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DER MITTELSTAND. 4 | 2019

SCHWERPUNKT

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minister verkündet, sich 2,3 Milliarden Euro über Kürzungen im Bildungsetat

im gleichen Zeitraum wieder zurückzuholen. Spätestens

der Digitalpakt hat deutlich gemacht, dass der Bund Bildung nicht

besser kann.

Und dann soll jetzt auch noch ein Nationaler Bildungsrat geschaffen

werden, der neben der Kultusministerkonferenz ohne Kompetenz

aber unter Berücksichtigung aller bildungsbürokratischen Ebenen in

Hinterzimmern diskutiert. Das Konstrukt solch eines Bildungsrates

hat in den 1970er Jahren schon nicht funktioniert und wird jetzt über

40 Jahre später wieder aus der bildungspolitischen Mottenkiste geholt.

Wer glaubt, dass Bildung dann besser wird, wenn noch mehr Finanzierungschaos

zwischen Bund und Ländern entsteht, gibt die falsche

Antwort. Mehr Entscheidungsfreiheit, mehr Wettbewerb, mehr

Vielfalt und mehr Leistungsbegeisterung – das braucht unser Bildungssystem.

Aus diesem spürbaren Frust ist die Lust auf einen eigenen Zukunftsplan

Bildung, die Lust auf eine starke Allianz geworden. Zehn Bildungs-

und Lehrerverbände mit weit über 300.000 Lehrerinnen und

Lehrern und der BVMW haben sich zur Bildungsallianz des Mittelstands

zusammengeschlossen.

Die Anzahl der funktionalen Analphabeten ist zwar innerhalb von

zehn Jahren von 7,5 Millionen auf 6,2 Millionen gesunken, jedoch nur,

wenn man 1,3 Millionen Menschen aus der Statistik ausblendet, die

jetzt wegen der Altersgrenzen nicht mehr erfasst waren. Geradezu

unverschämt ist es aber, Analphabeten in „Menschen mit geringer Literalität“

umzudefinieren und zu glauben, dass damit ein Beitrag zur

Problemlösung gemacht ist.

Wir haben zurzeit 2,7 Millionen Studierende und 1,1 Million Auszubildende.

Das ist das krasseste Missverhältnis in der Geschichte der

Bundesrepublik Deutschland. Die duale Ausbildung ist das Rückgrat

unserer beruflichen Bildung – nur kann man sich nicht darauf ausruhen,

was man vor Jahrzehnten richtig gemacht hat. Inzwischen hat

man das Gefühl, als ob der Mensch in Deutschland erst mit dem Abitur

beginnt. Solange wir in diesem Land zulassen, dass ein junger

Mensch aus einer Akademikerfamilie, der sich für eine Ausbildung

entscheidet, in Bildungsberichten als Bildungsabsteiger eingestuft

wird, stimmen Wertschätzung und Respekt gegenüber der Leistung

als Geselle und Meister nicht.

Entscheidungen müssen schneller, präziser und effektiver getroffen

werden. Nach 30 Monaten liegt jetzt ein sogenannter Digitalpakt auf

dem Tisch, in dem ab 2020 für fünf Jahre jeweils bis maximal eine

Milliarde Euro pro Jahr investiert werden soll, um 40.000 Schulen

fürs digitale Zeitalter fit zu machen. Zeitgleich hat der Bundesfinanz-

Wir holen die Bildung aus dem Bummelzug und setzen sie in den ICE.

Zentrales Ziel ist: Wir wollen endlich den Stellenwert von Haupt- und

Realschulabschlüssen wieder heben und die berufliche Bildung stärken.

Die Maßnahmen dafür sind: Unternehmer müssen an die Schulen,

ein Fach Wirtschaft muss eingerichtet werden, mit frühzeitigen

Praktika sollen Begabungen und Fähigkeiten erforscht werden, Lehrer

müssen das machen können, wofür sie brennen, junge Menschen

müssen wieder die Chance einer Ausbildung frühzeitig erkennen, es

braucht eine bessere Verwendung des Geldes und mehr Bildungsinvestitionen

vom ersten Tag an, und nicht jeden Monat eine neue Direktive

„von oben“.

Liebe Politiker, lasst die Schulen einfach in Ruhe ihre Arbeit machen.

Sie werden es Euch danken.

Gut zu wissen

n Von den jungen Menschen bis zu 35 Jahren

sind 2,3 Millionen ohne Ausbildung

n 50.000 Schülerinnen und Schüler verlassen

jährlich die Schule ohne Abschluss

n 1.000 Grundschulrektorenstellen sind

unbesetzt

n In Deutschland gibt es zurzeit 2,7 Millionen

Studierende und 1,1 Million Auszubildende

Patrick Meinhardt

Generalsekretär

der Bildungsallianz

des Mittelstandes

n In der Bildungsallianz des Mittelstands

haben sich Bildungs- und Lehrerverbände

sowie der BVMW zusammengeschlossen,

um einen Zukunftsplan Bildung zu entwickeln

patrick.meinhardt@bvmw.de

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