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30 SCHWERPUNKT

DER MITTELSTAND. 4 | 2019

Studienabbruch

als Aufbruch

Ein Studium abzubrechen, klingt zunächst negativ. Die

betroffene Person sieht sich oft als Versager, der scheinbar

außerhalb der Norm handelt. Dabei bietet die Entscheidung

gegen ein begonnenes Studium vielerlei Chancen, für

Studierende einerseits und für Unternehmen andererseits.

Der Trend zum Studium ist ungebrochen. Über zwei Drittel der

Studienberechtigten eines Jahrgangs beginnen ein Hochschulstudium.

Jedoch brechen 30 Prozent der Studienanfänger

das begonnene Studium im Schnitt innerhalb von zwei Semestern

wieder ab.

Bessere Unterstützung bei der Berufsorientierung

Die Gründe für einen Studienabbruch sind vielfältig. Am häufigsten

werden eine unzureichende Beschäftigung mit den Anforderungen

und Inhalten des zukünftigen Studienfachs und die damit einhergehende

Enttäuschung genannt. Aber auch fehlende Motivation, gesundheitliche

oder finanzielle Gründe führen zu einem vorzeitigen

Ende des Studiums. Angehende Studenten sollten zukünftig besser

einschätzen können, ob sie den Inhalten der Lehre gewachsen sind.

Hierfür muss eine individualisierte Unterstützung bei der Berufsorientierung

und eine praxisnahe Aufklärung über die diversen Berufs-,

Ausbildungs- und Studieninhalte gewährleistet werden.

Wechsel in berufliche Ausbildung

Der Fachkräftemangel ist ein weiterer Trend, der mit zunehmender

Besorgnis zu beobachten ist. Er stellt für 96 Prozent der deutschen

Mittelständler die größte strategische Herausforderung dar.

Eine Möglichkeit, dem Fachkräftemangel entgegenzutreten, ist die

Integration von Studienabbrecherinnen und -abbrechern in die duale

Ausbildung. Mehr als die Hälfte der Studienabbrecherinnen und

Gut zu wissen

Erste Berufsorientierung bieten das Bundesministerium für Bildung

und Forschung, das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, die

Agenturen für Arbeit und das Leibnitz-Institut für Bildungsforschung

und Bildungsinformation auf ihren Homepages:

https://www.berufsorientierungsprogramm.de/

https://bvmw.info/berufsberatung

-abbrecher nimmt nach dem Verlassen der Hochschule eine berufliche

Ausbildung auf, ungefähr 20 Prozent wechseln direkt in die Erwerbstätigkeit.

Die Zahl der Studienabbrecher muss unbedingt verringert werden.

Hierfür ist ein gemeinsames Agieren von Politik, Unternehmen und Gesellschaft

unerlässlich. Wir müssen berufliche Perspektiven für junge

Menschen schaffen. Eine handwerkliche Tätigkeit oder eine klassische

Lehre müssen wieder eine echte Alternative werden. Hierzu müssen

kleine und mittlere Unternehmen (KMU) ihre Kräfte bündeln, um

für Schulabgänger an Attraktivität gegenüber Hochschulen gewinnen

zu können.

Mit Blick auf die rückläufige Ausbildungsbetriebsquote sollte die

Möglichkeit einer Ausbildungszeitverkürzung durch Anrechnung bereits

erworbener Lerninhalte in Betracht gezogen werden. Ebenso

sollte die Kontaktaufnahme von Unternehmen zu ausbildungsinteressierten

Studienabbrecherinnen und -abbrechern verbessert werden.

KMU müssen ihre Sichtbarkeit an Schulen erhöhen

Nicht nur laut Deutschem Qualifikationsrahmen sind die akademische

und berufliche Bildung gleichwertig. Gerade bei der Besetzung

von Positionen auf der mittleren Führungsebene wird der Fokus auf

praktische Erfahrungen und spezifische Kompetenzprofile gelegt.

Beschäftigte mit einem qualifizierten Aus- oder Fortbildungsabschluss

stehen Akademikern somit in nichts nach.

Céline D. Nickol

BVMW Referentin Bildung und Digitales

celine.nickol@bvmw.de

Foto: © ThomasVogel von www.istockphoto.com

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