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28 SCHWERPUNKT

DER MITTELSTAND. 4 | 2019

Sinkendes

Bildungsniveau

Mit welchen Problemen haben kleine und mittlere Unternehmen

auf der Suche nach Auszubildenden zu kämpfen? Und wie gelingt

es, die zahlreichen freien Stellen mit kompetenten Bewerbern zu

besetzen? DER Mittelstand. hat im BVMW nachgefragt.

Qualität der Bewerber nimmt ab

Die Qualität der Bewerber nimmt ab, weil

die besser Ausgebildeten entweder ein

Studium oder eine Ausbildung in einem großen

Konzern beginnen. Dort sind die Weiterbildungsmöglichkeiten

und Aufstiegschancen

größer als bei einem Mittelständler.

Hinzu kommen Incentives wie Jahresprämien

und geldwerte Vorteile, von denen die

großen Konzerne einfach mehr anbieten

können als Mittelständler. Ein Lösungsvorschlag

könnte sein, dass kleine und mittlere

Unternehmen Sachzuwendungen mit geringerem

Aufwand umsetzen können, als das

für einen großen Konzern möglich ist.

Was die Qualität der Bewerber betrifft, so

ist grundsätzlich zu sagen, dass diese in

Andrew Taupitz,

Geschäftsführer Taupitz Laser- und

Umformtechnik, Großenhain (Sachsen)

den letzten zehn Jahren durchweg schlechter

geworden ist. War vor zehn Jahren eine

Durchschnittsnote zwischen zwei und drei

normal, so liegt der Durchschnitt heute bei

drei bis vier. Die mathematischen Anforderungen

in unserem Unternehmen sind aber

gleich geblieben. Wir können die Stellen zum

Teil nicht besetzen, weil die Bewerber einfach

zu schlecht sind. Darum halten wir es

für absolut angebracht, dass der Mathematikunterricht

in den Schulen mit mehr praktischen

Anwendungen verbunden wird. Auch

die Umgangsformen der Jugendlichen haben

sich gewandelt. Die meisten haben heute

weniger Respekt vor Vorgesetzten.

Will man die Situation der Bewerber heute

erklären, so muss man feststellen, dass sie

wissen, dass sie Mangelware sind. Das senkt

dann auch die Motivation, sich an einer Stelle

durchzubeißen. Den jungen Menschen ist

bewusst, dass es auch andere Optionen gibt.

Lösen kann man dieses Problem nur, indem

man Fachkräfte aus dem Ausland zu uns holt

und auch für Deutsche den Stellenwert eines

Jobs wie den eines Metallbearbeiters oder

einer Fleischereifachverkäuferin erhöht.

Eklatantes Bildungsgefälle

Der aktuelle Bildungsbericht zeigt: Das

Bildungsniveau der Schulabgänger

sinkt. Somit fehlen dem Mittelstand geeignete

Schulabgänger und zukünftige Fachkräfte.

Um den Berufsabschluss zu erreichen,

brauchen 60 Prozent der Azubis

Nachhilfe in Deutsch und Mathematik:

Der Ausbilder wird so zum Nachhilfelehrer

der Azubis.

Solange in diesem Land junge Menschen,

die sich für eine Lehre entscheiden, als Bildungsabsteiger

angesehen werden, läuft generell

etwas falsch. Deswegen muss endlich

die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer

Bildung hergestellt werden. Die

mittlere Bildung könnte helfen: In allen Bun-

Mario Ohoven,

Präsident BVMW, Berlin

desländern mit einer starken Realschule ist

der Fachkräftemangel im Mittelstand weniger

stark.

Wir können als Mittelstand nicht tolerieren,

dass wir 60.000 offene Ausbildungsstellen

haben und zugleich 2,3 Millionen junge Menschen

bis 35 Jahre ohne Abschluss. Und zudem

haben wir mit 2,7 Millionen Studieren-

den, aber nur 1,1 Million Azubis das krasseste

Missverhältnis in der Geschichte der Bundesrepublik.

Dazu kommt das eklatante Bildungsgefälle

zwischen den Ländern, die auf differenzierte

Bildung setzen, und den Ländern, die mit

Gemeinschafts- und Einheitsschulen experimentieren.

Wenn zwischen Bayern und Bremen

beim mittleren Bildungsabschluss oder

beim Abitur bis zu drei Jahre liegen, dann benachteiligen

wir junge Menschen. Wir müssen

in den Schulen wirtschaftliche Kompetenzen

vermitteln, wir brauchen mehr

Unternehmer an den Schulen – und wir müssen

mit den zahlreichen Schulexperimenten

aufhören und die Schulen endlich in Ruhe ihre

Arbeit machen lassen.

Foto: © Kenishirotie von www.fotolia.com

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