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ALLTAG

JESSICA JURASSICA

KOLUMNE

SUIZIDALITÄT, ABER

ALS LOKALPATRIOTISMUS

#169 | AUGUST 2019

14

Bern ist keine Stadt aus der man sich im

Sommer verpissen mag und trotzdem

sind da dann doch nur Touristen in der

Spitalgasse und im Rosengarten und wie

jeden Sommer verschwinden ein, zwei von ihnen

in der Aare und werden dann irgendwo unten

Richtung Bremgarten tot aus dem Wasser gefischt.

«Wenn du dich in der Aare zu weit runtertreiben

lässt, dann bist du irgendwann tot», ist das erste,

was man gesagt bekommt, wenn man von irgendwoher

nach Bern zieht. Nach ein paar Bier

oder ein paar Lines sagen die Berner dann: «In

der Aare lässt es sich am schönsten sterben.» Und

nach ein paar Jahren in Bern denkt man das dann

irgendwann auch selbst; dass es doch schön wäre

im Angesicht des Türkis dieses Flusses den letzten

Atemzug zu nehmen bevor sich die Lungen mit

Aarewasser füllen. Ich glaube, das hat weniger

mit Suizidalität als mit Lokalpatriotismus zu tun.

Ich bin mir nicht sicher wovon ich mehr bin, lokalpatriotisch

oder suizidal, aber ich glaube von

beidem eher wenig. Jedenfalls steige ich jeweils

bei der drittletzten Möglichkeit aus dem Wasser,

weil dort gibt es seit zwei Saisons eine hippe

kleine Pop-up-Bar, wo man sauer gespritzten

Weisswein trinken kann, dafür nicht mehr kiffen,

wegen der vielen Menschen und alle haben noch

ein Kind oder so mit dabei. Und manchmal kommen

Lokaljournalistinnen und fragen, was man so

hält von diesem Pop-up-Ding und ob es ok wäre,

wenn man auch auf dem Foto drauf sei für den

Sommerloch-Artikel in der nächsten Ausgabe

und dann frage ich mich, weshalb ich mich nicht

doch weiter runter treiben lassen habe.

Es gibt sowieso überall kleine hippe Pop-up-

Bars, an der Aare, in den Parks, dort wo früher

die offene Heroinszene war, in grossen Silotanks

und den ganzen Sommer lang wird da Berner Sirup,

Berner Bier und Berner Ingwerer verkauft

und Gelati von der Gelateria di Berna, weshalb

ich angesichts des als Stadtbelebung getarnten,

lokalpatriotischen Konsumhypes in der warmen

Jahreszeit jeweils unerträglich zynisch werde.

Manchmal wird mir mein eigener Zynismus zu viel

und dann muss ich mal aussetzen mit Gelati essen

oder in einem umgebauten Silotank gespritzten

Weisswein trinken und gehe spazieren, irgendwo

wo es nicht belebt ist. Zum Beispiel die Aare runter,

dorthin, wo man angeblich sterben würde,

wenn man sich zu weit treiben lässt. Dort schaue

ich dann eine Weile den Wasserstrudeln zu, denke

an die Menschen, die tatsächlich hier oder in

Wahrheit wohl sonst irgendwo weiter oben ertrunken

sind und finde das mit der lokalpatriotischen

Suizidalität etwas anmassend. Dann doch

lieber das inzwischen zur Heimatstadt gewordene

Bern in irgendeiner Pop-up-Sommerbar mit

irgendwelchen lokalen Getränken zelebrieren. W

Wenn Jessica Jurassica nicht gerade führende Lifestyle-Influencerin auf dem Gebiet

voller Aschenbecher ist, schreibt sie auch für uns. Schono nett von ihr.

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