, Schule müsse

einfach nur Spaß machen. So hat sich über zwei Generationen hinweg

ein gestörtes Verhältnis zu Leistungsbereitschaft und Durchhaltevermögen

entwickelt. Stattdessen bieten Lehrer „Freiarbeit“ und

„selbstbestimmtes Lernen” an.

Gegen diesen Egalisierungseifer, gegen ein „Abitur für alle” hilft nur

Differenzieren, findet Kraus. „Wenn alle Abitur haben, hat keiner Abitur.

Gymnasien und Hochschulen müssen ihre Zugangsanforderungen

hochschrauben und auswählen. Dann bleiben mehr Schüler für

andere Bildungswege und Schulformen übrig, die berufsbildend wirken.“

Schon früh sollten in der Bildungsberatung Eltern über die Mög-

lichkeiten der dualen Ausbildung oder vollzeitschulischer Systeme

informiert werden: „Seit Jahren fordere ich von den Kultusministern,

dass sie vor dem Übergang zu weiterführenden Schulen auch Vertreter

der Kammern und Berufsschulen bei der Elternberatung auftreten

lassen.“

Ein langer Weg

Die deutsche Bildungsmisere lässt sich nicht von heute auf morgen

beheben. Josef Kraus rechnet mit einer Schülergeneration, mindestens.

„Zudem können sie nicht in zehn bis fünfzehn Jahren 800.000

Lehrer ersetzen. Ganz zu schweigen von den Lehrplänen, die ein

neutrales Bild der Wirtschaft vermitteln, die Chancen der beruflichen

Selbstständigkeit betonen und bei jungen Menschen Risikobereitschaft

fördern sollten.“ Ob eine mutmaßlich nach links rückende politische

Elite mit ihrer kontinuierlichen Annäherung an grüne Inhalte

sich nun plötzlich dafür einsetzen wird, dass, wie Josef Kraus es

sich wünscht, wieder „Gedichte auswendig gelernt, Diktate geschrieben,

ohne Taschenrechner gerechnet und korrekte Grammatik gelehrt

wird“, es darf bezweifelt werden.

Gut zu wissen

n 38 Prozent der Hochschulabsolventen mit

Master oder Bachelor werden nach der

Probezeit nicht übernommen

n Viele neue Studiengänge agieren am

Markt vorbei

n Gegen Egalisierungseifer hilft nur Differenzieren

Bernd Ratmeyer

Wissenschaftsjournalist

und Lektor

mittelstand@

bvmw.de

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